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Full text of "Illustrierte geschichte des kunstgewerbes;"

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ILLUSTRIERTE 

GESCHICHTE 

DES  KUNSTGEWERBES 


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HERAUSGEGEBEN  IN  VER- 
BINDUNG MIT  W.  BEHNCKE 
M.  DREGER  •  O.  VON  FALKE 
J.  FOLNESICS  •  O.  KÜMMEL 
E.  PERNICE  UND  G.  SWAR- 
ZENSKI  VON  G.  LEHNERT 
D   IN  ZWEI  BÄNDEN  D 


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VERLAG  VON  MARTIN  OLDENBOURG   •   BERLIN 


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ILLUSTRIERTE 

GESCHICHTE 

DES  KUNSTGEWERBES 


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D  ERSTER  BAND  D 
DAS  KUNSTGEWERBE  IM 
ALTERTUM,  IM  MITTEL- 
ALTER UND  ZUR  ZEIT  DER 
RENAISSANCE  VON  W.  BEHN- 
CKE  •  O.  VON  FALKE  •  E,  PER- 
NICE  UND  G.  SWARZENSKI 


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VERLAG  VON  MARTIN  OLDENBOURG   •   BERLIN 


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D     GESCHICHTE  DES  KUNSTGEWERBES    D 


MITARBEITER  DES  WERKES 

Dr.  WILHELM  BEHNCKE,  Privatgelehrter  in 
BERLIN  □  Privatdozent  Dr.  MORIZ  DREGER, 
Kustos  am  K.  K.  Österreichischen  Museum 
für  Kunst  und  Industrie  in  WIEN  □  Professor 
Dr.  OTTO  V.  FALKE,  Direktor  des  Kunstge- 
werbemuseums der  Stadt  CÖLN  am  Rhein  d 
Regierungsrat  JOSEF  FOLNESICS,  Kustos 
am  K  K.  Österreichischen  Museum  für  Kunst 
und  Industrie  in  WIEN  d  Dr.  OTTO  KÜMMEL, 
Direktorialassistent  am  Museum  für  Völker- 
kunde in  BERLIN  d  Dr.  GEORG  LEHNERT, 
Geschäftsführer  des  Vereins  für  deutsches 
Kunstgewerbe  in  BERLIN  □  Universitätspro- 
fessor Dr.  ERICH  PERNICE  in  GREIFSWALD 
D  Dr.  GEORG  SWARZENSKI,  Direktor  des 
Städelschen  Instituts  in  FRANKFURT  a.  M. 


D 


DRUCK  VON  W.  BÜXENSTEIN  •  BERLIN 


IV 


INHALTSVERZEICHNIS  DES  ERSTEN  BANDES 

EINLEITUNG:  Übersicht  über  das  Kunstgewerbe  von  Dr.  GEORG 

LEHNERT 3 

1.  Der  Begriff  und  die  Aufgaben  des  Kunstgewerbes 3 

2.  Das  Material  des  Kunstgewerbes 8 

3.  Die  Arbeitsgebiete  des  Kunstgewerbes 15 

4.  Die  Wirtschaftsformen  des  Kunstgewerbes 32 

5.  Die  Bedeutung  des  Kunstgewerbes  für  die  Allgemeinheit 35 

6.  Die  Entwicklung  des  Kunstgewerbes 38 

7.  Die  Grundlagen  und  Ziele  der  Geschichte  des  Kunstgewerbes 39 

DAS  KUNSTGEWERBE  IM  ALTERTUM  von  Professor  Dr.  ERICH 
PERNICE  und  Dr.  GEORG  SWARZENSKI 43 

KAPITEL  I  •  Das  Kunstgewerbe  der  vorgeschichtlichen  Zeit  und  des  alten 

Morgenlandes  von  Professor  Dr.  ERICH  PERNICE 45 

KAPITEL  II  ■  Das  Kunstgewerbe  der  vorklassischen  Zeit  [Troja,  Kreta-Mykenä] 

von  Professor  Dr.  ERICH  PERNICE 60 

KAPITEL  III  •  Das  Kunstgewerbe  des  klassischen  Altertums  von  Professor  Dr. 

ERICH  PERNICE 82 

L  Die  Keramik 82 

2    Arbeiten  in  Bronze 102 

3.  Gold-  und  Silberarbeiten 117 

4.  Terrakotten  126 

5.  Gemmen 129 

6.  Glas 133 

7.  Holzarbeiten ]  36 

8.  Das  Mosaik 137 

9.  Raumkunst  139 

KAPITEL  IV  ■  Das  altchristliche  Kunstgewerbe  im  Osten  und  Westen  des  römi- 
schen Reichs  von  Dr.  GEORG  SWARZENSKI 146 

DAS  KUNSTGEWERBE  IM  MITTELALTER  von  Professor  Dr.  OTTO 
VON  FALKE  und  Dr.  GEORG  SWARZENSKI 169 

KAPITEL  V  •  Das  byzantinische  Kunstgewerbe  des  Mittelalters  von  Dr.  GEORG 

SWARZENSKI 171 

KAPITEL  VI  ■  Das  frühe  Mittelalter  von  der  Völkerwanderung  bis  zu  den  Karo- 
lingern von  Professor  Dr.  OTTO  VON  FALKE 190 

Die  oströmische  Richtung 195 

Die  germanische  Richtung 209 

KAPITEL  VII  ■  Die  Zeit  der  Karolinger  von  Professor  Dr.  OTTO  VON  FALKE. .  217 
KAPITEL  VIII  •  Die  Klosterkunst  des  10.  und  11.  Jahrhunderts  von  Professor 
Dr.  OTTO  VON  FALKE 226 

1.  Die  Goldschmiedekunst 227 

2.  Glasmalerei,  Stickerei,  Holzarbeit 251 


KAPITEL  IX  •  Das  romanische  Kunstgewerbe  von  Professor  Dr.  OTTO  VON 
FALKE 259 

1.  Die  Metallkunst  und  der  Kupferschmelz 261 

2.  Die  Glasmalerei 289 

3.  Stickereien,  Teppiche  und  Gewebe 295 

4.  Holz  und  Eisen 300 

KAPITEL  X  •  Das  frühgotische  Kunstgewerbe  im  13.  und  14  Jahrhundert  von 
Professor  Dr.  OTTO  VON  FALKE 305 

1.  Die  Goldschmiedekunst 306 

2.  Der  Silberschmelz 318 

3.  Der  Erzgug 324 

4.  Die  Glasmalerei 326 

5.  Die  Kunststickerei 335 

6.  Wirkteppiche  und  Gewebe 344 

7.  Holzarbeiten,  Elfenbein  und  Leder 350 

KAPITEL  XI-  Das  spätgotische  Kunstgewerbe  im  15.  Jahrhundert  von  Professor 
Dr.  OTTO  VON  FALKE 361 

1.  Die  Goldschmiedekunst 363 

2.  Die  Schmelzkunst 382 

3.  Die  Möbel 387 

4.  Eisen,  Erz,  Zinn 405 

5.  Die  Glasmalerei 412 

6.  Wirkteppiche,  Stickerei  und  Gewebe 416 

7.  Die  Töpferkunst  und  das  Hohlglas 420 

DAS  KUNSTGEWERBE  IN  DER  RENAISSANCE  von  Dr.  GEORG 

SWARZENSKI  und  Dr.  WILHELM  BEHNCKE 423 

KAPITEL  XII  •  Das  Kunstgewerbe  der  Renaissance  in  Italien  von  Dr.  GEORG 

SWARZENSKI 425 

Möbel  und  Holzarbeiten 433 

Lederarbeiten 474 

Die  Metallarbeiten • 478 

Keramik 504 

Glas 529 

Textilkunst 537 

KAPITEL  XIII  ■  Das  Kunstgewerbe  der  Renaissance  in  Deutschland  und  den 
übrigen  Ländern  nördlich  der  Alpen  von  Dr.  WILHELM  BEHNCKE 543 

1.  Kunst-  und  Ornamententwicklung 547 

2.  Schreinerarbeiten 565 

3.  Gold  und  Silber 584 

4.  Messing,  Bronze,  Zinn 613 

5.  Eisen 622 

6.  Limoges  Email 633 

7.  Keramik 637 

8.  Bucheinband 647 

9.  Glas  und  Textilkunst 651 


VI 


D  VERZEICHNIS  DER  TAFEL-  D 

BILDER  DES  ERSTEN  BANDES 


Antike  Tongefäge 42 

Ägyptischer  Goldschmuck  aus  Dahchour 50 

Löwe  aus  buntglasierten  Ziegeln,  Babylon 56 

Trojanische  Gefäge GO 

Kopfschmuck  aus  dem  sog.  Schatze  des  Priamus 64 

Fayence-Arbeiten  aus  Knossos  —  Wandmalerei  aus  Phylakopi 70 

Steingefäg  aus  Hagia  Triada 72 

Dolche  aus  Mykenä 80 

Griechische  Tongefäge  in  ihren  Hauptformen 84 

Antike  Tongefäge 94 

Attische  Gefäge:  Hydria  des  Meidias  —  Von  der  Iliupersisschale  des  Brygos  — 

Vorzeichnung  einer  rotfigurigen  Malerei 96 

Bronzefund  von  Boscoreale 112 

Etruskischer  Goldschmuck 120 

Aus  dem  Hildesheimer  Silberfund 124 

Terrakotta  aus  Tanagra 128 

Antike  Gemmen  und  Kameen 130 

Überfangglas  aus  Pompeji 134 

Antike  Gläser 136 

Wandmalerei  aus  dem  Hause  des  Spurius  Maesor,  Pompeji 144 

Maximianskathedra,  Ravenna 152 

Elfenbeindiptychon,  ägyptisch-syrisch 156 

Koptische  Wirkereien 162 

Dioskurenstoff 168 

Hostienschale  von  Xeropotamu 176 

Silberschüssel  im  Domschatz  zu  Halberstadt 180 

Kreuzigungstafel  in  der  Schatzkammer  des  Bayrischen  Königshauses,  München  184 

Byzantinischer  Seidenstoff,  sog.  Annostoff,  aus  Siegburg 188 

Tassilokelch  in  Kremsmünster 212 

Paliotto  von  Wolvinius  in  Mailand 222 

Codex  von  Echternach 230 

Taufbecken  des  Reiner  von  Huy 264 

Schmelzplatte  am  Klosterneuburger  Altar  des  Nicolaus  von  Verdun 270 

Silberfigur  des  Propheten  Abdias  von  Nicolaus  von  Verdun 272 

Eleutheriusschrein  in  Tournai 272 

Rückseite  der  Reliquientafel  in  S.  Mathias,  Trier 272 

Kuppelreliquiar  von  Fridericus,  Köln 276 

Glasgemälde,  Frankreich,  13.  Jahrh >290 

Eustachiusfenster  zu  Sens 292 

Gestickter  Cliormantel  in  Goeg 296 

Norwegische  Stühle  romanischen  Stils 300 

Französische  Truhe,  13.  Jahrh.       Rheinische  Bauerntruhe,  15.  Jahrli 304 

Gertrudenschrein  in  Nivelles,  um  1280 310 


VII 


Silbereinband  aus  St.  Blasien,  um  1270 312 

Silbergruppe  aus  Basel,  14.  Jahrhundert 320 

Johannesfenster  in  Niederhaslach,  um  1400 330 

Deutscher  Wirkteppich,  Anfang  15.  Jahrhundert 346 

Kirchenschrank  in  Wernigerode,  13  Jahrhundert 352 

Das  goldene  Roessel  von  Altoetting 362 

Niederländisches  Zimmer  von  1438  [Flügel  des  Werlaltar] 388 

Steyrischer  Schrank,  15.  Jahrhundert 404 

Luzerner  Wappenscheibe,  15.  Jahrhundert 416 

Florentiner  Truhen  mit  Stuckdekor 438 

Schreibschrank  der  italienischen  Renaissance 458 

Sienesischer  Bilderrahmen,  [im  Rahmen]  Carpaccio,  Wochenstube 460 

Italienisches  Chorgestühl  mit  Intarsia 472 

Ledertapete  der  italienischen  Renaissance 474 

Portugiesische  Kanne  und  Schüssel 494 

Benevenuto  Cellini,  Salzfaß 496 

Kugtafel  aus  Monte  Cassino 498 

Florentinischer  Majolikakrug 508 

Majolikakannen.  15.  Jahrhundert 510 

Majolikateller  von  Giorgio  Andreoli 522 

Emaillierter  Glasbecher,  Venedig 532 

Florentiner  Gobelin 536 

Chorgestühl  im  Kapitelsaale  des  Domes  zu  Mainz 572 

Orgel  von  Tönnies  Evers  d.  J 574 

Franz  Kelz,  Spielbrett 578 

Schrank,  Ile  de  France,  um  1550 582 

Täfelung  in  Eichenholz,  Englische  Arbeit 584 

Der  Hessische  Willkomm  von  Elias  Lenker 592 

Pommerscher  Kunstschrank,  Augsburg  604 

David  Altensteter,  Krone  der  Habsburger 606 

Heinrich  Knopf,  Prachtrüstung  Christians  II 626 

Teller  mit  Maleremail  von  Pierre  Reymond  636 

Ofenkacheln,  Süddeutschland  um  1550  642 

Braune  Steinzeugkrüge,  Köln  J 530— 1540 644 

Statius  van  Düren,  Portal  in  Wismar 646 


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VIII 


DAS  KUNSTGEWERBE 


Albr.  Dürer,  Doppelbecher,  Federzeichnung 


Das  vorliegende  Buch  unternimmt  als  erstes  den  Versuch,  eine  zusammenhän- 
gende, in  sich  geschlossene  Geschichte  des  Kunstgewerbes  zu  geben.  Um  diesen 
ZusammenhangderDarstellungauch  äußerlich  nicht  zu  unterbrechen,  sind  alle  An- 
merkungen, Literaturnachweise  und  Quellenangaben  an  den  Schlug  des  Ganzen 
gestellt.  D 

1.  DER  BEGRIFF  UND  DIE  AUFGABEN  DES  KUNSTGEWERBES  D 

sind  erst  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  festgelegt  worden.  In  früheren  Zeiten 
hat  man  einerseits  die  handwerkliche  Arbeit  nach  Anlage  und  Bedarf  ohne  weite- 
res kunstreich  gestaltet,  andererseits diefreieKunstzumgrogenTeiledekorativen 
Zwecken  gewidmet.  Als  jedoch  im  19.  Jahrhundert  die  Maschine  die  wirtschaft- 
lichen Verhältnisse  umgestaltet,  geht  jene  selbstverständliche  Einheit  dahin.  Seit- 
dem bildet  das  Kunstgewerbe  ein  Sondergebiet  und  unterliegt  als  solches  wissen- 
schaftlicher Bearbeitung.  Ihm  haben  sich  im  Laufe  zweier  Geschlechter  immer  neue 
Bereiche  angegliedert,  sodag  wir  heute seinZiel  zusammenfassend  dahin  bezeich- 
nen können :  das  Kunstgewerbe  will  allem  in  unserer  Umgebung,  das  nicht  der  Natur, 
derBaukunst,MalereioderBildhauerei  entspringt,  KÜNSTLERISCHES  GEPRÄGE 
verleihen  ohne  seinen  NUTZWERT  zu  schmälern.  Es  ist  also  jede  menschliche 
Tätigkeit  als  kunstgewerbliche  zu  bezeichnen,  die  darauf  abzielt,  unter  Wahrung 
der  Brauchbarkeit  unser  Gerät,  unsere  Kleidung  und  unsere  Wohnung  mit  künst- 
lerischem Inhalt  zu  erfüllen.  Schönheit  und  Verwendbarkeit  sind  unerläßlich  für 
ein  kunstgewerbUches  Erzeugnis.  Ob  aber  der  kunstgewerbliche  Gegenstand  aus 
Handarbeit  hervorgeht  oder  auf  einer  Maschine  entsteht,  kommt  hierbei  ebenso- 
wenig in  Betracht  wie  dieFrage,  ob  sich  künstlerisches  Mitwirken  an  jedem  Stück 
derselben  Art  oder  nur  an  dem  ersten  Stück,  dem  Modell,  betätigt.  Entscheidend 
bleibt  immer  nur,  daß  sich  künstlerisches  und  gewerbliches  Schaffen  zu  einem 
gemeinsamen,  einem  bestimmten  Zweck  dienenden  Erzeugnis  vereinigen.  Das  Zu- 
sammenwirken von  künstlerischem  und  gewerblichem  Schaffen  ist  das  Wesent- 
liche; eine  Gebrauchsform  nachträglich  mit  künstlerischen  Zutaten  versehen,  heißt 
nicht,  wahres  Kunstgewerbe  treiben.  Gebrauchs-  und  Kunstform  müssen  gleich- 
zeitig und  untrennbar  von  einander  aus  freier,  innerer  Selbständigkeit  des  Schaffen- 
den heraus  entstehen :  dann  erst  gelangen  wir  zu  einem  Erzeugnis  von  kunstgewerb- 
lichem Werte.  D 

Der  künstlerische  Inhalt  bildet  das  erste  Erfordernis  jedes  kunstgewerblichen 
Erzeugnisses.  Ohne  ihn  stellt  es  ein  Produkt  des  Handwerkes  oder  der  Industrie 
dar.  Auch  dieses  braucht  der  Schönheit  nicht  zu  entbehren;  der  Umriß  eines  Schiffes 
(Abb.l],  die  Silhouette  einerKettenbrücke  sind  schön,  obgleich  beidenurderNütz- 
lichkcit  entspringen.  Der  Nutzwert,  der  praktische  Zweck  ist  das  zweite  Erfordernis 
des  kunstgewerblichen  Erzeugnisses.  Ohne  ihn  ist  es  ein  Produkt  der  Kunst.  Nicht 
zuverwechselnmitKunst  istKünsteleiundKunstfertigkeit.  Auseinunddemselben 
Stück  Elfenbein  mehrere  ineinander  steckende  Hohlkörper  herzustellen,  bedeutet, 
auch  wenn  diegewählteForm  schön  ist,  nur  eineKÜNSTELEI  |  Abb.2|;  derBronzc- 
guß  nach  einem  sorgsam  abgeformten  Naturobjekt  |  Abb.  3]  legt  vollgiltigen  Be- 
weis von  hoher  KUNSTFERTIGKEIT  seines  Erzeugers  ab,  ist  aber  ebensowenig  wie 
1*  Q 


D  Abb.  1:  Aus  dem  Artushofe  in  Danzig  D 

jeneElfenbeinschnitzerei  einKunstwerk.  Der  praktische  Zweck  deskunstgewerb- 
lichen Erzeugnisses  hängt  nicht  davon  ab,  ob  es  dem  Gebrauch  oder  der  Zierde 
dient.  Das  eine  wie  das  andere  bezeichnet  ein  Ziel,  einen  Nutzwert.  Der  Zweck 
aber  bestimmt  Form  und  Stoff  des  kunstgewerblichen  Erzeugnisses.  Form  und 
Stoff  oder  was  dasselbe  sagen  will,  Gestalt  und  Material,  ziehen  Grenzen,  inner- 
halb deren  der  künstlerische  Gedanke  sich  bewegen  muß.  Die  Form  soll  künst- 
lerisch sein  und  doch  ihren  Zweck  erreichen;  der  Stoff  besitzt  Eigenschaften,  die 
seine  Verwendbarkeit  bedingen  und  eine  nur  ihm  zukommende  Arbeitsweise  vor- 
schreiben: die  Technik  des  Stoffes.  All  dem  hat  das  kunstgewerbliche  Erzeugnis 
Rechnung  zu  tragen.  □ 

Die  beiden  Haupterfordernisse  des  kunstgewerblichen  Erzeugnisses,  künst- 
lerischer Inhalt  und  Gebrauchswert,  werden  daher  nur  erlangt  durch  Erfüllen  des 
Zweckes  in  künstlerisch  und  technisch  richtiger  Lösung.  Mit  anderen  Worten,  das 
kunstgewerbliche  Erzeugnis  mug  selbständigen  künstlerischen  Inhalt  besitzen,  sei- 
nen Zweck  restlos  erfüllen  und  allen  Bedingungen  von  Stoff  und  Arbeitsweise  ge- 
nügen [Abb.  4].  D 

Eine  Geschichte  des  Kunstgewerbes  hat  mithin  zu  zeigen,  wie  die  Erzeugnisse 
menschlicher  Tätigkeit,  die  diesen  Anforderungen  entsprechen,  sich  im  Laufe  der 
Zeiten  herausgebildet  haben.  Um  einer  solchen  Darstellung  folgen  zu  können,  ist 
notwendig  zu  wissen:  was  man  unter  Begriff  und  Aufgaben  des  Kunstgewerbes 
versteht;  mit  welchen  Materialien  es  arbeitet;  wie  sich  das  grof^e  Gebiet  gliedert; 
welche  Wirtschaftsform  dem  Kunstgewerbe  eignet;  welche  Bedeutung  es  für  die 
Allgemeinheit  besitzt;  worin  seine  Entwicklung  sich  bekundet  und  worauf  im  be- 
sonderen seine  Geschichte  beruht  und  abzielt.  D 


O  Abb.  2:  Drechslerarbeilen  aus  Elfenbein,  jede  aus  einem  Stück  gefertigt  D 

Die  AUFGABEN  des  Kunstgewerbes  gipfeln  darin,  allem  in  der  Umgebung 
des  Menschen,  das  nicht  unmittelbar  der  Natur  oder  der  Kunst  entspringt,  künst- 
lerischen Inhalt  zu  verleihen  ohne  seinen  Nutzwert  zu  schmälern.  Es  gehört  dem- 
nach imweitesten  Sinne  des  Wortes  die  künstlerisch  und  technisch  richtige,  zweck- 
dienliche Gestaltung  der  Kleidung  und  des  Schmuckes  ebenso  zum  Kunstgewerbe, 
wie  die  innere  Ausbildung  von  Haus  und  Kirche,  die  Ausstattung  von  Hof  und  Gar- 
ten, von  Buch  undBrief,  von  Möbeln  und  Geräten,  vonWaffenundVerkehrsmitteln, 
von  Stragen  und  Plätzen.  Je  nachdem  es  sich  dabei  um  ganze  Räume  oder  um 
Einzelstücke  handelt,  spricht  man  von  einer  Raumkunst  oder  von  einem  kunst- 
gewerblichen Einzelerzeugnis.  Das  Einzelstück  ist  das  ältere  von  beiden;  ihm  hat 
sich  das  Kunstgewerbe  von  seinen  frühesten  Regungen  an  gewidmet;  ihm  hat  es 
Jahrhunderte  hindurch  allein  gedient.  Die  Raumkunst,  also  das  Zusammenfassen 
derEinzelerzeugnisse  zu  einem  praktischbrauchbaren,  technischrichtigen,  künst- 
lerisch wertvollen,  rhythmisch  gegliederten  Ganzen,  hat  sich  erst  allmählich  her- 
ausgebildet. Einzelerzeugnis  und  Raumkunst  stützen  und  richten  sich  letzten 
Endes  auf  eine  allgemeine  KÜNSTLERISCHE  KULTUR.  Denn  sie  sind,  in  der  uns 
Menschen  erreichbaren  Vollkommenheit,  immer  nur  dann  möglich,  wenn  die  Ge- 
samtheit durchdrungen  ist  von  künstlerischer  Bildung.  Das  sind  die  Griechen  der 
antiken  Welt,  die  Italiener  der  Renaissance,  die  Franzosen  des  Rokokos  gewesen; 
das  sind  heute  noch  die  Japaner  und  darauf  steuert,  wenn  nicht  alles  trügt,  in 
unserem  Jahrhundert  das  gebildete  Europa  hin.  D 

Die  RAUMKUNST,  die  man  weniger  gut  auch  als  Innenkunst,  Innenarchitektur 
öder  Innendekoration  bezeichnet,  zerfällt  wieder,  scheinbar  äuj-,erlich,  in  Wirk- 
lichkeit ihrem  Gedankcninhalte  nach,  in  eine  kirchliche,  eine  Wohnungs-  und  eine 
Gartenkunst,  denen  sich  die  Volkskunst  und  die  Kunst  der  Straße  anreihen.  Die 
kirchliche  Kunst  bezweckt  die  würdige,  kunstgerechte  Ausgestaltung  aller  Räume 


und  Gegenstände,  die  der  AusübungeinerReligion  dienen.  Dazugehören  die  Innen- 
räume der  Kirchen,  Kapellen  und  Bethäuser  ebenso  wie  die  Gegenstände  des  Kultus, 
die  Altäre,  Kelche,  Rehquienbehälter,  Hostienschreine,  Taufbecken,  Kreuze  und 
Leuchter.  Dazugehörennicht  minder  dieGewänderderGottesdienerwiedieFried- 
hofsanlagen  [Abb.  5].  Grabsteine,  Grüfte  und  Urnen.  Der  Wohnungskunst,  die  man 
zuweilen,  aber  nicht  ganz  treffend,  profane  Raumkunst  nennt,  ist  das  weiteste  Ge- 
biet zugefallen.  Sie  hat  sich  als  öff  enthebe  Raumkunst  der  Ausgestaltung  allerder 
Räume  und  Gegenstände  zu  unterziehen,  die  der  Öffentlichkeit  dienen.  Dazu  ge- 
hören die  Arbeitszimmer  und  Verhandlungssäle  der  Behörden,  die  Wartesäle  und 
Abfertigungsräume  der  Verkehrsanstalten  und  die  innere  Einrichtung  der  Ver- 
kehrsmittel, soweit  sie  Menschen  in  sich  aufnehmen.  Dazu  gehören  aber  nicht 
minder  dieRäume  derHotels  und  Gasthäuser,  dieTheater,  KaffeehäuserundTanz- 
säle,  die  Schulen  undMuseen,  die  öffentlichenBäderund  Versammlungsorte  [siehe 
TafelJ.  Neben  alles  das  tritt  die  persönliche,  bürgerliche  oderbessergesagt  private 
Raumkunst,  der  das  kunstgerechte  Ausbilden  aller  privaten  Räume  zufällt,  gleich- 
viel ob  sie  Eigenbesitz  oder  gemietet  sind.  Die  Einrichtung  eines  Ladens  oder  eines 
Geschäftsraumes  rechnet  ebenso  zu  denAufgaben  der  privatenRaumkunstwiedie 
eines  Herren-  oder  Damenzimmers,  eines  Speise-  oder  Musikzimmers  [Abb.  6|, 
einer  Wohn-  oder  Schlafstube,  einer  Küche  oder  eines  Baderaumes.  Unmittelbar 
an  diese  eigentliche  Wohnungskunst,  der  unstreitig  das  weiteste  Feld  unserer 
Raumkunst  gebührt,  schließt  sich  die  Gartenkunst;  denn  der  Garten  ist  immer  nur 
aufzufassen  als  eine  erweiterte  Wohnung.  Nicht  in  Frage  kommen  dabei  die  An- 
lagen, die  dem  Berufsgärtner  zur  Pflanzenzucht  dienen;  in  jedem  anderen  Garten 
aber  haben  raumkünstlerische  Grundsätze  obzuwalten  [Abb.  9J.  Im  Zusammen- 
hange mit  der  Raumkunst  steht  die  Volkskunst,  jene  Ausbildung  der  Wohnräume 
und  des  Hausrates,  die  aus  dem  naiven  Empfinden  des  Volkes  heraus  das  Haus 
kunstreich  gliedert,  seinen  Räumen  und  seinem  Gerät  durch  sinniges  Gestalten 
Gedankeninhalt  verleiht  |  Abb.7].  Mit  der  Gartenkunst  und  ihren  Grundsätzen  wie- 
der verwandt  ist  dieKunst  derStrage  |Abb.8|,  die  Anlage,  Ausbau  und  Verwertung 
der  öffentlichenPlätze  und  Wege  künstlerischenAnforderungen  unterwirft.  Schon 
dieser  flüchtige  Überblick  über  die  mannigfachen  Aufgaben  der  Raumkunst  zeigt, 
in  welch  innigen  Wechselbeziehungen  sie  zur  Baukunst  steht.  Sie  ist  im  Grunde 
nur  ein  Weiterführen  der  Architektur,  eineKunst  desBauens  bis  inskleinste  hinein. 
Das  festzuhalten  ist  für  das  Verständnis  der  Raumkunst  im  besonderen  wie  des 
Kunstgewerbes  im  allgemeinen  unbedingt  erforderlich.  D 

Denn  dieRaumkunst  stellt  schließlich  doch  nur  das  Zusammenfassen  der  kunst- 
gewerblichen Einzelerzeugnisse  unter  einheitlichen  künstlerischen  Gedanken  dar. 
Aber  wenn  sich  auch  für  die  kunstgerechte  Ausstattung  eines  bestimmten  Raumes 
immer  nur  Einzelerzeugnisse  von  gleichem  oder  ähnlichem,  künstlerischem  Ge- 
dankeninhalte eignen,  so  hat  dasKunstgewerbe  doch  die  Pflicht,  für  unendlich  viele, 
verschieden  gedachte  Räume  das  Ausstattungsmaterial  zu  schaffen;  es  hat  für  ein 
und  denselben  Zweck  sowohl  nach  Maßgabe  der  künstlerischen  Absicht  und  der 
persönlichen  Wünsche,  als  auch  in  Rücksicht  auf  die  geforderte  Art  des  Materials 
und  den  Umfang  der  verfügbaren  Mittel  zahlreiche,  in  sich  unterschiedene  Lösun- 


gen  zu  suchen.  Sie  stellen  die  KUNSTGEWERBLICHEN  EINZELERZEUGNISSE 
dar.  Man  fagt  sie  nach  dem  Material,  also  nach  dem  Stoff,  aus  dem  sie  gefertigt 
sind,  in  Gebiete  zusammen.  Diese  Anordnung  nach  dem  Stoff  ist  richtig  und  wich- 
tig, denn  auf  dem  Material  beruht  neben  dem  künstlerischen  Grundgedanken  das 
Wesen  jedes  kunstgewerblichen  Gegenstandes;  deshalb  nämlich,  weil  sich  der 
Zweck,  dem  der  Gegenstand  dienen  soll,  immer  nur  innerhalb  einer  einzigen  Ma- 
terialgruppe, oft  nurinnerhalb  einer  einzigen  Materialgattung,  am  besten  erreichen 
lägt,  undweilsichausdenEigenschaftendesStoffes  mit  unabweisbarer  Notwendig- 
keit die  Grenzen  der  künstlerischen  Gestaltungsmöglichkeit  und  die  Art  der  ge- 
werblichen Arbeitsweise  ableiten.  D 

In  sich  kann  man  das  Kunstgewerbe  nach  seinen  Erzeugnissen  auf  verschie- 
dene Weise  ordnen;  z.  B.  nach  rein  TECHNISCHEN  GESICHTSPUNKTEN.  Dann 
stellt  man  als  erstes  Reich  die  Gebiete  voran,  die  sich  natürlicher  Stoffe  bedienen, 
ohne  sie  in  ihrer  inneren  Beschaffenheit  wesentlich  zu  ändern.  Sie  scheidet  man 
nochmals  danach,  ob  ihre  Stoffe  der  anorganischen  oder  der  organischen  Welt  an- 
gehören. Das  zweite  Reich  bilden  die  Gebiete,  die  künstliche,  aus  natürlichen  Ma- 
terialien gewonnene  Stoffe  verwenden.  Sie  gliedert  man  nochmals  danach,  ob  sie 
die  natürlichen  Stoffe  nur  mechanisch  mengen  oder  auf  physikalisch-chemischem 
Wege  in  vollständig  neue  Materialien  überführen. 

Jedoch  ein  solches  Gruppieren  nach  ausschließlich  technischen  Gesichtspunkten 
eignet  sich  wohl  für  eine  Technologie  desKunstgewerbes,  nicht  aber  als  eine  Ein- 
teilung für  das  gesamte  Kunstgewerbe.  Denn  in  ihm  wirken  Kunst  und  Technik 
vereint;  ihm  kann  also  nur  eineAnordnungfrommen,  die  diesem  vereinten  Wirken 
Rechnung  trägt.  D 

Daher  ordnen  wir  die  Gebiete  nachreinKUNSTGEWERBLICHEN  GESICHTS- 
PUNKTEN, nämlich  nach  der  Art  des  kunstgewerblichen  Gestaltens.  ZweiReiche 
erhalten  wir,  eines,  das  das  Material  von  äugen  her  gestaltet,  und  eines,  das  es  von 
innen  heraus  formt.  Zum  ersten  Reiche  gehören  alle  jene  Gebiete,  die  den  Aggre- 
gatzustand ihres  Materials  nicht  ändern  um  es  zu  gestalten,  sondern  die  es  im  ge- 
gebenen festen  Zustande  belassen,  seine  kunstgewerbliche  Form  nur  von  äugen  her 
durch  Hinwegnehmen  oder  Hinzufügen  von  Material  bilden.  Zum  zweiten  Reiche 
gehören  alle  jene  Gebiete,  die  den  Aggregatzustand  ihres  Materials  ändern  um  es 
zu  gestalten,  die  es  aus  dem  festen  in  den  weichen  oder  flüssigen  Zustand  über- 
führen und  ihm  in  diesem  Zustande  seine  kunstgewerbliche  Form  gleichsam  von 
innen  heraus  geben.  Das  eine  Reich  ist  das  der  KALTARBEIT,  das  andere  das  der 
HEISSARBEIT.  Darin  bekunden  sich  zwei  grundlegende  Verschiedenheiten  der 
kunstgewerblichen  Tätigkeit.  Im  übrigen  ordnen  beide  Reiche  ihre  Gebiete  unter 
sich  wieder  nach  dem  kunstgewerblichen  Wesen  ihres  Materiales  und  danach,  ob 
ihre  Erzeugnisse  wesentlich  zwei  Dimensionen  oder  drei  Dimensionen  aufweisen, 
d.h.,  ob  sie  nur  Länge  und  Breite  besitzen,  also  flächenhafte  Gebilde  sind,  oder  ob 
sie  Breite,  Höhe  und  Tiefe  besitzen,  also  räumliche  Gebilde  darstellen.  D 

Nicht  zu  verwechseln  mit  diesem  körperlichen  Gestalten  von  äugen  oder  von 
innen  her  ist  das  geistige  Gestalten,  das  Ersinnen  und  Entwerfen.  Es  erfolgt  aus- 
schlieglich  aus  dem  Innern,  demCieiste  desSchaffemien  heraus,  indem  er,  geleitet 

7 


Abb.  3u.  4r  Wilhelm  Nürnberg,  Bronzeabgug  eines  Kohlblattes  aus  verlorener  Form  D  Richard 
n  Riemersehmid,  Butternapf  aus  Steinzeug  D 

von  künstlerischem  Empfinden  und  technischem  Wissen,  das  Bild  des  kunstge- 
werblichen Gegenstandes  rhythmisch  gegliedert  kunst-  und  materialgerecht  vor 
seinem  geistigen  Auge  erstehen  lägt.  Dieses  gleichsam  aus  sich  selbst  heraus- 
wachsende Bild  hält  er  durch  Zeichnung  oder  Modell  fest.  D 
Von  den  eben  gekennzeichneten  zwei  Gliederungen  des  Kunstgewerbes  liegt 
die  erste  dem  anschließenden  Abschnitte  vom  Material  des  Kunstgewerbes,  die 
andere  dem  darauffolgenden  Abschnitte  von  den  Gebieten  des  Kunstgewerbes  zu- 
grunde. Jener  führt  zugleich  die  hauptsächlichen  kunstgewerblichen  Berufe  und 
Arbeitsweisen,  dieser  die  wesentlichen  Erzeugnisse  in  Kürze  mit  auf.  D 
2.  DAS  MATERIAL  DES  KUNSTGEWERBES  D 
besteht  in  natürlichen  und  künstlichen  Stoffen.  Das  Reich  der  im  natürlichen  Zu- 
stande verarbeiteten  Stoffe  zerfällt  wieder  in  die  zwei  Gruppen  der  anorganischen 
und  der  organischen  Stoffe.  Die  ANORGANISCHEN  STOFFE  hat  der  Mensch  zu- 
erst seiner  kunstgewerblichen  Tätigkeit  unterworfen,  allen  voran  die  STEINE  und 
GESTEINE.  Man  trennt  die  Arbeit  aus  Steinen,  denen  man  die  aus  Gesteinen  der 
Einfachheit  wegen  zurechnet,  nach  dem  Werte  des  Arbeitsstoffes  in  solche  aus 
edlen  und  unedlen  Steinen.  Zu  den  Arbeiten  aus  edlem  Steinmaterial  gehört  alles, 
was  die  Kunst  des  Steinschleifers  aus  Diamant,  Rubin,  Saphir,  Smaragd  und  ande- 
ren Edelsteinen,  sowie  aus  Jaspis,  Achat,  Sardonyx,  Rauchtopas,  Bergkristall  und 
anderen  Halbedelsteinen  fertigt.  Die  meisten  Erzeugnisse  der  Steinschleifer  und 
Steinschneider  werden  mit  Arbeiten  der  Gold-  und  Silberschmiede  vereinigt;  ein 
vorwiegend  in  dieser  Richtung  schaffender  Goldschmied  heiPjt  Juwelier.  Er  ver- 
wendet in  ähnlicher  Weise  organische  Körper,  z.  B.  Perlen  und  Korallen.  Die 
Mehrzahl  der  geschliffenen  Edelsteine  tritt  somit  nicht  als  selbständiges  kunst- 
gewerbliches Erzeugnis  in  die  Öffentlichkeit;  hingegen  bilden  einzelne  Arbeiten 
aus  Halbedelsteinen,  z.  B.  aus  Bergkristall  und  Achat,  als  Kelche.  Schalen,  Pet- 
schafte usw.  selbständige  Produkte  [Abb.  10 1.  Die  Verwertung  unedler  Steine  und 

8 


Abb.  5:  Friedhofsanlage.  Ausstellung  Dresden  1906 


Gesteine  erstreckt  sich  hauptsächlich  auf  Marmor,  Kalkstein,  Alabaster,  Bernstein, 
Speckstein,  Schiefer,  Serpentin,  Nephrit,  Jadeit,  Onyx,  Granit,  Syenit  und  ver- 
wandte Gesteine.  Auch  dieser  Zweig  führt  sowohl  zu  selbständig  auftretenden 
Erzeugnissen  [Abb.  llj,  wie  zu  solchen,  die  erst  in  Verbindung  mit  anderen 
Stoffen,  z.B.  mitBronze,  einen  fertigen  kunstgewerblichen  Gegenstand  darstellen. 
Das  zweite  große  Gebiet  der  kunstgewerblichen  Arbeiten  aus  anorganischen 
Stoffen  hat  die  Verwertung  der  METALLE  zur  Aufgabe.  Wiederum  stehen  hier  die 
edlen  Metalle  Gold,  Silber  und  Platin  den  unedlen  gegenüber,  dem  Kupfer,  Eisen, 
Nickel, Zinn, Zink,Blei  undAntimon.  Die  Kunst  derEdelschmiede  widmetsich  dem 
Golde,  Silber  und  Platin;  sie  schließt,  wie  schon  angedeutet,  die  Juwelierkunst  in 
sich.  Je  nach  dem  Zwecke  scheiden  sich  ihre  Erzeugnisse  als  Schmuck  und  Gerät 
voneinander  [Abb.  12  bis  14].  Alle  edlen  Metalle  lassen  sich  gießen,  schmieden 
und  treiben;  doch  verarbeitet  man  sie  fast  niemals  rein,  sondern  immer  als  Le- 
gierungen, d.  h.  mit  unedlen  Metallen  vermischt,  z.B.  Gold  oder  Silber  mit  Kupfer. 
Die  Mischung  bemißt  sich  nach  Gewichtsteilen  und  bezweckt,  die  Härte,  die  Dehn- 
barkeit und  die  Farbe  des  Edelmetalles  günstig  abzuändern.  In  ähnlicher  Weise 
erstreckt  sich  die  Bearbeitung  der  unedlen  Metalle  nicht  nur  auf  diese,  sondern 
auch  auf  ihre  Gemische.  Doch  werden  einzelne  von  ihnen,  wie  Kupfer,  Zinn  und 
Zink  vielfach.  Eisen  fast  immer,  ungemischt  verwendet,  ebenso  die  kohlenstoff- 
ärmere Varietät  des  Eisens,  der  Stahl.  Auch  die  unedlen  Metalle  lassen  sich  alle 
gießen.  Treiben  hingegen  lassen  sich  nurKupfer,  Eisen  und  Zinn,  gießen  nur  Kup- 

9 


fer  und  Eisen  und  schweigen  überhaupt  nurEisen  [Abb.  15].  Gleich  demEisen ver- 
hält sich  der  Stahl.  —  Eine  ganze  Reihe  von  kunstgewerblichen  Berufen  befaßt 
sich  mit  dem  Verarbeiten  der  unedlen  Metalle,  so  die  Kunstschmiede  und  Kunst- 
schlosser, die  Plattner  und  Schwertfeger,  die  Kupferschmiede,  Zinn-  und  Zink- 
gieger,  die  Metallbildhauer  und  Ziseleure.  Mancher  dieser  Zweige  gehört  bereits 
der  Vergangenheit  an,  wie  z.  B.  der  der  Plattner.  D 

Nächst  den  anorganischen  hat  sich  der  Mensch  die  ORGANISCHEN  STOFFE 
dienstbar  gemacht:  das  Holz  der  Bäume,  die  Stengel,  Fasern  und  Fruchtschalen 
der  Pflanzen  |  Abb.  12 1,  die  Knochen  und  Zähne,  die  Häute  und  Haare,  die  Gehörne, 
Gehäuse  und  Gespinste  der  Tiere.  Das  Holz  der  Bäume  gewährt  den  Baustoff  für 
sämtliches  Mobiliar,  also  für  einen  der  wichtigsten  und  größten  Zweige  unseres 
Kunstgewerbes.  Außerdem  bietet  es  noch  das  Material  für  eine  ganze  Anzahl  von 
Kleinarbeiten  der  Holz- und  Bildschnitzer,  der  Drechsler  und  Einleger.  Die  Knochen 
und  Zähne  der  Tiere,  insbesondere  die  Stoßzähne  der  Elefanten  und  Walrosse, 
dienen  den  Elfenbeinschnitzern  und  -drechslern  alsStoff  für  ihre  Arbeiten.  In  ähn- 
licher Weise  benutzen  dieHorndrechslerdie  Gehörne  der  Wiederkäuer,  das  Schild- 
patt der  Schildkröten,  dasPerlmutter  der  Muscheltiere  u.a.  [Abb.  14J.  Die  Haut  der 
Tiere  gibtdas  indenmannigfaltigstenFormenverarbeiteteLeder,  wie  es  die  Sattler 
und  Täschner,  die  Buchbinder  und  Galanteriearbeiter,  die  Polsterer  und  Leder- 
treiber gebrauchen.  Die  Wolle  derTiere  jedoch,  dieKokons  derSeidenraupen,  die 
vielerlei  Stengelfasern  und  Samenwollen  der  Gespinstpflanzen,  sie  alle  zusammen 
gewähren  das  Rohmaterial  für  eine  große,  überaus  wichtige  Gruppe,  diederTextil- 
kunst.  Sie  zerfällt  in  die  mancherlei  Gebiete  des  Webens  und  Wirkens,  des  Stickens 
und  Nähens,  des  Klöppeins  undHäkelns.  DerTextilkunst  eng  verwandt,  ihr  gleich- 
sam ein  Vorläufer,  ist  die  Flechterei,  die  biegsame  Stengel,  Zweige,  Bast,  Blatt- 
rippen und  Wurzeln  der  Pflanzen,  ganz  oder  gespalten,  verarbeitet.  Endlich  ent- 
steht aus  den  Häuten  von  Tieren  das  Pergament  und  aus  den  Fasern  von  Pflanzen 
das  Papier,  beides  Stoffe,  deren  wir  für  das  Schreiben  und  Drucken,  für  das  Her- 
stellen von  Büchern,  Bildern  und  Tapeten  in  Menge  benötigen.  □ 

Dem  Reiche  der  organischen  Stoffe  kommt  die  größte  Bedeutung  für  das 
Kunstgewerbe  zu,  ganz  besonders  wegen  der  drei  Gruppen,  die  die  Gebiete  des 
Holzes,  der  Webstoffe  und  des  Papieres  bilden.  Wieviel  verschiedene  Hölzer 
werden  nicht  zu  Möbeln  verarbeitet!  Die  zahlreichen  Weichhölzer,  wie  das  Holz 
der  Tanne,  Fichte  und  Kiefer,  der  Lärche  und  Harzkiefer  |Pitchpine|,  der  Linde 
und  Pappel,  der  Esche  und  des  Weißholzbaumes  |  Whitewood],  die  noch  viel  zahl- 
reicheren Harthölzer,  wie  die  der  Eiche  und  des  Nußbaumes,  des  Kirsch-  und 
Pflaumbaumes,  der  Buche  und  Rüster,  der  Esche  und  Zeder,  des  Mahagonis  und 
des  Ebenholzbaumes,  des  Buchsbaumes  und  der  Eibe,  des  Ahorns  und  des  Poli- 
sanders,  des  Birn-  und  Apfelbaumes,  des  Pfaffenhütleins  und  der  Birke.  Ein  aus- 
gebreiteter Handel  führt  seit  alten  Zeiten  die  selteneren  Hölzer  den  Tischlern  zu; 
Sägeniüller  und  Furnierschneider  zerteilen  die  Bäume  und  Blöcke  in  Bohlen  und 
Pfosten,  Bretter  und  Furniere,  aus  denen  die  Tischler  mit  Säge  und  Hobel,  Stech- 
beitel und  Schnitzmesser.  Leimtopf  und  Polierballen  all  die  mannigfaltigen  Möbel 
unserer  Wohnungen  herstellen.  Nicht  niinderwichtig  sinddieGewebe.  Nachihrem 

10 


Material  teilen  wir  sie  nicht  nurin  seidene  undwollene,  inbaumwolleneundleinene, 
in  Jute-  und  Kokosgewebe,  sondern  noch,  je  nachdem  sich  Seide-  und  Wollefäden, 
oder  Wolle-  und  Baumwollefäden,  oder  Baumwolle-  und  Leinenfäden  in  einem  Ge- 
webekreuzen, in  halbseidene,  halbwollene  undhalbleinene  Stoffe.  Vonjeher haben 
sich  danach  auch  die  Weber  geschieden,  ganzbesonders  in  die  großen  Gruppen  der 
Seiden-  und  Wollenweber,  der  Zeug-  und  Leineweber.  Neben  ihnen  stehen  die 
Tuchmacher  undTuchscherer,  die  Walker,  Färber  und  Zeugdrucker.  Heute  ist  die 
Handweberei  nur  für  einzelne  Gebiete,  oft  nur  für  einzelne  Erzeugnisse  eines  Ge- 
bietes noch  die  Regel.  Damit  sind  alte  Berufszweige  verschwunden;  für  sie  ist  die 
Maschinenweberei  eingetreten,  die  sich  samt  ihren  Hilfsgebieten,  sowohl  nach  Art 
des  verarbeiteten  Stoffes  als  noch  viel  mehr  nach  Art  des  Erzeugnisses,  in  zahl- 
reiche Einzelzweige  trennt.  Ähnlich  scheidet  das  Knüpfen  der  Posamenten  und 
Teppiche,  das  Wirken  der  Gobelins,  das  Sticken,  Klöppeln  und  Nähen  die  Berufe. 
Manches  dieserGebietebeschäftigt  allerdings  auch  Tausende  vonfleigigenHänden 
ausschließlich  für  den  eigenen  Bedarf  in  häuslicher  Arbeit.  Endlich  die  dritte 
große  Gruppe,  deren  Gebiete  Papier  und  verwandte  Stoffe  verarbeiten,  welche 
Ausbreitung  begegnet  uns  da  nichtwieder!  Man  denke  nur  daran,  wie  viel  Papier 
Tagfür  Tag  demBuche.  demBilde  und  der  Tapete  anheimfällt;  ganzzugeschweigen 
von  dem,  was  Buchbinder,  Galanterie-  und  Kartonnagenarbeiter  gebrauchen.     D 

Das  zweite  große  Reich,  das  der  KÜNSTLICHEN  MATERIALIEN,  hat  im 
wesentlichen  anorganische  Stoffe  zum  Ausgangspunkt.  Sie  erscheinen  entweder 
nur  gemischt,  sodaß  sie  auch  im  neuen  Stoff  ihre  Grundeigenschaften  beibehalten, 
oder  physikalisch -chemisch  abgewandelt,  sodaß  sie  im  neuen  Stoff  auch  neue 
Eigenschaften  gewinnen.  Die  Grenzen  lassen  sich  nicht  immer  leicht  ziehen;  auf 
einzelnen  kunstgewerbUchen  Gebieten  geht  unter  dem  Einflüsse  der  Arbeitsweise 
die  mechanische  Mischung  der  Stoffe  in  ihre  chemische  Verbindung  über.  Kenn- 
zeichnend erscheint  für  das  ganze  Reich,  daß  das  Verarbeiten  aller  Stoffgeniische 
und  -Verbindungen  an  hohe  Wärmegrade  gebunden  ist.  Sei  es,  daß  schon  das 
Mengen  selbst,  wie  in  den  Metallegierungen,  nur  in  der  Schmelzhitze  erfolgen  und 
auch  ein  guter  Teil  der  späteren  Arbeiten  nur  in  der  Glüh-  oder  Schmelzhitze  statt- 
finden kann,  sei  es,  daß  die  kalt  gemischten  Stoffe,  wie  in  der  Keramik,  der  Ein- 
wirkung hoher  Wärmegrade  bedürfen  um  die  chemischen  Veränderungen  zu  er- 
leiden, die  ihre  Verwertung  zu  kunstgewerblichen  Zwecken  überhaupt  erst  er- 
möglichen. Zwei  große  Gruppen  umfaßt  das  Reich  der  kimstlichen  Materialien, 
die  derGemenge  ausMetallen  und  die  der  Gemenge  undVerbindungen  aus  Erden. 

Durch  das  MISCHEN  oder  LEGIEREN  der  METALLE  erhält  man  Arbeitsmate- 
rialien, in  denen  die  Eigenschaften  der  Grundstoffe  nach  Maßgabe  des  Mischungs- 
verhältnisses auftreten.  Das  stark  klingende  Kupfer  ist  schwer  zu  gießen,  hat 
warme,  rotbraune  Farbe  und  läßt  sich  gut  patinieren,  d.  h.  mit  gelben,  braunen 
oder  grünen  Oxydschichten  überziehen.  Das  kaum  klingende  Zinn  ist  sehr  leicht 
zu  gießen,  hat  kalte,  weiße  Farbe  und  patiniert  sich  fast  gar  nicht.  Mengt  man  aber 
acht  bis  neun  Teile  Kupfer  mit  ein  bis  zwei  Teilen  Zinn,  so  entsteht  daraus  die  hell- 
klingende Bronze,  die  leicht  zu  gießen  ist,  rötlichgraue  bis  goldgelbe  Farbe  besitzt 
und  ausgezeichnet  Patina  annimmt.  Wie  aus  den  Eigenschaften  von  Kupfer  und 

11 


:  Peter  liehrens,  Musiksaal 

Zinn  sich  die  der  Bronze  ergeben,  so  aus  denen  von  Kupfer  und  Zink  die  des  Tom- 
baks und  Messings,  aus  denen  von  Kupfer,  Zink  und  Nickel  die  Eigenschaften 
des  Neusilbers,  Alfenides  oder  Alpaccas,  aus  denen  von  Zinn,  Antimon,  Zink  und 
Kupfer,  denen  zuweilen  sich  noch  Wismut  und  Nickel  zugesellen,  die  Eigenschaften 
des  Britanniametalles.  Alle  Legierungen  lassen  sich,  wie  schon  erwähnt,  gießen; 
Bronze,  Tombak  und  Messing  auch  gut,  Neusilber  undBritannia  weniger  gut  häm- 
mern und  treiben;  keine  Legierung  aber  lägt  sich  schweigen.  Mit  dem  Verarbeiten 
der  Metallegierungen  befassen  sich  die  Bronze-.  Rot-  und  Gelbgieger,  die  Zirkel- 
schmiede und  Beckenschläger,  die  Bronze-  und  Alfenidewarenfabrikanten.  die 
Nadler  und  Metallwarenfabrikanten.  Auch  von  diesen  Berufen  gehört  mancher  der 
Vergangenheit  an;  sie  sind  teils  ganz  verschwunden  wie  die  Zirkelschmiede,  teils 
in  anderen  Berufen  aufgegangen,  wie  die  Rot-  und  Gelbgieger  in  den  Metallarbei- 
tern, die  Nadler  in  den  Bijouteriearbeitern.  Ziseleure,  Metallbildhauer,  Graveure 
und  Kupferschmiede  arbeiten  sowohl  in  reinen  wie  in  legierten  Metallen,  ebenso 
die  Medailleure,  die  Metallpräger  und  -drücker.  D 

Die  GEMENGE  und  VERBINDUNGEN  aus  ERDEN  liefern  der  umfangreichen 
keramischen  Gruppe  den  Arbeitsstoff.  Im  weitesten  Sinne  des  Wortes  begreift  die 
Keramik  das  Herstellen  des  Glases  und  sämtlicher  Tonwaren  in  sich;  im  engeren 
Sinne  trennt  man  die  Tonerei,  Tonwarenindustrie  oder  Kunsttöpferei  als  eigent- 
liche Keramik  von  der  Gläserei,  von  der  Glasfabrikation.  D 

Für  die  engere  KERAMIK  bildet  das  Grundmaterial  der  Ton,  wie  er  sich  in 
mannigfaltiger  Art  auf  derErdefindet.  TON, seiner  chemischenZusammensetzung 
nach  ein  wasserhaltiges  Tonerdesilikat,  d.h. eine  Verbindung  von  Kieselsäure  mit 

12 


n  Abb.  7:  Stube  von  der  Hallig  Hooge  vom  Jahre  1671  □ 

Tonerde  und  Wasser,  ist  durchweg  ein  Zersetzungsergebnis  von  Feldspat  oder 
feldspatführenden  Gesteinen.  Diese  Gesteine  bilden  einen  beträchtlichen  Teil  un- 
serer Erdrinde;  daher  die  schier  unbegrenzte  Verbreitung  des  Tones,  daher  die 
große  Bedeutung  der  Keramik  für  das  Kunstgewerbe  und  für  das  gesamte  Leben 
der  Menschheit.  Je  nachdem  der  Ton  an  seiner  ersten  Bildungsstätte  liegen  ge- 
blieben oder,  vielleicht  wiederholt,  weggeschwemmt  und  unter  Mischung  mit  an- 
deren Stoffen,  insbesondere  Erden  und  Sauden,  wieder  abgelagert  worden  ist,  sind 
aus  ihm  verschiedene  Abarten  entstanden.  Seine  reinste  Form  stellt  das  Kaolin, 
die  Porzellanerde,  dar;  fast  rein,  nur  zuweilen  schwach  durch  Eisenverbindungen 
verunreinigt,  ist  der  feuerfeste  oder  Pfeifenton;  sowohl  mit  Eisen  als  mit  kohlen- 
saurem Kalk  versetzt  ist  der  Töpferton  oder  Letten;  stark  mit  kohlensaurem  Kalk 
gemengt  der  Tonmergel  und,  endlich,  sowohl  stark  mit  Eisen  als  noch  mehr  mit 
Quarzsand  vermengt,  der  Lehm  oder  Ziegelton.  Nach  all  dem  richtet  sich  die  Be- 
nutzung der  Tone.  Doch  äut^erst  selten  kann  man  sie  so,  wie  sie  sich  finden,  un- 
mittelbar verarbeiten;  meist  muß  man  sie  mit  anderen  Tonen  oder  auch  mit  anderen 
Stoffen  mischen  um  aus  diesem  Gemenge,  der  Masse,  kunstgewerbliche  Erzeug- 
nisse herstellen  zu  können.  \3 
Das  beruht  sowohl  auf  der  Wechselbeziehung  zwischen  Zweck  und  Stoff  als 
auch  namentlich  auf  folgendem.  Der  Ton  enthält  stets  Wasser,  das  chemisch  an 
ihn  gebunden  ist.  Er  mengt  sich  jedoch  auf^erdem  noch  mechanisch  mit  Wasser  und 
gerät  damit  in  den  bekannten  knetbaren,  bildsamen  Zustand.  Das  aus  ihm  geformte 
Erzeugnis  wieder  muß  in  den  harten,  festen  Zustand  übergeführt  werden  durch 
Entziehen  des  Wassers.  Das  mechanisch  beigemengte  Knetvvasser  läJU  sich  durch 
Trocknen  entfernen,  das  chemisch  gebundene  jedoch  nicht,  auch  nicht  durch  Trock- 
nen bei  100  und  mehr  Grad  Wärme.  So  lange  dieses  chemisch  gebundene  Wasser 

13 


den  Ton  nicht  verlassen  hat.  bleibt  erweich,  zerreiblich  und  jederzeit  begierig, 
weiteres  Wasser  aufzusaugen  und  dadurch  in  den  knetbaren,  bildsamen  Zustand 
zurückzukehren.  Deshalb  muP>  der  Ton  als  verarbeitete  Masse  je  nach  seiner  Zu- 
sammensetzung einerHitzevonQOO  bislSOOGrad  ausgesetzt  werden,  damit  er  sein 
chemisch  gebundenes  Wasser,  das  Hydratwasser,  abgibt.  Durch  dieses  Brennen 
ändert  er  sich  chemisch  vollständig,  indem  er  in  den  harten,  festen  Zustand  über- 
geht, der  nie  wieder,  das  ist  das  wichtigste,  eine  Rückkehr  in  den  ersten,  knetbar 
bildsamen  Zustand  gestattet.  D 

Die  gewöhnlichen,  mitKalk  und  Sand  verunreinigten  Tone  schmelzen  in  groger 
Hitze.  Man  brennt  sie  daher  nur  so  weit,  bis  ihre  kleinsten  Teile  sich  unter  Abgabe 
des  Hydratwassers  eng  aneinander  legen.  Ein  solcher  Scherben,  wie  man  den  ge- 
brannten Ton  nennt,  besitzt  matte  Oberfläche  und  ist  nicht  flüssigkeitsdicht;  ihn 
muß  man  daher  mit  Glasur,  mit  einer  dünnen  Glashaut,  im  Brande  überziehen.  Die 
feinen,  fast  oder  ganz  reinen  Tone  hingegen,  wie  der  Pfeifenton  und  die  Porzellan- 
erde, schmelzen  nicht  oder  nur  unvollkommen;  sie  bringt  man  durch  Flußmittel, 
die  man  der  Masse  beimengt,  im  Brande  zum  Sintern,  zum  teilweisen  Schmelzen, 
durch  das  ihre  kleinsten  Teile  zusammenbacken.  Ein  solcher  Scherben  besitzt 
glasiges  Aussehen  und  ist  flüssigkeitsdicht;  ihn  glasiert  man  nur  um  ihn  zu  ver- 
schönen oder  seine  Brauchbarkeit  zu  erhöhen.  D 

Keramische  Produkte  aus  tonig-sandiger  Masse  ergeben  einen  Scherben,  der 
weicher  als  Stahl  ist  und  in  groger  Hitze  schmilzt.  Zu  ihnen  gehören  die  schwach 
gebrannten,  unglasierten  Ziegel, Bauornamente  undTerrakotten,  weiter  die  stark, 
bis  zur  beginnenden  Schmelzung  gebrannten,  daher  an  der  Oberfläche  schwach 
glänzenden,  aber  nicht  glasierten  antikenTongefäge|s. Tafel],  sowiediemit  durch- 
sichtiger Bleiglasur  überzogenen  gewöhnlichen  Töpfergeschirre  [das  IrdengutJ, 
und  endlich  die  mit  undurchsichtiger,  Zinnoxyd  enthaltender  Glasur  überzogenen 
Geschirre  aus  gewöhnlichem  Steingut  und  gewöhnlicher  Fayence  oder  Majolika. 
Keramische  Produkte  aus  tonig-kieseliger  Masse  ergeben  einen  harten,  undurch- 
sichtigen, vom  Stahl  nicht  angreifbaren,  unschmelzbaren  Scherben.  Zu  ihnen  ge- 
hören einerseits  die  feinen  Fayencen  und  das  feine  Steingut  mit  weitem  Scher- 
ben undBleiglasur,  andererseits  dieSteinzeuge  mitgelbem,  grauem  oderbraunem 
Scherben  und  Salzglasur  oder  Schmelzüberzug.  Keramische  Produkte  endlich  aus 
tonig-kieseliger,  mit  Alkali  versetzter  Masse  ergeben  einen  harten,  aber  durch- 
scheinenden, bei  starker  Hitze  erweichenden  Scherben.  Zu  ihnen  gehören  das 
echte  Porzellan,  das  nur  aus  Kaolin  erzeugt  und  mitFeldspatglasur  überzogen  ist, 
weiter  das  englische  Weichporzellan,  das  aus  Kaolin,  weißem  Ton  und  Knochen- 
erde erzeugt  und  mit  Bleiglasur  oder  borsäurehaltiger  Glasur  überzogen  ist,  und 
endlich  das  französische  oder  Frittenporzcllan,  das  aus  einer  Glasschmelze  oder 
-fritte  unter  Tonzusatz  erzeugt  und  mit  Bleiglasur  überzogen  ist.  D 

Der  Keramik  dienen  zahlreiche  Gewerbe.  Die  Ziegler  stellen  Ziegel  und  Bau- 
ornamentc  her,  die  Hafner  und  Töpfer  Irdengut  und  Ofenkacheln.  Der  Terrakotta, 
Majolika  und  Fayence,  dem  Steinzeug,  Steingut  und  Porzellan  widmen  sich  andere, 
zumeist  nach  dem  verarbeiteten  Material  getrennte  Berufe,  die  sich  nach  Erfor- 
dern wieder  in  Dreher,  Former.  Glasierer,  Maler  und  Brenner  sondern.  D 

14 


Das  GLAS  ist  ein  durch  Metalloxyde  gefärbtes  Gemenge  von  chemischen  Ver- 
bindungen, die  man  durch  Zusammenschmelzen  vonKieselerde  und  Kalkerde  mit 
Kali,  Natron  oder  Bleioxyd,  oft  unter  Hinzutritt  von  etwas  Tonerde,  erhält.  Das 
Kennzeichnende  für  das  ganze  Gebiet  ist  zum  einen,  dag  diese  Verbindungen  erst 
in  der  Schmelzhitze  aus  dem  Satze,  aus  dem  Gemenge  ihrer  Rohstoffe,  hervor- 
gehen, zum  anderen,  dag  dieserSatz  an  sich  unbildsam  ist  understimgcschmolze- 
nen  Zustande  Einheitlichkeit  und  Gestaltungsfähigkeit  gewinnt.  Als  Grundstoff 
dient  die  Kieselerde  meist  in  Form  von  Quarzsand;  als  Flugmittel  Kali,  Natron, 
Kalk  oder  Bleioxyd  in  Form  von  Pottasche,  Soda,  gebranntem  Kalk,  Kreide.  Blei- 
glätte oder  Mennige;  als  Entfärbungsmittel  Salpeter  oder  Arsenik,  als  Färbemittel 
ein  Metalloxyd.  Die  Glasmasse  wird  in  den  Häfen  des  Ofens  bei  groger  Hitze  ge- 
schmolzen und  in  zähflüssigem  Zustande  als  Hohlglas  [Abb.  17 1  vor  der  Pfeife 
geblasen,  oder  in  dünnflüssigem  Zustande  zu  Walz-  und  Pregglas  verarbeitet  und 
zu  Schleifglas  gegossen.  Tafelglas  stellt  man  sowohl  aus  Hohlglas  wie  aus  Walz- 
glas her;  manche  Gruppen  des  Hohlglases  unterwirft  man  später  einer  weiteren 
Verarbeitung  vor  der  Lampe,  wie  z.  B.  Glasröhren,  oder  demÄtzen  und  Schleifen, 
wie  Becher  und  Flaschen  |  Abb.  18].  FarbigeGläser  bilden  den  Ausgangspunkt  für 
drei  besondere  Zweige  des  Kunstgewerbes,  insofern  als  dickes  Tafelglas  |  Glas- 
kuchen] durch  Zerschlagen  die  Würfel  für  die  Glasmosaik,  dünneres  Tafelglas 
durch  Zerschneiden  die  Scheiben  für  die  Glasmalerei  und  Kunstverglasung,  und 
leichtflüssige,  gepulverte  Gläser  die  Farben  für  den  Schmelz,  das  Email  abgeben. 
Die  Glasmosaik  kittet  ihre  Würfel,  Stifte  oder  Steine  auf  Flächen  zu  mannigfaltigen 
Mustern  und  bildlichen  Darstellungen  zusammen;  die  Glasmalerei  verbindet  ihre 
auf  der  Oberfläche  bemalten,  die  Kunstverglasung  ihre  in  der  Masse  gefärbten 
Scheiben  durch  Bleiruten  zu  farbigen  Fenstern;  die  Schmelztechnik  endlich  trägt 
die  gepulverten,  mit  einem  Bindemittel  verriebenen  Emailgläser  auf  Flächen  auf 
und  brennt  sie  ein.  Ähnlich  verfährt  die  Glasmalerei  auf  Hohlglas  und  die  Malerei 
auf  Erzeugnissen  der  Kunsttöpferei.  D 

Die  beiden  hervorstechendsten  Eigenschaften  des  Glases  sind  seine  Durch- 
sichtigkeit und  sein  Lichtbrechungsvermögen,  sein  Glanz.  Bleifreie  Gläser  haben 
schwächeren  Glanz  und  grögere  Härte,  bleihaltige  sind  weich  aber  glänzend.  Zu 
jenen  gehören  das  gewöhnliche  grüne,  halbweige  und  weige,  d.  h.  farblose  Hohlglas, 
das  Scheiben-,  Fenster-,  Krön-  und  Spiegelglas,  zu  diesem  das  Flint-  und  Kristall- 
glas, der  Strag  und  der  Schmelz.  D 

Auch  hier  im  Glase  treten  neben  den  Hauptberufen  des  Glasbläsers  zahlreiche 
andere  auf,  die  der  Glasschneider  und  -Schleifer,  der  Glasätzer  und  -nialer,  der 
Glaser,  Schmelz-  und  Mosaikkünstler.  D 

3.  DIE  ARBEITSGEBIETE  DES  KUNSTGEWERBES 
umschliegen  eine  so  vielgestaltige  Welt,  dag  eine  kurze  Übersicht,  wie  die  folgende, 
die  hauptsächlichen  Formen  aus  Vergangenheit  und  Gegenwart  zusammen  nennen 
mug.  Unter  den  Gebieten,  die  ihr  Material  räumlich  gestalten,  ohne  seinen  festen 
Zustand  zu  ändern,  nimmt  das  MOBILIAR  die  erste  Stelle  ein.  Es  bietet  den  wich- 
tigsten Teil  für  die  Ausstattung  des  Hauses  dar.  All  die  verschiedenen  Möbel,  die 
Sitz-  und  Liegemöbel,  wie  Stuhl  und  Sessel,  Armstuhl  und  Bank,  Tisch  und  Tafel, 

15 


D  Abb.  8:  Kolo  Moser,  Plakat  D 

Wiege,  Bett  und  Sofa,  weiterhin  die  Kastenmöbel  wie  Truhe,  Schrein,  Schrank. 
Kommode,  Schreibpult,  Anrichte,  Büffet,  Gehäuse  von  Standuhren,  Klavieren  und 
Orgeln,  endUch  die  Rahmenmöbel,  wie  Spiegel-  und  Bilderrahmen,  sie  alle  ge- 
hören zu  diesem  großen  Gebiete.  Nicht  minder  die  Türen  und  Wandbekleidungen, 
die  Erker  und  sonstigen  Einbauten  der  Zimmer,  die  Gestühle  und  Schranken,  die 
Kanzeln  und  Betpulte  der  Kirchen.  Fürwahr  eine  gewaltige  Fülle  von  Einzel- 
formen, aber  alle  von  einem  gemeinsamen  Grundgedanken  beherrscht:  von  dem 
rhythmischen  Aufbau,  von  der  harmonischen  Gliederung  der  kubischen  Massen. 
Diese  TEKTONIK  ist  die  Hauptsache  im  Möbel.  D 

Die  Grundform  der  Möbel,  die  als  Sitz-,  Liege-  und  Kastenmöbel  das  Wesent- 
liche unserer  Zimmereinrichtung  bilden,  ist  der  über  einem  Rechteck  als  Grund- 
fläche aufwachsende  Pfeiler,  also  das  vierseitige  Prisma.  Es  erscheint  voll  ausge- 
bildet in  den  Schrankmöbeln,  zum  größeren  Teil  auf  die  Rahmenhölzer  beschränkt 
in  den  Sitzmöbeln.  Ob  dabei  ein  Schrank  mit  seiner  Fläche  demFugboden  aufsteht 
oder  wie  ein  Tisch  nur  mit  vier  Beinen,  ist  unwesentlich.  Denn  der  gesamte,  von 
denFüßen  umspannte  Teil  des  Fußbodens  dient  hie  wie  da  als  Tragfläche.  Für  den 
Beschauer  füllt  auch  der  Tisch  den  ganzen  Raum  zwischen  Tragfläche  und  Platte. 
Gleicherweise  ergeht  es  uns  mit  dem  Stuhl;  wir  ergänzen  im  Geist  den  von  Beinen 
und  Sitz  umrahmten  Raumpfeiler  so  unwillkürlich,  daß  uns  die  Lehne  ähnlich  wie 
ein  Schrankaufsatz  als  Übergang  in  den  freien  Raum  erscheint.  n 

Die  vierseitige  Pfeilerform  des  Möbels  beruht  sowohl  darauf,  daß  die  vor- 
wiegend rechteckig  begrenzten  Werkhölzer,  nämlich  diePfosten  undBretter,  sich 
im  rechten  Winkel  am  leichtesten  mit  einander  verbinden  lassen,  als  auch  darauf, 
daß  der  rechtwinklige  Aufbau  den  Raum  am  besten  auszunutzen  gestattet.  Daher 
sind  grundsätzlich  anders  gestaltete  Möbel  weniger  häufig,  wenngleich  einzelne 
Zeiten  dadurch,  daß  sie  ihre  Möbel  schweifen  und  ausbuchten,  im  allgemeinen  von 
j  ener  Grundform  abweichen.  Dabei  verdecken  sie  allerdings  auch  das  Konstruktive 
des  Aufbaues,  das  im  Möbel  von  Rechts  wegen  stets  erkennbar  bleiben  muß:  was 
ist  Stütze  und  was  ist  Träger,  welche  Teile  dienen,  senkrecht  stehend,  als  Stützen 
und  welche  dienen,  wagerecht  liegend,  als  Träger.  Dieses  beides  zu  betonen,  ist 
eine  wesentliche  Aufgabe  der  Tektonik.  □ 

Wie  innig  das  Tektonische  des  Möbels  mit  seiner  Farbe  und  seinem  Platze  im 
Innenraume  des  Hauses  zusammenhängt,  das  festzustellen,  ist  Aufgabe  der  RAUM- 

16 


D  Abb.  9:  Aus  dem  Schloggarten  zu  Veitshöchheim  D 

KUNST.  Sie  hat  das  Mobiliar  mit  den  Begrenzungsflächen  des  Innenraumes,  mit 
Fugboden,  Wand  und  Decke  in  Einklang  zu  bringen,  nicht  nur  mit  deren  Größe  und 
Gestalt,  sondern  auchmit  ihrerFarbe  undUnterbrechungdurchFensterundTüren. 
Sie  hat  zu  ermessen,  wie  und  woher  sich  Tageslicht  und  künstliches  Licht  über  den 
Raum  und  seinen  Inhalt  breiten  sollen,  sie  hat  alles  andere,  was  zur  Ausstattung 
des  Raumesdient,  einschlieglichderdekorativenMalereiundPlastik,  indenAkkord 
des  Ganzen  einzufügen.  Alles  das  faßt  sie  zusammen  um  dem  Innenraume  seinen 
Rhythmus  und  seine  Stimmung  zu  geben.  Darum  bildet  sie  ein  Gebiet  des  Kunst- 
gewerbes für  sich,  ein  Gebiet,  in  dem  gleichsam  wie  in  einem  Angelpunkte  sämt- 
liche Einzelgebiete  zusammenwirken.  D 
Vom  Mobiliar  führt  ein  leicht  ersichtlicher  Übergang  zum  KLEINGERÄT  aus 
Holz,  Elfenbein,  Knochen,  Hörn,  Schildpatt,  Perlmutter  und  zu  den  Arbeiten  aus 
Stein  und  Gestein.  Hierher  gehört  die  Mehrzahl  der  kleineren  Gegenstände,  die 
als  Geräte  zum  täglichen  oder  festlichen  Gebrauche  oder  als  Zierat  zum  Schmucke 
derKleidung  oder  Wohnräume  dienen.  Da  sind  ausHolz  die  Sand-undWanduhren, 
die  Schmuckkassetten  und  Arbeitskästchen,  die  Spinnräder  und  Wergrocken,  die 
Mangelbretter  und  Wäschehölzer,  die  Salzkästen  und  Gewürzschränkchen,  die 
Kuchenformen,  die  Stickrahmen,  Garnwinden  und  Garnknäuel,  die  Büchsen  und 
Dosen,  die  Tintenzeuge  undFederkästen,  dieKämme  undHandspiegel  und  endlich 
die  Porträtmedaillons.  An  Holzgeräten  endlich  betätigt  sich  auch  häuslicher  Kunst- 
fleig.  — Aus  Elfenbein  schnitzt  man  Schreibtafeln,  Buchdeckel  und  Büchsen,  Krüge 
und  Humpen,  Reliefs  und  Figuren.  Die  Drechsler  drehen  daraus  die  zierlichsten 
Geräte  und  Zierstücke,  Schachfiguren,  Geräte  für  den  Schreib-  und  Toilettentisch, 
Hefte  für  unsere  Eßbestecke.  In  ähnlicher  Weise  werden  Knochen  und  Geweihe 
benutzt.  Hörn,  Schildpatt  und  Perlmutter  ergeben  Dosen,  Kämme,  Fächer  und 
Knöpfe;  Nautilusschalen,  Straußeneier  und  Kokosnüsse  mancherlei  Trinkgefäße, 
wie  sie  schon  das  Hörn  in  seiner  natürlichen  Gestalt  liefert.  All  diesen  Gefäßen 

2  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  17 


gesellen  sich  meist  Arbeiten  der  Edelschmiede  zu,  ähnlich  wie  den  Bestecken  die 
kunstvollen  Erzeugnisse  der  Messerschmiede,  oder  den  Fächern  die  Werke  der 
Federschmücker,  Maler  und  Spitzenklöpplerinnen.  Auch  die  Arbeiten  aus  Stein 
und  Gestein  erscheinen,  wie  schon  früher  betont,  des  öfteren  in  Verbindung  mit 
Erzeugnissen  aus  Metall,  Holz,  Elfenbein  und  Hörn,  also  in  einer  Fassung.  Ist  das 
gefaßte  Erzeugnis  Hauptsache,  so  tritt  die  Fassung  als  Montierung  oder  Montage 
zurück;  ist  die  Fassung  die  Hauptsache,  so  tritt  das  Gefaßte  als  Einsatz  oder  Ein- 
lage zurück.  SelbständigeArbeiten  aus  Halbedelsteinen  und  unedlen  Steinen  zeigen 
sich  uns  alsKreuze,  Ketten,  Perlen,  Dosen,  Schalen,  Knöpfe,  Becher,  Tintenzeuge, 
Federhalter,  Siegelsteine,  Petschafte,  Briefbeschwerer,  Briefkästchen,  Rauchge- 
räte, Amulette,  Leuchter,  Vasen  und  endlich  als  figürliche  Darstellungen  in  Relief 
und  Vollrund.  Aus  Gestein  stellt  man  neben  den  genannten  Gegenständen  auch 
noch  Sitzmöbel  her,  so  Thronsessel,  Ruhebänke  und  Tische.  D 

Wenn  im  Mobiliar  die  Massengliederung  als  das  Wesentliche  erscheint,  wenn 
rechteckigeGrundform,  rechtwinklig  aneinander  stoßendeFlächen  die  Regel  bilden, 
so  tritt  im  Kleingerät  mehr  dasRundliche  undHandliche  hervor,  ohne  daß  sich  da- 
durch die  Grundformen  des  Aufbaues  verwischen  dürfen  [Abb.  16J.  D 

Den  bislang  besprochenen  dreidimensionalen  Gebilden  im  Reiche  der  kunst- 
gewerblichen Gebiete,  die  ihr  Material  im  festen  Zustande  verarbeiten,  stehen  die 
zweidimensionalen  gegenüber.  Zwischen  jenen  kubischen  oder  räumlichen  und 
diesen  planen  oder  flächenhaften  Erzeugnissen  ist  ein  grundlegender  Unterschied 
des  künstlerischen  Gestaltens:  dort  springen  Massen  vor  und  zurück  im  Spiele 
von  Licht  und  Schatten,  hier  treten  Flächen  nebeneinander  im  Spiele  der  Farben; 
dort  wirkt  der  Aufbau,  hier  das  MUSTER.  Rhythmus  aber,  Harmonie  müssen  beide 
besitzen.  Darin  besteht  keine  Verschiedenheit  zwischen  ihnen,  darin  unterstehen 
sie  beide  dem  gleichen,  künstlerischen,  fundamentalen  Prinzipe.  D 

ZweiHauptordnungen  bildet  dieKlasse  dieserFlachgebilde:  dieTextilarbeiten 
und  die  Arbeiten  in  Leder  und  Papier,  jene  die  Gebiete  der  Flechterei,  Wirkerei, 
Weberei  und  Nadelkünste,  diese  die  Gebiete  von  Schrift  und  Druck,  von  Buch  und 
Tapete  umfassend.  In  der  TEXTILKUNST  handelt  es  sich  darum,  langgestreckte, 
dünne,  in  gewissem  Sinne  also  eindimensionale  Gebilde,  nämlich  Stäbe  oder  Fäden, 
dauernd  unter  sich  so  zu  vereinigen,  daß  daraus  ein  zweidimensionales  Erzeugnis, 
nämlich  eine  nach  Länge  und  Breite  zu  messende  Fläche  entsteht,  die  Bahn.  Das 
geschieht  im  Flechten  durch  wechselseitiges  Verschlingen  von  Stäben  oder  Fäden, 
die  an  sich  einander  gleich  laufen,  im  Weben  hingegen  durch  Verschlingen  von 
Fäden,  die  in  zwei  getrennten,  sich  kreuzenden  Richtungen  verlaufen.  Zwischen 
Flechten  und  Weben  bestehen  Übergänge.  So  stellt  das  Wirken  eigentlich  ein 
Flechten  dar,  das  aus  einem  einzigen  fortlaufenden,  oder  einer  Reihe  einander 
gleichlaufenderFäden  Maschen  bildet  und  diese  mit  einander  zur  Fläche  verschlingt. 
Es  führt,  wenn  es  einen  Teil  der  Fäden  festlegt  und  den  anderen  Teil  in  jenen  ein- 
flicht, zur  Weberei.  Die  Weberei  beruht,  wie  schon  betont,  darauf,  daß  zwei  von 
einander  getrennte  Fadensysteme  sich  in  einer  Ebene  unter  ständigem  Vor-  und 
Zurücktreten  der  einzelnen  Fäden  kreuzen  und  so  sich  miteinander  verschlingen. 
Das  Kreuzen  erfolgt  meist  im  rechten  Winkel.  Die  eine  Reihe  der  Fäden  pflegt  der 

18 


Weber  auf  dem  Webstuhle  senkrecht  oder  wagerecht  vor  sich  zu  haben;  sie  heigt 
Kette  oder  Aufzug  undbestehtimmeraus  einer  VielheitvongleichgestelltenFäden. 
Sie  kreuzt  er  mitHilfe  des  Schützen  oderSchiffes  durch  denSchug  oderEinschlag, 
einen  Faden,  der  in  regelmäßiger  Wiederkehr  zwischen  den  im  Wechsel  vor-  oder 
zurücktretendenKettfäden  hin-  und  hergeht.  Das  kann  z.B.  derart  geschehen,  da§ 
er  das  eine  Mal  vor  die  Kettfäden  1,  3,  5,  7  und  hinter  die  Kettfäden  2,  4,  6,  8.  das 
andere  Mal  vor  diese  und  hinter  jene  tritt  und  so  stetig  wechselnd  weiter.  Ganz 
ähnlich  kann  der  Schug  vor  1  und  4,  2  und  5,  3  und  6  der  Kette,  oder  vor  1  und  5, 
2  und  6  usw.  treten.  Kurz,  es  gibt  dieser  BINDUNGEN,  dieser  Arten  des  Kreuzens 
von  Schug  und  Kette  eine  ganze  Menge.  So  spricht  man  in  glatten  Geweben  von 
einer  Leinen-  oder  Taft-,  von  einer  Köper-,  Atlas-,  Gaze-  und  Sammetbindung,  in 
gemusterten  oder  figurierten  Stoffen  hingegen  von  einer  Damast-  und  einer  Muster- 
bindung schlichthin.  In  figurierten  Geweben  läuft  eine  Bindung  nicht,  gleichmäßig 
sich  wiederholend,  durch  die  ganze  Bahn,  sondern  sie  wechselt  nach  dem  Muster, 
nach  der  Figur,  wie  man  in  der  textilen  Kunst  jedes  Muster  ohne  Rücksicht  auf 
seinen  Inhalt  nennt.  Dieser  Wechsel  wird  entweder  nur  durch  entsprechende 
Stellung  der  das  Grundgewebe  bildenden  Fäden  erzielt  [Damastbindung],  oder 
durch  Einweben  besonderer,  von  denen  des  Grundgewebes  getrennter  Schuß- 
oder Kettfäden  [Polfäden].  Sie  heißen  broschiert,  wenn  sie  nur  innerhalb  des 
Musters,  lanziert,  wenn  sie  durch  die  ganze  Bahn  laufen.  Durch  alles  das  und  schließ- 
lich dadurch  noch,  daß  man  gleichzeitigauf  demselbenStuhl  zweioderdreiBahnen 
in  verschiedenen  Bindungen  webt  und  zu  einem  einzigen  Stoffe  vereinigt,  erzielt 
man  einen  außerordentlichen  Reichtum  der  Muster.  D 

Das  MUSTER  überwiegt  Material  und  Bindung  an  kunstgewerblicher  Bedeutung. 
Denn  auf  ihm  beruht  wesentlich  die  Wirkung  des  Erzeugnisses.  Aber  das  Muster 
soll  stets  dekorativen,  flächenhaften  Charakter  besitzen;  textile  Erzeugnisse,  die 
sich  bemühen,  im  Sinne  eines  Gemäldes  bildliche,  körperhafte  Eindrücke  durch  ihr 
Muster  zu  erzielen,  gehen  über  ihren  wahren  Rahmen  hinaus.  Nur  das  dekorative 
Flachbild  kann  einen  Gegenstand  der  textilen  Kunst  abgeben.  In  diesem  Sinne 
unterscheidet  man  Bildmuster  von  fortlaufendem  Muster.  Das  Bildmuster  stellt 
Wesen,  Vorgänge  und  Gegenstände  in  dekorativer  Auffassung  nur  einmal  auf  der 
ganzen  Bahn  dar,  wie  das  z.  B.  die  Bildwirkereien  oder  Gobelins  und  zahlreiche 
Stickereien  tun.  Das  fortlaufende,  wiederkehrende,  Repetitions-  oder  Rapport- 
musterwiederholt  sich  regelmäßig  in  der  Bahn  und  gliedert  dadurch  deren  Fläche 
rhythmisch.  Der  einen  wie  der  andern  Art  von  Mustern  stehen  drei  Ausdrucksmittel 
zu  Gebote,  nach  denen  sich  begreiflicherweise  ihre  künstlerische  Art  richtet:  zum 
einen  der  Wechsel  in  der  Fadenführung  ohne  Mitwirkung  von  Farbe,  wie  z.  B.  in 
den  Damasten,  Musselinen  und  Spitzen,  zum  zweiten  die  vereinte  Wirkung  von 
Farbe  und  Bindung  durch  Einweben  farbiger  Fäden,  wie  z.  B.  in  den  Wirkereien, 
den  farbig  figurierten  Stoffen  und  den  Posamenten,  zum  drittiMi  (Mullich  das  Auf- 
bringen von  Farbe  auf  glatte  Gewebe,  also  ohne  Mitwirkung  von  besoniieren  Bin- 
dungen, wie  z.  B.  in  den  buntget'ärbten  oder  bedruckten  Stoffen.  D 

Die  Wiederkehr  eines  Musters  nennt  man  seinen  RAPPORT.  Es  stellt  jenen 
Ausschnitt  aus  der  gemusterten  Fläche  dar,  der  in  seinei-  regelmäßigen  Wieder- 

2*  19 


n  Abb.  10:  Onyxschale  in  Goldfassung  D  Abb.  11:  Albin  Müller,  Schale  aus  Serpentin  D 

holung  die  Musterung  des  Ganzen  ergibt.  Im  allgemeinen  haben  große  oder  reiche 
Muster  auch  große,  kleine  oder  einfache  Muster  nur  kleine  Rapporte.  Meist  setzt 
sich  ein  Rapport  aus  mehreren  Figuren  zusammen;  ordnen  sich  in  den  Figuren 
oder  Rapporten  gleiche  Einzelteile  um  eine  gemeinsame  Achse,  z.  B.  Tiere  unter 
einemBaume, Blumen  zu  einem  Strauße,  so  stehen  sie  stets  zueinander  imSpiegel- 
bilde,  in  der  SPIEGELKEHRE.  Die  Wirkung  aller,  im  Rapport  gemusterten  Erzeug- 
nisse beruht  vornehmlich  darauf,  daß  dieRapporte  sich  zu  einem  einheitlichen  Ge- 
samteindrucke ungezwungen  aneinander  reihen,  daß  also  ihre  Figuren  nicht  als 
Einzelmuster  hervortreten  oder,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  herausfallen.  D 

Aus  dem  Gesagten  geht  hervor,  welch  große  Bedeutung  das  FÄRBEN  für  die 
Geflechte,  Gewirke  und  Gewebe  besitzt.  Die  natürliche  Färbung  der  Stoffe,  Leinen 
weiß,  Baumwolle  undSeide  gelblich.  Wolle  und  Flechtstoffe  grau,  gelboder  braun, 
ist  nur  in  beschränktem  Umfange  unmittelbar  zu  verwerten.  Sie  ermöglicht  aber 
das  Aufbringen  jeder  Farbe  und  jedes  Farbentones.  Je  nach  Erfordern  färbt  man 
im  Garne  oder  im  Stück,  im  Stabe  oder  im  Geflecht.  Das  Färben  des  Garnes,  d.  h, 
der  Fäden,  mit  dem  das  derFlechtstäbe  übereinstimmt,  ist  von  großerBedeutung, 
denn  es  gestattet  farbige  Muster  während  des  Flechtens,  Wirkens  und  Webens, 
Nähens  und  Stickens  herzustellen.  Das  Färben  derStücke  oder  Bahnen,  kunstge- 
werblich nicht  minder  von  Wichtigkeit,  läuft,  sobald  es  sich  um  ein  Erzeugen  von 
Mustern  handelt,  auf  ein  Aussparen,  Aufmalen  und  Aufdrucken  hinaus.  Das  Färben 
in  der  Lösung  des  Farbstoffes  ist  das  Ursprüngliche;  aus  ihm  entwickelt  sich  das 
einfachste  Aussparen,  das  Abbinden.  Es  erzielt  in  den  abgebundenen  Stellen  un- 
regelmäßige Ring-,  Kreis-  und  Sternmuster.  Das  umständUchere  Verfahren,  das 
Batiken,  deckt  die  nicht  zu  färbenden  Teile  mit  flüssigem  Wachs  zu,  das  nach  dem 
Färben  in  heißem  Wasser  wieder  ausschmilzt.  Das  Aufmalen  der  Muster  erklärt 
sich  von  selbst;  seine  vereinfachte  Form  stellt  das  Schablonieren  dar,  das  im  we- 
sentlichen aus  dem  Aufpinseln  des  in  Olpappe  u.  dgl.  geschnittenen  Musters  be- 
steht. DerDruck,  allgemein  alsZEUGDRUCK  bezeichnet,  führt  dasAussparenund 
Aufmalen  auf  die  einfachste,  mechanische  Wiedergabe  zurück,  indem  er  im  topi- 
schen Drucke  die  Farbe  unmittelbar  auf  das  Gewebe  bringt,  oder  im  Krappdrucke 

20 


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Abb.  12— 14:  Becher  aus  Kokosnuß  in  Silberfassung  D  Christian  Ferdinand  Morawe,  Schmuck  D  Becher 
□  mit  gravierter  Nautilusschale  D 

dieBeize,  die  bewirkt,  dag  im  darauffolgenden  Färben  dasMuster  sich  entwickelt, 
oder  im  Reservagedruck  das  Deckmittel,  das  im  Färben  das  Muster  ausspart  usw. 
In  allenFällen  druckt  man  mit  Formen,  sei  es  mit  der  Hand  im  Modeldruck,  sei  es 
mit  der  Maschine  im  Platten- oder  Walzendruck.  —  Für  manche  Zwecke  der  Webe- 
rei mustert  man  übrigens  auch  bereits  das  Garn  durch  Abbinden  oder  Bedrucken. 

Wie  bereits  angedeutet,  scheiden  sich  die  Gebiete  der  textilen  Kunst  nicht 
scharf  von  einander,  auch  nicht  die  hier  inBetracht  kommenden,  kunstgewerblich 
wichtigen.  Das  FLECHTEN  von  Matten,  Decken  und  Bezügen  aus  Grashalmen, 
Stroh,  Bast  und  Rohr  ist  nicht  wesentlich  verschieden  von  dem  Korbflechten,  das 
aus  biegsamen  Zweigen,  Blattrippen,  Wurzeln  und  Spaltstreifen  von  Stengeln 
Hohlkörper  herstellt,  z.  B.  Körbe,  Kober.  Köcher,  Schwingen,  Schalen,  Futterale 
und  Kästen.  Immer  handelt  es  sich  um  dasErzeugen  vonFlächen,  dort  von  ebenen, 
hier  von  gekrümmten.  Neben  demFlechten  aus  freierHand  erscheint  das  auf  dem 
Hand-  oder  Maschinenstuhle.  DemFlechten  ist  das  Klöppeln  und  ein  Teil  des  Wir- 
kens zuzurechnen,  ebenso  in  gewissem  Sinne  die  Tüll-  und  Gardinenweberei.     D 

Das  eigentliche  WIRKEN  beruht  auf  demBilden  und  Verschlingen  vonMaschen. 
Dadurch  entstehen  die  bekannten  Wirkwaren,  die  Strümpfe,  Umschlage-  und 
Kopftücher,  die  Trikots  und  englischen  Leder,  die  gefütterten  Tücher  und  die 
Filetwaren.  Man  unterscheidet  in  der  Wirkerei  zwischen  Kulier-  und  Kettenware. 
In  der  Kulierware  geht  ein  einzelner  Faden  —  dem  Schußfaden  der  Weberei 
gleichsam  vergleichbar,  aber  ohne  Kette  auftretend  —  maschenbildond  in  der 
Quere  hin  und  wieder  und  verschlingt  dabei  jede  neue  Masche  mit  einer  der  vor- 
her gebildeten  Reihen;  in  der  Kettenware  verschlingen  zahlreiche  nebeneinander 
laufende  Fäden  —  die  sich  den  Kettfäden  der  Weberei  vergleichen  lassen,  aber 
ohne  Schußfäden  auftreten  —  ihre  Maschen  mit  denen  der  Nachbarfäden.  Das 
Stricken  gehört  zur  ersten  Gruppe.  Zum  Wirken  rechnet  man  im  Kunstgewerbe, 
nicht  aber  in  der  Technologie,  eine  Art  der  Weberei,  nämlich  das  Kint'lochton  des 
Schusses  in  die  Kette  mit  der  Hand,  wie  es  für  die  bekannten  Bildwirkereien,  die 
Gobelins,  üblich  ist.  Der  auf  eine  Reihnadel  oder  zum  Knäuel  aufgewickelte  Schuß- 


21 


faden  wird  dem  Muster  entsprechend  zwischen  Gruppen  von  Kettfäden  hin-  und 
hergeführt;  es  werden  also  immer  nur  einzelne  Teile  der  Bahn  gewebt.  Diese  als 
Fleckweberei  bezeichnete  Arbeitsweise  ist  notwendig,  weil  die  Bildwirkerei  für 
jede  Farbe,  auch  die  kleinste  Nuance,  einen  besonders  gefärbten  Schußfaden  ver- 
langt. Eine  ganze  Reihe  von  kunstgewerblich  hochwichtigen  Erzeugnissen  geht 
aus  dieser  Arbeitsweise  hervor,  von  den  koptischen  Geweben  angefangen  über 
die  zahlreichen  Arbeiten  der  ländlichen  und  häuslichen  Textilkunst,  wie  Stuhl- 
und  Kissenbezüge,  Rücklaken.  Ziertücher  und  Teile  der  Tracht  bis  zu  den  berühm- 
ten Gobelins,  den  Wandteppichen.  D 

Für  das  WEBEN  bedient  man  sich  allgemein  des  Webstuhles.  Zwischen  den 
senkrecht  oder  in  der  Regel  wagerecht  gespannten,  wechselsweise  je  nach  Art 
der  Bindung  zum  Fache  sich  öffnenden  Kettfäden  geht  der  aufgespulte,  im 
Schützen  liegende  Einschlagfaden  hin  und  her.  Das  Muster  der  für  uns  wichtigen 
figurierten  Stoffe  erzielt  man  dadurch,  daß  man  die  durch  Litzen  oder  andere 
Vorrichtungen  geführten  Kett-  und  Polfäden  in  der  geforderten  Zahl  und  Gruppe, 
im  älteren  Handwebstuhle  durch  Fug-  oder  Handbewegungen,  im  neueren  Ja- 
quardstuhle  durch  mechanische  Mittel,  ein-  und  ausschaltet;  außerdem  aber  noch 
sich  mehrerer  und  selbst  zahlreicher  Schützen  bedient,  die  die  verschieden  ge- 
färbten Schußfäden  tragen.  Wenn  nötig,  webt  man,  wie  schon  betont,  den  ge- 
musterten Stoff  gleichzeitig  aus  zwei  Bahnen,  der  Ober-  und  Unterware,  zusam- 
men. Das  geschieht  beispielsweise  im  Weben  seidener  Möbelstoffe;  ja  im  Weben 
von  Teppichen  vereinigt  man  sogar  drei  Bahnen  zu  einer  einzigen.  Auf  besonde- 
ren Flecht-  und  Webstühlen  endlich  entstehen  Bänder,  Borten,  Gardinen  usw.   D 

Die  Zahl  der  Gewebearten  ist  eine  so  große,  daß  eine  Aufführung  nur  die 
allerwichtigsten  nennen  darf.  Aus  Flachs  stellt  man  die  bekannte  Leinwand,  Drell 
und  die  Damaste  unserer  Tischzeuge  her.  Die  Baumwolle  dient  als  Grundstoff  für 
Musselin,  Tarlatan  und  andere  undichte,  für  Kattun,  Nanking  und  andere  dichte 
Stoffe,  des  weiteren  aber  noch  für  Gaze  undKongreßstoff,  für  Kretonne,  Satin,Pikee 
und  Manchester,  den  bekannten  Baumwollensammet.  Kattun,  Kretonne  und  Man- 
chester sind  die  Hauptträger  des  Zeugdruckes.  Endlich  gibt  man  der  Baumwolle 
durch  Appretieren  Ähnlichkeit  mit  Wolle  und  durch  Mercerisieren  große  Ähnlich- 
keit mit  Seide.  Aus  Wolle  entstehen  Streichgarn-,  Kammgarn-  und  Möbelstoffe.  Im 
Streichgarn  ist  die  Wolle  kraus  und  kurz,  im  Kammgarn  gestreckt  und  lang  ver- 
sponnen; zu  den  Möbelstoffen  rechnet  man  kurzerhand  jedes  großgemusterte 
Wollengewebe.  Streichgarnstoffe  sind  Tuch,  Kaschmir,  Fries,  Velours,  Flanell  und 
Buckskin;  Kammgarnstoffe  Kamelott,Krepp,Wollrips,  Wollatlas,Serge,  sowie  Rock- 
und  Hosenzeuge;  Möbelstoffe  sind  die  Vorhang-  und  Bezugstoffe,  die  Teppiche 
und  Gobelins,  die  Tapestries  usw.  Aus  Seide  endlich  webt  man  Taffet,  Atlas,  Rips, 
Sammet,  Plüsch  und  andere  glatte  Stoffe,  sowie  die  überaus  reiche  Fülle  der  ge- 
musterten Stoffe  für  unsere  Kleidung  und  für  die  Ausstattung  unserer  Wohnungen. 

Mit  dem  Flechten  im  Zusammenhange  steht  das  KNÜPFEN.  Um  zu  verhindern, 
daß  sich  gewebte  Stoffe  am  Anfang  und  Ende  der  Bahn  wieder  lockern,  muß  man 
die  Kettfäden  verknoten.  Nichts  liegt  näher,  als  diese  Fäden  unter  sich  weiter  zu 
verschlingen  und  so  die  geschlossene  Fläche  des  Stoffes  in  einer  dem  Auge  wohl- 
22 


tuenden  Form  allmählich  in  den  freien  Raum  überzuführen.  Im  Laufe  der  Zeit 
gehen  daraus  die  Spitzen  und  namentlich  die  POSAMENTEN  hervor,  in  denen 
sich  allerdings  gewöhnlich  mehrere  verschiedene  Arbeitsweisen  begegnen,  so 
in  Litzen,  Borten  und  Tressen  das  Knüpfen,  Klöppeln  und  Weben,  in  Gold-,  Silber- 
und Seidenfäden  das  Umspinnen,  in  Schnüren  und  Gimpen  das  Drehen,  Flechten 
und  Spinnen,  in  Troddeln,  Quasten,  Franzen  und  Gallons  das  Wirken,  Klöppeln, 
Nähen  undSchürzen.  — EineVerbindungvonKnüpfen  undWeben  zeigen  die  hand- 
geknüpften Teppiche  insofern,  als  sie  mit  zwei  Schußfäden  gleichsam  arbeiten, 
von  denen  der  erste,  in  kleine  Stücke  zerschnitten,  immer  um  zwei  Fäden  der 
senkrecht  aufgebäumten  Kette  als  Noppe  geschlungen  oder  geknüpft  und  durch 
den  zweiten,  über  die  ganze  Breite  der  Bahn  laufenden  unzerteilten  Schußfaden 
festgelegt  und  von  der  nächsten  Noppenreihe  getrennt  wird.  Die  eingeknüpften 
Fäden  bilden  den  FLOR  des  Teppichs,  den  man  in  den  Maschinenteppichen  und 
ähnlich  auch  im  Sammet  durch  Einweben  einer  besonderen  Kette  erzielt.  Sie  legt 
man  zwischen  jedem  Schuß  überStäbe [dieRuten]  und  schneidet  die  so  gebildeten 
Schleifen  später  auf.  □ 

Dem  Flechten  und  Knüpfen  verwandt  ist  das  KLÖPPELN  und  NÄHEN  von 
SPITZEN.  Hier  wie  dort  flicht,  schlingt  und  zwirnt  man  die  auf  Klöppel  aufgespul- 
ten oder  in  Nadeln  eingefädelten  Fäden  zu  kunstvollen  Gebilden  zusammen,  die 
man  als  Grund-  und  Guipurespitzen  zu  trennen  pflegt,  je  nachdem  ein  gleichmäßig 
gearbeiteter  Grund  [Reseau]  oder  nur  einzelne  Stege  das  Muster  tragen.  An 
Kunstwert  abnehmend  schließen  sich  daran  die  gestickten  und  die  gehäkelten 
Spitzen.  Das  Material  der  Spitze  ist  vorwiegend  der  feine,  feste,  leinene  Faden,  an 
dessen  Stelle  nur  vereinzelt  Seiden-  oder  Metallfäden  treten.  Deshalb  erscheint 
die  Spitze  auch  vorwiegend  weiß  und  eigentlich  nur  in  der  Volkskunst  farbig.     D 

Die  NADELKÜNSTE,  wie  man  die  Stickereien  und  andere  ähnliche  Arbeiten 
zusammenfassend  bezeichnet,  bedecken  glatte  Gewebe  mitMustern.  Das  Gewebe 
trägt,  wenn  es  auch  im  allgemeinen  nur  als  Grund  oder  Fond  dient,  zumeist  zum 
künstlerischen  Eindrucke  mit  bei,  wie  z.  B.  in  der  Leinenstickerei,  in  der  Aufnäh- 
arbeit oder  Applikation  und  endlich  in  der  als  Plattstich  bekannten,  meist  in  Seide 
ausgeführten  Stickerei,  die  in  der  Nadelmalerei  zuweilen  an  die  Grenze  des  Vir- 
tuosentums  führt.  Dort,  wo  das  tragende  Gewebe  hinter  der  Nadclarbeit  vollständig 
verschwindet,  wie  in  der  Perlenstickerei  und  in  der  als  Kreuzstich  beliebten  Woll- 
stickerei, erreichen  die  Erzeugnisse  selten  eine  beachtenswerte  Höhe.  D 

Die  Kunst,  den  Menschen  schön  zu  KLEIDEN,  ist  nicht  nur  eine  Kunst  der  Nadel, 
sondern  eine  tektonische,  eine  Kunst  des  Aufbaus.  Denn  sie  hat  unsere  gesamte 
äußere  Erscheinungkünstlerisch  zugestalten.  Darum  ist  diesesGebiet  von  großer 
Bedeutung  für  das  ganze  Kunstgewerbe,  schon  deshalb,  weil  die  Kleidung  des 
Menschen  im  engsten  Zusammenhange  mit  seinem  Wohnräume  steht,  mit  seinem 
zweiten  Kleide.  Die  einzelnen  Schwankungen  der  MODE,  die  dem  Lebenden  oft 
sehr  fühlbar  werden  und  zusammenhanoslos  erscheinen,  lassen  im  Grunde  doch 
niemals  einen  gemeinsamen  Kern  und  ein  gleichmäßiges  Fortsclirciton  vermissen. 
Nur  diese  Hauptzüge  der  Entwicklung  berühren  die  Geschichte  dos  Kunstge- 
werbes, alles  andere  fällt  derTrachtenkundc  und  d(M- Kostümgeschichte  zu.  Beide 

23 


D  Abb.  15:  Gitter  aus  Schmiedeeisen  an  einem  Privathause  in  Prag  □ 

hängen  wieder  mit  der  Kulturgeschichte  zusammen,  für  die  auch  die  Geschichte 
der  festlichen  Dekorationen,  um  das  hier  einzuflechten,  wesentlich  in  Betracht 
kommen.  Allerdings  spielt  auch  in  die  FESTDEKORATION  ein  gutes  Teil  kunst- 
gewerblichen Könnens  mit  hinein.  D 

Die  zweite  große  Ordnung  der  Flächenkunst  umfaßt  die  Gebiete  Schrift,  Papier 
und  Buch,  Tapete  und  Leder.  Auf  getrocknete  Häute  der  Tiere,  auf  abgeschälte 
Bast-  und  Rindenstücke  der  Pflanzen  ritzt  und  malt  der  Mensch  in  vorgeschicht- 
lichen Zeiten  Abbilder  seiner  Umgebung.  Er  lernt  die  Häute  gerben  und  gewinnt 
so  das  Leder,  er  lernt  den  Bast  vermählen  und  gewinnt  so  das  Papier;  beides  er- 
möglicht, daß  sich  aus  jenen  ersten  Anfängen  Schrift  und  Druck, Buch, Tapete  und 
Lederarbeiten  entwickeln.  Für  das  Kunstgewerbe  sind  Leder  und  Papier  Arbeits- 
materialien, die  ihm  das  Gewerbe  liefert,  wie  beispielsweise  auch  die  Metalle.  Es 
führt  aber  Leder  und  Papier  nicht  wie  die  Metalle  in  seinem  besonderen  Arbeits- 
gange aus  einem  Aggregatzustand  in  den  andern,  sondern  es  beläßt  sie  in  der 
Grundverfassung,  in  der  sie  ihm  das  Ge^verbe  darbietet.  D 

Das  PAPIER  ist  der  Träger  der  SCHRIFT.  Im  kunstgewerblichen  Sinne  stellt 
das  Papier  samt  seinen  Vorläufern  und  Ersatzmitteln  wie  Pergament,  Bastrollen 
und  Gewebestreifen,  eine  Fläche  dar,  die  durch  die  Schrift  dekorative  Gliederung 
erfährt.  Deshalb  muß  die  Schrift,  mag  sie  aus  der  Feder  oder  aus  der  Buchdruck- 
form hervorgehen,  nicht  nur  selbst  schön  wirken,  sondern  auch  so  auf  die  Seite 
verteilt  sein,  daß  die  ganze  Fläche  einen  wohltuenden,  in  Licht  und  Dunkel  har- 
monisch gegliederten,  in  sich  abgeschlossenen  Eindruck  hervorruft.  Dazu  trägt 
das  Papier  selbstverständlich  mit  bei.  Wie  Schrift  und  Papier  in  Form  und  Farbe 
zu  einander  stehen,  wie  die  Schrift  sich  dem  Auge  darbietet,  wie  das  Papier  sich 

24 


Abb.  16— 18:  Drechslerarbeil  aus  Holz  D  Venetianische  Kanne  aus  Netzglas  D  Böhmischer  Pokal  aus 
□  Schleifglas  D 

anfühlt,  wie  der  Satz  einer  Seite,  der  sogenannte  Spiegel,  uns  anspricht,  wie  ein 
aufgeschlagenes  Buch  aussieht,  das  ist  nicht  minder  wichtig  als  die  Klarheit, 
Schönheit  und  LeserUchkeit  der  einzelnen  Buchstaben  und  Wortbilder  einerseits, 
der  kleinen  und  großen,  der  Text-  und  Auszeichnungsschriften  andererseits.  Was 
gleichwertig  mit  der  Schrift  als  Inhalt  der  Seite  erscheint,  wie  Zieraten  und  Ab- 
bildungen, mug  sich  ebenfalls  dem  Gesamtcharakter  der  Seite  einfügen.  Aller 
Buchdruck  ist  Hochdruck,  von  Lettern  genommen,  deren  Schriftzeichen  hoch- 
stehen, so  dag  nur  sie  Farbe  annehmen  und  an  das  Papier  abgeben.  Darum  glie- 
dern sich  Bilder,  die  im  Hochdrucke  von  Holzschnitten  und  Zinkätzungen  gleich- 
zeitig mitkommen,  besser  in  den  Charakter  der  Schriftseite  ein  als  Bilder,  die  in 
Tiefdruck  von  gestochenen  oder  radierten  Kupferplatten,  oder  in  Flachdruck  von 
lithographischen  Steinen  durch  einen  zweiten  Arbeitsgang  erst  hinzutreten.  Das 
gleiche  gilt  von  den  neueren  Verfahren  des  Tief-  und  Flachdruckes,  der  Helio- 
gravüre und  dem  Lichtdrucke,  sowie  von  dem  Farbendruck,  der  sowohl  als  Hoch- 
druck wie  als  Tief-  und  Flachdruck  möglich  ist.  Aus  ähnlichen  Gründen  passen 
gemalte  Miniaturen  und  Initialen  besser  zur  geschriebenen  als  zur  gedruckten 
Schrift.  In  diesem  Sinne  hat  sich  das  Kunstgewerbe  mit  dem  BILDDRUCKE,  mit 
der  graphischen  Kunst  und  Reproduktion,  zu  befassen.  □ 

Schrift  und  Buch  hängen  innig  zusammen.  Wenn  das  BUCH  auch  ein  drei- 
dimensionales Gebilde  ist,  so  arbeitet  es  doch  seinem  kunstgewerblichen  Wesen 
nach  fast  nur  mit  Flächen,  nämlich  mit  den  Einbanddecken,  dem  Rücken,  den  Vor- 
sätzen, dem  Schnitte.  In  ihnen  entwickelt  die  Buclibindekunst  ihr  höchstes  Können. 
Papier,  Pappe.  Kaliko,  Leinen,  Pergament  und  Lcder  sind  die  Hauptmaterialien, 
aus  denen  sie  unter  sorgfältigem  Abwägen  von  Beschaffenheit  und  Farbe  das  Buch 
und  seine  Flächen  gestaltet.  Gleich  den  Erzeugnissen  derBiiclibindcroi  entstehen, 
oft  genug  durch  dieselbe  Hand,  jedenfalls  immer  aus  denselben  Stoffen  und  unter 

25 


demselben  kunstgewerblichen  Gesichtspunkte  die  GALANTERIEARBEITEN,  die 
Rollen.  Mappen,  Kassetten  undKästen,  dieKartonagen  undAttrappen,  diePackun- 
gen  und  Papierwaren.  □ 

Vielfach  bildet  für  diese  Arbeiten  schon  das  Leder  allein  den  Arbeitsstoff.  Aus 
ihm,  weiggar  oder  lohgar,  gefärbt  oder  ungefärbt,  fertigen  die  Täschner,  Porte- 
feuille- und  Lederarbeiter  ihre  Taschen  und  Börsen,  Mappen  und  Kassetten.  Ge- 
wig handelt  es  sich  dabei  oft  um  kubische  Gebilde;  allein  sie  kommen,  wenn  sie 
nicht  aus  sehr  kräftigem,  hartem  Leder  bestehen,  meist  nur  mit  Hilfe  tragender 
Stoffe  zustande,  wie  Pappe,  Holz  oder  Metall.  Denn  dasweicheLedervermagsich 
nicht  selbst  zu  tragen,  es  lagert  sich  immer  alsFläche  auf  andere  Flächen,  ist  daher 
auch  immer  nur  einer  Flächenbearbeitung  durch  Färben,  Bemalen,  Schneiden. 
Treiben.  Prägen,  Auf-  und  Einlegen  zugänglich.  Durch  das  Prägen,  sowie  durch 
Schneid-  und  Treibarbeit,  gewinnt  es  ein  Flachrelief,  wie  es  kunstvoll  gefertigte 
Sättel  und  Zaumzeuge,  Schilde,  Helme,  Stuhlbezüge  und  Tapeten  zeigen.  D 

Die  TAPETE  bekleidet  die  Wände  unserer  Wohnungen.  Ursprünglich  haben 
dafür  Gewebe  gedient,  dann  hat  sich  das  Leder  zugesellt,  schließlich  aber  hat  das 
Papier,  erst  in  Bogen,  dann  in  Rollen,  seine  Vorgänger  zum  größten  Teil  abgelöst. 
Schabloniert,  oder  mit  der  Hand  von  Modeln,  oder  mit  Maschinen  von  Platten  und 
Walzen  gedruckt,  erscheint  die  Tapete.  Neben  sie  treten  Wandbekleidungsstoffe 
aus  Pappe  und  verwandten  Materialien.  Stoff,  Farbe  und  Muster  der  Tapete  unter- 
liegen den  Grundsätzen,  die  für  die  Erzeugnisse  der  Textilkunst  gelten. D 

Die  Arbeitsgebiete  des  Kunstgewerbes,  die  ihr  Material  aus  dem  festen  in  den 
weichen  oder  flüssigen  Aggregatzustand  überführen  müssen  um  sie  gestalten 
zu  können,  bilden  das  große  Reich  der  HEISSARBEIT.  Es  zerfällt  in  die  beiden 
Klassen  der  Metallik  und  der  Keramik,  jene  der  Verarbeitung  der  edlen  und  un- 
edlen Metalle,  diese  der  Verwertung  des  Tones  und  Glases  gewidmet.  D 

Die  Klasse  METALLIK  scheidet  sich  nach  den  wichtigsten,  für  die  Verarbeitung 
bedeutsamsten  Eigenschaften  ihrer  Materialien  in  zwei  Ordnungen.  In  der  einen 
werden  die  Arbeiten  vereinigt,  die  geschmiedet  und  gegossen  werden,  in  der  an- 
deren diejenigen,  die  vorwiegend  nur  geschmiedet  oder  nur  gegossen  werden. 
Jene  umfaßt  zwei  Gebiete,  nämlich  die  Geräte  und  den  Schmuck  aus  edlem  Me- 
tall; diese  drei  Gebiete,  nämlich  den  kunstgewerblichen  Arbeitsbereich  des  Eisens, 
den  des  Kupfers  und  seiner  Legierungen,  sowie  den  des  Zinns  und  der  ihm  nahe- 
stehenden Metalle  und  Metallgemische.  D 

Das  Gebiet  der  GERÄTE  AUS  EDLEN  METALLEN  wird  gemeinhin  nach  sei- 
nen Hauptstoffen  als  GOLD  UND  SILBER  bezeichnet.  Zu  ihm  rechnen  die  Geräte, 
deren  sich  die  Kirche  zu  ihren  feierlichen  Handlungen  bedient,  die  Altarleuchter 
und  Monstranzen,  die  Reliquienbehälter  und  Kußtafeln,  die  Weihrauchfässer  und 
Weihwasserkessel,  die  Hostienbehälter  und  Kelche,  die  Taufbecken  und  -kannen, 
die  Altar-  und  Vortragekreuze.  Für  das  weltliche  Leben  schafft  das  Gebiet  noch 
viel  mehr:  Schüsseln  und  Kannen,  Becken  und  Schalen,  Teller  und  Platten,  Krüge 
und  Humpen,  Becher  und  Flaschen,  Näpfe  und  Büchsen,  Tafelaufsätze  und  Tafel- 
leuchter, Kellen  und  Löffel,  Messer  und  Gabeln,  Riechfläschchen  und  Dosen,  Be- 
schlagstücke und  Kästen,  Taschenuhren  und  Stockgriffe,  Standuhren  und  Spiegel, 

26 


ausnahmsweise  selbst  Thronsessel  und  ganze  Mobiliare.  Dem  Wesen  des  Arbeits- 
stoffes entsprechend  ist  das  aus  ihm  gefertigte  Gerät  immerauf  das  vollkommenste 
ausgebildet;  es  will  die  Schönheit  und  Kostbarkeit  des  Materials  ebenso  zeigen 
wie  die  Kunst  seines  Urhebers.  Die  auf5erordentliche  Gestaltungsfähigkeit  der 
edlen  Metalle,  ihre  ausgezeichnete,  nur  ihnen  eigene  Farbe,  weiter  die  Möglich- 
keit, ihre  Flächen  stumpf  oder  glänzend  erscheinen  und  dadurch  ein  hervorragen- 
des Spiel  der  Lichter  und  Schatten  erstehen  zu  lassen:  all  das  führt  zu  edlen,  wohl- 
abgewogenen, schwungvollen  Formen  und  reicher,  mannigfaltiger  Gliederung. 
Zu  Hilfe  kommen  Edelsteine,  Schmelz,  Niello  und  Filigran,  das  eine  wie  das  andere 
bestrebt,  den  Eindruck  des  Kunstreichen,  Wertvollen,  Edlen  zu  erhöhen.  D 

Neben  diese  Geräte  tritt  der  SCHMUCK.  Zu  ihm  gehören  nicht  nur  die  Klein- 
ode und  Spangen,  die  Anhänger  und  Fürspane,  die  Ohrringe  und  Fingerreifen, 
die  Arm-  und  Halsketten,  die  Nadeln  und  Gewandknöpfe,  die  Vorstecker  und 
Miederzierden,  die  Broschen  und  Agraffen,  die  Gürtelgehänge  und  Uhrketten, 
sondern  auch  sämtliche  Abzeichen  von  Amt  und  Würde,  wie  Diademe  und  Kro- 
nen, Amtsketten  und  Orden,  Zepter  und  Reichsapfel,  Feldherrnstäbe  und  Bischofs- 
stäbe,Fürstenschwerter  und  Rittersporen.  Denn  Schmuck  und  Amtszeichen  haben 
denselben  Zweck:  sie  sollen  ihren  Träger  zieren,  ihn  vor  anderen  herausheben, 
auf  ihn  den  Blick  lenken.  Deshalb  auch  ihre  Materialien  die  allerkostbarsten,  Gold, 
Silber,  Platin,  Edelsteine  und  Schmelz;  deshalb  auch  die  auf  sie  verwandte  Arbeit 
die  sorgfältigste  und  feinste ;  deshalb  ihre  Form  so  vollendet  als  möglich,  ihre  Farbe 
auffallend, ihr  gesamterEindruck  ein  fesselnder,strahlender,berückender.  Immer 
erscheinen  sie  nur  an  den  Stellen  des  Trägers,  auf  deren  Schönheit  der  Blick  ge- 
lenkt, oder  deren  Bedeutung  für  den  Eindruck  der  Persönlichkeit  erhöht  werden 
soll.  Daher  ihre  Gestaltung  als  Ring-,  Ketten-,  Nadel-,  Hänge-  und  Besatzschmuck. 

Die  Arbeiten  aus  EISEN  umschlielien  sowohl  die  aus  Schmiedeeisen  wie  die 
aus  Stahl  und  Gußeisen.  Von  jeher  haben  die  Waffenschmiede,  die  Plattner  und 
Schwertfeger,  die  Büchsenmacher.  Klingenschmiede  und  Sporermeister  es  ver- 
standen, in  ihren  Harnischen,  Helmen  und  ganzen  Rüstungen,  in  ihren  Schwertern 
und  Dolchen,  Streitkolben  und  -äxten.  in  ihren  Musketen  und  Pistolen,  Flinten  und 
Büchsen,  Degen  und  Pallaschen,  Hirschfängern  und  Nickern,  Sporen,  Steigbügeln 
und  Gebissen,  Schnallen  und  Geschirrbeschlägen  kunstvolle  Arbeit  zu  entfalten. 
Noch  viel  mehr  gilt  das  vom  Werk  der  Kunstschmiede  und  Kunstschlosser,  von 
den  Gittern  und  Geländern,  den  Türen  und  Türbeschlägen,  den  Klopfern  und 
Schlössern,  den  Leuchtern  und  Grabkreuzen,  Wand-  und  StraluMiarmen,  Schil- 
dern und  Trägern,  Wetterfahnen  und  Dachtraufen,  Feuerhaken  untl  Waffeleisen, 
Schrank-  und  Kastenbeschlägen,  Schmuck-  und  Geldkassetten.  Selbst  die  Messer- 
schmiede stehen  nicht  zurück  im  kunstgerechten  Durchbilden  ihrer  Ef^bestecke. 
ihrer  Scheren  und  sonstigen  Sticli-  und  Schneidewerkzeuge.  Dem  Wesen  aller 
dieser  Arbeiten  liegt  die  ausgezeichnete  Schmiedbarkeit  des  Eisens  zugrunde. 
Diese  Schmiedbarkeit  wächst  mit  der  Abnahme  des  Kohlenstoffgehaltes;  Roh- 
oder Gußeisen  von  6 — 2"  ,1  Kohlenstoff  ist  nicht  schmiedbar,  Stahl  von  weniger 
als  2  — 0,5"/i,  und  Schmiedeeisen  von  0,5  0,05"  ,,  Kohlenstoff  lassen  sich  schmie- 
den und  schweißen.    Mit  dieser  Schmiedbarkeit  vorbinden  sich  große  Härte  und 


Festigkeit;  daher  entstehen  aus  Stahl  und  Eisen  vornehmlich  Erzeugnisse,  die 
stets  denEindruck  des  Schlanken  und  Lichten,  Scharf  umrissenen  und  wie  spielend 
Gestalteten  hervorrufen  ohne  den  Charakter  des  Festen,  Harten,  Widerstands- 
fähigen zu  verlieren  [Abb.  15J.  Dabei  gestattet  die  Möglichkeit,  Eisen  und  Stahl 
auch  kalt  zu  schneiden  und  zu  treiben,  das  Herstellen  feinster  Kleinarbeit.  Ganz 
anders  das  Gußeisen.  Es  fliegt  in  seine  Form,  ergibt  daher  immer  nur  schwere, 
massige  Gestalten  mit  unscharfen  Umrissen  wie  Ofenplatten,  Säulen  und  Ständer, 
oder  Kleingeräte  wie  Leuchter,  Schalen  und  Tintenzeuge.  □ 

Das  KUPFER  UND  SEINE  LEGIERUNGEN  bilden  im  gewissen  Sinne  das 
Widerspiel  des  Eisens.  Ihr  Hauptwert  beruht  weit  mehr  auf  ihrer  Gießbarkeit  als 
auf  der  Möglichkeit,  sie  kalt  zu  treiben  und  zu  schmieden.  Das  KUPFER  allerdings 
ist  weich,  dehnbar,  schmiegsam  und  biegsam;  man  kann  es  kalt  mit  Hammer  und 
Punzen  treiben,  kann  es  als  Blech  auf  der  Druckbank  zu  hohlrunden  Körpern  wie 
Schüsseln  und  Näpfen,  oder  zu  Halbstücken  drücken,  aus  denen  man  Kannen  und 
Krüge  zusammenlötet.  Aus  diesenRundformen  hat  man vonjeherkunstvolleTreib- 
arbeitgestaltet.  Ähnliches  gestatten  auch  alle  Kupferlegierungen.  Aber,  wie  schon 
betont,  nicht  darin  gipfelt  ihre  kunstgewerbliche  Bedeutung,  sondern  in  ihrer  Gieß- 
barkeit. Ganz  besonders  in  der  Gießbarkeit  der  BRONZE.  Sie  wird  gegossen  zu 
allerhandfigürlichenDarstellungen, unter  denen  schon  in  frühester  Zeit  nebendem 
Menschen  die  Tiere  erscheinen;  sie  wird  vor  allen  Dingen  gegossen  zu  Geräten, 
zu  Leuchtern,  Lampen,  Schalen  und  Tischen,  in  älterer  Zeit  auch  zu  Trutz-  und 
Schutzwaffen,  zu  Finger-,  Hals-,  Hand-  und  Beinringen,  später  zu  Kästen  und  Käst- 
chen, Fackelhaltern  undLaternen,  zu  Grabplatten  und  Grabdenkmälern,  zuSchrift- 
tafeln  und  Denkmünzen,  zu  Vasen  und  Bechern,  zu  Rahmen  und  Uhren,  zu  Tinten- 
zeugen und  Dosen,  zu  Mörsern  und  Beschlagteilen  für  Möbel  und  Kleingeräte,  zu 
Fassungen  für  Erzeugnisse  aus  Ton,  Glas  und  Stein.  Das  künstlerische  Wesen  der 
Bronze  beruht  auf  ihrer  Gießbarkeit,  ihrer  Festigkeit  und  ihrer  Farbe.  Die  Gieß- 
fähigkeit erlaubt  nicht  nur  schwungvolle,  reichgegliederte,  bewegte  Formen,  son- 
dern sie  drängt  auch  auf  rundliche  oder  doch  abgerundete  hin.  Die  Festigkeit  der 
Bronze  gestattet  wuchtige  Lasten  auf  dünnen  Stützen,  daher  die  Möglichkeit,  weit- 
ausladende Geräte  auf  mäßig  starken  Fuß  zu  stellen,  daher  die  Möglichkeit,  den 
menschlichen  und  tierischenKörper  inBronze  auf  seinen  natürlichen  Stützen  allein 
zu  zeigen.  Die  Festigkeit  der  Bronze  verlangt  ihren  Ausdruck  auch  in  der  Behandlung 
der  Oberfläche;  diese  muß  entweder  bis  in  die  kleinsten,  plastischen  Einzelheiten 
durchgearbeitet  sein  wie  z.B.  an  einerDose  oder  einem  ähnlichen  Kleingerät, oder 
sie  muß  geglättet  sein,  so  daß  sie  den  namentlich  in  Bronzefiguren  bevorzugten 
Seidenglanz  zeigt.  Dieser  milde,  weiche  Seidenglanz  der  geglätteten  Bronze  ist 
nicht  mit  dem  sehr  lebhaft  wirkenden  Hochglanze  des  polierten  Metalles  zu  ver- 
wechseln. Die  ursprüngliche  Farbe  der  Bronze,  insbesondere  das  Goldgelb  mancher 
Arten,  hält  man  zuweilen  fest,  noch  öfter  aber  patiniert  man  sie,  weil  auf  diesen 
gelben,  braunen,  grünen  oder  schwarzen  Patinatönen  die  Wirkung  des  Ganzen  nicht 
zum  kleinsten  Teile  beruht.  Außerdem  läßt  sich  Bronze  leicht  versilbern  und  ver- 
golden und  dadurch  zu  erhöhter  Farbenwirkung  bringen.  Nur  darf  das  nicht  ge- 
schehen in  der  Absicht,  Geräte  aus  Edelmetall  nachzuahmen.  D 

28 


Das  hellgelbe  bis  grüngelbe  MESSING,  das  goldgelbe  bis  gelbbraune  TOMBAK 
fallen  in  kunstgewerblicher  Hinsicht  mit  der  Bronze  zusammen.  Nur  sind  sie  nicht 
der  gleichen  künstlerischen  Feinheit  des  Ausdruckes  fähig;  daher  stellt  man  aus 
ihnen  von  jeher  dasgröbereGerät  her  undbenutztdafürnachErfordernihreEigen- 
schaften:  die  blinkende  Farbe  des  Messings,  seine  Härte  und  seine  geringe  Neigung 
zum  Patinieren,  oder  die  warme  Farbe  des  Tombaks,  seine  Weichheit  und  seine 
groge  Patinierfähigkeit.  Das  NEUSILBER  ist  erst  in  jüngerer  Zeit  aufgetreten;  es 
ahmt  hauptsächlich  Silberformen  nach  und  entbehrt  eines  eigenen  Stiles.  D 

Das  ZINN  hat  zu  Schüsseln  und  Kannen,  zu  Abendmahlsgeräten,  Leuchtern, 
Wärmflaschen,  Apothekergef  äßen,  Krügen,  Riech-  und  Salzbüchsen,  zu  Tafelgerät 
und  Geschirr,  zu  Prunkschüsseln  und  -kannen  früher  reiche  Verwendung  gefunden. 
Heute  dient  eswesentlich  nurnochzuZiergeräten.  Esbesitztseineneigenen  künst- 
lerischen Ausdruck,  seinen  Stil,  der  sich  auf  seine  ausgezeichnete  Gießbarkeit, 
seine  Weichheit  und  seine  Farbe  gründet  und  breite,  schwere  Formen,  einfache 
Gliederung  und  plastischen,  aber  schlichten  Zierat  verlangt.  Keinen  besonderen 
Stil  hingegen  besitzen  Zink  und  Britanniametall.  Das  ZINK  hat  im  19.  Jahrhundert 
eine  wenig  erfreuliche  Rolle  im  Kunstgewerbe  erlangt  zumHerstellen  von  Schein- 
gut, von  Geräten  und  figürlichen  Arbeiten,  die  man  sonst  aus  Bronze  zu  fertigen 
pflegt.  Ähnlich  benutzt  man  das  BRITANNIAMETALL  und  ihm  verwandte  Legie- 
rungen als  Unterlagen  für  versilbertes  oder  vergoldetes  Gerät.  Solchem  SCHEIN- 
GUT, solchem  SURROGAT,  wie  es  vornehmlich  der  Arbeit  für  den  Massenbedarf 
entspringt,  sollte  sich  das  Kunstgewerbe  fernhalten.  D 

Die  große  Klasse  der  KERAMIK  gruppiert  ihre  Arbeitsgebiete  nach  den  Ord- 
nungen der  Tonerei  und  Gläserei.  Jener,  die  man,  wie  schon  erwähnt,  im  engeren 
Sinne  Keramik  nennt,  gehören  das  Herstellen  von  Terrakotta,  Irdengut,  Majolika, 
Fayence,  Steingut,  Steinzeug  und  Porzellan,  dieser  die  Glaserzeugung,  die  Glas- 
malerei, das  Mosaik  und  der  Schmelz  an.  □ 

Die  Arbeitsgebiete  der  KERAMIK  im  engeren  Sinne  lassen  sich  im  Zusammen- 
hange betrachten.  Denn  sie  bewegen  sich  immer  nur  auf  drei  Ziele  hin:  auf  Flach- 
gebilde, die  Fliesen  und  Kacheln,  auf  Rundgebilde,  die  auf  der  Drehscheibe  er- 
stehen, nämlich  die  Gefäße,  und  auf  Formgebilde,  die  freihändig  modelliert  oder 
aus  Formen  gewonnen  werden,  nämlich  die  Erzeugnisse  der  Tonbildnerei  oder 
Tonplastik.  Die  Fliesen  dienen  zum  Bekleiden  von  Fußböden  und  Wänden,  die 
Kacheln  zum  Aufbau  von  Öfen.  Jene  setzen  sich  meist  zu  einem  Mosaik  zusam- 
men, diese  zu  Ausstattungsstücken  unserer  Zimmer,  gleichsam  zu  unverrück- 
baren Tonmöbeln,  die  in  ihrem  Aufbau  den  Grundgesetzen  des  Mobiliars  folgen. 
Die  Gefäße  sollen  Flüssigkeiten  in  sich  aufnehmen.  Sie  entstehen  auf  der  Dreh- 
scheibe, haben  also  zur  Grundform  immer  den  Kreis  oder  andere  rundbegrenzte 
Flächen,  wie  Ellipse  oder  Oval.  Ihre  Formen  sind  die  Becher,  Näpfe,  Teller,  Platten 
und  Schüsseln,  Kannen,  Krüge  und  Flaschen,  Vasen  und  Schalen,  Kummen  und 
Tassen  und  wie  all  die  vielen,  nach  Landschaft,  Sitte  und  Gebrauch  verschiedenen 
Geschirre  heißen.  Endlich  die  gewaltige  Menge  der  geformten  Gebilde,  von  den 
Reliefs  und  Figürchen  in  Terrakotta  angefangen  über  die  ganzen  figürlichen  Ar- 
beiten in  Majolika  und  Fayence  bis  zu  den  eine  Welt  für  sich  bildenden  Porzellan- 

29 


figuren.  Auch  unter  den  geformten  Erzeugnissen  finden  sich  mancherlei  Geräte 
wie  Leuchter,  Uhrgehäuse,  Konsolen,  Rahmen,  Griffe  und  Knöpfe.  D 

Die  Flachgebilde  aus  Ton  erstreben  an  sich  eine  rein  malerische  Wirkung  durch 
die  Schönheit  der  Farbe.  Sie  erreichen  das  einerseits  durch  farbige  Überzüge,  die 
unter  oder  in  den  Schmelz  gebettet  sind,  andererseits  durch  unmittelbare  Bemalung 
auf  oder  unter  der  Glasur.  Erst  wenn  die  Flachgebilde,  z.B.  die  Kacheln  der  Öfen, 
zu  Raumgebilden  sich  einen,  streben  sie  nach  plastischer  Wirkung  und  unterliegen 
dann  den  rhythmischen  Gesetzen  aller  Raumgestaltung.  Anders  die  Rundgebilde 
aus  Ton,  die  auf  der  Drehscheibe  erzeugten  Gefäße  und  Geschirre.  Sie  wirken  von 
vornherein  durch  Form  und  Farbe.  Ihre  Form  ist  immer  eine  runde,  die  nie  ihre 
Entstehungsweise  auf  der  kreisenden  Scheibe  verleugnet,  insbesondere  nie  das 
Aufwachsen  aus  dem  breit  der  Scheibe  aufgelegten,  bildsamen,  schmiegsamen 
Material.  In  den  Terrakotten  steht  die  schöne  Form  im  Vordergrunde,  auch  in  den 
alten  klassischen  Gefägen;  die  Malerei  schließt  sich  ihr  an.  Die  Henkel  entwickeln 
sich  folgerecht  aus  der  Form,  gliedern  sich  ihr  ein  als  plastisches  Element  wie  das 
in  anderen  Terrakotten  das  Relief  tut.  Immer  herrscht  die  Absicht  vor,  die  Schön- 
heit der  Form  zu  ergänzen,  zu  erhöhen.  In  den  glasierten  Gefäßen  aus  Ton  tritt 
wieder  das  Malerische  in  den  Vordergrund  ohne  daß  darüber  die  schöne  Form  an 
Bedeutungverliert.  Das  Malerische  beruhtauf  derEigenartderverwandtenFarben. 
Sie  sind  gepulverte  Gläser  und  müssen  nach  dem  Auftragen  angeschmolzen  wer- 
den. Man  legt  sie  entweder  dem  Scherben  auf  und  überzieht  sie  im  Garbrande  mit 
der  Glasur  oder  man  setzt  sie  auf  die  Glasur  und  brennt  sie  dieser  ein.  Jene  Unter- 
glasur-oder  Scharffeuerfarben  verschmelzen  mit  dem  Scherben  und  erhalten  durch 
die  Glasur  eine  sonst  nirgends  erreichbare  Leuchtkraft.  Die  Muffel-  oder  Über- 
glasurfarben  stehen  auf  der  Glasur,  leuchten  also  viel  weniger.  Dafür  ermöglichen 
sie  jede  Farbe  und  jede  Abtönung,  während  die  andern  sich  auf  Gelb,  Grün,  Rot, 
Blau,  Violett  und  Braun  bis  Schwarz  beschränken  und  keine  ausgiebige  Abtönung 
gestatten.  Deshalb  läuft  die  Wirkung  der  Muffelfarben  wesentlich  auf  das  Bild- 
mäßige, die  der  Scharffeuerfarben  auf  das  Dekorative  hinaus.  Immer  aber  hängt 
der  Gesamteindruck  aller  farbigen  Behandlung  mit  dem  des  Scherbens  oder  der 
Glasur  zusammen.  In  Gebilden  aus  Ton,  die  mißfarbenen  Scherben  besitzen,  wie 
Irdengut,  Majolika,  Fayence  und  Steingut,  tritt  die  weißliche  Farbe  der  undurch- 
sichtigen Glasur,  in  Steinzeug,  Steingut  und  Porzellan  jedoch  die  Farbe  des  licht- 
grauen, braunen  oder  weißen  Scherbens  unter  der  durchsichtigen  Glasur  gleich- 
berechtigtnebendieaufgetrageneFarbe.  DasplastischeMoment  in  der  Ausstattung 
der  Rundgebilde,  das  sich  beispielsweise  im  Tonschlickerzierat  des  Irdengutes, 
im  Relief  des  Steinzeuges,  in  der  Bossierung  des  Porzellans  entfaltet,  unterliegt 
denselben  Gesetzen  wie  dieTonbildnerei  überhaupt.  Alle  Tonplastik  zeigt  in  ihrem 
künstlerischen  Ausdrucke,  daß  sie  aus  dem  knetbaren  Stoffe  entstanden  ist,  sie 
gewinnt  durch  Bemalung,  verzichtet  auf  Einzelheiten,  weil  diese  durch  den  Schmelz- 
überzug verloren  gehen,  erzielt  aber  durch  ihn  wieder  Vorteil,  weil  seine  Licht- 
spiegelung die  sonst  schlichten,  glatten  Flächen  wohltuend  belebt.  D 

Das  Spiel  des  Lichtes  ist  auch  für  das  GLAS  unentbehrlich,  weil  dadurch  erst 
seine  drei  Haupteigenschaften,  Form,  Farbe  und  Durchsichtigkeit,  zur  Geltung 

30 


kommen.  Die  Form  des  Glases  vermeidet,  weil  sie  immer  nur  entsteht,  während 
das  Material  flüssig  ist,  gern  die  gerade  Linie;  das  beweisen  all  die  Kelche  und 
Schalen,  Humpen  und  Pokale,  Römer  undSpitzgläser,KrügeundKannen, Flaschen 
und  Phiolen  [Abb.  17 1.  Nur  wenn  Malerei  auf  dem  Glase  erscheint,  bevorzugt  es 
die  einfache,  mehr  gerade  Form,  wie  in  den  Paggläsern,  Hand-  und  Standbechern; 
sonst  liebt  es  immer  die  weiche,  geschwungene,  edle  Linie,  die  nie  ihren  Ursprung 
aus  dem  Flüssigen  verleugnet.  Sie  einigt  sich  mit  der  Durchsichtigkeit  des  Glases, 
mit  seiner  Farbe  und  seinem  Lichtbrechungsvermögen  zum  vollendeten  künst- 
lerischen Ausdrucke.  Auch  wenn  das  Glas  gefärbt  ist,  bleibt  seine  Durchsichtig- 
keit bestehen,  und  wenn  es  geschliffen  oder  graviert  ist,  tritt  neben  seiner  Un- 
durchsichtigkeit  sein  Lichtbrechungsvermögen  doppelt  stark  hervor  [Abb.  18J.  Im 
Laufe  der  Entwicklung  ist  bald  die  eine,  bald  die  andere  Eigenschaft  mehr  ge- 
pflegt worden.  Das  Altertum,  das  in  seinen  musivischen  Gläsern  wesentlich  mit 
Schmelzglas  arbeitet,  bevorzugt  die  Farbe  und  unterdrückt  ihr  zuliebe  nicht  sel- 
ten die  Durchsichtigkeit.  Das  Mittelalter  stellt  das  geblasene  Glas  voran,  mit  sei- 
nen feinen  edlen  Formen,  seinem  Lichterspiel  und  seiner  Farbe.  Die  neuere  Zeit 
wendet  sich  zum  Teil  dem  geschliffenen  Glase  zu  und  entwickelt  in  seinen  etwas 

schweren  Formen  das  Lichtbrechungsvermögen  zu  höchster  Wirkung. Kein 

anderes  Material  ist  so  wie  das  Glas  berufen,  Flüssigkeiten  in  sich  aufzunehmen, 
an  deren  Durchsichtigkeit,  Farbe  und  Lichterspiel  unser  Auge  sich  erfreuen  soll. 

Allein  das  Glas  dient  vermöge  seiner  Eigenschaften  auch  als  Flachgebilde  dem 
Kunstgewerbe  in  den  MUSIVISCHEN  KÜNSTEN,  der  Glasmalerei,  dem  Mosaik 
und  dem  Schmelz.  Die  GLASMALEREI  ist  ursprünglich  ein  reines  Mosaik,  ein  Zu- 
sammensetzen von  farbigen  Glastafeln  zu  malerischer  Flächenwirkung.  Ihr  Haupt- 
gebiet ist  das  farbige  Glasfenster.  Es  soll  an  und  für  sich  nur  als  Fläche  erschei- 
nen, auch  wenn  es  figürliche  Darstellungen  enthält.  Aber  lange  Zeit  hat  man  sich 
der  Schmelzfarbe  bedient  um  dadurch  auch  in  den  farbigen  Fenstern  körperliche 
Wirkung  zu  erzielen.  Erst  die  neuere  Zeit  ist  davon  wieder  abgegangen  und  zur 
reinen  Kunstverglasung  zurückgekehrt,  zum  Mosaik  aus  farbigen  Glasstücken. 

Unter  MOSAIK  versteht  man  im  allgemeinen  das  Aneinanderfügen  von  far- 
bigen Steinen  und  Glasstücken  zu  einer  Fläche.  Man  ordnet  sie  nach  den  Figuren 
oder  Ornamenten,  die  man  darstellen  will,  dicht  nebeneinander  an.  Seine  Haupt- 
verwendung findet  das  Mosaik  als  Schmuck  für  Wand-,  Decken-  und  Fut^boden- 
flächen,  nur  hin  und  wieder  erscheint  es  auch  auf  Tischplatten,  auf  Kästchen, 
Rahmen  und  Schmuckstücken.  Immer  erstrebt  es  flächenhafte,  malerische,  deko- 
rative Wirkung  und  niemals  tritt  es  selbständig  auf,  sondern  immer  nur  als 
Schmuck,  als  Teil  anderer  Erzeugnisse.  D 

Sehr  oft  hört  man  von  Holzmosaik  sprechen.  Man  will  damit  .Arbeiten  bezeich- 
nen, die  aus  verschiedenen  Hölzern,  auch  wohl  in  Verbindung  mit  gefärbten 
Knochen,  Perlmutter,  Schildpatt,  Messing  und  anderen  Metallen  flächenhaft  zu- 
sammengefügt sind.  Meist  dienen  sie  zur  dekorativen  Ausstattung  von  Möbeln 
und  kleineren  Holzgeräten,  wie  Kasten,  Büchsen,  Auftragbrettern  u.  dgl.  Es  ist 
aber  besser,  statt  von  Holzmosaik  ausschliefUich  von  EINLEGEARBEIT  oder  IN- 
TARSIA zu  sprechen.  Sie  bildet  einen  wichtigen  Teil  der  Schreinerkunst.  D 

31 


n  Abb.  19:  Hans  Holbein,  Handzeichnung  für  eine  Dolchscheide  Q 

Auch  das  Wort  Metallmosaik  ist  gebräuchlich.  Man  meint  damit  das  Einlegen, 
Einsetzen  und  Einhämmern  von  Gold  und  Silber  in  Form  von  Drähten  und  kleinen 
Blechstücken  in  entsprechende  Vertiefungen  von  Gegenständen  aus  Kupfer,  Bronze 
und  Eisen.  Es  ist  aber  richtiger,  dafür  EINSPRENGEN  oder  TAUSCHIEREN  zu 
sagen.  Auch  diese  der  Metallik  angehörende  Kunstübung  führt  nicht  zu  selbst- 
ständigen Gebilden,  sondern  immer  nur  zum  Zierat  anderer  Erzeugnisse.  D 

Ganz  dasselbe  gilt  vom  SCHMELZ  oder  EMAIL.  Es  beruht  darauf,  dag  man  zu 
Pulver  zerstoßene  farbige  Gläser  den  Wandungen  von  Metallgeräten  aufschmilzt. 
Sein  Ziel  ist  die  malerische,  farbige,  dekorative  Wirkung.  Dazu  verwendet  man 
sowohl  undurchsichtige  Gläser  [opaker  Schmelz]  als  durchsichtige  [Email  trans- 
lucide].  Kommt  der  Schmelz  in  Hohlräume  zu  liegen,  die  aus  den  Metallen  ausge- 
spart oder  ausgegraben  sind,  so  spricht  man  von  Grubenschmelz  oder  Email  champ- 
leve;  sind  dieHohlräume  durch  Auflegen  vonMetallstreifen  auf  die  Gerätwandung 
gewonnen,  von  Zellenschmelz  oder  Email  cloisonne.  Von  beiden  unterschieden 
ist  das  Maleremail  oder  die  Schmelzmalerei;  sie  malt  mit  Schmelzfarben  auf  einen 
Grund,  den  man  durchüberziehen  von  Metallflächen  mitSchmelz  erzielt.  Alle  drei 
Arten  von  Schmelz  werden  vorwiegend  auf  Gold,  Silber,  Kupfer  und  Bronze  ange- 
wendet. Ebenso  benutzt  man  das  kalte  Email,  das  im  wesentlichen  darauf  hinaus- 
läuft, gefärbte  Lacke  oder  Harze  in  Vertiefungen  von  Metallgeräten  einzutragen, 
einzureiben  oder  einzubrennen.  D 

4.  DIE  WIRTSCHAFTSFORMEN  DES  KUNSTGEWERBES  D 

gliedern  sich  in  die  Deckung  des  Eigenbedarfes,  des  Kundenbedarfes  und  des 
Massenbedarfes.  Sie  haben  sich  in  dieser  Reihenfolge  nacheinander  entwickelt, 
bestehen  aber  alle  drei  heute  noch.  D 

Die  älteste  und  ursprüngliche,  die  Arbeit  für  den  EIGENBEDARF,  hat  im  Be- 
ginn jedes  kunstgewerblichen  Zweiges  obgewaltet.  Der  vorgeschichtliche  Mensch 
gestaltet  sein  Gerät  nur  für  sich  selbst  über  die  Gebrauchsform  hinaus  kunstvoll. 
Geschichtliche  Zeiten  sehen  diese  Art  des  Schaffens  nach  reicher  Entwicklung. 
z.  B.  in  der  Mönchskunst,  langsam  aber  stetig  abnehmen.  Heute  lebt  sie  nur  in  der 
Volkskunst  und  in  den  Liebhaberkünsten  fort,  also  im  Bereiche  des  Hausfleif3es. 
Die  nordischeBäuerin,die  ihreStuhl-undKissenbezüge  selbst  webt,  der  friesische 
Fischer,  der  seiner  Hausehre  allerlei  Gerät  kerbschnitzt,  die  Frauenwelt,  die  zum 
Schmucke  des  Hauses  und  der  Kleidung  die  Nadel  kunstvoll  führt,  sie  und  viele 
andere  noch  treiben  Kunstgewerbe  für  den  Eigenbedarf.  D 

Die  Arbeit  für  den  Besteller,  die  KUNDENARBEIT,  hebt  mit  leisen  Anfängen 
in  vorgeschichtlichen  Zeiten  an,  bestreitet  vom  Altertum  bis  in  die  ersten  Jahr- 

32 


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Abb.  20  u.  21:  Handzeichnungen  von  Benvenuto  Cellini  für  eine  Fruchtschale  und  von  Charles  Lebrun  für 
n  einen  Feuerbock  D 

zehnte  des  19.  Jahrhunderts  den  Hauptteil  aller  kunstgewerblichen  Erzeugung, 
führt  darin  zur  herrlichsten  Blüte  und  tritt  in  neuester  Zeit  langsam  zurück;  bleibt 
aber  nach  wie  vor  die  einzige  Quelle  für  das  Schönste  und  Beste  im  Kunstgewerbe. 
Sie  ist  wesentlich  Aufgabe  derer,  die  berufsmäßig  Kunstgewerbe  treiben  und  um- 
faßt ausschließlich  Gegenstände  der  Handarbeit,  mithin  das  richtige  KUNSTHAND- 
WERK. Gold-  und  Silberschmiede,  Bronzegießer,  Kunstschlosser  und  Kunst- 
schmiede, Zinngießer,  Kupferschmiede  und  Ziseleure,  sie  arbeiten  heute  noch  wie 
früher  fast  ausnahmslos  auf  Bestellung,  ebenso  zum  größeren  Teil  die  Tischler  und 
Tapezierer,  dieDrechslerundSchnitzer,  dieDruckerundBuchbinder,  dieTäschner 
und  Sattler.  Dagegen  haben  sich  manche  Gebiete  im  Laufe  der  Zeit  mehr  von  der 
Kundenarbeit  ab-  und  derProduktionfürdenMarkt  zugewandt,  soz.B. jener  Zweig 
der  Täschnerei,  den  man  als  Portefeuillewarenindustrie  bezeichnet.  D 

Das  Kennzeichen  der  kunstgewerblichen  Erzeugung  für  den  MASSENBEDARF 
ist  ihre  kapitalistische  Betriebsform.  Sie  arbeitet  für  den  allgemeinen  Markt,  für 
den  Geschmack  und  den  Bedarf  der  großen  Menge;  sie  muß  also  das  eine  wie  das 
andere  nach  Richtung  und  Umfang  vorhersehen  oder  hervorrufen  ohne  den  eigent- 
Uchen  Verbraucher  zu  kennen.  Das  raubt  ihren  Erzeugnissen  die  Sonderart.  Das 
Erzeugnis  für  den  Eigenbedarf  trägt  rein  persönliches  künstlerisches  Gepräge; 
das  für  den  Bedarf  des  Kunden  im  wesentHchen  auch  nocli,  denn  Elrzeuger  und 
Verbraucher  kennen  sich,  stimmen  ihren  Geschmack  gegen  einander  ab,  ver- 
pflanzen ihr  Wesen  in  die  künstlerische  Form  des  Erzeugnisses.  Diese  Individua- 
lität wird  dem  Erzeugnis  für  den  Massenbedarf  entzogen;  es  wird  aus  dem  kapi- 
talistischen, an  sich  berechtigten  Streben  nach  Gewinn  hergestellt  für  den  unbe- 
kannten Verbraucher,  also  in  einer  unpersönlichen  Form,  deren  künstlerischer 
Inhalt  dem  verflachenden  Allgemeinmaße  angepaßt  wird.    Es  richtet  sich  nach 

3  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  33 


den  Wandlungen  des  landläufigen  Geschmackes  und  dem  [sowohl  daraus  als  aus 
den  fortschreitenden  technischen  Vervollkommnungen  folgenden]  Wechsel  des 
Bedarfes.  Man  nennt  diesen  Wechsel  schlichthin  GANG  DER  MODE.  Ihn  muß  der 
Erzeuger  von  Marktware  rechtzeitig  erkennen.  Das  ist  nicht  leicht;  nur  dem,  der 
offenen  Auges  in  seinem  Berufe  schafft  und  den  allgemeinen  Strom  des  Lebens 
klug  beobachtet,  offenbart  er  sich  vermöge  seines  Wissens  und  vermöge  eines 
Empfindens,  das  aus  langjähriger  Tätigkeit  allmählich  erwächst  und  meist  unbe- 
wußt arbeitet.  Die  Gesamtheit  des  Modenwechsels  bildet  den  allgemeinen  GANG 
DES  GESCHMACKES.  Er  ist  stets  das  offenkundige  Zusammenwirken  der  eine 
Zeit  beherrschenden  Geistesströmungen  und  materiellen  Errungenschaften.       D 

Die  Produktion  für  den  Markt  legt  in  der  Ware  eine  Summe  von  MATERIAL 
und  ARBEIT  fest,  die  nicht  wie  in  der  Kundenarbeit  alsbald  nach  Abschlug  der  er- 
zeugenden Tätigkeit  ihre  Entlohnung  findet.  Daher  kann  eine  solche  kunstgewerb- 
liche Tätigkeit  des  Betriebskapitales  nicht  entbehren.  Es  muß  um  so  größer  sein, 
je  mehr  die  Ware  kostet  und  je  längere  Zeit  zwischen  Herstellung  undAbsatz  ver- 
streicht. Da  mit  der  fortschreitenden  Entwicklung  von  Handel  und  Technik  der 
Markt  sich  erweitert  und  der  Wettbewerb  zunimmt,  sind  derartige  Betriebe,  wenn 
sie  ihr  Kapital  ausnutzen  wollen,  stetig  gezwungen,  auf  der  einen  Seite  die  Pro- 
duktionskosten zu  verringern,  auf  der  anderen  Seite  den  Absatz  zu  vergrößern. 
Mit  anderen  Worten,  sie  müssen  als  industrielle  Unternehmen  wirtschaften,  deren 
Leitung  nicht  mehr  aus  künstlerischen  und  gewerblichen  Gesichtspunkten  allein, 
sondern  zugleich  aus  kaufmännischen  Erwägungen  heraus  erfolgt.  Zu  diesem 
Zweck  bedienen  sie  sich  der  Maschinenarbeit,  der  Arbeitsteilung,  der  Vorteile  des 
Welthandels.  Sobald  ein  kunstgewerbliches  Erzeugnis  in  gleicher  Güte  und  Ver- 
wendbarkeit billiger  durch  die  Maschine  als  durch  Handarbeit  herzustellen  ist,  ver- 
schwindet es  aus  dem  Bereiche  des  KunstHANDwerkes.  Sobald  ein  kunstgewerb- 
liches Erzeugnis  Gegenstand  des  Welthandels  wird,  unterliegt  es  dem  allgemeinen 
Wettbewerbe,  muß  also  immer  mehr  allgemeinen  Charakter  annehmen.  Dennoch 
kann  auch  es  zu  vollkommen  künstlerischem  Wesen  gelangen,  dann  nämlich,  wenn 
ihm  ein  starkes  Kunstwollen,  das  zugleich  alle  Forderungen  von  Weltmarkt  und 
Technik  beherrscht,  sein  Gepräge  aufdrückt.  D 

Darin  gipfelt  eine  der  Hauptaufgaben  für  die  Zukunft  unseres  Kunstgewerbes. 
Der  KUNSTHANDWERKER,  insbesondere  der  jener  Epochen,  die  nur  für  den 
Kundenbedarf  arbeiteten,  war  Entwerfender  undAusübender  zu  gleicher  Zeit.  Er 
besaß  volle  Ausbildung  im  Handwerk  und  nur  sein  künstlerisches  Vermögen  hob 
ihn  über  seine  Genossen  hinaus.  Das  gilt  auch  heute  noch  von  vielen  Zweigen  des 
Kunstgewerbes.  Aber  die  fortschreitende  Arbeitsteilung  hat  für  manche  Gebiete 
eine  Trennung  in  Entwerfende  und  Ausführende  gebracht,  dergestalt,  daß  Künst- 
ler das  entwerfen,  was  Kunsthandwerker  oder  Handwerker  oder  Maschinenarbeiter 
herstellen.  Je  mehr  das  künstlerisch  Ersonnene  aber  der  Ausführung  durch  rein 
technisch  geschulte  Kräfte  unterliegt,  desto  gründlicher  muß  der  KÜNSTLER  Be- 
darf und  Technik  erfassen  um  nachhaltigen  Einfluß  auszuüben.  In  diesem  Sinne 
haben  Künstler  schon  zu  allen  Zeiten  für  das  Kunstgewerbe  entworfen  ohne  selbst 
Ausführende  gewesen  zu  sein,  z.B.  AlbrechtDürer,  Hans  Holbein,  CharlesLebrun, 

34 


Gottfried  Schinkel  u.  a.  [s.S. 2  u.  Abb.  19  u.21].  Viele  solcher  Entwürfe  sind  uns  er- 
halten geblieben;  ebenso  zahlreiche  von  Kunsthandwerkern.  Denn  selbstverständ- 
lich mußten  sie  das,  was  sie  ersannen,  erst  zeichnen  [Abb.  20].  Mancher  von  ihnen 
hat  seine  Entwürfe  auf  derKupferdruckplatte  selbst  oder  durch  andere  festgehal- 
ten; zahlreiche  Künstler  aber  haben  von  jeher  Entwürfe  veröffentlicht  um  dadurch 
dem  Kunsthandwerke  Beispiel  und  Anleitung  zu  geben.  Dieser  ORNAMENT- 
STECHER, wie  man  sie  zusammenfassend  nennt,  gibt  es  eine  stattliche  Menge. 
Nur  einige  aus  dem  16.  bis  19.  Jahrhundert  seien  genannt:  Jacques  Androuet 
Ducerceau,  Peter  Flötner,  Virgil  Solls,  Jean  Berain,  Daniel  und  Jean  Marot,  Jean 
und  Pierre  Lepautre,  Claude  Gillot,  Paul  Decker,  Johann  Jakob  Schübler,  Johann 
Esaias  Nilson,  Franz  Xaver  Habermann,  Thomas  Chippendale  und  Thomas  Sheraton 
[Abb.  22  bis  24  und  S.  42J.  Ihre  von  unseren  Fachbibliotheken  eifrig  gesammelten 
Ornamentstiche  bieten,  neben  der  heute  noch  unversiegbaren  Anregung  für  den 
Kunsthandwerker,  ein  wertvolles  Material  für  die  Geschichte  des  Kunstgewerbes. 

Der  Kunsthandwerker  früherer  Zeiten  hatte  in  einer  Werkstatt  zu  lernen  und 
sich  nach  beendeter  Lehrlings-  und  Gesellenzeit  durch  eine  selbstgefertigte  Arbeit 
als  Meister  zu  erweisen.  Was  ihm  an  Kunst  notwendig  war,  wurde  ihm  durch  Lehre 
und  Wanderschaft  und  Beispiel  zuteil.  Auch  heute  noch  durchläuft  der  Kunsthand- 
werker eine  praktische  Lehrzeit,  neben  der  meist  Schulunterricht  einhergeht. 
Dann  pflegt  er  eine  FACHSCHULE  zu  besuchen,  in  der  er  sein  Können  und  Wissen 
vertieft.  Ehedem  war  er  dem  Zunftzwange  unterworfen  mit  all  seinen  Vor-  und 
Nachteilen.  Heute  steht  er  in  freiem  Wettbewerbe.  Ehedem  waren  in  einer  Werk- 
statt nur  Kräfte  tätig,  die  denselben  Entwicklungsgang  verfolgten,  den  der  Leiter 
der  Werkstatt  bereits  durchmessen  hatte.  Heute  zwingt  die  Arbeitsteilung  auch 
den  Kunsthandwerker  dazu,  in  seiner  Werkstatt  Kräfte  zu  beschäftigen,  die  im 
Grunde  nicht  über  das  Handwerkliche  hinauskommen.  Für  den  Maschinenbetrieb 
ist  dies  die  Regel.  D 

5.  DIE  BEDEUTUNG  DES  KUNSTGEWERBES  FÜR  DIE  ALLGEMEINHEIT 
ist  ethischer,  volkswirtschaftlicher  undkultureller  Art.  Alle  drei  wurzeln  im  Wesen 
des  Kunstgewerbes.  Die  ETHISCHE  BEDEUTUNG  bedarf  keiner  Ausführung.  Sie 
ist  von  selbst  gegeben.  Denn  indem  das  Kunstgewerbe  das  Notwendige  schön  ge- 
staltet, führt  es  den  einzelnen  über  die  bloPie  Freude  am  materiellen  Besitze  hin- 
aus zum  geistigen  Genüsse.  Sobald  wir  das  Künstlerische  unserer  Umgebung 
empfinden,  gleiten  wir  unwillkürlich  aus  dem  Alltäglichen  hinüber  in  die  ideale 
Freude  am  Dasein.  Dieses  durchgeistigte  Behagen  durchstrahlt  jeden,  der  dem 
wahren  Kunstgewerbe  klaren  Auges  entgegentritt.  D 

Die  VOLKSWIRTSCHAFTLICHE  BEDEUTUNG  des  Kunstgewerbes  des  län- 
geren oder  gar  zahlenmäßig  darzulegen  ist  hier  weder  Aufgabe  noch  Bedürfnis. 
Denn  die  über  die  Arbeitsgebiete  des  Kunstgewerbes  gegebene  Übersicht  läßt  ohne 
weiteres  erkennen,  welch  ungemein  wichtige  Rolle  diesem  Zweige  menschlichen 
Erwerbslebens  zukommt.  Dagegen  ist  kurz  auf  die  örtliche  Begrenzung  und  auf 
den  Handel  im  Kunstgewerbe  hinzuweisen.  D 

Drei  Faktoren,  Material,  Kraft  und  Fähigkeit,  bewirken  eine  örtlich  BEGRENZTE 
ERZEUGUNG  für  manche  Zweige  des  Kunstgewerbes.  Wo  brauchbare  Tone  sich 

3*  35 


finden,  entwickelt  sich  die  Kunsttöpferei,  wie  z.  B.  am  Trent  in  England;  wo  holz- 
reiche Wälder  reichlich  Brennstoff  bieten,  greift  dieGlaserzeugungPlatz,  wie  z.B. 
in  Lothringen.  Wo  die  Heimat  besser  lohnende  Arbeit  nicht  gewähren  kann,  wid- 
men sich  zahlreiche  Kräfte  kunstgewerblicher  Tätigkeit,  wie  z.B.  die  Spitzenklöpp- 
lerinnen im  Erzgebirge.  Wo  Wasserläufe  Menschenkräfte  ersetzen,  siedeln  sich 
passende  Betriebe  an,  wie  die  Achatschleifer  an  der  Nahe,  die  Messer-,  Klingen- 
und  Büchsenschmiede  an  der  Hasel  |  einem  Zuflüsse  der  oberen  Werra],  die  Glas- 
schleifer in  den  Tälern  des  Riesengebirges.  Jene  Fähigkeit,  die  notwendig  ist  um 
die  ersten  Betriebe  an  solchen  Stellen  hervorzurufen,  wächst  durch  Überlieferung 
und  Vererbung  so,  dag  die  meisten,  in  ihrer  Erzeugung  örtlich  begrenzten  Zweige 
des  Kunstgewerbes  den  Weltmarkt  versorgen  und  zum  Teil  beherrschen.  Das  be- 
stätigen zahlreiche  Beispiele  aus  allen  Zeiten:  die  byzantinischen  Seidenstoffe,  die 
italienischen  Majoliken,  die  Augsburgischen  Silberarbeiten,  die  böhmischen  Gläser, 
das  englische  Steingut,  der  Hanauer  Schmuck,  die  Pforzheimer  Goldwaren,  die 
Pariser  Bronzen,  die  Limusiner  Emaillen,  sie  sind  durch  alle  Welt  gegangen  und 
gehen  es  zum  Teil  noch  heute  kraft  ihrer  örtlich  beschränkten  Erzeugung.  Das 
kommt  daher,  dag  in  all  solchen  natürlichen  Produktionszentren  die  Schaffenden 
billiger  und  richtiger  arbeiten  als  anderwärts  Tätige.  Daher  atmet  ein  solcherart 
schaffendes  Kunstgewerbe  stets  seinen  EIGENEN  STIL.  D 

Auch  dem  örtlichBEGRENZTEN  ABSATZE  Hegt  ein  Stil  als  Ursache  zugrunde, 
der  nationale  nämlich,  der  dieAbnehmer  beherrscht.  Er  prägt  sich  nichtnurinder 
Volkskunst  aus,  wenngleich  er  hier  am  schärfsten  in  die  Augen  springt,  sondern 
ebenso  in  der  Raumkunst  und  in  den  Einzelerzeugnissen.  Das  Wesen  eines  Volks- 
stammes bekundet  sich  darin  auf  das  deutlichste.  Solch  örtlich  begrenztem  Ge- 
schmacketrägtjederSchaffendeRechnung;  absichtlich,  wenn  erdemKreise  seiner 
Abnehmer  nicht  stammverwandt  ist,  und  unwillkürlich,  wenn  er  ihm  angehört.  Er 
kann  dann  gar  nicht  anders,  er  mug  ohne  zu  wissen  warum,  imNATIONALEN  GE  - 
SCHMACKE  gestalten.  Dessen  Wirksamkeit  durchzieht  die  ganze  Geschichte  des 
Kunstgewerbes  und  wird  nie  aufhören.  D 

Aber  von  jeher  sind  die  gleichzeitigen  kunstgewerblichen  Erzeugnisse  ver- 
schiedener Geschmacksrichtungen  durch  den  HANDEL  unter  einander  ausge- 
tauscht worden.  Er  ist  für  das  Kunstgewerbe  von  größter  Bedeutung;  seinen  Bah- 
nen ist  es  stets  viel  beharrlicher  gefolgt  als  denen  der  politischen  Ereignisse  und 
kulturellen  Errungenschaften.  Selbst  Völkerwanderungen  äugern  nicht  solchen 
Einfluß;  die  grögte Völkerwanderung  der  Neuzeit  z.  B.,  die  während  des  19.  Jahr- 
hunderts rund  22  Millionen  Menschen  von  Europa  nach  den  Vereinigten  Staaten 
geführt  hat,  steht  an  Bedeutung  für  das  Kunstgewerbe  weit  hinter  dem  zurück,  was 
der  Handel  zwischen  den  beiden  Ländern  bewirkt  hat.  D 

Bereits  die  Zeit  der  Arbeit  für  den  eigenen  Bedarf  sieht  den  Handel  anheben. 
In  der  folgenden  Epoche,  während  der  Arbeit  für  den  Kundenbedarf,  entfaltet  er 
sich  machtvoll.  Dafür  nur  einige  Beispiele:  altmykenische  Tongefäge  erscheinen 
auf  dem  Handelswege  im  Lande  der  Pyramidenbauer,  die  Phönizier  führen  kunst- 
gewerbliche Erzeugnisse  aller  Mittelmeerländer  vom  einen  zum  andern,  die  atti- 
schen Tongefäge  bilden  eine  Handelsware  in  der  ganzen  alten  Welt,  nicht  minder 

36 


ägyptische,  syrische  und  römische  Gläser  im  Altertum,  venezianische,  böhmische 
und  englische  im  Mittelalter  und  in  der  Neuzeit.  Der  Handel  mit  Geweben  beut 
eine  ununterbrochene  Verkehrskette,  von  den  Geweben  der  Sassaniden  und  By- 
zantiner über  die  der  sizilischen  Sarazenen  und  der  oberitalienischen  Städte  bis 
zu  denen  der  Weber  von  Lyon  und  Krefeld.  Die  Majolikateller  der  italienischen 
Renaissance  sind  nicht  nur  Gegenstand  des  Handels  im  Mutterlande,  sondern  auch 
der  Ausfuhr.  Nürnbergische  Kaufleute  erwerben  sie  und  verfrachten  sie  weit  nach 
Norden,  tragen  außerdem  aber  in  regelrechter  Handelsverbindung  den  Majolika- 
malern Bestellungen  auf  Arbeiten  zu,  die  dem  nordischen  Geschmacke  entsprechen. 
Ähnliches  gilt  für  den  Handel  der  Holländer  mit  den  Erzeugnissen  des  ostasiati- 
schen Kunstgewerbes.  Dag  es  dabei  von  Wichtigkeit  ist,  ob  ein  Erzeugungsort 
nahe  einer  Handeisstrage  liegt,  springt  ohne  weiteres  in  die  Augen;  die  Stein- 
zeuge von  Siegburg  und  Grenzhausen,  die  Fayencen  von  Delft  sind  nur  deshalb 
so  lebhaft  auf  dem  Rheine,  die  Kreugener  Krüge  auf  der  alten,  Deutschland  von 
Süden  nach  Norden  durchquerenden  Handeisstrage  vertrieben  worden,  weil  ihre 
Erzeugungsorte  an  diesen  Hauptverkehrswegen  gelegen  haben.  D 

Die  Neuzeit  hat  zwischen  Erzeuger  und  Verbraucher  zwei  Vermittler  einge- 
schoben, einerseits  den  Reisenden,  der  im  Auftrage  des  Erzeugenden  erscheint, 
und  den  Kommissionär,  der  als  Vertreter  des  Kunden  erscheint,  andererseits  den 
Händler,  Durch  die  Wirksamkeit  dieser  Vermittler  wird  es  möglich,  dag  dem  Ver- 
braucher heute  das  Kunstgewerbe  der  ganzen  Welt  offen  steht.  Durchaus  nicht 
jedes  kunstgewerbliche  Erzeugnis,  das  so  im  offenen  Geschäfte  zum  Verkauf 
kommt,  ist  für  den  Massenbedarf  hergestellt;  viele  sind  Einzelerzeugnisse  von 
vollkommen  künstlerischer  Eigenart.  D 

Gewisse  kunstgewerbliche  Betriebe  arbeiten  von  jeher  auf  BESTELLUNG  für 
den  Handel,  für  den  MARKT.  So  namentlich  die  Weberei,  die  Töpferei  und  die 
Gläserei.  Das  liegt  in  der  Natur  ihrer  Erzeugnisse.  Der  Weber  kann  nicht  den  Be- 
darf des  Einzelkunden  vom  Stuhle  schneiden,  oder  der  Töpfer  ihm  einen  einzelnen 
Napf  brennen,  derGläser  einen  einzelnen  Kelch  blasen.  Sie  alle  müssen  eineReihe 
gleichartiger  Bestellungen  besitzen,  ehe  sie  ausführen  können.  Sie  sammeln  die 
Bestellungen  der  Verbraucher  entweder  selbst,  oder  erhalten  sie  als  eine  einzige 
vom  Händler.  Jener  Gebrauch  herrscht  in  älterer  Zeit,  dieser  in  neuerer  vor.  In 
der  einen  oder  anderen  Weise  jedoch  hat  sich  ein  grogcr  Teil  des  Handels  mit 
kunstgewerblichen  Erzeugnissen  bis  in  das  19.  Jahrhundert  hinein  abgespielt; 
lange  Zeit  auf  den  Messen  und  Märkten  und  im  Umherziehen,  neuerdings  in  festen 
Musterlägern  und  Verkaufsstellen.  D 

Aus  diesem  Austauschen  der  Erzeugnisse  entspringt  die  eine  Seite  der  KUL- 
TURELLEN BEDEUTUNG,  die  dem  Kunstgewerbe  zukommt.  Denn  in  allen  die- 
sen Erzeugnissen  vereinigen  sich  doch  hochentwickeltes  technisclies  Können  und 
künstlerisches  Vermögen;  indem  sie  solcher  Art  von  einem  Volke  zum  anderen 
wandern,  steigern  sie  die  Bildungshöhe  beider.  Auf  der  anderen  Seite  bewirkt 
dies  das  heimische  Kunstgewerbe  innerhalb  des  eigenen  Volksstanunes  in  noch 
stärkerem  Mage.  Die  Beweise  dafür  wird  diese  Geschichte  des  Kunstgewerbes 
an  vielen  Stellen  erbringen.  D 

37 


G.  DIE  ENTWICKLUNG  DES  KUNSTGEWERBES  D 

bekundet  sich  nicht  nur  in  seinen  Erzeugnissen  und  deren  Einflüssen,  sondern 
auch  in  seinen  fortschreitenden  Beziehungen  zu  Kunst  und  Technik.  D 

Wenngleich  die  Geschichte  des  Kunstgewerbes  in  Wirklichkeit  eine  ununter- 
brochene Kette  bildet,  in  der  uns  nur  aus  älteren  und  ältesten  geschichtlichen 
Zeiten  noch  manche  Glieder  fehlen  ohne  dag  wir  deshalb  außerstande  wären, 
uns  die  fortlaufende  Entwicklungsreihe  vor  unser  geistiges  Auge  zu  führen,  so 
erfordert  doch  ein  so  umfassendes  Gebiet  eine  Teilung  in  Zeitabschnitte,  die  wir 
als  ZEITEN,  Perioden  oder  Epochen  von  einander  scheiden.  Ihre  Trennung  erfolgt 
aber  nicht  wie  die  der  Abschnitte,  in  die  man  die  allgemeine  Geschichte  zu  zerlegen 
pflegt,  nach  geschichtlichen  Ereignissen,  sondern  nach  Geschmacksrichtungen, 
nach  STILEN.  In  diesem  Sinne  sprechen  wir  von  Stilepochen,  von  Perioden  in  der 
Wandlung  der  Stile.  Der  Stil  in  den  Künsten,  also  auch  im  Kunstgewerbe,  ist 
immer  nur  der  Ausdruck  des  Denkens  und  Empfindens  einer  Zeit.  Wie  die  Zeiten 
untrennbar  miteinander  zusammenhängen,  lückenlos  aufeinander  folgen,  so  gehen 
auch  unsere  Stilperioden  ganz  allmählich  und  ohne  Unterbrechung  der  Entwick- 
lung ineinander  über.  Wir  sind  daher  zu  einer  Art  willkürlichen  Durchschneidens 
gezwungen.  Das  wolle  man  im  Lesen  dieses  Buches  nicht  vergessen.  Oft  hält  in 
einem  Lande  eine  Stilperiode  viel  länger  an  als  in  einem  anderen,  vielleicht  un- 
mittelbar benachbarten.  Denn  geschichtliche  Ereignisse,  volkswirtschaftliche  Vor- 
gänge und  kulturelle  Eigenschaften  bewirken  leicht  eine  solche  Verschiebung. 
Wie  der  künstlerische  Ausdruck  einer  Zeit  in  seiner  Gesamtheit  deren  Stil  bildet, 
so  ergeben  die  einem  Volke  eigentümlichen  Ausdrucksweisen  dessen  National- 
stil, so  die  einem  Arbeitsstoffe  eigenen  Ausdrucksformen  dessen  Materialstil,  die 
einer  Formengruppe  verknüpften  deren  charakteristischen  Stil  usw.  —  D 

Wir  beginnen  unsere  Darstellung  mit  dem,  was  die  vorgeschichtlichen  Zeiten 
an  Kunstgewerbe  aufzuweisen  haben.  Es  ist  dem  damaligen  Stande  der  künstle- 
rischen Bildung  entsprechend  gering.  Erst  die  morgenländische  Kultur,  wie  sie 
Babylonier,  Assyrer,  Ägypter  u.  a.  in  den  ersten  drei  Jahrtausenden  v.  Chr.  her- 
vorbringen, zeigt  vermehrtes  Schaffen.  Daran  knüpft  sich  das  bedeutsame  Kunst- 
gewerbe der  antiken  Welt  mit  seiner  alles  überwiegenden  Vorherrschaft  des  grie- 
chischen. Aus  ihm  geht  das  der  ersten  Christen  und  der  Byzantiner  hervor.  Dar- 
über hinweg  stürmt  die  Völkerwanderung,  mit  der  wir  in  das  Mittelalter  eintreten. 
Das  mittelalterliche  Kunstgewerbe  umfaßt  mehrere  Perioden,  die  von  der  Zeit 
der  Völkerwanderung  über  die  karolingische,  ottonische  und  romanische  Zeit  bis 
zur  Gotik  gehen.  Kennzeichnend  für  die  ganze  Epoche  ist,  daß  die  Träger  des 
Kunstgewerbes  nicht  mehr  die  alten  Kulturvölker  im  Westen  Asiens  und  im  Nord- 
osten Afrikas,  und  auch  nicht  nur  die  Bewohner  der  Mittelmeerländer  sind,  son- 
dern die  Völker  des  südlichen  und  mittleren  Europas.  Sie  behalten  in  der  Folge 
dieFührung  bei,  wenngleich  morgenländisches  und  süd-  und  ostasiatisches  Kunst- 
gewerbe immer  wieder  Einfluß  auf  sie  äußert.  Wir  schalten  das  asiatische  Kunst- 
gewerbe, weil  seine  Entwicklung  doch  vorwiegend  getrennt  von  der  der  anderen 
Gebiete  verläuft,  als  besonderen  Abschnitt  zwischen  Mittelalter  und  Neuzeit  ein. 
Die  Neuzeit  führt  uns  durch  die  großen  Epochen  der  Renaissance,  des  Barocks 

38 


und  Rokokos,  des  Zopfstils  und  Empires,  des  Klassizismus  und  der  retrospektiven 
Stile  bis  auf  unsere  Tage.  Zu  Beginn  des  Abschnittes  noch  auf  Europa  beschränkt, 
umspannt  das  Kunstgewerbe  heute  die  Kulturländer  der  ganzen  Welt.  D 

7.  DIE  GRUNDLAGEN  UND  ZIELE  DER  GESCHICHTE  DES  KUNST- 
GEWERBES D 
sind  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  festgelegt  worden.  Seitdem  be- 
arbeitet man  in  wissenschaftlichem  Sinne  die  Entwicklung  dessen,  was  die  Deut- 
schen Kunstgewerbe,  die  Franzosen  art  et  metier,  die  Engländer  arts  and  crafts 
nennen  [die  Ausdrücke  angewandte  Kunst,  art  applique,  applied  arts,  dekorative 
Kunst  usw.  bedeuten  das  gleiche].  Das  Erreichte  im  Zusammenhange  allgemein- 
verständlich darzustellen,  ist  Zweck  dieses  Buches.  Es  ist  in  seiner  Art  das  erste. 

Hilfreich  zurSeite  stehen  einer  solchen  Geschichte  die  Wissenschaften  von  den 
Stilen  und  von  der  Ästhetik  des  Kunstgewerbes,  weiter  die  Geschichte  der  Kunst 
und  der  Technik,  die  Sitten-  und  Kulturgeschichte,  die  Weltgeschichte  und  die  Ge- 
schichte der  Volkswirtschaft.  Diesen  ihren  Gehilfinnen  nutzt  auch  wieder  unsere 
geschichtliche  Forschung.  So  haben  beispielsweise  Untersuchungen  über  byzan- 
tinische Seidenstoffe  uralte  Handelsbeziehungen  nachgewiesen,  die  vom  Osten 
Asiens  bis  zum  Westen  Europas  reichen.  Wie  eng  sich  die  Geschichte  des  Kunst- 
gewerbes mit  anderen  Geschehnissen  verknüpft,  davon  nur  ein  Beispiel :  die  Nieder- 
lande erlangen,  als  sie  ihre  politische  Unabhängigkeit  errungen  haben,  alsbald  die 
Vorherrschaft  im  Handel.  Sie  führen  groge  Mengen  von  Elfenbein  ein;  dadurch 
wird  dieses,  das  bisher  nur  auf  demLandwege  nachEuropa  gekommen  ist,billiger 
und  zu  einem  vielbegehrten  Material  für  Drechsler  und  Schnitzer.  Doch  im  18.  Jahr- 
hundert müssen  die  Elfenbeinschnitzereien  denPorzellanfigürchen  weichen.  Wie- 
der geht  der  Weg  über  die  Holländer.  Die  Herstellung  desPorzellanes  ist  den  Ost- 
asiaten längst  bekannt,  als  die  abendländischen  Völker  mit  ihnen  Handelsbeziehun- 
gen anknüpfen.  Anfangs  wiegt  man  das  Porzellan  mit  Gold  auf;  auch  später,  als  es 
die  Holländer  in  ganzen  Schiffslasten  heranführen,  bleibt  es  kostbar.  Darum  will 
man  es  in  Europa  herstellen.  Als  das  nicht  gelingt,  ahmt  man  es  nach.  In  dieser 
Nachahmung  klingt  die  köstliche  Majolika  der  italienischen  Renaissance  aus,  ihr 
widmet  sich  ein  gutes  Teil  derFayenceindustrie,  ja  die  berühmteDelfter  Industrie 
entsteht  nur  in  der  Absicht  und  lebt  lange  Jahrzehnte  nur  davon,  das  chinesisch- 
japanische Porzellan  nachzuahmen.  Schließlich  wird  in  Europa  das  Porzellan  von 
neuem  entdeckt,  schnell  zu  glänzenderBlüte  gebracht  und  dadurch  allmählich  der 
Einfuhr  wie  der  Nachahmung  der  Boden  entzogen.  D 

Die  GRUNDLAGE^N  für  die  Geschichte  des  Kunstgewerbes  bestehen  vornehm- 
lich in  den  uns  erhaltenen  Erzeugnissen;  nächst  ihnen  in  Schriftwerken  und  bild- 
lichen Darstellungen.  Die  Erzeugnisse  hat  private  Liebhaberei  seit  langen  Zeiten 
gesammelt;  sie  bilden  als  Kuriositäten  und  Antiquitäten  noch  heute  den  Gegenstand 
eines  lebhaften  Interesses  und  eines  ausgebreiteten  Handels.  Das  Beste  von  ihnen 
bergen  jedoch  die  öffentlichen  KUNSTGEWERBEMUSEEN,  die  sich  in  den  Haupt- 
städten der  europäischen  Staaten  befinden.  Sie  bieten  in  ihren  reichen  Beständen 
ein  vollständiges  Bild  der  gesamten  kunstgewerbliciuMi  Entwicklung.  Ergänzend 
treten  neben  sie  die  zahlreichen  über  die  heutige  Kulturwelt  vorstreuten  kleineren 

39 


D  Abb.  22:  Jean  Berain,  Ornamentstich  D 

Museen  und  Sammlungen.  Sie  bemühen  sich  in  richtiger  Erkenntnis  ihrer  Auf- 
gaben, von  dem  gesamten  Kunstgewerbe  nur  das  Wesentliche,  von  dem  ihrer 
engeren  Heimat  dagegen  möglichst  alles  geschichtlich  Wertvolle  zu  zeigen.  Die 
Schriftwerke  und  bildlichen  Darstellungen  werden  von  den  öffentlichen  BIBLIO- 
THEKEN gesammelt,  die  zumeist  den  Kunstgewerbemuseen  angegliedert  sind; 
zum  Teil  auch  von  den  Kupferstichkabinetten  und  Galerien.  Dag  die  Schätze  der 
Museen  undBibliotheken  nicht  nur  für  die  Geschichte  des  Kunstgewerbes,  sondern 
noch  mehr  für  die  Schulung  der  Kunstgewerbetreibenden  und  am  meisten  für  die 
allgemeine  Bildung  von  Wichtigkeit  sind,  bedarf  keiner  Ausführung.  D 

Nach  unwandelbaren  Gesetzen  spielt  sich  allesLeben  auf  unserer  Erde  ab,mit- 
hin  auch  das  des  Menschen  und  sein  kunstgewerbliches  Schaffen.  Nach  unverrück- 
baren Gesetzen  verfolgt  weiterhin  alles  auf  Erden  eine  fortschreitende  Entwick- 
lung. Aber  nicht  immer  liegt  diese  Entwicklung  klar  und  ohne  LÜCKEN  vor  uns. 
Aufgabe  des  Forschers  ist  es,  die  Brücken  zu  schlagen.  Dag  auch  eine  Geschichte 
des  Kunstgewerbes  das  verlangt,  beruht  auf  der  UNVOLLKOMMENHEIT  DER 
ÜBERLIEFERUNG.  Je  weiter  zurück  wir  gehen,  desto  spärlicher  fliegen  die 
Quellen,  desto  seltener  werden  namentlich  die  erhaltenenErzeugnisse,auf  die  vor 
allem  die  Forschung  sich  stützen  mug.  Alles,  was  aus  Holz  und  anderen  pflanz- 
lichen oder  tierischen  Stoffen  besteht,  bleibt  dauernd  gefährdet  durch  das  Feuer. 
Die  Flamme  verzehrt  Haus  und  Hausrat.  Gewand  und  Träger.  Viel  mehr  erhält 
uns  das  Wasser;  es  bettet  so  manches  in  seinen  Schlick  undSchlamm  und  bewahrt 
es  darin  für  Jahrtausende.  Davon  zeugen  die  Funde  aus  Strombetten  und  Torf- 
mooren. Am  getreuestcn  aber  bleibt  auch  hier  die  Mutter  Erde.  Was  sie  in  ihrem 
Schoge  umschliegt,  was  insbesondere  heiliger  Brauch  und  treues  Gedenken  dem 
Toten  mit  in  seine  letzte  Ruhestätte  geben,  das  kommt  auf  uns.  Die  Gräber  der 
Krim  haben  uns  Geräte  erhalten,  die  dem  ausklingenden  klassischen  Altertume 

40 


1.  K^7Xnj&rt&at^efV^.aJ^7Ui . 


.^?"^^^Ä;i^ 


^-<^. 


^/is»Sir-i 


n  Abb.  23  u.  24:  Daniel  Marot  u.  Joh.  Esaias  Nilson,  Ornamentstiche  D 

entstammen,  die  trockenen  Felsengräber  von  Achmim  die  Gewänder  koptischer 
Christen.  Nicht  minder  wirksam  erweist  sich  der  Schutz  des  Glaubens:  die  Re- 
liquienbehälter der  Kirche  z.B.  bewahren  uns  in  den  Seidenwebereien,  die  die  Ge- 
beine der  Heiligen  umhüllen,  eine  unerschöpfliche  und  durch  nichts  zu  ersetzende 
Quelle  für  unserWissen  vom  Kunstgewerbe  des  ersten  christlichen  Jahrtausends. 
Familiensinn,  Pietät  und  Freude  am  Schönen  erhalten  weiterhin  manch  treffliches 
Stück.  Aber  immer  nur  das  Kostbare  wird  des  Aufbewahrens  für  wert  erachtet, 
nicht  das,  was  uns  heute  fast  wichtiger  erscheint,  das  Gerät  des  täglichen  Lebens. 
Darum  ist  es  nur  mit  großen  Schwierigkeiten  möglich,  jenem  Kunstgewerbe  frü- 
herer Zeiten  nachzugehen,  das  dem  Bürger  und  Bauern  gedient  hat.  D 

Erhalten  haben  uns  menschliche  Kräfte  überhaupt  nur  wenig  im  Vergleich  zu 
dem,  was  sie  zerstört  haben.  Feuer  und  Wasser  vernichten  viel;  andere  Natur- 
kräfte lassen  dieMetalle  oxydieren  undzerfallen,  dasHolzvermorschen,  denStein 
verwittern,  Glas-  und  Tongeschirr  zerbröckeln;  dielnsekten  zerfressenLeder  und 
Gewebe:  aber  weit,  weit  mehr  als  alle  zerstört  der  Mensch.  Was  dem  Ahnen 
heilig  ist,  wirft  der  Enkel  auf  den  Schutt;  was  den  Verteidiger  ein  Kleinod  dünkt, 
scheint  dem  Eroberer  ein  Nichts,  was  der  jung  ins  Leben  Schreitende  wertschätzt, 
legt  der  Gealterte  achtlos  zur  Seite.  So  wandert  unablässig  unter  den  Einflüssen 
menschlichen  Sinnens  und  Trachtens,  in  Freude  undFährlichkeit,  in  Hafi  und  Liebe, 
ein  Stück  nach  dem  andern,  eine  Art  nach  der  anderen  aus  dem  Sein  in  das  Nicht- 
sein. Was  wird  allein  an  goldenem  und  silbernem  Gerät  eingeschmolzen,  an  wert- 
vollen Steinen  ausgebrochen,  an  kostbaren  Gewändern  zerfetzt,  an  kunstreichen 
Arbeiten  zertrümmert!  Dazu  waltet  das  Schicksal  selbst,  indem  es  z.B.  allen  Er- 
zeugnissen der  Keramik  die  Zerbrechlichkeit  mit  auf  den  Weg  gegeben  hat,  dem 
zartgliedrigen  Glase  wie  dem  strahlenden  Kristallbecher,  dem  irdenen  Topfe  wie 
dem  edelsten  Majolikateller,  dem  eisenharten  Steinzeuge  wie  der  fcinwandigen 
Porzellantasse.  Ein  Augenblick  legt  das,  was  eben  noch  ein  stolzes  Gut  war.  in 
Scherben.  D 

Aber  selbst  Scherben  sind  für  die  Geschichte  des  Kunstgewerbes  von  Bedeutung. 
Wie  der  Paläontologe  aus  einem  einzigen,  im  Geschiebelehm  gefundenen  Knochen, 
aus  einem  Pflanzenabdruck  der  Braunkohle,  einem  zu  Papierilünne  /.u.sainmcnge- 
preßten  Fisch  im  Schiefer,  einer  Muschel  im  Kalkstein,  nicht  nur  das  einzelne  Lebe- 

41 


Wesen,  sondern  im  Anschlug  daran  die  ganze  damalige  Welt  vor  seinem  inneren 
Auge  erstehen  lägt,  so  sprechen  auch  dem,  der  sich  mit  der  Geschichte  des  Kunst- 
gewerbes eifrig  beschäftigt,  Scherben  eine  beredte  Sprache.  Denn  aus  ihnen  ver- 
mag er  sich  das  ganze  Gefäg  und  im  Anschlug  daran  wieder  das  ganzeLeben  jener 
Zeit  in  seinem  Geist  aufzubauen.  Genau  so  wie  aus  den  Scherben,  steigen  aus  alle- 
dem, was  die  Vergangenheit  an  Kunstgewerblichem  uns  überliefert  hat,  dieLeben- 
den  jener  Tage  empor;  vor  unserm  Innern  Auge  spiegelt  sich  wieder,  was  sie  be- 
wegt hat,  insbesondere  aus  welchem  Empfinden  heraus  sie  ihr  Kunstgewerbe  ge- 
staltet haben.  Dann  erst  begreifen  wir  das  Kunstgewerbe  unserer  Tage.  D 
Das  ist  das  hohe  ZIEL,  dem  unsere  Geschichte  zustrebt.  Unser  Kunstgewerbe 
will  alles,  was  nicht  der  Natur  oder  der  Kunst  selbst  entspringt,  sondern  was  uns 
nur  als  notwendigesundzweckmägigesMenschenwerkumgibt,  mitkünstlerischem 
Inhalte  erfüllen.  Dadurch  hofft  es,  uns  einer  allgemeinen  künstlerischen  Kultur 
entgegenzuführen.  Das  ist  eine  herrliche  Aufgabe.  An  ihrer  Lösung  mitzuwirken, 
ist  jeder  berufen.  DiewertvollsteUnterstützung  gewährt  ihm  dabeidie  Geschichte 
des  Kunstgewerbes.  DENN  NUR  DER,  DER  DIE  VERGANGENHEIT  KENNT  UND 
GEBÜHREND  SCHÄTZT,  VERMAG  DEN  AUFGABEN  DER  GEGENWART  GE 
RECHT  ZU  WERDEN.                                                                   Georg  Lehnert 


Kranz  Xaver  Jlabermann,  Ornamentstich 


42 


CO    '^ 

5  < 
p  g 


DAS  KUNSTGEWERBE 
IM  ALTERTUME 


KAPITEL  I  ♦  DAS  KUNSTGEWERBE  DER  VOR- 
GESCHICHTLICHEN ZEIT  UND  DES  ALTEN  MOR- 
GENLANDES D 

Die  Anfänge  des  Kunstgewerbes  reichen  bis  in  die  Anfänge  der  Menschheit 
zurück.  DasBedürfnis,  dieGeräte  des  täglichen  Lebens  über  den  Gebrauchszweck 
hinaus  künstlerisch  zu  gestalten,  ist  bereits  den  Menschen  der  frühesten  Kultur- 
stufe eigen,  die  wir  überhaupt  kennen,  der  FRÜHSTEINZEITLICHEN  oder  PALÄO- 
LITHISCHEN  PERIODE.  Die  Europäer  der  grauen  Urzeit  kannten  weder  den 
Ackerbau  noch  die  Viehzucht,  sie  lebten  noch  nicht  andauernden  Wohnplätzen;  als 
Jäger  oderFischer  führten  sie  ein  unstätesLeben,vor  der  Witterung  durch  die  von 
der  Natur  gebotenen  Zufluchtsorte  geschützt.  Mit  den  steinernen  Spitzen  ihrer 
Wurfgeschosse  undPfeile  wagten  sie  das  gewaltige  Mammut  und  den  Höhlenbären, 
das  Rhinozeros  und  das  Renntier  anzugreifen;  Knochen,  Hörner  und  Zähne  der 
erlegten  Tiere  boten  ihnen  für  ihre  Werkzeuge  ein  willkommenes  Material  dar. 
Hier  hinein  ritzten  sie  mit  dem  scharfen  Stein  die  Tiergestalten,  deren  Jagd  ihr 
Leben  erfüllte.  Diese  Zeichnungen  —  an  verschiedenen  Stellen  Frankreichs  und 
der  Schweiz  gefunden  —  sind  die  ältesten  uns  bekannten  Zeugnisse  kunstgewerb- 
lich dekorativer  Betätigung,  Zeichnungen,  deren  beste  Beispiele  ein  bemerkens- 
wertes Gefühl  für  die  Eigenart  und  die  Bewegung  der  dargestellten  Tiere  auf- 
weisen. Noch  darüber  hinaus  fesseln  unser  Interesse  kleine  plastische  Gestalten 
kauernder  oder  zusammengebrochener  Tiere,  vermutlich  Griffe  von  Dolchen, 
während  die  Bildung  der  menschlichen  Figur  sich  über  primitive  Einfachheit 
nicht  erhebt.  □ 

Dieser  ältesten  Steinzeit,  die  mit  der  jüngeren  Periode  des  Diluviums,  der 
letztvergangenen  erdgeschichtlichen  Entwicklungsstufe,  anhebt  und  eine  un- 
begrenzte Anzahl  von  Jahrtausenden  erfüllt  haben  mag,  steht  eine  JÜNGERE 
STEINZEIT  gegenüber,  eine  NEOLITHISCHE  EPOCHE,  in  der  Europa  bereits 
seine  jetzige  Gestalt  angenommen  hatte  und  statt  der  Kälte  und  Trockenheit  der 
vorangegangenen  Periode  die  Vorzüge  des  gemäßigten  Klimas  genoß.  Die  neo- 
lithische  Periode  —  von  der  anthropologischen  Wissenschaft  in  mehrere  Stufen 
eingeteilt  —  bezeichnet  den  Anfang  einer  kontinuierlichen  Entwicklung  bis  in 
unsere  Zeit  hinein.  Mammut  und  Höhlenbär  waren  ausgestorben,  andere  Tiere 
hatten  sich  den  ihnen  zusagenden  nördlichen  oder  südlichen  Gegenden  zugewandt. 
Entsprechend  den  veränderten  klimatischen  Bedingungen  lebte  und  bewegte  sich 
der  Mensch  der  neolithischen  Periode  anders  als  der  Mensch  der  Urzeit.  Er  er- 
scheint in  der  Umgebung  von  Haustieren;  neben  Jagd  und  F'ischfang  tritt  allmäh- 
lich der  Ackerbau  in  seine  Rechte  und  damit  eine  seßhaftere  Lebensweise.  Durch 
zahllose  Funde  sind  uns  die  Woiuiungen,  die  Gräber  und  die  Werkzeuge  joner 
Zeit  bekannt  geworden.  Knochen  und  Hörn  sind  wie  ehemals  zu  Geräten  verwendet, 
die  Steinwerkzeuge  sind  zierlicher  gebildet  und,  wo  es  das  Steinmaterial  zuläßt, 
oft  erstaunlich  fein  poliert.  Wir  besitzen  aus  dieser  Zeit  Perlen  und  Anliänger 
aus  Bernstein,  Knochen.  Ton  und  Stein,  die  einen  lebhaften  Sinn  für  körperlichen 

45 


n  Abb.  25:  Steingefäg  der  ägyptischen  Frühzeit  D 

Schmuck  verraten.  Vor  allem  tritt  jetzt  die  einer  geordneten  Wohnweise  eignende 
Töpferei,  die  KERAMIK  ins  Leben,  die  in  Formen  und  Ornamenten  gleich  charak- 
teristisch uns  in  die  Frühzeit  des  Kunstgewerbes  einen  Einblick  gestattet.  Becher, 
Tassen  und  Amphoren  [Trinkgefäge  und  das  bauchige  Vorratsgefäg]  bilden 
den  Hauptbestand  an  Formen.  Noch  war  die  Töpferscheibe  nicht  bekannt,  alles 
wurde  aus  freier  Hand  gebildet  und  an  offenem  Feuer  gebrannt.  Aber  bevor  die 
Gefäge  ins  Feuer  kamen,  wurden  sie  mit  vertieften  Ornamenten  verziert,  die  nach 
dem  Brande  wiederum  mit  weißer  Kalkmasse  ausgefüllt  wurden.  Je  nach  der 
Technik,  in  der  die  Ornamente  hergestellt  sind,  pflegen  wir  die  Gattungen  be- 
sonders zu  benennen.  Die  Ornamente  der  'Schnurkeramik'  wurden  mit  einer 
Schnur  hergestellt,  die  ein-odermehrmals  um  dasGefäg  gelegt  wurde  und  sich  in 
der  weichen  Oberfläche  abdrückte,  die 'Stichverzierung-  wurde  mit  fein  zugespitz- 
ten Knochen  oderHolzstäbchen  durchEinstechen  hervorgebracht,  die 'Schnittver- 
zierung' durch  Einschneiden.  Von  der  Art  der  Technik  sind  die  Muster  abhängig, 
die  sich  aber  fast  ausschließlich  in  den  Grenzen  gerader  Linienführung  bewegen: 
Dreiecke,  Grätenmuster,  Zickzacklinien,  die  ohne  bestimmte  Grundsätze  der  An- 
ordnung meist  um  den  oberen  Teil  des  Gefäßes  herum  gelegt  sind.  Zu  einem 
System  zusammengefaßt  dagegen  erscheinen  die  ornamentalen  Einzelelemente 
in  der  sogenannten  'Bandkeramik',  die,  wahrscheinlich  jünger,  in  den  südlichen 
Gegenden  Europas  verbreitet  ist,  wie  denn  überhaupt  die  einzelnen  Arten  von 
Verzierungen  nicht  überall  gleichmäßig,  sondern  örtlich,  vermutlich  auch  zeitlich 
getrennt  auftreten.  Die  Bandkeramik  zeigt  das  Ornament  oben  und  unten  von  einer 
vertieften  Linie  umrahmt,  so  daß  das  Bild  eines  gemusterten  Streifens  entsteht. 
In  den  Pfahlbauten  der  Schweizerseen  sind  Reste  von  Flechtwerken  gefunden 
worden;  auch  sie  zeigen  schon,  wie  die  Gefäße,  das  Bedürfnis,  den  Stoff  durch 
geradlinige  Muster  zu  beleben  und  reizvoll  zu  gestalten.  D 

46 


A^. 


Q  Abb.  26:  Sogenannte  Palette  der  ägyptischen  Frühzeit  D 

Das  Ende  der  jüngeren  Steinzeit  und  derÜbergang  von  Stein  zu  Metall  ist  nicht 
bei  allen  Völkern  gleichzeitig  eingetreten.  Die  Mittelmeervölker  haben  das  Metall 
früher  kennen  gelernt  als  das  nördliche  Europa;  in  Ägypten  und  Vorderasien  ver- 
arbeitete man  Metall  schon  Jahrhunderte  früher  als  in  den  Mittelmeerländern.  Pri- 
mitive Völker,  z.  B.  im  Innern  Afrikas,  stehen  noch  heute  mit  einem  Fuge  in  der 
Steinzeit.  Es  ist  daher  nicht  möglich,  die  der  Steinzeit  folgende  BRONZEZEIT  in 
allgemeiner  Übersicht  darzustellen,  sondern  es  empfiehlt  sich,  die  künstlerischen 
Äugerungen  derjenigen  Völker,  die  das  Kunstgewerbe  zur  Höhe  emporgeführt 
haben,  gesondert  zu  betrachten. CD 

Unter  den  Völkern  des  alten  Orients  sind  die  ÄGYPTER  bisher  das  einzige 
Volk)  dessen  kunstgewerbliche  Leistungen  wir  einigermagen  im  Zusammenhang 
überblicken  können.  Wir  unterscheiden  in  der  ägyptischen  Kunstgeschichte  — 
entsprechend  derpolitischen Geschichte  —  eineFrühzeit  bis  etwa  2800vor Christo, 
die  die  ersten  drei  Königsdynastien  umfagt.  An  sie  schliegt  sich  das  'alte  Reich' 
[4.—  6.Dynastie|von2800  -2500,  das  alsZeugen  seinerHerrlichkeit  die  berühmten 
grogenPyramiden  hinterlassen  hat.  Nach  einer  langen  Zeit  inneren  Verfalls  erhob 
sich  das  Land  im  'mittleren Reich'  |  IL— 13. Dynastie,  2200  1800]  zu  neuer  Blüte, 
um  durch  das  Barbarenvolk  der  Hyksos  gestürzt  zu  werden.  Ihrer  zweihundert- 
jährigen Herrschaft  folgte  das  'neue  Reich'  [17.— 20.Dynastie,  1600  1100|;  wäh- 
rend seiner  Dauer  wurde  Ägypten  zur  Weltmacht.  Von  1100  an  stand  Ägypten 
unter  libyschen  und  äthiopischen  Fürsten,  bis  |um  etwa  700 1  die  sai'tischen  Könige 
zur  Herrschaft  gelangten.  Im  Jahre  525  persische  Provinz  geworden,  fiel  das  Reich 
332  Alexander  dem  Grogcn  anheim.  Dessen  Feldherr  Ptolemäus  gründete  die  Dy- 
nastie der  Ptolemäer,  die  bis  in  die  Zeit  der  Eroberung  durch  die  Römer  im  Jahre 
30  vor  Christo  Bestand  hatte.  ü 

Zu  der  Zeit,  in  der  uns  die  ältesten  kunstgewerblichen  Erzeugnisse  entgegen- 
treten, etwa  um  3000  vor  Christo,  haben  die  Agypterdie  Steinzeit  längst  hinter  sich. 

47 


□  Abb.  27— 29:  Goldschmuck  aus  Dahchour    Mittleres  Reich  D 

sie  stehen  bereits  auf  einer  Kulturstufe,  die  sie  nur  in  vielen  Jahrhunderten  un- 
gestörter Ausbildung  erreicht  haben  können;  alle  die  Zweige  des  Kunstgewerbes, 
die  sich  später  zu  hoherBlüte  entfalten  sollten,  sind  hier  schon  vorgebildet.  Zwar 
finden  wir  an  den  ältesten  uns  bekannten  Stätten  [  Abydos,  Naqada,  Kom-el-achmar  | 
noch  an  die  Steinzeit  gemahnende  Werkzeuge  und  Geräte,  aber  diese  scheinen 
weniger  zum  Gebrauch  des  täglichenLebens  als  zu  religiösen  Zwecken  gedient  zu 
haben.  Das,  was  in  der  ägyptischen  FRÜHZEIT  unsere  höchste  Bewunderung 
erregt,  sind  Steingefäge,  deren  hartes  Material,  wie  Alabaster,  Granit,  Basalt  und 
andere  Gesteine,  mit  virtuoser  Meisterschaft  bearbeitet  wurden.  Fast  unbegreif- 
lich erscheint  es,  wie  die  bis  zu  --^  Meter  hohen,  tiefen  oder  bauchigen  Gefäße 
mit  Hilfe  primitiver  Bohrer  in  gewig  wochenlanger  Arbeit  bis  zu  einer  Feinheit 
der  Wandung  ausgebohrt  werden  konnten,  die  selbst  unserer  modernen  .voll- 
kommeneren Technik  große  Schwierigkeiten  bereiten  würde  [Abb.  25].  Solchen 
Leistungen  gegenüber  treten  die  keramischen  Arbeiten  zurück.  Überhaupt  hat 
die  ägyptische  Töpferei  nie  eine  sehr  hohe  Ausbildung  erfahren  —  erst  im  my- 
kenischen  und  griechischen  Kunstgewerbe  beginnt  die  Keramik  eine  führende 
Rolle  zu  spielen.  Handgeformt,  mit  roter  Ockerfarbe  überzogen  und  mit  ein- 
fachen aufgemalten  oder  eingeritzten  Ornamenten,  Spiralen,  gradlinigen  Mustern, 
auch  menschlichen  Figuren  und  Tieren  verziert,  machen  die  Tongefäße,  neben 
die  übrigen  Erzeugnisse  des  frühägyptischen  Kunstgewerbes  gestellt,  den  Ein- 
druck einer  primitiven,  weniger  gepflegten  Kunstgattung.  Dagegen  ist  schon  in 
der  Frühzeit  die  Fayence  hergestellt  worden,  jenes  charakteristische  'ägyptische 
Porzellan',  ein  Gemenge  von  pulverisierten  Kalksteinen  und  zerstoßenen  Topf- 
scherben, das  mit  einem  Zusatz  von  Wasser  und  anderen  Bindemitteln  geknetet 
und  geformt  und  dann  mit  einer  farbigen  Glasur  überzogen  und  gebrannt  wurde. 
Perlen,  Amulette,  kleineFiguren  und  anderes  wurde  in  dieser  Technik  hergestellt, 
auch  Gefäße  kommen  schon,  wenngleich  seltener,  vor,  alles  mit  leuchtender  blauer 
Farbe  in  dicker  Glasur  überzogen.  Als  Gebrauchsmetall  verarbeitete  man  in  der 


48 


D     Abb.  33:  Axt  aus  dem  Grabe  der  Aahotep  Abb.  31 :  Mittelbild  einer  Bronzeschale        ö 

Frühzeit  Kupfer  zu  einfachen  Gefäßen,  in  vereinzelten  Beispielen  sind  auch  Ar- 
beiten aus  Gold  und  Silber  auf  uns  gekommen.  Besonders  wertvoll  sind  endlich 
sogenannte  Paletten  aus  grünem  Schiefer  mit  Reliefdarstellungen  |Abb.  26]  und 
Elfenbeinskulpturen,  kleine  Statuetten,  Reliefs  und  eingeritzte  Zeichnungen,  deren 
eine  schon  das  späterhin  so  beliebte  Motiv  des  Königs  zeigt,  der  seinen  Feind 
beim  Schöpfe  packt  um  ihn  zu  töten.  Daneben  finden  sich  andere  Darstellungen 
aus  menschlichem  Kreise,  sowiemassenhafte  Bilder  von  wilden  und  zahmen  Tieren. 
Alle  diese  Arbeiten,  besonders  auch  die  Köpfe  der  kleinen  Statuetten,  zeichnen 
sich  durch  große  Frische  und  Unbefangenheit  in  der  Auffassung  aus  und  erweisen 
sich  darin  als  direkte  Vorläufer  der  Volkskunst  im  alten  Reich,  die  von  der  Ge- 
bundenheit der  offiziellen  höfischen  Kunst  nicht  berührt  war.  D 
Aus  der  Zeit  des  ALTEN  REICHES  sind  nur  wenig  Reste  kunstgewerblicher 
Arbeiten  auf  uns  gekommen.  Jedoch  darf  man  nach  den  Leistungen  der  großen 
Kunst  dieser  Zeit,  die  Meisterwerke  wie  den  'Schreiber',  den  'Zwerg  Chnemothes' 
und  den  'Dorfschulzen'  hervorbrachte,  auch  dem  Kunstgewerbe  eine  hohe  Blüte 
zutrauen  und  eine  Vervollkommnung  derschon  in  derFrühzeit  geübtenTechniken 
annehmen.  In  den  Gräbern  der  4.  und  5.  Dynastie  finden  wir  anscheinend  bereits 
Darstellungen  von  Glasbläsern,  die,  entgegen  derÜberlieferung,  die  Phönizier  seien 
die  Erfinder  des  Glases  gewesen,  vielmehr  dartun,  daß  diese  Kunstfertigkeit  auf 
die  Ägypter  zurückgeht.  Was  uns  aus  dieser  Zeit  erhalten  ist,  sind  freilich  keine 
Gläser,  sondern  gegossene  Perlen  aus  uiuUirchsichtiger  Glaspaste  in  allerlei  Far- 
ben, blau,  rot,  grün  usw.  Daraul'  wurden  in  anderen  I-'arben  liüiiiie  Glastäden  in 
Zickzack-  oder  Wellenlinien  gelegt  und  diese  in  den  noch  weichen  Glasgruiui 
eingepreßt.  Diese  Perlen  sind  auch  später  durch  .lahrhuiulerte  hindurch  fabri- 
ziert worden  und  bildeten  in  der  ägyptischen  Glasindustrie  einen  der  beliebtesten 
Handelsartikel,  der  nach  allen  Ländern  des  Mittelmeers,  nach  der  Nord-  und  Ost- 

4   •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  ^ej 


see,  Frankreich,  Deutschland  und  England  in  zahllosen  Stücken  exportiert  worden 
ist.  Für  die  Behandlung  des  Erzes  sind  seit  kurzem  die  Funde  von  Kom-el-achmar 
IHierakonpoIis]  wichtige  Zeugen.  Sie  zeigen,  dag  der  Erzgug  wohlbekannt  war 
und  dag  die  Kunst,  das  Metall  zu  treiben,  eine  hohe  Vollendung  erreicht  hatte. 
So  ist  die  Statue  des  Königs  Phiops  mit  seinem  Sohne  aus  einzelnen  Platten  von 
1—5  mm  dickem  Kupfer  getrieben,  die  dann  miteinander  vernietet  wurden.  Die 
Lebendigkeit,  die  das  Werk  auszeichnet,  setzt  eine  bedeutende  Sicherheit  in  der 
Beherrschung  des  Materials  voraus,  die  auch  in  den  Gefäßen  dieser  Zeit  zutage 
tritt.  Diese  sind  wie  die  Figuren  aus  reinem  Kupfer  über  einen  Kern  gehämmert 
oder  von  innen  heraus  mit  einem  runden  oder  spitzen  Stein  getrieben;  einzelne 
Teile,  wie  die  Ausgüsse  der  Guggefäge,  wurden  besonders  gegossen  und  durch 
Nietung  oder  eine  Art  von  Schweigverfahren  befestigt.  Hohe  Krüge  und  flache 
Näpfe  sind  die  verbreitetsten  Formen.  Von  anderen  kunstgewerblichen  Arbeiten, 
z.  B.  Fayencen,  ist  zu  wenig  auf  uns  gekommen,  als  dag  wir  uns  ein  Bild  von  dem 
Fortschritt  der  Technik  machen  könnten,  die  gewig  nicht  bei  den  Anfängen  der 
Frühzeit  stehen  geblieben  ist.  D 

Das  MITTLERE  REICH  bezeichnet  namentlich  zur  Zeit  der  12.  Dynastie  einen 
Höhepunkt  nicht  nur  auf  dem  Gebiete  der  Kunst;  auch  die  Literatur  erlebte  da- 
mals eine  hohe  Blüte  und  ihre  bedeutendsten  Werke  gehören  dieser  Periode  an. 
Kunstgewerbliche  Arbeiten  der  verschiedensten  Art  sind  uns  erhalten,  besonders 
JUWELIERARBEITEN,  die  ebenso  als  technischeLeistungen  wie  als  Äugerungen 
dekorativen  Sinnes  für  vollkommen  gelten  dürfen.  Fast  alle  stammen  aus  den 
Königsgräbern  vonDahchour  und  sind  Schmuckstücke  königlicher  Prinzessinnen, 
deren  Gräbern  sie  entrissen  worden  sind.  Besonders  bedeutend  erscheinen 
darunter  mehrere  starke  Goldplatten  in  Tempelform  mit  ausgeschnittenen  Orna- 
menten und  Darstellungen,  daneben  zahlreiche  kleinere  Schmuckgegenstände. 
Die  beigegebene  Tafel  zeigt  als  Hauptdarstellung  innerhalb  des  von  Lotossäulen 
getragenen  Tempelchens  einander  gegenüber  gestellt  zwei  sperberköpf  ige  Löwen, 
die  je  eine  Pranke  auf  einen  Asiaten  legen,  während  sie  zugleich  auf  einen  am 
Boden  liegenden  Neger  treten;  bei  diesen  ist  die  Hautfarbe  durch  die  dunklere 
Färbung  besonders  hervorgehoben.  Zwischen  die  Löwen,  die  die  Federkrone  tra- 
gen, ist,  wie  ein  Ornament,  der  Königsname  eingeschaltet,  und  über  dem  Ganzen 
schwebt  ein  Geier  mit  weit  ausgebreiteten  Flügeln.  Noch  reicher,  aber  in  den 
Farben  weniger  glücklich  ist  eine  andere  Platte.  Die  Technik  dieser  Platten  lägt 
sich  dem  Zellenschmelz  vergleichen;  auf  der  ausgeschnittenen  Goldplatte  sind 
die  Umrisse  mit  aufgelöteten  Goldfäden  vorgezeichnet  und  die  so  entstandenen 
Felder  mit  bunten  Steinen  oder  Glasflüssen  gefüllt.  Es  ist  eine  Technik,  die  die 
Ägypter  mit  stets  gleicher  Vortrefflichkeit  bis  in  die  späteste  Zeit  hinein  fest- 
gehalten haben.  D 

DieserGruppe  gegenüber,  bei  der  dasHauptinteresse  in  der  Buntfarbigkeit,  in 
der  gefälligen  Zusammenfügung  kostbarer  Steine  und  Glasflüsse  besteht,  kommt 
bei  einer  anderen  das  Gold  als  wertvolles  Material  mehr  zur  Geltung.  Es  sind  das 
Ketten-  und  Gehängeteile,  teils  in  Kegel-  oder  Tropfenform,  teils  in  Motiven,  die 
der  Natur  entlehnt  sind  |  Abb.  27  — 29|.  Von  erstaunlicher  Wahrheit  sind  Glieder  in 

ÖO 


iQ.l  ÄGYrnsCHEK  GOLDSCHMUCK 

L:f  Kl  AUS  DAHCHOUR  [UNTER-ÄGYPTEN] 


^ 


Form  von  flachen  und  tiefen,  hohlen  Seemuscheln,  die  aus  starkem  Goldblech  zu- 
sammengebogen sind;  kleine  Kugeln  im  Innern  der  hohlen  Muschel  verursachten 
bei  jeder  Bewegung  ein  klingelndes  Geräusch.  Noch  bedeutender  sind  andere 
in  Form  von  Löwenmasken,  deren  je  vier,  oben  und  unten  zwei  gegeneinander- 
gestellt,  zusammengehören.  Bei  der  Zusammenfügung  dieser  Masken  spielte  die 
schwierige  Goldlötung  eine  groge  Rolle;  sie  wurde  hier  mit  derselben  Meister- 
schaft geübt  wie  bei  den  vielen  hohlen  Goldkugeln,  die  aus  zwei  gepref>ten  Kugel- 
hälften fast  unsichtbar  zusammengesetzt  sind.  Es  ist  kein  Wunder,  dag  die 
ägyptischen  Juweliere  schon  damals  die  Granulierkunst  beherrschten,  d.  h.  das 
Auflöten  kleinster  Goldkügelchen  auf  Goldplatten  und  ihre  Vereinigung  zu  kom- 
plizierten Mustern,  eine  Kunst,  in  der  es  später  die  Etrusker  zu  raffinierter  Voll- 
kommenheit gebracht  haben.  Wie  diese  Arbeiten,  so  zeigen  Diademe  aus  zartem 
Golddraht  mit  dazwischen  gesetzten  einzelnenBlumen  eine  hoheVerfeinerungdes 
Geschmacks,  der  nicht  in  der  Verwendung  massenhaften  wertvollen  Materials, 
sondern  in  der  Eleganz  der  Verarbeitung  das  höchste  Ziel  sah.  D 

Dag  eine  Zeit  wie  diese  auch  im  übrigen  nicht  untätig  war,  ist  einleuchtend, 
wenngleich  die  Goldsachen  unter  den  Fundgegenständen  bedeutend  überwiegen. 
Wir  finden  das  Kunstgewerbe  tätig  in  der  Verarbeitung  harter  Steine  zu  Gefägen, 
wie  früher;  wir  sehen,  dag  die  Erzbehandlung  Fortschritte  machte,  das  Gug- 
verfahren  wird  ausgebildet  und  man  beginnt  schon  Gefäge  ganz  zu  giegen,  charak- 
teristischerweise aber  so,  dag  das  Gefäg  massiv  gegossen  und  dann  die  Höhlung 
ausgebohrt  wurde.  Den  Hohlgug  kannte  diese  Zeit  also  anscheinend  noch  nicht; 
aber  allein  der  Versuch,  getriebene  Gefäge  durch  gegossene  zu  ersetzen,  ist  ein 
Zeichen  für  die  Regsamkeit  der  Kunstindustrie.  Die  Bronze,  d.  h.  die  Legierung 
von  Kupfer  und  Zinn,  im  durchschnittlichen  Verhältnis  von  9:1,  dem  im  ganzen 
Altertum  üblichen  Mischungsverhältnis,  kam  auf;  noch  aber  überwiegt  das  reine 
Kupfer.  Fayencearbeiten  dieser  Zeit  sind  nicht  zahlreich  gefunden,  aber  doch 
hinreichend,  um  den  Fortschritt  gegen  die  ältere  Zeit  festzustellen;  meist  sind  es 
hohe  Flaschen,  die  metallenen  Vorbildern  nachgeahmt  sind.  Die  leuchtend  blaue 
Farbe  ist  gegenüber  den  älteren  Zeiten  dünner  aufgetragen  und  es  beginnt  jetzt 
die  Gewohnheit,  auf  das  Blau  mit  dunkler  schwarzer  Farbe  Ornamente  u.a.  aufzu- 
setzen; so  sind  uns  Nilpferde  aus  blauer  Fayence  erhalten,  bei  denen  die  Pflanzen 
des  Sumpfes,  in  denen  sie  sich  bewegen,  mit  schwarzer  Farbe  aufgemalt  sind. 
Diese  Neuerung  wird  im  neuen  Reiche  zur  Regel  und  in  dieser  Zeit  findet  über- 
haupt erst  die  Fayence  ihre  höchste  Ausbildung.  Der  Vollständigkeit  wegen 
erwähnen  wir  für  die  Keramik  des  mittleren  Reiches  charakteristisch  flache 
Schalen,  in  welche  mit  grober  Hand  Wasserpflanzen  und  Fische  eingeritzt  sind; 
offenbar  schwebt  hier  die  Vorstellung  eines  Teiches  vor.  der  duri'h  Fische  und 
Blumen  belebt  ist.  □ 

Der  gewaltige  Aufschwung,  den  die  Macht  Ägyptens  nach  dem  Sturz  der  Hyksos- 
herrschaft  in  der  Zeit  des  NEUEN  REICHES  nimmt,  ist  bis  in  das  Kunstgewerbe 
hinein  zu  verspüren.  Auf  aUen  Gebieten  entfaltet  sich  eine  emsige  Regsamkeit,  die 
technischen  Hilfsmittel  verbessern  und  vervollkonuuniMi  sich,  neue  l-'ormen  kom- 
men auf  und  das  Kunstgewei'be  wird  den  Einflüssen  fremder  Länder  zugänglich, 

4*  51 


D 


D 


Abb.  H2:  Dolch  aus  dem  IJrabe  der  Aahotep 

D  D 


deren  Produkte  teils  als  Tribute  neueroberter 
Provinzen,  teils  als  Handelsartikel  eingeführt 
werden  und  vielseitige  Anregungen  vermitteln. 
Für  die  Juwelierarbeiten  geben  uns  mehrere 
Gesamtfunde  den  reichsten  Aufschlug.  In  dem 
Sarge  der  Königin  Aahotep, der  Mutter  Amosisl., 
der  die  Hyksos  vertrieb,  aus  den  ersten  An- 
fängen des  neuen  Reiches,  wurde  i.  J.  1860  ein 
Schatz  goldener,  silberner  und  bronzener  Ge- 
räte gefunden,  der,  solange  die  Goldarbeiten 
aus  Dahchour  noch  nicht  vorhanden  waren,  mit 
das  Kostbarste  älterer  ägyptischer  Juwelier- 
arbeit überhaupt  bedeutete.  Unter  den  vielen 
Beständen  des  Schatzes  interessiert  vor  allem 
ein  Dolch  |  Abb.  32],  nicht  allein  durch  die  Kost- 
barkeit seiner  Arbeit,  sondern  durch  die  Eigen- 
art seiner  Verzierung.  Der  Dolch,  285  mm  lang, 
hat  einen  aus  Ebenholz  gearbeiteten  Griff,  des- 
sen Knauf  durch  vier  mit  Gold  umlegte  Masken 
der  Göttin  Hathor  gebildet  wird;  der  Griff  selbst 
ist  mit  Silber  umkleidet.  Plättchen  aus  Weig- 
gold, Karneol  undLapislazuli,  die  auf  dasSilber 
gelegt  sind,  rufen  eine  bunte,  leuchtende  Wir- 
kung hervor.  Dann  verbreitert  sich  der  Griff 
und  ist,  mit  Gold  belegt,  wie  ein  Rindskopf 
gestaltet,  dessen  Hörner  die  Klinge  umfassen. 
Diese  ist  aus  Gold  —  der  Dolch  war  also  nicht 
eine  Waffe,  sondern  ein  königliches  Prunk- 
stück; ein  schmaler,  eingelegter  Streif  aus  ei- 
ner kupferartigen,  nicht  genau  bestimmbaren 
Masse,  enthält  auf  beiden  SeitenDarstellungen, 
die  wiederum  durch  eingelegte  zarte  goldene 
Umriglinien  bezeichnet  sind.  Unter  einer  In- 
schrift, die  den  oberen  Teil  des  Streifens  ein- 
nimmt, bemerkt  man  einen  Löwen,  der  einen 
Stier  verfolgt,  und  vier  Heuschrecken;  über 
und  unter  den  Tieren  ist  welliges  Gelände  an- 
gedeutet. Dieser  Dolch,  dessen  ausführliche 
Beschreibung  seine  Bedeutung  rechtfertigt,  ist 
zwar  nicht  in  der  Technik,  aber  in  seiner  Dar- 
stellung angeregt  durch  Werke  der  kretisch- 
mykenischen  Kunst,  und  eines  von  vielen  An- 
zeichen für  den  lebendigen  Austausch  künstle- 
rischer Gedanken  zwischen  Ägypten  und  der 


52 


glänzenden  Kultur  des  ägäischen  Meeres,  wie  D 
denn  ein  ähnlicher  Austausch  schon  zur  Zeit 
der  12.  Dynastie  und  noch  weit  früher  statt- 
gefunden hat.  Ägypten  aber  übernahm  die  An- 
regungen nicht  einseitig,  sondern  beeinflußte, 
wenn  auch  in  geringerem  Mage,  seinerseits  die 
Künstler  jener  Kultur.  An  beiden  Stellen  fin- 
den wir  neben  echten  Stücken  der  fremden 
Kultur  Denkmäler,  die  zwar  im  eigenen  Lande 
gearbeitet,  aber  von  fremden  Vorbildern  ab- 
hängig sind.  Hier  ist  eine  mykenische  Bügel- 
kanne in  Fayence  oder  eine  Schnitzerei  in  Holz 
nachgebildet,  dort  weist  eine  dekorative  Wand- 
malerei oder  eine  Dolchklinge,  wo  eine  Katze 
im  Papyrusröhricht  einen  Vogel  beschleicht 
oder  Enten  jagt,  deutlich  auf  Ägypten  hin.  Für 
die  Dolchklinge  aus  dem  Grabe  der  Aahotep 
beweist  den  kretisch-mykenischen  Einfluß  un- 
widerleglich das  Gelände  bedeutende  Füllwerk, 
das  ebenso  unägyptisch  wie  echt  mykenischist. 

Haben  wir  hier  ein  deutlich  unter  fremdem 
Einfluß  stehendes  Kunstwerk  vor  uns,  so  sind 
andere  in  reiner  ägyptischem  Geschmacke  ge- 
halten. Dazu  gehört  eine  prächtige  Axt,  deren 
Griff  aus  Zedernholz  geschnitzt  und  reich  mit 
Gold  und  edlen  Steinen  geschmückt  ist.MitKar- 
neol,  Lapislazuli  und  Türkisen  ist  der  Name 
Amosis  I.  auf  dem  Rücken  des  Griffes  einge- 
legt. Die  bronzene  Schneide  ist  am  Rand  mit 
Gold  gefaßt,  das  Blatt  zeigt  in  schwarzgrauem 
Metall  das  Namensschild  des  Königs  und  die- 
sen selbst,  wie  er  einen  Feind  beim  Schöpfe 
packt,  darunter  einen  an  mykenische  Darstellun- 
gen erinnernden  Greifen  |  Abb.  30  [.Völlig  ägypti- 
scher Kunsttradition  entspricht  eine  Goldplatte 
in  Tempelform  |wie  die  Funde  aus  Dahchour|, 
mit  eingesetzten  Glasflüssen  und  farbigen  Stei- 
nen, König  Amosis  I.,  wie  er  von  Amon  und 
Re  mit  Wasser  besprengt  und  geweiht  wird. 

Die  kretisch-mykenische  Befruchtung  ägyp- 
tischerKunst  ist  kaum  über  das  Jahr  1400  V.  Chr. 
hinausgegangen  und  dementsprechend  finden 
wir  in  den  Schmucksachen  der  19.  Dynastie  wie- 
der die  altüberkommenen  Vorstellungen  und   □ 


D 


\bb.  :13  u.  34: 


Farbige  ägypUsche  Gläser 

D 


53 


Techniken.  Unter  ihnen  ist  der  Schatz  aus  dem  Grabe  eines  der  Söhne  Ramses  IL 
besonders  bemerkenswert.  Es  sind  Meisterwerke  der  Juwelierarbeit  und  in  der 
Zusammenstellung  der  Farben  von  auserlesenem  Geschmacke,  aber  sie  bieten 
für  die  Geschichte  des  Kunstgewerbes  keine  neuen  Erscheinungsformen  mehr 
dar.  Zu  diesen  großen  Goldfunden  und  Arbeiten  kommen  kleinere  Schmuck- 
sachen in  zahllosen  Exemplaren,  besonders  Ketten  mit  Anhängern  aus  Gold  und 
Stein.  Die  kleinen  Goldperlen,  Amulette,  Ringe  usw.  wurden  mit  Hilfe  von  Stein- 
formen gewonnen,  in  die  der  herzustellende  Gegenstand  vertieft  eingearbeitet 
war;  in  die  Vertiefung  wurde  entweder  dünnes  Goldblech  eingedrückt  oder  wenn 
der  Gegenstand  massiv  werden  sollte.  Wachs  eingegossen,  das  dann  für  den  Gug 
das  Modell  lieferte.  Die  kleinen,  aus  edlen  Steinen  geschnittenenAnhänger  dieser 
Zeit,  Kettenglieder  und  Amulette  verschiedener  Form,  sind  wahre  Wunderwerke 
von  Kleinarbeit.  D 

Unter  den  Erfindungen,  die  die  ERZTECHNIK  in  der  Periode  des  neuen  Reichs 
machte,  steht  der  Hohlgug  voran.  In  dieserTechnik  ist  eine  kleine  Bronzestatuette 
Ramses  II.  hergestellt  [Abb.  35  u.  36).  Noch  steht  sie  ganz  vereinzelt  da,  aber  sie 
hat  die  Kenntnis  des  Hohlgusses  für  die  19.  Dynastie,  also  500  Jahre,  bevor  die 
Jonier  die  Erfindung  auf  ihre  Kunst  übertrugen,  mit  Sicherheit  erwiesen.  Im 
übrigen  sind  Bronzefiguren  dieser  Zeit,  auch  vollgegossene,  nur  sehr  wenig  er- 
halten. Dagegen  besitzen  wir  zahlreiche  Bronzegefäge;  sie  zeigen,  dag  das  reine 
Kupfer  immer  seltener  verwendet  wird  und  die  Häufigkeit  des  Gusses  ganzer  Ge- 
fäße verrät  einen  bedeutenden  Fortschritt  der  Technik.  Besonders  beliebt  wurde 
jetzt  gravierter  und  figürlicher  Schmuck.  Ein  Prachtstück,  das  der  Gruppe  my- 
kenisch  beeinflußter  Kunstwerke  angehört,  ist  die  Schale,  deren  Mittelbild  Abb.  31 
wiedergibt:  vier  Tiergruppen,  dahinter  Papyrusgebüsch,  in  dem  Katzen  ruhende 
Wasservögel  beschleichen.  Die  Henkel  der  Gefäße  werden  häufig  als  fächer- 
artige Blüten  gebildet  und  endigen  unten  meist  in  einer  Palmette;  sie  pflegen  an 
den  Gefäßen  durch  Nietung  befestigt  zu  sein.  Die  Lötung  ist  zwar  bekannt,  wird 
aber  für  diesen  Zweck  nicht  bevorzugt.  Flache  Schüsseln  zum  Waschen  der  Hände 
nach  dem  Mahle  nebst  zugehörigen  Kannen  mit  langem  Ausguß,  wie  an  unseren 
Kaffeekannen,  große  Kessel  und  flache  Schalen  scheinen  die  geläufigsten  Formen 
dieser  Zeit  gewesen  zu  sein.  D 

Die  FAYENCETECHNIK  erreichte  in  der  Zeit  des  neuen  Reiches  die  höchste 
Ausbildung,  deren  sie  fähig  war;  eigene  Formen  hat  zwar  diese  Technik  kaum 
hervorgebracht,  sondern  vornehmlich  von  der  Nachahmung  anderer  Techniken 
gelebt.  Im  Anfange  des  neuen  Reiches  kam  die  Mode  auf,  die  Fayence  nicht  zu 
glasieren,  sondern  stumpf  zu  belassen  und  meergrün  zu  färben.  Diese  Mode  ist 
nicht  von  Dauer  gewesen;  gegenüber  den  schönen  tiefblauen,  mit  schwarzen  Or- 
namenten besetzten  Gefäßen  vermochte  die  unglasierte  Gattung  nicht  standzu- 
halten. Schlanke  Flaschen,  spitze  große  Krüge,  Büchsen,  dann  wieder  Schalen 
und  Teller  mit  schwarzer  Innenzeichnung,  besonders  ein  Fisch,  der  im  Maul  einen 
Blütenstengel  hält,  weiter  Schminktöpfchen,  häufig  in  figürlicher  Gestaltung,  das 
sind  die  Hauptformen,  in  denen  sich  die  große  Masse  der  erhaltenen  Gefäße  be- 
wegt. Sehr  charakteristisch  fürdieseZeit  sind  linsenförmigeFlaschen, sogenannte 

54 


Pilgerflaschen,  aus  denen  sich  die  Neujahrsflaschen  der  späteren  saitischen  Zeit 
entwickelt  haben,  Flaschen  mit  einem  Segensspruch,  wie  man  sie  sich  parfüm- 
gefüllt zum  neuen  Jahre  zu  verehren  pflegte.  Auch  menschliche  Gestalten  und 
besonders  Tiere  sind  in  dieser  Zeit  häufig  hergestellt  worden;  dazu  gehört  als 
eines  der  besten  Stücke  ein  mit  Töpfen  beladenes  Kamel,  auf  dessen  Rücken  ein 
Asiat  reitet.  Die  feinsten  Erzeugnisse  der  Fayencetechnik  sind  hohe  Becher  in 
Blumenform  [Abb.37j  von  vollendeter  Schönheit  des  Ebenmaßes  und  mit  Recht 
aufs  höchste  bewundert;  in  der  Folgezeit  verzierte  man  solche  Becher  mit  Re- 
liefs, jedoch  büßten  sie  dadurch  beträchtlich  an  Schönheit  ein.  Noch  im  Laufe 
der  18.  Dynastie  begann  man  buntfarbige  Fayencen  herzustellen,  und  zwar  scheint 
die  Sitte  unter  der  Regierung  des  prunkliebenden  Amenophis  III.  besonders  ver- 
breitet gewesen  zu  sein.  So  kennen  wir  bauchige  Flaschen  mit  Ornamenten  in 
violettblauer,  roter  und  gelber  Farbe.  □ 

Mit  der  Fayencefabrikation  hängt  die  des  GLASES  eng  zusammen.  Schon  zur 
Zeit  des  alten  Reiches  wurde,  wie  oben  bemerkt  worden  ist,  anscheinend  Glas 
geblasen  und  Glasmasse  zu  gegossenen  bunten  Perlen  verarbeitet,  aber  Gefäße 
aus  Glas  kennen  wir  erst  seit  dem  neuen  Reich.  Noch  verstand  man  es  nicht, 
farblos  durchsichtiges  Glas  herzustellen,  vielmehr  sind  die  ältesten  uns  bekann- 
ten Gläser  stets  farbig  und  meist  undurchsichtig;  Beispiele  farblosen  Glases  sind 
aus  der  Zeit  vor  der  26.  Dynastie  [um  700  v.  Chr.]  nicht  nachzuweisen.  Die  Gläser 
des  neuenReiches  sind  fastdurchwegAlabastra,zylindrischeFläschchen  für  wohl- 
riechende Öle,  unten  gerundet,  mit  kurzem  Halse  und  breitem,  flachem  Rande, 
seitwärts  zwei  kleinere  Ösen  oder  Henkel,  durch  die  eine  Schnur  gezogen  wurde. 
Die  Grundfarbe  ist  meist  ein  schönes  tiefes  Blau,  doch  finden  sich  auch  andere 
Farben,  wie  lackrot,  schwarz,  violettrot  und  bernsteingelb.  Auf  die  Grundfarbe 
wurden,  als  besonderer  Schmuck,  verschiedenfarbige  Glasfäden  aufgelegt  und 
zwar  solange  das  Gefäß  noch  halbvollendet  und  weich  war;  dann  ordnete  man 
die  Fäden  mit  dem  Kamm  zu  Zickzacklinien,  Flechtmustern  und  Schuppenorna- 
menten zusammen  und  preßte  sie  durch  Walzen  in  das  Gefäß  ein.  Diese  bunten 
Gläser,  zu  denen  sich  in  der  Folgezeit  weitere  zierliche  Formen  gesellen,  Am- 
phoren, Kännchen  u.  a.,  sind  bis  in  die  Zeit  der  ersten  römischen  Kaiser  in  Alex- 
andria gefertigt  worden  und  wie  die  Perlen  beliebteste  Exportartikel  gewesen, 
die  in  Griechenland,  Unteritalien,  besonders  aber  in  Etrurien  in  großen  Mengen 
wieder  zum  Vorschein  gekommen  sind  [Abb.  33  u.  34 1.  D 

Über  die  HOLZARBEITEN  des  neuen  Reiches  sind  wir  durch  eine  Anzahl  von 
Fundstücken  unterrichtet,  zu  denen  ergänzend  die  Bilder  derVVaiuimalereien  und 
Reliefs  treten.  Wir  sehen  daraus,  daß  auf  die  Ausstattung  der  Möbel  und  Geräte 
großer  Wert  gelegt  wurde.  Die  Furnierung  einfacher  Holzarten  mit  feineren  war 
den  Tischlern  geläufig,  Intarsien  aus  schwarzem  Ebenholz  und  Elfenbein  gehör- 
ten zu  den  häufigsten  Verzierungen.  Unter  den  Möbeln  sind  die  Sessel  und  Betten 
die  uns  am  besten  bekannten  Formen,  deren  Entwicklung  von  der  Zeit  des  alten 
Reiches  an  zu  verfolgen  ist.  Stets  sind  die  Beine  wie  die  vorderen  und  hinteren 
Löwentatzen  gestellt,  darauf  liegt  ein  Sitzbrett  mit  einem  Kissen.  In  diesen  ein- 
fachen Apparat  fügte  man  noch  im  alten  Reich  hohe,  gerade  Seiten-  und  Rücken- 

55 


n  Abb.  35  u.  36:  Bronzefigur  König  Ramses  II.  D 

lehnen;  im  mittleren  milderte  man  die  Unbequemlichkeit,  die  solche  Sessel  boten, 
durch  Neigung  der  Rückenlehne  und  niedrigere  Seitenlehnen,  im  neuen  haben 
die  Sessel  die  Form  gewonnen,  wie  sie  Abb.  38  zeigt.  Dicke  Polster  erhöhten  den 
Sitz  so,  dag  Fugschemel  nötig  waren.  Neben  den  Sesseln  kennen  wir  leichtere 
Schemel  mit  einfacheren  Fügen  [Abb.  39 1,  Klappstühle  wie  unsere  Malerstühle, 
niedrige  Taburetts  u.  a.  Das  Bett  ist  nichts  anderes  als  der  Sessel  mit  verlänger- 
ter Sitzfläche;  die  Denkmäler  zeigen,  dag  zu  seiner  Ausstattung  eine  erstaunliche 
Fülle  von  Kissen  und  Decken  gehörte;  der  Hals  wurde  wie  bei  den  Japanern 
beim  Liegen  durch  eine  Gabel  unterstützt,  so  dag  der  Kopf  frei  schwebte  und  die 
komplizierte  Frisur  nicht  Schaden  litt.  d 

Mit  das  anmutigste,  was  uns  das  ägyptische  Kunstgewerbe  überhaupt  ge- 
schenkt hat,  sind  kleine  Geräte  aus  Holz  und  Elfenbein  mit  Schnitzereien.  Wie 
die  griechischen  Geräte  nicht  gearbeitet  werden  konnten,  ohne  dag  sie  der  Meister 
durch  dies  oder  jenes  zierliche  Detail  belebte,  so  zeigen  auch  die  ägyptischen 
Löffel,  Schälchen,  Kämme  und  andere  Dinge  einFeingefühl  des  Geschmackes,  wie 
es  höher  kaum  denkbar  ist.  Hier  ist  es  eine  Sängerin,  die  auf  einer  Matte  hockend 
die  Laute  schlägt  [Abb.  42],  dort  ein  vornehmes  Mädchen,  das  aufgeschürzt  im 
Papyrusdickicht  Blüten  pflückt,  oder  ein  schwimmendes  Mädchen  als  Griff  eines 
Näpfchens,  das  sie  mit  den  Händen  vor  sich  her  schiebt  |Abb.  40|:  alle  gleich  reiz- 
voll in  der  Erfindung  und  in  der  Durchführung  der  Bewegung.  D 

In  der  STEINSCHNEIDEKUNST  sind  die  Ägypter  zu  bedeutenden  Leistungen 
nicht  gelangt;  zwar  finden  sich  schon  in  den  ältesten  Zeiten  Tonabdrücke,  die 
von  steinernenSiegelzylindern  genommensind,aberdiese  zeigen  ebenso  nurSym- 
bole  und  Hieroglyphen,  wie  die  späteren  seit  der  4.  Dynastie  gebräuchlichen 
Skarabäen,  jene  Siegel  aus  Stein  oder  Fayence  in  Form  des  Symbols  des  Sonnen- 
gottes, des  Mistkäfers,  deren  untere  platte  Seite  den  Namen  des  Besitzers  zu 

56 


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n  Abb.  37:  Ägyptische  Becher  aus  Fayence  C 

tragen  pflegte.  Die  eigentliche  Heimat  der  Glyptik,  der  Steinschneidekunst,  ist 
Babylonien. n 

Eine  Darstellung  des  BABYLONISCHEN  UND  ASSYRISCHEN  KUNST- 
GEWERBES in  geschichtlicher  Entwicklung  zu  geben,  ist  vorläufig  ein  Ding  der 
Unmöglichkeit.  Weder  sind  die  Funde  so  zahlreich,  noch  herrscht  über  die  Da- 
tierung der  Epochen,  namentlich  für  die  älteste  Zeit,  Einigkeit.  Wenn  die  An- 
nahme richtig  ist,  dag  die  ältesten  aus  Telloh  und  anderen  Stätten  auf  uns  ge- 
kommenen Denkmäler  noch  im  5.  Jahrtausend  v.  Chr.  geschaffen  sind,  so  muP^ 
man  die  Anfänge  der  altbabylonischen  Kunst  weit  hinauf  in  dieses  Jahrtausend 
datieren,  denn  diese  Denkmäler  setzen  bereits  eine  lange  Kunstübung  voraus. 
Sie  beweisen  zugleich,  daf^  die  Kunst  Mesopotamiens  nicht  von  den  Semiten 
geschaffen  ist,  die  erst  vermutlich  um  4000  einwanderten,  sondern  von  den  Ur- 
einwohnern, den  nichtsemitischen  Sumerern.  Die  Techniken,  die  für  das  baby- 
lonische und  assyrische  Kunstgewerbe  besonders  charakteristisch  sind,  die  Ver- 
arbeitung harter  Steine  zu  Siegelzylindern,  zu  gravierten  und  reliofmäfjiigen  Dar- 
stellungen, die  Glasur  der  Ziegel  zur  schmuckvollen  Verkleidung  der  Wände,  sind 
hier  schon  vorgebildet.  Auch  besitzen  wir  schon  aus  der  Urzeit  vollgegossene 
Kupferstatuetten,  getriebene  und  gravierte  SilbergefäP^c  und  Kupfergeräte  mit 
eingeritzten  Darstellungen,  Muscheln  der  verschiedensten  Arten,  die  zu  Platten 
geschnitten  und  graviert  wurden;  die  Terrakotta  scheint  hier  zuerst  für  die  Klein- 
plastik verwendet  worden  zu  sein.  □ 

Wir  begnügen  uns,  zur  Veranschaulichung  der  Stoinschiieidekunst  und  der 
Wirkung  farbiger  Ziegel  je  ein  hervorragendes  Beispiel  im  Bilde  vorzulegen.  Die 
GESCHNITTENEN  STEINE  haben  durchweg  die  Form  in  der  Längsrichtung 
durchbohrter  Zylinder,  deren  Bild  beim  Abdrücken  in  den  Ton  abgerollt  wurde. 
Bis  in  das  3.  Jahrtausend  liineiii  wurden  sie  mit  der  Hand  gearbeitet;  erst  nach 

57 


n  Abb.  38  u.  39:  Sessel  und  Schemel  aus  der  Zeit  des  neuen  Reiches  D 

der  Zeit  des  Hammurabi,  der  [um  ca.  2000  v.  Chr.]  Nord-  und  Südbabylonien  zu 
einem  Reiche  mit  der  Hauptstadt  Babylon  vereinigte,  kam  die  mehr  fabrikmäßige 
Technik  des  Rades  auf.  Das  Material  ist  meist  Hämatit,  daneben  Jaspisarten, 
Porphyr,  Lapislazuli  und  Bergkristall;  die  Stoffe  der  Darstellungen  bewegen  sich 
fast  ausschließlich  in  Götter-  und  Heldensagen  und  religiösen  Zeremonien,  in 
älterer  Zeit  auch  in  genrehaften  Bildern.  Der  in  Abb.  41  aufgerollt  gezeigte  Siegel- 
zylinder trägt  in  der  Mitte  den  Namen  des  Königs  Sargon  I.  von  Agade,  der  nach 
der  babylonischen  Überlieferung  3200  Jahre  vor  Nabonedos  |um  550  v.  Chr.  |, 
also  um  3750  v.  Chr.  herrschte.  Der  Stein  gehört  demnach  der  ältesten  nach- 
sumerischen Zeit  an  und  zeichnet  sich  durch  Frische  und  Unbefangenheit  vor  den 
jüngeren  babylonischen  und  assyrischen  vorteilhaft  aus.  Überhaupt  bezeichnet 
die  altbabylonische  Kunst  den  Höhepunkt  der  babylonischen  Kunst.  Gegenüber 
der  schematischen  ornamentalen  Behandlung  des  menschlichen  und  tierischen 
Körpers,  die  in  späterer  Zeit  üblich  wird,  findet  man  hier  einen  hohen  Grad  von 
Naturwahrheit;  der  Stier,  der  von  dem  Helden  getränkt  wird,  ist  in  der  Gesamt- 
bewegung, wie  in  den  Einzelheiten  der  Körperbehandlung,  dem  Zusammenwirken 
der  Muskeln  vortrefflich  gelungen,  besser  noch  als  die  Figur  des  Helden,  dessen 
muskulöser  Körper  zwar  in  den  Armen  und  Beinen  charakteristisch  und  lebendig 
herausgearbeitet  ist,  dessen  komplizierte  Stellung  aber  über  das  Darstellungs- 
vermögen der  altertümlichen  Kunst  hinausgeht.  D 
Von  Babylonien  aus  hat  sich  die  Kunst  des  Steinschneidens  über  Vorderasien 
und  die  Länder  des  klassischen  Altertums  verbreitet  und  ist  der  Eigenart  und 
Kunstauffassung  der  einzelnen  Völker  entsprechend  ausgeübt  worden.  In  den 
zahlreichen  assyrischen  Steinen,  die  wir  besitzen,  herrscht  eine  prunkvollere  Art 
des  Formenvortrags  vor,  die  nordsyrischen  Hethiter  haben  dem  Ornament  einen 
großen  Raum  zugestanden,  die  persischen  Steine  sind  kraftlos  und  nüchtern,  alle 
zehren  in  den  Darstellungen  von  dem  Erbe  der  babylonischen  Kunst.  n 

58 


Abb.  40:  Sclnvimmendes  Mädchen,  üriff  eines  ägyptischen 
Löffels.  Abb.  41 :  Abdruck  eines  babylonischen  Siegelzylinders. 
Abb.  42:  Ägyptische  Holzschnitzerei,  Zeit  des  neuen  Reiches 


Das  Bild  des  Löwen  aus  BUNTGLASIERTEN  ZIEGELN  (s.  Tafel]  stammt  aus 
dem  prächtigen  Palaste  Nebukadnezars  in  Babylon,  aus  einer  Zeit,  als  Assyrien 
auf  der  Höhe  seiner  Macht  stand  —  überhaupt  gehören  die  besterhaltenen  Bei- 
spiele dieser  Technik  der  Spätzeit  an.  Erst  vor  kurzem  gefunden,  ist  das  Bild 
schnell  zu  großer  Berühmtheit  gelangt.  Älter  als  dieser  Löwe  sind  figürliche  Dar- 
stellungen aus  den  Palästen  Assurnasirpals  und  Salmanassars  11.  zu  Nimrud,  und 
ein  Löwe  aus  dem  Palaste  Sargons  II.  zu  Khorsabad  [um  700  v.Chr.].  Es  läßt  sich 
nicht  leicht  etwas  dekorativ  Wirksameres  denken,  als  diese  in  leuchtenden  Farben 
gehaltenen  Friese  großer  menschlicher  und  tierischer  Figuren;  aber  eine  Ver- 
breitung über  den  Orient  hinaus  hat  diese  Kunst  im  Altertum  nicht  gefunden. 
Wir  begegnen  ihr  außerhalb  Mesopotamiens,  von  Ägypten  abgesehen,  in  ausge- 
zeichneten Proben,  in  dem  Palast  des  Perserkönigs  Artaxerxcs  in  Susa  |4.  Jhdt. 
v.  Chr.  I,  der  Formgebung  nach  in  dem  der  persischen  Kunst  eigenen  nationalen 
Gepräge,  aber  in  der  Technik  von  den  älteren  assyrischen  und  babylonisclien 
Vorbildern  abhängig.  D 

D  D 

Reichen  Anteil  an  der  Verbreitung  orientalischer  kunstgewerblicher  Arbeiten 
nehmen  vom  Anfang  des  1.  Jaln-tausends  v.  Chr.  die  PHÖNIZIER,  deren  Handel 
den  gesamten  antiken  Weltkreis  umfaßte.  Die  Hauptbedeutung  der  phönizischen 
Kunst  liegt  in  der  Vermittlerrolle  -  dieAnregimgeii.die  die  archaisch-griechisclie. 
nicht  die  ältere  Kunst  des  ägäischenMeeres  aus  der  orientalisclien  Kunst  empfing, 

59 


sind  zum  guten  Teil  auf  die  Phönizier  zurückzuführen.  Durch  sie  wurden  nicht 
nur  ägyptische,  babylonische  und  assyrische  Arbeiten  in  den  Verkehr  gebracht, 
sondern  sie  selbst  haben  ein  eigenes,  wenigstens  dem  Umfange  nach  ungemein 
reges  Kunstgewerbe  entwickelt,  dessen  Erzeugnisse  sie  überall  dahin  getragen 
haben,  wohin  sie  auf  ihren  Fahrten  kamen.  So  kommt  es,  dag  die  Fundstätten  der 
klassischen  Länder  mit  phönizischen  kunstgewerblichen  Arbeiten  überschwemmt 
sind  und  dag  die  Phönizier  auf  das  klassische  Kunsthandwerk  bestimmend  ein- 
gewirkt haben.  An  sich  betrachtet  bieten  diese  Leistungen  freilich  nichts  Erfreu- 
liches dar  und  an  der  künstlerischen  Förderung  des  Kunstgewerbes  haben  sie 
meist  nur  einen  mittelbaren  Anteil.  Wir  kennen  phönizische  Glasarbeiten,  die  den 
ägyptischen  nachgemacht  sind;  die  Kunst  des  Steinschneidens  verdanken  die  Phö- 
nizier den  Babyloniern;  in  der  Buntwirkerei  und  Färberei  ist  es  ihr  Verdienst,  den 
Purpur  zuerst  verwendet  zu  haben.  Berühmt  waren  die  phönizischen  Metall- 
arbeiten und  von  diesen  sind  namentlich  silberne,  flache  Schalen  mit  getriebenen 
und  gravierten,  in  einzelnen  Zonen  angeordneten  Darstellungen  auf  uns  gekom- 
men. Diese  Darstellungen  zeigen  eine  charakteristische  Mischung  ägyptischer 
und  assyrischer  Elemente  und  beweisen,  dag  von  einem  wirklichen  Durchdringen 
oder  einem  eigenen  phönizischen  Kunststil  nicht  die  Rede  sein  kann.  —  O 

D  D 

KAPITEL  II  ♦  DAS  KUNSTGEWERBE  DER  VOR- 
KLASSISCHEN ZEIT  (TROJA,  KRETA-MYKENÄ) 

Die  Länder  des  ägäischen  Meeres  waren  bis  in  das  zweite  vorchristliche  Jahr- 
tausend hinein  von  einer  ungriechischen  Völkerschaft  bewohnt,  deren  Heimat  im 
Südosten  des  Mittelmeerbeckens  gesucht  werden  mug.  Zahlreiche  Beobachtungen 
der  Sprachwissenschaft  lehren,  dag  dieses  Volk  seine  Herrschaft  über  die  Ky- 
kladen  und  das  griechische  Festland  bis  hinauf  nach  Thessalien  erstreckt  hatte, 
aber  der  Mittelpunkt  seiner  Kultur  war  Kreta.  Noch  die  spätere  Überlieferung 
weig  von  dieser  fern  zurückliegenden  Zeit  und  den  fremden  Machthabern  zu  er- 
zählen; was  für  die  Griechen  zur  Sage  geworden  war,  ist  uns  durch  die  archäo- 
logische Forschung  wieder  zur  Geschichte  geworden.  An  zahlreichen  Stätten, 
zuerst  durch  Heinrich  Schliemanns  epochemachende  Entdeckungen  in  Mykenä 
und  Tiryns,  dann  besonders  durch  die  jüngsten  Aufdeckungen  in  Kreta  und  auf 
den  übrigen  Inseln,  sind  die  Reste  dieser  vorgriechischen  Kultur  in  einer  Fülle  ans 
Tageslicht  gebracht  worden,  die  in  der  Geschichte  der  Ausgrabungen  fast  bei- 
spiellos dasteht,  und  mit  Erstaunen  sind  wir  gewahr  geworden,  dag  die  künst- 
lerischen Leistungen  dieses  Volkes  aus  kleinen  Anfängen  heraus  zu  einer  Höhe 
emporgestiegen  sind,  die,  wenigstens  auf  dem  Gebiete  des  Kunstgewerbes,  erst 
die  beste  griechische  Zeit  wieder  erreicht  hat.  D 

Dieser  vorgriechischen,  kretisch-mykenischen  Kultur  steht  eine  andere  gegen- 
über, die,  wenngleich  Berührungspunkte  vorhanden  sind,  doch  einen  wesentlich 
anderen  und  durchaus  selbständigen  Charakter  hat,  die  troisch-phrygische  Kultur. 
Auch  ihre  Kenntnis  ist  zuerst  der  Energie  Schliemanns  verdankt.   Neuere  For- 

60 


DECKEL  EINER 
GESICHTSVASE 


GESICHTS- 
VASE ö  D 


D   DEPAS  AM- 
PHIKYPELLON 


D     GEFÄSS  MIT  HALS. 
SCHMUCKVERZIERUNG 


DECKEL- 
AMPHORA 


9Jk 


TRO.IANISCIIK  GKFASSF-:  AUS  DKM  Ml'SEUM  VVR 
V(n.KKRKUNI)K,  HKRIJN     SC^HI.IKM ANN-SAMMLUNG 


schungen  haben  ergeben,  daß  sie  sich  auf  durchaus  verschiedener  ethnographi- 
scher Grundlage  aufbaut:  während  die  kretisch-mykenische Kultur  nach  dem  Süd- 
osten des  Mittelmeerbeckens  weist,  führen  die  Fäden  dieser  Kultur  nach  Thrakien, 
herüber  auf  das  europäische  Festland.  Von  dort  her  sind,  etwa  um  3000  v.  Chr.,  starke 
Haufen  über  den  Hellespont  gedrungen  und  haben  zunächst  in  der  Troas  festen 
Fug  gefaßt;  dann  folgten  neue  gewaltige  Schwärme,  die  das  weite  kleinasiatische 
Hochland  besetzten  und  das  phrygische  Reich  begründeten.  Diese  ethnographi- 
schen Gegensätze  machen  sich  bis  in  das  Kunsthandwerk  hinein  deutlich  geltend. 

In  TROJA,  dem  heutigen,  durch  die  Ausgrabungen  vollständig  erschlossenen 
Hissarlik.  liegen  mindestens  neun  verschiedene  Ansiedelungen  übereinander.  Die 
ERSTE  STADT  gehört  noch  der  jüngeren  Steinzeit  an,  wenigstens  sind  Metall- 
werkzeuge nicht  mit  Sicherheit  in  ihr  festzustellen.  Weder  die  Formen  der  hand- 
gemachten, schlechtgebrannten  Tongefäge,  noch  ihre  Ornamentik,  lineare,  mit 
einem  Stäbchen  in  den  weichen  Ton  eingedrückte  Muster,  können  uns  inter- 
essieren; wertvoll  ist  nur  die  Beobachtung,  dag  diese  Gefäße  überhaupt  das  Be- 
dürfnis schmuckvoller  Ausstattung  verraten  und  daß  sich  neben  einfacher  Orna- 
mentik auch  schon  Ansätze  zu  den  später  besonders  beliebt  gewordenen  Gesichts- 
vasen finden.  D 

Ganz  anders  steht  die  ZWEITE  STADT  da,  eine  Stadt,  deren  Bedeutung  allein 
der  Umstand  bekundet,  daß  sie  in  drei  verschiedenen  Perioden  neu  und  immer 
gewaltiger  befestigt  wurde.  Diese  Stadt,  nach  der  früheren  Auffassung  das  Troja 
des  Friamos,  wird  lange  Jahrhunderte  bestanden  haben  [etwa  von  2500^1500 
V.  Chr.  I,  und  dementsprechend  bietet  sie  eine  fast  unübersehbare  Menge  von 
Einzelfunden  dar,  ein  äußerst  wertvolles  Material  für  die  Beurteilung  einer  primi- 
tiven Kunstindustrie  und  ihrer  fortschreitenden  Entwicklung.  Die  große  Masse 
bilden  Tongefäße;  daneben  kommen  reiche  Goldfunde,  Bronzegeräte  und  Arbeiten 
aus  Stein,  Knochen  und  Ton  in  Betracht.  Auch  Steingerätc,  wie  sie  der  neolithi- 
schen  Periode  eigen  sind,  sind  in  vielen  Beispielen  vertreten  und  es  liegt  nahe, 
diese  der  älteren  Periode  der  zweiten  Stadt  zuzuschreiben.  D 

Die  TONGEFÄSSE  sind  monochrom,  d.  h.  einfarbig,  in  der  älteren  Zeit  mit 
der  Hand  geformt,  am  offenen  Feuer  gehrannt  und  dann  mit  glattem  Stein  bearbei- 
tet, so  daß  die  Oberfläche  wie  leicht  {)oliert  erscheint.  Dann  dringt  als  wichtigstes 
Hilfsmittel  die  TÖPFERSCHEIBE  ein  und  ruft  einen  völligen  Umschwung  in  der 
Gefäßindustrie  hervor.  Die  Töpferscheibe  unterschied  sich  von  dem  gleichen  mo- 
dernen Gerät  dadurch,  daß  die  eigentliche  Scheibe,  auf  die  der  schmiegsame  Ton 
gelegt  wurde,  nicht  durch  Treten  einer  zweiten,  tiefer  liegenden  Scheibe  in  Be- 
wegung gesetzt  wurde,  sondern  die  einzige,  sehr  schwere  Scheibe  wurde  mit  der 
Hand  durch  kräftigen  Schwung  gedreht;  das  zeigen  uns  zahlreiche  \'asenhilder 
des  ().  .Jahrluiiulcrts  v.  Chr.  Zugleich  mit  der  Töpferscheibe  kam  der  BRENN- 
OFEN auf,  der  ein  schöneres  und  gleichmäßigeres  Brennen  gestattete.  Man  be- 
merkt, wie  im  Verlaufe  der  Entwicklung  bestinunte  Färbungen  der  Oberfläche 
bevorzugt  werden,  in  älterer  Zeit  («in  sciiiuies  Rot,  dann  ein  feines  Grau  oder 
Grauschwarz,  daneben  Gelb  und  Braun,  ländlich  gelangte  man  in  dieser  Periode 
dazu,  den  Glanz  der  Oberriäche  durch  den  Brand  allein  zu  i^ewirUen;  damit  hat 


diese  Kunst  ihren  Höhepunkt  erreicht.  Die  Formen  sind  äugerst  reichhaltig  und 
ein  starkes  Streben  nach  künstlerischer  Gestaltung,  über  den  eigentlichen  Ge- 
brauchszweck hinaus,  macht  sich  geltend.  Am  charakteristischesten  sind  die  GE- 
SICHTSURNEN, Gefäge,  denen  die  Form  des  menschlichen  Körpers  zugrunde 
gelegt  wurde  und  die  entsprechend  mit  Augen,  Ohren  und  Mund,  Brustwarzen  und 
Nabel  versehen  sind;  aber  je  weiter  die  Kultur  fortschreitet,  um  so  mehr  geht  die- 
ser Zusammenhang  mit  der  menschlichen  Gestalt  verloren  und  die  ursprünglich 
als  wirklich  gedachten  Körperteile  bekommen  mehr  und  mehr  den  Charakter  un- 
verstandener Zieraten.  Ein  anderes  Gefäß,  das  gern  mit  dem  homerischen  'depas 
amphikypellon'  verglichen  wurde,  ist  ein  tiefer  zweihenkliger  Becher,  ein  drittes 
die  sog. Deckelamphora:  lauter  Formen,  die  sich  ausschließlich  imtroischen,  nicht 
aber  im  ägäischen  Kulturkreise  vorfinden.  Die  Ornamentik  dieser  Gefäße  ist  durch 
Einritzen  hervorgebracht.  Für  ihre  Gestaltung  schwebte  den  Töpfern  das  Vor- 
bild des  Hängezierats,  des  Halsschmuckes  vor,  der  in  den  älteren  Stücken  mög- 
lichst getreu  nachgeahmt  wurde.  Wie  bei  den  Gesichtsvasen  verwischt  sich  aber 
auch  hier  allmählich  das  lebendige  Vorbild,  der  Charakter  der  Halskette  geht 
durch  den  Wunsch  nach  größerer  Reichhaltigkeit  verloren  und  eine  regelmäßige 
Zerlegung  der  Fläche  in  einzelne  Felder  tritt  dafür  ein.  Eigentliche  Malerei,  d.  h. 
Verwendung  der  Farbe  zur  Herstellung  von  Ornamenten,  hat  diese  Keramik  so 
gut  wie  nicht  gekannt;  sie  ist  stets  monochrom  geblieben  und  unterscheidet  sich 
auch  dadurch  aufs  schärfste  von  der  gleichzeitigen  Keramik  im  Gebiete  des  ägäi- 
schen Meeres  [vgl.  die  TafelJ.  D 
Besonders  berühmt  geworden  sind  die  trojanischen  SCHATZFUNDE,  deren 
größtem  Schliemann  den  stolzen  Namen  'Schatz  des  Priamos'  beigelegt  hat.  Sie 
geben  uns  über  die  technische  und  künstlerische  Metallbehandlung  des  nördlichen 
Kleinasiens  im  Gegensatz  zu  der  kretisch-mykenischen  Kultursphäre  sehr  deut- 
liche Aufschlüsse.  Die  Goldsachen  bestehen  aus  Gefäßen  und  Schmuckstücken. 
Diademen,  Ohrringen,  Armbändern,  Nadeln  und  zahllosen  kleinen  Perlen.  Eines 
der  Diademe  ist  im  Tafelbilde  wiedergegeben.  Schliemann  hat  ausgerechnet,  daß 
sich  das  Ganze  aus  16337  einzelnenTeilen  zusammensetzt  und  das  ist  vielleicht  die 
beste  Charakteristik  für  das  Wesen  dieses  Kunstwerkes.  90  Ketten  hängen  von 
einer  52  cm  langen  Hauptkette  herab,  die  äußeren  —  je  8  —  länger,  die  inne- 
ren kürzer;  die  einzelnen  Ketten  bestehen  aus  schuppenförmigen  Blättchen,  die 
durch  kleine  Drahtringe  mit  einander  befestigt  sind.  An  dem  Ende  hängt  bei  den 
inneren  ein  größeres  Blatt,  bei  den  äußeren  ein  Anhänger,  wie  es  scheint,  von  amu- 
lettartiger Bedeutung,  in  der  Form  ähnlich  marmornen  primitiven  Amuletten,  wie 
sie  zahlreich  in  Troja  zum  Vorschein  gekommen  sind.  Sehr  verwandt  ist  ein  klei- 
neres Diadem  und  eine  Anzahl  von  Ohrringen,  die  zu  den  Diademen  getragen 
worden  sind.  Diese  Diademe  und  Ohrringe,  in  den  Einzelformen  äußerst  primitiv 
und  der  Kunststufe  der  Gefäße  entsprechend,  müssen,  wenn  sie  angelegt  waren, 
ein  sehr  lebendiges,  flackerndes  Lichterspiel  hervorgerufen  haben;  die  Freude 
an  dem  glänzenden  schillernden  Material  überwiegt  durchaus  die  künstlerischen 
Rücksichten.  Damit  geht  zusammen  das  Interesse  für  die  Technik,  das  sich  in  der 
Aneinanderfügung  unzähliger  Goldteilchen  bekundet.  Die  trojanischen  Juweliere 

62 


schwelgen  ordentlich  im  Vollbesitz  ihrer  technischen  Fähigkeiten.  Während  bei 
der  Betrachtung  kretisch-mykenischer  Goldarbeiten  sich  stets  zuerst  die  Bewun- 
derung über  die  künstlerische  Leistung  einstellen  wird,  empfindet  man  den  tro- 
janischen gegenüber  mehr  das  Gefühl  des  Erstaunens  über  die  technische  Lei- 
stung. Diese  Meisterschaft  äußert  sich  in  Troja  überall  wieder.  Um  die  Schmuck- 
nadel Abb.  43  herzustellen,  hat  der  trojanische  Juwelier  86  Einzelteile  verarbeitet 
und  durch  die  schwierige  Goldlötung  mit  einander  verbunden.  Zunächst  wurde 
die  Nadel  am  oberen  Ende  breitgeschlagen  und  darauf  die  Grundplatte  gelötet; 
diese  ist  durch  11  aufgelötete  Leisten  so  abgeteilt,  dag  vier  längliche  Felder  ent- 
stehen, in  deren  jedes  sieben,  der  trojanischen  Ornamentik  eigentümliche  Draht- 
spiralen gesetzt  sind,  unten  schließt  eine  an  den  Enden  aufgerollte,  oben  eine 
glatte  Leiste  die  Platte  ab.  Dann  stehen  als  Bekrönung  des  Ganzen  auf  einer  be- 
sonderen Goldleiste  sechs  kleine  Gefäße  und  von  ihnen  ist  wieder  ein  jedes  aus 
sieben  Teilen  gearbeitet.  Die  Fertigkeit  in  der  Löttechnik  hat  in  Troja  zu  einer  Art 
grober  Goldgranulierung  geführt,  wie  sie  vollkommen  bereits  im  mittleren  ägyp- 
tischen Reich  vorgebildet  war;  ob  aber  hier  eine  Beeinflussung  durch  Ägypten 
vorliegt,  muß  zweifelhaft  bleiben,  da  ägyptische  Fundstücke  in  der  zweiten  Stadt 
nur  sehr  vereinzelt  auftreten.  D 

Bei  den  Gefäßen  aus  Gold  und  Silber  kommt  entsprechend  mehr  das  kostbare 
Material  zum  Ausdruck  als  die  Kunstform  und  es  finden  sich  nur  vereinzelte  An- 
sätze, um  die  Form  durch  besonderen  Schmuck  zu  beleben.  So  laufen  bei  einigen 
Bechern  und  Flaschen  breite  Rillen  am  Gefäß  herunter,  oder  sie  ziehen  sich  ge- 
wunden um  das  Gefäß  herum.  Das  bedeutendste  Stück  ist  ein  Becher  in  der  Form 
eines  Schiffchens  mit  zwei  hochgeschwungenen  weiten  Henkeln  an  den  Längs- 
seiten, die  gesondert  aus  Goldblech  getrie- 
ben und  angelötet  sind  [Abb.  44];  ein  myke- 
nischer  Meister  derselben  Zeit  würde  hier  zur 
Nietung  gegriffen  und  die  goldenen  Nieten 
dekorativ  wirksam  verwertet  haben. 

Die  hohe  Ausbildung  der  technischen  Ver- 
fahren läßt  sich  auch  bei  den  übrigen  METALL- 
ARBEITEN verfolgen;  große  getriebene,  bis 
zu  50  cm  im  Durchmesser  haltende  Kessel 
zeigen,  daß  die  Kunst  zu  treiben  auf  einer 
hohen  Stufe  stand.  Mit  Zuhilfenahme  von  Hart- 
lötung und  Guß  sind  äußerst  komplizierte  Ge- 
fäße hergestellt  worden,  wie  sie  z.  B.  Abb.  45 
■/eigt.  Hier  ist  das  eigentliche  Gefäß  getrie- 
ben; über  den  scharfen  Rand  wurde  sodann 
ein  besonderes,  eimnal  gefalztes,  gctrioboncs 
und  geripptes  Band  gelegt  und  aufgehänunert, 
eine  Tülle  wurde,  wie  es  scheint  durch  Hart- 
lötung, befestigt  und  ebenso  die  schiui  go- 

,  Hill-  •        1        •  Abb    1!     ( iciUlciic  Nadel   :uis  dem  som'iianil- 

schwungenen Henkel. die  aus  je  drei  gegosse-     □  ,e„  s.h;.t/o  dos  Priamos  d 


63 


Abb.  44 :  Goldgef äg  aus  Troja  Abb.  45 

Abb.  45  gegen  44  wesentlich  verkleinert 


Bronzegefä!5  ;ius  In 


nen  Teilen  bestehen  [den  beiden  geschwungenen  Seiten-  und  dem  sie  verbinden- 
denden Mittelteil]  und  deren  drei  Teile  wieder  durch  Lötung  und  außerdem  durch 
einen  Niet  zusammengehalten  werden.  Hierzu  kam  dann  noch  ein  beweglicher 
Henkel.  Die  gegossenen  Teile  sind  wohl  sicher  aus  verlorener  Form  hergestellt. 
Denn  dieses  Gugverfahren  ist,  wie  jetzt  feststeht,  schon  in  der  zweiten  Ansiede- 
lung Trojas  geübt  worden.  Das  wesentliche  dabei  ist,  dag  ein  in  Wachs  herge- 
stelltes Modell  in  Metall  umgesetzt  wird.  Das  Modell  wird  mit  Lehm  umgeben 
und  dem  Brande  ausgesetzt;  das  Wachs  fliegt  aus  und  es  entsteht  die  Hohlform 
für  das  Metall.  Um  die  Wachsmodelle  selbst  zu  gewinnen,  bedienten  sich  die  Tro- 
janer steinerner,  dauerhafter  Formen,  wie  sie  in  groger  Zahl  erhalten  sind.  Feine 
Steinformen  haben  wir  schon  für  Ägypten  erwähnt  und  werden  ihnen  wieder  im 
mykenischen  Kulturkreise  begegnen.  D 

Die  übrigen  Erzeugnisse  des  Kunstgewerbes  in  Troja  stehen  nicht  auf  der 
Höhe  der  hier  geschilderten.  Kaum  erwähnenswert  sind  die  primitiven  Idole  und 
Amulette  aus  Marmor  und  die  gewöhnlichen  Äxte  und  Hämmer  aus  Stein,  deren 
kulturhistorische  Bedeutung  allerdings  nicht  unterschätzt  werden  darf.  Die  Ver- 
arbeitung von  STEIN  zu  kunstgewerblichen  Zwecken,  die  der  kretisch -mykeni- 
schen Kultur  im  Anschlug  an  die  ägyptische  ganz  besonders  nahe  lag.  hat  hier 
keinen  rechten  Boden  gefunden  und  es  ist  daher  in  Hinblick  auf  die  groge  Masse 
unbedeutender  Erzeugnisse  sehr  unwahrscheinlich,  dag  vier  hervorragend  schöne 
Axthämmer,  drei  aus  hartem  grünem  Stein,  einer  aus  Lapislazuli,  mit  reicher  Ver- 
zierung und  herrlicher  Politur  der  Oberfläche,  in  Troja  gearbeitet  sein  sollten 
und  nicht  vielmehr  als  fremde  Importstücke  anzusehen  sind,  ebenso  wie  einige 
schön  gearbeitete  Stabknäufe  aus  Bergkristall,  die  mit  den  Axthämmern  zu  einem 
der  Schatzfunde  gehören.  Auch  sonst  sind  einige  Spuren  von  Berührung  mit 
fremden  Kulturen,  z.  B.  mit  der  benachbarten  Inselkultur  des  ägäischen  Meeres, 
nicht  zu  verkennen,  aber  von  einem  regen  künstlerischen  Austausch  und  von  le- 
bendiger gegenseitiger  Anregung,  wie  sie  in  der  nächsten  Periode  Trojas  deut- 
lich zum  Vorschein  kommt,  kann  nicht  die  Rede  sein.  Die  trojanisch-phrygische 

64 


& 


KOPFSCHMUCK   AUS   DEM  SOG.  SCHATZE   DES 
PRIAMUS  •  MUSEUM  KÜR  VÖLKERKUNDE,  BERLIN 


n        Abb.  46:  Marmorgefäg  von  den  Kykladen  Abb. 47:  Bemaltes  Tongefäg  von  den  Kykladen  D 

Kultur  hat  sich  während  ihrer  jahrhundertelangen  Dauer  von  fremden  Einflüssen 
auffallend  rein  erhalten,  und  wenngleich  die  Verschiedenheit  der  Kulturäugerun- 
gen in  getrennten  Gebieten  im  allgemeinen  kein  Beweis  für  die  verschiedenen 
Nationalitäten  ihrer  Träger  ist,  so  wird  man  einen  solchen  Schluß  doch  in  diesem 
Falle  wagen  dürfen.  □ 

Anders  steht  es  mit  der  SECHSTEN  STADT,  der  mächtigsten  Burganlage,  die 
der  Hügel  von  Hissarlik  je  getragen  hat.  Die  alteinheimisch  einfarbige  KERAMIK 
wird  weiter  ausgebildet  und  in  ausgezeichneter  Vollendung  geübt,  der  meist 
graue  Ton  ist  bei  besseren  Gefäßen  von  feinster  Schlämmung  und  ganz  fest  ge- 
brannt, der  Glanz  der  Oberfläche  wird  durch  den  Brand  allein  bewirkt.  Feine 
Wellenlinien  werden  mit  einem  kammartigen  Instrument  beim  Drehen  des  Ge- 
fäßes auf  der  Scheibe  in  den  weichen  Ton  eingedrückt  und  dieses  Ornament  gibt 
der  Keramik  die  charakteristische  Signatur.  Die  alten  Formen  sterben  allmählich 
ab,  die  Gesichtsurne  kommt  außer  Gebrauch,  das  'depas  amphikypelloir  ist  nur 
noch  spärlich  vertreten,  andere  Gefäße  erfahren  in  der  neuen  Epoche  inter- 
essante Weiterbildungen.  Hinzu  aber  kam  in  dieser  Periode  ein  mächtiger  Strom 
mykenischer  Einflüsse.  Die  importierten  mykenischen  Gefäße  gehören  meist  nicht 
mehr  der  Blütezeit  der  kretisch-mykenischen  Kultur  an,  sondern  der  Zeit,  als  sicli 
diese  Kultur  schon  ihrem  Niedergange  zuneigte.  Trotzdem  muß  der  Eindruck, 
den  diese  Kunst  in  der  Keramik  Trojas  hervorrief,  ein  gewaltiger  gewesen  sein 
und  wir  koimcn  deutlich  verfolgen,  wie  eine  heftige  Konkurrenz  zwischen  den 
einheimischen  und  den  fremden  Töpfereien  ausbrach.  Die  Trojaner  versuchten 
die  Konkurrenz  zu  vernichten,  indem  sie  in  ihren  Techniken  die  fremden  Formen 
herstellten,  ja  sie  versuchten  sogar,  freilich  olme  Erfolg,  die  glänzende  Firnis- 
farbe nachzumachen.  Umgekehrt  scheuten  sich  die  fremden  Töpfer  nicht,  die  tro- 
janisch-einheimischen Formen  in  ihrer  Technik  zu  fabrizieren.  Es  war  freilich  ein 

5    •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  65 


Unterschied,  ob  einer  ein  'depas'  aus  tadellosem  mykenischem  Ton  mit  glänzen- 
der Firnisfarbe  besag,  wie  uns  ein  Exemplar  zum  Teil  erhalten  ist,  oder  in  dem 
unscheinbaren  Grau  einheimischer  Töpferei.  D 

Die  späteren  Perioden  Trojas  können  wir  hier  übergehen,  da  sie  für  die  Ge- 
schichte desKunstgewerbeswesentlicheErscheinungen  nicht  mehr  darbieten.  Zu 
derselben  Zeit,  als  auf  dem  Hügel  vonTroja  sich  die  älteste  Herrenburg  der  zwei- 
ten Stadt  erhob,  stand  das  Becken  des  ägäischen  Meeres  unter  dem  Zeichen  der 
sog.  INSEL-  oder  KYKLADENKULTUR,  der  Vorläuferin  der  kretisch -mykeni- 
schen  Kultur,  die  aufs  engste  mit  ihr  zusammenhängt.  Ihre  Anfänge  reichen  bis 
in  den  Beginn  des  dritten  Jahrtausends  v.  Chr.  hinauf.  Noch  ältere  Kulturreste  im 
Bereiche  des  ägäischen  Meeres  brachten  die  Grabungen  von  KNOSSOS  auf  Kreta 
zum  Vorschein;  hier  lag  unter  den  Funden,  die  ihrer  Stufe  nach  der  Inselkultur 
etwa  gleichzeitig  sind,  eine  ca.  5  Meter  starke  Schicht,  die  noch  ganz  neolithi- 
schen  Charakter  hat.  Diese  in  märchenhafte  Vorzeiten  zurückreichenden  Funde 
vom  Gesichtspunkte  kunstgewerblicher  Leistung  aus  zu  schildern,  ist  ebenso  über- 
flüssig wie  die  der  ersten  Ansiedelung  von  Troja.  Wohl  aber  zeigt  sich  in  der 
Inselkultur,  die  wir  durch  zahlreiche  Gräberfunde  kennen  gelernt  haben,  ein  durch- 
aus eigenartiges  Kunsthandwerk.  D 

Uns  interessieren  vor  allem  aus  Marmor  oder  anderem  STEIN  gearbeitete  Ge- 
fäße. Die  Kunst,  den  Stein  zu  behandeln,  ist  zweifellos  auf  die  Anregung  Ägyptens 
zurückzuführen;  in  den  Formen  jedoch  macht  sich  schon  hier  die  Selbständigkeit 
geltend,  die  auch  die  spätere  kretisch-mykenische  Kultur  auszeichnet.  Am  häu- 
figsten sind  kugelige  Gefäße  mit  Osenhenkeln  und  meist  mit  hohem  Fuß  [Abb.46J. 
Augen  sind  sie  sorgfältig  undgleichmägig  abgearbeitet,  innen dagegenselten voll- 
ständig ausgebohrt.  Das  mag  teils  daran  liegen,  dag  die  Handhabung  des  Bohrers 
nicht  zu  dem  Grade  von  Vollkommenheit  ausgebildet  war,  wie  es  die  ägyptischen 
Gefäge  zeigen,  teils  daran,  dag  die  Gefäge,  als  kostbarer  Ersatz  für  billiges  Ton- 
geschirr, für  den  speziellen  Grabgebrauch  angefertigt  wurden.  Neben  diesen  Ge- 
fägen  treten  besonders  flache  längliche  Schalen  auf;  sie  haben,  wie  es  scheint,  zu 
kosmetischen  Zwecken  gedient,  zum  Anreiben  von  roter  Farbmasse,  wie  sie  neben 
zahlreichen  Reibern  in  den  Gräbern  zum  Vorschein  gekommen  ist.  Kleine  und 
grögere,  primitive  weibliche  Marmorfiguren  mit  Spuren  roter  Farbe,  die  bei  den 
Toten  als  Beigaben  in  den  Gräbern  lagen,  lassen  auf  eine  ausgedehnte  Verwen- 
dung der  roten  Farbe  zu  einer  Art  von  Tätowierung  schliegen.  Die  bedeutend- 
sten Steinarbeiten  der  Zeit  sind  nicht  in  Marmor,  sondern  in  einer  Art  von  Speck- 
stein hergestellt,  einem  Material,  dessen  sich  mit  besonderer  Vorliebe  auch  die 
Folgezeit  bediente.  Jedoch  beschränkt  sich,  im  Gegensatz  zu  den  späteren  Ar- 
beiten mit  figürlichen  Darstellungen,  das  Ornament  auf  komplizierte  Spiralen- 
muster [Abb.  48J,  wie  sie  der  gleichzeitigen  Keramik  geläufig  sind,  im  Gegensatz 
zur  trojanischen  Ornamentik  —  dort  wurde  nur  in  einem  Falle  die  rohe  Ein- 
ritzung eines  solchen  Spiralenmusters  entdeckt,  aber  augenscheinlich  als  eine 
Nachbildung  fremder  Vorbilder.  D 

Die  KERAMIK  dieser  vormykenischen  Kultur  reicht  ihrer  kunstgewerblichen 
Bedeutung  nach  an  dieMarmorgefäge  nichtheran.  Aberais  Vorläufer  derkretisch- 

66 


mykenischen  Kunst  sind  ihre  Erzeugnisse  von  großem  Werte  und  dieser  Zusam- 
menhang lägt  sich  nicht  allein  aus  der  Ornamentik,  sondern  auch  aus  einer  Reihe 
von  Formen  entnehmen,  die  uns  in  jener  Kunst  entwickelter  wieder  begegnen.  Es 
herrschte  eine  große  Regsamkeit  in  der  vormykenischen  Zeit  auf  keramischem  Ge- 
biete und  eine  unabsehbare  Fülle  der  verschiedenartigsten  Gefäge  und  Scherben 
gibt  uns  Kunde  davon.  Doch  ist  es  noch  nicht  gelungen,  das  Material  genügend  zu 
sichten  und  zu  einer  klaren  Erkenntnis  der  einzelnen  Kunststätten  und  der  Entwick- 
lungsgeschichte durchzudringen.  Gemeinsam  ist  allen,  dag  zunächst  ohne  Töpfer- 
scheibe gearbeitet  wurde,  gemeinsam  der  Übergang  von  schmucklosen  Gefägen 
zu  solchen  mit  eingeritzten  und  eingepreßten  Mustern  [darunter  solchen  mit 
Schiffsdarstellungen],  und  in  der  Folge  zur  Bemalung  mit  matter,  glanzloser, 
stumpfer  Farbe  [Abb.  47].  An  der  Fundstätte  von  Knossos  auf  Kreta  ist  beobachtet 
worden,  dag  hier  der  Übergang  von  eingeritzter  Ornamentik  zur  Bemalung  mit 
stumpfer  Farbe  anscheinend  nicht  erfolgt  ist,  vielmehr  ist  hier  die  Keramik  von 
der  primitiven  Ornamentik  ohne  die  Zwischenstufe  der  Mattmalerei  unvermittelt 
zur  Firnisfarbe  übergegangen,  jener  bald  roten,  bald  braunen,  bald  tiefschwarzen 
Farbe,  die  durch  einen  Verglasungsprozeg  im  Brande  eine  glänzende  Oberfläche 
erhält  und  deren  Verwendung  sich  in  der  antiken  Keramik  bis  zu  ihremEnde  sieg- 
reich behauptet  hat.  Diese  Beobachtung  lägt  schliegen,  dag  die  Erfindung  der  Fir- 
nismalerei in  Kreta  gemacht  ist,  und  wenn  in  den  augerkretischen  Fundstätten 
neben  den  mit  dieser  glänzenden  Firnisfarbe  bemalten  Stücken  solche  mit  der  pri- 
mitiveren glanzlosen  Malerei  gefunden  werden,  so  geht  daraus  hervor,  dag  in  diesen 
Fundstätten  die  glanzlos  bemalten  Arbeiten  einheimisch  sind,  die  glänzenden  Fir- 
nismalereien kretische  Importstücke.  Die  kretischen  Kunststätten  haben  ihr  kost- 
bares Geheimnis,  wie  es  scheint,  durch  Jahrhunderte  hindurch  sorgfältig  gehütet 
und  erst  zur  Zeit  des  Niederganges  der  kretisch-mykenischenKultur,  deren  kunst- 
gewerbliche Leistungen  zu  beschreiben  wir  nunmehr  den  Versuch  machen  wollen, 
ist  die  Verwendung  der  Firnismalerei  allgemein  geworden.  D 

Wie  ein  glänzendes  Gestirn  steigt  dieKRETISCH-MYKENISCHE  KULTUR  aus 
denbescheidenenAnfängender Inselkultur  empor.  VonKreta  ausbeherrschtenach 
der  Sage  der  mächtige  König  Minos  das  ganze  ägäische  Meer;  hier  hauste  in  dem 
berühmten  Labyrinth  der  fürchterliche  Minotauros.  Paläste  mit  unzähligen  kost- 
bar ausgestatteten  Hallen,  Sälen  und  Zimmern,  die  in  KNOSSOS  und  PHAISTOS 
aufgedeckt  wurden,  stellten  die  grogen  Entdeckungen  Schliemanns  in  Tiryns  in 
den  Schatten;  die  in  ihnen  gemachten  Funde  wetteiferten  mit  den  fabelhaften  gol- 
denen Schätzen  der  mykenischen  Gräber:  immer  deutlicher  ist  es  geworden,  dag 
Kreta  der  eigentliche  Sitz  der  Kultur  war,  der  Kultur  eines  mächtigen  Seereiches, 
das  seine  Macht  weit  über  das  ägäische  Meer  hinaus  erstreckte,  bis  nach  dem 
Schwarzen  Meere  und  Sizilien,  ebenso  wie  bis  nach  Südfrankreich  und  Spanien. 
Ihre  Kunst  schufen  die  Träger  der  Kultur  aus  eigener  Kraft.  Im  Verkehr  mit  dem 
Orient  bereicherten  sie  ihre  Erfahrung  in  technischen  Dingen  um  die  gewonnenen 
Kenntnisse  ihren  besonderen  künstlerischen  Zwecken  dienstbar  zu  machen.  Wohl 
schlugen  die  fremden  Anregungen  in  dem  Hoden  der  kretisch-mykenischenKultur 
Wurzel,  aber  aus  diesen  Anregungen  heraus  gestaltete  eine  erstaunliche  Begabung 

5*  67 


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O      Abb.  48:  Specksteingefäg  von  Amorgos 


Abb.  49:  Gefäg  der  Kamäresmalerei 


neue  und  eigene  Gebilde.  Die  Beweglichkeit  und  Selbständigkeit  in  der  Bewälti- 
gung künstlerischer  Aufgaben  unterscheidet  ihre  Kunst  von  den  in  ihrer  Gesamt- 
heit gebundenen  Typen  der  orientalischen  Kunst  ebenso  wie  ihre  Formensprache 
und  die  künstlerischen  Ausdrucksmittel.  Mit  jugendlichem  Enthusiasmus  und  mit 
jugendlicher  Frische  ist  in  dem  Bereiche  dieser  Kultur  eine  Kunst  entstanden,  die, 
selbst  nachdem  ihre  schöpferische  Kraft  durch  das  Getriebe  der  Völkerverschie- 
bungen noch  im  zweiten  Jahrtausend  vor  Christo  gebrochen  war,  durch  Jahr- 
hunderte hindurch  nachwirkte  und  bis  in  die  ersten  Jahrhunderte  unserer  Zeit- 
rechnung hinein,  wenn  nicht  noch  später,  ihre  Spuren  hinterlassen  hat.  Fast  alles, 
was  von  dieser  Kunst  auf  uns  gekommen  ist,  gehört  dem  Kunstgewerbe  an.  Es 
würde  zu  weit  führen,  wenn  wir  alle  ihre  Erzeugnisse  inihrerlangdauernden,  übri- 
gens auch  noch  nicht  genügendklargestelltenEntwicklung  vorführen  wollten,  son- 
dern wir  müssen  uns  darauf  beschränken,  aus  der  Fülle  der  Erscheinungen  die 
charakteristischesten  auszuwählen.  —  D 

Die  KERAMIK  ging,  nachdem  sie  die  Stufe  der  eingeritzten  Ornamentik  ver- 
lassen hatte,  nunmehr  unter  Verwendung  der  Töpferscheibe  zur  Firnismalerei 
über,  wie  schon  angedeutetwurde.  In  schnellem,  noch  erkennbarem  Fortschreiten 
bildete  sie  ein  in  Technik  und  Ornamentik  gleich  eigenartiges  Dekorationssystem 
aus,  das  wir  nach  dem  Fundort  der  ersten  bedeutenden  Beispiele,  der  Höhle  von 
Kamäres  in  der  Nähe  von  Phaistos  an  der  Südküste  Kretas,  KAMARESMALEREI 
zu  nennen  pflegen.  Entweder  wurden  die  Ornamente  mit  dünner,  schwarzbrauner 
Firnisfarbeauf  denhellen  Tongrund  gemalt  oderdas  ganze  Gefä^  wurde  mit  diesem 
Firnis  überzogen  und  darauf  die  Ornamente  in  mattem  Weiß,  Rot  und  Orangegelb 
gesetzt  [Abb.  49  u.  52].  Diese  Gattung  ist  die  häufigere;  sie  nennt  man  im  eigent- 
lichen Sinne  Kamäresmalerei.  Mit  den  wenigen  Farben  ist  hier  eine  lebhaft  bunt- 
farbige Gesamtwirkung  erzielt  worden.  Bald  schließt  sich  bei  den  bedeutendsten 
und  entwickeltsten  Stücken  dieser  Malerei  das  Ornament  der  f  einwandigen  Gefäße 
an  das  Vorbild  eingelegter  Metallarbeiten  an,  in  denen  die  kretisch-mykenische 

68 


O     Abb.  50:  Mykenische  Vase  der  Bliitt  zrit  Abb.  51 :  Steingefäg  aus  Knossos  D 

Abb.  51  gegen  50  wesentlich  verkleinert 

Kunst  unübertroffen  dasteht,  bald  führt  die  Maler  ihr  auf  die  Beobachtung  der 
lebendigen  Natur  gerichteter  Sinn  zur  Darstellung  von  Pflanzen  und  Sträuchern, 
die  der  Wirklichkeit  entsprechend  darzustellen  ihr  höchstes  Bestreben  ist.  Die 
noch  wenig  bekannten,  den  Kamäresvasen  gleichzeitigen  Wandmalereien  zeigen 
anscheinend  die  gleiche,  auf  die  getreue  Wiedergabe  derNatur  gestellte  Richtung. 
Endlich  beginnt  die  Vasenmalerei  schon  in  dieser  Periode  rein  künstlerisch-deko- 
rative Gesichtspunkte  in  den  Vordergrund  zu  rücken,  indem  sie  die  Naturform 
stilisiert  und  Motive  schafft,  wie  die  frei  bewegte  pflanzliche  Wellenranke,  die 
das  ältere  Spiralband  ersetzt,  'eine  Tat  von  ungeheurer  Bedeutung  für  die  ganze 
Folgezeit',  oder  indem  sie  der  Wirklichkeit  entsprechend  wiedergegebene  Motive 
aus  der  Natur  zu  stimmungsvollen  Gesamtbildern  zusammenordnet.  D 

Diese  rein  dekorative  Richtung  wurde  in  der  zweitenPeriode  der  Vasenmalerei 
herrschend  und  ist  bis  zu  höchster  Vollendung  entwickelt  worden.  Äußerlich  unter- 
scheiden sich  die  Gefäge  dieser  Zeit  von  den  Erzeugnissen  der  Kamäresmalerei 
dadurch,  dag  das  Gefäg  tongrundig  belassen  wird  und  die  Verzierungen  lediglich 
mit  dem  schwarzen  oder  dunklen  Firnis  gegeben  werden  —  nicht  mehr  die  Bunt- 
farbigkeit ist  das  Hauptinteresse,  sondern  das  zeichnerische  Element  tritt  in  den 
Vordergrund.  Meist  sind  die  Motive  dem  Pflanzenreich  und  der  Tierwelt  des 
Meeres  entnommen.  Hier  schwimmen  Nautilusse  still  durch  das  Meer,  dort  wach- 
sen wie  aus  dem  Meeresgrunde  im  Wasser  schwankende  Pflanzen  auf  und  ranken 
sich  um  das  Gefäg,  hier  umklammert  ein  Polyp  den  Kelch  eines  Bechers  mit  seinen 
mächtigen  Fangarmen,  dort  sind  Seesterne  und  Schnecken  in  buntem  Gemisch  zu 
einem  Bilde  vereinigt.  Zackige  Korallen  und  Schwämme,  meist  über  und  unter 
den  Tieren  angeordnet,  vervollständigen  das  Bild  dieser  Meerlandschaften,  die 
man  in  dem  reichen  Wechsel  der  Erfindung  nicht  müde  wird  zu  bewundern.  Die 
Abb.  53  gibt  ein  Beispiel  dafür,  wie  die  efeuartige  Wasserpflanze  mit  erstaun- 
lichem Verständnis  für  die  Stilisierung  und  mit  brillanter  Kraft  der  Pinselführung 

69 


Abb.  52:  Gefäg  der  Kamäresmalerei  Abb.  53:  Fragment  aus  der  mykenischen  Blütezeit 

als  Ornament  verwendet  wird,  wie  die  Eigenart  der  geschmeidigen  Stengel,  die 
sich  in  der  leisen  Bewegung  des  Meeres  hin  und  her  wiegen,  dekorativ  ausgenutzt 
ist.  Seesterne  und  andere  niedere  Lebewesen  des  Meeres  füllen  den  freigebliebe- 
nen Raum.  Die  kleine  zierliche  Kanne  Abb.  50,  gleichfalls  eines  der  schönsten 
Erzeugnisse  dieser  Kunst,  stammt  vermutlich  aus  Ägypten  und  ist  dorthin  von 
Kreta  exportiert.  Hier  ist  das  Gefäg  ganz  übersponnen  mit  Nautilusschnecken, 
Schwämmen,  Korallen  und  Quallen  in  einer  den  japanischen  kunstgewerblichen 
Arbeiten  nahestehenden  Art,  an  die  man  sich  oft  erinnert  gefühlt  hat.  Die  übrigen 
Bilder  brauchen  nicht  näher  erläutert  zu  werden.  D 

Wir  können  es  uns  nichtversagen,  zurweiterenErläuterungdeskünstlerischen 
Charakters  dieser  Vasen  ein  Beispiel  kretisch-mykenischer  Wandmalerei  wieder- 
zugeben, das  ganz  aus  den  gleichen  Anschauungen  heraus  geschaffen  ist  [s. Tafel). 
Obwohl  in  Phylakopi  auf  der  Insel  Melos  gefunden,  ist  das  Freskobild  nicht  dort 
gemalt,  sondern  in  hölzernem  Rahmen  eingespannt  von  Kreta  nach  Melos  expor- 
tiert worden.  Fliegende  Fische,  wie  sie  in  schwalbenähnlichem  Flug  im  Mittel- 
meer oft  beobachtet  werden,  sind  hier  dargestellt.  Bald  mit  weit  geöffneten,  bald 
mit  geschlossenen  Flügeln  eilen  sie  in  wechselnder  Bewegung  wie  bei  starkem 
Wind  über  die  schäumenden  Wellen,  die  der  Maler  mit  großer  Liebe  behandelte. 
Hinzu  fügte  er  jähe  Felsenriffe,  Schwämme  und  Seeeier  [?|,  dieselbe  belebte  Sze- 
nerie, mit  der  die  Vasen  erfüllt  sind.  Schwarz,  lichtblau,  gelb  und  vielleicht  rot 
sind  die  Farben,  über  die  er  verfügte;  mit  den  gleichen  Farben  ist  in  Knossos  ein 
ganz  gleichartiges  Bild  geschaffen  worden.  D 

In  höchstem  Mage  charakteristisch  ist  es  für  die  Vasenmaler  der  Blütezeit,  dag 
sie  die  menschliche  Gestalt  nicht,  oder  nur  äußerst  selten,  in  den  Bereich  ihrer 
Kunst  zogen  —  denn  darin  spricht  sich  ihr  dekoratives  Feingefühl  wohl  am  deut- 

70 


% 


ÜBEN:  FAYENCK-ARBEITEN  AUS  KNOSSOS 
UNTEN:   WANDMALEREI  AUS   PHYLAKOPI 


\V/,  - ,  -  -••  -'-^    * 


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a  Abb.  54  und  55:  Mykenische  Gefäge  der  Blütezeit  D 

liebsten  aus.  Da  der  menschliche  Körper  nichts  Dekoratives  in  sich  birgt,  verzich- 
teten sie  überhaupt  auf  seine  Wiedergabe;  zugleich  vermieden  sie,  sein  Bild  auf 
der  geschwungenen  Fläche  zu  verzerren  und  endlich  mochten  sie  es  als  Wider- 
sinn empfinden,  das  einfache  Tongefäl3  durch  die  Massenhaftigkeit  menschlicher 
Figuren  zu  beschweren,  statt  es  durch  leichtere  Ornamentgebilde  zu  heben.  Alles 
das  ist  den  Malern  der  späteren  griechischen  Vasen  niemals  so  recht  zumBewufit- 
sein  gekommen.  Erst  in  der  Zeit  des  Niedergangs  der  mykenischen  Malerei,  als 
die  frei  stilisierten  Pflanzen  und  Meertierc  zu  dürftigen  Ornamenten  erstarrten, 
begann  die  menschliche  Gestalt  in  die  Vasenmalerei  einzudringen.  D 

Die  Formen  der  mykenischen  Vasen  sind  nicht  übermäfiig  zahlreich;  meist  sind 
sie  aus  der  Nachahmung  metallener,  wie  die  niedrigen  und  hohen  Becher,  oder 
steinerner  Vorbilder,  wie  die  langen  spitzen  trichterartigen  Gefälle,  hervorgegan- 
gen. Die  ganze  künstlerische  Kraft  ist  in  der  Keramik  dem  dekorativen  Schmuck 
zugewandt.  Zu  den  Bechern  und  Trichtern  treten  hohe  Amphoren  mit  vertikal  oder 
horizontal  auf  der  Schulter  angesetzten  kleinen  Henkeln,  bauchige  und  schlankere 
Kannen,  niedrige,  flachgedrückte  Behälter  auf  breiter  Basis  und  mit  weiter  Öff- 
nung, endlich  die  'Bügelkamie',  das  charakteristischeste  Gefäj-^  der  jüngeren  Ke- 
ramik der  Blütezeit,  ein  Gefall  mit  meist  kugelrundem  Kiu-por  und  engem,  nihrcn- 
artigem  Ausguß  an  der  Seite;  zwei  Bügelhenkel  überspannen  die  Kugel  an  der 
oberen  F'läche  und  lehnen  sich  an  einen  ausgiil->förmigen  Mittelteil  an.  der  jedoch 
geschlossen  ist.  D 

71 


Dag  die  Kunst,  STEINE  kunstvoll  zu  bearbeiten,  im  Kreise  der  kretisch-myke- 
nischen  Kultur  heimisch  war,  hatten  schon  seit  Jahrzehnten  die  Funde  bewiesen. 
Die  berühmte  Decke  in  dem  Nebengemach  des  Kuppelgrabes  zu  Orchomenos,  so- 
wie die  mit  reicher  Steinarbeit  verzierte  Fassade  des  sog.  Atreusgrabes  inMykenä 
waren  beredte  Zeugen  dafür  —  auch  Gefäße  aus  Stein  mit  ornamentalen  Ver- 
zierungen waren  bereits  bekannt  geworden,  ganz  abgesehen  von  den  zahllosen 
'Inselsteinen',  den  charakteristischen  Vertretern  mykenischer  Glyptik.  Aber  die 
neuesten  Ausgrabungen  haben  unsere  Kenntnis  in  ganz  ungeahnter  Weise  be- 
reichert und  uns  wahre  Kleinode  mykenischer  Steinschneidekunst  geschenkt.  Die 
prächtige,  70  cm  hohe  Vase  ausKnossos  [Abb.  51]  mit  den  aufrechtstehenden  durch- 
bohrten Henkeln  ist  ein  Meisterstück  der  Technik,  die  Führung  des  kräftigen  Kon- 
turs mit  bewundernswertem  Feingefühl  dem  Materiale  angepaßt.  Der  Schmuck 
erinnert  in  der  auch  sonst  bei  Steingefäßen  häufigen  spiralförmigen  Verzierung  an 
den  Schmuck  des  genannten  Atreusgrabes.  Weiter  führt  ein  zweites  Gefäß,  eine 
Büchse  aus  Mykenä.  Hier  ist  ein  Tintenfisch  und  zackiges  Gestein  mit  voller 
Beherrschung  des  Materiales  mühelos  wie  die  ganz  gleichartigen  Malereien  der 
Tonvasen  aus  dem  Stein  herausgeholt.  In  Stein  sind  aber  auch,  ebenso  wie  in  der 
Wandmalereiundin  der  großen  Plastik,  menschlicheFiguren  und  ganze  Szenen  aus 
menschlichemKreise  dargestellt  und  diese  Arbeiten  zeigen  die  Steinschneidekunst 
auf  ihrem  Höhepunkte.  Bald  sind  es  Opferszenen,  die  auf  den  leider  meist  nur 
bruchstückweise  erhaltenen  Gefäßen  vorgeführt  werden,  bald  Stierjagden  wie 
auf  den  noch  zu  besprechenden  goldenen  Bechern  von  Vafio,  bald  Faustkämpfe, 
die  mit  packender  Lebendigkeit  die  verschiedenen  Stadien  dieses  im  mykenischen 
Kulturkreise  anscheinend  mit  besonderer  Vorliebe  gepflegten  Spieles  schildern. 
Fast  ganz,  wenigstens  in  seinen  wesentlichen  Teilen  ganz  erhalten,  ist  das  schon 
jetzt  hochberühmt  gewordene,  aus  Speckstein  geschnittene  kleine  Reliefgefäß,  das 
vor  wenigen  Jahren  in  Hagia  Triada  bei  Phaistos  gefunden  wurde  [s.  Tafel].  Der 
untere  Teil  des  aus  mehreren,  einzeln  gearbeiteten  Stücken  zusammengesetzten 
zierlichen  Kunstwerks  ist  verloren  gegangen;  durch  gleichartige  Tonvasen  wird 
erwiesen,  daß  der  untere  Teil  eiförmig  zulief,  so  daß  das  Ganze  eines  besonderen 
Untersatzes  bedurfte.  'Es  ist  ein  fröhlicher  Erntezug,  den  wir  vor  uns  sehen', 
so  schildert  ein  bedeutender  Kenner  das  Original,  'ihm  schreitet  eine  mit  einem 
fransenbesetzten  Mantel  bekleidete  Person  voran,  einen  Stock  mit  umgebogenem 
Ende  auf  der  Schulter  tragend,  vermutlich  eine  Priesterin.  Ihr  folgen  mit  fröh- 
lichen Gesichtern  in  hüpfendem  Schritte  Knaben,  die  nur  einen  sehr  knappen  Hüft- 
schurz und  eng  anliegende  Kappen  tragen.  Sie  führen  Gabeln,  die  deutlich  aus 
mehreren  Stücken  zusammengebunden  sind  und  durchaus  den  hölzernen  Geräten 
entsprechen,  die  noch  heute  an  verschiedenen  Orten,  besonders  im  Süden,  zum 
Aufnehmen  der  Garben  und  des  Heues  gebraucht  werden.  Auch  für  die  Männer 
war  offenbar  eine  übermäßig  enge  Taille  das  Schönheitsideal.  Von  diesem  weicht 
der  Mann  bedeutend  ab,  der  auf  die  Abteilung  der  Knaben  folgt  und  eine  Klapper 
schwingt.  Er  zeigt  ziemliche  Leibesfülle.  Sein  Schurzgewand  ist  von  dem  der 
Knaben  nach  Größe  und  Schnitt  verschieden,  sein  Haar  ist  kurz  geschnitten  und 
unbedeckt.  Bei  allen  Figuren  war  der  Künstler  bemüht,  der  Anatomie  des  Körpers 

72 


& 


STEINCiEFASS  AUS  HAGIA 
THIADA   BEI   PHAISTOS 


gerecht  zu  werden.  Die  Angabe  der  Muskeln  und  des  Knochengerüstes  beruht  na- 
türlich nicht  auf  eingehendem  Studium  und  ist  darum  auch  recht  fehlerhaft,  aber 
sie  verrät  doch  eine  bemerkenswert  glückliche  Beobachtung  der  äugeren  Formen 
und  des  Spieles  der  Muskeln.  Ein  besonders  feiner  Zug  ist  gerade  bei  demKlapper- 
träger  hervorzuheben:  sein  Mund  ist  zum  Singen  weit  geöffnet;  dag  durch  die  An- 
strengung der  Stimme  auch  die  Muskulatur  des  Halses  stärker  angespannt  wird, 
ist  dem  Künstler  nicht  entgangen.  Es  folgen  im  Zuge  drei  Personen,  die  anschei- 
nend ganz  in  Gewänder  gehüllt  sind,  auch  sie  singen.  Den  Schlug  bildet  dann 
wieder  eine  Schar  Knaben.  Die  Gefahr  der  Eintönigkeit,  in  die  der  Bildner  eines 
solchen  Zuges  leicht  verfallen  kann,  ist  durch  Abwechslung  in  der  Beinstellung 
und  durch  verschiedene  Drehung  der  Oberkörper  glücklich  vermieden.  Dieselbe 
Wirkung  übt  auch  die  Darstellung  eines  kleinen  Zwischenfalles  am  Ende  des  Zu- 
ges. Ein  Teilnehmer  ist  gestrauchelt  oder  er  hat  sich  in  mutwilliger  Absicht  ge- 
duckt und  hat  seinen  Vordermann  belästigt.  Erregt  fährt  dieser  mit  dem  Kopfe 
nach  ihm  herum,  eine  scheltende  Zurechtweisung  entfährt  dem  weit  geöffneten 
Munde'.  Wir  dürfen  dieser  Schilderung  hinzufügen,  dag  uns  als  das  Bedeutendste 
in  der  Leistung  erscheint,  wie  der  Künstler  es  vermocht  hat,  das  Gedränge  und 
Gewimmel  des  Zuges  nicht  allein  durch  das  Überschneiden  der  Figuren,  sondern 
auch  durch  die  fast  unübersehbare  Menge  der  Gabeln,  die  den  Grund  füllen,  aus- 
zudrücken. So  hat  er  den  Raum  vertieft  und  dadurch  eine  malerische,  illusioni- 
stische Wirkung  hervorgebracht.  Diese  Eigenschaft  teilt  das  Relief  mit  anderen 
mykenischen  Denkmälern  wie  den  Bechern  von  Vafio  und  mit  dekorativen  Wand- 
malereien, in  denen  groge  Ansammlungen  von  Menschenmassen  geschildert  sind. 
In  der  eigentlichen  Glyptik,  der  Gemmenschneidekunst,  vermögen  wir  die  Ent- 
wickelung  noch  deutlich  zu  verfolgen.  Von  dem  Gebrauch  weicher  Steine,  die 
mit  der  Hand  geschnitzt  und  gebohrt  sind  und  in  der  Darstellung  von  Menschen, 
Tieren  und  Ornamenten  auf  primitiver  Stufe  stehen,  gehen  die  Meister  bald  zu  har- 
ten Steinen  über,  die  sie  mit  Hilfe  des  Rades  bearbeiten.  Damit  war  die  Möglich- 
keit geboten,  auch  härtere  Steine  zu  Siegeln  und  zum  Schmuck  zu  verarbeiten; 
in  der  Blütezeit  finden  wir  dementsprechend  Karneol,  Chalcedon,  Achat,  Berg- 
kristall und  von  undurchsichtigen  Steinen  Hämatit,  Porphyr,  Jaspis  u.  a.  verwen- 
det. Von  Babylon  in  der  Technik  beeinflugt,  geht  die  mykenische  Kunst  in  der  Art 
der  Darstellung  ihre  eigenen  Wege.  Ihre  Stärke  liegt  nicht  in  der  grögtmöglichen 
Peinlichkeit  der  Ausführung,  sondern  in  der  unbefangenen  Frische  und  Lebendig- 
keit, in  der  Originalität  der  Auffassung  und  Durchführung.  Auch  die  Formen  der 
Gemmen  sind  eigenartig  und  selbständig.  Flach,  linsenförmig,  von  Rand  zu  Rand 
durchbohrt,  um  sie  an  einem  Band  oder  einem  Metallreifen  zu  befestigen,  oder  wie 
längliche  flache  Perlen  gestaltet,  haben  die  mykenischen  Steine  mit  den  baby- 
lonischen Siegelzylindern  nichts  gemein.  Gleichfalls  selbständig  sind  dicStoffe  der 
Darstellung,  eine  unerschöpfliche  Quelle  für  die  wissenschaftliche  Erforschung 
der  Religion  dieses  Volkes  und  ihrer  Beziehungen  zu  dem  späteren  Griechentum. 
Erst  die  neuesten  Funde  haben  uns  in  vollem  Mage  darüber  aufgeklärt,  welche 
Kraft  die  fremden  religiösen  Vorstellungen  auf  die  einwandernden  Griechen  aus- 
geübt haben  und  wie  viele  F'äden  sich  vom  alten  Kreta  nach  dem  historischen 


Abb.  5ü 
D 

74 


Geschnittene  Steine  aus  Mykenä 

D 


D  Griechenland  hinüberspinnen.  Da  sehen  wir 
eine  Fülle  phantastischer  Tiere  und  dämoni- 
scher, halb  tierischer,  halb  menschlicher  We- 
sen, voran  eines,  das  von  den  Hüften  abwärts 
menschlich,  aufwärts  als  Stier  gebildet  ist  — 
das  Urbild  des  Minotauros  — ,  andere  mit  den 
Oberkörpern  von  Löwen,  Adlern  und  anderen 
Tieren,  Bilder  düsteren  Aberglaubens,  wie  sie 
sich  in  gemilderter  Form  in  die  griechische  Re- 
ligion hinüber  gerettet  haben.  Daneben  er- 
scheinen die  Gestalten  der  höheren  Götterwelt, 
und  auch  unter  diesen  treten  einige  so  klar  her- 
vor, dag  man  sich  versucht  fühlt,  sie  in  dem 
griechischen  Götterkreise  wiederzuerkennen. 
Weitere  Steine  lehren  uns,  dag  Bäume  hohe 
Verehrung  genossen,  in  denen  die  Gottheit  wal- 
tend gedacht  wurde.  In  den  Darstellungen  der 
Götterverehrung  fallen  besonders  erregte  wil- 
de Tänze  auf,  wie  sie  uns  auch  aus  histori- 
schen Zeiten  für  den  Kult  überliefert  sind.  Jagd- 
darstellungen, Szenen  des  ernsten  Kampfes. 
Bilder  von  einzelnen  und  zu  Gruppen  angeord- 
neten Tieren  und  von  Tierkämpfen  vervoll- 
ständigen den  Bilderkreis,  der  in  flüchtigem 
Überblick  vorgeführt  wurde.  Alles  ist  gebil- 
det mit  leidenschaftlichem  Temperament,  das 
vor  keiner  Schwierigkeit  zurückschreckt.  Mit 
Sicherheit  sind  die  Bewegungen  erfagt  und 
wiedergegeben,  soweit  nicht  die  noch  unaus- 
gebildete  Perspektive  ein  Hemmnis  entgegen- 
setzt. Der  Reichtum  der  Erfindungskraft  lägt 
immer  wieder  neue  Gebilde  entstehen  und  be- 
wahrt die  Kunst  vor  der  Verödung  in  konventio- 
nellen Typen,  der  die  orientalische  Stein- 
schneidekunst anheimgefallen  ist.  Die  wenigen 
Abbildungen  von  Steinen,  denen  wir  einige  gra- 
vierte Platten  von  Goldringen  beifügen,  geben 
von  derBedeutung  der  Steine  natürlich  nur  eine 
ungefähre  Vorstellung  [Abb.  56 1.  D 

Am  meisten  gepriesen  werden  die  ARBEI- 
TEN AUS  EDELMETALL  —  auch  der  Laie,  dem 
das  Gefühl  für  die  künstlerische  Bedeutung 
der  Vasen  abgeht,  pflegt  diesen  Erzeugnissen 
seine  Bewunderung  nicht  zu  versagen.  Unsere 


Kenntnis  beruht  noch  immer  in  derHaupt- 
sache  auf  den  Funden  Schliemanns  in 
Mykenä,zu  denensich  späterandere  fest- 
ländisch-griechische Fundstücke  gesell- 
ten. Noch  sind  uns  die  kretischen  Fürsten- 
gräber verschlossen;  aber  was  wir  be- 
sitzen, ist  mehr  als  hinreichend,  um  die 
erstaunliche  Höhe  des  Kunstgewerbes 
auch  auf  diesem  Gebiete  zu  ermessen. 

Unter  den  getriebenen  Arbeiten  stehen 
die  beiden  berühmten  Becher  von  Vafio 
inLakonien  [dem  alten  Amyklä|  weit  vor- 
an; hier  sind  künstlerische  Probleme  ge- 
stellt und  mit  den  zu  Gebote  stehenden 
Mitteln  der  Formgebung  gelöst,  wie  sie 
erst  die  Zeit  des  Hellenismus  wieder  auf- 
greift. Die  Becher,  8,5  cm  hoch  [Abb. 
58— 60J,  bestehen  aus  dem  äußeren  ge- 
triebenen Mantel  und  einem  glatten  Ein- 
satz, dessen  Rand  über  den  Mantel  her- 
übergelegt ist:  so  wurde  dem  Auge  die 
störende  Ansicht  der  getriebenen  Innen- 
fläche des  Mantels  verborgen.  Zeigt  schon 
dieses  Verfahren  eine  besondere  Sorgfalt 

in  der  Herstellung  —  es  ist  bei  einfache-    d  Abb.  57:  spieibreti  aus  Knossos  d 

ren  Bechern  nicht  angewendet  worden  —  und  ein  starkes  Gefülil  für  das  Zweck- 
mäßige, so  beobachten  wir  die  gleichen  Grundsätze  in  der  Vernietung  der  kurzen 
straffen  Henkel,  die  an  der  geraden  Wandung  der  Becher  angebracht  sind.  Mit 
offenbarer  Berechnung  sind  diese  Nieten  an  der  Innenseite  möglichst  breit  ge- 
schlagen und  rufen  so  den  Eindruck  ungewöhnlicher  Festigkeit  hervor.  Die  Dar- 
stellungen der  beiden  Becher  sind  auf  einander  berechnet,  sie  sind  das  älteste 
Beispiel  von  Gegenstücken,  das  wir  bisher  kennen.  Erst  nach  dem  vierten  Jahr- 
hundert V.  Chr.  wird  es  ganz  üblich,  daß  Metallbecher  paarweise  hergestellt 
werden.  Der  eine  Becher  zeigt  uns  den  Fang  wilder  Stiere,  die  zum  Zweck  von 
Schaustellungen  bei  religiösen  Festen  in  Kreta  denn  dort  sind  die  Becher 
zweifellos  gemacht  —  zahlreich  verwendet  wurden.  Eines  der  Tiere  ist  mit  voller 
Wucht  in  ein  aufgespanntes  Fangnetz  gerannt,  in  dem  es,  sich  überschlagend,  zu- 
sammengebrochen ist.  Mit  großer  Kühnheit  hat  der  Künstler  gewagt,  die  kom- 
plizierte Bewegung  des  Stieres  wiederzugeben,  freilich  ohne  ihrer  Herr  zu  wer- 
den, aber  wie  ausdrucksvoll  ist  die  Machtlosigkeit  des  gefangenen  Riesen  in  Kopf, 
Hals  und  Vorderbeinen  geschildert!  Ein  zweiter  Stier  hat  vor  dem  Netz  zurück- 
schreckend kurz  kehrt  gemacht,  der  dritte  ist  anscheinend  darüber  hinweggesetzt 
und  fegt  in  gewaltiger  stürmischer  Wut  die  liinter  dem  Netze  lauernden  .läger 
hinweg  --  hier  eine  glänzende  Schililerung  des  Triumphes  elementarer  Kraft  über 

75 


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Abb.  58—60:  Goldbecher  aus  Väfio  in  Lakonien 


menschliche  Schwäche,  dort  des  Sieges  menschlichenWitzes  über  physische  Über- 
legenheit, die  schließlich  doch  nachgeben  muß.  Ganz  anders  führt  uns  der  zweite 
Becher  die  Tiere  vor.  Noch  muß  der  Stier  zur  Linken,  der  sich  an  die  Gefangen- 
schaft nicht  gewöhnen  kann  und  zornig  brüllend  mit  dem  Schweif  peitscht,  ge- 
fesselt werden;  aber  gezähmt  bietet  uns  die  Tiere  die  charakteristische  Gruppe  in 
der  Mitte  dar  und  rechts  läuft  das  Bild  in  dem  schnuppernden  ruhigen  Stiere  in  ein 
friedliches  Idyll  aus.  □ 

In  wohl  abgewogenen  Kontrasten  ist  die  Komposition  im  ganzen  wie  im  ein- 
zelnen durchgeführt,  in  jeder  Bewegung  durchdacht,  aber  so,  dag  sich  die  Absicht 
des  Künstlers  nicht  vordrängt,  sondern  der  Vorgang  ganz  natürlich  erscheint.  Ein 
besonderes  Interesse  erweckt  dieLandschaft  —  am  Boden  Felsen,  kleinere  Steine 
und  Graswuchs,  kleine  Sträucher  und  große  Bäume,  nicht  nach  konventioneller 
Überlieferung  wiedergegeben,  sondern  unter  deutlicher  Beobachtung  der  leben- 
digen Natur  mit  allen  ihren  Zufälligkeiten  dargestellt.  Hier  erscheint  das  Gras  wie 
vom  Winde  hin  und  her  bewegt,  dort  ist  der  Stamm  der  Palme  in  der  Mitte  gebogen 
und  fügt  sich  so  dem  bewegten  Gesamtbilde  aufs  glücklichste  ein.  Um  in  der  grie- 
chischen Kunst  ein  ähnliches  Verständnis  für  landschaftliche  Szenerie  zu  finden, 
müssen  wir  wieder  bis  in  die  hellenistische  Zeit  hinabgehen.  Nur  in  dem  einen 
Punkte,  daß  der  Baum,  an  den  das  obere  Netzende  geknüpft  ist,  wie  im  Raum  zu 
schweben  scheint,  hat  der  Künstler  in  primitiver  Weise  der  Deutlichkeit  ein  Opfer 
gebracht;  sonst  aber  bewegen  sich  Menschen  und  Tiere  auf  gemeinsamem  Boden. 
Am  oberen  Rande  füllen  seltsame  Gebilde  den  freien  Raum,  ähnlich  den  Orna- 
menten oder  Korallen  auf  den  Vasen  mit  den  Seestücken.  Wenn,  wie  angenommen 
ist,  der  Künstler  dabei  an  hängende  Wolken  oder  ferne  Berge  gedacht  hat,  so 
würden  wir  hier  die  unerhörte  Tatsache  feststellen  müssen,  daß  bereits  Zenit  und 
Horizont  in  mykenischer  Kunst  beobachtet  und  dargestellt  worden  wären.  Wahr- 
scheinlicher ist  daher,  daß  der  Künstler  hier  seinem  Bedürfnis  der  Raumfüllung 
nachgegeben  hat,  gegenüber  der  grandiosen  Durchführung  des  Hauptbildes  ein 
Zeichen  naiver  Kunstauffassung.  —  D 

Ein  figurenreiches  Schlachtenbild  enthielt  ein  großes,  leider  zerstörtes  Silber- 
gefäß, das  wir  zu  erwähnen  nicht  unterlassen  wollen.  Von  den  Mauern  einer  hoch- 
ragenden Stadt  aus  sehen,  wie  in  den  Schilderungen  homerischer  Kämpfe,  Frauen 

76 


Abb.  61  u.  62:  Goldener  Taubenbecher  aus  Mykenä,  sogenannter  Nestorbecher,  und  Silberbecher  aus 
D  Mykenä  mit  goldenen  Einlagen  D 

mit  Gebärden  größter  Aufregung  dem  Kampfe  zu,  der  sich  zu  ihren  Füf;en  ent- 
wickelt. In  aufgelöster  Ordnung  erbUckt  manSchleuderer  undBogenschützen,  da- 
zwischen einige  Schwerbewaffnete,  während  unten  ein  Bootsmann  neue  Scharen 
vonKämpfern  zu  landen  scheint.  Auch  hier  ist  die  hügelige  Landschaft  mitgrögter 
Anschaulichkeit  geschildert,  auch  hier  sind  dieBewegungen  der  Kämpfer  und  der 
F'rauen  weit  ausdrucksvoller  und  lebendiger  als  bei  den  Schilderungen  ähnlicher 
Vorgänge  in  der  orientalischen  großen  Kunst.  D 

Während  wir  an  diesenGefägendenplastischenSchmuck  unddieMeisterschaft 
der  Treibarbeit  bewundern,  interessieren  andere  durch  ihre  Form.  So  vor  allem 
der  in  seiner  Gesamterscheinung  etwas  bizarre  goldene  Becher  mit  den  Tauben 
auf  den  Henkeln,  der  sogleich  bei  seiner  Auffindung  die  Erinnerung  an  den  von 
Homer  geschilderten  Becher  des  Nestor  wachrief  |Abb.  61 1.  Wie  ein  modernes 
Weinglas  erhebt  sich  über  dem  Fug  der  gradwandige  Kelch,  an  den  die  Henkel  — 
denen  der  Vaf  iobecher  ähnlich  —  angenietet  sind.  Von  ihnen  gehen  schräge  Streben 
herab  zumFuß,  die  bestimmt  scheinen,  dem  schlanken  Aufbau  Halt  zu  geben,  ohne 
diesen  Zweck  ganz  zu  erfüllen.  □ 

Klar  und  übersichtlich  in  seiner  Struktur  ist  dagegen  der  zweite  hier  abgebil- 
dete Becher  [Abb.  62 1,  der  aus  Silber  getrieben  ist,  offenbar  neben  den  steilwandi- 
gen, auf  der  Bodenfläche  stehenden  Gefäßen  von  der  Art  der  Vafiobecher,  die  be- 
liebteste Form.  Beide  Formen  sind  für  Metall  erfunden  und  von  diesen  Vorbildern 
in  die  Keramik  übernommen.  Echt  metallmäßig  ist  die  scharfe  Knickung  des  Randes 
und  die  Bildung  des  Henkels,  der  auch  hier  mit  goldenen  großen  Nieten  befestigt 
ist  —  sie  dienen  dem  Kelchinneren  zum  besonderen  Schmuck.  Mit  Gold  ist  auch 
der  Kranz  kleiner  Scheiben  eingelegt,  der  den  Rand  vom  Gefäßkörper  trennt,  ebenso 
wie  die  mit  Zweigen  besteckten  heiligen  Geräte,  die  den  Schiiuick  dos  Randes  bilden. 

Diese  Kombination  von  Silber  und  Gold,  deren  erstem  Beispiel  wir  hier  begegnen, 
ist  eine  speziell  kretisch-mykenische  Technik  und  hat  der  mykenischen  Kunstfertig- 
keit unvergänglichen  Ruhm  verschafft.  Häufig  ist  das  Gold  nach  \vi  von  Blattver- 
goldung aufgelegt,  wie  an  dem  herrlichen,  lebonswalir  gebildcton  Stierkopf  aus 


Silber,  den  zu  schildern  wir  nicht  unterlassen  dürfen.  An  Maul,  Augen  und  Ohren 
haben  sich  die  Reste  der  Vergoldung  erhalten;  die  Hörner  sind  ganz  aus  Gold- 
blech zusammengebogen  und  eine  zierliche  goldene  Rosette  sitzt  auf  der  Stirn. 
Ursprünglich  ragte  zwischen  den  Hörnern  ein  goldener  Stab  mit  einem  Doppel- 
beil auf,  so  dag  das  ganze  Kunstwerk  ehemals  ein  Symbol  des  kretischen  höchsten 
Gottes  bildete;  uns  bleibt  es  ein  bewundernswertes  Zeugnis  der  technischen  und 
künstlerischen  Meisterschaft  jener  entlegenen  Zeiten,  das  keinen  Vergleich  zu 
scheuen  braucht.  D 

Die  zweite  Art  der  Verbindung  von  Gold  und  anderen  Metallen  ist  die  in  ein- 
gelegter Arbeit.  UnterdiesenArbeitensinddiemitRecht  berühmtesten  die  bekann- 
ten aus  Kreta  importierten  Dolchklingen  [s.  TafelJ,  die  bereits  oben  bei  der  Be- 
handlung des  Dolches  aus  dem  Grabe  der  Aahotep  erwähnt  sind.  Der  Schilderung 
des  kostbaren  Schildes,  denHephaistos  derThetis  für  Achill  anfertigte,  liegt  deut- 
lich die  Vorstellung  derartiger  mykenischer  Metallarbeiten  zugrunde:  D 

Drauf  auch  ein  Rebengefilde,  von  schwellendem  Weine  belastet, 
bildet  er  schön  aus  Gold;  doch  schwärzlich  glänzten  die  Trauben; 
und  es  standen  die  Pfähle  gereiht  aus  lauterem  Silber. 
Rings  dann  zog  er  den  Graben  von  dunkler  Bläue  des  Stahles 
samt  dem  Gehege  von  Zinn. 

So  beschreibt  der  Dichter  eines  der  Bilder,  die  den  Schild  zierten,  und  ähnlich  in 
der  buntfarbigen  Wirkung  der  verschiedenen  Metalle  sind  die  Dolche  einst  gewesen. 
Ein  breiter  Kupferstreifen  ist  zunächst  in  die  Klinge  eingelegtundbildetmitseinem 
feinen  hellrötlichen  Ton  die  Grundlage  für  die  eigentliche  Darstellung.  Der  Künstler 
der  einen  zeigt  uns,  den  Stoff  ägyptischen  Bildern  entlehnend  aber  selbständig 
weiter  bildend,  die  Jagd  vonPanthern  auf  Wildenten  im  Gestrüpp  eines  Flußufers. 
Mit  Blaßgold  oder  Silber  ist  der  breiteFlug  wiedergegeben,  der  sich  in  lebhaft  ge- 
schwungener Linie  dieLandschaft  entlang  zieht.  In  ihm  tummeln  sich  in  dunklerer 
Färbung  Fische,  am  Ufer  wiegen  sich  langstenglige  goldene  Papyrusstauden  in 
wechselnder  Bewegung.  Langsam  anschleichend  und  dann  plötzlich  vorspringend 
haben  sich  die  katzenartigen  Tiere  auf  die  Enten  gestürzt,  die  erschreckt  nach  allen 
Seiten  auseinanderflattern,  soweit  sie  nicht  schon  gepackt  sind.  An  den  Tieren 
wechselt  gelbes  und  blasses  Gold  oder  Silber  [das  Material  ist  noch  nicht  klarge- 
stellt] willkürlich  miteinander;  bald  sind  die  Tiere  ganz  in  Gold  gegeben,  bald  mit 
dem  hellerenMetall  unterHinzufügung  einzelnerTeile  in  Gold.  Als  die  Metalle  noch 
ihre  ursprüngliche  Farbe  hatten,  muß  der  Zusammenklang  der  Töne  ein  äußerst 
feiner  gewesen  sein.  Bewundern  wir  an  dem  geschilderten  Bild  die  Frische  in 
der  Schilderung  des  Tierlebens  und  die  Freiheit  der  Komposition  mit  der  für  die 
mykenische  Kunst  charakteristischen  Hinundherbewegung,  wie  wir  sie  schon  von 
dem  einen  Vafiobecher  kennen  lernten,  so  ist  nicht  weniger  bewundernswert  eine 
zweite  Klinge,  die  uns  in  derselben  Technik  eine  Löwenjagd  vorführt.  Hier  sind 
die  nackten  Teile  der  Männer  und  die  Löwen  in  Gold,  die  Schurze  und  die  mächti- 
gen Schilde  in  Silber  gegeben,  dazu  kommt  bei  den  Schildriemen,  den  Schildzeichen 
und  der  Gewandverzierung  ein  als  'fast  schwarze  Masse'  bezeichnetes  Metall,  ent- 
weder Schwefelsilber,  d.h.  Niello,  oder  Kupfer.  Auch  hier  erinnert  die  Bewegung 

78 


der  Löwen  zueinander  an  die  schon  genanntenBecher  und  dervon  dem  vordersten 
Löwen  zu  Boden  geschlagene  Jäger  findet  dort  gleichfalls  sein  Gegenstück.  An- 
dere Schwerter  zeigen  verwandte  Darstellungen  oder  auch  nur  Muster,  wie  ein- 
gelegte Lilien,  eines  der  Lieblingsornamente  mykenischer  Kunst,  oder  das  gleich- 
falls häufig  verwendete  Flechtband.  Das  Schwert  mit  der  Löwenjagd  ist  bis  zum 
Griff  ansatz  erhalten.  Große  goldene  und  prächtig  dekorativ  wirkende  Nägel  hielten 
die  Griffmontierung  fest.  Sie  war  der  Klinge  entsprechend  reich  ausgestattet,  bei 
den  älteren  Stücken  aus  Holz,  das  mit  Gold  überzogen  war,  bei  den  jüngeren,  die 
aber  auch  noch  kretischer  Kunstfertigkeit  zuzuschreiben  sind,  aus  Elfenbein  und 
anderen  Materialien,  entweder  durch  Muster  kleiner  eingesetzter  Goldstiftchen 
verziert,  oder  mit  Rosetten  in  bunten  Steinen  und  Glasflug.  Den  Abschlug  bildeten 
prächtige  goldene  Knäufe  mit  getriebenen  Ornamenten  oder  Darstellungen  lau- 
fender Tiere.  Von  den  Schwertscheiden,  die  aus  Leder  oder  Holz  waren,  sind 
zahlreiche  Goldzieraten  gefunden  worden.  Diese  Verzierungen  sind  so  hergestellt, 
dag  das  Muster  in  einer  Holz-  oder  Knochenunterlage  vorgearbeitet  war,  über  die 
das  weiche  Gold  gedrückt  wurde.  D 

Zu  den  wichtigsten  Äugerungen  des  Kunstgewerbes  gehören  endlich  ganz  im 
Metallstil  gehaltene,  rein  ornamental  verzierte  Goldbleche,  bald  zu  grogen  Dia- 
demen, bald  zu  runden  kleinen  Scheiben  als  Gewandschmuck  verarbeitet.  Beson- 
ders deutlich  tritt  das  metallmägige  der  Arbeit  an  den  Diademen  zutage,  zu  deren 
jedem  mehrere  halbierte  Diademe  gehörten,  die  Schläfen  und  Hinterkopf  des 
Trägers  schmückten  [Abb.  63].  Mit  auffallend  sicherem  Gefühl  sind  die  Rosetten 
auf  die  Platte  verteilt.  Zierliche  Perlränder  begleiten  die  Rosetten  und  Buckel 
und  fassen  sie  —  mit  einem  zweiten,  in  der  mykenischen  Ornamentik  überaus  be- 
liebten Muster  zusammengeordnet  —  wie  Edelsteine  ein,  während  ein  Kranz  aus 
leichten  Ranken,  durch  eine  Perlschnur  vom  Hauptornament  getrennt,  nach 
oben  und  unten  den  Abschlug  bildet.  Kaum  anzunehmen  ist,  dag  alle  diese  Ver- 
zierungen ohne  Zuhilfenahme  von  Fassonpunzen,  die  die  Einzelbestandteile  des 
Musters  enthielten,  gearbeitet  sein  sollten.  Vielleicht  bedienten  sich  die  Gold- 
schmiede aber  auch  in  Stein  geschnittener  oder  in  Bronze  gegossener  Formen, 
mit  denen  sie  die  ganzen  Rosetten  auf  einmal  herstellen  konnten.  Steinformen  zur 
Herstellung  von  Schmuckstücken  sind  in  Mykenä  nicht  selten  gefunden.  In  sie 
konnte  das  Goldblech  mit  dem  Holzhammer  geschlagen  werden,  unter  Zuhilfenahme 
von  Wachs,  das  zwischen  das  Gold  und  den  Hammer  gelegt  wurde,  oder  man  rieb 
das  Blech  mit  einem  Holzstäbchen  und  bei  den  tiefer  gearbeiteten  Verzierungen 
mit  gespitzten  Metallstäbchen  ein.  Mit  der  Form  in  einer  der  angegebenen  Methoiien 
hergestellt  sind  wohl  sicher  die  vielen  Hunderte  dünner  runder  Goldbleche,  die 
zum  Aufnähen  auf  die  Kleider  dienten  |  Abb.  64  und  65 1.  Hier  treten  zu  den  wunder- 
bar fein  geführten  Linienornamenten  Tiere,  wie  Schmetterlinge  und  Polypen  in 
strenger  metallmägiger  Stilisierung,  deren  Arme  wie  Drahtspiralen  zusammenge- 
rollt sind.  Wir  übergehen  die  übrigen  kleineren  Goldarbeiten  und  fügen  nur  hinzu, 
dag  die  Granulierarbeit  [vgl.  oben  Kap.Ij  in  der  älteren  kretischen  Kunst  sich  nicht 
findet  und  erst  in  der  jüngeren  beginnt,  eine  Rolle  zu  spielen,  ohne  jedoch  zu  wirk- 
licher Bedeutung  gelangt  zu  sein.  D 

79 


D  Abb.  63:  Diadem  aus  Mykenä  ö 

Zu  einer  anderen  Art  kunstgewerblicher  Leistung,  der  Kunst  der  eingelegten 
Schwerter  verwandt,  führt  uns  das  kostbare,  in  Knossos  entdeckte  Spielbrett 
[Abb.  57  Seite  75],  das  zwar  nicht  vollständig  erhalten  ist,  aber  im  wesentlichen 
sich  hat  wiederherstellen  lassen.  Derartige  Spiele  scheinen  in  mykenischen  fürst- 
lichen Ausstattungen  üblich  gewesen  zu  sein;  Reste  eines  ähnlichen  Spieles  sind 
in  einem  der  Schachtgräber  in  Mykenä  als  Beigabe  für  den  Toten  aufgefunden.  An 
Kostbarkeit  kann  das  in  Knossos  gefundene,  mit  den  prächtigsten  Arbeiten  ähn- 
lichen Zweckes  (Schachspielen  u.dgl. )  wetteifern,  wie  sie  nur  je  zur  Befriedigung 
fürstlichen  Luxus  hergestellt  sind,  in  der  geschmackvollen  Anordnung  der  Einzel- 
heiten lägt  es  die  meisten  weit  hinter  sich.  Die  schmalen  Felder  des  etwa  1  m 
langen  Brettes  bestehen  entweder  aus  Elfenbein,  das  mit  Gold  überzogen  ist,  oder 
aus  Bergkristall  mit  einer  Unterlage  von  Silber  oder  blauem  Glasflug.  In  derselben 
Technik  sind  die  Rosetten  und  die  vier  Ammonshörner  am  Rande  und  die  vier 
großen  Rosetten  im  oberen  Teile  hergestellt,  an  denen  die  Fadenumränderungen 
aus  Elfenbein  und  Gold  unendlich  fein  gearbeitet  sind.  Das  Ganze  muß  von  einer 
äußerst  reichen  Farbenwirkung  gewesen  sein.  □ 

Im  Verhältnis  zu  den  Gold-  und  Silberarbeiten  spielt  die  BRONZE,  wenigstens 
nach  den  Funden  zu  urteilen,  im  kretischen  Kunstgewerbe  eine  geringere  Rolle. 
Große  Kessel  aus  Bronze,  nicht  im  ganzen  getrieben,  sondern  aus  einzelnen, 
durch  zahllose  Nieten  verbundenen,  getriebenen  Platten  hergestellt,  fanden  sich 
in  den  älteren  Gräbern  zu  Mykenä;  in  den  jüngeren  Gräbern  ebendort,  schmuck- 
voller gestaltet,  eine  Kanne  mit  gravierten  Stierköpfen  am  Henkel  und  getrie- 
benen Stierköpfen  auf  einem  Bande,  das  über  die  Fuge  zwischen  dem  beson- 
ders gearbeiteten  Hals  und  dem  Gefäßkörper  genietet  war.  Auch  in  Kreta  sind 
einige  reicher  verzierte,  der  jüngeren  Periode  angehörige  Bronzegefäße  entdeckt 
worden,  deren  Hauptstück,  eine  22  cm  hohe  Weinkanne  mit  angenietetem  Henkel 
und  besonders  angenietetem  unteren  Gefäßteil,  wir  wenigstens  erwähnen  wollen. 
Indessen  sind  künstlerisch  ausgestattete  Bronzegefäße  sehr  wenig  zahlreich  und 
man  möchte  daher  vorläufig  annehmen,  daß  die  Bronze  für  künstlerische  Zwecke 
in  der  ältesten  Zeit  kaum  verwendet  wurde,  sondern  erst  in  der  jüngeren  Periode 
der  Kultur  hierfür  mehr  in  Aufnahme  kam.  Auch  die  technische  Behandlung  der 

80 


DULtlU-.  Alb  M\KLNA 
D  D  D  D  D 


a  Abb.  64  u.  65:  Goldbleche  aus  Mykenä  D 

Bronzegefäge,  die  Zusammennietung  einzelner  Teile  statt  Treibens  im  ganzen, 
ist  noch  ziemlich  primitiv.  Hartlötung  ist  bei  Bronzegefäßen  ebensowenig  wie 
Weichlötung  bisher  nachgewiesen.  Endlich  sind  auch  die  figürlichen  gegossenen 
mykenischen  Bronzen  zwar  gegenständlich  interessant  |das  Berliner  Museum  be- 
sitzt das  bedeutendste  Stück,  eine  schlangenhaltende  GöttinJ,  aber  als  künstle- 
rische Leistungen  sind  sie  den  übrigen  kunstgewerblichen  Arbeiten  keineswegs 
gleichzustellen.  D 

Im  übrigen  gibt  es  kaum  ein  Material,  das  diese  kunstfrohe  Kultur  ihren  Zwecken 
nicht  dienstbar  gemacht  hätte.  Die  FAYENCE  zu  bereiten,  lernten  die  Kreter  von 
den  Ägyptern  und  verarbeiteten  sie  in  ihrem  Stil  unter  Verwendung  der  schon 
erwähnten  Steinformen  zu  figürlichen  und  ornamentalen  Schmuckstücken,  die  an 
Holzkästen  oder  auch,  zuweilen  mit  Gold  belegt,  als  Anhänger  verwendet  wurden 
I  s.  Tafel  |.  Aus  Fayence  sind  hübsch  verzierte  Gef  äf3e,  größere  naturalistisch  behan- 
delteTiergruppen  und  besonders  menschlicheFiguren  hergestellt.Rundbildervon 
Göttinnen,  die  von  Schlangen  umwunden  sind  und  die  durch  die  sorgfältige  Angabe 
der  Frauentracht  besonders  wertvoll  sind.  Die  SCHNITZKUNST  stand,  wie  uns  die 
Reste  zeigen,  in  hoherBlüte.  Von  solchen  Arbeiten  ist  in  Holz  natürlich  nur  wenig 
erhalten,  um  so  reicher  sind  die  Funde  von  Knochen-  und  Elfenbeinschnitzereien, 
besonders  von  Spiegelgriffen,  bei  denen  die  breite,  an  der  bronzenen  Spiegelscheibe 
sitzende  Platte  sinnvoll  mit  reichgeschmückten  Frauen  oder  Göttinnen  verziert  ist. 
Die  leider  sehr  zerstörte  Elfcnbeinfigur  eines  Jünglings,  vermutlich  eines  Stier- 
kämpfers, kann  in  der  ausdrucksvollenBewegung  und  in  der  feinen  Durchführung 
den  besten  Arbeiten  der  Schnitzkunst  an  die  Seite  gestellt  werden.  D 

Die  Kultur,  deren  kunstgewerbliche  Erzeugnisse  wir  in  kurzen  Zügen  zu  wür- 
digen versucht  haben,  ist,  wie  bereits  hervorgehoben  wurde,  eine  ungriechische. 
Sie  ist  den  von  Norden  her  vordringenden  Griechen  erlegen.  Wann  das  geschehen 
ist,  läßt  sich  nicht  sagen,  denn  der  Untergang  der  Kultur  hat  sich  nicht  in  rasch 
einander  folgenden  Katastrophen  vollzogen,  sondern  in  langen  vernuitlich  jahr- 
hundertelangen Kämpfen  und  Wanderungen.  Als  auf  dem  Festland  schon  längst 

6  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  gj^ 


die  'Achäer'  sagen,  stand  die  alte  Kultur  in  Kreta  noch  in  vollem  Glänze  da  und 
exportierte  ihre  kunstgewerblichen  Produkte  weiter  nach  den  Ländern,  die  sie 
früher  ihr  eigen  nannte.  Seit  dem  Vordringen  der  Achäer  trat  ein  langsamer  und 
dauernder  Rückgang  in  den  Erzeugnissen  des  Kunstgewerbes  ein.  Das  Kunst- 
gewerbe verödete  mehr  und  mehr,  die  Regsamkeit  und  Frische,  die  die  frühere 
Zeit  ausgezeichnet  hatte,  erstarb  und  die  Ornamentik  beschränkte  sich  auf  ein  ge- 
dankenloses und  verständnisloses  Weiterführen  der  alten  mykenischen  Motive. 
Wie  sich  die  Ausübung  des  Kunstgewerbes  im  einzelnen  gestaltete  und  welchen 
Anteil  die  Achäer  an  ihm  genommen  haben,  ist  hier  nicht  der  Ort  zu  untersuchen, 
ebensowenig  als  darzulegen,  wie  sich  möglicherweise  die  politischen  Verhältnisse 
bei  und  nach  dem  Untergange  der  kretischen  Kultur  gestaltet  haben.  Vielleicht 
ist  anzunehmen,  dag  die  achäischen  Einwanderer  die  aufs  höchste  gesteigerte  kre- 
tische Kultur  mit  Begierde  ergriffen,  aber  in  dem  materiellen  Wohlstand  allmäh- 
licherErschlaffung  anheimfielen.  Dieser  allmähliche  Verfall,  der  langeZeiten  um- 
faßte, rief  um  die  Wende  des  ersten  Jahrtausends  v.Chr.  einen  neuen  Umsturz  der 
politischen  Verhältnisse  hervor,  den  wir  als  die  'dorische  Wanderung'  bezeich- 
nen, eine  gewaltige  Völkerbewegung,  die  die  letzten  verkümmerten  Reste  der 
alten  Kultur  hinwegfegte.  D 

□  D 

KAPITEL  III  *  DAS  KUNSTGEWERBE  DES  KLAS- 
SISCHEN ALTERTUMS 

Als  nach  den  verheerenden  Stürmen  der  dorischen  Wanderung  Ruhe  einge- 
treten war,  sah  es  mit  der  Kunst  in  Griechenland  überaus  kläglich  aus.  Man  kann 
sich  den  Niedergang  nicht  tief  genug  vorstellen.  Die  glänzende  Zeit  der  kretisch- 
mykenischen  Kultur  lag  weit  zurück  in  nebelhafter  Ferne,  durch  einen  gewaltigen 
Rig  war  die  neue  Zeit  von  jener  getrennt  und  nur  an  einzelnen  Stätten  im  östlichen 
Gebiete  des  ägäischen  Meeres  erhielt  sich  eine  schwache  Erinnerung,  eine  spär- 
liche Kunsttradition  aufrecht.  Aus  eigenem  Können  mugten  die  Griechen  ihre 
Kunst  schaffen.  Es  gewährt  einen  eigenartigen  Einblick  in  die  Beweglichkeit  grie- 
chischen Geistes,  zu  verfolgen,  wie  sie  ihre  Aufgabe  erfagten  und  wie  sie  in  der 
kurzen  Spanne  weniger  Jahrhunderte,  von  kindlichen  Anfängen  ausgehend,  eine 
Entwicklung  durchmachten,  deren  rapides  Tempo  nur  durch  eine  mächtige  künst- 
lerische Begabung  zu  erklären  ist.  D 
1.  DIE  KERAMIK  D 
Das  einzige  Erbe,  das  die  kretisch-mykenische  Kultur  den  Griechen  der  histo- 
rischen Zeit  für  ihre  Keramik  hinterlassen  hatte,  war  die  schwarze  glänzende  Fir- 
nisfarbe, die,  seitdem  sie  erfunden  war,  im  Altertum  nicht  wieder  aus  der  Mode 
gekommen  ist.  Ihrer  bedienten  sich  die  Griechen,  als  sie  von  neuem  begannen, 
ihre  Tongefäge  zu  bemalen.  Wenn  man  die  ersten  Versuche,  die  gemacht  wurden, 
betrachtet,  kann  man  sich  eines  gelinden  Schreckens  nicht  erwehren.  Während 
die  mykenische  Keramik  frei  und  unbekümmert,  in  eminentem  Sinne  künstlerisch 
die  Gefäge  mit  ihren  der  Natur  entlehnten  Motiven  erfüllt,  hat  diese  Freiheit  hier 

82 


einer  philiströsen  Dekorationsweise  weichen  müssen,  die  gewig  nichts  Gutes  ver- 
sprach. Alles,  was  an  die  geschwungene,  frei  geführte  Linie  erinnert,  ist  hier  wie 
mit  ängstlicher  Sorgfalt  vermieden,  die  Ornamentik  ist  wie  mit  einem  Schlage 
in  den  Zustand  primitiver  Einfachheit  zurückversetzt.  Wir  pflegen  diese  erste 
Stufe  der  wiedererstehenden  Keramik  nach  ihren  geradlinigen  Mustern  als  GEO- 
METRISCHE MALEREI  zu  bezeichnen.  Zickzacklinien,  Hakenkreuze,  Rhomben, 
Sterne,  wozu  sich  noch  die  mit  Hilfe  des  Zirkels  gezogene  ganze  oder  geteilte 
Kreislinie  und  der  sog.  Mäander,  d.  h.  die  geradlinige  Umbildung  der  Wellenlinie 
gesellen,  das  ist  der  wesentliche  Bestand  der  Musterkarte.  Mit  diesen  Mustern 
wurde  das  Gefäg  streng  systematisch  übersponnen,  in  einer  Weise,  die  an  die 
Arbeiten  der  Weberei  oder  Korbflechterei  erinnert,  ohne  doch  von  diesen  Tech- 
niken direkt  entlehnt  zu  sein.  An  fast  allen  Punkten  Griechenlands  herrschte  zu 
derselben  Zeit  dieselbe  Malweise,  in  Böotien  und  Attika,  im  Peloponnes  und  auf 
den  Inseln,  in  Einzelheiten  lokal  verschieden,  aber  im  Gesamtcharakter  durchaus 
gleichartig.  D 

Für  die  Weiterentwicklung  kommen  besonders  die  attischen  Gefäße  dieser 
Art  in  Betracht,  nach  ihrem  Fundorte  vor  dem  Dipylon,  dem  Haupttor  des  alten 
Athens,  DIPYLONVASEN  genannt.  Hier  wurde  in  den  Jahren  1872  und  1891  ein 
groger  Friedhof  entdeckt,  dessen  Gräber  neben  Waffen  und  Goldschmuck  zahl- 
lose geometrische  Gefäge  als  Beigaben  enthielten.  Über  den  Gräbern  standen, 
wie  später  die  einzig  schönen  Grabstelen,  so  damals  gewaltige  Amphoren  und 
Kratere,  bestimmt,  Opfergaben  für  die  Toten  aufzunehmen,  zugleich  aber  in  ihren 
Darstellungen  den  Ruhm  des  Verstorbenen  und  die  Pracht  seines  Leichenbegäng- 
nisses verkündend.  So  das  Gefäg,  das  in  Abb.  66  wiedergegeben  ist.  Es  ist  ein 
1,25  m  groger,  oben  weit  offener  Krater  |  Mischkrug |,  durch  einzelne  horizontale 
Ornamentbänder  in  Streifen  zerlegt,  die  mit  Darstellungen  gefüllt  sind;  aller 
freie  Raum  zwischen  den  P'iguren  ist  mit  den  üblichen  Ornamenten  bedeckt,  zu 
denen  auch  gansartige  Vögel  |in  anderen  Fällen  Rehe  u.  dgl.|  getreten  sind.  Die 
Darstellung  führt  uns  ein  groges  Leichenbegängnis  vor:  man  sieht,  die  Maler  sind 
bereits  von  dem  blogen  Ornament  zur  Darstellung  lebender  Wesen  vorgeschrit- 
ten, die  in  schematischer,  eckiger  Stilisierung  einförmig  wie  Ornamente  behan- 
delt werden.  Auf  dem  zweispännigen  Leichenwagen  liegt  der  Tote,  davor  und 
dahinter  erscheinen  mit  klagenden  Gebärden  Männer,  Weiber  und  Kinder,  unten 
erblickt  man  auf  Kriegswagen  einen  Zug  bewaffneter  Männer,  die  das  weitere 
Gefolge  bilden.  Andere  Bilder  dieser  Kunst  wieder  zeigen  uns  Landschlachten. 
Kämpfe  und  Abenteuer  zur  See.  Allen  ist  dieselbe  primitive  Perspektive  eigen. 
Den  Malern  ist  es  unmöglich,  die  Tiefe  des  Raumes  wiederzugeben.  Horizontale 
Flächen,  wie  die  Bahre  oder  die  Böden  der  Kriegswagen,  werden  in  voller  Gröge 
und  Ausdehnung  so  gezeichnet,  dag  sie  nach  dem  Beschauer  hin  aufgeklappt  er- 
scheinen. Figuren  und  Gegenstände,  die  sich  im  Räume  hintereinander  befinden, 
werden,  wie  die  Ruderer  der  Schiffsbilder,  übereiiinndergestellt  und  die  Körper 
so  gedreht,  dag  die  Brust  in  voller  Vorderansicht  sichtbar  wird.  Die  gri>gon  Ge- 
fäge,  die  bis  zu  2  m  hoch  sind,  zeigen  uns  die  geometrische  Malerei  auf  dorn  er- 
reichbaren Höhepunkt.  Rein  technisch  betrachtet  sind  sie  höchst  achtungswerte 

6*  83 


Leistungen,  wie  denn  überhaupt  die  technische  Veranlagung  dieser  Periode  weit 
über  der  dekorativen  steht:  für  die  kleineren  Gefäße  ist  die  Mannigfaltigkeit  der 
Formen  höchst  bemerkenswert.  Aber  der  künstlerische  Schmuck  hält  nicht  glei- 
chen Schritt.  Der  einheitlichen  Verzierung  großer  Flächen  sind  die  Maler  nicht 
gewachsen,  sie  zerlegen  diese  in  beharrlichem  Festhalten  an  streng  systemati- 
scher Einteilung  in  Streifen  und  gewinnen  so  den  Raum  für  ihre  friesartigen 
Kompositionen,  in  denen  sie  erzählen,  was  sie  auf  dem  Herzen  haben.  Dieses  Be- 
dürfnis, etwas  Wirkliches  zu  erzählen,  hat  das  Gefühl  für  die  künstlerische  De- 
koration unterdrückt  und  beengt,  und  aus  dieser  Beengung  hat  sich  bei  ihrer 
sonst  glänzenden  Entwicklung  die  griechische,  wenigstens  die  attische  Keramik, 
Jahrhunderte  hindurch  nicht  befreien  können.  D 

Bis  um  das  Jahr  700  v.  Chr.  hat  man  in  dieser  Weise  gemalt  und  wir  können 
noch  wahrnehmen,  wie  diese  Keramik,  die  einer  Entwicklung  kaum  fähig  erschien, 
im  Sande  zu  verlaufen  drohte.  Da  erwuchsen  ihr  von  außen  neue  Anregungen. 
Nicht  als  ob  die  Technik  und  die  Formen  sich  verändert  hätten,  auch  die  Grup- 
pierung des  Gesamtschmuckes  blieb  bestehen,  aber  in  die  Ornamentik  drang  ein 
andererGeist  ein.  Eine  neueFormensprache  machte  sich  geltend,  die  geradlinigen 
Muster  verschwanden  mehr  und  mehr  und  machten  fremdartigen  Ornamenten  Platz, 
die  an  die  verschollene  mykenische Kunst  anknüpfen  und  der  orientalischenKunst 
nahestehen.  Ein  Blick  auf  Abb.  67  lehrt  das  deutlich.  Da  stehen  neben  den  alten 
geometrischen  Männern,  Vögeln,  Rehen  und  Zickzacklinien  Palmetten  und  ranken- 
artige Gebilde.  Löwen  und  Fabeltiere  treten  auf  anderen  Gefäßen  auf.  Das  sind 
nicht  eigene  Erfindungen,  sondern  Anlehnungen  an  fremde  Vorbilder  und  woher 
diese  kamen,  ist  unschwer  zu  sagen:  die  mykenische  Ornamentik,  dieauf  demFest- 
lande  allmählich  abgestorben  war,  hatte  sich  im  östlichen  Teile  der  griechischen 
Welt  weiter  ausgebildet  und  war,  unter  Verschmelzung  mit  Elementen  der  orien- 
talischen Kunst,  an  verschiedenen  Stellen  verschieden  verändert  und  umgestaltet 
worden.  Die  große  Kulturströmung,  die  das  Epos  nach  Griechenland  hinüber- 
brachte, hatte  auch  die  neue  Formensprache  mitgeführt  und  der  Ornamentik  neue 
Lebenskraft  zugetragen;  es  dauerte  nur  kurze  Zeit,  so  erwachte  das  Interesse  an 
epischen  und  mythologischen  Darstellungen,  die  nun  immer  mehr  um  sich  griffen. 
Zu  den  neuen  Ornamentgebilden  gehört  die  Verbindung  der  Palmette  mit  der  Lotos- 
blüte, die  Reihen  laufender  oder  weidender  Tiere,  zu  den  technischen  Errungen- 
schaften dieser  neuenPeriode  des  FRÜHATTISCHEN  STILES  die  Sitte,  dielnnen- 
zeichnung  mit  dem  spitzen  Stichel  zu  ritzen,  sowie  die  Verbesserung  der  Firnis- 
farbe, die  immer  mehr  einen  schönen  schwarzen,  lackartigen  Glanz  erhielt.  Eines 
der  ältesten  Beispiele  mit  mythologischer  Szene  bietet  die  sog.  Nessosamphora 
[Abb.  69J.  Wie  eine  Erinnerung  an  die  vorangegangenen  Zeiten  muten  die  ein- 
gestreuten Ornamente  an,  die  der  Maler  noch  nicht  entbehren  zu  können  glaubte, 
aber  ein  ganz  anderer,  kräftiger  und  frischer  Zug  geht  durch  diese  Malerei:  welch 
komplizierte  Szene  zu  schildern  hat  der  Maler  den  Mut  gehabt,  mit  welcher  Begeiste- 
rung sucht  er  der  wuchtigen  Bewegung  und  Gegenbewegung  zwischen  Herakles 
und  dem  Kentauren  Nessos  Herr  zu  werden  und  das  Ganze  zu  einem  Gesamt- 
bilde zu  vereinigen!  D 

84 


KRATER 

D    D    D 


GLOCKEN- 
KRATER D 


ROTFIGURIGE 
AMPHORA     D 


ROTFIGURIGE 
HYDRIA   D   D 


D    PREIS- 
AMPHORA 


ROTFIGURIGE 
LUTROPHOROS 


n     PREIS- 
AMPHORA 


SCHWARZFIGURIGE 
LUTROPHOROS  D  D 


a      NIEDRIGE 
TRINKSCHALF 


KLEINMEISTER- 

SCMAI.K      □      n 


■^K 


GRIhXHISCHK  TONÜKFASSE 
IN    IHREN    HAITTFORMEN 


Kaum  reicher  an  künstlerischer  Begabung,  aber  merklich  reicher  an  mythologi- 
schem Wissen  sind  die  Meister  des  klassischen  Beispiels  der  älteren  SCHWARZ- 
FIGURIGEN  MALEREI,  der  berühmten  in  Etrurien  gefundenen  Frangoisvase, 
KLITIAS  und  ERGOTIMOS,  die  ihre  Namen  auf  dem  Gefäg  verewigt  haben  [um 
580  v.Chr.].  Wie  aus  einem  breitblättrigenKelch wächst  dasGefäg  empor  und  dehnt 
sich  mächtig  aus  um  sich  am  Halse  wieder  zusammenzuschließen;  zwei  kräftige 
Henkel  führen  die  Linie  des  Körpers  fort  und  lehnen  sich,  über  der  Mündung  ein- 
biegend, an  diese  an.  In  der  alten  Streifenanordnung  sind  die  schönsten  Geschich- 
ten der  Götter-  und  Heldensage  in  größter  Sorgfalt  der  Zeichnung  erzählt,  als 
HauptszenederZugderGötter  zurHochzeitvonPeleusundThetis  [Abb.68J.  Diesen 
Malern  kam  es  weniger  auf  die  Komposition  an,  als  auf  die  äußerste  Sauberkeit 
und  die  größte  Genauigkeit  im  Detail,  und  diese  Gesichtspunkte  sind  auch  für  die 
übrigen  gleichzeitigen  Maler  und  für  die  der  Folgezeit  maßgebend  gewesen. 

Von  diesen  hochbedeutenden  Anfängen  aus  erreicht  die  schwarzf  igurige  Malerei 
sehr  schnell  ihren  Höhepunkt.  Die  Streifenanordnung  verliert  sich  und  die  Dar- 
stellung beschränkt  sich  im  wesentlichen  je  nach  der  Form  des  Gefäßes  auf  ein 
oder  zwei  größere  Bilder.  Als  schwarze  Silhouetten  heben  sich  die  Figuren  von 
dem  warmroten  Grunde  des  feingeschlämmten  Tones  ab,  alle  auf  gleicher  Grund- 
linie, alle  in  Profildarstellung.  Mit  brillanter  Sicherheit  ist  die  Innenzeichnung  ein- 
geritzt, oft  so  fein,  daß  keine  mechanische  Wiedergabe  eine  deutliche  Vorstellung 
von  dem  Original  erwecken  kann.  Mann  und  Frau  werden  so  unterschieden,  daß 
die  Frauen  mit  weißer  Farbe  über  den  schwarzen  Firnis  gemalt  werden  —  auch 
ihr  Auge  erscheint  schmaler  und  gestreckter  als  das  voll  und  feurig  blickende 
Auge  des  Mannes.  Mit  dunkelem  Deckrot  sind  Einzelheiten  der  Tracht,  auch  Bart 
und  Haar  der  Männer  auf  den  Firnis  aufgesetzt.  □ 

AMPHORA  [großes  Vorratsgefäß],  HYDRIA  [dreihenkelige  Wasserkanne |, 
TRINKSCHALE  und  SKYPHOS  [tiefer,  tassenartiger  Trinkbecher  ]  sind  die  beliebte- 
sten Gefäße  dieser  Zeit.  Wer  denaltertümlichenBildern  zunächst  keinrechtes  Ver- 
ständnis entgegenzubringen  vermag,  wird  jedenfalls  den  wundervoll  klaren,  metall- 
mäßigen Aufbau  der  Gefäße  sofort  würdigen  können.  Die  Linien  sind  von  einer 
erstaunlichen  Schlichtheit  und  Sicherheit,  die  Formen  der  Gefäße  aus  ihrer  Be- 
stimmung wie  mit  Notwendigkeit  hervorgegangen.  So  hob  man  die  Hydria,  wenn 
siegefüllt  auf  demBodenunter  derQuellestand,  an  denSeitonlionkelnempor.beim 
Gießenbediente  man  sich  desHaupthenkels.  In  breitemStrahl  floß  das  Wasser  her- 
aus, beschleunigt  durch  das  Übergewicht  des  oberen  Gefäßtoiles.  Aber  dieF'ormen 
sind  nicht  beständig,  vielmehr  ist  zu  bemerken,  wie  die  Töpfer  dauernd  an  den  Kon- 
turen modeln  und  arbeiten;  eine  Amphora  vom  Jahre  580  v.Chr.  sieht  ganz  anders 
aus  als  eine,  die  20  Jahre  jünger  ist.  Bald  ist  der  Töpfer  zugleich  auch  Maler,  bald 
arbeiten  sich  Töpfer  und  Maler  getreulich  in  die  Hände.  Das  zeigen  die  Gefäßin- 
schriften,die  uns  eine  große  Anzahl  der  in  der  Keramik  führenden  Persönlichkeiten 
kennen  gelehrt  haben.  Exckias  und  Amasis  hießen  die  bedeutendsten  Kunsttöpfer 
um  die  Mitte  des  sechsten  Jahrhunderts;  von  ihnen  besitzen  wir  liauptsäehlicli 
Amphoren.  Tleson  und  sein  Vater  Nearchos,  Hernu)genes  u.  a.  zeichneten  sich 
in  zierlichen  Schalen  auf  hohem  Fuß  aus;  einer  der  fruchtbarsten  Meister  war 

85 


.^^fehJ^ 


Abb.  66  u.  67:  Geometrisches  Gefäg  aus  Athen,  sogenanntes  Dipylongefäg,  und  sogenannte  frühattische 
D  Vase  um  650  v.  Chr.  D 

Nikosthenes,  von  dem  wir  noch  über  100  Arbeiten  besitzen.  Die  attische  Ware  war 
damals  hochgeschätzt,  wenn  sie  auch  noch  nicht  allein  den  Markt  beherrschte  wie 
später.  Viele  tausend  Vasen  gingen  nachEtrurien,  wo  sie  vermutlich  besonders  gut 
bezahlt  wurden.  Bis  ins  Innere  Kleinasiens  ging  der  Absatz.  Selbst  in  Gordion,  der 
phrygischen  Hauptstadt,  wurde  vor  kurzem  eine  Schale  von  der  Hand  des  Klitias 
und  Ergotimos  gefunden,  derselben  Künstler,  die  die  köstliche  Franpoisvase  ge- 
macht hatten.  D 
Die  Taten  der  Götter  undHeroen,  die  Stoffe  der  epischen  Dichtung,  verewigten 
dieMaler  mit  besonderer  Vorliebe  auf  ihren  Gefäßen,  die  so  für  uns  eine  unschätz- 
bare Ergänzung  der  verlorengegangenen  literarischen  Überlieferung  werden.  Wie 
Athena  aus  dem  Haupt  des  Zeus  entspringt,  schildern  sie  mit  demselben  naiven 
Glauben,  wie  später  die  Meister  der  Frührenaissance  die  Geburt  der  Eva;  von  den 
Taten  des  Herakles  erzählen  sie  mit  sichtbarem  Behagen  in  unzähligen  Wieder- 
holungen, wie  Paris  seinUrteil  über  dieGöttinnen  abgeben  soll,  dieHermes  heran- 
führt, wie  Theseus  mit  dem  Minotauros  ringt,  wie  Peleus  Thetis  bezwingt,  wie  der 
wilde  kalydonische  Eber  erlegt  wird,  wie  Dionysos  schmaust  und  seine  lustige 
Umgebung  sich  unnütz  macht;  alles  das  und  vieles  andere  sind  beliebte  Vorwürfe, 
die  meist  in  traditionellemSchema  wiedergegeben  werden  und  nach  der  Begabung 
der  Meister  besser  oder  schlechter  ausfallen.  Aber  die  Maler  hatten  auch  ein 
offenes  Auge  für  die  sie  umgebende  Wirklichkeit.  Hier  werden  wir  auf  den  Markt 

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geführt  und  sehen,  wie  sich  beim  Öleinkauf  Verkäufer  und  Kunde,  der  sich,  ge- 
wig nicht  mit  Unrecht,  als  übervorteilt  betrachtet,  mit  echt  südlichem  Tempera- 
ment zanken,  dort  werden  Oliven  geerntet  oder  schon  zu  Ol  gepreßt,  hier  werfen 
wir  einen  Blick  in  ein  Badehaus,  wo  sich  junge  Mädchen  waschen  und  putzen, 
dort  sitzen  ein  paar  Nichtstuer  in  der  Sonne  und  jubeln,  wie  sie  die  Schwalbe 
sehen,  die  ihnen  den  nahen  Frühling  verkündet.  Auch  die  öffentlichen  Spiele  und 
die  großen  Feste  boten  den  Vasenmalern  reiche  Anregung.  Die  Volksposse,  die 
an  gewissen  Festen  im  sechsten  Jahrhundert  v.  Chr.  eine  große  Rolle  spielte  und 
die  Vorläuferin  der  großen  szenischenAufführungen  war,  hat  ihre  Spuren  in  wert- 
vollen Bildern  hinterlassen.  Zu  dem  großen  Panathenäenfeste  wurden  eigene 
Gefäße  hergestellt,  die  Preisamphoren,  in  denen  den  Siegern  das  Ol  übergeben 
wurde.  Sie  schildern,  neben  der  typisch  wiederkehrenden  Athena,  Szenen  aus 
den  Kämpfen,  die  das  Festprogramm  enthalten  mußte.  Wie  die  Preisamphoren, 
wurden  auch  zahlreiche  andere  Gefäße  zu  ganz  besonderem  Gebrauche  hergestellt, 
so  die  Lutrophoren,  hohe,  im  Verlauf  der  Entwicklung  immer  schlanker  werdende 
Amphoren,  die  in  der  älteren  Zeit  ausschließlich  mit  der  Schilderung  der  Toten- 
klage geschmückt  waren,  während  später  Hochzeitsdarstellungen  gebräuchlich 
wurden:  es  sind  das  Gefäße,  die  man  im  Leben  gebrauchte,  um  für  die  Braut  vor 
der  Vermählung  das  Brautbad  einzuholen  und  die  man  unverheiratet  Gestorbenen 
auf  das  Grab  stellte.  DieLekythos,  die  später  als  Grabgefäß  eine  reiche  und  eigen- 
artige Blüte  erlebte,  war  in  dieser  Zeit  noch  das  Ölgefäß  des  täglichen  Lebens. 

Die  Träger  des  Kunsthandwerks  waren  in  Athen  während  der  Blütezeit  vor- 
zugsweise die  Metöken,  d.h.  die  unter  athenischem  Scluitz  stehenden  zugewander- 
ten Fremden.  Ihre  soziale  Stellung  war,  wie  die  der  Handwerker  überhaupt,  eine 
niedrige.  Denn  nach  attischer  Anschauung  haftete  dem  Handwerker  der  Charakter 
des  Unfreien  an,  weil  er  auf  Bezalilung  angewiesen  war  und  seine  Kxistenz  von 
den  Bestellungen  anderer  abhing.  Neben  den  Metöken  waren  die  Sklaven  tätig, 
nicht  in  eigenen  Betrieben,  sondern  in  den  von  vornehmen  Kapitalisten  angelegten 
Fabriken,  wo  sie  unter  der  Aufsicht  saclikundiger  Werkmeister,  die  in  der  Kegel 
selbst  Sklaven  waren,  ihre  Arbeit  verrichteten.  Auch  freie  athenische  Bürger  er- 
warben sich  ihren  Lebensunterhalt  durch  das  Handwerk,  namentlich  in  älterer  Zeit, 

87 


doch  werden  die  meisten  der  uns  bekannten  attischen  Vasenmaler  den  Metöken 
zuzurechnen  sein.  Die  Einrichtung  der  grogenFabriken  kennen  wir  besonders  aus 
der  späteren,  römischen  Zeit.  D 

D  D 

Um  den  vollen  Umfang  der  künstlerischen  Bestrebungen  zu  ermessen,  die  im 
siebenten  und  sechsten  Jahrhundert  v.  Chr.  im  Bereiche  des  ägäischen  Meeres 
herrschten,  ist  es  erforderlich,  auch  auf  die  den  attischen  Vasen  gleichzeitigen 
keramischen  ERZEUGNISSE  ANDERER  KUNSTSTÄTTEN  einen  Blick  zu  werfen. 
Man  bemerkt,  wie  diese  —  böotische,  melische,  korinthische,  protokorinthische, 
chalkidische,  kyrenäische  und  viele  andere  —  von  gleichen  oder  ähnlichen  An- 
fängen ausgehend,  doch  von  einander  recht  verschiedene  und  sehr  eigenartige 
Entwicklungen  durchlaufen.  Hier  sehen  es  die  Maler  mehr  auf  die  Schilderung 
eines  Vorganges  ab,  ohne  sich  um  die  Form  des  Gefäges  und  den  Raum  zu  küm- 
mern, dort  herrschen  mehr  dekorative  Neigungen  vor,  sodag  das  Ornament  die 
Darstellung  überwiegt.  Noch  andere  wählen  zwar  die  Darstellung  aus  mensch- 
lichem Kreise,  aber  die  Figuren  werden  in  wohlabgewogenen  Stellungen  zu  Grup- 
pen komponiert  und  sind  mehr  Ornamente  in  menschlicher  Form  als  handelnde 
Personen.  Endlich  kennen  wir  auch  solche,  die  das  Höchste  der  Kunst  im  Realis- 
mus sehen,  die  Schranken  der  überlieferten  Stilisierung  bewußt  durchbrechen  und 
mit  voller  Freiheit  und  Rücksichtslosigkeit  ihr  Ziel  zu  erreichen  suchen.  Man  kann 
als  ganz  allgemeinen  Grundsatz  aufstellen:  je  näher  dem  Osten,  um  so  stärker  ist 
die  Lust  an  künstlerischer  Dekoration,  je  weiter  nach  Westen,  die  am  Erzählen. 
Wie  im  Kunstgewerbe  des  Mittelalters  und  der  Neuzeit,  so  haben  auch  hier  ein- 
zelne Kunststätten  ihre  Spezialformen.  Die  Spezialität  der  rhodischen,  jetzt  mi- 
lesisch  genannten  Keramik  sind  Teller  und  Kannen,  die  der  kyrenäischen  tiefe 
Schalen  auf  hohem  Fug.  Die  eine  Kunststätteistuns  nur  durch  Hydrien  bekannt, 
eine  andere  durch  kleine  Ölgef  äße  usw.  Ein  ungemein  lebendiges  Bild  bietet  diese 
Keramik  des  siebenten  und  sechsten  Jahrhunderts  neben  der  attischen  dar.  Noch 
ist  es  nicht  gelungen,  sämtliche  Gruppen  zu  sondern  und  ihrem  Ursprungsorte 
zuzuweisen,  aber  in  immer  klarerenUmrissen  treten  sie  aus  der  Masse  hervor  und 
es  zeigt  sich  dabei,  dag  nicht  jede  Keramik  ein  Sonderleben  führte,  sondern  dag 
durch  Import  Anregungen  ausgetauscht  und  verwertet,  Stoffe  und  Ornamente  über- 
nommen und  umgestaltet  wurden.  Nur  einzelne  Beispiele  können  aus  der  Fülle  des 
Stoffes  hierfür  angeführt  werden.  D 

In  der  Zeit  geometrischer  Malerei  schlössen  sich  die  böotischen  Vasenmaler 
an  Attika  an,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dag  sie  die  Oberfläche  des  Tones  wegen 
seiner  Unreinheit  mit  hellem  Überzuge  versahen.  Als  nun  die  fremden  Ornamente 
eindrangen,  schieden  sich  attische  und  böotische  Ware  streng  von  einander;  offen- 
bar stand  damals  Böotien  unter  einem  anderen  Einflüsse  als  Attika.  Schüsseln  auf 
hohemFuge  und  flache,  zum  Aufhängen  bestimmte  Gefäge  zeigen  klar  und  deutlich 
einen  auf  das  rein  Ornamentale  ausgehenden  Sinn.  In  der  Folgezeit  verkümmert 
dieKeramikBöotiens  in  unselbständiger  Nachahmung  fremder  Muster,  um  erst  im 
vierten  Jahrhundert  eine  neue  kurze  Nachblüte  zu  erleben.  Aus  Melos  kennen  wir 
Gefäge,  die  den  frühattischen  nahe  stehen.  D 

88 


Der  Gegensatz  zweier  Kunststätten  in  der  künstlerischen  Auffassung  des 
Schmuckes  lägt  sich  kaum  deutlicher  zeigen  als  durch Gegenüberstellungkyrenä- 
ischer  und  milesischer  Erzeugnisse  [Abb.  71  und  72].  Das  Innenbild  der  kyrenä- 
ischen  Schale  mit  den  abgeschnittenen  Gruppen  rechts  und  links  verrät  einen 
auffallenden  Mangel  an  dekorativem  Gefühl  darin,  dag  die  Darstellung  auf  den 
Bildraum  keine  Rücksicht  nimmt.  Es  ist  als  ob  der  Maler  eine  längere  friesartige 
Komposition  vor  sich  gehabt  und  dann  so  viel  Figuren,  als  er  in  das  Rund  setzen 
konnte,  angebracht  und  das  übrige  einfach  weggelassen  hätte.  Diese  Eigenschaft 
mangelhaften  Raumgefühls  teilen  mehr  oder  weniger  alle  kyrenäischen  Schalen, 
und  selbst  das  berühmteste  und  vielgepriesene  Werk  der  Gattung,  die  Arkesilas- 
schale,  macht  darin  keine  Ausnahme.  Dagegen  bemerkt  man  an  den  milesischen 
Kannen  undTellern,  wiedieFreude  am  Ornament  überwiegt,  wie  der  auf  denRaum 
hin  sorgfältig  angeordnete  Schmuck  in  seiner  Gesamterscheinung  einem  feinen 
bunten  Teppich  gleicht.  Selbst  wenn  hier  eine  mythologische  Szene  erscheint,  ist 
sie  nicht  Selbstzweck,  sondern  sie  verschwindet  unter  der  Fülle  zierlicher  Orna- 
mentik in  der  gefäUigen  Wirkung  des  Ganzen.  Die  Beschauer  der  attischen  und 
kyrenäischen  Vasen  sollen  sich  an  den  Heldentaten  der  Heroen  erfreuen  —  solche 
Gesichtspunkte  liegen  der  milesischen  Kunst  fern.  ü 

Die  Erzeugnisse  der  korinthischen  Keramik  waren  im  Altertum  berühmt.  Von 
der  geometrischen  Kunst  ausgegangen,  ergreift  sie  die  Anregungen  der  östlichen 
Kunst  mit  größter  Leidenschaft  und  schwelgt  in  der  fremden  Ornamentik  und 
der  Darstellung  von  Fabelwesen  und  Ungetümen;  eigenartige  Kannen,  kleine  01- 
gefäße  [AlabastraJ  und  tiefe  Tassen  werden  mit  Vorliebe  fabriziert.  Immer  mehr 
aber  lenkt  später  auch  hier  die  Töpferei  in  die  Bahnen  attischer  Keramik  ein  und 
bevorzugt  erzählende  Darstellungen,  für  die  besonders  gern  große,  weit  offene 
Gefäße  mit  genügender  Bildfläche  [die  sog.  Amphoren  a  colonnette]  verwendet 
werden.  —  D 

Für  die  Eigenart  dekorativer  JONISCHER  KUNST  bieten  die  großen  bemalten 
TONSARKOPHAGE  ausKlazomenä  sehr  lehrreiche  Beispiele.  Nur  scheinbar  wer- 
den hier  wirkliche  Kämpfe  geschildert,  in  Wahrheit  sind  es  von  einem  Mittelpunkt 
gleichmäßig  nach  beiden  Seiten  hin  wie  Ornamente  angeordnete,  genau  entspre- 
chende, kämpfende  Figuren,  die  einen  bestimmten  Vorgang  gar  nicht  darstellen 
sollen,  sondern  nur  dekorativen  Zweck  haben.  Daher  sind  auoli  die  erklärenden 
Beischriften  weggelassen,  wie  sie  diefür  das  Gegenständliche  interessierte  attische 
Malerei  bei  besseren  Arbeiten  kaum  fehlen  läßt.  Auch  die  anderen  Darstellungen 
dieser  Sarkophage  —  besonders  schön  ist  eine  Anzahl  von  Tierbildern  sind  nach 
denselben  Gesichtspunkten  gruppiert.  Für  die  Technik  ist  wichtig,  daß  sich  die 
Malerei  nicht  darauf  beschränkt,  die  Figuren  schwarz  auf  hellen  Grund  zu  setzen, 
sondern,  daß  sich  auch,  allerdings  nicht  bei  den  älteren  Stücken.  Beispiele  für  die 
umgekehrte  Malweise  finden,  so  daß  sich  die  Figuren  hell  vom  schwarzen  Grunde 
lösen.  Auch  bloße  Umrißzeichnung  auf  hellem  Grunde  ist  mit  den  beiden  anderen 
Malweisen  auf  einem  Sarkophage  vereint  |  Abb.  73 1.  D 

Ganz  für  sich  stehen  die  sog.  CAKRHTANKR  IIVDRIKN  da,  vielleicht  die  be- 
deutendsten Schöpfungen  altertümlicher  Kleiumalerei.  Wo  sie  gefertigt  sind,  ist 

89 


Abb.  69  u.  70:  Nessosvase,  Ausschnitt  aus  der  Abwickelung,  und  Sclierbe  eines  lOtfigurigen 
D  Gefäges  in  unvollendetem  Zustande  D 

noch  nicht  sicher  ausgemacht.  Vieles  spricht  fürSamos  alsFabrikationsort;  in  der 
Zeichnung  der  Pferde  wird  man  an  die  eben  berührten  Sarkophage  erinnert;  jeden- 
falls ist  Jonien  ihre  Heimat.  Während  alle  übrigen  etwa  gleichzeitigen  schwarz- 
figurigen  Vasen  bei  aller  Verschiedenheit  im  einzelnen,  in  der  Gesamtauffassung 
derStoffe  und  derZeichnung  doch  manche  gemeinsame  Züge  haben,  sondern  sich 
diese  Hydrien  auf  den  ersten  Blick  von  den  übrigen  ab.  Sie  haben  etwas  unmittel- 
bar Persönliches  und  erscheinen,  obwohl  sie  es  gewig  nicht  sind,  wie  die  Äugerun- 
gen eines  einzigen  kraftvollen  Talents,  eines  Malers,  der  die  mythologischen  Stoffe 
nicht  nur  ganz  anders  auffaßte,  als  seine  im  Stil  der  Zeit  arbeitenden  Genossen, 
sondern  seiner  Auffassung  durch  wuchtigen,  unter  Umständen  ins  bewußt  Humo- 
ristische übergehendenRealismus  nachdrücklich  Ausdruck  zu  verschaffen  wußte. 
Leider  erlaubt  uns  derRaum  nur  eines  dieser  Bilder  wiederzugeben  [Abb.  74],  den 
Herakles,  wie  er  bei  dem  ägyptischen  König  Busiris,  statt  selbst  umgebracht  zu 
werden,  mit  dem  schwachen  ägyptischen  Gesindel  aufräumt,  deren  sechs  er  zu 
gleicher  Zeit  erwürgt,  den  mächtigen  Helden,  der  auch  die  Leibwache  echter  Mohren 
nicht  zu  scheuen  braucht,  die  von  der  anderen  Seite  heranstürmt.  D 

In  der  zweiten  Hälfte  des  sechsten  Jahrhunderts  übernahm  ATTIKA  die  füh- 
rende Rolle  in  der  Keramik  zugleich  mit  der  Einführung  einer  neuen  Malweise: 
während  früher  die  Figuren  schwarz  auf  dem  Tongrund  standen,  wurde  jetzt  der 
Tongrund  für  die  Figuren  freigelassen  und  die  Innenzeichnung  statt  durch  Ritzung 
mit  feinen  schwarzenFirnisstrichenvorgenommen.  Wie  die  klazomenischen  Sarko- 
phage lehren,  war  diese  Technik  schon  in  Jonien  ausgebildet  gewesen  und  ist  von 
dort  nach  Attika  übernommen.  DieseZeit  —  es  ist  die  Zeit  des  Tyrannen  Pisistratos 
und  seiner  Söhne  —  war  eine  der  glänzendsten  Athens  und  die  gesamte  Kultur 
stand  damals  unter  dem  Einfluß  der  Jonier.  Jonische  Poesie  blühte  an  dem  Hof  des 
Pisistratos,  man  trug  jonische  Tracht,  fremde  Künstler  von  den  Inseln  Joniens  ar- 
beiteten in  Attika  und  brachten  der  Plastik  neue  Anregungen,  jonische  Geräte  wur- 
den im  Haushalte  üblich  und  verdrängten  den  älteren  einfachen  Hausrat,  der  Luxus 
steigerte  sich  —  und  dieser  Zeit  genügten  die  alten  Silhouettenbilder  nicht  mehr. 
Man  brauchte  für  die  neuen  künstlerischen  Anregungen  neue  Ausdrucksmittel. 
Wenn  auch  die  ROTFIGURIGE  TECHNIK  nichts  eigentlich  Neues  war,  so  ist  doch 
die  Erkenntnis,  daß  die  ältere  Malweise  nicht  genügte  für  das,  was  man  auszudrücken 
wünschte  und  vermochte,  als  eine  schöpferische  Tat  der  Athener  zu  bezeichnen, 

90 


Abb.  71  u.  72:  Innenbild  einer  kyrenäischen  Sehale  und  khodische  Kanne 


die  gewig  auf  entsprechende  Vorgänge  in  der  voraneilenden  grogen  Malerei  zurück- 
zuführen ist.  Mit  derEinführung  dieserMalereibegann  eine  neueBlüteinderschon 
zur  Erstarrung  neigenden  Vasenfabrikation.  Zahlreiche  Einzelbeobachtungen  ge- 
statten uns  noch,  den  Herstellungsprozeg  dieser  Vasen  genau  zu  verfolgen.  Er  ist 
besonders  deutlich  an  der  Abb.  70  wiedergegebenen  Scherbe  —  einem  schon  im 
Altertum  nicht  fertig  ausgeführten  Stücke  —  zu  beobachten.  Auf  dem  noch  un- 
gebrannten Gefäg  wurden  mit  einem  spitzen  Stäbchen  zunächst  die  Figuren  mit 
kühnen,  sicheren  Strichen  eingedrückt.  DieseVorzeichnungen,  die  man  noch  häufig 
an  den  fertigen  Gefäßen  wahrnimmt  |vgl.  die  Tafel],  haben  durch  ihre  skizzen- 
hafte Ausführung  einenbesonderenReiz;  diepenibleDurcharbeitung,  die  nun  folg- 
te, tilgte  vieles  von  der  Frische  wieder  aus.  Auf  die  Vorzeichnung,  die  besonders 
zum  Zweck  richtiger  Verteilung  der  Figuren  auf  der  Bildfläche  diente  und  die  da- 
her oft  verändert  wurde,  folgte  eine  definitive  Festlegung  der  Konturen  mit  Linien 
in  einer  dünnen  Firnislösung.  Um  diese  Linien  wurde  dann  ein  breiter  Firnisstreifen 
gezogen;  er  sollte  das  Hineinfahren  mit  dem  Pinsel  beim  Grundieren  verhüten.  Als 
letzte  Abgrenzung  gegen  die  Bildfläche  wurde  endlich  eine  scharfe  glänzende  Re- 
lieflinie aufgesetzt.  Diesen  Zustand  zeigt  die  abgebildete  Scherbe,  in  der  auch  be- 
reits die  Innenzeichnung  vorgenommen  ist.  Hier  brauchte  also  nur  schwarz  grun- 
diert zu  werden.  Die  Gefäße  wurden  mehrfach  gebrannt,  das  zeigt  schon  die  Scherbe, 
die,  obwohl  noch  unfertig,  doch  bereits  dieFestigkeit  des  fertigen Gcfäßcsbesitzt. 
Dawo  derGrund  über  denbreitenFirnisstreifensichlegt,  crkenntmanaufilonsorg- 
fältig  gearbeiteten  Vasen  stets  zwei  Firnislagen  übereinander,  ein  Zeichen,  daß 
stets  der  letzten  Grundierung  noch  ein  Brand  vorherging.  Mit  welchem  Instrument 
die  Maler  die  oft  erstaunlich  feinen  relicfartig  sich  erhebenden  Innenlinien  her- 
stellten, ist  noch  strittig.  Während  manche  Forscher  sich  für  eine  s])itzeVogelf  oder 
entscheiden,  glauben  andere,  daß  Borsten  zum  Zeichnen  verwendet  worden  seien. 
Wir  pflegen  die  erste  Periode  der  neuen  Malweise  nach  der  noch  altertümlich 
strengen  Zeichnung  als  STRKNGRGTFIGURIGK  NL\LKREI  zu  bezeichnen.  In  den 
Formen  der  Gefäße  geht  allmählich  eine  starke  \'eränderung  vor  sich,  ebenso  wie 

91 


ö  Abb.  73:  Teil  eines  Sarkophages  aus  Klazomenä  D 

in  der  Auswahl.  Ganz  neue  Formen  treten  auf  oder  kommen  in  Mode  wie  der 
STAMNOS,  ein  größeres  Vorratsgefäg,  in  seinem  Körper  mit  zwei  seitlichen  Hen- 
keln der  Hydria  ähnlich,  aber  mit  niedrigerer,  weiterer  Halsöffnung,  oder  wie  der 
PSYKTER,  ein  Kühlgefäg,  bestimmt  in  den  Weinkrater  gestellt  zu  werden,  das  in 
der  älteren  Töpferei  nur  sehr  vereinzelt,  jetzt  aber  häufig  vorkommt,  um  dann  am 
Ende  derPeriode  wieder  zu  verschwinden.  Die  aus  der  älteren  Zeitübernommenen 
Gefäße  bekommen  immer  deutlicher  tonmägigen  Charakter,  wie  ihn  das  Material 
und  die  Herstellung  auf  der  Töpferscheibe  von  selbst  an  die  Hand  gibt,  während 
die  straffere  metallmägige  Linie  in  den  Hintergrund  tritt.  Das  Hauptinteresse  wurde 
im  Beginn  der  neuen  Periode  der  TRINKSCHALE  zugewendet,  für  die  das  denk- 
bar vollkommenste  Ebenmaß  gefunden  wurde,  über  das  hinaus  eine  Steigerung 
nicht  mehr  möglich  war.  In  den  Trinkschalen,  die  bei  den  großen  Gelagen  die 
wichtigste  Rolle  spielten  und  die  sich  in  denHänden  der  vornehmsten  Athener  be- 
fanden und  gewiß  tüchtig  bezahlt  wurden,  feierte  die  strengrotfigurige  Malerei 
ihre  höchsten  Triumphe.  Auch  der  Kreis  der  Darstellungen  veränderte  sich,  frei- 
lich ganz  allmählich.  Die  mythologischen  Stoffe,  die  in  der  älteren  Zeit  besonders 
fesselten,  werden  langsam  zurückgedrängt,  Szenen  des  täglichen  Lebens  treten 
an  ihre  Stelle.  Festliche  Trinkgelage,  bei  denen  die  mannigfachen  Vergnügungen 
dergoldenenJugend,  ihre  nächtlichentollenAufzüge  und  verschiedentlichen  Sporte 
bis  zu  den  gewagtesten  Situationen  nicht  vergessen  sind,  sowie  Szenen  der  Pa- 
lästra  sind  mit  Vorliebe  dargestellt.  D 

Wir  kennen  aus  der  Zeit  der  strengrotfigurigen  Malerei  eine  größere  Anzahl 
von  Malern,  die  ihre  Namen  auf  die  Gefäße  setzten,  als  aus  der  älteren  Periode, 
ein  Zeichen  sowohl  dafür,  daß  sich  das  Standesbewußtsein  der  Töpfer  gehoben 
hatte,  wie  gewiß  auch  dafür,  daß  das  Publikum  den  kunstgewerblichen  Erzeug- 
nissen des  einzelnenMalersgroßesInteresse  entgegenbrachte.  An  derSpitze  steht 
als  der  älteste  Andokides,  der  noch  in  der  älteren  Malerei  groß  geworden  war,  aber 

92 


O  Abb.  74:  Bild  einer  sogenannten  Cäretaner  Hydria  D 

mit  voller  Überzeugung  zu  der  neuen  überging.  Als  habe  er  seinen  Kollegen  die 
Vorzüge  der  neuen  Malerei  recht  eindringlich  vor  Augen  führen  wollen,  vereinigte 
ermehrfachbeideMalweisenauf  ein  und  demselben Gefäg.  DannfolgenPamphaios, 
Epiktetos,  Kachrylion  und  der  größten  einer,  die  sich  dem  Kunstgewerbe,  speziell 
der  Töpferei,  widmeten,  EUPHRONIOS.  Von  ihm  besitzen  wir  eine  ganze  Reihe 
von  Werken,  die  es  ermöglichen,  nicht  nur  seine  Eigenart  kennen  zu  lernen,  son- 
dern sogar  seinen  künstlerischen  Entwicklungsgang  zu  verfolgen.  Er  arbeitete 
noch  in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  des  sechsten  Jahrhunderts  und  war  auch  im 
neuen  bis  in  die  Zeit  derPerserkriege  tätig.  So  geistvoll  wieEuphronios  hat  kaum 
einer  die  überkommenen  Typen  umgebildet  und  der  Kunst  neue  Wege  gewiesen. 
So  grandios  und  gewaltig  wie  er,  konnte  keiner  den  Kampf  des  Herakles  und  des 
Riesen  Antaios  schildern,  so  zart  und  poetisch  keiner  die  Geschichte  voniTheseus, 
der  auf  den  Händen  eines  Tritons  auf  den  Grund  des  Meeres  hinabgeglitten  ist  und 
vor  Amphitrite  erscheint  |  Abb.  77 1.  Jünger  als  Euphronios  und  nach  ihm  die  be- 
kanntesten sind  Brygos,  Duris  und  Hieron.  Die  Schalen  des  BRYGOS  |  denn  daf;  er 
der  Maler  selbst  war,  ist  wahrscheinlich,  obwohl  er  sich  nicht  ausdrücklich  als  Maler, 
sondern  als  Töpfer  nennt]  sind  ebenso  wie  die  des  Euphronios  in  Zeichnung  und 
Komposition  sehr  persönlich.  Mit  den  wenigen  Mitteln,  die  dem  Zeichner  geboten 
waren,  hat  er  trefflich  zu  charakterisieren  gewuljt.  Seine  Figuren  zeichnen  sich 
in  der  Gesamtbewegung  durch  Feuer  und  Lebendigkeit,  im  einzelnen  durch  gri)(->te 
Sorgfalt  und  eine  vollendete  Behandlung  der  Muskulatur  aus  |s.  Tafel  |.  Durch  häufi- 
gesAnwenden  der  verdünnten  Firnisfarbe,  auch  des  sonst  nicht  mehr  üblichonRot 
und  Weif^  der  älteren  Malerei,  drängt  er  auf  eine  buntfarbige  Wirkung  hin.  Ge- 
ringer begabt  war  DURIS,  nüchterner  und  schwungloser  als  Brygos,  aber  in  seinen 
Darstellungen  übersichtlicher.  Selten  drängen  und  überschneiden  sich  seine  Fi- 
guren. Wieder  anders  stellt  sich  HIKRON  dar,  als  ein  Meister  von  leidenschaft- 
lichem Temperament,  kraftvoll  und  frisch  in  seinen  Erfindungen;  seine  Figuren 

WS 


lebendig  im  Ausdruck,  aber  weniger  sorgfältig  in  der  Zeichnung  als  die  des  Duris 
oder  Brygos.  n 

Neben  diesen  Künstlern  erscheinen  andere  nicht  minder  bedeutende  Meister, 
alle  in  unablässigem  Streben  bemüht,  die  Stoffe  in  gefälliger  Form  den  schwieri- 
genBemalungsflächen,  wie  deminnenrund  der  Schale  und  ihren  bewegtenAugen- 
flächen  anzupassen,  alle  in  regstem  Wettbewerb  um  die  Meisterschaft  und  in 
diesem  Wettbewerb  nicht  immer  ganz  vorwurfsfrei  —  wie  denn  der  Maler  Euthy- 
mides  dem  größeren  Euphronios,  gewig  ohne  Erfolg,  zu  schaden  suchte,  indem  er 
auf  eine  seiner  Amphoren  die  anspruchsvollen  Worte  setzte  'Euthymides  hat  mich 
gemalt,  so  wie  nie  Euphronios'.  Diese  Vasenmalereien  geben  uns  von  der  großen 
älteren  attischen  Malerei  fast  allein  eine  Vorstellung;  nicht  als  ob  wir  in  ihnen 
wirkliche  Kopien  von  Bildern  der  großen  Malerei  besäßen,  sondern  wir  verfolgen 
in  ihnen  den  Niederschlag  der  Fortschritte,  die  sie  machte,  und  die  die  Vasenmaler 
selbständig  in  ihren  Schöpfungen  verwerteten.  Innerhalb  der  kurzen  Spanne  Zeit, 
die  die  strengrotfigurige  Malerei  umfaßt,  können  wir  solche  Fortschritte  mannig- 
fach beobachten.  Noch  haftet  allen  strengrotfigurigen  Vasen  die  reizvolle  Herbig- 
keit  des  Altertümlichen  an,  noch  stehen  die  Figuren  alle  auf  derselben  Grundlinie 
und  sind  alle  ins  Profil  gestellt;  aber  man  bemerkt  eine  Entwicklung  überall,  z.  B. 
in  der  Augenbildung,  die  von  der  Facestellung  auf  die  Profilstellung  hinstrebt. 
oder  in  der  Behandlung  der  Gewänder  im  Verhältnis  zum  Körper,  Freilich,  wie 
sich  dasGewand  unter  derBewegung  desKörpersverschiebt  und  wie  das  Gewand 
zum  Ausdrucksmittel  für  die  Bewegung  werden  kann,  das  haben  diese  Meister 
noch  nicht  erfaßt.  Statt  dessen  zeichnen  sie  den  Kontur  des  Körpers  in  die  Ge- 
wandung hinein,  ebenso  wie  die  Plastiker  dieser  Zeit  den  Körper  in  das  Gewand 
hineinmodellieren,  ohne  daß  dessen  Regelmäßigkeit  dadurch  verschoben  würde. 

Die  auf  die  strengrotfigurige  folgende  ENTWICKELTE  ROTFIGURIGE  MA- 
LEREI wird  gewöhnlich  als  'Malerei  des  schönen  Stils'  bezeichnet  und  in  zwei  Pe- 
rioden eingeteilt,  deren  ältere  sich  etwa  durch  dieDaten480 — 450v.  Chr.  umschrei- 
ben läßt,  ohne  daß  damit  eine  genaue  Grenze  gegeben  wäre.  Der  neue  kräftige 
Zug,  der  bald  nach  den  Perserkriegen  sehr  augenfällig  in  die  Vasenmalerei  eindrang, 
ist  nicht  ohne  starke  äußere  Anregungen  erklärbar.  Es  ist  erkannt  worden,  daß 
diese  von  der  monumentalen  Kunst  des  größten  Malers  des  5.  Jahrhunderts,  des 
Thasiers  Polygnotos  und  seines  Genossen,  des  Atheners  Mikon,  ausgingen.  Von 
den  Werken  dieser  beiden  Maler,  deren  viele  die  öffentlichen  Gebäude  in  Athen 
schmückten,  lassen  sich  sogar  noch  Kopien  unter  den  Vasenbildern  nachweisen 
und  vermutlich  sind  weit  mehr  dieser  Bilder  von  der  großen  Malerei  abhängig,  als 
wir  bis  jetzt  behaupten  dürfen.  Daß  eine  neue  Zeit  angebrochen  ist,  bekundet  sich, 
ähnlich  wie  bei  der  strengrotfigurigen  Malerei  gegenüber  der  schwarzfigurigen. 
auch  in  denF'ormen.  Besonders  charakteristisch  ist,  daß  die  Trinkschale  nicht  mehr, 
wie  früher,  im  Vordergrund  steht,  sondern  andere  Gefäßgattungen  ihr  den  Rang 
streitig  machen.  Dazu  gehören  vor  allem  große  Kratere.  kelchförmige  und  mehr 
amphorenartige,  wie  dieFrangoisvase,  die  schon  in  ältererZeitvorkamen,  die  aber 
jetzt  neue,  flüssigere  und  schlankere  Konturen  erhielten.  Gerade  der  Krater  bot 
mit  seiner  hohen  Wandung  für  großfigurige  Bilder,  die  jetzt  Mode  wurden,  die  ge- 

94 


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eignete  Fläche  dar.  Zu  den  üblichen  Krateren  trat  als  neue  Form  der  Glocken- 
krater, zuerstverhältnismägig  schwerfällig,  dann  immer  eleganter  und  feiner  wer- 
dend. Beliebt  wurde  in  dieser  Zeit  anscheinend  wieder  der  Skyphos.  D 

Unmittelbar  unter  dem  Eindruck  der  großen  Malerei  des  Polygnot  [ca.  460 
v.Chr.]  steht  neben  einigen  Schalen  und  Stamnoi  eine  Anzahl  groger  Kratere,  von 
deren  einem  wir  hier  einen  Ausschnitt  wiedergeben  [Abb.  76].  Dargestellt  ist  ein 
Kampf  zwischen  Griechen  und  Amazonen.  Die  Art,  wie  hier  mit  wenigen  großen 
Figuren  der  Raum  gefüllt  ist,  wie  die  Figuren  sich  mehrfach  überschneiden  und 
dadurch  eine  malerische  Tiefenwirkung  angestrebtwird,  dasinteresse  an  der  Ver- 
kürzung, die  Grogartigkeit  der  Auffassung,  dazu  die  Belebung  des  Bodens  durch 
Speere,  Köcher,  Helme,  wie  wir  sie  auf  einem  anderen,  gleichzeitigenBilde  finden, 
alles  das  deutet  unwiderleglich  auf  ein  malerisches  Vorbild  hin.  Die  Altertümlich- 
keit des  strengen  Stiles  ist  überwunden,  wie  ein  Blick  auf  die  Bewegung  der  Fi- 
guren, die  Körperbildung  z.B.  an  denAugen,  die  Behandlung  desGewandes  zeigt. 
Wir  wissen  aus  den  Beschreibungen  der  Polygnotischen  Gemälde,  dag  die  Figuren 
hier  nicht  auf  gleicher  Bodenlinie  standen,  sondern  dag  der  Meister  seine  Figuren 
gern  wie  an  Abhängen  über  einander  gruppierte.  Diese  Eigenschaft  teilen  die  ge- 
nannten Vasen  zumeist  noch  nicht,  die  Maler  stecken  noch  zu  sehr  in  der  alten 
Tradition.  Nur  einer  von  ihnen  hat  eine  Darstellung  der  Argonauten  und  der  Nio- 
biden  mit  der  bewegten  Anordnung  der  Figuren  in  hügeligem  Terrain  zu  malen 
gewagt.  Die  nachweisbare  Kopie  eines  polygnotischen  Gemäldes,  wenn  auch  nicht 
ganz  ohne  eigene  Zutaten  und  abgekürzt,  ist  uns  auf  einem  Skyphos  in  Berlin  erhal- 
ten, der,  auf  beide  Seiten  verteilt,  die  Darstellung  des  Freier  mordenden  Odysseus 
trägt  |um  450v.Chr.|.  Auf  der  einenSeitestehtOdysseus,  denBogenzumSchug an- 
legend, hinter  ihm,  in  angstvoller  Erwartung,  zwei  der  ungetreuen  Mägde  [Abb.78|; 
auf  der  andern  erblickt  man  die  Freier,  den  einen,  wie  er  im  Rücken  zu  Tode  ge- 
troffen, aufspringend  nach  der  Wunde  greift,  eine  kühne  und  komplizierte  Ansicht 
des  Körpers,  den  andern,  wie  er  sich  mit  dem  Tisch  zu  decken  sucht,  den  dritten, 
wie  er  sein  Gewand  zum  Schutz  vorstreckt  und  um  Gnade  zu  flehen  scheint  [s.S.  44 1. 
Zahlreiche  Reliefs,  am  bedeutendsten  das  von  Gjölbaschi-Trysa  in  Lykien,  zeigen 
so  nahe  Übereinstimmungen  mit  dem  Vasenbild,  dag  man  mit  Recht  auf  ein  Bild  des 
Polygnot  als  Vorlage  schliegen  mugte,  der  eben  diese  Szene  im  Tempel  der  Athena 
Areia  in  Platää  gemalt  hatte.  In  dieser  Periode  der  Vasenmalerei  haben  die  Maler 
nur  selten  ihre  Namen  auf  die  Gefäge  gesetzt.  D 

Die  zweite  Periode  der  entwickelten  Malerei]  von  ca.  45Ü  bis  420  v.Chr.  [hat  eben- 
so wie  die  erste  vortreffliche  Leistungen  aufzuweisen,  namentlich  in  ihrer  früheren 
Zeit,  die  sich  unmittelbar  an  die  ältere  aiischliegt.  Mit  zum  Grogartigsten,  was  in 
freier  schöner  Zeichnung  geleistet  ist,  gehört  ein  Stamnos  in  Neapel  |  Abb.  7i)|.  In 
der  Mitte  steht  das  Idol  des  Dionysos,  nach  altem  Brauch  wie  ein  Pfahl  gestaltet, 
mit  einer  bärtigen  Maske  und  mit  Kleidern  behangen,  vor  ihm  ein  Tisch  mit  Früch- 
ten und  Gefägen,  rings  herum  Mänadeii.  Während  die  eine  ruhig  aus  dem  Gefäge 
schöpft,  erscheinen  die  anderen  drei  im  Gegensatz  /.u  ilii-  von  stürmischer  Leiden- 
schaft ergriffen.  Diese  Erregung  teilt  sich  dem  Kcirper  von  den  Zehen  bis  in  die 
Fingerspitzen  nüt  und  lägt  Bewegungen  von  wundervollem  Reiz  entstehen.  Gleich 

95 


n  Abb.  75 :  Ausschnitt  von  einer  Schale  des  Euphronios :  Köpfe  des  Herakles  und  Antäos  D 

bedeutsam  ist  das  Werk  eines  Malers,  etwa  aus  dem  Jahre  440  v.  Chr.,  der  die  Be- 
zauberung des  Talos  mit  gewaltiger  Kraft  zu  schildern  wußte.  Neben  diesen  letz- 
ten großen  Schöpfungen  setzt  jetzt  bestimmter  eine  neueRichtung  ein.derwir  ent- 
zückende Leistungen  verdanken.  Neben  größeren  kommen  besonders  kleine  zier- 
liche Gefäße,  sogenannte  Aryballoi,  Kännchen  undBüchsen  mehr  in  Aufnahme  und 
mit  den  zierlichen  Formen  zugleich  ein  auf  das  Anmutige  gerichteter  Stil  der 
Zeichnung.  Auch  die  Stoffe  der  Darstellungen  verändern  sich  wiederum:  auf  den 
großen  Vasen  sind  es  häufig  dramatische  Szenen,  wie  sie  durch  das  gleichzeitige 
attische  Drama  verbreitet  wurden,  hier  Szenen  des  täglichen  Lebens,  besonders 
des  Frauenlebens,  oft  stimmungsvolle  Situationsbilder  und  von  mythologischen 
Stoffen  solche, in  denen  essichumLiebe  handelt,  Aphrodite  mitEroten, Parisurteil, 
Mädchenraub  u.a.  Der  Höhepunkt  dieser  Richtung  wird  am  besten  durch  dieHydria 
des  bedeutenden  Malers  MEIDIAS  bezeichnet,  die  vielleicht  um  die  Jahre  440  bis 
430  v.  Chr.  gemalt  ist.  Hier  stellte  er  dar  [  s.  Tafel],  wie  die  jugendlichen  Dios- 
kuren  sich  ihre  reizendenBräute,  dieTöchter  desLeukippos  rauben.  'DerKünstler 
schwelgt  geradezu  wie  in  einem  Meer  von  Schönheit  und  Anmut,  und  was  er  verherr- 
licht, ist  Jugend  und  Liebreiz,  ist  Liebe  und  Wonne,  und  seine  Gestalten  sind  mit 
jeder  Bewegung,  bei  allem  Ernste  der  Situation,  wie  getaucht  in  ein  Bad  schwung- 
voller Schönheit  und  Grazie.'  Man  bemerkt  bei  diesen  späten  Gefäßen  eine  eigen- 
artige, vermutlich  durch  die  entwickelte  große  Malerei  angeregte  Behandlung  der 
Gewänder,  die  in  zahllose  Fältchen  zerlegt  sind  und  sich  wie  durchsichtig  um  die 
Körperformen  legen.  Reicher  Schmuck  spielt  eine  Hauptrolle  in  diesen  Darstellun- 

96 


VON  DI-.R  ILIUPERSISSCHALE  DES  VORZEICHNUKG  EINER 

BRYGOS:    ZERSTÖRUNG    TROJAS  ROTFIGURIGEN  MALERE[ 


HYDRIA  DES  MEIDIAS  MIT  DKM  RAUBE  DER 

LEUKIPPOSTÖCHTER  DURCH  DIE  DlOSKl'REN 

•  ABWICKELUNG  • 


^ä 


AI  ri^-'Ciii-; 
gefässp: 


Abb.  76:  Krater  mit  Amazonenschlacht  aus  Bologna.  Ausschnitt  aus  der  Abwickelun 


gen  und  zur  Erhöhung  der  Zierlichkeit  des  Eindrucks  wird,  wie  schon  gelegentlich 
bei  älteren  Gefäßen,  Gold  reichlich  aufgesetzt.  In  der  Darstellung  des  Menschen 
wird  die  schöne  Pose  besonders  bevorzugt,  das  Gesicht  wird  mit  grosser  Vorliebe 
in  das  Dreiviertelprofil  gestellt.  Die  gemeinsame  Bodenlinie  ist  nicht  mehr  die 
allein  übliche,  sondern  die  Vorgänge  spielen  sich  gern  in  bewegter  Landschaft  ab, 
in  der  die  Figuren  malerisch  über  die  ganze  Bildfläche  verteilt  werden  können.  D 

Der  Glanz  der  attischen  Vasenmalerei  erlischt  mit  dem  ausgehenden  fünften 
Jahrhundert,  Es  sind  auch  später  noch  Vasen  bemalt  worden  und  es  sind  uns  na- 
mentlich aus  Südrußland  attische  Vasen  erhalten,  die  anscheinend  dem  vierten  Jahr- 
hundert angehören.  Aber  die  Frische  und  Kraft  der  älteren  Zeit  besitzen  diese 
durchaus  nicht  mehr.  Die  Vasenmalerei  hat  sich  in  Attika,  nachdem  sie  im  fünften 
Jahrhundert  eine  erstaunlich  rasche  Entwicklung  durchgemacht  hatte,  überlebt, 
und  in  der  Keramik  traten  andere  Formen  und  anderer  Schmuck  auf,  der  mit  der 
Malerei  nichts  mehr  zu  tun  hat.  Dagegen  ist  im  Anschluß  an  die  attische  Malerei  in 
den  griechischen  Kolonien  Untcritalicns  eine  neue  Vasenmalerei  emporgeblüht, 
die  sehr  bedeutende  Leistungen  aufzuweisen  hat.  Bevor  wir  auf  diese  sowie  die 
spätere  griechische  und  römische  einen  flüchtigen  Blick  werfen,  haben  wir  noch 
der  bereits  erwähnten  attischen  Lekythos  zu  gedenken,  eines  Gefäßes,  das  seine 
ganz  besondere  Geschichte  hat.  D 

Die  LEKYTHOS  ist  ein  Gefäß,  das  ursprünglich  zinn  Einkauf  und. Aufbewahren 
des  täglichen  Ülvorrats  diente,  und  gehört  als  solches  zu  den  unscheinbarsten 

7  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  97 


D       Abb.  77:  Theseusschale  des  Euphronios  Abb.  78:  Attisrher  Sk,\|ihiis  mit  Freiermord     n 

Gegenständen  antiker  Topfware.  Seiner  Bestimmung  als  Olgelälj  ist  die  Form  an- 
gepaßt. Der  eigentliche  Gefägkörper,  in  der  Zeit  der  schwarzfigurigen  Malerei 
leicht  gewölbt,  später  immer  gradliniger  gebildet,  steigt  schlank  auf,  um  sodann  in 
scharfer  Kante  zumHalse  umzubiegen,  der  eng  und  lang  ist,  so  dag  das  Ol  langsam 
herausfliegt;  ein  breiter  Mündungsrand,  der  in  der  späteren  Zeit  immer  höher  und 
charakteristischer  wird,  schließt  nach  oben  das  Gefäß  ab.  Massenhafte  Lekythen 
des  sechsten  und  fünften  Jahrhunderts  sind  uns  erhalten,  die  sich  in  der  Art  der 
Bemalung  von  den  übrigen  Vasen  ebensowenig  unterscheiden,  wie  in  den  Stoffen 
der  Darstellung.  Im  Anfange  des  fünften  Jahrhunderts  beginnt  die  sepulchrale 
Bedeutung  der  Lekythen  sehr  bestimmt  hervorzutreten  und  von  da  ab  gewinnt 
ihre  Bestimmung  als  Grabgefäße  immer  mehr  an  Boden.  Die  Lekythen  werden 
jetzt  mit  Ausnahme  des  Fußes  und  der  Mündung  mit  weißem  Ton  überzogen  und 
auf  diesen  wird,  zuerst  noch  mit  schwarzem  Firnis,  später  mit  bunten  Farben  ge- 
malt. Wie  die  Gefäße  zu  Grabvasen  wurden,  ist  leicht  zu  erklären.  Nachdem  dem 
Toten  von  derHand  des  nächsten  Verwandten  Auge  undMund  geschlossen  waren, 
wurde  er  von  den  Frauen  der  Verwandten  und  Angehörigen  gewaschen  und  ge- 
salbt. Die  Lekythen,  die  die  duftenden  Öle  enthielten,  mit  denen  man  dem  ge- 
liebten Toten  den  letzten  Liebesdienst  erwiesen  hatte,  gab  man  ihm  mit  in  das 
Grab.  Aber  nicht  nur  im  Grabe  finden  sich  diese  Gefäße,  sondern  man  pflegte  sie, 
ähnlich  unseren  Kränzen,  auch  auf  die  Stufen  des  Grabdenkmals  zu  stellen,  bei 
seiner  Aufrichtung  und  gewiß  auch  bei  Erinnerungsfeiern,  die  dem  Toten  galten. 
Dem  Gebrauche  entsprechend  sind  die  Darstellungen  ausgewählt.  Hier  ist  es 
Charon,  der  Totenfährmann,  der  die  von  Hermes  geleiteten  Toten  im  Nachen 
über  den  Acheron  fährt,  während  kleine  Seelchen  hin  und  wieder  flattern,  dort 
wird  von  liebenden  Händen  das  Grab  mit  Binden  geschmückt,  bald  liegt  der  Tote 
auf  der  Bahre  und  wird  von  den  Seinen  betrauert,  bald  sehen  wir  ein  Bild  innigen 
Familienlebens,  das  durch  den  Tod  gestört  ist:  eine  Fülle  von  wehmütiger  Poesie 
und  zarter  Empfindung  ist  in  den  anspruchslosen  Bildchen  ausgedrückt,  die  zu 
dem  schönsten  gehören,  was  uns  die  attische  Kleinkunst  hinterlassen  hat  |  Abb.80|. 

98 


gjSJiriiiiiiiiliil  iii  1 1 '"'','[''] ",' 'TTTTTTnrniTr^Tgyy^^ 


n  Abb.  79:  Vom  Stamnos  zu  Neapel:  Dionysosherme  und  Mänaden  D 

Die  buntfarbige  Malerei  ist  aber  nicht  auf  die  Lekythen  beschränkt.  Aus  der 
Zeit  der  strengrotfigurigen  Malerei  ist  uns  eine  Anzahl  bedeutender  Schalen  mit 
bunten  Figuren  auf  weigern  Grunde  erhalten;  zu  derselben  Zeit  und  später  finden 
wir  kleine  Salbfläschchen  und  Büchsen  aller  Art  in  dieser  Technik,  auch  andere 
Formen  treten  vereinzelt  auf.  Mit  Recht  ist  angenommen  worden,  daf;  die  Malereien 
der  Lekythen  und  der  Schalen  durch  die  buntfarbige  Marmormalerei  angeregt 
sind  und  so  gewinnen  diese  Gefälle  auch  insofern  einen  besonderen  Wert,  als  sie 
uns  von  derFarbenwirkung  undFarbenbehandlung  derverlorenen  grollen  Malerei 
wenigstens  eine  entfernte  Vorstellung  vermitteln.  So  zeigt  uns  eine  Lekythos  in 
den  Königlichen  Museen  zu  Berlin  aus  der  Zeit  um  etwa  440  zum  ersten  Male  deut- 
lich die  Angabe  des  Schattens  und  gibt  so  für  die  Entwicklung  der  Malerei  einen 
wichtigen  Fingerzeig.  D 

Die  UNTERITALISCHEN  VASENMALER  haben,  wie  schon  erwähnt,  das  Erbe 
der  attischen  Vasenmalerei  angetreten.  Schon  um  die  Jahre  440  430  v.  Chr.  fin- 
den wir  in  Unteritalicn  einheimische  Gefälle,  die  den  gleichzeitigen  attischen  in 
Form,  Dekoration  und  Komposition  so  ähnlich  sind,  dati  sie  sich  schwer  von  ihnen 
unterscheiden  lassen.  Sie  sind  entstanden  im  engsten  Anschlul3  an  die  attische 
Importware,  die  möglicherweise  von  der  im  Jahre  444  gegründeten  attischen  Ko- 
lonie Thurioi  nach  dem  Hinterland  vermittelt  wurde.  Am  Ende  des  Jahrhunderts, 
als  die  Athener  infolge  ihres  kriegerischen  Unglücks  ihr  Absatzgebiet  im  Westen 
verloren  hatten,  bildete  sich  jedoch  eine  ganz  selbständige  Vasenfabrikation  aus. 
deren  Zentrum  Tarent  war,  während  in  zweiter  Linie  dii^  'hikanische'  Kunststätte 
steht,  vielleicht  mitPoseidonia  |Pästum|  als  Mittelpunkt.  In  tienTarentiner  Pracht- 
amphoren, grof^en  bauchigen  Gefäf^en  mit  weitei'  Mündung  wie  die  Kratere  und 
wundervoll  geschwungenen  Voluteiihenkeln,  bewundei'ii  wir  die  Hauptleistungen 
gro(^griechischer  Vasenfabrikation.  I"-s  sind  Gefäfie  von  gewaltigen  Dimensionen, 
technische  Leistungen  ersten  Ranges  und  von  vollendeter  dekorativer  Wirkung, 
prächtig  im  besten  Sinne  des  Worts  |  Abb.  81 1.  Neben  ihnen  sind  andere  schlanke 
Amphoren  beliebt  und  Formen  wie  mächtige  Kratert\  holie,  schlanke  Gefäf^e  mit 


99 


langen,  fast  überkünstlich  geform- 
ten Henkeln,  Kannen  und  Teller. 
Die  Figuren  stehen  frei  im  Räume 
oder  sind,  wie  gewöhnlich  beiden 
Amphoren  in  drei,  nicht  streng 
geschiedenen  Reihen  übereinan- 
der angeordnet.  In  Bewegung  und 
Ausdruck  zeigen  sie  ein  gestei- 
gertes Pathos,  das  überhaupt  den 
Grundzug  dieser  Malereien  bildet. 
Die  Stoffe  der  Darstellungen  sind 
oft  hochdramatisch  und  abhängig 
von  der  attischen  Bühne,  beson- 
ders, wie  es  scheint,  von  den  Tra- 
gödien des  Euripides,  daneben 
aber  wirkten  auch  die  einheimisch 
Tarentinischen  Possenspiele  auf 
die  Malerei  ein.  Unter  ihrem  Ein- 
druck stehen  zahlreiche  Bilder 
mit  lustigen  komödienhaften  Sze- 
nen. Sehr  häufig  sind  endlich,  ent- 
sprechend derVerwendung  dieser 
Gefäße  zum  Schmuck  der  Grab- 
kammern, große  Bilder  mit  Sze- 
nen aus  der  Unterwelt  auf  der  Vor- 
derseite, und  auf  der  Rückseite 
Darstellungen  des  Gräberkultus 
mit  dem  Grabbau  in  der  Mitte.  Mit 
den  figürlichen  Darstellungen  ist 
in  reichem  Mage  das  Ornament 
verbunden  und  gerade  im  rein  Or- 
namentalen spricht  sich  die  dekorative  Richtung  dieser  Kunst  ebenso  deutlich  aus, 
wie  in  den  Formen  der  Gefäße.  In  diesen  Ornamenten  herrscht  der  Naturalismus 
vor,  der  dadurch  erhöht  wird,  daß  durch  geschicktes  Abschattieren  in  verschiede- 
nen Tönen  stark  plastische  Wirkungen  angestrebt  werden.  Unter  den  einfacheren 
Tonarbeiten  sind  besonders  die  großen,  wenig  beachteten  Fischteller  hervorzu- 
heben, deren  Oberseiten  mit  allen  möglichen  Sorten  von  Fischen  bemalt  sind.  In 
diesen  mit  erstaunlicher  Lebenswahrheit  gezeichneten  Fischen  offenbart  sich  die 
nicht  geringe  Begabung  der  Tarentiner  Maler  vielleicht  mit  am  glänzendsten.  Unter 
den  lukanischen  Malern  war  Assteas,  der  seine  Signatur  mehrfach  seinen  Arbeiten 
beigesetzt  hat,  eine  der  führenden  Persönlichkeiten,  ein  Mann  von  großer  Leiden- 
schaft in  der  Ausdrucksweise  und  bedeutendem  Können.  Neben  ihm  stand  sein 
Genosse  Python,  der  in  seinen  Malereien  besonders  auf  großen  P'arbenreichtum 
Wert  legte.  Die  große  Masse  dieser  besseren  Gefäße  gehört  dem  vierten  Jahr- 

100 


Abb.  80:  Lekythos 


hundert  v.  Chr.  an,  aber  die  Ma- 
lerei erstreckte  sich  vermutlich 
noch  weit  in  das  dritte  Jahrhun- 
dert hinein.  □ 
Die  Entwicklung  der  Keramik  in 
Griechenland  in  den  letzten  Jahr- 
hunderten V.  Chr.  im  geschicht- 
lichen Zusammenhang  darzustel- 
len, ist  vorläufig  noch  nicht  mög- 
lich. Wir  pflegen  diese  Zeit  vom 
Ende  des  vierten  vorchristlichen 
Jahrhunderts  an,  als  die  Diado- 
chen,  die  Nachfolger  Alexanders 
des  Großen  in  Syrien,  Kleinasien, 
Ägypten  eigene  blühende  Reiche 
gründeten,  bis  zum  Untergange 
der  griechischenFreiheit  durch  die 
Eroberungen  der  Römer,  als  die 
Zeit  des  Hellenismus  zu  bezeich- 
nen. Unsere  Kenntnis  der  Keramik 
beschränkt  sich  im  wesentlichen 
auf  eine  Anzahl  von  Gruppen,  von 
denen  hierdiewichtigstenhervor- 
gehoben  werden  sollen.  Für  die 
HELLENISTISCHE  KERAMIK  ist 
am  bezeichnendsten  das  Zurück- 
treten der  Bemalung  gegenüber 
dem  Relief  schmuck.  Darin  macht 
sich  der  Einfluß  der  Metallindu- 
strie geltend,  die  in  dieser  Zeit 

eine  große  Bedeutung  gehabt  hat.  □  Abb. 8i :  la.entin.r  i'nu-hturefat-;  d 

In  den  Formen  noch  ganz  in  der  Tradition  der  älteren  Keramik  bewegt  sich  eine 
Reihe  schwarz  gefirnißter  Hydrien,  Amphoren,  Kratere  und  anderer  Gefäße  des 
vierten  Jahrhunderts  v.Chr.,  dei-enKih-per  mit  plastischen,  mctallartig  wirkenden 
Riefelungen  versehen  ist.  Die  Gefäße  zeigen  in  der  tadellosen  Führung  der  Kon- 
turen, in  der  schön  bewegten  Oberfläche,  in  dem  glänzenden  Firnis,  vor  allem  aber 
in  dem  besonderen  Schmuck  leichter  goldener  Zieraten,  die  ketten- oder  girlanden- 
artig wie  zufällig  um  den  Hals  der  Gefäße  gelegt  sind,  einen  hohen  Grail  künst- 
lerischen Feingefühls.  Zwar  sind  diese  Gefäße  Nachahmungen  metallener  Vorbil- 
der, aber  sie  dürfen  dabei  den  Anspruch  selbständiger  keramischer  Leistimgen 
erheben.  Das  kann  man  nicht  von  den  übrigen  Gattungen  sagen.  Kntweder  sind  es 
unscheinbare  Gefäße  mit  schwarzem  Überzug  und  leicht  eingepreßten  Verzierun- 
gen, wie  sie  in  der  ganzen  griechischen  Welt  verbreitet  sind  |4.  3.  Jhdt.|,  oder 
solche  mit  plastisch  aufgesetzten,  zuweilen  vergoldeten  Zieraten  |3.  Jlult.|,  oder 

101 


in  Anlehnung  an  ältere  Vorbilder,  mit  weigern  Überzug  und  gelbrot  aufgemalten 
einfachen  Mustern  [3.  Jhdt.J.  Besonders  wichtig  für  unsere  Kenntnis  der  gleichzeiti- 
gen Metallindustrie  sind  diesog.MegarischenBecher  |3.bis  2.  Jhdt.|,  schwarze  oder 
grauschwarze  halbkugelförmige  Gefäge,  zuweilen  von  hoher  Schönheit  in  der  Deko- 
ration. Girlanden  aller  Art,  bakchische  Embleme  undbildlicheDarstellungen  inRe- 
lief bilden  ihren  Schmuck.  Die  gegenständlich  bedeutendsten  sind  die  sog.  Home- 
rischenBecher,  zumeist  inBöotien  gefunden,  wichtig  durchdieReichhaltigkeit  der 
vielfach  unbekannten  Epen  entnommenen  Darstellungen  und  dadurch  eine  wert- 
volle Ergänzung  der  spärlichen  literarischen  Überlieferung.  Diese  Becher  sind 
unmittelbar  nach  dem  Metallvorbild  in  Ton  übertragen.  D 

Aus  diesen  und  anderen  Elementen  heraus  entstand  die  römische  SIGILLAT  A- 
WARE,  jene  glänzend  roten,  reliefgeschmückten  Becher,  Schalen,  Teller  und  Schüs- 
seln, deren  Hauptfabrikationsort  das  alteAretium  war;  Gefäße  von  groger  Vollen- 
dung in  der  technischen  Herstellung  |Abb.82|.  Sie  sind,  obwohl  schonfrühernach- 
weisbar,  die  beliebteste  Ware  der  römischen  Kaiserzeit  und  an  sie  knüpfen  die  in 
den  römischen  Provinzen  gefertigten  roten  Reliefgefäge  an,  in  denen  die  antike 
Keramik  ausklingt.  In  dem  engen  Rahmen  einer  kurzen  Übersicht  ist  es  unmöglich, 
auf  die  zahlreichen  höchst  interessanten  Erscheinungen  der  provinzialen Keramik 
näher  einzugehen.  D 

2.  ARBEITEN  IN  BRONZE  D 

Für  die  Darstellung  der  antiken  Metallindustrie  |ToreutikJ  in  geschichtlichem 
Zusammenhange  fehlt  es  an  genügendem  Material.  Während  wir  bei  den  Vasen 
langegeschlosseneReihenhaben,  müssenwir  uns  hier  mitEinzelfunden  begnügen. 
Das  gilt  namentlich  für  die  ältere  Zeit.  Erst  von  der  hellenistischen  Zeit  an  fliegen 
die  Quellen  der  monumentalen  Überlieferung  reichlicher,  besonders  durch  die 
Funde  von  Pompeji  und  Umgegend  [siehe  Tafel],  durch  die  wir  von  der  kunst- 
gewerblichen Verarbeitung  der  Bronze,  auch  des  Silbers,  die  beste  Vorstellung 
gewonnen  haben.  D 

Die  BRONZE  ist  eineMischungvonKupfer  undZinn.  Wie  schon  oben  dargelegt 
ist,  ist  das  im  Altertum  fast  durchgängig  beobachtete  Mischungsverhältnis  90: 10. 
In  denspätgriechischenBronzen  ist  der  Zinngehalt  jedoch  etwashöher  undwächst 
namentlich  in  den  hellenistischen  Bronzen  Ägyptens  bis  auf  25  Prozent.  Das  Kupfer 
lieferte  denAlten  besonders  die  Insel  Cypern,  die  dem  Metall  den  Namen  gegeben 
hat.  Schon  Homer  kennt  den  Kupferreichtum  der  Insel  und  bis  in  die  römische 
Kaiserzeithinein  hat  sich  der  cyprische  Bergbau  auf  der  Höhe  gehalten.  MitCypern 
wetteiferten  in  Spanien  die  Kupferminen  der  Provinz  Huelva  am  Rio  Tinto,  wo  seit 
alters  her  die  Karthager  und  vor  ihnen  die  Phönizier  Kupfer  abbauten ;  die  römischen 
Schriftsteller  erzählen  von  erstaunlichen  Ausbeuten,  die  dort  gewonnen  wurden. 
Gegen  diese  beiden  Hauptplätze  kommt  das  eigentliche  Griechenland  kaum  in  Be- 
tracht. Nur  fürEuböa  wird  ein  umfangreicher  Betrieb  erwähnt,  der  jedoch  zur  Zeit 
desAugustus  bereits  eingestellt  war.  Auch  inKorinth,  dessen  Erzarbeiten  berühmt 
waren,  wirdKupfer  gewonnen  worden  sein.  Das  Zinn,  bestimmt,  das  weiche  Kupfer 
zu  härten,  scheint  schon  im  frühen  Altertum  aus  England  geholt  und  auf  Handels- 
wegen in  das  Gebiet  der  Mittelmeerländer  gelangt  zu  sein.  D 

102 


Die  Alten  unterschieden  mehrere  BRONZEARTEN.  Als  älteste  war  hochberühmt 
die  delische  Bronze,  die  der  große  Bildhauer  Myron  besonders  gern  verwendet 
haben  soll,  dann  die  äginetische,  die Polyklet  bevorzugte.  Den  gröfjten  Ruhm  trug 
das  korinthische  Erz  davon,  über  dessen  Entstehung  fabelhafte  Berichte  im  Alter- 
tum im  Umlauf  waren.  Soviel  ist  sicher,  dag  die  Alten  viel  experimentiert  haben 
um  diedenkbar  schönsteMetallwirkung  zu  gewinnen;  wir  kennenBronzen,  diegar 
kein  Zinn  enthalten,  sondern  nur  aus  "/n'  Kupfer,  1,2  Gold  und  Vn»  Silber  bestehen. 

Was  den  antiken  Bronzen  für  unser  Auge  besonderen  Reiz  gibt,  ist  neben  der 
Kunstform  die  PATINA,  die  in  allen  möglichen  blaugrünen  Tönen  schimmernden 
Veränderungen  des  Metalls  an  der  Oberfläche.  Heute  wird  kaum  eine  Bronze  her- 
gestellt ohne  irgendeinen  Überzug  zu  erhalten,  der  den  Goldglanz  des  Metalls 
verhüllt.  Schon  in  der  Renaissancezeit  bevorzugte  man  die  dunkle  Abtönung  der 
Bronze,  die  durch  längeres  Liegen  des  blankpolierten  Kunstwerks  im  sog.  Form- 
sande entstand.  Solche  absichtliche  Verdunkelung  des  Goldglanzes  lag  den  Alten 
fern.  Freilich  hatten  schon  im  Altertum  bronzene  Denkmäler  häufig  eine  Patina 
angenommen  und  wir  wissen,  dag  sich  die  Kunstkenner  des  1.  und  2.  nachchrist- 
lichen Jahrhunderts  darüber  stritten,  ob  eine  Art  emailglänzender  Patina,  die  jetzt 
so  genannte  Edelpatina  —  wie  sie  beispielsweise  in  herrlicher  Schönheit  der  be- 
rühmte Wagenlenker  von  Delphi  zeigt  —  durch  Zufall  entstanden,  oder  mit  Ab- 
sicht herbeigeführt  sei.  Aber  es  lägt  sich  durch  viele  unwiderlegliche  Gründe 
beweisen,  dag  die  Alten  in  ihren  Bronzearbeiten  lediglich  eine  glänzende  Metall- 
wirkung anstrebten,  die  sie  auf  alle  mögliche  Weisen  zu  bewahren  suchten,  am 
sichersten  dadurch,  dag  sie  die  Oberfläche  vergoldeten.  Für  die  VERARBEITUNG 
DER  BRONZE  haben  die  Alten  zahlreiche  Methoden  gekannt.  Im  festen  Zustande 
wurde  das  dehnbare  Metall  besonders  durch  Treiben  in  die  beabsichtigte  Kunst- 
form übergeführt.  Die  TREIBTECHNIK  ist  uralt  und  wir  sind  ihr  schon  mehrfach 
in  unserer  Darstellung  begegnet.  Ihre  Handhabung  wird  sich  kaum  von  der  heute 
geübten  unterschieden  haben;  dagegen  ist  das  Mag  der  Verwendung  im  Vergleich 
zu  heute  ein  tausendfach  grögeres.  Unzählige  getriebene  Reliefs  zierten  ehemals 
die  täglichen  Geräte  und  Gefäge,  die  Möbel  und  die  Waffen;  unzählige  Reliefs  die 
Weihgeschenke  an  die  Götter  und  die  verfügbaren  Flächen  an  den  Götterbildern 
selbst.  Mit  einer  Nadel  wurde  auf  der  Unterseite  der  Kontur  der  Darstellung  vor- 
gezeichnet und  diese  dann  unter  häufigem  Glühen  des  Metalls  über  einem  Bleiklotz 
oder  dem  Treibpech  herausgehämmert,  dann  von  der  anderen  Seite  in  derselben 
Weise  behandelt  und  so  mehrfach  gewendet,  bis  das  Ganze  fertig  stand.  Die  Alten 
verstanden  das  geschmeidige  Metall  in  einer  Weise  zu  ziehen,  die  an  Virtuosität 
alles  Spätere  hinter  sich  zurücklägt.  Für  das  sechste  Jahrhundert  v.  Chr.  sind 
einige  aus  einem  Stück  getriebene  Greif enköpfe  aus  Olympia,  für  die  hellenistische 
Zeit  die  berühmte  Silberschale  aus  Hildesheim  mit  der  sitzenden  Athena  vielleicht 
die  bewundernswertesten  Leistungen.  ,\uch  im  Treiben  groger  Gefäg«'  waren  die 
Alten  Meister.  Gefäge  sind  noch  getrieben  worden,  als  man  längst  erfunden  hatte,  sie 
durch  (lug  herzustellen.  D 

Als  betiuenies  Hilfsmittel  bediente  man  sich  bei  ganz  düimen  Bronzeblechon 
der  Formen  und  zwar  entweiler  iler  Steinformen,  die  namentlich  y.vw  Herstellung 

103 


goldener  Zieraten  benutzt  wurden  [vergl. 
Seite  79],  aber  wohl  auch  bei  Bronze  Ver- 
wendung fanden,  indem  man  das  Metall  in 
die  Vertiefung  eindrückte,  oder  der  gegos- 
senen Metallform,  die  bei  größerer  Festig- 
keit ein  Hineinhämmern  des  Bronzeblechs 
zulieg,  so  zwar,  dag  über  das  Bronzeblech 
eine  Bleiplatte  gelegt  wurde,  auf  die  ge- 
schlagenwurde. Metallformen  sind  uns  aus 
dem  Altertum  erhalten  und  ebenso  Bronze- 
Abb.  82:  Aretinisches  Gefäg  E   bleche,  z.  B.  Gürtel  uud  Diademe,  aus  Bö- 

otien,  die  nur  in  der  Metallform  hergestellt  sein  können.  An  ihren  sich  wiederholen- 
den Ornamenten  erkennt  man  deutlich  die  Stellen,  wo  jedesmal  die  Form  wieder 
neu  angesetzt  wurde.  Gestanzte  Bleche,  d.h.  solche,  die  mit  einem  Schlage  auf  das 
bleiunterlegte  Blech  gewonnen  wurden,  kannte  das  Altertum  nicht;  auch  nicht,  wie 
angenommen  wurde,  die  Doppelstanze,  zwischen  die  das  Blech  unmittelbar  gelegt 
werden  konnte,  so  dag  das  erhabene  Relief  der  einen  das  Blech  in  das  vertiefte 
Muster  der  anderen  beim  Schlage  einpreßte.  D 

Für  den  BRONZEGUSS  kannten  die  Alten  bei  künstlerischen  Arbeiten  eigent- 
lich nur  ein  Verfahren,  nämlich  den  Gug  mittelst  verlorener  Form,  ein  Verfahren, 
das  anscheinend  schon  in  der  zweiten  Stadt  Troja  geübt  worden  ist.  Zwar  sind  in 
Troja  auch  Steinformen  gefunden  mit  Spuren  starken  Brandes,  die  den  Beweis 
liefern,  dag  in  sie  Metall  gegossen  wurde,  aber  diese  offenen  Formen  sind  nur  für 
einfachste  Gegenstände  brauchbar  gewesen;  feinere  Details  kann  man  aus  Stein 
überhaupt  nicht  mit  strengflüssigem  Metall  wie  Bronze,  Silber  oder  Gold  giegen. 
Das  Verfahren,  das  die  Alten  beim  Gug  mit  verlorener  Form  anwendeten,  bestand 
im  wesentlichen  darin,  dag  sie  zunächst  den  zu  giegenden  Gegenstand  in  Wachs 
modellierten.  Das  Modell  wurde  mitLehm  umgeben,  dem  Ziegelmehl  beigemischt 
wurde.  In  diesen  Mantel  wurde,  nachdem  er  getrocknet  war,  an  geeigneter  Stelle 
einLoch  angebracht  und  dann  das  Ganze  erhitzt,  so  dag  das  Wachs  ausflog.  Durch 
die  Öffnung,  den  Gugkanal,  wurde  das  Metall  in  die  entstandene  Höhlung  einge- 
gossen und  nötigenfalls  durch  den  Mantel  einige  kleinere  Kanäle  in  den  Hohlraum 
geführt,  unsere  Pfeifen,  die  der  Luft  beim  Einflug  des  Metalls  den  Austritt  ge- 
währten. Nach  dem  Erkalten  wurde  der  Mantel  zerschlagen  und  es  erfolgte  nun 
die  genaue  Nacharbeitung.  In  diesem  Verfahren  stellten  die  Alten  die  kleinen,  zu 
vielen  Tausenden  auf  uns  gekommenen  Statuetten  her,  ebenso  wie  ihre  bronzenen 
Geräte,  Gefäghenkel  und  Gefägfüge  mit  ihrem  besonderen  plastischen  Schmuck. 
Die  so  gewonnenen  Güsse  waren  massiv,  waren  Vollgüsse.  Schwieriger  war  der 
Hohlgug,  der  bei  Gefägen,  grogen  Statuen  und  auch  bei  einzelnen  Zieraten,  z.  B. 
inForm  von  Tierköpfen,  oder  bei  Schmuckstücken,  wieFibeln,  angewendetwurde. 
Hier  mugte  zuerst  ein  Kern  aus  Lehm  hergestellt  werden,  der  für  den  Gefäggug 
gewig  auf  der  Töpferscheibe  gedreht  wurde.  Dieser  Kern  wurde,  nachdem  er  ge- 
trocknet und  gebrannt  war,  mit  einer  Wachsschicht  umgeben,  so  starkalsnachher 
die  Wandung  in  Metall  werden  sollte.   Es  folgte  die  Umhüllung  mit  dem  Mantel. 

104 


Um  den  Kern  beim  Ausfliegen  des  Wachses  in  seiner  Lage  a 
zu  halten,  bohrte  man  von  äugen  her  zugespitzte  Metallstäb- 
chen durch  den  Mantel  bis  in  den  Kern  ein;  sie  gaben  ihm 
Halt,  auch  nachdem  das  Wachs  ausgeschmolzen  war.  Beim 
Gug  füllte  das  Metall  den  Raum  zwischen  Kern  und  Mantel; 
nach  dem  Zerschlagen  des  Mantels  kratzte  man  den  vom 
Gug  eingeschlossenen  Lehmkern  heraus  oder  lieg  ihn,  wenn 
er  nicht  zu  sehen  war,  stehen.  □ 

Das  moderne  Gugverfahren,  durch  welches  man  nach  ei- 
nem einzigen  Modell  ungezählte  Ausgüsse  gewinnen  kann, 
indem  man  über  diesem  Modell  beliebig  viele  auseinander- 
nehmbare Formen  aus  Sand  nimmt  und  diese  mit  Metall  als 
Voll-  oder  Hohlgüsse  füllt,  war  den  Alten  unbekannt.  Hätten 
sie  es  verstanden,  über  dem  ersten  Wachsmodell  eine  aus- 
einandernehmbare Form  zu  fertigen,  wie  sie  für  Figuren  und 
Gerätteile  mitUnterschneidungennötig  ist,  so  hätten  sie  diese 
Form  beliebig  oft  mit  Wachs  ausgiegen  und  für  ihr  Gugver- 
fahren soviel  Wachsmodelle,  wie  sie  brauchten,  gewinnen 
können.  Aber  solche  Teilformen  lernten  die  Alten  nicht  vor 
dem  vierten  Jahrhundert  v.  Chr.  kennen.  So  kommt  es,  dag 
von  den  bronzenen  Figuren  vor  dieser  Zeit  immer  nur  ein 
einziges  Exemplar  existieren  kann  und  zwei  komplizierte  Ge- 
rätteile sich  nie  völlig  gleichen  können:  alle  diese  Bronzen 
sind  im  besten  Sinne  Originale.  Im  vierten  Jahrhundert  be- 
gannen die  Griechen  Gipsabgüsse  zu  nehmen,  aber  sie  über- 
trugen diese  Kunst  nicht  durchgehends  auf  den  Bronzegug, 
sondern  sie  zogen  es  auch  später  noch  häufig  vor,  wenn  z.B. 
ein  Gerät  mehrere  ganz  gleiche  gegossene  Teile  als  Schmuck 
erhalten  sollte,  diese  immer  wieder  von  neuem  in  Wachs  zu 
modellieren,  anstatt  mechanisch  mit  der  Teilform  nach  dem 
ersten  Modell  so  viele  Wachsausgüsse  herzustellen,  als  sie 
brauchten.  Am  besten  wird  das  Gesagte  durch  einige  Beispiele 
klargestellt.  Wenn  man  z.  B.  die  beiden  Abb.  84  u.  85  neben- 
einandergestellten gegossenen  Widderköpfe  vergleicht,  die 
mit  zwei  anderen  einem  prächtigen  getriebenen  Bronze- 
kessel aus  Leontini  in  Sizilien  |6.  Jahrhundert  v.  Chr. |  zum 
Schmucke  dienten,  so  wird  man  auf  den  ersten  Blick  die  \'or- 
schiedenheit  der  Durchführung  bemerken:  beide  K()pfe  |uiui 
ebenso  die  beiden  andern  |  sind  durchaus  individuelle  Leistun- 
gen, im  ganzen  ähnlich  gestaltet,  aber  nicht  nach  demselben 
Modell  gegossen.  Solche  Beispiele  gibt  es  zu  Dutzenden.. Aber 
in  der  Frühzeit  sind  auch  einfachste  Bronzezieraten,  für  (lii> 
man  durch  bloges  Eindrücken  in  Ton  eine  Ilohlform  für  nioii- 
rere  Wachsausgüsse  hätte  gewinnen  können,  jeiiesmal  für 


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n  Abb.  84  u.  85:  Widderköpfe  von  einem  Bronzekessel  aus  Leontini  D 

sich  frei  mit  der  Hand  geformt  worden.  So  ergibt  z.B.  jede  genauere  Prüfung  und 
Vergleichung  antiker  Henkelösen,  die  paarweise  in  vielen  gut  erhaltenen  Exem- 
plaren auf  uns  gekommen  sind,  daß  eine  mechanische  Herstellung  hier  nicht  statt- 
gefunden hat.  Für  die  spätere  Zeit,  etwa  die  des  Augustus,  als  man  längst  Teil- 
formen kannte,  seien  die  zwei  Tigerköpfe  [Abb.  92 1  angeführt,  die  einst  als  Aus- 
güsse eines  reichverzierten  Brunnens  dienten.  Auch  hier  eine  allgemeine  Ähnlich- 
keit bei  der  größten  Verschiedenheit  im  einzelnen,  ein  Beweis,  dag  beide  Köpfe, 
und  mit  ihnen  vermutlich  noch  zahlreiche  zu  demselbenBrunnen gehörende,  selb- 
ständig modelliert  und  dann  in  Bronze  umgesetzt  sind.  Damit  ist  nicht  gesagt,  daß 
die  alten Bronzegiegereien  stets  jede  mechanischeHilfe verschmähten.  Wir  sehen 
an  manchen  gegossenen  altertümlichen  und  einfachen  Reliefs,  die  uns  in  mehreren 
Exemplaren  erhalten  sind,  daß  ihre  Wachsvorbilder  aus  einer  tönernen  oder  steiner- 
nen einteiligen  Hohlform  genommen  wurden;  wir  besitzen  auch  aus  der  helle- 
nistischen Zeit  Teilformen  aus  Stuck,  die  zur  Herstellung  von  Wachsmodellen  für 
die  Massenfabrikation  gedient  haben,  aber  es  bleibt  dabei  doch  als  charakteristische 
Eigenschaft  des  griechischen  Bronzehandwerks  bestehen,  daß  fast  jedes  bedeu- 
tendere Stück  eine  persönliche  Leistung  des  Künstlers  ist.  □ 

Zur  Verbindung  der  einzelnen  Teile  von  Geräten,  Gefäßen  und  Statuetten, 
auch  der  großen  Statuen,  die  nie  in  einem  Stück  gegossen  wurden,  diente  in  der 
klassisch-griechischenZeit  besonders  die  LÖTUNG.  Beide  Arten,  Weichlötung  mit 
Zinn  und  Hartlötung  mit  einer  Kupferlegierung,  sind  mit  großer  Sicherheit  ge- 
handhabt worden.  Henkel  und  Füße  der  Gefäße  und  Geräte  sowie  ihr  getriebener 
und  gegossener  Reliefschmuck  sind  meist  nur  weich  angelötet  und,  weil  sich  die 
Lötmasse  im  Laufe  der  Zeiten  zersetzt  hat,  nur  selten  im  ursprünglichen  Zusam- 
menhange erhalten.  Der  Umfang,  in  dem  Hartlötung  verwendet  ist,  läßt  sich  nicht 
bestimmen,  da  gewöhnlich  jede  Lötspur  unter  der  Patina  verschwunden  ist;  doch 
sind  auch  für  diese  Technik  noch  zahlreiche  Beispiele  deutlich  zu  verfolgen.       D 

Bei  dem  Guß  gleichmäßig  gerundeter  Geräte,  der  Spiegelplatten  und  Gefäße, 
war  ein  notwendiges  Werkzeug  die  Metalldrehbank,  deren  Erfindung  auf  den  Sa- 
mischen  Künstler  Theodoros  [um  600  v.  Chr.  |  zurückgeführt  wird.  Mit  ihrer  Hilfe 
konnten  die  gegossenen  Gefäße  so  dünnwandig  abgedreht  werden,  daß  sie  den 
schwieriger  herzustellenden  getriebenen  gleich  kamen.  Die  Spuren,  die  die  Dreh- 

106 


Abb.  86  u.  87:  Korinthisch-argivisches  Bronzeblech  von  einem  Spiegel:  Priamos  bei  Achill  Q  Gravierte 
□  Fibelplatte  mit  Tremolierstich  aus  Olympia  D 

bank  an  jedem  mit  ihr  bearbeiteten  Stück  zurücklägt,  führen  darauf,  daf;  dieDreh- 
bank  auf  denselben  Grundsätzen  beruhte,  wie  die  moderne  Drehbank,  nur  daf;  sie 
nicht  von  dem  Metalldreher  selbst  durch  Treten  in  Bewegung  gesetzt  wurde,  son- 
dern daß  es  eines  Gehilfen  bedurfte,  der  mit  einer  Kurbel  nebst  Schwungrad  die 
Achse  mit  dem  abzudrehenden  Gegenstand  in  Umschwung  versetzte.  D 

Während  diebishergeschilderten  Techniken  und  Verfahren  demKunstwerk  nur 
die  Form  im  ganzen  geben,  dient  eine  Reihe  von  anderen  zur  Herstellung  beson- 
derer Verzierungen.  Dazu  gehören  in  erster  Linie  das  GRAVIEREN  und  PUNZEN. 
Mit  dem  FJachstichel,  der  den  sogenannten  Tremolierstich,  die  bewegte  Zickzack- 
linie hervorbrachte,  sowie  mit  dem  scharfen  Grabstichel,  mit  dem  feine  Linien  gra- 
viert wurden,  verstanden  die  Griechen  schon  in  der  Zeit  der  geometrischen  Vasen- 
malerei sicher  umzugehen.  Stärkere  Linien  wurden  mit  dem  Punzen  geschlagen, 
Kreise  mit  dem  zweizackigen  Zentrumsbohrer  gedreht.  In  der  Frühzeit  arbeitete 
man  mit  Bronzeinstrumenten,  denen  zum  Zweck  gröP^erer  Härte  ein  höherer  Zinn- 
gehalt beigegeben  war.  Erst  nachdem  im  7.  Jahrhundert  v.  Chr.  die  Erfindung  ge- 
macht war,  das  Eisen  zu  härten,  wurden  anscheinend  stählerne  Instriunente  ver- 
wendet und  damit  der  Verzierung  gröfierer  Spielraum  er()ffnet.  Wirbegegncnjetzt 
zahlreichen  Ornamenten,  die  mit  den  Fassonpunzen  hergestellt  sind,  d.  h.  mit  Pun- 
zen, in  denen  die  Ornamente  bereits  im  Negativ  vorgearbeitet  sind.  Solche  Fnsson- 
punzen  haben,  wie  oben  vermutet  wurde,  bei  dem  weicheren  Gold  schon  die  My  kener 
gebraucht.  Mit  ihnen  schlug  man  Perlränder,  Ovale,  Halbkreise  imd  andere  sich 
wiederholende  Einzelornamente.  Auch  die  Gravierkunst  hat  seit  der  Einführung 
der  gehärteten  Eiseninstrumente  einen  neuen  Aufschwung  geninnmen.  Sie  fand 
eineunglaublich  vielseitige  Anwendung.  An  Waffen,  Gefällen,  Geräten  wie  Spiegeln 
und  Kandelabern,  Schmucksachen,  überall  tritt  Gravierung  zu  der  anderweitigen 
Verzienmg  hinzu,  wenn  sie  nicht  überhaupt  den  einzigen  Schmuck  bildet.  Meister 
im  Gravieren  waren  die  Etrusker,  deren  Arbeiten  wir  noch  gedenken  werden. 

Zu  der  Gravierkunst  tritt  als  zweite  hochwichtige  Technik  die  TAUSCHIER- 
KUNST. Mit  dem  Flachstichel  wurden  hierbei  \'ertiefungen  aus  der  Bronze  aus- 

107 


gestochen  und  diese  durch  Einhämmern  andersfarbiger  Metallplättchen  wieder  aus- 
gefüllt. Schon  die  Mykener  lernten  wir  an  ihren  kostbaren  Schwertern  als  Virtuosen 
in  eingelegter  Metallarbeit  kennen  und  diese  Kunst  ist  im  ganzen  Altertum  mit 
groger  Liebe  gepflegt  worden.  Freilich  sind  aus  der  älteren  Zeit  nur  wenige  tau- 
schierte  kunstgewerbliche  Arbeiten  auf  uns  gekommen  und  oft  genug  mag  die  Ver- 
zierung unter  der  Patina  verborgen  sein.  Wir  erschließen  aber  die  Vorliebe  für 
tauschierte  Arbeit  an  Geräten  mit  Sicherheit  aus  den  auf  uns  gekommenen  großen 
und  kleinen  Bronzefiguren  der  älteren  Zeit,  an  denen  nicht  nur  die  Brustwarzen, 
die  Lippen  und  die  Augen,  sondern  auch  Einzelheiten  wie  Haarbinden,  Gewand- 
säume u.  a.  aus  besonderem  Metall  eingelegt  sind.  In  hoher  Blüte  stand  das  Tau- 
schierverfahren in  der  späteren  hellenistischen  Kunst,  wie  sie  durch  Pompeji  ver- 
körpert wird.  Von  dort  besitzen  wir  ganz  hervorragende  Beispiele.  Die  in  die  Bronze 
eingelegten  Metalle  sind  im  Altertum  fast  durchgängig  Silber  und  Kupfer,  das  sich, 
nachdem  es  dunkler  geworden  ist.  mit  dem  Goldton  der  Bronze  und  dem  hellen 
Silber  zu  feinster  Farbenwirkung  vereinigt.  D 

Auch  dieNIELLOARBEIT,  d.h.  das  Ausfüllen  der  vorgearbeiteten  Vertiefungen 
durch  Aufschmelzen  pulverisierten  Schwefelsilbers,  war  den  Alten  bereits  bekannt ; 
jedoch  sind  die  Funde,  die  diese  Technik  aufweisen,  alle  aus  späterer  Zeit.  Es  darf 
daher  angenommen  werden,  daß  das  Niello  kaum  vor  der  hellenistischen  Zeit  in 
das  griechische  Kunstgewerbe  eingedrungen  ist.  D 

Die  Entwicklung  der  Bronzekunst  läuft,  soweit  wir  sie  verfolgen  können,  der 
bei  der  Keramik  geschilderten  Entwicklung  parallel.  Wir  werden  uns  daher  darauf 
beschränken  können,  aus  dem  ansichnichtsehrreichenMaterialdiebedeutendsten 
Stücke  auszuwählen  und  an  ihnen  die  Hauptgesichtspunkte  darzulegen.  Im  allge- 
meinen ausgeschlossen  bleiben  dabei  die  kleinen  Bronzefiguren,  soweit  sie  nicht 
Teile  größerer  Geräte  sind ;  denn  wenngleich  sie  auch  als  kunstgewerbliche  Leistun- 
gen betrachtet  werden  können,  hat  man  sie  doch  mehr  der  Geschichte  der  Plastik 
und  ihrer  fortschreitenden  Stiientwicklung  zuzurechnen.  □ 

Für  die  GEOMETRISCHE  PERIODE  haben  uns  die  Ausgrabungen  in  Olym- 
pia, Dodona,  Agina  vortreffliche  Beispiele  geschenkt.  Primitive  Tiere  als  Weih- 
geschenke, zuerst  aus  Bronzeblech  zusammengebogen,  dann  gegossen,  sind  uns 
massenhaft  erhalten;  man  fühlt  an  ihrer  Formgebung  deutlich  das  Wachsmodell 
hindurch,  das  zum  Guß  aus  verlorener  Form  gedienthat.  AuchmenschlicheFiguren 
primitivster  Art  sind  auf  uns  gekommen,  die  wie  die  Tiere  allmählich  vervoll- 
kommnet werden  und  den  Typen  der  geometrischen  Vasen  gleichen.  Unter  den 
bestimmbaren  Geräten  dieserPeriode  sindbesonders  dieDreifüße  charakeristisch, 
entweder  mit  schwerengegossenenFüßen,  oder  solchen  ausstarkenBronzeblech- 
streifen,  die  aneinander  genietet  wurden.  Über  demKessel  stehen  aufrecht  die  bei- 
den wieder  gegossenen  oder  gehämmerten  Henkel,  und  menschliche  Figuren  und 
Tiere  sind  als  dekorativer  Schmuck  dem  Ganzen  hinzugefügt.  Die  Ornamente  der 
Blechdreifüße  sind  die  denkbar  einfachsten;  am  geläufigsten  wohl  Kreise,  die  mit 
dem  Bohrer  gedreht  und  durch  Tangenten  verbunden  sind,  und  Zickzacklinien,  die 
mit  dem  Punzen  geschlagen  worden,  beide  Ornamente  in  den  gegossenen  Exem- 
plaren zugleich  mit  dem  Guß  hergestellt.  Zahlreich  sind  daneben  getriebene  Bronze- 

108 


bleche  mit  primitiven  Darstellungen,  weiter  solche,  deren  Verzierung  nur  in  ge- 
schlagenen Punkten  besteht,  sowie  gravierte  Bronzebleche.  Aber  die  Gravierung 
steht  noch  auf  sehr  niedriger  Stufe.  Überwiegend  herrscht  die  Zickzacklinie  in 
Tremolierstichvor,  dazu  kommen  figürlicheDarstellungen,  aberdieKonturen  sind 
nicht  tief  eingegraben  worden,  weil  die  Instrumente  noch  zu  zart  und  zerbrechlich 
gewesen  sind.  Das  Blatt  einer  Fibel  |  Sicherheitsnadel)  aus  Olympia  —  ganz  gleich- 
artige kennen  wir  aus  verschiedenen  Teilen  Griechenlands  —  gibt  von  der  dünnen 
Art  der  Gravierung  und  von  der  Vorliebe  für  den  Tremolierstich  eine  deutliche 
Vorstellung  [Abb.  87 1.  D 

Der  grögte  Anstog  in  der  Entwicklung  des  Kunstgewerbes  in  Bronzearbeiten 
ging  wie  in  der  Keramik  von  Jonien  aus.  Es  wurde  schon  bei  der  Behandlung  der 
Keramik  darauf  hingewiesen,  wie  von  den  kleinasiatischen  Griechen,  besonders 
den  Joniern,  deren  Kunst  in  dauernder  Berührung  mit  den  großen  Kunstzentren 
des  Orients  stand,  dem  festländisch-griechischen  Kunsthandwerk  immer  neue 
Lebenskraft  zugeführt  wurde.  In  Jonien  lebte  im  siebenten  Jahrhundert  v.  Chr. 
GLAUKOS  von  Chios,  der  die  Erfindung  machte,  EISEN  zu  SCHWEISSEN  und 
dessen  Kunst  deshalb  sprichwörtlich  wurde.  Wir  hören  von  einem  komplizierten 
dreifüfiigen  Kesseluntersatz  aus  Lang-  und  Querstreben  von  Eisen,  zwischen 
denen  figürliches  und  pflanzliches  Ornament  angebracht  war.  Eine  ungefähre  Vor- 
stellung seiner  Wirkung  gibt  uns  der  etwa  50  Jahre  jüngere  prächtige  Dreifug  von 
Metapont,  ein  Erzeugnis  jonischenKunstgewerbes,  derzwarausBronzehergestellt 
ist  [Abb. 88],  der  aber  in  seinen  Formen  deutlich  die  Herkunft  aus  der  Eisentechnik 
verrät.  Während  man  bei  den  geometrischenDreifügenvonOlympianiemalsdaran 
denken  würde.dag  sie  je  in  einem  anderenMaterial  hergestellt  seien.als  in  Bronze,  ist 
für  den  Dreifufi  von  Metapont  die  Übertragung  der  der  Eisentechnik  eigentümlichen 
Formen  auf  die  Bronze  sehr  augenfällig  Das  beweisen  auch  mehrere  ganz  aus 
Eisen  hergestellte  Untersätze,  die  aus  dem  jonischen  Kunstkreise  stammen.  Es  ist 
kaum  denkbar,  dag  sich  die  Behandlung  des  Eisens  in  der  Werkstatt  des  Glaukos 
auf  die  Schweigung  allein  erstreckt  haben  sollte.  Zweifellos  fand  man  damals 
auch  die  Kunst,  das  Eisen  zu  härten  und  damit  für  die  (Bearbeitung  der  Bronze  ge- 
eignetere Instrumente  herzustellen.  Darauf  führen  die  Erfindungen  der  Samier 
RHOIKOS  und  THEODOROS,  der  bedeutendsten  Erzgieger  des  6.  Jahrhunderts, 
in  allen  anderen  Künsten,  der  Glyptik,  der  Goldschmiedekunst,  der  Architektur 
gleichmägig  erfahren.  Denn  wennTheodoros.  wie übiM-liofort  wird,  dieMetalldreh- 
bank  erfand,  d.  h.  das  Prinzip  der  Holzdrehbank  auf  das  Metall  übertrug,  mug  er 
unbedingt  gehärtete  Eiseninstrumente  besessen  haben  um  das  Metall  abdrehen  zu 
k()nnen.  Diese  Instrumente  erlaubten  auch  der  Einzelausschmückung,  besonders 
der  Gravierung,  grögore  Bewegungsfreiheit,  und  dag  diese  Kunstfertigkeit  von 
jetzt  an  lebhaft  betrieben  und  ausgebildet  wurde,  zeigen  u.a.  die  etruskischen 
Spiegel,  die,  in  ihren  ältesten  Beispielen  von  jonisciier  Kunst  abhängig,  bereits 
eine  phänomenale  Beherrschung  des  Gravierstichels  aufweisen.  Von  den  sami- 
schen  Künstlern  wird  weiter  berichtet,  dag  sie  zuerst  erfunden  hätten  Bronze  zu 
giegen,  d.  h.  hohl  zu  giegen,  eine  Nachricht,  die  allerdings  nur  insoweit  das  Rich- 
tige trifft,  als  die  Künstler  eine  ältere  ägyptisclie  Erfiiuiung  in  ilnom  Kunstkreise 

109 


einführten  und  zwar  auf  menschliche  Fi- 
guren anwandten.  Denn  Gefäße  sind  im 
östlichen  Mittelmeergebiet  schon  weit 
früher  gegossen  worden.  Jedenfalls 
standen  die  jonischen  Künstler  im  6. 
Jahrhundert  v.  Chr.  über  dem  Material 
und  konnten  ihm  mit  ihren  Hilfsmitteln 
jede  beliebige  Form  und  jedenbesonde- 
ren  Schmuck  geben.  Von  Jonien  kam  die 
neue  Kunst  nach  dem  Festland,  überall 
umgestaltend  und  neueAnregungen  ver- 
mittelnd. D 
Als  Beispiele  jonischer  und  eigent- 
lich griechischer  Kunstfertigkeit  des  6. 
und  5.  Jahrhunderts  v.  Chr.  seien  hier  ei- 
nige getriebene  Reliefs,  gegossene  Ge- 
fägzieraten  und  gravierte  Arbeiten  er- 
wähnt, die  von  dem  hohen  Stand  des 
Kunstgewerbes  inBronzearbeiten  Zeug- 
nis ablegen  können.  Wie  später  in  Pom- 
peji, hat  sich  auch  früher  das  Kunstge- 
werbe nicht  aufLuxus  waren  beschränkt. 
Es  gibt  wohl  keinen  Gefäghenkel  dieser 
Zeit,  der  nicht  irgendeinen  plastischen 
oder  gravierten  Schmuck  hätte,  keinen 
D  Abb.  88:  Dreifuß  aus  Metapont  "d  Gcrätfug,  der  nicht  als  Tatzc  gestaltet 
oder  sonst  in  eineKunstform  gebrachtwäre,  keinenSpiegel  ohne  sorgfältige  Dreh- 
arbeit an  der  Spiegelplatte  oder  dekorative  Ausstattung  des  Griffes,  keinen  Drei- 
fuguntersatz ohne  Verzierung  der  Streben,  kein  gröf^eres  Möbelstück  ohneMetall- 
beschlag.  Der  dekorative  Schmuck  der  Geräte  über  den  blogen  Zweck  hinaus  ist 
den  Griechen  von  früh  auf  Bedürfnis  gewesen.  □ 
Das  gröf^te  und  vollständigst  erhaltene  Werk  archaisch-griechischen  Kunstge- 
werbes in  getriebenem  Metall  ist  der  1902  gefundene  Streitwagen  von  Monteleone 
im  Gebiet  der  Sabiner,  dessen  Hauptseite  eine  Rüstungsszene  enthält,  zweifellos 
ein  Erzeugnis  jonischer  Kunst,  altertümlich  in  der  Formgebung,  aber  vortrefflich 
in  der  Behandlung  des  Reliefs,  zu  dem  hier  eine  Fülle  von  Details  in  Gravierung 
hinzugefügt  ist.  Von  einem  zweiten,  stilistisch  sehr  ähnlichen  Streitwagen  aus 
Perugia  werden  die  besten  Reliefs  jetzt  in  München  aufbewahrt.  Andere  große 
Bronzereliefs  etwa  der  gleichen  Periode  und  gleicher  Herkunft  kennen  wir  viel- 
fach aus  Etrurien,  im  eigentlichen  Griechenland  haben  uns  die  Ausgrabungen  von 
Olympia  zwei  besonders  bedeutende,  im  Inland  gearbeitete,  aber  unter  jonischem 
Einflug  stehende  Werke  geschenkt,  eine  Platte  von  einem  dreiseitigen  Untersatz 
mit  dem  Bilde  der  tierbändigenden  Artemis  und  des  Herakles  im  Kentaurenkampf, 
sowie  einRelief  mitausgeschnittenemGrundc  |eine  inarchaischer  Zeit  gerngeübte 

110 


Technik],  den  bogenschiel^enden 
Herakles  darstellend.  Auch  in  die- 
sen Reliefs  tritt  zurTreibarbeit  die 
Gravierung. Die  bekanntesteKlas- 
se  von  Reliefs  des  6.  Jahrhunderts 
sind  die  sog.  korinthisch -argivi- 
schen,  kleine  Reliefs  aus  dünnem, 
in  Formen  geprelltem  Bronze- 
blech, von  ausgesprochen  fest- 
ländisch-griechischem Charakter 
|Abb.86|.  Sie  dienten  allen  mög- 
lichen Geräten  zum  Schmuck;  mit 
Vorliebe  wurden  sie  an  den  aus 
Blech  geschnittenen  Spiegeln  auf 
eine  besondere  Bleiplatte  da  auf- 
gesetzt, wo  sich  der  Griff  zur  Spie- 
gelplatte verbreitert.  Unter  den 

nur    gravierten    Arbeiten    des    6.     Abb.  89:  Rückenseite  eines  gravierten  Panzers  aus  Olympia 

Jahrhunderts  ist  der  Rückenteil  eines  Panzers  aus  Olympia  ein  sehr  bedeutendes 
Stück,  dessen  Ursprung  sich  noch  nicht  mit  völliger  Sicherheit  ermittelnläfit.  Seine 
Hauptdarstellung,  Apollon  von  Leto  und  Themis  gefolgt,  durch  die  gegenüber- 
stehenden Götter  Zeus,  Ares  und  Hermes  begrütit,  ist  von  dekorativen,  kraftvoll 
durchgeführten  Tieren  und  von  Ornamenten  umgeben  (Abb.  89 1.  Wir  können  die 
gravierten  Arbeiten  nicht  übergehen,  ohne  der  zu  Hunderten  erhaltenen  etruski- 
schen  Spiegel  zu  gedenken,  die,  wie  bereits  oben  bemerkt,  im  Anfange  von  jonischer 
Kunst  abhängig,  allmählich  ganz  in  das  Fahrwasser  attischer  Kunst  gerieten.  Von 
den  Zeichnungen,  die  auf  der  Rückseite  der  Spiegelfläche  angebracht  wurden,  sei 
nur  eine  aus  der  zweiten  Hälfte  des  fünften  Jahrhunderts  abgebildet,  Semele  und 
Dionysos  [etruskisch  fufluns|  in  Gegenwart  des  Apollon  und  eines  Satyrs,  ein  Werk 
von  hinreißender  Anmut  derKomposition  und  vollendeter  Feinheit  derGravierung 
I  Abb.  90).  Den  Spiegelzeichnungen  reihen  sich  die  nicht  etruskischen  sog.  Prä- 
nestinischen  Cisten  an,  große  zylinderförmige  Behälter  mit  Deckeln,  die  mit  gra- 
vierten Darstellungen  ganz  überzogen  sind.  Ihr  berühmtester  Vertreter,  den  fein- 
sten Spiegeln  ebenbürtig,  die  Ficoronische  Cista  |4.  Jahrhundort  v.  Chr.  |,  steht  mit 
ihrem  Bilde  aus  der  Argonautensage  deutlich  unter  deni  Kinfluß  der  großen  atti- 
schen Malerei  des  5.  Jahrhunderts  [Abb.  94  und  95 1.  D 
Unter  den  Geräten  seien  besonders  die  großen  Stabdreifüße  aus  Olympia  er- 
wähnt, die,  wie  oben  an  dem  Untersatz  aus  Metapont  dargelegt  ist,  aus  der  joni- 
schen Eisenindustrie  abgeleitet  sind.  Wie  die  Untersätze  tragen  auch  die  zugclu)ri- 
gen  Kessel  reichen  Schmuck.  Aus  Olympia  sind  uns  hauptsächlich  Greifenköpfe 
bekannt  geworden,  in  älterer  Zeit  getrieben,  daim  mit  großer  technischer  Fertig- 
keit gegossen,  kraftvoll  gebildete  Köpfe  von  prächtigster  dekorativer  Wirkung. 
Diese  Gattung  von  Dreifüßen  ist  in  mannigfacher  Umbildung  auch  in  Ktrurien  her- 
gestellt woi'den.                                                                                                               D 


Abb.  90:  Etruskische  Spiegelzeichnung 


Abb.  91:  Griechischer  Klappspiegel  mit  Relief 


Mit  die  anmutigsten  Schöpfungen  des  Kunstgewerbes  imAusgangdes  sechsten 
Jahrhunderts  v.  Chr.  und  im  Anfang  des  fünften  sind  eine  Gattung  von  Spiegeln, 
die  bis  ums  Jahr  450  v.Chr.  in  Mode  waren,  um  dann  wieder  zu  verschwinden.  Sie 
waren  zum  Aufstellen  eingerichtet  derart,  dag  auf  einen  kleinen  Untersatz  eine 
bekleidete  weibliche  Figur  gestellt  wurde,  die  auf  dem  Kopf  die  Spiegelplatte  trug 
[Abb.  96].  Diese  Figürchen  wurden  in  sinnvoller  Beziehung  zum  Zweck  des  Ge- 
rätes als  Aphroditen  gestaltet,  indem  man  ihnen  einen  Apfel  oder  eineTaube  in  die 
vorgestreckte  Hand  gab.  Sie  werden  umflattert  von  Eroten,  die  dem  doppelten 
Zweck  dienen,  das  Gerät  um  einen  zierlichen  Schmuck  zu  bereichern  und  den 
Übergang  zwischen  Trägerin  und  Spiegelplatte  zu  vermitteln.  Rund  um  die  Platte 
selbst  brachte  man  kleine  Tiere  an,  Hasen  und  Hühner,  die  von  Füchsen  und  Hun- 
den verfolgt  werden  und  in  lustigem  Durcheinander  um  das  Spiegelrund  jagen. 
Man  nimmt  mit  Recht  an,  dag  die  meisten  dieser  Spiegel  korinthischer  Herkunft  sind. 

Zu  diesen  Geräten  kommen  die  zahllosen  verzierten  Henkel  und  Füge  von  Ge- 
fägen.  Auch  ganze  Gefäge  sind  uns  aus  der  älteren  Zeit  erhalten,  wenn  auch  in- 
folge ihrer  grögeren  Kostbarkeit  und  ihrer  durch  die  Metallzersetzung  leicht  her- 
beigeführten Zerstörung  in  geringerer  Anzahl.  Für  ihre  Formen  verweisen  wir 
auf  die  Tonvasen,  die  besonders  in  der  älteren  Zeit  in  ihrer  Formgebung  von  den 
metallenen  Vorbildern  abhängig  sind.  Von  ganzen  Gefägen  der  älteren  Zeit  sind 
namentlich  in  Etrurien  gute  Beispiele  gefunden  worden,  wo  neben  den  importier- 
ten auch  einheimische  Gefäge  nach  griechischen  Vorbildern  hergestellt  wurden. 
Eine  charakteristische  Gruppe  sind  weit  offene  fuglose  Gefäge  mit  eiförmigem 
Kontur,  zu  denen  mit  Figuren  geschmückte  Deckel  gehören,  wahrscheinlich  Er- 
zeugnisse des  alten  chalkidischen  Cumae:  sie  wurden  alsBehälter  für  Asche  meist 
in  der  Nähe  des  alten  Capua  in  Campanien  gefunden.  Die  Gruppierung  der  antiken 
Gefägteile  und  ihre  Scheidung  nach  bestimmten  Kunststätten  ist  bisher  noch  nicht 
vorgenommen  und  würde  hier  zu  weit  führen.  D 

Unter  den  Bronzegeräten  des  4.  Jahrhunderts  v.  Chr.  sind,  neben  einer  Anzahl 
von  grogen  Gefägen  und  kleineren  zierlichen  Schalen,  die  hervorragendsten  Er- 

112 


SCHALE 


ZWEIHENKLIGE  VASE 


ELMER 


"7i 


"Jk 


D  Abb.  92:  Tigerkopf  als  Wasserspeier,  Pompeji  Abb.  93:  Weinkanne  von  Boscoreale  D 

Zeugnisse  des  Kunstgewerbes  die  KLAPPSPIEGEL,  im  wesentlichen  zwei  durch 
ein  Scharnier  verbundene  Platten,  derenjeine  gewöhnlich  den  Deckel  bildete,  wäh- 
rend die  bedeckte  obere  Seite  der  anderen  als  Spiegel  diente.  Der  Deckel  dieser 
SpiegelbieteteinegeeigneteFlächezurVerzierungdar  und  ist  bei  feineren  Stücken 
selten  ohne  ein  meist  mit  Blei  gefüttertes  Relief  geblieben.  Die  Stoffe  der  Dar- 
stellungen sind  auch  bei  diesen  Spiegeln  häufig  dem  Kreise  der  Aphrodite  ent- 
nommen, daneben  besonders  gern  dem  dionysischen  Treiben.  Der  hier  wieder- 
gegebene Spiegel  [Abb.  91 1  fällt  aus  der  üblichen  Formgebung  heraus.  Hier  ist  auf 
eine  starke,  beiderseits  am  Rand  verzierte  und  in  der  Mitte  blank  polierte  Spiegel- 
platte auf  beiden  Seiten  zum  Schutze  der  Spiegelfläche  mit  einem  Scharnier  eine 
reliefverzierte  Bronzescheibe  befestigt  worden,  die  durch  einen  drehbaren  Riegel 
in  Taubenform  festgestellt  werden  konnte.  Auch  die  Innenseiten  der  Deckel  sind 
gern  verziert  worden;  hier  war  die  gravierte  Verzierung,  ganz  oder  in  einzelnen 
Teilen  versilbert,  am  Platze.  Eine  ganz  köstliche,  erst  kürzlich  bekanntgewordene 
Spiegelgravierung  stellt  zwei  Frauen  von  ungewöhnlicher  Schönheit  bei  der 
Toilette  dar,  andere  zeigen  badende  Nymphen,  die  vonPan  belauscht  werden,  ero- 
tische Szenen  oder  auch  einzelne  Tierfiguren.  □ 
Für  die  hellenistische  Zeit  tritt  POMPEJI  ein,  dessen  Kunst  ganz  von  griechi- 
schem Geiste  durchtränkt  ist.  Es  ist  unmöglich,  in  kurzen  Worten  auch  nur  an- 
nähernd eine  Vorstellung  davon  zu  geben,  was  Pompeji  für  das  antike  Kunst- 
gewerbe bedeutet  —  und  für  das  moderne  bedeuten  könnte,  wenn  seine  Erzeug- 
nisse sorgfältiger  beachtet  würden.  Eine  unerschöpfliche  Quelle  der  Anregung 
und  der  Belehrung  bieten  uns  die  pompejanischen  kunstgewerblichen  Bronze- 
arbeiten, wenn  wir  sehen,  mit  welcher  spielenden  Leichtigkeit  originelle  F'ormen 
erfunden,  mit  welch  fröhlicher  Unbefangenheit  und  Sicherheit  kleine,  anmutige 
Details  verwertet  werden  und  wie  doch  alles  wieder  dem  Zweck  untergeordnet 
ist,  für  den  es  geschaffen  wurde.  Die  berühmtesten  Stücke  pompejanischer  Bronze- 
kunst sind  so  oft  abgebildet  und  besprochen  worden,  dat>  wir  ihre  Bekanntschaft 
voraussetzen.  Auch  gewähren  sie  nicht  den  richtigen  Maf^stab  für  die  Beurteilung 
des  kunstgewerblichen  Höhestandes  im  ganzen.   Ihn  gewinnen  wir  viel  sicherer 


8  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes 


im 


n  Abb.  94:  Detail  von  der  sogenannten  Ficoronischen  Cista  D 

an  solchen  Bronzen,  die  nicht  demLuxus  der  wohlhabenden  Klassen  allein  dienten 
sondern  an  solchen,  die  etwa  den  Durchschnitt  dessen  repräsentieren,  was  ge- 
leistet ist.  Als  bessereDurchschnittsarbeiten  lassen  sich  die  schönenBronzen  aus 
Boscoreale  bei  Pompeji  [jetzt  im  Berliner  Museum]  bezeichnen  und  ihnen  ent- 
nehmen wir  daher  unsere  Abbildungen.  D 

Die  Weinkanne  [Abb.  93j  repräsentiert  einen  Typus,  der  in  zahlreichen  Exem- 
plaren in  Pompeji  zutage  gekommen  ist.  Der  nicht  selten  gebrauchte  Vergleich 
mit  einem  Schuh  wird  der  eigentümlichenBildung  desGefäges  nicht  gerecht;  viel- 
mehrschwebthierdie  Vorstellung  eines  mit  Wein  etwa  zur  Hälfte  gefüllten  Ziegen- 
schlauches vor.  Der  für  die  Kanne  erforderliche  Henkel  konnte  schwerlich  glück- 
licher erfunden  werden.  Unten  eingezogen  und  dann  über  die  Öffnung  herüber- 
geführt, fügt  er  sich  vortrefflich  in  die  vorwärtsdringende  Bewegung  des  Schlauches 
ein,  die  er  nachdrücklich  unterstützt.  Wie  geeignet  die  Form  zum  praktischen  Ge- 
brauch ist,  haben  oft  vorgenommene  Versuche  zur  Genüge  ergeben.  Am  Gefäße 
ist  nur  die  Mündung  leicht  verziert,  der  Henkel  aber  ist  überaus  reich  gestaltet. 
Auf  dem  Ansatzblatt  sitzt  inmitten  von  Weinlaub  ein  kleiner  Satyrknabe  mit  sil- 
bernem Fell  bekleidet  und  mit  Früchten  in  den  Händen.  Der  eigentliche  Griff  be- 
stehtganz  ausBlätternundBlüten;  entsprechend  seiner  stärkeren  oder  geringeren 
Biegung  lösen  sich  einzelne  von  den  langen  Blättern  vom  Schafte  los,  bis  an  der 
Gef  ägmündungkleinereBlätter  zierlich  zu  einem  Blütenkelch  zusammengefaßt  sind. 

Während  der  Ziegenschlauch  für  die  Weinkanne  nicht  ohne  erhebliche  Umge- 
staltung als  Vorbild  dienen  konnte,  bot  die  Herzmuschel  [s.  Tafel  |  schon  in  ihrer 
natürlichen  Bildung  eine  geeignete  Gefäßform  dar.  Der  enge  Anschluß  an  die  Natur- 
form, die  mit  ihren  vielen  Einziehungen  und  Ausbiegungen  für  Treibarbeit  in  Bronze 
oder  Silber  wie  geschaffen  ist,  gibt  dem  Gefäß  einen  großen  Reiz,  läßt  es  aber  für 
dekorative  Zutaten  kaum  geeignet  erscheinen.  Um  so  bewundernswerter  ist  das 
künstlerische  Feingefühl,  das  diese  Wirkung  durch  Anfügung  zweier  kleiner  zier- 
licher Henkel  nicht  verminderte,  sondern  noch  zu  steigern  vermochte.  Wir  stellen 
uns  gern  vor,  wie  dieSchale  mit  Trauben  undFrüchten  aller  Art  reichgefüllt  beider 
Tafel  gereicht  wurde.  Der  Goldton,  den  das  Metall  ursprünglich  hatte,  während 
jetzt  eine  glänzend  blaue  und  grüne  Patina  alles  gleichmäßig  überzieht,  brachte 

114 


n  Abb.  95:  Detail  von  der  sogenannten  Ficoronischen  Cista  D 

helle  Glanzlichter  und  tiefe  Schatten  auf  der  bewegten  Oberfläche  hervor  und  lieP> 
das  Gefäß  gewig  noch  weit  zierlicher  und  leichter  erscheinen.  D 

Mehr  durch  ihre  Umril^linie  als  durch  den  zierlichen  Schmuck  am  Ablauf  des 
Henkels  wirkt  die  zweihenkelige  Vase  |s.  Tafel).  Wie  wundervoll  schön  und  schlank 
steigt  diese  Linie  empor,  und  wie  glücklich  wird  ihre  Bewegung  von  den  Henkeln 
aufgenommen  und  begleitet.  Die  große  Anzahl  der  in  Pompeji  gefundenen  Gefäße 
dieser  Art  spricht  für  ihre  Beliebtheit.  Vielleicht  ist  der  Grund  hierfür  in  ihrer 
dekorativen  Wirkung  zu  suchen.  Es  können  Dekorationsstücke  gewesen  sein,  doch 
lassen  sie  sich  bei  ihrer  Größe,  sie  sind  40  cm  hoch,  sehr  wohl  als  Karaffen  für 
Wasser  verwendet  denken.  D 

Selbst  das  gewöhnliche  Küchengerät  ist  nicht  gearbeitet  worden,  ohne  daß 
irgendeine,  wenn  auch  noch  so  kleine  dekorative  Zutat  angewendet  wäre,  wo- 
durch es  sich  aus  dem  Zustand  des  Massenfabrikats  heraushebt.  Bei  den  einfach- 
sten Kasserolen  sind  noch  Kreise  um  das  Loch  im  Griff  gedreht,  an  dem  das  Gerät 
in  der  Küche  aufgehängt  wurde  und  in  derselben  Weise  ist  der  Boden  behandelt; 
bei  den  Pfannen  endet  der  Griff  in  Anlehnung  analteVorbildergewöhnlich  in  einem 
Tierkopf.  Die  Sieblöcher  werden  in  zierlichen  Mustern  angeordnet,  an  den  Lampen- 
deckeln erhalten  die  Luftlöcher  wie  von  selbst  eine  Zierform,  die  Hängegewichte 
der  einfachen  Wagen  sind  stets  als  Köpfe,  Früchte  u.  dgl.  gestaltet,  die  Gewichte 
der  zweiarmigen  sehr  häufig  als  liegende  Tiere.  Die  Eimer  fallen  din*oh  ihre  kraft- 
vollen Linien  auf  —  es  sind  wahre  Prachtstücke  in  Form  und  Dekoration  erlialten; 
auch  der  von  Boscoreale  |s.  Tafel]  ist  ein  hervorragendes  Beispiel  dieser  Gefäß- 
gattung. Der  Schmuck  an  dem  Gefäß  selbst  beschränkt  sich  auf  einige  mit  der 
Drehbank  hergestellte  Linien  am  oberen  Gefäßteil,  tue,  wie  fest  umgelegte  Reifen 
eine  zu  starke  Ausweitung  des  unteren  Teils  zurückzuhalten  scheinen.  Dagegen 
ist  der  Henkel  sehr  sorgfältig  behandelt.  Als  Henkelansatz  ist  ein  weiblicher  Kopf 
gewählt,  der  bewegliche  Griff,  in  der  Mitte  stark  kanneliert,  endet  in  zwei  Hunds- 
köpfen, die  aus  einem  Akanthusblatt  herauswachsen.  O 

Von  den  Kandelabern,  die  aus  Boscoreale  stanunen,  ist  iler  eine  ein  Meister- 
stück I  Abb.83|,  gleich  bewundernswert  durch  das  Ebenmaß  des  leicht  undsclilank 
emporstrebenden  Aufbaus,  wie  durch  den  Reichtum  des  ornamentalen  Details  und 

8*  115 


die  Sorgfalt,  mit  der  es  durchgeführt  ist. 
Der  Stil  der  Ornamentik  mit  ihren  Araceen- 
blüten,  Eierstäben,  die  in  Silber  aufgelegt 
sind,  und  Palmetten  ist  ausgesprochen  klas- 
sizistisch. Gerade  auf  die  Geräte  des  Zim- 
mers ist,  wie  auch  die  Funde  von  Priene 
an  der  Westküste  Kleinasiens  beweisen,  wo 
eine  hellenistische  Stadt  durch  die  König- 
lichen Museen  in  Berlin  aufgedeckt  ist,  in 
spätgriechischerZeit  große  Mühe  verwen- 
det worden  und  die  Lampenträger  weisen 
eineMusterkarteglücklichsterErfindungen 
auf  —  mit  besonderer  Vorliebe  an  Baum- 
stämme gelehnte  Figürchen  —  von  unend- 
licher Abwechslung,  die  man  nicht  müde 
werden  kann,  zu  bewundern.  Auch  die  drei- 
fügigen  niedrigen  Lampenträger  einfach- 
ster Art  und  häufigster  Verwendung  [Abb. 
98j  sind  imDetail  ihrer  Verzierung  von  gro- 
ger Mannigfaltigkeit  und  Schönheit  und  er- 
füllen ihren  Hauptzweck,  den  eines  festen 
und  sicheren  Standes,  in  vollkommener 
Weise.  D 

Als  hervorragende  kunstgewerbliche 
Leistungen  heben  wir  aus  Boscoreale  end- 
lich ein  Bettgestell  und  ein  großes  Prunk- 
gefäß hervor  [Abb.  100  und  97].  Die  Alten 
lagen  bei  ihren  Gastmählern  zu  Tisch,  und 
D  Abb.96:  Standspiegel  aus  Korinth  D  vou  den  Bettgcstellcn,  die  für  reiche  Häu- 
ser  hierzu  erforderlich  waren,  wissen  die  Schriftsteller  wunderbaren  Reichtum 
zu  berichten.  Elfenbeinerne,  silberne  und  selbst  goldene  Lager  waren  nicht  sel- 
ten. Das  abgebildete  Bett  ist  einfacher,  doch  es  konnte  sich  wohl  sehen  lassen. 
Aus  Holz  waren  der  Rahmen  für  Matratzen  und  Kissen,  die  Kopf  lehne  und  die  Tra- 
versen zwischen  den  Füßen,  aus  Metall  waren  die  Füße  selbst  und  die  Beschläge 
an  den  Holzteilen.  In  schöner  Schwingung,  die  Gradlinigkeit  des  Rahmens  an- 
genehm unterbrechend,  läuft  die  Kopflehne  in  einen  Entenkopf  aus.  Die  langen 
Rahmenbeschläge  an  Kopf- und  Fußende  sind  mitfeinem  silbernem  Mäandermuster 
eingelegt,  darüber  und  darunter  läuft  in  besonders  eingesetztem  Kupferstreifen 
ein  silbernes  Wellenband.  Auch  an  den  Füßen  ist  in  der  Mitte  der  tiefsten  Ein- 
ziehung und  an  der  oberen  Kugel  ein  breites  Silberband  eingefügt,  die  Traversen 
sind  an  der  Vorderseite  mit  zwei  sich  begegnenden  silbernen  Olivenzweigen  mit 
kupfernen  Früchten  verziert.  Ehemals  waren  alle  metallenen  Teile  des  Bettes 
blank  geputzt,  und  den  Grundton  gabdieBronzemitwarmem,  goldigemSchimmer; 
indem  der  Künstler  silberne  Verzierungen  einlegte,  wünschte  er  nicht  allein  den 

116 


Schein  größerer  Kostbarkeit  her- 
vorzurufen, sondern  zugleich  eine 
koloristischeWirkung.und  erstei- 
gerte diese  noch, indem  er  Kupfer 
hinzunahm.  Die  drei  Metalle,  gol- 
dige Bronze,  helles  Silber  und  das 
rötlichbraune  Kupfer  vereinigten 
sich  zu  äußerst  feinen  Tönen,  die 
in  sanften  Übergängen  ineinan- 
der verschmolzen :  die  Gesamt- 
wirkung muß  von  entzückendem 
Wohlklang  gewesen  sein.  D 

Der  Krater  Abb.  97  bildete  ge- 
wig das  Hauptprunkstück  im  Hau- 
se. Er  steht  auf  einem  besonderen 
löwenf  üßigenUntersatz,  damit  sei- 
neForm  zubessererGeltung  kom- 
me. Wundervoll  in  ihrer  Klarheit 
und  Ruhe  tritt  die  Schönheit  der 
Umrißliniehervor,  wie  kaum  an  ei- 
nem anderen  gleichartigen  Gefäß 
aus  Pompeji,  deren  größere  und 
namentlich  auch  reichere  erhalten 
sind.  AllerReichtum  derDetails  ist 
hier  mit  feinem  Takt  auf  die  Henkt'l 
konzentriert,  die  jedesmal  einen 
Meerdämon  und  seine  jugendliche 

Genossin  zeigen, wie  sie  mitmeer-  n  ai)I).',i7:  (iioi-;.r  Krater  aus  nosion  lu-  n 

durchwühlten  Haaren,  in  denen  sich  Wassertiere  festgesetzt  haben,  plötzlich  aus 
dem  Wasser  auftauchen.  D 

Mehr  als  Worte  ausdrücken  können,  zeigen  die  Abbildungen  das  Blühen  des 
Kunstgewerbes  in  den  Jahrhunderten  vor  und  nach  Christi  Geburt.  Und  dabei  ist 
zu  bedenken,  daß  die  Auswahl  nicht  die  bedeutendsten  Leistungen  einschließt  und 
daß  Pompeji  sich  zwar  inmitten  der  unteritalisch-griechischen  Kulturwelt  befand, 
aber,  weil  immerhin  abgelegen,  eine  führende  Stelle  im  Kunstleben  nicht  einzu- 
nehmen vermochte.  D 

3.  GOLD-  UND  SILBEKARBKITKN 

GOLD  ist  in  fast  allen  Teilen  der  antiken  Welt  gefunden  und  gewoiuien,  teils 
durch  Bergbau,  teils  durch  Goldwäscherei.  Indien  wird  als  Land  von  märchen- 
haftem Reichtum  geschildert,  in  Kleinasien  wird  Lydien  und  Mysien  gerühmt,  an 
das  Gold  des  Kaukasus  knüpft  die  Sage  vom  goldenen  Vließ  an,  die  Skythen  be- 
zogen das  Gold  vom  Ural  und  Altai;  für  Afrika  kommt  Ägypten  in  Betracht.  Das 
eigentliche  Hellas  ist  goldarm,  mir  die  Insel  Siphnos  macht  eine  .Vusnahine;  von 
dem  Zehnten  der  Golderträge  konnten  die  Siphnier  im  ü.  Jahrhundert  ein  prächti- 

117 


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n  Abb.  98  u.  99:  Lampenuntersatz  und  Henkel  vom  großen  Krater  aus  Boscoreale  Q 

ges  Schatzhaus  in  Delphi  erbauen.  Im  Norden  Griechenlands  ist  Thrakien  das 
Hauptgoldland,  wo  Thukydides  ein  eigenes  Bergwerk  besaß.  In  römischer  Zeit 
waren  Gallien,  besonders  aber  Spanien  als  Goldländer  berühmt  und  über  die  Art 
der  Goldgewinnung  sind  uns  mancherlei  Berichte  erhalten.  D 

Zahlreiche  Fundstätten  werden  für  Silber  namhaft  gemacht,  vielfach  dieselben 
wie  fürGold.  Nur  fälltÄgypten  weg  und  inHellas  tritt  das  hochwichtige  Bergwerk 
von  Laurion  hinzu,  das  namentlich  im  5.  Jahrhundert  v.  Chr.  einen  gewaltigen  Auf- 
schwung nahm.  Später  nahm  der  Reichtum  ab  und  in  der  römischen  Kaiserzeit 
schmolz  man  mit  besseren  Ausscheidungsmethoden  die  älteren  Schlackenhalden 
aus,  so  wie  jetzt  wieder  die  römischen  Schlackenhaufen  verarbeitet  worden  sind. 
Neben  Laurion  sind  besonders  die  spanischen  Silberminen  im  Altertum  ausgebeu- 
tet und  auch  von  hier  wissen  die  alten  Schriftsteller  Fabelhaftes  zu  berichten.  Als 
drittes  Edelmetall  kommt  zu  Gold  und  Silber  das  Elektron,  eine  Mischung  von 
beiden,  bald  als  solche  gefunden,  bald  mit  Absicht  künstlich  hergestellt  um  bei 
kostbaren  Juwelierarbeiten  bestimmte  Farbennuancen  hervorzubringen.  D 

Im  Vergleich  mit  dem  märchenhaften  Goldreichtum  der  mykenischen  Periode 
ist  das,  was  aus  historisch-griechischer  Zeit  auf  uns  gekommen  ist,  fast  spärlich 
zu  nennen.  Zwar  kennen  wir  für  die  älteren  Zeiten  aus  griechischem  Gebiet  ein- 
zelne Fundgruppen,  aber  sie  können  von  der  Art  der  kunstgewerblichen  Gold- 
schmiedearbeiten nur  eine  ungefähre  Vorstellung  geben;  einen  gewissen  Ersatz 
hierfür  bieten  die  etruskischen  Goldarbeiten.  D 

Die  ältesten  rein  griechischen  Goldarbeiten  sind  in  den  Gräbern  der  geometri- 
schen Periode  gefunden  worden,  neben  einigen  Nadeln  besonders  goldene  Dia- 
deme aus  sehr  schwachem,  oft  papierdünnem  Blech  mit  eingepreßten  Figuren  und 
Ornamenten.  DieseFiguren stimmen  mitdenvondenMalereien  bekanntenvollkom- 
men überein;  es  sind  dieselben  primitiven  Gestalten,  in  denselben  unbeholfenen 
eckigen  Bewegungen  wie  dort.  Um  die  Goldschmiedekunst  in  Fluß  zu  bringen,  be- 
durfte es  auch  hier  neuer  Anregungen,  die  wie  bei  den  übrigen  Kunstzweigen  von 


118 


D  Abb.  100:  Bettgestell  aus  Boseoreale  D 

Osten  kamen.  Noch  in  der  Zeit  der  geometrischen  Malerei  können  wir  das  Ein- 
dringen der  fremdenKunstweise  an  den  Diademen  verfolgen;  denn  neben  den  rein 
geometrisch  verzierten  Stücken  gehen  solche  mit  bewegterenMustern  einher.z.B. 
Sphinxen,  wilden  Tieren,  wie  Löwen,  und  Menschen,  die  von  ihnen  gefressen  wer- 
den. Nicht  dieDiademe  selbst,  aber  dieFormsteine  wurden  importiert;  so  kommt 
es,  daß  diese  Diademe  trotz  der  fortgeschrittenen  Ornamentik  in  der  Verteilung 
des  bildlichen  Schmuckes  oft  recht  ungeschickt  sind,  weil  die  Formsteine  nicht 
verständig  gehandhabt  wurden.  D 

Von  der  jonischen  Goldschmiedekunst  des  7.  und  6.  Jahrhunderts  geben  uns 
zahlreiche,  hauptsächlich  in  Rhodos,  Delos  und  Melos  gefundene  Schmuckstücke 
Kunde  [Abb.  101 ,  102  u.  103 1.  Eines  der  feinsten  Stücke,  ein  Plättchen  aus  Rhodos 
im  Berliner  Museum,  sei  zur  Charakterisierung  der  ganzen  Gruppe  genauer  be- 
schrieben [Abb.  101].  Das  Plättchen  ist  aus  zahllosen  Teilchen  zusammengesetzt. 
Die  Grundlage  bildet  eine  Goldplatte  mit  halbrundem  Ansatz  an  der  Oberkante. 
Auf  die  Goldplatte  ist  die  in  erhabener  Arbeit  aus  der  Form  gedrückte  Platte  mit 
der  Göttin  gelötet.  Diese  Darstellung  wiederum  ist  durch  je  vier,  auf  allen  vier 
Seiten  besonders  aufgelötete  Ornamentstreifen  wie  mit  einem  Rahmen  umgeben. 
Gewand,  Haare  und  Flügel  der  Göttin  sind  mit  reicher  Granulierarbeit  verziert; 
auch  die  Löwen  zeigen  solchen  Schmuck.  Den  halbrunden  Ansatz  der  Oberkante 
ziert  eine  besonders  angelötete  Rosette,  auf  der,  wieder  für  sich  aus  zwei  Stük- 
ken,  ein  Löwenkopf  angebracht  ist.  Auch  diese  Teile  sind  mit  zierlichstem  Gra- 
luilierwerk  reich  geschmückt.  Ähnlich  reich  und  zierlich  gearbeitet  sind  die  bei- 
den Ohrgehänge  aus  Melos  |Abb.  93  und  94|.  Welcher  Kunststätte  diese  äuf>erst 
reizvollen  Goldschmiedearbeiten  zugehören,  ist  noch  unsicher.  Rosetten,  Löwen- 
und  Greifenk()pfe,  Granatäpfel  bilden  die  wesentliclisten  Bestandteile  der  Orna- 
mentik; häufig  ist  auch  der  P'rauenkopf  mit  breit  herabfallenden  Ilaaren,  wie  ihn, 
jedoch  mit  dem  Körper  vereinigt,  auch  das  Plättchen  zeigt.  Dazu  kommt  die  meister- 
haft behandelte  Granulation,  eine  Technik,  die  wir  schon  mehrfach  erwähnt  haben. 
In  der  Art,  wie  dieSchnuickstücke  t)ft  aus  zahllosen  Einzelteilen  zusanunengesetzt 
sind,  erinnern  sie  an  die  trojanischen  Goldfunde.  Die  Freude  an  dem  eigenen 
techniscluMi  Können  lieP;  kein  bedeuteiuleres  Schmuckstück  entstehen,  an  dein 
nicht  alle  Kunstgriffe  und  -kniffe  verwertet  wären.  D 


119 


n  Abb.  101,  102  u.  103:  Goldene  Platte  von  Rhodos  und  Ohrgehänge  von  Melos  D 

Die  etruskische  Goldschmiedekunst  zeichnet  sich  schon  von  den  ältesten  Zeiten 
an  durch  hohe  technische  Vollkommenheit  aus.  Die  erstaunlich  reichen  Funde 
von  Vetulonia  und  Narce  zeigen  eine  von  jonischen  Einflüssen  noch  unberührte 
Stilart,  die  sich  mehr  der  geometrischen  nähert.  Schon  in  diesen  Fibeln,  Nadeln, 
Gehängen  usw.  bekundet  sich  ein  lebhaftes  Interesse  für  die  Einzelornamentik  in 
Granulier-  und  Filigranarbeit  aus  feinen  Golddrähten  ohne  metallene  Unterlage, 
eine  Technik,  die  charakteristisch  etruskisch  ist  und  bei  griechischen  Goldarbeiten 
nicht  vorkommt.  Vom  sechsten  Jahrhundert  an  gerät  die  etruskische  Goldschmiede- 
kunst ganz  in  das  Fahrwasser  der  jonischen.  Die  etruskischen  Gräber  haben  eine 
Fülle  wertvoller  Goldarbeiten  dieser  Zeit  der  Nachwelt  überliefert.  In  diesen  Ar- 
beiten überwiegt  das  technische  Interesse  meist  das  künstlerische;  die  Virtuosität, 
mit  der  die  Granulierung  und  Drahtlötung  hier  gehandhabt  wird,  ist  einer  Steige- 
rung überhaupt  nicht  mehr  fähig  und  in  dieser  Vollkommenheit  nicht  wieder 
erreicht  worden.  Die  auf  der  Tafel  abgebildeten,  aus  verschiedenen  Fundstätten 
stammenden  Beispiele  etruskischer  Herkunft  geben  eine  bessere  Vorstellung 
von  der  technischen  Höhe,  als  das  Worte  zu  tun  vermögen.  G 

Für  die  spätere  Zeit  haben  uns  die  Gräber  in  den  griechischen  Kolonien  Süd- 
ruglands  wertvolle  und  zahlreiche  Funde  beschert,  Schmuckstücke,  die  großenteils 
im  Lande  hergestellt  und  somit  als  jonisch-griechisch  zu  bezeichnen  sind,  unter 
denen  sich  aber  auch  viele  Importstücke  attischer  Herkunft  finden.  Doch  kommt 
Südrugland  nicht  ausschließlich  in  Betracht;  auch  in  Etrurien  und  Süditalien  sind 
manche  wichtigeFunde  griechischer  Arbeiten  gemacht  und  ganz  scheidet  auch  das 
eigentliche  Griechenland  und  Italien  nicht  aus.  So  enthält  ein  in  Jthaka  gefundener 
kleiner  Schatz  goldener  Schmuckstücke  schöne  und  wertvolle  Proben  griechischer 
Juwelierkunst.  Von  den  südrussischen  Funden  gehört  dem  fünften  Jahrhundert 
v.Chr.  neben  anderen  kleineren  Arbeiten  ein  großer  goldener  Köcherbeschlag  an, 
ein  prächtiges  Kunstwerk  mit  reichem  figürlichem  und  ornamentalem  Schmuck,  in 
der  Formgebung  ebenso  an  die  attische  Kunst  des  5.  Jahrhunderts,  speziell  die 

120 


.j)<|  KTRUSKISCHER 

GOLDSCHML'CK 


n  Abb.  104— 106:  Griechische  Ohrgehänge  D 

Parthenonskulpturen,  anknüpfend,  wie  eine  Reihe  silberner  Gefäße,  die  gleich  zu 
erwähnen  sind.  Noch  älter  ist  der  berühmte  Goldfund  von  Vettersfelde,  der,  wie 
die  stilistische  Behandlung  erweist,  inSüdruf^land  gearbeitet  ist.  Sein  Hauptstück, 
ein  großer  goldener  Fisch,  aus  dessen  Fläche  wieder  besonderer  Reliefschmuck 
herausgetrieben  ist,  zeigt  unverkennbar  archaisch-jonischen  Typus  |Abb.  111].  D 

Die  goldenen  Schmucksachen  des  vierten  Jahrhunderts  und  der  folgenden  Zeiten 
haben  das  Gemeinsame,  daf^  nicht  das  kostbare  Material  als  solches  eine  Rolle 
spielt,  sondern  daß  es  lediglich  auf  die  Form  ankommt  [Abb.  104 — 110].  Der  Ma- 
terialwert selbst  der  köstlichsten  Schmucksachen  des  griechischen  Altertums  ist 
sehr  gering.  Erst  in  römischerZeit  hat  man,  wie  es  scheint,  gern  mitschwerengol- 
denen  Schmucksachen  geprotzt.  So  finden  sich  unter  den  Armbändern  des  Gold- 
fundes von  Pedescia  unweitRoms,  der  einst  einer  vornehmcnDame  augusteischer 
Zeit  gehörte,  zwei  Stück,  deren  jedes  annähernd  ein  Pfund  wiegt.  D 

Eine  Übersicht  über  die  Juwelierarbeiten  der  hellenistischen  Zeit  zu  geben,  ist 
bei  dem  beschränkten  Raum  dieses  Buches  unmöglich;  wir  müssen  uns  mit  einigen 
allgemeinen  Andeutungen  begnügen,  die  den  Abbildungen  als  Erläuterungen  die- 
nen sollen.  Es  offenbart  sich  in  diesen  zierlichsten  WerkenantikenKunstgewerbes 
ein  Reichtum  an  Erfindung,  eine  Fülle  von  künstlerischen  Gedanken,  die  immer 
wieder  aufs  neue  in  Erstaunen  setzen.  In  technischer  Hinsicht  gibt  es  keine  Schwie- 
rigkeit, der  die  Künstler  nicht  gewachsen  wären.  Die  kleinsten  Ornamente  sind  mit 
absoluter  Sicherheit  durchgeführt  und  gerade  diese  Sicherheit  in  der  Herstellung 
des  Kleinsten  hat  den  antiken  Juwelieren  schon  im  Altertum  besonderen  Ruhm 
eingebracht.  Hier  hängen  an  zwei  scheibenförmigen  Ohrgehängen  ein  paar  winzige 
geflügelte  Elroten  an  Kettchen  herab,  dort  werden  kleine  Gefäj-^e  oder  längliche 
Tropfen  als  Bommeln  angewendet;  hier  ist  zwischen  Scheibe  und  Kettchen  noch  ein 
iialbmondi'()rmiges  Mittelglied  getreten,  an  dem  die  Kettchen  hängen  [ein  aus  der 
älteren  Juwelierkunst  übernommenes  Motiv|,  dort  fehlt  die  Scheibe  und  die  An- 
hänger sind  an  den  Halbmonden  oder  anders  gebildeten  Teilen  befestigt  |  Abb.  104 

121 


n  Abb.  107  u.  108:  Griechische  Halsketten  D 

bis  106].  Die  Rosetten,  Halbmonde  und  Anhänger  sind  durch  Granulierarbeit,  beson- 
ders aber  durch  aufgelötete,  feine  Filigrandrähte  in  zierlichstenMusterninsichver- 
ziert,  jedoch  mit  einem  solch  künstlerischen  Takt,  daß  stets  die  wohldurchdachte 
Form  desGanzen,  nicht  aber  dieFeinheit  derEinzelverzierung  in  erster  Linie  inter- 
essiert. Zur  Erhöhung  des  farbigen  Eindrucks  ist  buntes  Email  häufig  schon  seit 
dem  4.  Jahrhundert  angewendet,  ebenso  wie  sich  kostbare  Steine  und  Glasflüsse 
finden,  nicht  ihres  materiellen  Wertes  wegen  eingesetzt,  sondern  aus  rein  deko- 
rativen Rücksichten.  Zu  den  Ohrgehängen,  die  oft  eine  dem  modernen  Geschmack 
unverständliche  Größe  erreichen,  kommen  einfache  Ohrringe,  am  häufigsten  solche 
mit  Tierköpfen  an  der  Verbindungsstelle.  Halsbänder  sind  in  herrlichen  Beispielen 
auf  uns  gekommen:  solche  die  ringartig  um  den  Hals  schlössen,  oder  Ketten,  die  frei 
beweglich  auf  die  Brust  herabhingen.  Was  für  die  Ornamentik  der  Ohrringe  gesagt 
ist,  gilt  auch  für  die  Halsbänder.  Das  moderne  Kunstgewerbe  erscheint  ärmlich 
gegen  den  Reichtum  der  Erfindungskraft,  die  sich  hier  ausspricht.  Jedes  einzelne 
Stück  tritt  uns  als  persönliche  Schöpfung  eines  denkenden,  begabten  Künstlers 
entgegen,  jedes  einzelne  gibt  neue  Anregungen;  nicht  die  Renaissancezeit,  ge- 
schweige denn  unsere  Juwelierkunst,  hat  auch  nur  annähernd  die  antike  Juwelier- 
kunst erreichen  können.  Wir  erwähnen  endlich  Gürtel,  Gürtelschnallen  und  gol- 
dene Kränze.  Unter  diesen  ist  der  aus  Armento  [jetzt  in  München  befindliche]  weit- 
ausdas  besteStück.  DerKranz  ist  aus  einerunendlichenFülleverschiedenartigster 
Blätter  und  Blumen  gebunden,  aus  deren  Kelchen  Eroten  aufsteigen,  während  eine 
größere  Nike  mit  weitausgebreiteten  Flügeln  das  ganze  Schmuckstück  krönt.     D 

122 


□  Abb.  109  u.  110:  Griechische  Halsketten  D 

WährendGold,  entsprechend  seinem  höheren  Werte,  vorwiegend  zuSchmuck- 
sachen verarbeitet  wurde,  ist  das  SILBER  mit  Vorliebe  zurHerstelhing  kostbarer 
Gefäße  verwendet  worden.  Da  aber  das  Silber  der  Zersetzung  in  der  Erde  be- 
sonders stark  ausgesetzt  ist,  so  erklärt  es  sich,  daj^  auch  von  Silberarbeiten  aus 
dem  Altertum  verhältnismäfiig  wenig  erhalten  ist.  Das  gilt  besonders  von  den 
älteren  Perioden.  Erst  von  der  hellenistischen  und  namentlich  von  der  römischen 
Zeit  an  sind  die  Funde  von  Silbergefäjicn  reichlicher  und  gestatten  uns  einen  gleich- 
niäjiigeren  Überblick.  Noch  dem  fünften  Jahrhundert  v.  Chr.  gehört  ein  silbernes 
Trinkhorn  (Rhyton)  aus  Tarent  in  Form  eines  Hirschkopfes  an.eineOefätigattung, 
wie  sie  in  derselben  Zeit  und  später  auch  in  der  attischen  Keramik  gern  gebildet 
ist,  bei  deren  Besprechung  wir  sie  jedoch  nicht  erwähnt  haben.  An  dem  Trink- 
horn |Abb.  114J  ist  der  Kopf  mit  vollendeter  Naturtreue  wiedergegeben,  die  feine 
und  zierlicheBildungdes  jungen  Hirsches  aufs  glücklichste  empfunden;  besonders 
aus  Perlmutter  eingelegte  Augen,  schwarzes  Email  in  den  NasenKichern  und  Ver- 
goldung in  den  Ohren  steigerten  die  Lebendigkeit  des  Kunstwerks.  Um  die  Mün- 
dung läuft  ein  Fries  getriebener  Figuren  mit  einer  noch  nicht  gedeuteten  Szene 
der  Göttersage.  In  dieser  Gesamterscheinung  stellt  sich  das  TarentinerGefä(->  neben 
ein  zweites  Rhyton  mit  dem  Kopf  eines  Stierkalbs  und  eine  Reihe  anderer  silberner 
Gefälle  aus  der  Krim,  deren  bedeutendstes  die  Vase  von  Nikopol,  ein  herrlii-lu-s 
Stück  antiker  Silberschmicdcarbeit,  um  400  v.  Chr.  gearbeitet,  uns  in  einem  Hild- 
friese  Skythen  bei  der  Zähmung  und  Pflege  ilirer  Pferde  vorführt.  .Mle  diese 
Arbeiten  stehen,  wie  der  schon  erwähnte  goldene  Kiu-herbeschlag,  in  naluM-  He- 

1123 


n  Abb.  111:  Brustplatte  aus  dem  Goldfunde  von  Vettersfelde  □ 

Ziehung  zu  attischer  Kunst,  tragen  aber  dabei  ein  eigenes  Gepräge.  Die  Annahme 
scheint  berechtigt,  dag  sie  in  Jonien  gefertigt  worden  sind.  D 

Auch  aus  dem  fortschreitenden  vierten  und  dem  dritten  Jahrhundert  besitzen 
wir  namentlich  wieder  aus  Südrugland  und  aus  einem  Gesamtfunde  in  Tarent  vor- 
treffliche Silbergefäge  von  zum  Teil  zierlichsten  Formen  mit  reicher,  durch  ein- 
gesetzte Edelsteine  unterstützter,  und  überaus  geschmackvoller  Dekoration.  Das 
Hauptstück  ist  eine  noch  nicht  veröffentlichte  Schale  aus  Tarent,  deren  Reliefbild 
die  Gruppe  eines  Mädchens  im  Gespräch  mit  einem  Jüngling  zeigt,  während  rings- 
herumMasken  angebracht  sind;  dieseSchale  ist  um  dasJahr  300 v.Chr. gearbeitet. 
Von  jüngeren  hellenistischen  Silbergefägen  etwa  aus  dem  Jahre  150  v.  Chr.  seien 
zwei  Schalen  aus  Ägypten  erwähnt,  eine  mit  einem  Herakleskopf  von  leidenschaft- 
lichem Ausdruck  und  in  der  Formgebung  sehr  malerisch  gehalten  [Abb.  112|,  die 
zweite  mit  dem  Kopfe  einer  Mänade,  in  dem  sich  weibliche  Anmut  mit  kräftiger 
Durchbildung  der  Formen  zu  glücklicher  Zusammenwirkung  vereinen  [Abb.  113|. 

Aus  diesen  wenig  zahlreichen,  aber  künstlerisch  doch  bedeutenden  Stücken  ist 
es  gestattet,  den  Rückschlug  auf  eine  hohe  Blüte  der  Silberschmiedekunst  in  helle- 
nistischer Zeit  zu  ziehen,  der  uns  überdies  durch  zahlreiche  literarische  Nachrich- 
ten bestätigt  wird.  Hinzutreten  als  unmittelbare  Zeugen  die  früher  erwähnten 
Massen  von  Tonvasen  mitReliefschmuck,  die  unleugbar  Nachahmungen  kostbarer 
silbernerVorbilder  sind.  An  die  hellenistischen  Silberarbeiten  lägt  sich  aber  auch  un- 
mittelbar derHILDESHEIMER  SILBERFUND  anknüpfen,  der  bedeutendste  Silber- 
schatz, der  aus  dem  Altertum  auf  uns  gekommen  ist.  Die  Annahme,  der  Schatz 
sei  das  Silbergeschirr  desVarus,  das  dieser  in  der  Schlacht  im  Teutoburger  Walde 
verloren  habe,  lägt  sich  nicht  mehr  aufrecht  erhalten,  seitdem  erkannt  worden  ist, 
dag  sich  unter  seinenBestandteilen  Stücke  befinden,  die  frühestens  im  2.  Jahrhun- 
dert n.  Chr.  gearbeitet  sind,  provinziale  Arbeiten  von  verhältnismägig  geringem 
Kunstwert. DieHauptmassedesSchatzesgehört  allerdings  in  dieZeit  desAugustus 
und  für  sie  könnte  jeneAnnahme  bestehen  bleiben.  Zu  den  augusteischen  Stücken 
kommen  aber  griechische  Arbeiten  späthellenistischerZeitund  so  verbindet  dieser 

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Abb.  112  u.  113:  Medaillons  von  späihellenistischen  Silberschalen  D 

Fund  das  griechische  Kunstgewerbe  über  das  römische  mit  den  pro vinzialen  römi- 
schen Ausläufern.  Den  echt  hellenistischen  Stücken  des  Schatzes  gehört  die  weit- 
berühmte Athenaschale  an,  ein  Wunderwerk  der  Treibarbeit  |s.  Tafel].  Ihre  nahe 
Verwandtschaft  mit  den  Werken  des  pergamenischen  Kunstkreises  in  der  Behand- 
lung des  Gewandes,  dem  Interesse  für  schwere  Gewandmassen,  in  den  vollen 
fließenden  Formen  des  Körpers  legt  es  nahe,  in  dem  Künstler  einen  pergameni- 
schen Griechen  noch  des  2.  vorchristlichen  Jahrhunderts  zu  suchen.  Das  Haupt- 
stück der  augusteischen  Gruppe  ist  der  grof^e  Krater  [  s.  TafelJ.  In  der  Rankendeko- 
ration deutete  der  Künstler  auf  die  Bestimmung  des  Gefälles  hin,  indem  er  die 
Ranken  als  Wasserpflanzen  bildete  und  dem  ganzen  Ornamentbilde  den  Charakter 
einer  Szenerie  auf  dem  Meeresgrunde  gab.  Von  den  Ranken  lösen  sich  Schilf  blätter 
ab  und  an  ihren  Spitzen  öffnen  sich  Blüten,  in  deren  Kelchen  sich  allerlei  Seetiere 
festgesetzt  haben.  Andere  Tiere,  Hummern,  Krabben  usw.  schwimmen  durch  den 
Raum  hin  und  werden  von  Putten  gejagt,  die  auf  leichten  Ranken  sich  wiegend  mit 
der  Angel  und  dem  Dreizack  ihrer  Beute  nachstellen.  Das  ganze  Pflanzenwerk  in 
seinen  fließenden,  schwingenden  Linien  scheint  wie  von  der  flutenden  Strömung 
des  Wassers  ergriffen  und  wie  im  Wasser  schwankend  strebt  die  große  Blüte  auf 
leichtem  Stiel  in  die  Höhe.  In  diesem  Bilde  ist  der  Künstler  von  ähnlichen  Vor- 
stellungen ausgegangen,  wie  die  Maler  der  mykenischenVasen.  und  so  knüpfen  An- 
fang und  Vollendung  des  klassischen  Kunstgewerbes  unbewußt  aneinander  an. 
Auch  unter  den  übrigen  Stücken  der  augusteischen  Zeit  sind  meisterhafte  Werke; 
so  der  bekannte  Lorbeerbecher,  der  wieder  mit  mehreren  anderen  eine  Sonder- 
gruppe bildet,  bei  der  naturalistisch  gebildete  Blätterzweige  paarweis  geordnet 
um  die  Gefäßfläche  gelegt  oder  zwischen  figürlichen  Schmuck  gestellt  sind,  oder 
auch  für  sich  einzelne  Gefäßteile,  Henkel  und  Griffe  bilden.  Die  wundervolle,  ruhig 
maßvolle  Behandlung  des  Reliefs  läßt  den  Lorbeerbecher  als  eines  der  vornehm- 
sten Stücke  des  ganzen  Schatzes  erscheinen.  Andere  Gefäße  und  Geräte  verraten 
eine  mehr  klassizistische  Stilrichtung,  wie  sie  neben  der  rein-naturalistischen  für 
die  augusteische  Zeit  charakteristisch  ist.  Die  Ornamentik  der  Hildosheimer  Ge- 


125 


fäge  bietet  ebenso  wie  die  vollendet  schönen  Linien  der  Gefägumrisse  eine  un- 
erschöpfliche Quelle  künstlerischen  Reichtums.  Um  so  merkwürdiger  mug  es 
erscheinen,  dag  das  moderne  Kunstgewerbe  sich  fast  wie  absichtlich  der  Be- 
lehrung verschließt,  die  es  aus  den  antiken  Erzeugnissen  gewinnen  könnte.         D 

Über  den  Hildesheimer  Silberfund  hinaus  führen  eine  Anzahl  pompejanischer 
Silbergefäße  und  der  seit  einigen  Jahren  bekannte  Schatz  von  Boscoreale,  der  an 
Zahl  der  Stücke  dem  Hildesheimer  Fund  überlegen  ist,  an  Kunstwert  ihm  jedoch 
nachsteht.  In  seinen  Gefäßen,  wenigstens  in  einigen,  zeigt  sich  deutlich  eine  Stei- 
gerung der  gemäßigten  augusteischen  Stilrichtung.  Am  klarsten  wird  diese  Stei- 
gerung vielleicht  an  einem  Becher  mit  Olivenzweigen.  Im  Gegensatz  zu  dem 
Lorbeerbecher  mit  seiner  vornehmen  Ruhe  wirkt  dieser  Becher  durch  Kon- 
traste, durch  starke  Licht-  und  Schatteneffekte.  Der  dritte  große  Silberschatz 
des  Altertums,  der  von  Bernay,  enthält  neben  römischen  Arbeiten,  die  wie  alle 
vorgenannten  Gefäße  wohl  sicher  aus  griechischen  Toreutenhänden  hervorge- 
gangen sind,  auch  provinziale  Arbeiten  gallischer  Herkunft.  In  den  gallischen 
Arbeiten,  deren  wir  eine  große  Anzahl  besitzen,  klingt  die  Geschichte  der  Silber- 
schmiederei  aus  wie  in  den  gallischen  Sigillatagefäßen  die  Keramik,  nicht  in  min- 
derwertigen Leistungen,  aber  allmählich  sich  entfernend  von  den  Traditionen  des 
klassischen  Altertums.  D 

4.  TERRAKOTTEN 

Wenn  von  antiken  Terrakotten  die  Rede  ist,  pflegt  der  Laie  an  die  zierlichen 
Figuren  aus  Tanagra  [in  Böotien]  zu  denken  und  doch  bietet  Tanagra  nur  einen 
geringen  Bruchteil  des  Reichtums  antiker  Terrakotten.  Als  Rundfiguren,  figür- 
liche Reliefs  und  dekorative  Arbeiten  spielen  die  Terrakotten  eine  bedeutende 
Rolle  im  Kunstgewerbe,  ebenso  bedeutend  wie  die  Vasen  und  Arbeiten  in  Metall. 
Terrakottafiguren  sind  zu  aller  Zeit  im  Altertum  gearbeitet  worden,  als  Beigaben 
symbolischer  Bedeutung  wurden  sie  den  Toten  in  das  Grab  gelegt,  als  Weih- 
geschenke für  die  Götter  bildeten  sie  einen  billigen  Ersatz  statt  reicherer  Gaben, 
als  Spielzeug  gab  man  sie  den  Kindern  in  die  Hand,  als  Schmuckstücke  stellte  man 
sie  in  den  Zimmern  wie  Nippsachen  auf.  D 

Die  primitiven  Versuche  der  geometrischen  Zeit,  Figuren,  mit  der  Hand  geknetet 
und  gleich  den  Gefäßen  mit  Firnisfarbe  bemalt,  wurden  durch  die  jonischen  Künstler 
in  neue  Bahnen  gelenkt.  Zu  derselben  Zeit,  als  die  samischen  Künstler  den  Hohl- 
guß auf  Bronzefiguren  anwandten,  kamen  statt  der  massiven  Terrakotten  hohl- 
geformte auf  und  die  so  geformten  Terrakotten  bildeten  hinfort  die  Regel,  abge- 
sehen besonders  von  ganz  kleinen  Figuren,  die  hohl  zu  zerbrechlich  gewesen  sein 
würden.  In  eine  Doppelform,  deren  eine  Hälfte  die  Vorderseite,  deren  andere  die 
Rückseite  der  Figur  enthielt  (wie  sie  uns  noch  vielfach  erhalten  sind],  wurde  der 
Ton  gestrichen  und  die  beiden  Hälften  aufeinandergepaßt.  Gewöhnlich  zeigen  die 
Figuren amRücken  eineviereckige  oder  ovale,  oftziemlich  großeOffnung.  Siewar 
nötig,  damit  sich  beim  Brennen  der  Ton  leichter  zusammenzog,  ohne  daß  sich  die 
Figur  selbst  zu  stark  veränderte.  Wennschon  aus  Hohlformen  in  kürzester  Zeit 
gleichartige  Figuren  massenhaft  herzustellen  waren,  so  sind  diese  doch  gewöhn- 
lich nicht  in  unserem  Sinne  Massenartikel,  denn  dem  Brande  ging  wenigstens  bei 

126 


besseren  Stücken  eine  sorgfältige  Nachmodellierung  voraus.  So  ist  auch  hier,  wie 
bei  den  Bronzezieraten,  fast  jede  Terrakotta  eine  persönliche  Leistung  des  Künst- 
lers, nur  dag  er  sich  zu  seiner  Erleichterung  der  Form  bediente.  Mit  der  Über- 
nahme der  neuen  Technik  wurde  die  Terrakottaplastik  zu  einem  selbständigen 
Zweige  des  Kunstgewerbes,  während  sie  früher  im  engsten  Zusammenhange  mit 
derTöpferei  gestanden  hatte.  Statt  derBemalungmitFirnisfarbeward  eine, wie  es 
scheint,  aus  der  Polychromie  der  Marmorskulptur  abgeleitete  Technik  aufgenom- 
men: man  gab  denFiguren  einen  weigen,  kreidigenÜberzug  und  hob  die  einzelnen 
Teile  durch  Abdecken  mit  buntenFarben  hervor,  unter  denenRot  undBlau  in  kräf- 
tigen Tönen  bevorzugt  wurden.  D 
Obgleich  naturgemäß  in  der  alten,  ernster  denkenden  Zeit  unter  denDarstellun- 
genGötterbildervorwiegen|Abb.ll5],  kennen  wir  doch  schon  aus  dem  Anfange  des 
5.  Jahrhunderts  genrehafte  Darstellungen  wie  den  Garkoch  und  die  Bäckerin  aus 
Tanagra  [Abb.  118  und  119|  und  den  berühmten  Barbier  von  dort.  Aber  erst  in  der 
aufgeklärten  Zeit  des  4.  Jahrhunderts  werden  Vorwürfe  des  täglichen  Lebens  häufi- 
gerund  indiesen  Aufgaben,  dienicht  der  Kultus,  sondern  das  Leben  stellte,  gelangte 
die  Terrakottabildnerei  auf  die  Höhe  ihres  Schaffens.  Die  Fabrikation  war  aber 
durchaus  nicht  nur  auf  Tanagra  beschränkt,  vielmehr  kennen  wir  eine  ganze  Reihe 
von  Kunststätten,  deren  Erzeugnisse  von  nicht  geringerem  Kunstwert  sind.  Die  Dar- 
stellungen von  Terrakotten  aus  Tanagra  halten  sich  den  Stoffen  nach  in  ziemlich 
engen  Grenzen,  vorwiegend  auf  dem  Gebiete  des  Frauen-  und  Kinderlebens:  an- 
mutige Frauengestalten,  sitzend  [vgl.dieTafelJ,  stehend,  schreitend  oder  tanzend, 
zuweilen  durch  eine  besondere  Zutat  als  mythologische  Figuren  charakterisiert, 
Putten  mit  angesetzten  Flügeln  und  so  als  Eroten  aufgefaf;t,  schwebend  oder  flie- 
gend in  schelmischer  Munterkeit,  sind  das  Zierlichste  an  Kleinplastik,  was  auf  uns 
gekommen  ist.  Von  den  Erzeugnissen  der  korinthischen  Tonplastik  erlaubt  uns  der 
RaumnichtmehralseineFigurwiederzugeben|  Abb.  116|,  ein  Mädchen,  das  sinnend 
den  Kopf  gesenkt  hat  und  nach  einem  kleinen,  schwancnartigen  Vogel  blickt,  den 
es  mitderHandan sichdrückt,  eineFigurvonhöchsterSchönheit  undvongröf^erem 
Wurf  als  die  tanagräischen  Figuren.  Dieser  gröljsere  Zug  geht  durch  viele  Figuren 
der  korinthischen  Tonindustrie.  Wieder  anders  sind  die  Terrakotten  aus  Megara 
gehalten.  Mit  meisterhaften  Figuren  ist  Athen  beteiligt.  Hier  vereinigten  sich,  be- 
sonders im  4.  Jahrhundert,  die  Vasentöpferei  und  Terrakottaindustrie,  indem  statt 
der  Bemalung  plastische  Gruppen  an  derVorderseite  derGefäf>e  angebracht  wur- 
den. Peines  der  bedeutendsten  Gcfäfic  der  Art  zeigt  Ajilirodito  neben  einem  Eros, 
während  ein  zweiter  schwebender  Eros  im  Begriff  ist,  sich  neben  ilir  niederzulassen. 
AndereGefäl3e  bieten  Liebespaare,  mythologische  Genrebilder  usw.  AuchFiguren 
der  Komödie  hat  die  attische  Terrakottaplastik  mit  X'oriiebe  dargestellt  und  in 
den  diesen  Typen  verwandten  Karikaturen  [besonders  beliebt  sind  alte  hälUiche 
Frauen]  hat  Athen  neben  Tanagra  Vortreffliches  geleistet.  Die  kleinasiatischen 
Arbeiten  kennen  wir  hauptsächlich  durch  die  Nekropole  von  Myrina.  Hier  sind 
besonders  Gruppen  und  sciiwebiMuie  grci|->ere  I-'iguren  von  gro{->er  Anmut  gebildet 
worden;  sehr  gepflegt  wurde  auch  liier,  wie  überall  in  hellenistischer  Zeit,  die 
Karikatur,  deren  Beispiele  aus  KltMimsicn  /.ahllos  sind.  Ki'tstlii'he  Arbeiten  sind  in 

127 


jüngster  Zeit  in  Priene  zutage  ge- 
kommen, am  bedeutendsten  viel- 
leicht ein  Dornauszieher  [Abb. 
117|,  eine  realistische  Umbildung 
des  bekannten  Motivs,  dessen  äl- 
tester Vertreter  die  berühmte 
Bronzefigur  des  Dornausziehers 
imkapitolinischenMuseum  inRom 
[5.  Jhdt.  V.  Chr.]  ist.  Wir  müssen 
es  uns  versagen,  auf  die  unter- 
italischen Terrakotten,  unter  de- 
nen sichmanchebemerkenswerte 
Kunstwerke  befinden,  näher  ein- 
zugehen. Auch  können  wir  nur 
kurz  die  mannigfachen  kleinen 
Tonreliefsberühren,  wie  diemeist 
dem  5.  Jahrhundert  v.  Chr.  ange- 
hörenden sog.  melischen  Grup- 
pen,bei  denen  derReliefgrund  den 
Außenkonturen  entlang,  oft  auch 
im  Innern  derDarstellung  wegge- 
D  Abb.ii4:RhytonvonTarent  □  Schnitten  ist,  uud  andere  Spätere 

Reliefs,  die  zum  Schmuck  von  Holzkästen,  Sarkophagen  und  anderem  dienten.  D 
In  der  Architektur  spielte  die  Terrakotta  besonders  im  7.  und  6.  Jahrhundert 
V.  Chr.  eine  Rolle,  bevor  man  zum  kostbaren  Marmorbau  überging.  So  kennen  wir 
ganz  in  der  schwarzfigurigen  Vasentechnik  bemalte  Metopen  und  Verkleidungen 
hölzerner  Architekturglieder  und  so  sind  uns  aus  Jonien,  und  in  Nachahmung 
jonischer  Sitte  besonders  aus  Etrurien,  buntbemalte  Relieffriese  und  Stirnziegel 
verschiedenster  Art  erhalten:  wichtige  und  bedeutende  Denkmäler  der  altertüm- 
lichen Kunst;  eine  Gattung  des  Kunstgewerbes,  deren  Pflege  in  Griechenland  mit 
der  Einführung  des  Marmorbaus  abkam,  aber  in  Italien  stets  in  Geltung  blieb,  um 
in  der  erstenKaiserzeit  eine  neue  Blüte  zu  erleben.  Ihr  gehören  die  nach  der  Samm- 
lung Campana  Campanareliefs  genannten  Kunstwerke  [Abb.  120]  an,  Platten  von 
durchschnittlich 30 cmHöhe  undverschiedenerBreite,  wie  siekleinereHeiligtümer 
und  Grabbauten,  Altäre  und  Privathäuser  zierten.  Die  eine  Gruppe,  oft  sehr  zierliche 
und  anmutige,  nachweislich  von  griechischer  Hand  gearbeitete  Platten,  zeigt  das 
Nachleben  griechischer  Kunsttraditionundgriechischer  Stoffe  mit  überraschender 
Deutlichkeit,  die  andere  Gruppe,  römische  Arbeiten,  bevorzugt  Bilder  speziell  rö- 
mischen Interesses,  wie  Triumphzüge,  Zirkus-  und  Amphitheaterszenen.  Als  de- 
korative Arbeiten  stehen  selbst  die  geringsten  von  ihnen  hoch  über  den  modernen 
Kunstschöpfungen  verwandter  Bestimmung.  D 

Wir  erwähnen  am  Schlug  der  kurzen  Übersicht,  daß  Terrakotta  auch  zur  Her- 
stellung billigen  Schmuckes  verwendet  wurde.  Mit  Goldschaum  überzogene  zier- 
liche Kettenglieder  und  Anhänger  sind  uns  aus  Gräbern  vielfach  erhalten  und  mit 

128 


k 


TERRAKOTTA 
AUS  TANAGRA 


Attisclic  Turiakottagruppe,  Göttin  zwischen 
zwei  stehenden  Figuren,  die  rechte  abgebrochen.  6.  Jahr- 
D  hundert  v.  Chr.  □ 


dieser  billigen  Ware  wird  man  nicht 
nur  dieTotenalleinbedachthaben, son- 
dern sie  wird  von  den  Armeren  auch 
im  Leben  getragen  worden  sein.  D 
5.  GEMMEN 

DieWiederbelebung  derGemmen- 
schneidekunst,  die  seit  der  glänzen- 
den Zeit  der  mykenischen  Epoche  zu- 
nächst keine  nennenswerten  Erfolge 
aufzuweisen  hatte,  ging  im  6.  Jahrhun- 
dert v.Chr.  von  den  Joniernaus  im  An- 
schlug an  die  Beziehungen,  die  sie  zu 
den  großen  Kulturzentren  des  Orients 
unterhielten.  Die  Blüte  der  jonischen 
Glyptik  im  6.  Jahrhundert  ist  uns  auch 
literarischbezeugt.  Jedermann  kennt 
den  Ring  desTyrannen  Polykrates  von 
Samos,  und  von  Theodoros  von  Samos 
ist  ein  wahresWunderwerk  von  Klein- 
arbeit in  Stein  erwähnt.  So  wird  mit 
Recht  angenommen,  dag  von  den  alter- 
tümlichen griechischen  Gemmen  die 
Mehrzahl  jonischer  Herkunft  ist,  wenngleich  es  auch  an  festländisch-griechischen 
Künstlern  nicht  lange  gefehlt  haben  wird.  D 

Die  Form  der  ältesten  griechischen  Steine,  die  auf  die  Bezeichnung  von  Kunst- 
werken Anspruch  erheben  können,  ist  gewöhnlich,  im  Anschlug  an  ägyptische  Vor- 
bilder, der  Skarabäus.  Der  Länge  nach  durchbohrt,  wurde  derStein  an  goldenem, 
silbernem  oder  eisernemBügel  getragen,  seine  flache,  ovale  Unterseite  zierte  das 
eingegrabeneBild.  Wir  kennen  schon  aus  der  erstenZeitKünstler,  die  ihrenNamen 
auf  den  Stein  setzten.  Karneol,  Chalzedon,  Achat,  Sardonyx  sind  die  Steinarten,  die 
mitvoller  Beherrschung  der  Radtechnik  zuGemmenverwendetwerden.  Unendlich 
fein  und  scharf  sind  diese  altertümlichen  Steine  in  der  Ausführung.  Eine  groge 
Rolle  spielt  in  den  Darstellungen  die  Götterwelt,  besonders  Hermes,  Herakles  und 
die  Silene.  Es  war  nicht  leicht,  auf  dem  ovalen  Raum  die  Figur  glücklich  zu  kom- 
ponieren und  so  wurde  mit  Vorliebe  die  kniende  Stellung  benutzt,  weil  sie  zur 
Ausfüllung  des  Rundes  am  besten  geeignet  erschien  |vgl.  Tafel |.  D 

Griechische  Gemmen  des  fünften  Jahrhunderts  sind  nicht  häufig,  aber  doch  ge- 
nügend zahlreich,  um  den  Wandel  in  diesem  Zweige  des  Kunstgewerbes  festzu- 
stellen. Als  Hauptmaterial  wurde  Chalzedon  bevorzugt,  wahrem!  Karneol  und  Sar- 
donyx an  Beliebtheit  zurücktraten.  Die  reine  Skarabäenform  kam  gleichfalls  ab 
und  statt  dessen  wurde  nur  die  allgemeine  Form  des  Skarabäus  beibehalten,  die 
wir  Skarabäoid  zu  nennen  pflegen,  Steine  mit  einer  flachen  und  einer  gewiUbten 
Seite.  Eine  grögere  Mannigfaltigkeit  der  Motive  tat  sich  im  fünften  Jahrhundert 
kund,  entsprechend  dem  Fortschreiten  derKunst  überhaupt,  uiui  ein  andererGeist 

9  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  129 


zog  in  die  Darstellungen  ein.  Waren  früher  Göt- 
ter, Heroengestalten  und  Dämonen  die  beliebte- 
sten Gegenstände,  sobleiben  aus  der  Götterwelt 
nur  noch  Aphrodite  und  Eros  als  bevorzugt  übrig 
und  Bilder  des  täglichen  Lebens  greifen  mehr 
und  mehr  um  sich,  musizierende  Frauen  oder  sol- 
che, die  mit  Tieren  spielen,  Jünglinge  zuPferde, 
Athleten  usw.  Mit  das  bedeutendste,  was  diese 
Zeit  in  der  Glyptik  geleistet  hat,  sind  Tierdar- 
stellungen, wilde  Tiere  allein  oder  mit  anderen 
zahmen,  über  die  sie  herfallen,  zu  ausdrucks- 
vollen Gruppen  komponiert,  köstliche  Pferde- 
darstellungen, von  Vögeln  namentlich  meister- 
haft Kraniche  und  Reiher  [vgl. Tafel].  Unter  den 
Tierdarstellungen  sind  die  Werke  des  Dexame- 
nos  von  Chios  die  hervorragendsten,  des  einzigen 
Gemmenkünstlers  dieser  Zeit,  dessen  Persön- 
lichkeit wir  einigermaßen  fassen  können,  seine 
Heimat  Chios  ein  Zeichen  dafür,  dag  auch  in  die- 
ser Zeit  die  jonische  Glyptik  ihren  alten  Ruhm 
aufrecht  erhielt.  Von  ihm  stammt  auger  Tierdar- 
stellungen als  eines  seiner  älteren  noch  stren- 
Abb.  116:  Stehendes  Mädchen  aus  Korinth  gereu  Werke  um  440  V.  Chr.  ein  Mädchen,  dem 
eine  Dienerin  den  Spiegel  vorhält,  eine  Szene,  wie  sie  auf  griechischen  Grabreliefs 
nicht  selten  zu  finden  ist,  und  ein  prächtiger  Männerkopf,  eines  der  besten  Por- 
träts des  fünften  Jahrhunderts,  das  auf  uns  gekommen  ist.  D 
In  der  hellenistischen  Zeit  ändert  sich  wieder  der  Geschmack  [vgl.  Tafel]. 
Die  Skarabäoidform  kommt  ab  und  der  flache  Ringstein,  dessen  unbearbeitete 
Unterfläche  leicht  konvex  ist,  wird  üblich.  Edle  Steine  werden  jetzt  besonders  be- 
vorzugt. Leider  ist  die  Zuteilung  zahlreicher  Steine  an  die  hellenistische  Epoche 
durchaus  nicht  gesichert.  Soweit  wir  nach  den  Steinen  urteilen  können,  die  sich 
durch  ihre  Inschriften  zeitlich  annähernd  datieren  lassen,  wurde  in  dieser  Zeit  das 
Porträt  sehr  bevorzugt.  Von  dem  Steinschneider  Pyrgoteles  ist  uns  überliefert, 
dag  Alexander  der  Groge  ihn  besonders  schätzte  und  von  niemand  anderem  als 
ihm  in  Stein  geschnitten  sein  wollte.  Fast  alle  mit  Künstlersignaturen  versehenen 
Steine,  wie  die  des  Lykomedes,  Daidalos,  Skopas,  sind  Porträtgemmen.  Daneben 
sind  uns  aber  zahlreiche  Gemmen  erhalten  geblieben,  die  in  den  Stoffen  der  Dar- 
stellung einen  charakteristisch-hellenistischen  Zug  an  sich  tragen,  Bilder  aus  dem 
Kreise  des  Dionysos  und  der  Aphrodite,  besonders  Eros  in  seinem  Verhältnis  zu 
Psyche, Hermaphroditen  und  die  speziell  alexandrinischenBilder  von  ägyptischen 
Gottheiten,  wie  die  des  Sarapis,  der  Isis  usw.  D 
In  Rom  war  das  Interesse  an  wertvollen  Gemmen  schon  in  den  letzten  Jahr- 
zehnten der  Republik  sehr  bedeutend.  Wir  hören  von  mannigfachen  Gemmen- 
sammlungen dieserZeit,  die  sich  die  Vornehmen,  wie  Julius  Caesar,  Pompejus  u.a. 

130 


EÜTYCHES  D      D      ü      ASPASIo.^ 

ATHENA  D  ATHENA  PARTHENO? 


SOG.  OEMMA  AUOUSTEA 


C^  ANTIKE  GEMMEN 

L^-S^  UNI)  KAMEEN   D 


anlegten  und  die  sie  an  allgemein  zugäng- 
lichen  Stellen  aufstellten.  Es  ist  daher 
kein  Wunder,  wenn  dieGlyptikin  der  Zeit 
des  Augustus  sich  besonderer  Vorliebe 
erfreute.  Wir  besitzen  aus  der  früheren 
Kaiserzeit  unzählige  Steine  von  vorzügli- 
cher Qualität,  die  entsprechend  der  Kunst- 
richtung jener  Zeit  ihrem  Wesen  nach 
griechisch  sind  und  größtenteils  von  grie- 
chischen Künstlern  in  Rom  gearbeitet 
wurden.  Bald  sind  es  Motive  der  eigent- 
lich klassischen  Kunst,  die  wir  auf  den 
Steinen  wiederfinden,  oft  Kopien  berühm- 
ter Werke  von  Künstlern  des  5.  Jahrhun- 
derts, bald  Motive  echt  hellenistischer 
Art,  so  dag  es  häufig  nicht  möglich  ist,  die 
Steine  dieser  oder  derhellenistischenPe- 
riode  mit  Sicherheit  zuzuweisen.  Glas- 
pasten, d.h.  billige  Glasflüsse,  die  als  Er- 
satz für  geschnittene  Steine  dienten,  sind 
in  der  ersten  Kaiserzeit  massenhaft  her- 
gestellt worden.  Wir  können  diese  Tech- 
nik bis  in  die  archaische  Zeit  hinauf  zu- 
rückverfolgen. Aber  aus  augusteischer 
Zeit  besitzen  wir  besonders  schöne  und  sorgfältig  gearbeitete  Exemplare  dieser 
Kunstgattung,  Nachahmungen  gleichzeitiger  Meisterwerke  der  Glyptik.  Wir  müs- 
sen uns  darauf  beschränken,  von  den  Steinen  dieserZeit  einige  mit  Künstlersigna- 
turen wiederzugeben  |  vgl.  Tafel].  Am  bedeutendsten  sind  die  des  Dioscorides,  von 
dem  sich  Augustus  die  Siegel  mit  seinem  Porträt  herstellen  \\c%.  Ein  Diomedes  mit 
dem  Palladion,  zwei  stehende  Hermesfiguren,  ein  Kopf  der  Jo  von  wunderbarer 
Schönheit  der  Arbeit  zeigen,  daf^  Dioscorides  die  Vorbilder  seiner  Schöpfungen 
zumeist  den  klassischen  Werken  des  fünften  Jahrhunderts  entnahm.  Nicht  ge- 
ringer als  Gemmenschneider  waren  seine  Söhne  Eutychesund  Hyllos ;  von  Eutyches 
besitzt  die  Berliner  Sammlung  einen  leider  zerbrochenen  Bcrgkristall,  der  das 
virtuoseste  in  Tiefschnitt  ist,  das  überhaupt  aus  dem  Altertum  auf  uns  gekommen 
ist,  das  Brustbild  einer  behelmten  Athena  |  vgl.  Tafel  |.  Am  bekanntesten  ist  der 
Künstler  Aspasios  durch  seine  Gemme  mit  der  Kopie  des  Kopfes  der  Athena  Par- 
thenos  in  Wien  geworden,  eines  der  wichtigsten  Hilfsmittel  zur  Rekonstruktion 
des  phidiasischen  Originales  |vgl.  Tafel].  Andere  hervorragende  Künstler  dieser 
Zeit  sind  Apollonios,  Anteros,  Pamphilos  und  Teukros.  D 

Seit  dem  6.  Jahrhundert  v.  Chr.  haben  sich  an  der  Genimenfabrikation  in 
grof^em  Mafistabe  die  Etrusker  beteiligt,  wie  in  allen  übrigen  Zweigen  des  Kunst- 
gewerbes auch  hierin  die  Schüler  der  jonischen  Griechen.  Namentlich  in  der  älteren 
Zeit  sind  die  etruskischen  Skarabäen,  überwiegend  Karneole,  von  großer  Schön- 

9*  i:n 


\bb.  117:  Dornauszieher  aus  Priene 


□  Abb.  118  u.  119:  Garkoch  und  Bäckerin  aus  Tanagra  D 

heit  und  erreichen  anFeinheit  oft  die  griechischen  Originalarbeiten.  Bis  in  den  An- 
fang des  vierten  Jahrhunderts  hinein  hat  die  etruskischeGlyptik  geblüht;  in  dieser 
Zeit  bildet  sich  eine  besondere  Gattung  italischer  Gemmen  aus,  die  als  kunstge- 
werbliche Leistungen  zu  besprechen  außerhalb  des  Rahmens  unseres  Themas  liegt. 
Während  man  unter  Gemmen  Steine  und  Glaspasten  mit  vertieft  geschnittenen 
Bildern  versteht,  bezeichnet  man  als  KAMEEN  Steine  mit  Reliefbildern.  Die  Ka- 
meen sind  eine  Erfindung  der  Zeit  nach  Alexander  dem  Großen.  Das  Material  ist 
fast  ausnahmslos  Sardonyx,  ein  Stein,  der  wie  der  Achat  in  seinen  verschiedenen 
Abarten  zwei  und  mehrere  Farbschichten  übereinander  mit  einer  bräunlichen 
Grundschicht  aufweist.  Aus  der  oberen  milchweißen,  helleren  Schicht  wurde  das 
Relief  herausgeschliffen,  während  die  untere  als  Grund  stehen  blieb.  Hatte  der 
Stein  mehr  als  zwei  Schichten,  so  konnten  diese  zur  Erzielung  größerer  Farben- 
effekte in  das  Relief  einbezogen  werden.  Als  Mittelpunkt  der  hellenistischen  Ka- 
meenfabrikation wird  mitRecht  Alexandria  angesehen.  Hier  ist  dieherrliche'tazza 
Farnese' gearbeitet  worden,  eine  aus  einem  einzigenSardonyxgeschnitteneSchale, 
hier  vielleicht  der  nicht  weniger  berühmte  zweihenkligeBecher  im  Louvre,die  'coupe 
des  Ptolemees',  sowie  die  sogenannten  Ptolemäerkameen.  Von  den  bekannten 
Meistern  gehören  anscheinend  ein  Athenion  und  ein  Boethos  dieser  Epoche  an. 
Eine  zweite  Blüte  erlebte  die  Kameenfabrikation  in  der  ersten  römischen  Kaiser- 
zeit bis  in  die  Zeit  des  Nero  hinein.  Wir  besitzen  unter  den  Prachtstücken  dieser 
Zeit  einmal  eine  ganze  Reihe  mitPorträts  des  julisch-claudischen  Herrscherhauses, 
wie  die  alexandrinischen  nicht  wieder  erreichte  Arbeiten  der  Steinschneidekunst. 
Das  glänzendste  Stück  ist  die  Gemma  Augustea  in  Wien,  neben  dem  berühmten 
Pariser  Kameo  auch  das  umfangreichste  [s.  Tafel].  Um  das  Jahr  12  n.Chr.  gefertigt, 
stellt  sieAugustus  alsHerrscher  der  Welt  nebenRoma  thronend  dar,  umgeben  von 
den  Göttern  der  Erde  und  des  Meeres  und  den  Prinzen  des  kaiserlichen  Hauses 
[Tiberius  und  Germanicus];  im  unteren  Streifen  errichten  römische  Krieger  eine 
Trophäe  über  gefangenen  Pannoniern  und  ihren  Frauen.  Andere  Kameen  mit 
mythologischen  Darstellungen  tragen  einen  ausgesprochen  malerischen  Charakter 

132 


D  Abb.  12Ü;  SotJcnanntes  CampaiKirelii'f  D 

und  schließen  sich  in  Stoff  und  Formgebung  den  hellenistischen  Vorbildern  an. 
Auch  ganze  Gefäße  sind  aus  der  römischen  Kaiserzeit  auf  uns  gekommen.  Die 
berühmtesten  uns  bekannten  Kameenkünstler  zur  Zeit  des  Augustus  waren  der 
schon  erwähnte  Dioscorides  und  seine  Söhne  Hyllos  undHerophilos.  Die  meister- 
haften bezeugten  Arbeiten  des  Dioscorides,  ausgezeichnet  durch  Zartheit  und 
Weichheit  der  Oberflächenbehandlung,  haben  dazu  geführt,  auch  von  den  besten 
Porträtgemmen  einige,  sowie  auch  die  erwähnte  GemmaAugustea  seiner  Hand  zu- 
zuschreiben. Jedenfalls  waren,  wie  in  den  meisten  Zweigen  des  Kunstgewerbes 
so  auch  in  der  Glyptik  die  Griechen  in  Rom  die  führenden  Künstler.  D 

6.  GLAS  D 

Die  Erfindung  des  Glases  und  seine  Geschichte  in  Ägypten  ist  bereits  oben 
behandelt  worden.  In  Griechenland  sind,  wie  es  scheint,  keine  Gläser  hergestellt 
worden.  Zwar  werden  vereinzelt  in  der  Überlieferung  für  Griechenland  Gläser 
erwähnt,  doch  läßt  es  sich  nicht  erweisen,  daß  sie  auch  in  Griechenland  gefertigt 
sind.  Bis  um  Christi  Geburt  ist  vielmehr  der  Mittelpunkt  für  die  Glasfabrikation 
Syrien  undÄgypten  geblieben,  speziell  Alexandrien.  Von  dort  her  kam  die  Kunst- 
fertigkeit am  Ende  der  Republik  zu  den  Riunein.  Unter  Augustus  begann  man  Glas 
zu  machen,  zuerst  in  Campanien,  wo  sich  der  geeignetste  Sand  zu  seiner  Bereitung 
fand.  Bald  konnte  man  mit  Alexandrien  wetteifern  und  die  Glaspreise,  die  früher 
unerschwinglich  gewesen,  sanken  so,  daß  man  jetzt  Gläser  für  billiges GeUl  haben 
konnte.  In  Rom  sind  die  ersten  Glashütten  unter  Tiberius  entstanden  und  von  der 
Mitte  des  1.  Jahrhunderts  n.  Chr.  ab  war  das  o-ewöhnliche  tjrünliche  Glas  neben 


133 


Tongeschirr  und  bronzenen  Küchengeräten  ein  allgemein  verbreiteter  Gebrauchs- 
artikel. Unter  den  ersten  Kaisern  verbreitete  sich  die  Industrie  geblasener  Gläser 
nach  den  westlichen  Provinzen,  an  denRhein  und  nach  Gallien  [wo  gegossenes  Glas 
allerdings  durch  alexandrinischen  Import  schon  längst  bekannt  war]  wie  nach 
Spanien  und  nach  Britannien.  Am  Rhein  war  der  Hauptsitz  der  Glasindustrie  Köln, 
von  wo  Tausende  von  Gläsern,  von  der  einfachsten  Gebrauchsware  bis  zu  den 
feinsten  Luxusgefägen,  auf  uns  gekommen  sind.  In  den  Provinzen  nahm  die  In- 
dustrie einen  gewaltigen  Aufschwung  und  überflügelte  die  italische  derart,  dag 
die  gallisch -rheinischen  Glashütten  etwa  von  der  Mitte  des  2.  Jahrhunderts  ab 
neben  Alexandrien  die  Führung  und  Weiterbildung  der  Industrie  übernahmen. 

Aus  der  Fülle  der  Erscheinungen,  die  uns  die  antike  Glasfabrikation  bietet, 
können  hier  natürlich  nur  die  für  das  Kunstgewerbe  wichtigsten  hervorgehoben 
werden  [vgl.  Tafel].  Unter  den  buntfarbigen  Gläsern  sind  Mosaikgläser,  Bandgläser 
und  Überfanggläser  die  Hauptgattungen.  Die  MOSAIKGLÄSER  oder  Millefiori- 
gläser.wie  sie  mit  dem  der  venezianischen  Industrie  entlehnten  Namen  bezeichnet 
werden,  —  gewöhnlich  halbkugelige  Schalen  ohne  Fuß  und  Henkel  —  haben  ihren 
Ursprung  inAgypten  und  sind  von  dort  in  Italien  eingeführt  worden,  wo  sie  haupt- 
sächlich in  der  ersten  Hälfte  des  1.  Jahrhunderts  v.  Chr.  gearbeitet  wurden.  Man 
unterscheidet  verschiedene  Arten  von  Mosaikgläsern.  Die  einen  sind  aus  Ab- 
schnitten von  Stabbündeln  zusammengesetzt,  in  welchen  Glasfäden  verschiedener 
Farbe,  oft  einzeln  oder  in  Gruppen,  mit  einem  Überfange  [d.  h.  Glasüberzug]  ver- 
sehen, nach  bestimmten  Mustern  nebeneinander  gelegt  und  durch  einen  gemein- 
samen röhrenartigen  Überfang  verbunden  wurden.  Die  daraus  durch  Quer-,  Schräg- 
und  Längsschnitte  gewonnenen  Plättchen  und  Streifen  dienten,  teils  in  Metall  ge- 
faßt als  Schmucksachen,  teils  wurden  sie  in  Hohlformen  nebeneinander  gelegt  und 
durch  eine  von  innen  eingefügte  Glasblase  zu  einer  Schale  verbunden.  Pressung 
und  Schliff  vollendeten  sie.  Die  Muster  sind  entweder  regelmäßige  Sternchen  und 
Streublumen  oder  unregelmäßige  Flecken  und  Bänder  aus  spiralförmig  aufge- 
rollten, mehrfach  überfangenen  Streifen  geschnitten,  die  sog.  Madreporengläser. 
Anstatt  der  Stabbündel  verwandte  man  auch  eine  bunte,  durch  Splitter  und  Ab- 
fälle verschiedener  Glassorten  hergestellte  Masse,  welche,  aufs  neue  zusammen- 
geschmolzen, sich  zumBlasen  von  Gefäßen  mit  allerlei  Zufallsmustern  verwenden 
ließ  [Lamination].  Die  bestenSorten  sind  jedoch  nicht  durchBlasen, sondern  durch 
das  Herausschleifen  aus  der  Masse  in  erkaltetem  Zustande  gewonnen  worden.    D 

Die  BANDGLASER  sind  Kugelbecher,  Kannen  und  Flaschen,  die  man  durch 
Längsschnitte  aus  mehrfarbigen  Stabbündeln  verziert  hat.  Oft  enthält  ein  Band 
in  durchsichtigem  Überfange  farbige  Streifen;  durch  spiralförmige  Drehung  ver- 
strickten sich  diese  innerhalb  der  durchsichtigen  Masse  [filigranierte,  Petinet- 
und  Reticellagläser].  Onyxgläser  sind  aus  der  Mischung  von  verschiedenfarbigen 
Glasstücken  hervorgegangen,  welche  im  heißflüssigen  Zustande  beim  Ausblasen 
in  drehende  Bewegung  geraten  und  sich  rhythmisch  zu  Wellenbändern  ausdehnen, 
wie  etwa  die  Farben  einer  Seifenblase.  D 

Die  bedeutendsten  bunten  Gläser  sind  die  ÜBERFANGGLÄSER.  Sie  bestehen 
aus  zwei  Glaslagen,  deren  untere  meist  blau  ist,  während  die  'überfangende'  obere 

134 


Gl  •  ÜBERFANGGLAS 

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Lage  milchweig  gewählt  wird.  Aus  der  oberen  Schicht  wurde  mitHilfe  des  Schleif- 
rades und  des  Stichels  ein  Relief  herausgearbeitet,  das  nun  weig  auf  dem  dunkeln 
Grunde  stand.  Von  solchen  Arbeiten  sind  uns  Beispiele  erhalten,  die  an  Schönheit 
ganz  einzigartig  dastehen,  wie  z.  B.  die  berühmte  Portlandvase  in  London  oder  die 
hier  wiedergegebene  aus  Neapel  |s.  Tafel].  □ 

Von  den  farblosen  Gläsern  sind  die  bewundernswertesten  die  NETZGLÄSER, 
wahre  Glanzleistungen  der  Schleif  technik:  Becher,  deren  Augenseite  ein  an  Draht- 
geflecht erinnerndes  gläsernes  Netzwerk  umgibt,  frei  gearbeitet  und  mit  demKerne 
blog  durch  einzelne  dünne  Stege  verbunden.  Dieser  seltsame  Schmuck  ist  bei  ein- 
zelnen Exemplaren  mühsam  aus  dem  Vollen  mit  dem  Rade  herausgearbeitet,  bei 
anderen  ist  der  äugere  Mantel  mittelst  Durchbrechungfür  sich  hergestellt  und  durch 
Glasstifte  mit  dem  Kern  verbunden.  Beide  Arten  sind  im.  4.  Jahrhundert  n.Chr.  aus 
einer  Kölnischen  Werkstätte  hervorgegangen  und  anderwärts  nur  selten  nachge- 
ahmt worden  [vgl.  Tafel].  □ 

Zwei  besondere  Gattungen  sind  die  geformten  Gläser  und  solche  mit  Faden- 
verzierung, beide  in  farbigem  und  farblosem  Glase  hergestellt.  Unter  den  GE- 
FORMTEN GLÄSERN  nennen  wir  zuerst  die  sidonischen  Relief  gläser,  die  einzigen 
sicher  datierbaren  und  beglaubigten  Erzeugnisse  der  Werkstätten  Phönikiens. 
Es  sind  Flaschen  und  Amphorisken,  geschmückt  mit  Fruchtschnüren,  Masken, 
Götterbüsten,  Gegenständen  der  Arena,  bezeichnet  mit  den  Namen  der  Künstler, 
durchweg  Griechen  oder  gräcisierten  Orientalen  der  ersten  Kaiserzeit.  Ihnen 
stehen  die  breit-zylindrischen  Sieges-  und  Trinkbecher  mit  umlaufenden  Zirkus- 
darstellungen nahe,  welche  zuBeginn  des  2.  Jahrhunderts  n.Chr.  in  derNormandie 
hergestellt  wurden.  Aus  Alexandrien  und  Gallien  stammen  Fläschchen,  deren 
KörperauseinerMedusenmaskeodereinem  Januskopfe  gebildetwird  und  grögere 
Stücke  in  Gestalt  von  karikierten  Negerköpfen  und  Affen  mit  trichterförmigem 
Eingüsse,  wie  sie  in  rheinischen  Sammlungen  zu  finden  sind.  Auch  andere  Natur- 
und  Phantasieformen,  menschliche  Gliedmagen,  Tiere,  Früchte,  Blumen,  Gladia- 
torenhelme, Schiffe,  werden  nachgebildet.  Eine  Eigenart  gallisch-rheinischer 
Werkstätten  sind  Kannen  in  Form  von  aufrecht  stehenden  oder  liegenden  Wein- 
fässern. D 

Die  FADENVERZIERUNG  besteht  in  ihrer  einfaclisten  und  ältesten  Form  im 
Umziehen  des  Randes,  Halses  und  Fuges  mit  einem  farbigen  Reif,  später  in  einer 
immer  dichteren  spiralförmigen  Umwicklung  einzelner  Teile  oder  des  ganzen  Ge- 
fäges.  An  Henkeln  aufgelegte  Fäden  werden  mit  der  Zange  in  Wellen  gelegt  odei- 
in  spitze  Zacken  ausgezogen.  Becher  mit  hochgeschwungenon  pliantastisclion 
Henkeln  dieser  Art  werden  die  Vorbilder  der  späteren  venezianischen  Flügel- 
gläser. Eine  sehr  entwickelte  Art  der  Fadenver/.iorung  zeigen  Gläser  aus  Köl- 
nischen Werkstätten  des  2.  Jahrhunderts  n.  Chr.,  so  einige  glattbauchige  Kannen 
mitreichemfarbigemRosettenschmuckunddieSchlangenfadengläser,  bei  welchen 
der  Faden  ein  eigentümlich  phantastisches,  manchmal  an  arabische  Schrift/.üge 
gemahnendes  Schnörkelwerk  in  nielnracher  Wiederholung  beschreibt.  Durch 
Aufgug  flüssiger  Glasmasse  werden  allerlei  Tierfiguren  und  Rosetten  gebildet, 
diese  nachträglich  durch  Aufpressen  eines  Modells  ausgebildet,  oft  schon  vorher 

13Ö 


gepreßt  und  fertig  aufgesetzt.  Einer  Trierischen  Werkstätte  des  4.  Jahrhunderts 
n.Chr.  gehören  die  beiden  im  dortigen  Museum  und  im  Vatikan  befindlichen  Kugel- 
becher mit  frei  aufgelegten  Fischen  und  Seetieren  von  vollendeter  Naturtreue  an, 
die  einzeln  für  sich  geblasen  sind.  D 

Zu  erwähnen  sind  endlich  noch  GRAVIERTE  GLASER  vom  3.  Jahrhundert 
n.Chr.  anfangend,  die  in  leichten,  flüchtigen  Umrissen  Darstellungen  von  Städten, 
Jagden  sowie  von  mythologischen  und  biblischen  Szenen  enthalten.  Arbeiten  dieser 
Art  sind  sehr  zahlreich  erhalten,  namentlich  in  Rom  und  am  Rhein,  wo  Köln  und 
Trier  die  Hauptorte  der  Fabrikation  waren.  D 

Die  sog.  Goldgläser,  flache  Schalen  und  Medaillons,  die  zwischen  zwei  farb- 
losen Glasschichten  ein  Goldblättchen  umschließen,  auf  welchem  die  Zeichnung 
unter  Abschaben  der  überflüssigen  Teile  eingekratzt  ist,  gehören  wegen  ihrer 
meist  christlichen  Darstellungen  nicht  mehr  in  den  Rahmen  des  antiken  Kunst- 
gewerbes. D 

Das  was  den  antiken  Gläsern  einen  ganz  besonderen  Reiz  verleiht,  ist.  ähnlich 
der  Patina  antiker  Bronzen,  die  durch  die  Zersetzung  der  Oberfläche  entstandene 
Irisierung,  durch  die  ein  an  sich  unscheinbares  und  geringes  Glas  zu  einem  Farben- 
wunder werden  kann.  Bald  glänzt  es  metallisch,  bald  schillert  es  in  den  Farben 
desRegenbogens  oder  exotischer  Schmetterlinge  in  einer  Schönheit,  wie  sie  keine 
neuere  Nachbildung  auch  nur  annähernd  wiederzugeben  vermag  [vgl.  die  Tafel]. 
Wie  die  moderne  Glasindustrie  sich  bemüht,  den  Zauber  dieses  Farbenspiels 
künstlich  zu  ersetzen,  so  haben  auch  die  Alten,  wie  man  annimmt,  den  Versuch 
gemacht,  die  Irisierung  künstlich  hervorzurufen.  D 

7.  HOLZARBEITEN  D 

Kunstgewerbliche  Arbeiten  aus  Holz  besitzen  wir  nur  wenige  aus  dem  Alter- 
tum. Jedoch  beweisen  sowohl  die  literarische  Überlieferung  als  Bilder  von  Möbeln 
und  Geräten  auf  den  Darstellungen  antiker  Vasen  und  Wandgemälde,  dag  das  Kunst- 
gewerbe sich  der  Holzverarbeitung  in  hervorragendem  Mage  bemächtigt  hatte. 
Schon  in  den  homerischenEpenwirddas  wichtigstelnstrumentderKunsttischlerei, 
die  Holzdrehbank  erwähnt,  die,  soweit  man  sehen  kann,  der  noch  heute  vielfach 
gebräuchlichen  Fitschel  ähnlich  gewesen  ist.  Die  Drechslerarbeit  fand  besonders 
an  den  Hausmöbeln  Verwendung  und  stand,  wie  die  Bilder  lehren,  schon  im  6.  Jahr- 
hundert V.  Chr.  auf  einer  hohen  Stufe  der  Vollendung.  Im  5.  Jahrhundert  ist  die 
Furnierung  nachweisbar.  Aus  dem  Ende  dieses  Jahrhunderts  stammen  in  der  Krim 
gefundene  Furnierhölzer  von  einem  Sarkophag,  mit  wundervoll  eingeritzten  und, 
wie  die  Spuren  zeigen,  bemalten  Zeichnungen  [Abb.  121].  Die  hier  abgebildete  Probe 
zeigt  Athena  und  Aphrodite  aus  dem  größeren  Bilde  eines  Parisurteils.  Die  Holz- 
schnitzerei ist  von  früh  auf  geübt  worden  und  fand  ihre  erste  Verwendung  in  den 
hölzernen  altertümlichen  Götterbildern.  Auch  von  Reliefs  aus  Holz  in  Verbindung 
mit  anderen  Materialien  wird  berichtet.  Jedoch  hat  die  Schnitzerei  anscheinend 
in  der  weiteren  Entwicklung  der  Kunst  nicht  die  selbständige  Bedeutung  gehabt, 
wie  sie  ihr  z.  B.  in  der  Renaissancezeit  zukam.  D 

Die  besten  uns  erhaltenen  Holzarbeiten  stammen  fast  ausnahmslos  aus  der 
Krim  und  aus  Ägypten.  Mehrere  Dutzend  zum  Teil  vortrefflich  erhaltene  hölzerne 

136 


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Särge  sind  uns  vom  5.  Jahrhundert  v.  Chr.  ab  bis  in  das  erste  unserer  Zeitrech- 
nung erhalten  und  geben  von  der  Technik  eine  bessere  Vorstellung  als  sie  eine 
noch  so  gute  bildliche  und  literarische  Überlieferung  zu  geben  vermag.  An  den 
beiden  Hauptformen,  Kasten-  und  Haussarkophagen,  die  mit  vollkommener  Be- 
herrschung der  tischlermägigenFertigkeiten  gearbeitet  sind,  ist  Schmuck  in  über- 
reicher Fülle  verwendet.  Bald  sind  in  bunter  Bemalung  Blüten,  Rankengebilde 
und  figürliche  Darstellungen  aufgesetzt,  bald  aus  Holz  geschnitzte  und  mit  Blatt- 
gold überzogene  Darstellungen.  Andere  Holzzieraten  sind  mit  weigern  Überzug 
versehen  und  dann  bemalt.  Hier  finden  wir  feine  Intarsien  ausHolz  undElfenbein, 
wie  sie  primitiver  schon  aus  dem  7.  und  6.  Jahrhundert  v.  Chr.  bekannt  sind.  Be- 
sonders beliebt  ist  dieVerzierung  mit  buntbemalten  Stuckreliefs.  Das  Giebeldreieck 
eines  Sarges  aus  Ägypten  [Abb.  122]  ist  ein  besonders  hervorragendes  Beispiel 
solchen  Schmuckes.  Von  einem  stuckierten  und  bemalten  Eierstab  eingefaßt  ist 
eine  Sirene  in  einem  mit  Stuck  aufgehöhten  Rankenwerk  dargestellt,  stehend  auf 
einem  Kelch  von  Akanthusblättern,  'mit  blauen  Federn,  roten  Beinen,  braunem 
Haar,  blauen  Augen  und  goldenemBand  um  die  linke  Schulter;  dieAkanthusblätter 
sind  außen  grün,  innen  rosa,  die  Ranken  und  Blüten  rosa,  grün  und  gold'.  Einen 
vollständigen  Eindruck  von  der  Schönheit  dieser  Sarkophage,  von  dem  Reichtum 
ihres  bildnerischen  Schmuckes  und  der  Ebenmäßigkeit  ihrer  Verhältnisse  kann 
der  hier  abgebildete  Sarkophag  aus  Südrußland  geben  [Abb.  123].  dessen  Deckel 
von  Giebeldachform  freilich  nicht  erhalten  ist.  Hier  sind  in  die  vier  Pfosten  in  die 
Bretterwand  und  in  den,  denKasten  abschließendenoberenTeilrotbemalteFüllun- 
gen  eingesetzt,  zumTeil  von  zierlich  geschnittenen  Leisten  eingefaßt,  auf  den  Fül- 
lungen aber  sind  geschnitzte  Figuren  von  Nereiden  auf  Seetieren,  bewaffneten 
Kriegern,  sowie  bloßes  Rankenwerk  aus  naturalistisch  behandelten  Blättern  und 
Blüten  befestigt,  die  ehemals  vergoldet  waren.  D 

8.  DAS  MOSAIK  D 

Das  Mosaik  ist,  wie  meistens  angenommen  wird,  vom  Orient  nach  den  klassi- 
schen Ländern  gekommen;  vor  der  Zeit  Alexanders  des  Großen  ist  in  Griechen- 
land keine  sichere  Spur  davon  nachzuweisen.  Erst  in  der  Zeit  der  Nachfolger  des 
großen  Königs  hören  wir  von  umfangreichen  Mosaiken.  So  hatte  Demetrius  von 
Phaleron  |um  310  v.  Chr.]  seine  Wohnung  mit  Fußböden  aus  buntem  Mosaik  aus- 
statten lassen,  Hieron  von  Syrakus  [3.  Jahrh.  v.  Chr.]  besaß  ein  Prachtschiff,  das 
mit  Szenen  aus  der  Ilias  in  Mosaik  geschmückt  war.  Am  pergamenischen  Hofe  ar- 
beitete derKünstlerSosos,  der  die  merkwürdigeldeehatte,  ineinemSpeisezimmer 
des  Königspalastes  einen  Boden  in  Mosaik  darzustellen,  der  von  allerlei  Speise- 
resten bedeckt  war,  ein  berühmtes  Werk,  das  später  oft  wiederholt  wurde  und 
uns  in  einer  guten  Nachbildung  noch  erhalten  ist.  Noch  berühmter  war  ein  zweites 
Mosaik  desselben  Künstlers,  das  Tauben  darstellte,  die  aus  einem  Becken  trinken 
und  sich  im  Wasser  spiegeln;  von  ihm  gibt  das  allbekannteTaubennuisaik  im  kapi- 
tolinischen Museum  zu  Rom  eine  N'orstelhmg.  Kostbare  Mosaiken  hellenistischer 
Zeit  sind  in  Pergamon  gefunden  worden  und  die  schönsten  Mosaiken  Pompejis 
wie  die  Alexanderschlaeht  und  andere«  Mosaiken  aus  dem  sog.  Haus  des  Faun  ge- 
hören gleichfalls  noch  der  hellenistischen  Zeit  an.  Von  den  Griedien  kam,  angeb- 

137 


lieh  zur  Zeit  des  Sulla,  das  Mosaik  zu  den 
Römern.  Anfangs  nur  in  reichen  Häusern 
verwendet,  wurde  es  bald  so  allgemein  ver- 
breitet, dag  kaum  ein  römisches  Haus  ohne 
diesenSchmuck  in  einfacherer  oder  reiche- 
rer Ausführung  gewesen  sein  wird.  In  allen 
Provinzen  des  römischen  Reichs  treffen 
wir  zahllose  Mosaiken  an,  nicht  zum  wenig- 
sten in  Deutschland,  besonders  aber  in 
Afrika,  wo  die  Ausgrabungen  der  Fran- 
zosen eine  fast  unübersehbare  Fülle  von 
Mosaiken,  zumTeil  von  hohemKunstwerte, 
zutage  gefördert  haben.  D 

Während  das  heutige  Kunstgewerbe  sich 
des  Mosaiks  auch  für  Schmuckstücke  [aller- 
dings ohne  viel  Erfolg]  bemächtigt  hat,  be- 

Abb.  121:  Furnierholz  von  einem  Sarkophage  aus  Schränkte  sich  das  alte  darauf,  hauptsäch- 

D  der  Krim  "^  lich  für  Fugbödeu,  zuweilcn  auch  für  Wän- 

de, Säulen  und  Decken  das  Mosaik  zu  verwenden.  Das  Mosaik  des  Altertums  ist 
also  in  unseremSinne  nur  bedingt  als  einZweig  des  Kunstgewerbes  zubezeichnen 
und  eine  Behandlung  würde  besser  in  einer  Erörterung  über  die  künstlerische 
Dekoration  des  antikenWohnhauses  seinen  Platz  finden;  nur  wegen  seiner  heutigen 
Verwendung  zu  Schmuck  und  um  den  Vergleich  antiker  und  moderner  Mosaiken 
zu  ermöglichen,  werden  hier  einige  Andeutungen  gegeben.  Die  einfachsten  antiken 
Mosaiken  sind  so  hergestellt,  dag  einzelne  weige  Steine  in  die  rötliche  Mörtel- 
masse des  Bodens  in  bestimmten  Mustern  eingedrückt  wurden,  so  lange  sie  noch 
weich  war;  häufig  finden  sich  dabei  in  den  Eingängen  der  Wohnungen  Worte  der 
Begrügung.  Von  diesen  kunstlosen  Arbeiten  führt  eine  ununterbrochene  Reihe 
über  reichere  Ornamente,  bei  denen  der  Grund  und  das  Muster  aus  Stein  bestand, 
zur  Darstellung  von  Tieren  und  Figuren  und  zu  ganzen  Gemälden  in  Stein.  Die 
Oberfläche  der  Steinstifte  istverschieden,  meist  quadratisch  oder  abgerundet,  aber 
beifeinerenMosaiken  erforderte  die  sorgfältige  Führung  desKonturs  auch  andere 
Formen;  ihr  Material  besteht  meist  aus  Flugkieseln  und  Marmorsteinchen,  die  in 
ihren  verschiedenen  Abtönungen  eine  unendlich  reiche  Farbenskala  darboten.  Zu 
den  Steinen  nahm  man  auch,  zur  Erzielung  besonderer  Effekte,  Glasflüsse  und 
Halbedelsteine  hinzu.  Nachdem  das  Mosaik  mit  Hilfe  vorgezeichneter  Hauptlinien, 
auch  wohl  farbiger  Skizzen,  in  den  fein  zubereiteten  weichen  Stuckboden  gelegt 
war,  wurde  es  geschliffen  und  geölt,  so  dag  die  Steine  ihre  volle  Leuchtkraft  er- 
hielten. Neben  diesem  'Würfelmosaik'  kannte  das  römische  Altertum  auch  das 
'Plattenmosaik',  ähnlich  dem  modernen  florentinischen.  Hier  werden  grögere 
Steinplatten  verschiedener  Form  zu  einem  Gesamtornament  vereinigt.  In  der 
Kaiserzeit  bildete  man  sogar  ganze  Figuren  aus  bunten  Steinplatten,  die  man  in 
den  aus  farbigen  Steinplatten  gebildeten  Grund  der  Wände  einsetzte,  eine  Kunst- 
fertigkeit, die  sich  bis  in  das  späteste  Altertum  verfolgen  lägt.  D 


138 


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Unter  den  Würfelmosaiken  des  Alter- 
tums ist  das  bedeutendste,  überhaupt  eines 
der  grögten  Kunstwerke,  die  auf  uns  ge- 
kommen sind,  die  viel  abgebildete  Alex- 
anderschlacht vonPompeji,  zweifellos  eine 
Kopie  nach  einemausgezeichneten Gemäl- 
de aus  der  Zeit  des  großen  Königs.  An  274 
Meter  hoch  und  ca.  5Meter  breit,  ist  es  mit 
unglaublicher  Sorgfalt  gearbeitet,  so  dag 
auf  den  Quadratzentimeter  oft  mehr  als  25 
Steinchen  kommen.  Noch  in  der  vorrömi- 
schen Zeit  Pompejis  gefertigt,  gibt  es  einen 
vollen  Begriff  von  der  Höhe,  die  die  Mo- 
saikkunst erreicht  hatte.  Nicht  in  der  gran- 
diosen Durchführung  des  künstlerischen 
Gedankens,  aber  in  der  Sorgfalt  der  Her- 
stellung sind    ihm   andere  Mosaiken    aus    Abb.  122:  Stuckverzierung  vom  Giebel  eines  grie- 

Pompeji  gleichwertig.  Von  ihnen  sei  eines  °  chischen  Hoizsarkophages  aus  Ägypten  d 
abgebildet,  das  den  Dämon  Akratos  darstellt  oder  den  Herbstgott  Autumnus,  wie 
er  auf  dem  weinlaubbekränzten  Löwen  reitet,  während  er  zugleich  aus  einem  tiefen 
Gefäg  trinkt;  ringsherum  sind  zu  vollem  Kranze  bakchische  Embleme  vereinigt, 
Girlanden  und  Masken,  wie  wir  sie  ähnlich  meisterhaft  gebildet  an  manchen  ande- 
renMosaikenPompejis  sehen.  Die  äugersteUmgebung  bildet  ein  gröberes  Wellen- 
ornament [Abb.  124 1.  Zwei  andere,  gleichfalls  aus  Pompeji,  nennen  einen Dioskori- 
des  von  Samos  als  Künstler,  einen  Griechen,  vielleicht  ein  Hinweis,  dag  das  Werk 
noch  der  hellenistischen  Zeit  angehört,  jedenfalls  aber  ein  Zeichen,  dag  die  Griechen 
noch  in  späterer  Zeit  in  derMosaikkunstBedeutendes  leisteten,  wie  sie  denn  über- 
haupt in  Rom  das  Kunstgewerbe  beherrschten.  Das  eine  dieser  beiden  vortrefflich 
gearbeiteten  Mosaiken  führt  uns  in  drastisch  realistischer  Formgebung  Stragen- 
musikanten  vor,  mit  Tamburin,  Schellen  und  Flöten.  Es  lägt  sich  nachweisen,  dag 
das  Mosaik  eine  Kopie  nach  einem  älteren  bekannten  Bilde,  etwa  des  3.  Jahrhun- 
derts v.Chr.  ist,  das  auch  einmal  als  Wandgemälde  in  Pompeji  erscheint  und  dessen 
Spuren  sich  selbst  in  der  griechischen  Terrakottaplastik  verfolgen  lassen.  Wie 
dieses,  werden  noch  andere  von  den  besseren  Mosaiken  bekannte  Gemälde  zur 
Vorlage  haben  und  so  gewinnen  diese  Kunstwerke  auger  dem  kunstgewerblichen 
noch  ein  weiteres  kunsthistorisches  Interesse.  D 

9.  RAUMKUNST  D 

Eine  zusammenfassende  Betrachtung  des  Kunstgewerbes  darf  die  Raumkunst, 
die  in  dem  modernen  Leben  eine  ungewöhnliche  Bedeutung  einninunt.  für  das 
klassische  Altertum  nicht  ausschliegen.  Zwar  sind  auch  hier  unsere  Quellen 
lückenhaft,  aber  eine  imgefähre  Vorstellung  lägt  sich  aus  den  erhaltenen  Resten 
antiker  Häuser  und  Paläste  noch  gewinnen.  D 

Die  Träger  der  kunstfrohen  kretisch-mykenischen  Kultur  suchten  die  Plätze 
ihrer  Wohnungen  nicht,  wie  die  der  trojanischen,  allein  nach  Zweckmägigkeits- 


139 


n  Abb.  123:  Griechischer  Holzsarkophag  aus  der  Krim  D 

rücksichten  aus,  sondern  sie  legten  sie  gern  da  an,  wo  ein  weiter  Rundblick  den 
Genug  der  freien  Natur  gestattete.  Zahllose  Säle,  Zimmer  und  sonstige  Räume 
bis  hinab  zur  Badestube  und  zum  Klosett  mit  Wasserspülung  bezeugen  einen  leb- 
haftenHang  zu  wohnlichem  Komfort.  Entsprechend  waren  dieRäume  ausgestattet. 
Bunte  Malereien  auf  Kalkputz  mäßigten  die  blendende  Helligkeit  der  Wände, 
Teppiche  bedeckten  den  Boden  und  schieden  Vor-  und  Hauptzimmer  von  einander. 
Reste  der  Wandmalereien  sind  uns  überall,  sowohl  in  Tiryns,  Mykenä  und  Kreta, 
als  auch  anderwärts  erhalten.  Es  sind  das  entweder  dieselben  freien  lebendigen 
Ornamente,  mit  denen  die  Töpfer  jener  Zeit  ihre  Gefäße  verzierten,  Motive,  aus- 
gegangen von  der  Beobachtung  von  Naturformen,  die  dann  stilisiert  werden,  oder 
auch  ganze  Darstellungen.  Hier  ein  dahinstürmender  Stier,  über  den  ein  Stier- 
bändiger voltigiert,  dort  dämonische  Gestalten,  wie  wir  sie  auf  den  geschnittenen 
Steinen  kennen  gelernt  haben;  hier  erblicktmaneine  Scharvon  Jünglingen, lebens- 
groß, die  in  feierlicher  Bewegung  Gefäße  vor  sich  hertragen,  dann  Frauen  und 
Männer  in  festlicher  Tracht;  dort  ist  eine  Volksversammlung  bei  einem  großen 
Bau,  wohl  einem  Heiligtum,  geschildert:  eine  möglichst  große  Menschenmenge 
suchte  der  Künstler  darzustellen,  Frauen  im  Freien  am  Boden  sitzend,  umgeben 
von  Männern,  alles  in  leichten  flüchtigen  Strichen  hingesetzt.  Auch  die  Land- 
schaftsmalerei ist  in  den  Palästen  in  zahlreichen  Beispielen  vertreten.  Dazu 
gehört  das  köstliche  Gemälde  mit  den  fliegenden  Fischen,  das  oben  |s.  Tafel]  er- 
läutert ist.    In  manchen  Räumen  sind  statt  der  Wandmalerei  bemalte  Stuckreliefs 


140 


D  Abb.  IL'I :  Akratosmos;iik  aus  l'oiupeji  D 

und  Verzierungen  aus  bunten  Steinen  und  Alabaster  verwendet  worden;  luiufig 
waren  vermutlich  beide  Dekorationsarten  mit  einander  vereinigt.  D 

Im  Gegensatz  zu  dieser  üppigen  Innenausstattung  haben  wir  uns  die  Häuser 
der  klassischen  Periode  |6.  4.  Jhdt.  v.  Chr.|  sehr  einfach  zu  denken.  Die  Wände 
waren  für  gewöhnlich  kahl  und  schmucklos.  DaJ3  sie  gegliedert  waren,  etwa  durch 
Anbringung  eines  Gesimses  in  halber  Höhe,  wie  in  der  Folgezeit,  ist  nicht  anzu- 
nehmen, jedenfalls  nicht  mit  Sicherheit  zu  beweisen.  Wenigstens  die  Vasenbilder, 
auf  denen  häufig  Innenräume  dargestellt  sind,  zeigen  derartiges  nicht.  Hier  sieht 
man  die  Wand  mit  allen  möglichen  Dingen  behängt,  wie  sie  der  Zweck  des  Zimmers 
erfordert,  aber  keinerlei  Gliederung  der  Wandfläche  selbst.  Gewif;  gab  es  in  dieser 
Zeit  Ausnahmen  von  der  Regel.  So  macht  Xenophon  unbestinunte  Angaben  über 
die  Ausstattung  der  Zimmer  mit  Malereien  und  anderen  Zieraten,  hält  sie  aber 
nicht  für  schätzenswert.  Alkibiades  soll  den  Maler  Agatharchos  mit  Gewalt  dazu 
gebracht  haben,  sein  Haus  auszumalen,  untl  Archelaos  von  Makeiionien  liel-i  sich 

141 


n  Abb.  125:  Wanddekoration  eines  römischen  Hauses  auf  dem  Palatin  D 

für  eine  hohe  Summe  den  berühmten  Zeuxis  kommen,  um  in  seinem  Palast  Wand- 
malereien auszuführen.  Aber  diese  vereinzelten  Notizen  zeigen  gerade,  dag  von 
einer  wirklichen  Wandmalerei  als  allgemein  üblichem  Zimmerschmuck  keineRede 
sein  kann.  D 

Die  Eintönigkeit  der  Wandfläche  führte  in  der  hellenistischen  Periode  zu  einer 
Wandlung.  Man  suchte  die  Fläche  zu  beleben,  indem  man  die  äußere  Einteilung 
der  öffentlichen  Gebäude  auf  das  Zimmerinnere  übertrug.  So  bildete  man  die 
Wände  bis  zu  einer  gewissen  Höhe  aus  Stuck  plastisch  wie  eine  Quaderwand  und 
schloß  diese  mit  einem  Gesims  ab;  darüber  stieg  die  glatte  Wand  empor.  Die  Aus- 
grabungen vonPriene  in  Kleinasien  zeigen,  wie  dieseDekorationsweise  weiter  aus- 
gebildet wurde.  Dort  fand  man  noch  an  vielen  Wänden  den  feinen  Marmorstuck 
haftend  und  von  den  zierlichen  Gliederungen  und  Profilen,  welche  einst  die  Wand- 
fläche belebten,  fanden  sich  im  Schutt  die  Bruchstücke,  jonische  Halbsäulen,  zier- 
liche Zahnschnittgesimse  und  bunt  bemalte  Triglyphenfriese,  ja  selbst  figürlicher 
Schmuck  kam  vor,  so  ein  Satyrköpfchen  aus  Stuck  mit  feuerrot  bemaltem  Gesicht. 
Dieselbe  Dekorationsweise  ist  in  denHäusern  hellenistischerPeriode  auf  der  Insel 
Delos,  in  Magnesia  am  Mäander  und  in  den  Palästen  der  Attaliden  in  Pergamon 
wieder  aufgefunden  worden.  Jedoch  hat  sich  die  Prachtliebe  der  Diadochenzeit 
mit  der  billigen  bunten  Stuckverzierung  nicht  begnügt.  Sie  wurde  oft  genug  durch 
Bekleidung  der  Wände  mit  bunter  Marmortäfelung  unter  schmuckvoller  Verwen- 
dung von  Metallen,  Elfenbein  und  anderen  Materialien  ersetzt.  Namentlich  auf  die 
Decke  wurde,  wie  schon  früher,  von  reichenLeuten  besondere  Sorgfalt  verwendet. 
Diese  Dekoration  erlaubte  keine  eigentliche  figürliche  Wandmalerei.  Was  von 
figürlichenDarstellungen  an  den  Wänden  fehlte,  wurde  durch  Mosaikdarstellungen 
auf  dem  Boden  des  Zimmers  ersetzt.  D 

Die  Innendekoration  des  römischen  Hauses  kennen  wir  hauptsächlich  aus  Pom- 
peji. Die  älteste  Art  künstlerischer  Wandbehandlung,  etwa  vom  Jahre  250  v.  Chr. 

142 


O  Abb.  i'jii:  Wandmalerei  aus  den  sogenannten  Stabianer  Thermen  Q 

ab,  weist  hier,  wie  es  bei  einer  von  griechischem  Geist  erfüllten  Bevölkerung  nicht 
verwunderlich  ist,  die  nächste  Übereinstimmung  mit  der  hellenistischen  Wand- 
dekoration auf.  Das  Charakteristische  dieses  sogenannten  ersten  Stils  bestand 
darin,  daß  man  die  Wände  bis  zu  zweiDrittel  derZimmerhöhewiein  der  hellenisti- 
schen Dekoration  als  Quaderwand  behandelte,  deren  einzelne  Felder  mit  ver- 
schiedenenFarben  bemalt  waren.  Diese  scheinbar  festgefügtenMauern  erweckten 
den  Eindruck  eines  eng  umschlossenen  abgegrenzten  Raumes.  Bis  um  das  Jahr 
80v.Chr.  hat  man  in  dieserWeise  denRaum  behandelt,  bis  in  dieZeit,  als  dieStadt 
römische  Kolonie  wurde,  und  diesem  Dekorationsstil  gehören  fast  alle  bedeutenden 
Mosaiken  Pompejis  an.  D 

Neue  Anregungen  kamen  in  die  Raumkunst  durch  die  Römer,  vermutlich  in- 
folge ihrer  Eroberungen  in  Kleinasicn,  wo,  wie  wir  aus  der  Überlieferung  wissen, 
eine  Fortentwicklung  derDekoration  stattgefunden  hatte.  Die  Einteilung  der  Wände 
durch  Zerlegung  in  plastisch  hervortretende  Felder  fiel  wog,  man  licf>  sie  vielmehr 
glatt,  aber  bemalte  sie  in  einer  Art  von  Freskomalerei  und  das  ist  der  entschei- 
dende Schritt  in  der  Innendekoration.  D 

Schnell  bürgerte  sich  die  Wandmalerei  ein,  deim  sie  gestattete,  ganz  andere 
und  neue  Effekte  zu  erzielen.  Mit  iliror  Hilfe  versuchte  man  jetzt  die  Vorstellung 
der  Wand  als  Abschluß  des  bewohntiMi  Raumes  auf  den  vier  Seiten  des  Zimmers 
möglichst  aufzuheben,  die  Wand  sollte  als  Fläche  möglichst  überhaupt  nicht 
empfunden  werden.  Das  erreichte  man  einnuil  durch  eine  reine  .ArchiteUtur- 
malerei,  indem  man  eine  Architektur  mit  Durchblicken  hinter  ilie  andere  sich 
schieben  ließ,  oder  durch  Bilder  mit  landschaftlicher  Szenerie,  so  daß  der  Kindruck 
erweckt  wurde,  als  schaue  man  durcli  die  W'aiui  hindurch  ins  Freie.  Selten  ist  es 
möglich,  die  ArchitcktuiiMi  als  (lanzes  zu  verstehen,  ahi'r  iliie  Einzelformen  sind 

143 


stets  so,  wie  sie  in  jener  Zeit  vermutlich  auch  in  Wirklichkeit  verwendet  wurden. 
In  Rom  und  inPompeji  sind  mancherleiBeispiele  dieses  sogenannten  zweiten  Stils 
gefunden  worden  [Abb.  125].  D 

Etwa  50  Jahre  [bis  in  die  Frühzeit  des  Augustus  hinein]  blieb  es  bei  dieser 
Mode,  dann  gefiel  sie  nicht  mehr.  Ganz  allmählich  machte  sich  eine  Reaktion 
geltend,  die  darauf  abzielte,  die  Wand  in  ihrem  unteren  Teile  wieder  als  Fläche  zu 
charakterisieren,  aber  nicht,  wie  es  ehedem  gewesen  war,  dadurch,  dag  man  ihr 
den  Anschein  einer  Quadermauer  gab,  sondern  man  teilte  sie  in  große  glatte  bunte 
Felder,  die  mit  reicher  Flächenornamentik  belebt  wurden  [s.  Tafel].  In  dieser 
Ornamentik  macht  sich  eine  besondere  Vorliebe  für  das  Zierliche  geltend.  Alle 
die  zahlreichen  Leisten,  Friese  und  Trennungsstreifen  sind  mit  ihr  erfüllt.  Hier 
sind  als  Vorwürfe  Tiere  und  Stilleben  aller  Art  gewählt,  und  man  wird  nicht  müde, 
diese  zierlichen,  mit  erstaunlicherBeobachtung  wiedergegebenenBildchen  immer 
wieder  zu  betrachten,  dort  sind  Girlanden,  Blüten,  Muschel-,  Ranken- und  Palmetten- 
ornamente verwendet,  alle  aus  freier  Hand  gemalt  und  durch  ihre  Anmut  und 
Zierlichkeit  in  höchstem  Maße  fesselnd  und  anziehend.  In  schmaleren  Feldern, 
die  zwischen  die  großen  geschoben  sind,  stehen  oft  graziöse  Kandelaber  von 
wunderbarem  Ebenmag  der  Verhältnisse  und  in  zartester  Abtönung  der  Farben, 
über  der  Wandfläche  jedoch,  die  in  Dreiviertel  der  Höhe  abgeschlossen  zu  sein 
pflegt,  erscheinen  kleine  Architekturen  in  leichten  phantastischen  Formen,  wie  sie 
in  Wirklichkeit  undenkbar  sind.  Dabei  bleibt  die  Vorliebe  für  große  Bilder  in  der 
Mitte  der  Wand  bestehen.  An  der  Ausbildung  dieses  dritten  Stils,  der  unserem 
Empirestil  nahe  steht,  hat  vermutlich  Ägypten  großen  Anteil—  er  ist  um  die  Zeit  in 
Italien  verbreitet  worden,  als  das  Ptolemäerreich  römische  Provinz  wurde;  die 
auffallend  deutlich  zutage  tretenden  ägyptisierenden  Motive  in  der  Ornamentik 
sprechen  wenigstens  sehr  lebhaft  für  diese  Annahme.  D 

Im  Jahre  63  n.  Chr.  war  Pompeji  und  die  anderen  Vesuvstädte  zum  erstenmal 
von  einem  heftigen  Erdbeben  heimgesucht  worden,  das  einen  Teil  der  Stadt  in 
Trümmer  legte.  Man  baute  sie  aber  rasch  wieder  auf  und  die  hauptstädtischen 
Maler,  die  damals  in  Scharen  nach  Campanien  kamen,  brachten  eine  neue  Deko- 
rationsweise mit,  die  an  die  alte  Architekturmalerei  anknüpfte,  aber  diese  weit 
übertrumpfte.  Es  sind  Architekturmalereien,  wie  sie  phantastischer  und  kühner 
nicht  ausgedacht  werden  können,  von  dem  einzigen  Gesichtspunkt  dekorativer 
Wirkung  aus  gestaltet.  Schon  in  den  Malereien  der  voraufgegangenen  Deko- 
rationsweise bemerkt  man  das  Eindringen  des  neuen  Geschmacks  in  deutlichen 
Spuren.  Aber  erst  in  der  letzten  Zeit  Pompejis  finden  wir  seine  klassischen  Bei- 
spiele. Gewiß  waren  es  nicht  die  ersten  hauptstädtischen  Kräfte,  die  in  Pompeji 
arbeiten,  aber  ihre  Leistungen  nötigen  uns  Erstaunen  ab  und  lassen  uns  Rück- 
schlüsse auf  die  überlegenen  Künstler  der  Hauptstadt  selbst  machen.  'Man  be- 
wundert in  diesen  Wänden',  deren  eine  wir  Abb. 126  wiedergeben,  'die  Leichtigkeit 
der  Behandlung,  die  Sicherheit  des  Disponierens,  die  Bravour  der  technischen 
Durchführung,  man  wird  gefangen  von  dem  starken  Gesamteindruck  der  deko- 
rativen Leistung  —  alles  kommt  auf  eine  freudige,  bunte,  blendende  Wirkung 
heraus.    Der  Stil  dieser  Räume  ist  nicht  für  kleine  Räume  erfunden,  wie  es  die 

144 


Si 


Gj-l  WANDMALKREI  AUS  DEM  HAUSE 

.IZj^l  DES   SPURIUS  MAESOR.   POMPEJI 


pompejanischen  waren,  er  ist  vielmehr  für  Prunkräume  groger  Palastanlagen 
gedacht  und  für  solche  ausgebildet.  In  solchen  finden  wir  ihn  aufs  höchste  ge- 
steigert zu  Rom  in  den  Resten  des  goldenen  Hauses  des  Nero,  den  Titusthermen, 
deren  Malereien  Raffael  die  Motive  für  die  Grotesken  der  Loggien  geliefert  ha- 
ben' [  WinterJ.  □ 

Wie  man  sich  das  Bild  der  antiken  Wohnung  als  künstlerisches  Ganze  vor- 
stellen soll,  läf)t  sich  nur  ganz  ungefähr  andeuten.  Während  die  Träger  der  my- 
kenischen  Kultur,  wie  man  ihrem  ausgeprägten  dekorativen  Sinn  zutrauen  wird, 
ihre  Wohnräume  mit  der  Ausstattung  an  Möbeln  und  sonstigen  Geräten  zu  harmo- 
nischemZusammenklang  zu  vereinigen  wußten,  scheint  in  der  klassischen  Periode 
Griechenlands  mehr  Sorgfalt  auf  das  einzelne  Stück  der  Einrichtung  als  auf  eine 
gefällige  Wirkung  des  Ganzen  verwendet  worden  zu  sein.  Seit  der  hellenistischen 
Zeit  dagegen  treten  die  dekorativen  Gesichtspunkte  wieder  in  den  Vordergrund; 
das  darf  man  aus  der  soebengeschildertenBehandlungderWandflächennachganz 
bestimmten  Grundsätzen  mit  Sicherheit  schließen.  Dem  wechselnden  Geschmack 
der  Wanddekorationen  entsprechend  wird  man  die  Einrichtung  der  Wohnräume 
angepaßt  haben.  Diese  Wohnräume  sind  in  Pompeji  meist  sehr  klein  und  nur  spär- 
lich möbliert;  außer  wenigen  Möbeln  werden  die  meisten  kaum  etwas  enthalten 
haben.  In  den  Speiseräumen  stehen  die  drei  Lager  für  die  Tafelnden  an  den  Wänden, 
oft  auf  einer  Erhöhung  des  Fußbodens,  den  freien  Raum  in  der  Mitte  nimmt  ein 
Tisch  ein,  Kandelaber  sind  an  geeigneten  Plätzen  verteilt.  In  den  wenigen  größeren 
Zimmern  darf  man  sich  größere  dekorative  Bronzegefäße  vorstellen,  Bronzefiguren 
und  -gerate,  die  mit  ihrem  glänzenden  Lichterspiel  den  Raum  belebten;  die  Wand- 
gesimse dienten  zur  Aufstellung  kleiner  kunstgewerblicher  Gegenstände,  auch  für 
kleinere  Tafelbilder.  Am  meisten  Sorgfalt  wurde,  wie  es  scheint,  auf  das  Atrium 
verwendet,  den  alten  Mittelpunkt  des  römischen  Hauses,  und  namentlich  auf  das 
aus  dem  griechischen  Hause  übernommene  Peristyl,  den  hinter  dem  Vorderhause 
um  einen  Gartenplatz  angelegten  luftigen  Säulenumgang  mit  anschließenden  Zim- 
mern. Zahlreiche  Funde,  am  besten  die  aus  dem  Hause  der  Vettier,  zeigen,  wie 
selbst  in  der  letzten  Zeit  Pompejis  durch  Zusammenwirken  von  Raumkunst  und 
Kunsthandwerk  Anlagen  von  feinster  künstlerischer  Empfindung  geschaffen  wer- 
den konnten.  Je  mehr  uns  aber  Pompeji  lehrt,  um  so  mehr  ist  es  zu  bedauern,  daß 
von  den  großen  Palästen  Roms  nichts  übrig  geblieben  ist.  Denn  bei  aller  Bedeu- 
tung bietet  uns  Pompeji  doch  nur  einen  schwachen  Nachklang  des  aufs  höchste 
gesteigerten  Kunstvermögens  der  Hauptstadt.  D 

n  D 

In  dieser  raschen  Übersicht  sind  einige  Zweige  des  Kunstgewerbes  übergangen, 
von  denen  wir  eine  Vorstellung  durch  unmittelbare  Anschauung  aus  den  erhal- 
tenen Resten  des  Altertums  nicht  oder  nur  in  geringem  Maße  gewinnen  können. 
Beispielsweise  kennen  wir  die  Erzeugnisse  der  textilen  Kunst,  d.  h.  der  Stickerei. 
Weberei  usw.,  namentlich  für  das  klassische  Altertum,  nuraus  abgeleiteten  Quellen. 
Eine  Darstellung  dieser  Zweige  des  Kunstgewerbes  wäre  an  sich  möglich,  würde 
aber  nur  auf  weiten  Umwegen  gewonnen  wtM'deii  köimen  uiul  datier  den  ge- 
botenen Raum  zu  sehr  überschreiten.  Krich  Peniice 

10"    Geschichte  des  Kunstgewerbes  I45 


KAPITEL  IV  ♦  DAS  ALTCHRISTLICHE  KUNST- 
GEWERBE IM  OSTEN  UND  WESTEN  DES  RÖ- 
MISCHEN REICHES  D 

Das  Ereignis,  nach  dem  wir  unsere  Zeitrechnung  in  zwei  Abschnitte  zerlegen: 
die  Geburt  Christi,  fällt  nicht  an  den  Anfang  und  nicht  an  das  Ende  einer  histori- 
schen Epoche,  sondern  in  eine  Zeit,  die  in  mancher  Beziehung  einen  Höhepunkt, 
wenn  auch  einen  letzten  Höhepunkt  einer  großen  geschichtlichen  Entwicklung 
bedeutet.  Dieses  Zeitalter  es  ist  das  augusteische  Zeitalter  — ,  welches  stark 
genug  war,  eine  Religion  und  Weltanschauung  hervorzubringen,  die  das  Denken 
der  europäischen  Menschheit  nun  bald  zwei  Jahrtausende  beherrscht,  war  auch 
in  seinen  künstlerischen  Äugerungen  ein  starkes  und  schöpferisches.  Und  auch 
die  nächstfolgenden  Jahrhunderte  der  römischen  Kaiserzeit  kann  man  nicht 
schlechthin  als  Zeiten  des  Verfalles  oder  Stillstandes  bezeichnen.  Denn  auf  allen 
Gebieten  der  Kunst  lägt  diese  Zeit  noch  Werke  entstehen,  die  zwar  verschieden 
sind  von  der  Kunst  der  klassischen  und  hellenistischen  Antike,  aber  gerade  in 
ihrer  Verschiedenheit  von  dieser  die  schöpferische  Kraft  ihrer  Entstehungszeit 
verraten.  Diese  ersten  Jahrhunderte  der  römischen  Kaiserzeit  bedeuten  zu- 
gleich die  Zeit  der  Entstehung  und  Ausbreitung  des  Christentums,  und  diese 
Kunst  der  römischen  Kaiserzeit  ist  zugleich  die  erste  Etappe  der  christlichen 
Kunst.  Wenn  man  diese  Anfänge  einer  christlichen  Kunst  gemeinhin  als  ALT- 
CHRISTLICHE KUNST  bezeichnet,  so  ist  diese  Bezeichnung  nicht  in  dem  Sinne 
zu  verstehen,  als  handele  es  sich  hier  um  eine  Kunst  mit  einem  eigenen,  beson- 
deren Stil.  Sondern  die  altchristliche  Kunst  ist  nichts  anderes  als  die  antike  Kunst 
der  ersten  christlichen  Jahrhunderte,  soweit  sie  christliche  Stoffe  darstellt  oder 
christlichen  Zwecken  dient.  D 

Diese  Sachlage  sich  vorzustellen  wird  vielleicht  dem  Laien  schwer  fallen.  Er 
sieht  hier  zunächst  nur  den  Gegensatz  zweier  Weltanschauungen  und  weiß,  dag 
die  eine  die  andere  abgelöst  hat.  Er  sieht  wohl  auch,  wie  grundverschieden  von 
allem  Antiken  jede  christliche  Kunst  seit  dem  Mittelalter  ist,  und  hat  gelernt,  dag 
die  antike  Kunst  zugrunde  gegangen  war,  als  die  christliche  Kunst  entstand.  Aber, 
wie  gesagt,  die  antike  Kunst  lebte  noch  in  den  Zeiten,  als  das  Christentum  ent- 
stand, und  es  ist  die  antike  Welt  selbst,  in  der  das  Christentum  seine  Entstehung 
und  erste  Verbreitung  gefunden  hat.  Es  sind  antike  Menschen,  für  die  das  Evan- 
gelium gepredigt  wird,  und  es  ist  antiker  Kulturboden  —  von  Palästina  bis  zu 
den  britischen  Inseln  ,  auf  dem  der  neue  Glauben  Wurzeln  schlägt.  So  können 
wir  in  der  Tat  von  einem  antiken  Christentum  sprechen  und  demgemäg  auch  von 
einer  antiken  christlichen  Kunst.  D 

Derartige  antik-christliche  Kunstgegenstände  sind  uns  zu  Tausenden  erhalten. 
Und  diese  Tatsache  allein  kann  genügen,  das  Märchen  von  einer  asketischen 
Kunstfeindlichkeit  des  frühesten  Christentums  und  damit  seinen  Gegensatz  zur 
Antike  aus  der  Geschichte  zu  verweisen.  Denn  die  zahllosen  grogen  und  kleinen 
Kunstdenkmäler  der  altchristlichen  Kirche,  die  heute  erhalten  sind,  bilden  doch 
nur  einen  verschwindenden  Bruchteil  dessen,  was  seinerzeit  geschaffen  wurde, 

146 


und  man  kann  daraus  ermessen, 
welche  Rolle  die  Kunst  in  der  Kir- 
che und  bei  ihren  Bekennern  in 
dieser  frühen  Zeit  gespielt  hat.  So 
kann  man  sagen,  dag  bereits  der 
Umfang  des  künstlerischen  Schaf- 
fens innerhalb  des  frühenChristen- 
tums  seinen  Zusammenhang  mit 
einer  kunstdurchtränkten  antiken 
Lebensanschauung  und  Lebens- 
führungvoraussetzt. Die  Tatsache, 
dag  man  die  Särge  der  Verstorbe- 
nen, die  Begräbnisplätze,  die  Pri- 
vathäuser und  Kirchen,  das  gottes- 
dienstliche und  profane  Gerät,  die 
heiligen  Bücher  usw.  in  der  aus- 
gedehntesten Weise  mit  künstleri- 
schem Schmuck  versah,  künstle- 
risch durchzubilden  suchte,  setzt 
antike  Geistesart  voraus.  D 

So  ist  es  denn  nur  natürlich, 
dag  sich  das  Christentum  der  an- 
tiken Kunst,  der  antiken  Formen- 
welt als  eines  gegebenen  Aus- 
drucksmittels für  alle  seine  künst- 
lerischenAbsichten  bediente  —  be- 
dienen konnte  und  bedienen  mugte. 
Denn  als  Christus  und  seine  Jün- 
ger den  neuen  Glauben  kündeten 
und  dieser  Raum  in  den  Herzen  der  damaligen  Menschheit  fand,  war  damit  noch 
nicht  eine  neue,  eigene  christliche  Kunst  vom  Himmel  gefallen.  Sondern  gerade 
so,  wie  ein  christlicher  Gottesdienst  nur  in  den  üblichen  Landessprachen  der 
antiken  Kulturvölker  möglich  war,  konnte  sich  auch  die  christliche  Kunst  jener 
Zeiten  nur  in  ihrer  Sprache,  d.  h.  der  Formensprache  äugern,  die  damals  in  der 
antiken  Welt  diebestehende  war.  Das  Evangelium  selbst  wurde  ja  in  den  Sprachen 
Homers  und  Vergils  geschrieben  und  verbreitet,  —  es  wurde  sogar  im  4.  Jahr- 
hundert schon  in  die  literarische  Form  des  antiken  Epos  gebracht.  D 

So  kann  man  denn  von  der  Existenz  einer  altchristlichen  Kunst  und  eines 
altchristlichen  Kunstgewerbes  nur  in  bedingtem  Sinne  sprechen,  insofern  als  die 
für  christliche  Zwecke  und  christlichen  Gebrauch  bestimmten  Arbeiten  nur  einen 
Teil  bilden  innerhalb  der  jeweiligen  Gesamtproduktion  des  spät- antiken  Kunst- 
gewerbes. Die  Ausführungen  dieses  Kapitels  bilden  infolgedessen  nur  eine  Er- 
gänzung zu  dem,  was  in  den  vorhergehenden  Abschnitten  über  das  profan-antike 
Kunstgewerbe  gesagt  ist.  Was  das  Verhältnis  der  altchristlichen  Produktion  zu 
10*  147 


Abb.  127:  Maximians -Cathedra  in  der  Domsakristei  zu  Ra- 


venna,  Seitenansicht 


D 


der  gleichzeitigen  profan-heidnischen  betrifft,  so  ist  dieses  natürUch  je  nach  Zeit 
und  Ort  verschieden  und  zwar  bedingt  durch  den  Grad  und  das  Tempo,  in  dem 
sich  die  Christianisierung  der  betreffenden  Völkerschichten  vollzog.  Im  großen 
und  ganzen  kann  man  für  die  antiken  Kulturländer  des  Mittelmeerkreises  sagen, 
dag  vor  dem  vierten  Jahrhundert  die  christlichen  Denkmäler,  seit  dem  fünften  die 
profan-heidnischen  in  entschiedener  Minderheit  sind.  Die  staatliche  Anerken- 
nung des  Christentums  durch  Konstantin  im  Jahre  324  darf  auch  für  das  kunst- 
gewerbliche Schaffen  als  ein  Wendepunkt  angesehen  werden.  D 

Und  noch  in  einer  anderen  Beziehung  ist  gerade  für  das  Kunstgewerbe  das 
Verhältnis  der  altchristlichen  zu  der  profan-heidnischen  Produktion  ein  relatives. 
Da  nämlich  diegrundlegendenKultur-undLebensformen  der  antiken  Völker  durch 
die  Verschiedenheit  der  Bekenntnisse  zunächst  nicht  berührt  werden,  treten  ge- 
rade für  die  groge  Durchschnittsproduktion  keine  neuen  Aufgaben  an  das  Kunst- 
gewerbe durch  das  Christentum  heran.  Das  Gebrauchsgerät  war  nach  Form,  Ma- 
terial und  Technik  bei  den  antiken  Heiden,  Juden  und  Christen  das  gleiche.  Eine 
Ausnahme  hiervon  würde  nur  das  für  die  besonderen  Formen  des  christlichen 
Kultus  notwendige,  sog.  LITHURGISCHE  GERÄT  machen.  Aber  einerseits  hat 
dieses  seine  typische  Ausbildung  erst  im  eigentlichen  Mittelalter  erfahren,  anderer- 
seits ist  uns  nur  verschwindend  wenig  an  derartigem  Gerät  aus  altchristlicher 
Zeit  erhalten.  Die  groge  Masse  des  erhaltenen  Materials  entstammt  nicht  der  alt- 
christlichen Kirche,  sondern  dem  Hause,  diente  also  ursprünglich  den  weltlichen 
Zwecken  und  Bedürfnissen  der  Gläubigen.  Dag  uns  aber  derartige  Erzeugnisse 
des  altchristlichen  Kunstgewerbes  in  so  groger  Anzahl  erhalten  sind,  danken  wir 
wiederum  einer  Sitte,  die  uns  den  engsten  Zusammenhang  des  jungen  Christen- 
tums mit  antiken  Traditionen  bezeugt:  der  Gepflogenheit,  den  Verstorbenen 
Gegenstände  des  täglichen  Gebrauches  mit  ins  Grab  zu  geben.  Von  wenigen  Aus- 
nahmen abgesehen,  beruht  unsere  Kenntnis  des  altchristlichen  Kunstgewerbes 
auf  derartigen  Gräberfunden.  D 

Da  somit  die  groge  Mehrzahl  derkunstgewerblichenArbeiten  aus  altchristlicher 
Zeit  privater,  häuslicher  Herkunft  ist,  wird  es  nach  dem  Gesagten  wohl  erklärlich, 

148 


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□  Abb.  129:  Elfenbeinschnitzerei  von  der  Maximians-Cathedra  ZU  Ravenna  D 

dag  vielfach  eine  Grenze  zwischen  heidnischem  und  christlichem  Kunstgewerbe 
gar  nicht  gezogen  werden  kann.  Tatsächlich  finden  sich  unter  den  christlichen 
Gräberfunden  viele  Gegenstände,  z.B.  aus  dem  Gebiet  der  Keramik,  die  keinerlei 
Beziehung  zu  besonderen  christlichen  Vorstellungen  haben  und  ebenso  den 
Christen  wie  den  Nichtchristen  zum  Gebrauche  dienten.  Ja  wir  wissen  sogar,  dag 
rein  antike  Darstellungen,  gewisse  Gestalten  und  Szenen  aus  der  heidnischen 
Mythologie  und  Geschichte,  ohne  Bedenken  auf  christlichem  Gebrauchs-  und 
Schmuckgerät  dargestellt  wurden.  D 

Wenn  man  trotzdem  die  Erzeugnisse  des  altchristlichenKunstgewerbes  als  eine 
besondere  Gruppe  herausheben  kann  aus  der  spätantiken  Gesamtproduktion,  so 
hat  das  seinen  Grund  darin,  dag  in  der  Dekoration  jener  Arbeiten  Darstellungen 
spezifisch  christlichen  Inhaltes  eine  groge  Rolle  spielen.  An  derartige  Erzeugnisse, 
die  durch  den  Inhalt  ihrerDarstellungen  oder  durch  eine  Inschrift  den  christlichen 
Ursprung  deutlich  zur  Schau  tragen,  wird  man  in  erster  Linie  zu  denken  haben, 
wenn  man  von  altchristlichem  Kunstgewerbe  spricht.  Der  inhaltliche  Charakter 
dieser  spezifisch  christlichen  Darstellungsmotive  ist  im  wesentlichen  zweierlei  Art : 
symbolisch  oder  figürlich  erzählend.  Unter  den  symbolischen  Motiven,  die  oft  in 
einer  nur  emblemartigen  Anwendung  auf  dem  altchristlichen  Gerät  eine  Rolle  spie- 
len, sind  vor  allem  zu  nennen  das  sog.  Monogramm  Christi,  aus  X  und  P  gebildet, 
das  A  und  ß,  ferner  auch  der  Fisch,  die  Taube,  der  Anker  u.  a.  m.  Bei  anspruchs- 
volleren Arbeiten  findet  man  dagegen  umfangreichere  figürlich  erzählende  Dar- 
stellungen, die  dem  didaktischen  Charakter  der  altchristlichen  Kunst  entsprechen 
und  an  geeigneter  Stelle  auf  dem  Körper  des  Gerätes  angebracht  sind.  Und  zwar 
findet  man  am  häufigsten  die  Gestalten  Christi  und  der  Apostel,  in  ganzer  Figur 
oder  in  Medaillonbüsten,  Szenen  aus  dem  Leben  Christi,  besonders  aus  der  Jugend- 
geschichte und  dem  Wunderwirken,  Szenen  aus  dem  alten  Testament,  in  denen 
man  eine  sog.  typologische  Beziehung  zu  der  Heilsgeschichte  sah.  Häufig  sind 
aber  auch  Darstellungen  aus  dem  täglichen  Leben,  die  Porträts  der  Besitzer  u.a.m., 
die  dann  durch  eine  fromme  Inschrift  oder  ein  beigefügtes  Symbol  die  christliche 
Herkunft  verraten.  D 


149 


Jene  Ausschmückung  kunstgewerblicher  Gegenstände  mit  inhaltsvollen  reli- 
giösen Darstellungen  deutet  nicht  etwa  auf  eine  kirchlich-liturgische  Bestimmung 
der  betreffenden  Stücke  hin,  sondern  war  auch  bei  dem  weltlichen  Gerät  und 
Schmuck  der  damaligen  Christen  [zum  Leidwesen  mancher  frommen  Männer]  ganz 
allgemein.  Die  meisten  erhaltenen  Arbeiten  dieser  Art  sind  Gegenstände  des  täg- 
lichen Lebens,  und  das  altchristliche  Kunstgewerbe  schloß  sich  auch  hierin  nur  älte- 
ren allgemein-antiken  Gepflogenheiten  an.  Wie  in  den  früheren  antiken  Ton-  und 
Silberwaren  z.  B.  die  Ausschmückung  mit  ganzen  Szenen  und  Gestalten  aus  der 
antiken  Mythologie  und  Geschichte  gang  und  gäbe  war,  so  wurden  diese  Darstel- 
lungen nun  mit  der  zunehmenden  Christianisierung  durch  christliche  Stoffe  ver- 
drängt. Aber  es  drückt  sich  hierin  nur  ein  Wechsel  des  Inhalts  aus,  nicht  ein  Wechsel 
des  Geschmacks.  Erst  mit  dem  Ausgang  unsererEpoche  tritt  diese  altantike  deko- 
rative Verwertung  dermenschlichen Gestalt  und  des darstellerischenBildes immer 
mehr  in  den  Hintergrund  um  dem  rein  ornamentalen  Dekorationsprinzip  des  frühen 
Mittelalters  das  Feld  zu  räumen.  Da  aber  ein  ornamentales  Kunstwerk  an  und  für 
sich  nichts  Schlechteres  ist,  als  ein  figürliches,  dürfte  man  in  dieser  Entwicklung 
nicht  einen  absoluten  Verfall  sehen,  sondern  nur  einen  Wechsel  des  Geschmacks 
und  der  leitenden  künstlerischen  Interessen.  D 

Dieser  Wechsel  des  Geschmacks:  der  SIEG  DES  ORNAMENTS,  der  abstrakten 
linearen  und  koloristischen  Ausschmückung,  über  die  menschliche  oder  sonstwie 
organische  Gestalt,  wie  sie  das  Lebensprinzip  der  klassischen  antiken  Kunst  bil- 
dete, ist  im  6.  Jahrhundert  entschieden.  Aber  die  Entwicklungstendenz,  die  hierzu 
führte,  lägt  sich  durch  mehrere  Jahrhunderte  zurückverfolgen,  und  die  erhaltenen 
Reste  des  altchristlichen  Kunstgewerbes  gehören  ausnahmslos  einem  Stadium  der 
Entwicklung  an,  welches  diese  Tendenz  schon  erkennen  lägt.  So  verraten  dieDar- 
stellungen,  die  wir  auf  den  altchristlichen  Gerätschaften  finden,  ein  immer  ab- 
nehmendes Interesse  für  die  organische  Beschaffenheit  der  menschlichenErschei- 
nung,  bis  schließlich  das  Verständnis  und  das  Interesse  für  dieForm  implastischen 
Sinne  überhaupt  verschwindet.  Doch  dies  zu  verfolgen  ist  weniger  eine  Aufgabe 
der  speziellen  Geschichte  des  Kunstgewerbes,  als  der  allgemeinen  Kunstgeschichte. 
Wichtig  ist  aber,  dag  wir  den  analogen Prozeg  auch  in  der  formalen  Durchbildung 
der  Geräte  selbst  beobachten.  Die  Formen  dieser  Gegenstände  erscheinen  im 
Vergleich  mit  Arbeiten  noch  aus  der  frühen  römischen  Kaiserzeit  unendlich  ver- 
einfacht. Die  Profilierung  tritt  zurück,  die  Ausladungen  werden  vermieden.  Statt 
einer  organisch-reichen,  plastisch-lebendigen  Durchbildung  wird  die  körperliche 
Haltung  der  Geräte  in  die  einfachsten  kubischen  Verhältnisse  gebracht.  Diese 
Entwicklung  —  vom  Standpunkt  der  klassischen  Antike  ein  Verfall  und  jedenfalls 
eine  'Verarmung'  der  künstlerischen  Interessen  —  ist  natürlich  nicht  eine  Beson- 
derheit des  altchristlichen  Kunstgewerbes,  sondern  gemeingültig  für  das  gesamte 
Kunstgewerbe  der  späteren  römischen  Kaiserzeit.  D 

Wie  der  Begriff  der  altchristlichenKunst  in  zeitlicher,  entwicklungsgeschicht- 
licher Beziehung  keine  absolute  Einheit  im  Sinne  eines  sich  gleichbleibenden 
Stiles  bedeutet,  sondern  mehrere  Entwicklungsphasen  in  sich  schliegt,  so  fagt  er 
auch  in  lokaler,  topographischer  Beziehung  das  künstlerische  Schaffen  der  ver- 

150 


schicdensten  Gegenden  zusammen.  Denn  da  das  römische  Weltreich  niemals  eine 
volkliche  oder  nationale  Einheit  gebildet  hat,  wird  es  auch  niemandem  einfallen, 
alle  Kunstwerke,  die  in  den  verschiedenen  Teilen  dieses  Reiches  entstanden  sind, 
als  eigentlich  römische  Produkte,  d.  h.  als  Erzeugnisse  der  Stadt  Rom  oder  auch 
nur  des  römisch -italischen  Bodens  anzusehen.  Vielmehr  ist  es  selbstverständ- 
lich, dag  die  großen  Kulturzentren,  besonders  im  Osten  des  römischen  Reiches, 
eine  bedeutende  Rolle  auch  in  dem  künstlerischen  Schaffen  dieser  Epoche  stets 
gespielt  haben.  Seit  der  hellenistischen  Zeit  standen  diese  Gegenden  an  einer 
führenden  Stelle  in  der  geistigen  Entwicklung  der  Antike.  Und  wenn  auch  in  den 
ersten  beiden  Jahrhunderten  derrömischenKaiserzeit  das  Abendland,  derrömisch- 
italische  Boden  in  so  überraschender  Weise  hervortritt,  dag  die  hervorragend- 
sten und  originellsten  Werke  von  ihm  geschaffen  werden,  —  so  liegt  doch  gerade 
für  die  altchristliche  Kunst,  deren  erhaltene  Reste  nur  ausnahmsweise  vor  das 
4.  Jahrhundert  zurückgehen,  der  Schwerpunkt  wieder  in  den  Ländern  der  östlichen 
Reichshälfte.  Denn  diese  halborientalischen  Gegenden,  die  mit  ihren  großen 
Städten  Vororte  des  Hellenismus  geworden  waren,  sie  waren  zugleich  die  ersten 
Heimstätten  des  Christentums :  Syrien,  Palästina,  Kleinasien,  Ägypten  —  Antiochia, 
Alexandria,  Ephesus  usw.  Zu  diesen  alten  Zentren  hellenistischer  und  christ- 
licher Kultur  im  Orient  war  dann  noch  ein  weiteres  neues  getreten,  als  Kaiser  Kon- 
stantin im  Jahre  330  die  Stadt  am  Bosporus  zur  Haupt-  und  Residenzstadt  des 
Reiches  erhob :  Byzanz  —  nach  dem  Namen  des  Kaisers,  der  es  zu  solcher  Bedeu- 
tung erhob,  nunmehr  Konstantinopel  benannt.  Es  versteht  sich,  dag  der  Einflug 
und  die  Mittel  des  Hofes  bald  imstande  waren,  hier  ein  reiches  künstlerisches 
Leben  zu  erwecken,  welches  an  Glanz  und  Pracht  mit  dem  alten  Rom  wetteifern 
sollte,  und  mit  Recht  konnte  die  Stadt  Konstantins  sich  bald  als  ein  Neu-Rom — 
eine  nova  Roma  bezeichnen,  besonders  als  über  Italien  die  Stürme  der  Völker- 
wanderung hereinbrachen.  D 
Wir  wissen,  dag  damals  auch  römische  Künstler  undHandwerker  nachByzanz 
berufen  wurden,  aber  naturgemäg  mugte  sich  hier  das  künstlerische  Schaffen  in 
einem  viel  engeren  Zusammenhang  entwickeln  mit  der  Kunst  jener  genannten, 
geographisch  und  rassemägig  näherliegenden,  alten  Kunstzentren  in  den  öst- 
lichen Mittelmeerländern.  So  könnte  man  dieses  grogeGebietder  östlichen,  orien- 
talisch-byzantinischen Kunst  des  Christentums  der  römisch- abendländischen 
gegenüber  stellen,  auch  wenn  es  zu  der  offiziellen  politischen  Trennung  des  römi- 
schen Universal-Reiches  in  eine  oströmische  und  weströmische  Hälfte  [395]  nie- 
mals gekommen  wäre.  Innerhalb  dieses  oströmischen  Kunstgebietes  wären  dann 
weiter  einzelne  kleinere  Kunstkreise  zu  unterscheiden,  vor  allem  der  syrisch- 
palästinensische, der  ägyptisch-koptische  [Alexandria  |  und  der  eigentlich  byzan- 
tinische I  Konstantinopel  |.  Da  aber  die  unter  sich  eng  verwandte  und  sich  gegen- 
seitig beeinflussende  Kunst  dieser  Gebiete  nur  in  Byzanz  eine  direkte  Weiter- 
entwicklung gefunden  hat,  während  das  asiatische  und  ägyptische  Gebiet  durch 
die  Völkerbewegung  des  Islams  der  christlichen  Kunst  bald  verloren  ging,  kann 
man  die  christlich-oströmische  Kunst  in  ihrer  Gesamtheit  ohne  weiteres  als  eine 
erste  Epoche  der  byzantinischen  Kunst  bezeichnen.   In  diesem  Sinne  spricht  man 

151 


n  Abb.  130:  Elfenbeinpyxis  mit  Anbetung  der  Könige  [Maria  auf  geflochtenem  Lehnstuhle]  D 

von  einer  ALTBYZANTINISCHEN  KUNST  im  Gegensatz  zu  der  byzantinischen 
Kunst  des  Mittelalters.  □ 

Die  neuere  Forschung  ist  mitten  in  der  Arbeit,  diese  etwas  chaotische  künst- 
lerische Lage  zu  klären,  die  Zentren  der  Herstellung  für  die  charakteristischsten 
Gruppen  festzustellen,  die  Besonderheiten  der  einzelnen  Gegenden  im  Sinne  von 
künstlerischen  Schulen  zu  erkennen.  Und  wenn  früher  die  christliche  Altertums- 
wissenschaft fast  nur  mitdenFunden  ausden  römischenKatakomben  arbeitete,  so 
haben  allein  die  Funde  der  letzten  Jahre,  die  man  auf  ägyptischem  [koptischem] 
Boden  gemacht  hat,  so  viel  zu  tage  gefördert,  dag  das  früher  Bekannte  der  Zahl 
und  Bedeutung  nach  wesentlich  zurücktritt.  Trotzdem  dürfte  es  für  die  Zwecke 
dieser  Darstellung  nicht  geraten  sein,  das  altchristliche  Kunstgewerbe  des  Westens 
gesondert  von  dem  des  Ostens  zu  betrachten.  Denn  die  gemeinsamen  Züge  der 
Tradition  und  Entwickelung  treten  in  beiden  Gebieten  energisch  hervor,  und 
schlief^lich  ist  das  Material  imOsten  wie  imWesten  noch  solückenhaft,  daß  es  sich 
empfiehlt,  das  eine  zur  Ergänzung  des  anderen  heranzuziehen.  Erst  bei  der  Be- 
trachtung des  eigentlich  mittelalterlichen  Kunstgewerbes  soll  die  byzantinische 
Kunst  der  abendländischen  in  besonderen  Abschnitten  gegenübergestellt  werden. 

152 


!Gi.-J  MAXIMIANSKATHEDRA  IN  DER 

DOMSAKRISTEI  ZU  RAVENNA 


Cji  • 


Q  Abb.  131  u.  132:  Elfenbeinpyxis,  Syrien,  5.  Jahrhundert  D 

Von  einigen  wenigen  Kostbarkeiten  abgesehen,  die  sich  in  alten  Kirchen- 
schätzen erhalten  haben,  stammen  die  auf  uns  gekommenen  kunstgewerblichen 
Arbeiten  altchristlicher  Zeit,  wie  schon  früher  gesagt,  fast  ausschließlich  aus 
Gräberfunden.  Dies  erklärt  es,  dag  manche  Gruppen  des  altchristlichen  Kunst- 
handwerks sehr  zahlreich,  andere  fast  gar  nicht  erhalten  sind.  So  ist  das  Gebiet, 
mit  dem  man  wohl  in  jeder  Epoche  eine  Betrachtung  des  Kunstgewerbes  am 
liebsten  eröffnen  möchte,  so  gut  wie  gar  nicht  vertreten:  das  MOBILIAR.  Aller- 
dings hat  sich  in  einigen  altchristlichenKirchen  wenigstens  ein  Teil  des  ursprüng- 
lichen KIRCHENMOBILIARS  erhalten,  nämlich  die  steinernen  Inventarstücke,  die 
mit  den  wichtigsten  Funktionen  des  Gottesdienstes  am  engsten  zusammenhängen: 
der  Altar  [mensa],  der  Bischofsstuhl  [cathedra],  die  sog.  Ambonen,  von  denen  die 
biblischen  Texte  verlesen  wurden,  die  Chorschranken.  Aber  dieses  steinerne 
Kirchenmobiliar  ist  so  eng  mit  der  ganzen  Innenarchitektur  der  altchristlichen 
Kirchen  verwachsen,  dag  der  Leser  sich  hierüber  in  jeder  Geschichte  der  altchrist- 
lichen Baukunst  informieren  kann.  Vollkommen  zugrunde  gegangen  ist  dagegen 
das  eigentliche  GEBRAUCHSMOBILIAR  der  christlichen  Häuser.  Doch  bietet  sich 
für  das  Verlorene  ein  gewisser  Ersatz  dadurch,  dag  zahlreiche  Abbildungen 
solcher  Möbelstücke,  besonders  von  Sitzmöbeln  und  Betten,  auf  altchristlichen 
Malereien  und  Reliefs  zu  finden  sind.  Derartige  Darstellungen  von  Möbeln  [und 
sonstigem  Hausgerät]  auf  altchristlichen  Denkmälern  ergeben  die  Tatsache,  die 
nach  dem  früher  Gesagten  niemanden  überraschen  wird:  die  völlige  Übereinstim- 
mung mit  älteren  und  gleichzeitigen  antiken  Erzeugnissen.  Dieselben  Typen,  von 
den  prachtvollen,  thronartigen  Sesseln  bis  zu  den  kleinen,  beweglichen  Schemeln 
und  Klappstühlen,  finden  sich  auf  heidnischen  und  christlichen  Denkmälern  der 
betreffenden  Epoche.  Und  noch  etwas  anderes  ist  aus  jenen  Darstellungen  zu  ent- 
nehmen :  auch  der  Luxus,  der  mit  dem  Mobiliar  getrieben  wurde,  die  Freude  an 

153 


n  Abi).  i:i:i:  Kaiserin  Theodora  mit  Geloige,  Mosaik  in  San  \  itale  zu  Kavenna  Q 

der  kostbaren  Arbeit  und  dem  kostbaren  Material  ist  hier  wie  dort  die  gleiche,  die 
Vorliebe  für  Reliefschnitzerei  und  freiplastische  Teile,  besonders  an  den  Bekrö- 
nungen,  den  Fügen,  den  Stützen  der  Armlehnen.  Als  das  normale  Material  ist 
natürlich  Holz  vorauszusetzen,  und  dag  die  Holzschnitzerei  in  der  altchristlichen 
Zeit  geübt  wurde,  bestätigen  erhalteneHolzskulpturen  dieser  Epoche  [z.B.  die  ge- 
schnitzten Holztüren  von  San  Sabina  in  Rom  und  San  Ambrogio  in  Mailand,  sowie 
kleinere  Stücke  im  Berliner  Kaiser-Friedrich-MuseumJ.  Keineswegs  selten  waren 
aber  auch  bronzene  Möbel,  und  gerade  bei  kostbaren  Stücken  hat  zum  mindesten 
die  Applikation  von  metallenem  Zierat  eine  wichtigeRolle  gespielt.  Für  einfachere 
Zwecke  sind  schließlich  auch  geflochtene  Möbel,  etwa  in  derForm  unsererStrand- 
körbe,  im  Gebrauch  gewesen  |Abb.  130].  D 

Für  die  Ausschmückung  kostbarer  Möbel  war  aber  vor  allem  das  Elfenbein 
beliebt.  Eine  ganze  Reihe  altchristlicher  und  spätantiker  ELFENBEINSCHNITZE- 
REIEN lassen  eine  derartige  Verwendung  mit  größerer  oder  geringerer  Sicher- 
heit voraussetzen,  und  zwar  finden  sich  unter  derartigen  Stücken  Arbeiten,  welche 
zu  den  hervorragendsten  Werken  der  damaligen  Kleinplastik  gehören.  In  ihren 
Darstellungen  zeigen  diese  Arbeiten  sowohl  biblische,  wie  antik -mythologische 
Stoffe.  Zu  letzteren  gehören  vor  allem  die  schönen  Schnitzereien,  die  später  als 
Schmuck  der  Kanzel  im  Aachener  Münster  dienten.  Von  den  eigentlich  kirchlichen 
Möbeln  dieser  Gattung  ist  wenigstens  ein  einziges,  annähernd  vollständig  erhal- 
tenes Exemplar  auf  unsgekommen:  dieberühmteMAXIMIANS-CATHEDRA  inRa- 
venna,  angeblich  der  Amtssessel  des  ravennatischen  Bischofs  Maximian  |s.  Tafel 
und  Abb.  127— 129 1.   Es  ist  ein  einfacher  Lehnstuhl,  dessen  Aufbau  eine  klare 

154 


ö  Abb.  134:  Crux  gemmata  auf  einem  Mosaik  in  San  Apollinare  in  Classe  zu  Ravenna  D 

Schreinerkonstruktion  zeigt  mit  Pfosten  und  Brettergefüge.  Der  Körper  besteht 
aus  Holz,  und  dieses  ist  auf  den  Schauseiten  mit  eingelassenen  Elfenbeinschnitze- 
reien verkleidet,  von  denen  ein  Teil  freilich  verloren  und  in  andere  Sammlungen 
gekommen  ist.  Zwischen  durchlaufenden  ornamentalen  Streifen  mit  prachtvollem 
Weinlaub  und  Tieren  [Abb.  128  u.l29|,  wie  es  ähnlich  z.  B.  auf  koptischen  Stoffen 
vorkommt,  sitzen  |oder  sagen]  viereckige,  zum  Teil  abgeschrägte  Reliefplatten, 
welche  Darstellungen  Christi  und  der  Evangelisten  und  vor  allem  einen  reichhalti- 
genZyklus  aus  dem  alten  und  neuen  Testament  geben.  IhremStile  nach  gehört  die 
Arbeit  spätestens  der  ersten  Hälfte  des  6.  Jahrhunderts  an;  sie  ist  in  Ägypten 
[vermutlich  in  Alexandria]  entstanden.  D 

Auf  die  Bedeutung  eines  solchen  Werkes  für  die  Geschichte  der  altchristlichen 
Plastik  ist  in  diesem  Zusammenhange  nicht  einzugehen.  Und  als  solche  haben  uns 
auch  die  übrigen  Erzeugnisse  der  altchristlichen  Elfenbeinplastik  hier  nicht  zu 
beschäftigen.  Nur  auf  die  Beliebtheit  des  Elfenbeins  für  kunstvolles  Kleingerät  soll 
hier  aufmerksam  gemacht  werden.  Es  handelt  sich  da  im  wesentlichen  um  zwei 
Gerättypen,  die  in  feststehenden  Formen  von  den  Elfenbeinschnitzern  hergestellt 
wurden :  die  Diptychen  und  die  Pyxiden.  DieDIPTYCHEN  sind  SCHREIBTAFELN ; 
sie  bestehen  aus  einem  Paar  zusammenklappbarer  Tafeln,  die  durch  Ringe  oder 
Scharniere  verbunden  sind.  Die  Innenseiten  waren  mit  Wachs  überzogen,  auf 
welches  mit  dem  Griffel  geschrieben  wurde,  während  die  Aufienseiten  ganz  mit 
Reliefs  profanen  und  religiösen  Inhalts  versehen  wurden.  Ihrer  Form  nach  kaim 
man  die  einfachen  Diptychen,  bei  denen  jede  Seite  aus  einer  viereckigen  Platte 
besteht,  unterscheiden  von  den  sog.  'fünfteiligen  Diptychen'  |s.  Tafel].  Bei  diesen 

155 


setzt  sich  jede  Hälfte  zusammen  aus  einem  größeren  Mittelstück,  welches  an  den 
Seiten  von  vier  schmaleren  Streifen  gerahmt  wird.  Die  bisher  bekannten  fünfteili- 
gen Diptychen  aus  altchristhcher  Zeit  gehören  größtenteils  dem  oströmisch-alt- 
byzantinischen Kreise  an.  Im  Mittelalter  wurden  die  Elfenbeindiptychen  vielfach 
als  Schmuck  von  Buchdeckeln  benutzt.  □ 

Die  PYXIDEN  sind  DOSEN,  kleine  zylindrische  Behälter,  je  nach  der  Form  des 
Elfenbeinzahnes  von  rundem  oder  elliptischem  Grundriß,  ursprünglich  mit  einem 
[zumeist  verlorenen]  Klappdeckel  versehen  [Abb.  130—132].  Obgleich  die  Mehr- 
zahl dieser  Pyxiden  auf  der  Außenseite  der  Wandung  biblische  Reliefs  zeigt,  ist 
durchaus  nicht  anzunehmen,  daß  sie  ursprünglich  eine  lithurgisch-kirchliche  Be- 
stimmung hatten.  Sondern  sie  dienten  in  erster  Linie  als  Schmuckkästchen  oder 
zu  ähnlichen  privaten  Zwecken.  Erst  die  mittelalterliche  Kirche  benutzte  der- 
artige Geräte,  soweit  sie  sich  in  ihren  Besitz  gerettet  hatten,  als  Reliquienbe- 
hälter, Ziborien  usw.  Die  große  Mehrzahl  der  altchristlichen  Pyxiden  ist  im  5.  und 
6.  Jahrhundert  entstanden  und  zwar  in  Syrien  undAgypten,der  natürlichen  Heimat 
der  Elfenbeinschnitzerei.  —  Bei  manchen  altchristlichen  Elfenbeinarbeiten  haben 
sich  Reste  einer  Bemalung  oder  farbigen  Tönung  erhalten,  die  zu  der  ursprüng- 
lich beabsichtigten  künstlerischen  Wirkung  entschieden  sehr  wesentlich  mit  bei- 
getragen hat.  □ 

Im  Zusammenhang  mit  der  kunstgewerblichen  Elfenbeinplastik  sei  wenigstens 
beiläufig  erwähnt,  daß  auch  die  schwierige  Kunst  des  STEINSCHNITTS,  die  in  der 
früheren  römischen  Kaiserzeit  noch  in  höchster  Blüte  stand,  eine  stattliche  Anzahl 
christlicher  Denkmäler  hinterlassen  hat.  Derartige  'altchristliche  Gemmen'  und 
verwandte  Arbeiten  aus  Kristall,  Perlmutter  und  Bernstein  findet  man  besonders 
in  den  römischen  Sammlungen.  Sie  dienten  als  Siegel  und  Schmuck  und  charak- 
terisieren sich  durch  Embleme  und  Symbole  christlichen  Inhalts.  Im  übrigen  inter- 
essieren diese  Arbeiten  weniger  vom  künstlerischen,  als  vom  archäologischen 
Standpunkt.  Das  gleiche  gilt  auch  für  die  sonstigen  SCHMUCKGEGENSTÄNDE, 
die  durch  eine  Inschrift  oder  ihre  Darstellungen  den  christlichen  Ursprung  ver- 
raten. In  vielen  dieser  Arbeiten  drückt  sich  überdies  eine  direkte  Beziehung  zu 
gewissen  abergläubischen  Vorstellungen  aus,  die  in  der  ganzen  spätantiken  Welt 
bestanden  und  dem  Schmuck  die  Bedeutung  eines  Amuletts  oder  sog.  PHYLAK- 
TERIONSgaben.  In  entsprechender  Weise  pflegte  man  auch  indenHals-undBrust- 
schmuck  Reliquien  oder  fromme  Sprüche  zu  verschließen  und  es  war  ein  nahe- 
liegender Schritt,  diesen  Schmuckstücken  selbst  dieForm  einesSymbols,  vorallem 
die  Form  des  größten  christlichen  Symbols,  des  Kreuzes  zu  geben  [sog.  BRUST- 
KREUZE]. Solche  als  Anhänger  gearbeitete  Reliquienbehälter  werden  ENKOL- 
PIEN  genannt.  D 

Neben  derartigen,  im  engeren  Sinne  'altchristlichen'  Schmuckgegenständen, 
spielte  der  rein  profane  Schmuck  in  den  luxuriösen  Neigungen  der  christlichen 
Gesellschaft  jener  Zeit  eine  nicht  geringe  Rolle.  In  den  altchristlichen  Mosaiken 
sieht  man  es,  nicht  nur  in  den  ravennatischen  Darstellungen  von  Damen  der  Hof- 
gesellschaft, sondern  auch  in  denDarstellungen weiblicher Heiliger|  Abb.  133].  Vor 
allem  fallen  da  die  schweren  Ohrgehänge  undHalsketten  auf,  diemit  ihrenbreiten, 

156 


" 

^Ji^  ELFENBEINDIPTYCHON,  ÄGYPTISCH-SYRISCH,  6  JAHR- 

l^-^  HUNDERT.  IM  KAISER  -  FRIEDRICH  -  MUSEUM  ZU  BERLIN 


flächigen  Formen  und  großen,  bunten  Steinen  den  üppigen  Eindruck  des  Kostüms 
ergänzen.  Die  künstlerische  Wirkung  lag  hier  nicht  mehr  wie  bei  dem  älteren  an- 
tiken Schmuck  in  der  feinen  plastischen  und  tektonischenDurchbildung  der  Formen, 
sondern  in  der  koloristischen  Wirkung  des  Materials  selbst.  Dies  gibt  dem  Schmuck 
auch  bei  den  antiken  Mittelmeervölkern  vom  5.  Jahrhundert  an  oft  das  Gepräge 
einer  barbarischen,  aber  in  ihrer  Art  raffinierten  Pracht,  und  manches  Stück,  das 
unter  den  Barbarenfunden  auf  germanischem  und  gallischemBoden  entdeckt  wurde, 
mag  in  Wahrheit  gar  nicht  dort  entstanden,  sondern  aus  byzantinischen  Werkstätten 
nach  jenen  Gegenden  exportiert  oder  verschlagen  sein.  Dem  allgemeinen  Wechsel 
des  Geschmackes  entspricht  auch  die  Vorliebe  für  flache  Durchbruchsarbeit,  die 
man  besonders  bei  den  Armbändern  beobachtet.  D 

Für  die  spezielle  Geschichte  des  altchristlichenKunstgewerbes  sind  von  größe- 
rer Wichtigkeit  einige  andere  Arbeiten,  die  als  kümmerliche  Reste  der  damaligen 
GOLDSCHMIEDEKUNST  auf  uns  gekommen  sind.  Es  sind  Arbeiten,  die  uns  den 
Goldschmied  im  Dienste  des  vornehmen  Kleingeräts  zeigen.  An  erster  Stelle  ist 
da  der  Silberschatz  zu  nennen,  der  1793  auf  dem  Esquilin  in  Rom  gefunden  wurde 
und  jetzt  imBritischenMuseum  zuLondon  sich  befindet:  die  Toilettengegenstände 
der  Projekta,  Gemahlin  des  Secundus  aus  dem  Hause  der  Asterier.  Das  Haupt- 
stück ist  das  silberne  Schmuckkästchen  dieser  römischen  Dame  [Abb.  135], 
welches  mit  seinen  figürlichen  Treibarbeiten  zu  den  charakteristischesten  Kunst- 
werken der  altchristlichen  Zeit  gehört.  In  der  Mitte  des  Deckels  ein  Medaillon  mit 
den  Porträts  des  Braut-  oder  Ehepaares,  von  Genien  gehalten,  darum  die 
Einführung  der  jungen  Frau  in  das  Haus  ihres  Gatten,  mythologische  Fabel- 
gruppen, die  Figur  der  Venus,  der  antiken  Liebesgöttin,  neben  einer  frommen  An- 
rufung Christi!  Anordnung  und  Motive,  z.  B.  auch  die  Arkadenstellung  auf  der 
eigentlichen  Wandung,  entsprechen  antiken  und  altchristlichen  Sarkophagen  der 
Zeit,  der  Stil  weist  auf  den  Ausgang  des  4.  Jahrhunderts.  Die  Vorzüglichkeit  der 
Arbeit  ist  nicht  überraschend,  da  uns  in  den  spätantiken  Silberschilden  eine  ganze 
Gruppe  von  Goldschmiedearbeiten  erhalten  ist,  die  uns  den  Hochstand  der  figür- 
lichen Treibarbeit  in  dieser  Epoche  bezeugt.  Einen  Schritt  weiter  führt  uns  ein 
anderes  silbernesKästchen,  welches  erst  vor  wenigen  Jahren  in  dem  Kirchenschatz 
von  San  Nazario  in  Mailand  entdeckt  wurde :  ein  einfacher,  würfelförmiger  Behälter, 
der  wenigstens  im  Mittelalter  zur  Aufbewahrung  von  Reliquien  diente.  Hier  findet 
man  [auf  demDeckel  unddenvierSeitenwänden]  ausschließlich  christlich-religiöse 
Darstellungen :  die  Madonna,  die  wunderbareSpeisung,  das  Urteil  des  Salomo  u.  a.m. 

Unter  den  altchristlichen  Silberarbeiten  der  späteren  Zeit,  besonders  des  6.  Jahr- 
hunderts, überwiegen  die  christlich-orientalischen  und  byzantinischen  Erzeugnisse. 
Neben  Byzanz  dürfte  vor  allem  Syrien  [unter  dem  Einfluß  sassanidischer  Gold- 
schmiedekunst |  für  dieHerstellung  derartiger  Arbeiten  inBetracht  kommen.  Unter 
den  erhaltencnResten  fallen  besonders  die  tellerartigen  Schüsseln  [meistPatenen 
genannt]  und  einige  kelchförmige  Vasen  auf.  Besonders  erwähnt  seider  auf  Cypern 
gemachte  Fund  imBritischenMuseum  und  die  schöne  in  Sibirien  gefundene  Patene 
im  Besitz  des  Grafen  Stroganoff  in  Rom  mit  der  getriebenen  Darstellung  zweier 
Erzengel  zu  Seiten  eines  Kreuzes  [Abb.  140J.  Unter  jenen  cyprischen  Funden  tritt 

157 


D  Abb.  135:  Silberner  Schmuckkasten  im  Britischen  Museum  zu  London  D 

neben  der  Treibarbeit  auch  das  Niello  als  eine  geschickt  geübte  Technik  hervor. 
Dag  die  Goldschmiedekunst  des  christlichen  Ostrom  eine  viel  reichere  Produktion 
aufwies,  als  nach  den  erhaltenenResten vielleicht  anzunehmen  scheint,  ergibt  sich 
auch  daraus,  dag  an  mehreren  der  geretteten  Stücke  und  Fragmente  der  Gebrauch 
einer  offiziellen  Stempelung  nachzuweisen  ist.  D 

Welche  Rolle  die  Goldschmiedekunst  in  der  altchristlichen  Kirche  selbst,  d.  h. 
zukultlichen,  liturgischen  Zwecken  spielte,  lägt  sich  nur  noch  aus  den  literarischen 
Nachrichten  entnehmen.  Aber  selbst  wenn  man  einen  grogen  Teil  dieser  Nach- 
richten als  übertrieben  ansehen  mug,  bleibt  noch  genug  übrig,  um  sich  den  Besitz 
der  vornehmeren  Gemeinden  an  kostbarem  Kirchengerät,  wenigstens  seit  dem 
5.  Jahrhundert,  äugerst  reich  vorzustellen.  Neben  den  Altargefägen  ( Kelchen,  Pa- 
tenen  (und  Lampen  wären  da  vor  allem  die  mitEdelsteinen  geschmückten  ALTAR- 
KREUZE zu  nennen,  von  denen  man  sich  aus  den  Darstellungen  der  sog.  'cruces 
gemmatae'  auf  altchristlichen  Mosaiken  eine  Vorstellung  bildenkann  [Abb.  134 1.  Die 
erhaltenen  Exemplare  —  das  von  Kaiser  Justin  IL  an  Sankt  Peter  geschenkte 
Kreuz  im  christlichen  Museum  des  Vatikans,  das  sog.  Kreuz  des  Agnellus  in 
Ravenna  |Abb.  136  und  137 1,  ein  drittes  in  Brescia  —  sind  zum  mindesten  so  über- 
arbeitet, dag  sie  als  authentische  Arbeiten  dieser  Epoche  nicht  anzusehen  sind. 
Restlos  zugrunde  gegangen  sind  auch  jene  kostbaren  Altarverkleidungen  aus  Gold 
mit  Edelsteinen  —  die  Vorläufer  der  mittelalterlichen  Antependien  — ,  wie  sie  vor 
allem  die  Sophienkirche  in  Konstantinopel  als  kaiserliche  Geschenke  besag.  Auch 
Bucheinbände  für  die  Evangelien  aus  mit  Steinen  verzierten  Goldplatten  werden 
gelegentlich  genannt;  doch  scheint  ihr  Vorkommen  seltener  gewesen  zu  sein,  als 
im  eigentlichen  Mittelalter.  D 

Den  sehr  seltenen  altchristlichen  Edelmetallfunden  stehen  um  so  zahlreichere 
ARBEITEN  AUS  UNEDLEM  METALL  gegenüber.  Freilich  handelt  es  sich  hierbei 
zumeist  nur  um  Arbeiten  von  viel  geringerer  Individualität;  aber  eine  geschicht- 
liche Bedeutung  kommt  ihnen  schon  darum  zu,  weil  sie  das  Nachleben  der  älteren 

158 


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Abb   138  u.  137:   Silbernes  Kreuz  im  Dome  zu  Ravenna  und  Mittelstück  dieses  Kreuzes  mit  Maria  Orans 

antiken  Typen  und  Techniken  in  das  Mittelalter  hinein  besonders  deutlich  ver- 
folgen lassen.  An  erster  Stelle  wären  da  die  Bronzearbeiten  zu  nennen,  ungemein 
zahlreich  erhalten  und  in  jeder  größeren  Sammlung  vertreten:  Ringe,  Agraffen, 
Armbänder,  Schnallen,  Anhänger,  Medaillons  als  wohlfeiler  Ersatz  für  Gold-  und 
Silberschmuck,  oft  nur  durch  die  Inschrift  ihre  christliche  Herkunft  verratend. 
Von  größerer  Wichtigkeit  sind  die  häufig  erhaltenen  altchristlichen  BRONZE- 
LAMPEN, deren  stereotype  Formen  sich  den  älteren  gemein-antiken  Typen 
direkt  anschließen.  Bei  den  reicheren  Exemplaren  wird  der  Griff  gern  in  Form 
eines  phantastischen  Tierkopfes  gebildet  [Abb.  138],  daneben  findet  man  an  ge- 
eigneter Stelle  das  Kreuz,  die  Taube,  das  Monogramm  Christi.  Eigentlich  figür- 
liche Darstellungen  kommen  nur  selten  vor,  dagegen  nehmen  die  Lampen  selbst 
öfters  die  komplizierten  Formen  eines  Schiffes  und  |in  einem  Exemplar  in  Peters- 
burgjdieForm  eines  Kirchengebäudes  an.  Die  meisten  dieserBronzelampenwaren 
anKetten  als  Hängelampen  zubenutzen.  In  dieser  Weise  wurden  sie  beifeierlichen 
Anlässen  an  den  Kreuzarmen  angebracht,  über  den  Gräbern  der  Märtyrer  usw.  Sie 
bilden  so  einen  Vorläufer  der  Kerzenbeleuchtung,  die  erst  im  eigentlichen  Mittel- 
alter in  der  christlichen  Kirche  ihren  Eingang  findet.  Nur  selten  erhalten  sind  die 
zumeist  in  Ägypten  gefundenen  Lampenständer,  die  eine  erhöhte  Aufstellung  der 
Lampen  ohne  Hängevorrichtung  erlaubten;  sie  bestehen  regelmäßig  aus  einem 
gedrehten,  balusterartigen  Stil  mit  einem  Dreifuß  und  einer  tellerartigen  Bekrö- 
nung,  auf  die  die  eigentliche  Lampe  gestellt  wurde.  Neben  den  Lampen  verdie- 
nen unter  den  altchristlichen  Bronzearbeiten  besonders  die  RÄUCHERGEFÄSSE 
und  Feuerbecken  erwähnt  zu  werden.  Sie  zeigen  einen  vasenförmigen  Behälter, 
auf  mehr  oder  minder  hohem  Fuß,  mit  durchlochtem  Deckel,  oder  einfachere 
zylindrische  Formen  und  waren  regelmäßig  mit  Ketten  versehen.  Die  Dekoration 
ist  zumeist  eine  ganz  bescheidene.  D 

159 


G  Abb.  i;jS:  Altchristliclu-  Bronzelampe  aus  Ägypten.  Kunstgewerbemuseum  zu  Berlin  D 

Nur  erwähnt  sei  das  Vorkommen  altchristlicher  Geräte  und  Schmucksachen 
aus  BLEI,  die,  abgesehen  von  den  nordafrikanischen  Funden,  besonders  in  dem 
byzantinisch-orientalischen  Gebiet  häufig  sind.  In  diesem  Zusammenhang  mögen 
auch  die  sog.  AMPULLEN  Erwähnung  finden,  da  sie  wenigstens  in  manchen  Ge- 
bieten besonders  gern  aus  Blei  hergestellt  wurden.  Man  nahm  früher  an,  dag  all 
diese  Ampullen,  die  zu  vielen  Hunderten  erhalten  sind,  dazu  dienten,  das  als  Re- 
liquie verehrte  Öl  zu  bewahren,  welches  man  den  Lampen  entnahm,  die  an  dem 
Grabe  bestimmter  Heiliger  brannten.  Eine  solche  Bestimmung  hatten  z.B.  die  be- 
rühmten 65 Ampullen,  dieGregor  derGroge  derLongobardenköniginTheodolinde 
verehrte  und  die  jetzt  im  Domschatz  zu  Monza  bewahrt  werden.  Sie  enthielten  Ol 
von  den  heiligen  Stätten  in  Palästina.  Dagegen  haben  die  neuesten  deutschen  Aus- 
grabungen in  der  Mareotiswüste  bewiesen,  dag  die  viel  häufigeren  Ampullen  von 
dem  Grabe  des  heiligen  Menas,  des  'Nationalheiligen*  der  altchristlichen  Ägyp- 
ter, nicht  Ol  enthielten,  sondern  Wasser  von  einem  diesem  Heiligen  geweihten 
Wunderquell  [einem  altchristlichen  LourdeslJ.  Diese  sog.  Menas- Ampullen  sind 
fast  ausschließlich  aus  gebranntem  Ton  hergestellt  und  erkenntlich  durch  dieDar- 
stellung  des  stehenden  Heiligen  zwischen  zwei  Kameelen  auf  den  flachen  Wan- 
dungen des  runden  Körpers  dieser  Fläschchen.  D 

Unter  den  mit  der  Goldschmiedekunst  zusammenhängenden  Techniken,  die 
dazu  dienen,  dem  Metall  eine  koloristische  Belebung  zu  geben,  wardemspätantikei 
Kunstgewerbe  vor  allem  das  EMAIL  geläufig.  Doch  haben  sich  eigentlich  altchrist- 
liche Gegenstände  mit  Emaildekor  nicht  erhalten.  Um  so  wichtiger  ist,  dag  sich 
einige  hervorragende  altchristliche  Denkmäler  nachweisen  lassen,  die  jene,  dem 

160 


q^  KOPTISCHE  WIRIvEREIEN,  AUS  DEM 

•°Kl  KUNSTGEWERBE-MUSEUM,  BERLIN 


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D  Abb.  139:  Altchristliche  Tonlampen  aus  Ä^pten.    Berlin,  Kaiser-Friedrich-Museum  □ 

Email  verwandte  Technik  der  sog.  ZELLENVERGLASUNG  oder  Zellenmosaik 
[Verroterie  cloisonneej  zeigen.  Es  ist  dies  die  Technik,  die  besonders  bekannt  ist 
aus  den  sog.  Barbarenfunden  der  Völkerwanderungszeit,  und  die  deshalb  erst  bei 
der  Besprechung  dieser  Arbeiten  näher  behandelt  werden  soll.  Für  die  kunst- 
geschichtliche Beurteilung  jener  gotischen,  langobardischen,  fränkischen  Funde 
ist  es  aber  von  größter  Wichtigkeit,  dag  gerade  auch  diese,  für  sie  besonders  cha- 
rakteristische Technik  derZellenverglasung  auf  Arbeiten  nachweisbar  ist,  die  un- 
zweifelhaft in  den  Zentren  spätantiker-altchristlicher  Produktion  und  in  direktestem 
Zusammenhang  mit  antikenTraditionen  entstanden  sind.  So  findet  man  auf  einem 
der  berühmtesten  Werke  altchristlicher  Elfenbeinplastik,  dem  fünfteiligen  Dipty- 
chon des  Mailänder  Domschatzes,  die  Mitteltafeln  mit  einer  Darstellung  des 
Lammes  Gottes  und  des  Kreuzes  in  dieser  Technik  ausgeführt.  —  DafidasNlELLO 
auf  altchristlichen  Metallarbeiten  nachweisbar  ist,  wurde  bereits  oben  erwähnt. 
So  findet  es  sich  auf  einer  schönen  Schüssel  des  kyprischen  Fundes  im  Britischen 
Museum  und  einem  verwandten  Stück  in  St,  Petersburg.  D 

Das  Vorkommen  der  Zellenverglasung  auf  altchristlichen  Denkmälern  bietet 
den  erwünschten  Übergang  zur  Betrachtung  eines  Zweiges  der  antiken  Keramik, 
der  in  den  letzten  Jahrhunderten  der  römischen  Kaiserzeit  in  gröfUer Blüte  stand: 
der  GLASFABRIKATION.  Da  diese  Technik  in  allen  Teilen  der  antiken  Welt  ver- 
breitet war  und  sich  in  verschiedenen  Gegenden  ununterbrochen  bis  in  das  Mittel- 
alter erhalten  hat,  ist  das  häufige  Vorkommen  altchristlicher  Glasarbeiten  ohne 
weiteres  erklärlich.  Der  Stolz  der  altchristlichen  Kunst,  die  Mosaikmalerei,  setzt 
die  Blüte  wenigstens  gewisser  Zweige  dieser  Technik  direkt  voraus.  D 

Tatsächlich  lassen  sich  für  fast  alle  Gebiete  der  antiken  Glasmacherkunst  ent- 
sprechende altchristliche  Denkmäler  nachweisen,  von  den  farblosen  und  farbigen 

11  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  161 


Erzeugnissen  der  Gefäfibildnerei  bis  zu  den  Imitationen  von  Steinen  und  Gemmen. 
Auch  in  diesen  Arbeiten  drückt  sich  ihre  christUche  Herkunft  und  Bestimmung 
nur  durch  den  christlichen  Charakter  ihrer  Dekorationsmotive  oder  der  Inschriften 
aus.  Dagegen  kann  man  eine  bestimmte  Gruppe  von  Glasarbeiten  als  eigentlich 
christliche  Erzeugnisse  im  engeren  Sinne  bezeichnen,  insofern  als  sie  der  über- 
wiegenden Mehrzahl  nach  für  christlichen  Gebrauch  gearbeitet  wurden.  Es  sind 
die  GOLDGLÄSER  oder  FONDI  D'ORO.  Wie  in  der  Zellenverglasung  das  Glas  in 
den  Dienst  des  Goldschmiedes  tritt,  so  tritt  bei  diesen  Gläsern  die  Metallarbeit  in 
denDienst  des  Glaskünstlers:  Zwischen  zwei  Glasschichten,  von  denen  wenigstens 
die  obere  durchsichtig  ist,  ist  eine  Goldplatte  eingelassen,  welche  in  Gravierung  oder 
einer  Art  Silhouettenschnitt  eine  Darstellung  zeigt,  die  gelegentlich  noch  durch 
Bemalung  belebt  wird  |Abb.  143  und  144 1.  Da  derartige  Goldgläser  zu  mehreren 
Hunderten  wenigstens  fragmentarisch  erhalten  sind,  bieten  sie  infolge  ihrer  figür- 
lichen Darstellungen  eine  der  wichtigsten  Quellen  für  die  Kenntnis  der  altchrist- 
lichen Darstellungswelt.  Dabei  überwiegen  die  Darstellungen  religiöser  Natur, 
Szenen  aus  dem  alten  und  neuen  Testament,  Bilder  von  Heiligen.  Daneben  kom- 
men profane  Darstellungen,  wie  Porträts,  Gladiatoren,  mythologische  Gestalten 
verhältnismäßig  selten  vor.  Die  Mehrzahl  dieser  Gläser  stammt  aus  den  römischen 
Katakomben,  doch  haben  sich  solche  auch  am  Rhein  und  auf  oströmischem  Gebiet 
gefunden.  Ihre  durchschnittliche  Entstehungszeit  liegt  im  4.  und  5.  Jahrhundert, 
und  wenigstens  für  das  erhaltene  Material  dürfte  Italien  das  wichtigste  Pro- 
duktionsland gewesen  sein.  Die  Technik  selbst  ist  freilich  viel  älter  und  vermut- 
lich alexandrinischer  Herkunft.  Die  ursprüngliche  Bestimmung  der  erhaltenen 
Goldgläser  ist  vielfach  fraglich.  Sicher  bilden  viele  Stücke  Teile  von  zerbrochenen 
Gefäßen,  Schalenböden  etc.;  doch  ebenso  sicher  ist  es,  dag  derartige  Gläser  auch 
als  selbständige  Schmuckstücke,  in  Medaillonform,  als  Anhänger  usw.,  gearbeitet 
und  getragen  wurden.  D 

Von  den  übrigen  keramischen  Techniken  ist  die  altchristliche  Produktion  vor 
allem  noch  an  der  Herstellung  einfacher  gebrannter,  UNGLASIERTER  TON- 
WAREN I TERRAKOTTEN]  beteiligt.  Als  solche  sind  die  Menasampullen  bereits 
erwähnt  worden,  und  dazu  kommen  mehrere  Tausende  altchristlicher  Tonlampen 
aus  dem  Osten  und  Westen  der  Mittelmeerländer  wie  auch  aus  den  Ländern  nörd- 
lich der  Alpen.  Gegenüber  den  vornehmeren  Bronzelampen  bilden  die  altchrist- 
lichen Tonlampen  naturgemäß  die  wohlfeilere,  gewöhnliche  Ware.  Dies  drückt 
sich  besonders  deutlich  in  der  geringeren  künstlerischen  Qualität  der  Dekoration 
und  der  flaueren  Durclibildung  der  Formen  aus.  Der  Griff  und  der  Brenner  setzt 
hier  nicht  so  klar  von  dem  rundlichen  Körper  ab,  wie  bei  den  Bronzelampen,  sondern 
es  entwickelt  sich  eine  ei-  oder  birnenförmige  Gesamtform.  Besonders  für  die 
ägyptischen  Lampen  ist  die  Betonung  der  Mitte  durch  einen  Kreis  charakteristisch, 
in  dem  sich  das  trichterförmig  vertiefte,  oft  von  einem  Steg  |zur  Vermeidung  des 
Verschüttens|  umzogene  Eingußloch  befindet.  Die  Dekorationsmotive  sind  in  der 
Form  oder  mit  Stempeln  gepreßt,  oder  freihändig  eingeritzt.  Abgesehen  von  eigent- 
lich figürlichen  Darstellungen  findet  man  besonders  häufig  Kreise  und  Vögel, 
Palmetten  oder  Ranken;  bei  den  einfachsten  Exemplaren  besteht  die  Ornamentik 

162 


aus  Kreisen  und  Punkten  [Abb.  139].  Eigenartig  sind  die  ciiristlichen  Tonlampen 
aus  Karthago  wegen  ihrer  Vorliebe  für  profane  Stoffe  aus  der  Welt  der  Arena, 
dem  Jagd-  und  Kriegsleben.  D 

Zu  den  interessantesten  Resten  altchristlichen  Kunstgewerbes  gehören  die 
nach  vielen  Tausenden  zählenden  TEXTILFUNDE,  die  zugleich  die  wichtigste  Er- 
gänzung bilden  für  unsere  so  mangelhafte  Kenntnis  der  antiken  Textilkunst  über- 
haupt. Diese  altchristlichen  Stoffreste  stammen  fast  ausschließlich  aus  Ägypten, 
und  ihre  Erhaltung  ist  zu  danken  der  günstigen  Beschaffenheit  des  ägyptischen 
Bodens  und  der  dortigen  Sitte,  die  Toten  in  der  vollen  Gewandung  des  Lebens  zu 
bestatten.  Da  diese  Stoffe,  von  Ausnahmen  abgesehen,  volkstümliche  Erzeugnisse 
der  einheimischen  christlichen  Bevölkerung  des  Landes  [der  Kopten]  sind,  be- 
zeichnet man  sie  allgemein  als  KOPTISCHE  STOFFE  [s.  Tafel].  Die  wichtigsten 
Fundstätten  sind  Achmim  |das  antike  Panopolis],  wo  Theodor  Graff  seine  berühm- 
ten Funde  gemacht  hat,  Antinoe,Fajum  und  die  klösterliche  Ruinenstätte  inBäwit. 

Die  Dekoration  der  eigentlich  koptischen  Stoffe  besteht  nicht  in  eingewebten 
Mustern,  sondern  in  gobelinartigen  WIRKEREIEN  und  STOPFEREIEN.  Der 
Unterschied  dieser  Techniken  von  der  eigentlichen  Weberei  liegt  kurz  in  fol- 
gendem: Ein  Gewebe  ist  eine  'Fadenverkreuzung  von  zwei  aufeinander  senkrecht 
stehenden  Fadensystemen',  'Kette'  und  'Schuß'.  Das  wesentliche  liegt  bei  der 
Weberei  darin,  daß  auch  die  Schußfäden,  die  das  Muster  ergeben,  durch  die 
ganze  Breite  des  Stoffes  hindurchgehen.  Bei  der  Gobelintechnik  werden  dagegen 
die  Schußfäden  nur  so  weit  durchgeschlagen,  als  es  die  betreffende  Farbe  des 
Musters  verlangt;  soweit  man  ihrer  für  die  Musterung  nicht  bedarf,  werden  sie 
auf  der  Rückseite  abgeschnitten  und  verknüpft.  Diese  Technik  ist  natürlich  be- 
sonders geeignet  für  reiche,  freie  und  vielfarbige  Dekorationen  —  ganz  im  Gegen- 
satz zur  eigentlichen  Weberei;  denn  hier  käme  bei  derartigen  Aufgaben  der  größte 
Teil  der  einzelnen  Schußfäden  rückwärts  zu  liegen,  wäre  also  für  die  Wirkung 
verloren,  ganz  abgesehen  davon,  daß  das  Gewebe  nicht  die  nötige  Festigkeit  und 
Dichtigkeit  bekäme.  Dem  entspricht  es,  daß  die  koptischen  Wirkereien  äußerst 
reich  und  bunt  in  ihren  dekorativen  Motiven  sind:  die  vegetabilischen  Formen 
noch  lebendig  bewegt,  prächtige  Ranken,  oft  mit  frei  angeordneten  Tieren,  dazu 
figürliche  Darstellungen  jeder  Art,  religiösen,  profanen  und  mythologischen  In- 
halts. Den  Grundstoff  bildet  in  der  Regel  gelblich-weißes  Leinen,  das  Muster 
bunte  oder  purpurne  Wollfäden,  oft  von  beträchtlicher  Stärke.  Ihrer  Bestimmung 
nach  dienten  die  meisten  dieser  koptischen  Stoffe  als  Kostüme  oder  Kostümteile. 
Vor  allem  sind  es  die  verschiedenen  Einsatz-  und  Besatzstücke,  besonders  die 
von  den  Schultern  auf  Rücken  und  Brust  herablaufenden  Borten,  die  CLAVI,  die 
eine  lebhafte  Ausschmückung  erfuhren.  Übrigens  hatten  auch  die  mit  religiösen 
Darstellungen  geschmückten  Stoffe  dieser  Art  keineswegs  etwa  eine  eigentlich 
kirchliche  Bestimmung,  sondern  sie  dienten  als  Kleidungsstücke  für  das  tägliche 
Leben;  auch  eine  besondere  liturgische  Gewandung  für  die  Geistlichkeit  und  die 
Zwecke  des  Kultus  hat  in  dieser  Epoche  noch  nicht  existiert.  Wohl  aber  hat  die 
Textilkunst  bereits  in  altchristlicher  Zeit  eine  große  Rolle  gespielt  in  der  Aus- 
schmückung des  Kirchengebäudes.    Sie  diente  als  Schmuck  des  Altars,  wie  vor 

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□  Abb.  141  u.  142:  Justinskreuz  in  Sankt  Peter  zu  Rom.  Vorder-  und  Rückseite  D 

allem  als  monumentale  Dekoration  der  Architektur  durch  sog.  VELA,  d.  h.  Vor- 
hänge an  den  Portalen  und  Draperien  zwischen  den  Säulen  [Abb.  145].  Die  vor- 
nehmen Gemeinden  werden  für  diese  Zwecke  freilich  über  kostbare  Seidengewebe 
verfügt  haben,  aber  auch  unter  den  koptischen  Wirkereien  sind  uns  einige  wenige 
Stücke  dieser  Art  erhalten.  □ 

Die  ägyptischen  Funde  lehren  auch,  dag  gerade  für  derartige  monumental-deko- 
rative Zwecke  ein  Gebiet  der  Textilkunst  der  altchristlichen  Kunst  Ägyptens  ge- 
läufig war,  welches  bereits  von  Plinius  als  in  Ägypten  heimisch  beschrieben  wird 
und  sich  sowohl  mit  dem  Zeugdruck  wie  mit  demindischenBatikverfahrenberührt: 
die  Ausschmückung  von  Stoffen  durch  FÄRBEN.  Auf  den  Stoff  --  es  handelt  sich 
dabei  regelmäßig  um  einfache  Leinengewebe  —  wird  die  beabsichtigte  Zeichnung 
in  Wachs  oder  einem  anderendeckendenMittelaufgetragen,  sodaf>,  wenn  derStoff 
in  denFarbkessel  gebracht  wird,  zwar  derGrund  gefärbtwird,  dieZeichnung  aber 
in  der  ursprünglichen  Farbe  des  Stoffes  stehen  bleibt.  Es  sind  nur  einige  wenige, 
aber  bedeutende  Fragmente  derartiger  gefärbter  Stoffe  erhalten,  deren  wichtigste 
sich  jetzt  imBerlinerKunstgewerbemuseum,  in  London  und  Leipzig  befinden  [Abb. 
146  und  147 1.  Sie  zeigen  religiöse  Einzelgestalten,  z.B.  Petrus,  Moses,  Daniel,  oder 
Begebenheiten  inlebensgrogen  Figuren  zwischen  rahmendenBordüren,  und  bereits 
ihr  Format  beweist,  daft  sie  als  Vorhänge  oder  Wandschmuck  gedient  haben.     D 

Dag  auch  einige  STICKEREIEN  in  den  ägyptischen  Gräberfunden  zum  Vorschein 
kamen,  sei  nur  beiläufig  erwähnt.  Wichtiger  istdagegen  eine  Stickerei,  die  sich  auf 
italischem  Boden  erhalten  hat:  drei  Streifen,  die  in  Stickerei  Medaillons  mit  den 
Brustbildern  der  13  ältesten  Bischöfe  von  Verona  zeigen,  vermutlichBesatzstücke 
eines Velums  |s.o.|,  jetzt  imMuseoNazionale  zuRavenna  aufbewahrt.  DieStickerei 
ist  in  Gold  und  verschiedenfarbiger  Seide  ausgeführt  und  stellt,  obgleich  sie  erst 


164 


Abb.  143:  Goldglas  auf  einem  Kreuz  im  Museo 
Cristiano  zu  Brescia 


Abb.  144:  Altchristliches  Goldglas  im  South 
Kensington  Museum  zu  London 


im  achten  Jahrhundert  entstanden  ist,  das  älteste  italische  Denkmal  dieses  Kunst- 
zweiges dar.  D 

Es  sind  nicht  die  Techniken  der  Wirkerei  und  Stickerei,  in  denen  der  textileStil 
sich  am  reinsten  äußert,  sondern  es  sind  die  Werke  der  eigentlichen  WEBEREI,  in 
denen  dieTextilkunstjener  Epoche  ihren  eigensten  Stil  am  charakterischesten  zum 
Ausdruck  bringt.  D 

Die  Geschichte  der  Weberei,  ihre  Entwicklung  von  einer  den  primitivsten  Völ- 
kern bekanntenTechnik  zu  einer  künstlerischen  Produktion  im  höheren  Sinne,  hängt 
aufs  engste  zusammen  mit  derGeschichte  eines  kostbaren,  prächtigen  Materiales, 
welches  an  sich  zur  künstlerischenBehandlung  reizte:  der  SEIDE.  Die  eigentliche 
Kunstgeschichte  der  Weberei  ist  daher  die  Geschichte  der  Seidenweberei,  und 
durch  diesen  Zusammenhang  mit  der  Geschichte  eines  bestimmten  Materiales  steht 
gerade  dieser  Zweig  der  Textilkunst  in  engster  Beziehung  mit  der  Wirtschafts- 
und Kulturgeschichte  der  betreffenden  Epochen  und  erhält  so  eine  ganz  besondere 
Bedeutung.  D 

Bis  in  das  6.  nachchristliche  Jahrhundert  hinein  waren  die  einzigen  Länder, 
welche  eine  bodenständige  Seidenzucht  hatten,  China  und  Khotan.  Hier  allein  ge- 
dieh das  Rohprodukt  und  hier  wurde  es  auch  zuerst  verarbeitet.  Von  hier  muf>te 
die  Seide  nach  dem  westlichen  Asien  und  weiter  nach  den  europäischen  Mittelmeer- 
ländern importiert  werden,  zuerst  auf  uralten  Karawanenstralien,  seit  dem  2.  Jahr- 
hundert V.  Chr.  auch  auf  dem  Seewege.  Die  Hauptabsatzgebiete  waren  Persien, 
Syrien,  Phönikien  und  Alexandrien,  wo  die  importierte  Rohseide  schon  in  vorchrist- 
licher Zeit  zu  gewebten  Stoffen  verarbeitet  wurde  um  von  dort  als 'medische  Stoffe' 
auch  nach  den  europäischen  Ländern  vertrieben  zu  werden.  Die  Entwicklung  der 
Seidenweberei  in  diesen  Gegenden,  besonders  im  sassanidischen  |neupersisohen| 
Reich,  wird  erst  bei  Betrachtung  des  orientalischen  Kimstgewerbes  zu  schildern 
sein.  Dagegen  mulj  schon  hier  eingegangen  werden  auf  die  Anfänge  dieser  Kunst- 

165 


Abb.  145 :  Säulenhalle  mit  Vorhangdekoration  von  einem  Mosaik  in  San  Apollinare  Nuovo  zu  Ravenna 

Industrie  in  dem  Lande,  welches  bis  zum  Beginn  des  2.  Jahrtausends  nach  Christo  das 
einzige  europäische  Produktionsland  für  derartige  Erzeugnisse  war:  BYZANZ. 

Die  fastlegendarische  Prachtliebe  desHofes  und  der  Gesellschaft  des  altbyzan- 
tinischen Reiches  lägt  ohne  weiteres  erwarten,  dag  hier  ein  enormer  Luxus  mit 
kostbaren  Geweben  getrieben  wurde.  Ein  Blick  auf  die  Darstellungen  byzantini- 
scher Hofbeamten,  z.B.  in  den  ravennatischen  Mosaiken  [Abb.  133],  lägt  darankeinen 
Zweifel.  Bei  demgrogenKonsum  derartiger  Erzeugnisse  mugte  aber  eine  so  ener- 
gische Verwaltungspolitik,  wie  sie  die  byzantinische  Regierung  übte,  darauf  be- 
dacht sein,  dieProduktionsverhältnisse  für  diesen  kostbarenArtikel  besonders  zu 
regeln,  die  Produktion  zu  einem  Gegenstand  besonderer  Fürsorge  und  vor  allem 
zu  einer  staatlichen  Einnahmequelle  zu  machen.  So  wird  bereits  im  4.  Jahrhundert 
unter  Valens  und  Valentinian  die  Produktion  von  Seidengeweben  zu  einem  Mono- 
pol gemacht,  d.  h.  die  Herstellung  von  Gold-  und  Seidenstoffen  wird  ein  Privi- 
legium bestimmter,  mit  derHofhaltungverbundenen  Werkstätten,  der  kaiserlichen 
GYNÄKEEN.  Die  Rohseide  wurde  von  den  byzantinischen  Zolleinnehmern  einge- 
kauft und  von  diesen  den  Gynäkeen  abgeliefert.  Das  nächste  Ziel  einer  so  bewugten 
Wirtschaftspolitik  mugte  natürlich  das  sein,  sich  des  Zwischenhandels,  vor  allem 
der  Perser,  zu  entledigen,  und  tatsächlich  gelang  es  unter  Justinian,  die  Seiden- 
zucht selbst  inByzanz  einzuführen.  Wie  die  byzantinischen  Quellen  melden,  waren 
es  zwei  griechische  Mönche,  die  die  Eier  der  Seidenraupe,  in  Stäben  verborgen, 
nach  Byzanz  brachten,  um  sie  dort  zu  kultivieren.  Bereits  Justinians  Nachfolger, 
JustinlL,  konnte  im  Jahre568  den  türkischenGesandten,  dieseinenHof  besuchten, 
die  Produktion  der  Seide  in  allen  ihren  Stadien  vorführen.  Damit  war  die  byzan- 
tinische Seidenfabrikation  auf  eine  neue  Grundlage  gestellt;  sie  war  unabhängig 
von  dem  Import  des  Rohmateriales.  D 

Sicher  hat  die  Textilkunst  in  Byzanz  schon  vor  diesem  Ereignis  auf  einer  an- 
sehnlichen Höhe  gestanden,  und  sie  hielt  sich  auf  dieser  bis  in  das  hohe  Mittel- 
alter hinein.  In  diesem  Abschnitt  haben  wir  nur  einige  wenige  Beispiele  zu  geben 
von  byzantinischen  Seidenerzeugnissen,  die  noch  der  altchristlichen  Epoche  an- 
gehören. D 

166 


D        Abb.  146  u.  147:  Gefärbte  Leinengewebe  aus  Ägypten,  sogenannter  Petrus-  und  Danielstoff        D 

Naturgemäß  steht  die  byzantinische  Seidenweberei  anfänghch  in  engstem  Zu- 
sammenhange mit  der  orientalischen,  speziell  der  sassanidischen  Textilkunst.  Mit 
dieser  teilt  sie  nicht  nur  die  Technik,  den  Farbengeschmack  und  selbst  viele  Orna- 
mentmotive, sondern  auch  der  eigentliche  Stil  dieser  Gewebe,  das  ihrer  Aus- 
schmückung zugrunde  liegende  Dekorationsprinzip,  ist  bei  den  sassanidischen 
und  den  altbyzantinischen  Geweben  fast  identisch.  Die  Beziehungen  beider  Län- 
der gerade  auf  diesem  Gebiete,  der  sich  beeinflussende  Import  und  Export,  die 
Tätigkeit  persischer,  mesopotamischer,  syrischer  Weber  in  Byzanz,  byzantini- 
scher Weber  in  Persien  |diese  wanderten  vielfach  infolge  der  byzantinischen 
Schutzpolitik  dorthin  aus]  erklären  diese  Verwandtschaft  zur  Genüge.  Dazu 
kommt,  dag  die  technischenBedingungen  gerade  der  Weberei  den  Charakter  ihrer 
Erzeugnisse  besonders  stark  beeinflussen,  so  dali  die  landschaftlichen  Sonde- 
rungen des  Stiles  wenig  klar  hervortreten.  Deshalb  ist  es  vielfach  gar  nicht  mög- 
lich, für  die  ältesten  Reste  der  Seidenweberei  den  Ursprungsort  festzustellen,  be- 
sonders da  sassanidische  Muster  vielfach  in  Byzanz  nachgewebt  wurden.  D 

Am  leichtesten  läßt  sich  der  altbyzantinische  Ursprung  bei  den  Geweben  er- 
kennen, deren  Muster  bestimmte  Darstellungen,  besonders  Darstellungen  der 
menschlichen  Figur,  enthalten.  Denn  hier  tritt  der  Unterschied  der  spätantiken 
und  der  orientalischen  Stilisierung  auch  in  dieser  nivellierenden  Technik  viel  deut- 
licher hervor,  als  auf  ornamentalem  Gebiete,  obgleich  auch  hier,  z.  B.  in  der  Form 
der  Palmette,  wesentliche  Unterschiede  zu  beobachten  sind.  Derartige  figurierte 
Stoffe  [s.  die  Tafel],  die  wohl  unzweifelhaft  altbyzantinisclie  Arbeiten  sind,  sind 

167 


z.  B.  der  in  verschiedenen  Fragmenten  erhaltene  Löwenstoff  [wohl  eher  Herakles 
als  Simson  darstellend],  der  Stoff  mit  der  Darstellung  einer  Quadriga,  der  sog. 
Dioskurenstoff,  wo  den  beiden  auf  Säulen  stehenden  Götterfiguren  ein  Stieropfer 
dargebracht  wird,  der  Stoff  in  Sankt  Ursula  zu  Köln  mit  gegenständigen  Reitern, 
gegen  welche  Löwen  anspringen.  Alle  diese  Darstellungen  sind  zu  eigentlichen 
Mustern  stilisiert,  die  eine  grogzügige  ornamentale  Wirkung  ergeben,  wie  sie  dem 
Charakter  der  Weberei  entspricht.  Die  durch  die  Technik  gegebene  Wiederholung 
und  symmetrische  Korrespondenz  der  Teile,  die  flächige  Wirkung  der  einzelnen 
Farbmassen,  die  klaren  Konturen  geben  diesen  Arbeiten  den  Charakter  eines  ab- 
strakten Flächendekors.  Alle  perspektivische  Wirkung  wird  ausgeschieden,  und 
mit  besonderer  Vorliebe  werden  die  Kompositionsgruppen  in  Kreise  oder  andere 
rein  abstrakte  Dekorationsformen  gestellt.  Es  ist  oben  bereits  angedeutet,  wie 
sehr  diese  Tendenz  dem  gesamten  künstlerischen  Schaffen  dieser  Epoche  ent- 
sprechen mußte;  denn  in  der  Plastik  und  Malerei,  der  Durchbildung  der  Geräte 
und  der  Ornamente  beobachten  wir  diese  gleiche  Tendenz  auf  das  Abstrakte  und 
Flächenmägige,  auf  Kosten  des  Konkret-Individuellen  und  des  Plastischen.  Dies 
ist  der  Grund,  warum  die  Textilkunst  in  dieser  Epoche  eine  solche  Blüte  erlebte. 
Den  obengenannten  Beispielen  mit  profanen  Darstellungen  steht  eine  noch 
kleinere  Anzahl  mit  christlich  religiösen  gegenüber.  Das  wichtigste  Stück  ist  der 
Rest  eines  Seidenstoffes  im  Kirchenschatze  zu  Sens,  der  in  sich  wiederholenden 
Reihen  die  Geschichte  des  ägyptischen  Josef  erzählt.  Besonders  beliebt  müssen 
aber  schon  in  dieser  Zeit  die  Gewebe  gewesen  sein,  deren  Muster  durch  die  rein 
dekorative  Darstellung  von  Tieren  bestimmt  wurde.  Hier  liegt  dieBeziehung  zum 
Orient,  die  die  ganze  Geschichte  dieses  Kunstzweiges  beeinflußt,  besonders  deut- 
lich vor,  und  gerade  die  Muster  derartiger  Stoffe  haben  bis  in  die  romanische  Zeit 
die  künstlerische  Phantasie  auch  der  abendländischen  Völker  stets  aufs  stärkste 
beeinflußt.  Georg  Swarzenski 


Abb.  140:  Patene,  Sammlung  Graf  Stroganoff,  Rom 


168 


& 


BYZANTINISCHES  SEIDENGEWEBE. 
SOGENANNTER   ÜIOSKURENSTOFF 


DAS  KUNSTGEWERBE 
IM  MITTELALTER 


Abb.  148:  Rückseite  eines  Trip- 
tj'Chons  mit  Kreuz.  Sammlung 
a      Graf  Stroganoff,  Rom       □ 


KAPITEL  V  ♦  DAS  BYZANTINISCHE  KUNSTGE- 
WERBE DES  MITTELALTERS  D 

Es  ist  der  Stolz  der  byzantinischen  Kunst  des  Mittelalters,  dag  sie  antike  Tra- 
ditionen und  Techniken  besser  und  länger  bewahrt  hat,  als  das  Abendland.  Aber 
doch  bedeutet  die  byzantinische  Kunst  des  Mittelalters  etwas  anderes  als  eine 
bloße  Erstarrung  und  Degeneration  der  antiken  Kunst,  und  im  Grunde  genommen 
ist  ihr  Stil  von  allen  antiken  Stilphasen  ebenso  verschieden,  wie  die  mittelalter- 
lichen Stile  des  Abendlandes,  der  romanische  und  gotische  Stil,  von  der  Antike  ver- 
schieden sind.  Eine  so  eminent  schöpferische  Tat,  wie  sie  die  abendländische 
Kunstentwicklung  in  der  Herausbildung  des  romanischen  Stils  und  der  Gotik  voll- 
bringt, bedeutet  freilich  die  byzantinische  Kunst  des  Mittelalters  nicht.  Aber  es 
sind  doch  Werke  von  unvergleichlicher  Eigenart,  die  dieser  an  der  Grenze  des 
Orients  blühenden  Kunst  gelingen.  D 

Es  ist  richtig,  dag  derartig  radikale  Umwälzungen,  wie  sie  das  Zeitalter  der 
Völkerwanderung  und  der  ihr  folgenden  neuen  Staatengründungen  für  den  abend- 
ländischen Kulturboden  brachten,  dem  engeren  byzantinischen  Gebiet  erspart 
blieben,  und  dag  dadurch  in  Byzanz  wenigstens  die  Möglichkeit  für  eine  ruhigere 
Weiterentwicklung,  für  eine  konstantere  Tradition  gegeben  war,  als  im  Abendland. 
Aber  auch  für  Byzanz  ist  dieses  Zeitalter  ein  trübes.  Es  ist  das  Zeitalter  jener  fa- 
natischen inneren  Kämpfe  auf  politischem,  sozialem  und  kirchlichem  Gebiet,  die  in 
dem  Bilderstreit  [726 — 842]  zum  Ausdruck  kommen;  und  gleichzeitig  geht  auch 
ein  Teil  der  blühenden  und  auch  künstlerisch  regen  byzantinischen  Provinzen  in 
Asien  und  Afrika  an  die  Neuperser  und  Araber —  und  damit  der  christlichenKunst 
—  verloren.  Zwar  wissen  wir,  dag  auch  in  dieser  Epoche  die  Produktion  nicht  ganz 
gehemmtwar,dag  prachtvolle  Mosaiken  entstanden  undvor  allem  auch  die  byzan- 
tinische Kirchenarchitektur  zielbewugt  weiterarbeitete;  aber  das  reiche  künstle- 
rische Leben,  wie  wir  es  in  altchristlicher  Zeit  bis  auf  Justinian  verfolgten,  war 
vernichtet.  Erst  seit  Begründung  des  makedonischenKaiserhauses  [867]  setzt  der 
Aufschwung  wieder  ein,  und  die  Blütezeit  der  byzantinischen  Kunst  des  eigent- 
lichen Mittelalters  datiert  von  dieser  Zeit  und  endigt  erst  am  Beginn  des  13.  Jahr- 
hunderts mit  der  Einnahme  und  Plünderung  Konstantinopels  durch  die  Kreuzfahrer, 
der  Begründung  des  sogenannten  lateinischen  Kaisertums  ]1204].  Die  folgenden 
Jahrhunderte  einer  selbständigen  byzantinischen  Kunst  bis  zum  Beginn  der  Türken- 
herrschaft tragen  deutlich  den  Charakter  des  Verfalles.  Außerhalb  des  den 
Türken  und  dem  Islam  verfallenen  Bodens,  —  auf  dem  Balkan,  in  Rußland  und  bei 
den  südslavischen  Völkern  hat  die  byzantinische  Kunst  im  Schogo  der  griechisch- 
katholischen Kirche  bis  in  die  neueste  Zeit  ein  wunderliches  Nachleben  gefunden, 
welches  aber  weniger  von  künstlerischem,  als  von  ethnologischem  Interesse  ist. 
Einen  besonderen,  archaischen  Charakter  trägt  bereits  im  Mittelalter  das  klöster- 
liche Kunsthandwerk  in  Georgien  ]Grusien]  und  Armenien.  Nicht  zu  vergessen  ist 
schlieglich  die  Enklave  byzantinischer  Kunst  auf  süditalischem  Boden,  besonders 
in  den  Basilianer-Klöstern.  Es  sei  ausdrücklich  bemerkt,  dag  der  bei  Laien  und 
auch  in  der  älteren  Literatur  häufige  Gebrauch  des  Wortes  'BYZANTINISCH'  für 

171 


eine  bestimmte  zeitliche  Epoche  nicht  richtig  ist.  Byzantinische  Kunst  und  byzan- 
tinischer Stil  bezeichnet  nicht  die  Kunst  einer  bestimmten  Epoche,  sondern  die 
Kunst  bestimmter  Gegenden.  D 

Das  Material,  auf  dem  unsere  Kenntnis  des  byzantinischen  Kunstgewerbes  im 
Mittelalter  beruht,  ist  ein  wesentlich  anderes,  als  für  die  altbyzantinische  Zeit. 
Während  hier  das  Material  hauptsächlich  auf  Gräberfunden  beruht  und  vor  allem 
Gegenstände  des  täglichen  Gebrauchs,  zum  Teil  von  geringstem  Werte,  umfagt, 
sind  die  Mehrzahl  der  kunstgewerblichen  Objekte  des  byzantinischen  Mittelalters 
Kostbarkeiten  seltenster  Art,  die  zumeist  nur  durch  den  Wert  ihres  Materiales  der 
Zerstörung  entgingen.  Den  zahllosen,  fast  individualitätslosen  Gräberfunden  aus 
altchristlicher  Zeit  stehen  aus  dem  Mittelalter  nur  wenige  und  zumeist  berühmte 
Prachtstücke  in  kirchlichen  und  fürstlichen  Schatzkammern  gegenüber.  Deshalb 
verbindet  sich  mit  dem  Begriff  des  byzantinischen  Kunstgewerbes  ohne  weiteres 
die  Vorstellung  des  Prächtigen,  Prunkenden,  Verschwenderischen.  Jedenfalls  war 
dieser  Qualitäten  wegen  die  byzantinische  Produktion  schon  bei  den  abendländi- 
schen Völkern  des  Mittelalters  bewundert  und  begehrt.  □ 

Im  übrigen  ist  unsere  Kenntnis  dieser  Dinge  eine  noch  lückenhafte.  Von  der 
durchschnittlichen  handwerklichen  Produktion,  wie  dem  bürgerlichen  Gebrauchs- 
gerät, haben  wir  überhaupt  keine  Vorstellung.  Was  aber  jene  kostbaren  Pracht- 
erzeugnisse betrifft,  so  mußte  derselbe  Grund,  dem  wir  die  Konservierung  des  tat- 
sächlich Erhaltenen  danken,  der  hohe  Materialwert,  andererseits  auch  die  Zerstö- 
rung derartiger  Erzeugnisse  befördern:  die  Metallarbeiten  schmolz  man  ein,  die 
kostbaren  Steine  verwertete  man  für  andere  Zwecke.  Aber  auch  die  Erforschung 
des  Erhaltenen  ist  noch  im  argen  Rückstande.  Zwar  haben  die  Werke  des  byzan- 
tinischen Kunstgewerbes,  die  in  abendländischen  Sammlungen  sich  befinden,  seit 
langem  die  Aufmerksamkeit  der  Kunstfreunde  auf  sich  gezogen.  Aber  was  an  by- 
zantinischen Arbeiten  noch  heute  im  Besitz  der  griechisch-orthodoxenKirche  sich 
befindet,  in  den  Kirchen  und  Klöstern  Rußlands  und  des  Balkans,  ist  kaum  zu  beur- 
teilen und  nur  zu  einem  geringen  Teile  besonders  von  russischen  und  französischen 
Forschern  bisher  beachtet  worden.  Dag  das  erhaltene  Material  fast  ausnahmslos 
Werke  der  kirchlichen  Kunst  darbietet,  bedarf  nach  dem  GesagtenkeinerErklärung. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  eine  Kenntnis  des  byzantinischen  Kunstgewer- 
bes für  die  Geschichte  der  abendländischen  Kunst  des  Mittelalters.  Denn  frühzeitig 
waren  die  byzantinischen  Arbeiten  schon  ihrer  technischen  Vollendung  wegen  im 
Abendlande  geschätzt.  Dazu  kam  der  Reiz  des  Exotischen  und  Raffinierten,  der 
die  Phantasie  der  primitiven  abendländischen  Künstler  und  Liebhaber  erregen  und 
zur  Nachahmung  reizen  mußte.  Die  Berichte  der  mittelalterlichenReisenden  und  der 
Gesandten  am  byzantinischen  Hofe  erzählen  reine  Wunderdinge  von  den  dortigen 
Prachterzeugnissen;  die  technischen  Lehrbücher,  wie  die  Schedula  des  Theofilus 
beziehen  sich  für  die  schwierigstenKünste  auf  byzantinische  Regeln  und  Rezepte. 
Aber  auch  Originalwerke  byzantinischen  Kunstgewerbes  kennen  zu  lernen,  war 
seit  dem  Beginn  des  Mittelalters  in  allen  kultivierten  Teilen  des  Abendlandes  reiche 
Gelegenheit.  Es  ist  hier  nicht  nur  an  das  große  politische  Ereignis  der  Kreuzzüge 
zu  erinnern,  wo  ganze  Schichten  derBevölkerung  mit  Byzanz  in  Berührung  kamen, 

172 


oder  an  die  Vermählung  Ottos  II.  mit  der  griechischen  Prinzessin  Theof  anu,  in  deren 
Gefolge  die  prachtvollsten  Werke  griechischen  Kunstfleifies,  und  gewig  auch  byzan- 
tinische Künstler  und  Handwerker  —  und  dies  in  der  ersten  grogen  Epoche  des 
deutschenKunstgewerbes  —  nach  demAbendland  kamen.  Sondern  es  lägtsich  ein 
andauernder  Verkehr,  eine  ständige  Einfuhr  byzantinischer  Kunsterzeugnisse  im 
Abendlande  während  des  ganzen  Mittelalters  nachweisen.  Die  vornehmsten  Ge- 
sandtschaftsgeschenkewaren schon  inkarolingischerZeit  byzantinische  Arbeiten, 
ferner  sorgte  der  sehr  rege  Handelsverkehr  für  eine  reiche  Einfuhr  solcher  Arbeiten; 
und  schließlich  brachte  der  blühende  Reliquienhandel  manches  gesuchte  Objekt 
der  Heiligenverehrung  schon  in  einer  eigens  gearbeiteten  kunstvollen  Hülle  aus 
Byzanz  nach  den  abendländischen  Kirchen  und  Klöstern.  So  waren  Werke  byzan- 
tinischen Kunstgewerbes  schon  vor  der  ergiebigen  Plünderung  Konstantinopels 
durch  die  Kreuzfahrer  bekannt,  und  dies  erklärt  ihren  großen  Einfluß  auf  die  ge- 
samte abendländische  Produktion.  Dieser  Einfluß  äußert  sich  in  verschiedener 
Weise,  teils  in  der  Technik,  teils  im  Stile.  Beides  braucht  nicht  zusammenzufallen. 
So  ist  z.B.  das  karolingische  und  ottonische  Email  technisch  eine  Nachahmung  des 
byzantinischen  Zellenschmelzes,  während  die  stilistische  Abhängigkeit  eine  nur 
geringe  ist.  Der  stilistische  Einfluß  der  byzantinischen  Kunst  auf  das  abend- 
ländische Kunstgewerbe  ist  aber  überhaupt  ein  geringer,  da  ihm  mehr  die  dar- 
stellerische Kunst  unterliegt,  als  das  Tektonische  und  Ornamentale.  D 

Es  sei  nun  eine  gedrängte  Übersicht  über  das  wichtigste  erhaltene  Material 
gegeben.  D 

Auch  für  das  byzantinische  Mittelalter  sind  uns  MÖBEL,  die  als  vollgültige  Ge- 
brauchstypen angesehen  werden  können,  nicht  erhalten.  Doch  ist  an  dieser  Stelle 
ein  berühmtes  Werk  dieser  Art  zu  nennen,  welches  wenigstens  in  seiner  Deko- 
ration als  byzantinische  Arbeit  anzusehen  ist.  Es  ist  der  Stuhl,  die  Cathedra,  des 
heiligen  Petrus  in  der  Peterskirche  zu  Rom  [vgl.  Abb.  149J.  Ein  geschlossener 
würfelförmiger  Sitz,  mit  einer  Rücklehne,  die  durch  offene  Bogenstellungen  ge- 
bildet ist,  auf  denen  ein  dreieckiger  Giebel  ruht.  Dieser  aus  Holz  gezimmerte 
Körper  des  Möbels  zeigt  mehr  abendländisch- romanischen,  als  byzantinischen 
Charakter  und  ist  den  steinernen  Bischofsstühlen  Italiens  entschieden  verwandt. 
Dagegen  ist  seineDekoration  ausgesprochen  byzantinisch.  Sie  zeigt  die  uns  schon 
aus  altchristlicher  Zeit  bekannte  Inkrustation  mit  geschnitzten  Elfenbeinplatten. 
Diese  Elfenbeinschnitzereien  mitDarstellungen  profan-antiken  Inhalts  lassen  sich 
aber  durch  denVergleich  mit  anderen  Arbeiten  [s.u.]  als  byzantinische  bestimmen, 
deren  mittlere  Entstehungszeit  im  11 .  Jahrhundert  liegt.  So  interessant  diese  Cathe- 
dra des  heiligen  Petrus  auch  ist,  so  bildet  sie  doch  keinen  Ersatz  für  das  verlorene 
eigentliche  Schreinermobiliar.  Daß  dieses  aber  nicht  nur  im  Hause,  sondern  auch 
in  der  byzantinischen  Kirchenausstattung  eine  große  Rolle  spielte,  läßt  sich  aus 
mancherlei  Anzeichen  entnehmen.  So  boten  die  Patriarchenstühle,  die  Ambonen 
und  vor  allem  die  der  byzantinischen  Kirche  eigenen  'Bilderwände'  |Ikonostasis 
oder  Tempion  I,  welche  den  Kirchenraum  von  dem  Altarrauni  trennten  und  mit 
Heiligenbildern  behängt  waren,  ein  reiches  Feld  für  die  Arbeit  des  Schreiners  und 
Schnitzers.  In  Ermangelung  eines  eigentlich  byzantinischen  Beispiels  sei  hierbei 

173 


Abb.  149:   Cathedra   des   hl.  Petrus,   zu  Sankt  Peter  in  Rom 


auf  einen  solchen  prachtvollen, 
holzgeschnitzten  Bischofsstuhl 
des  11.— 12.  Jahrhunderts  auf- 
merksam gemacht,  der  sich  auf 
dem  von  byzantinischer  Kunst 
durchtränkten  unteritalischen 
Boden,  in  Montevergine,  erhal- 
ten hat.  Geringwertig  ist  leider 
auch  die  Ausbeute,  die  unsere 
Vorstellung  aus  den  gleichzeiti- 
gen, bildlichen  Darstellungen  by- 
zantinischer Möbel  ziehen  kann, 
wie  sie  z.B.  besonders  häufig  in 
den  Evangelistenbildern  byzan- 
tinischerMiniaturbücher  vorkom- 
men; denn  derartige  Darstellun- 
gen wollten  in  der  Regel  kein 
Abbild  des  Wirklichen  geben.  Im- 
merhin darf  hier  eine  gewisse 
Vorliebe  für  gedrehte  Formen, 
für  gedrechseltes  Stabwerk  mit  balusterartigen  Gliedern  und  geschnitzten  Ar- 
kaden, besonders  bei  den  Sitzmöbeln,  bemerkt  werden.  Seit  dem  Ausgang  des 
Mittelalters  macht  sich  in  dem  byzantinischen  Kirchenmobiliar  immer  mehr  der 
Einfluß  des  Orients  geltend,  zum  Teil  gemischt  mit  Renaissanceprinzipien  in  der 
Gliederung.  So  sind  aus  den  Athosklöstern  eine  Reihe  von  Pulten,  Fensterläden 
und  Türen  bekannt  geworden,  die  außerordentlich  feine  Einlegearbeit  ganz  in 
orientalischem  Geschmack  zeigen  und  durch  ihre  festen  Daten  besonders  inter- 
essant sind.  Die  datiertenArbeiten  aus  dem  16.  und  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahr- 
hunderts verwenden  nur  Einlagen  von  Elfenbein  und  Holz,  die  späteren  auch 
Perlmutter  und  Schildpatt.  D 

Die  hohe  Vollendung  der  byzantinischen  Schnitzkunst,  die  in  dem  Mobiliar  des 
eigentlichen  Mittelalters  gewiß  eine  größere  Rolle  gespielt  hat,  als  die  Einlege- 
arbeit, erkennen  wir  aus  kleineren  byzantinischen  Arbeiten,  die  hier  nur  beiläufig 
erwähnt  sein  sollen,  da  ihre  spezielle  Betrachtung  in  die  Geschichte  der  Klein - 
plastik  gehört.  Die  Blütezeit  dieser  Kunst  liegt  im  1  I.Jahrhundert,  und  zahlreiche 
Zeugnisse  dieser  Art  sind  auf  uns  gekommen.  An  erster  Stelle  sind  da  die  ELFEN- 
BEINARBEITEN zu  nennen,  die  die  Feinheiten  der  byzantinischen  Stilisierung  in 
der  Eleganz  ihrer  Figurengebung,  in  der  geschmackvollen  Ornamentik  mit  den 
feinstieligen,  sich  kreisförmig  rollenden  Ranken,  in  der  stilvollenArt  der  Flächen- 
füllung am  reinsten  erkennen  lassen.  D 
Wie  in  der  altchristlichen  Zeit  diePyxiden  undDiptychen  die  häufigsten  Gerät- 
typen unter  den  Elfenbeinarbeiten  stellen,  so  sind  für  das  hohe  Mittelalter  die 
Kassetten  und  Triptychen  besonders  charakteristisch.  Die  BYZANTINISCHEN 
KASSETTEN  sind  kleine  Holzkästen,  von  zumeist  oblongem  Grundriß,  mit  flachem 


174 


oder  abgeschrägtem  Deckel,  de- 
ren Schauseiten  mit  aufgenagel- 
ten, geschnitzten  Elfenbeinplat- 
ten verkleidet  sind  [Abb.  151 1. 
Eine  feste  Gruppe  innerhalb  die- 
ser Kassetten  zeigt  profan-antike, 
mythologische  Darstellungen,  wie 
die  Taten  des  Herakles,  bacchi- 
sche  Darstellungen,  Sänger,  Mu- 
sikanten; dazu  kommt  eine  Grup- 
pe mit  orientalisierenden  Tieren, 
Fabelwesen.  Diese  Arbeiten  dien- 
ten ursprünglich  gewig  für  welt- 
liche, private  Zwecke  und  müssen 
sich  größter  Beliebtheit  erfreut 
haben, dasie  nochheutesehrzahl- 
reich  erhalten  sind.  Sie  bieten  ge- 
rade durch  den  profanen  Charak- 
ter ihrerDarstellungen  ein  beson- 
deres Interesse,  um  so  mehr  als 
sie  zum  Teil  Abbildungen  der 
berühmtesten  antiken  Bildwerke 
zeigen,  die  das  mittelalterliche 
Konstantinopel  auf  seinen  öffent- 
lichen Plätzen  und  Straßen  besaß. 
Auf  die  Verwandtschaft  dieserzu- 
meist  dem  11.  Jahrhundert  ange- 
hörigen  Arbeiten  mit  den  Schnitzereien  auf  der  Cathedra  des  heiligen  Petrus  wurde 
hingewiesen.  Die  Ausführung  der  Kassetten  ist  in  der  Regel  eine  flüchtige;  die 
Schnitzereien  wurden  fast  fabrikmäßig  gearbeitet.  Stereotyp  ist  auch  ihre  Orna- 
mentik, die  regelmäßig  eine  Rosettenreihe  zeigt,  deren  Motiv  aus  einem  in  einen 
Kreis  gestellten  Stern  besteht.  Die  wichtigsten  Beispiele  befinden  sich  in  London, 
Florenz  (Abb.  151 1,  Pisa,  Cividale,  Capodistria,  Rom,  Petersburg,  Cranenburg  u.  a. 
Erwähnt  sei  auch  der  einen  ganz  anderen  Typus  zeigende  Kasten  mit  Kriegs-  und 
Jagddarstellungen  im  Kirchenschatz  zu  Troyes.  Verhältnismäßig  selten  sind  byzan- 
tinische Elfenbeinkästen  mit  religiösen  Darstellungen,  unter  denen  wiederum 
solche  mit  alttestamentarischen  Darstellungen  häufiger  sind,  als  solche  mit  Szenen 
aus  dem  neuen  Testamente.  Genannt  sei  vor  allem  ein  derartiges  Kästchen  in 
Darmstadt,  sowie  das  größere,  polygonal  gebildete  im  Donischatz  zu  Sens.  Milden 
obengenannten  'profanen'  Kästen  gehen  solche  mit  Brustbildern  von  Heiligen  und 
das  interessante  Exemplar  mit  Szenen  aus  dem  Leben  Davids  in  Florenz  in  ihrer 
typischen  Dekorationsweise  zusammen.  D 

Unter  den  byzantinischen  Elfenbeinschnitzereien  der  Blütezeit  verdienen  als 
Gerättypen   noch   besondere  Beachtung   die   kleinen   DIPTYCHEN   und   TRIP- 


Abb.  löU:  Elfenbeineinband  des  Melisendapsalters 
D  sehen  Museum  zu  London 


im  Briti- 
D 


175 


D  Abb.  151:  Kassette  mit  antikisierenden  Darstellungen.  Bargello,  Florenz  D 

TYCHEN,  letztere  bestehend  aus  einer  hochoblongen  Mitteltafel  mit  zwei  Seiten- 
tafeln von  halber  Breite,  die  in  Scharnieren  sagen  und  zugeklappt  werden  konnten 
[Abb.  152].  Gelegentlich  ist  der  obere  Abschlug  halbkreisförmig  gebildet.  Die 
Innenseiten  zeigen  auf  der  Mitteltafel  zumeisteineDarstellungChristi,  Mariaeoder 
der  Kreuzigung,  auf  den  Augenseiten  stehende  Heiligenfiguren,  oft  in  mehreren 
Reihen  übereinander,  in  welchenFällen  gerne  einMedaillonstreif  mitBrustbildern 
von  Heiligen  als  trennendes  Glied  eingeschoben  wird.  Auf  den  Rückseiten  findet 
man  zumeist  ein  hohes  stehendes  Kreuz  [Abb.  148 1.  Die  schönsten,  dem  Ausgang 
des  10.  und  dem  11.  Jahrhundert  angehörigen  Exemplare  dieser  Gattung  befinden 
sich  in  Paris,  Berlin,  Rom  [Christliches  Museum  des  Vatikan  und  Bibliothek  Casana- 
tense].  Häufiger  sind  einzelne  Teile  von  derartigen  Triptychen  erhalten.  D 

Bemerkt  sei,  dag  byzantinische  Elfenbeine,  z.  B.  Teile  von  Diptychen,  Trip- 
tychen oder  Kästchen, häufig  zum  Schmuck  abendländischerBuchdeckel  desMittel- 
alters verwendet  wurden.  In  Byzanz  selbst  scheint  diese  Sitte  nicht  nachweisbar 
zu  sein.  Die  einzige  bemerkenswerte  Ausnahme,  der  Elfenbeineinband  des  Psal- 
ters der  Prinzessin  Melisenda  [von  Jerusalem]  im  Britischen  Museum  aus  dem  An- 
fange des  12.  Jahrhunderts,  derbesonders  interessant  ist  durch  seineEinlagenvon 
Türkisen  und  Rubinen,  ist  nicht  als  rein  byzantinische  Arbeit  anzusehen,  sondern 
unter  abendländischem  Einflug  entstanden  |  Abb.  150J.  D 

Unter  dem  geschnitzten  byzantinischen  Kleingerät  der  späteren  Zeit  sind  be- 
sonders häufig  kleine  runde  Kapseln  in  Metallmontierung,  die  auf  den  Innen-  und 
Augenseiten  überwiegend  figürliche  Darstellungen  in  konzentrischer  Anordnung 
zeigen,  — zumeist  russischer  Provenienz.  Sie  dienten  teils  als  Anhänger  jEnkolpien, 

176 


VON  VORN 
GESEHEN 


VON  OBEN 
GESEHEN 


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D  Abb.  152:  Triptychon  Harbaville  im  Louvre  zu  Paris  D 

s.  vor.  Kap.],  teils  als  Behälter  für  das  geweihte  Brot  [sog.  PANAGIEN].  Für  alle 
derartige  Kleinarbeiten  war  schon  in  der  Blütezeit  neben  dem  Elfenbein  besonders 
beliebt  der  weiche  grünliche  SPECKSTEIN.  Das  Hauptstück  dieser  Art  ist  die 
Hostienschale  der  Prinzessin  Pulcheria,  der  Schwester  des  Kaisers  Romanos  III. 
11028 — 1034],  in  Cheropotamu  |Athos]:  eine  Patene  aus  Speckstein  mit  interessan- 
ten Reliefs  auf  der  Schauseite,  in  einer  späteren,  unter  abendländischem  Einfluf^ 
stehenden  Montierung  [s.  Tafel  |.  D 

Auch  der  eigentliche  STEINSCHNITT  war  in  Byzanz  in  reger  Übung  und  zeigt, 
wie  lange  sich  hier  die  Kenntnis  antiker  Techniken  erhalten  hat.  Es  handelt  sich 
zumeist  um  Onyx-  und  Heliotropkameen,  die  in  Tiefschnitt  Darstellungen  eines 
Heiligen  zeigen.  Besonders  häufig  findet  man  die  Darstellung  der  Kreuzigung  und 
der  heiligen  Ritter  Georg  und  Demetrius.  D 

Auffälligist  es  dagegen,  daß  Werke  derHOLZSCHNITZEREI  aus  der  Blütezeit 
der  byzantinischen  Kunst  nur  selten  nachweisbar  sind.  Ein  einzigartiges  Beispiel 
aus  dem  Gebiet  der  Monumentaldekoration  bieten  die  liolzgescluiitzton  Türen  der 
Kirche  zu  Okrida  in  Mazedonien  aus  dem  12. — 13.  Jahrhundert.  Um  so  häufiger 
sind  kleinere,  geschnitzte  Holzarbeiten  aus  dem  15.  bis  ziun  18.  Jahrhundert:  Altar- 

12  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  I77 


kreuze  und  Klappaltäre,  deren  Schnitzereien  in  miniaturhafter  Ausführung  das 
Leben  Christi,  entsprechend  den  Hauptfesten  der  griechischen  Kirche  in  stereo- 
typer Weise  schildern.  Es  sind  größtenteils  provinzielle  Erzeugnisse  aus  sla- 
vischem,  kaukasischem,  armenischem  Gebiet,  die  aber  ältere,  echt  byzantinische 
Typen  gut  konserviert  haben.  D 

Der  enge  Zusammenhang  der  bisher  besprochenen  Arbeiten  mit  der  Klein- 
plastik und  mit  plastisch-bildnerischeninteressen  überhaupt  könnte  es  nahe  legen, 
eine  besonders  reiche  Ausbeute  von  den  Werken  des  byzantinischen  BRONZE - 
GUSSES  zu  erwarten.  In  der  Tat  wissen  wir  aus  den  Schriftquellen,  daß  dieser  in 
Byzanz  in  höchster  Blüte  stand,  auch  besitzen  wir  unter  denBronzetüren  inItalien 
tatsächlich  eine  Anzahl  von  Arbeiten,  die  als  Meisterwerke  echt  byzantinischer  |  kon- 
stantinopolitanischer|  Kunst  des  11.  und  12.  Jahrhunderts  gesichert  sind.  Aber  be- 
merkenswerte byzantinische  Bronzearbeiten  eigentlich  kunstgewerblichen  Cha- 
rakters sind  aus  dieser  Epoche  kaum  bekannt  geworden.  Kleine  bronzene  Trip- 
tychen  und  einzelneTafeln  mitReliefdarstellungen,  die  man  ziemlich  häufig  in  den 
Sammlungen  findet,  sind  zumeist  als  relativ  späte  Ausläufer  der  byzantinischen 
Kunst  anzusehen,  zumTeil  auch  als  moderne  Fälschungen,  die  inNachahmung  von 
Elfenbeinschnitzereien  gearbeitet  sind.  D 

Unter  den  eben  erwähnten  byzantinischen  Bronzetüren  läßt  sich  eine  der  Tau- 
schierung  oder  Damaszierung  entsprechende  Dekoration  durch  eingeschlagenes 
Silber  |Tür  von  San  Marco,  Venedig],  häufiger  die  Ziertechnik  des  NIELLO,  die 
uns  schon  bei  altchristlichenArbeiten  auffiel,  nachweisen.  Auch  in  byzantinischen 
Goldschmiedearbeiten  des  Mittelalters  wird  uns  das  Niello  noch  begegnen,  aber 
zumeist  in  untergeordneter  Bedeutung.  Typisch  ist  die  Niellodekoration  für  eine 
Gruppe  byzantinischer  Silberarbeiten,  —  kleine  kugelförmige  Kapseln,  die  als 
Schmuckreliquiare  in  Form  von  Anhängern  dienten.  Sie  zeigen  Darstellungen  aus 
dem  Leben  Christi,  die  sich  in  der  schwarzen  Farbe  des  Niello  von  dem  [gelegent- 
lich auch  vergoldeten)  Silberkörper  des  Gerätes  silhouettenartig  abheben.  Sie  ge- 
hören in  das  11.  bis  13.  Jahrhundert.  Mit  diesen  Arbeiten  gehen  auch  einige 
niellierte  Fingerringe  zusammen,  —  ein  besonders  interessantes  Exemplar  mit 
Darstellungen  aus  der  Jugendgeschichte  Christi  im  Museo  Nazionale  zu  Palermo. 

Der  Höhepunkt  der  byzantinischen  Metallkunst  liegt  in  den  GOLDSCHMIEDE- 
ARBEITEN. Der  Luxus  und  die  Prachtliebe  des  byzantinischen  Hofes  ließen  hier 
eine  Produktion  entstehen,  von  deren  Umfang  man  sich  nach  dem  erhaltenen 
Material  kaum  noch  eine  Vorstellung  machen  kann.  Denn  man  braucht  nur  die 
literarischen  Nachrichten  aus  jener  Zeit  zur  Hand  zu  nehmen,  um  alles,  was  heute 
an  derartigen  Werken  erhalten  ist,  als  einen  schwachen  Abglanz  zu  erkennen  von 
dem,  was  die  kaiserlichen  Paläste  und  die  großen  Kirchen  an  solchen  Pracht- 
arbeiten besaßen.  Dazu  kommt  der  enorme  Luxus,  der  mit  dem  körperlichen 
Schmuck  getrieben  wurde.  Selbst  monumentale  Zieraten  für  kirchliche  und  öffent- 
liche Bauten,  silberverkleidete  Kapitelle  usw.,  hatte  der  byzantinische  Goldschmied 
zu  liefern.  An  all  diese,  nur  literarisch  überlieferten  Leistungen  muß  man  denken, 
wenn  man  das  künstlerische  Verdienst  der  byzantinischen  Goldschmiedekunst 
richtig  einschätzen  will.  D 

178 


Nach  dem  erhaltenen  Material 
zu  urteilen,  fehlen  der  byzantini- 
schen Goldschmiedekunst  man- 
che Qualitäten,  die  der  Tätigkeit 
der  gleichzeitigen  deutschen  und 
französischen  Goldschmiede  ihre 
universelle  künstlerische  Bedeu- 
tunggeben. Das  Schaffen  von  For- 
men, die  tektonische  Gestaltung 
von  Geräten,  die  plastische  Ar- 
beit steht  hier  nicht  so  im  Vorder- 
grunde des  künstlerischen  Inter- 
esses,wie  in  der  abendländischen 
Goldschmiedekunst.  Die  hervor- 
ragende Leistung  der  byzantini- 
schen Goldschmiedekunst  liegt 
in  ihrer  Koloristik,  vor  allem  in 
der  mit  ihr  verwachsenen  Kunst 
des  Emails.  Die  eigentliche  Gold- 
schmiedearbeit bildet  zumeist  nur 
den  Rahmen.  D 

Es  sollen  hier  trotzdem  zu- 
nächst einige  Werke  der  byzan- 
tinischen Goldschmiedekunst  in 
diesem  engeren  Sinne  des  Wor- 
tes genannt  sein,  ehe  wir  zur  Be- 
trachtung der  Emailarbeiten  über- 
gehen. Es  handelt  sich  dabei  nur  D  dem  Münsterschatz  zu  Aachen  D 
um  Werke  kirchlicher  Kunst:  Reliquienbehälter,  Bucheinbände,  Altargerät,  vor 
allem  aber  um  die  der  byzantinischen  Kunst  eigenen  Heiligenbilder,  die  sog. 
Ikonen,  die  zum  Teil  in  Gold  getrieben  waren,  zum  größeren  Teil  aber  gemalt  oder 
emailliert  waren,  und  dann  in  ihrem  Rahmenwerk  oft  die  prächtigsten  Beispiele 
byzantinischer  Goldschmiedekunst  zeigen.                                                                D 

Den  berühmtesten  Werken  der  abendländischen  Goldschmiedekunst  des  Mittel- 
alters, den  architektonisch  durchgebildeten  Reliquienbehältern  hat  die  byzan- 
tinischeKunst  nurwenige  und  nur  untergeordneteLeistungengegenübcrzustellen. 
Das  wichtigste  sind  die  beiden  Reliquiare  des  11.— 12.  Jahrhunderts  in  der  Form 
eines  kuppelgekrönten  Zentralbaus,  die  sich  jetzt  im  Aachener  Domschatz  und  in 
San  Marco  zu  Venedig  befinden  |Abb.  153 1.  Hier,  im  Schatz  von  San  Marco  und  in 
der  dortigen  Bibliothek,  befindet  sich  überhaupt  die  grot>artigsteSammlimg  byzan- 
tinischer Goldschmiedekunst,  und  während  das  eben  genannte  dortige  Reliquiar 
nur  durch  seine  architektonische  Form  interessiert,  findet  sich  hier  auch  eines  der 
wenigen  Beispiele  eines  byzantinischen  Roliquicnkastens  mit  getriebenen  figür- 
lichen Darstellungen.  Die  Seltenheit  derartiger  Keliquienbeliälter  mit  einer  eigent- 
12=i=  179 


Abb.  153:  Kuppelreliquiar  in  Form  eines  Zentralbaues, 
dem  Münsterschatz  zu  Aachen 


All- 


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Abb.  154:  Medaillon  mit  Brustbild  eines  Heiligen 
in  Zellenschmelz.  Berlin,  Kunstgewerbemuseum. 
Abb.  155:  Vergoldetes  Silberrelief,  die  Marien  am 
D  Grabe  Christi.   Paris,  Louvre  O 


lieh  körperlichen,  tektonischenDurchbildung  beruht  wohl  nicht  nur  auf  den  Zufällen 
derDenkmalserhaltung.  Denn  ebenso  wie  das  abendländische  Mittelalter  in  seinen 
Reliquienschreinen  darauf  ausgeht,  wirkliche  Gerättypen  im  architektonischen 
und  plastischen  Sinne  zu  schaffen,  mugte  es  dem  Charakter  der  byzantinischen 
Kunst  entsprechen,  die  Objekte  ihres  Reliquienkultus  in  eine  ihrem  Wesen  nach 
bildmägige  Form  zu  bringen,  die  zugleich  einer  koloristischen,  malerischen  Flächen- 
dekoration den  weitestenSpielraum  gewährte.  So  entsprechen  den  abendländischen 
Reliquienschreinen  in  Byzanz  die  zahlreich  erhaltenen  RELIQUIENTAFELN,  die 
unter  einer  gerahmten  bildlichen  Darstellung  die  betreffende  Reliquie  verbergen 
und  oft  die  einem  kleinen  Klappaltar  entsprechende  Form  des  Diptychons  oder 
Triptychons  annehmen.  Auch  dieseArbeiten  sind  vornehmlich  mitEmails  geziert; 
aber  auch  die  Treibarbeit  findet  dabei  ihre  Betätigung,  besonders  in  dem  orna- 
mentalen Rahmenwerk.  Figürlich  getriebene  Reliefs  waren  besonders  beliebt  bei 
einer  bestimmten  Gruppe  derartiger  Arbeiten,  den  KREUZRELIQUIEN,  die  eine 
Partikel  des  heiligen  Kreuzes  enthielten  [sog.  Staurotheken].  Sie  zeigen  zumeist 
in  flacher  Treibarbeit  innerhalb  eines  ornamentalen  Rahmens  auf  der  Vorderseite 
die  Figuren  Konstantins  und  Helenas  im  kaiserlichen  Prachtornat  zu  Seiten  des 
vertieft  eingelassenen  Kreuzes,  auf  der  Rückseite  die  Darstellung  der  Kreuzigung 
[Abb.  156].  Derartige  byzantinische  Kreuzreliquiare  waren  ebenso  wie  die  Reli- 
quienkreuze [s.u.]  massenhaft  im  Abendlande  verbreitet,  da  sehr  zahlreiche  abend- 
ländische Nachahmungen,  besonders  aus  dem  12,  und  13.  Jahrhundert  |z.  B.  in 
Brescia,  im  Louvre  u.  a.]  existieren.  D 

Die  bildmäfiigen  Reliquientafeln  der  byzantinischen  Kunst  führen  über  zu  den 
HEILIGENBILDERN,  den  IKONEN,  die  nicht  nur  zum  Schmucke  dienten,  sondern 
eine  feste  liturgische  Bestimmung  im  Kultus  hatten  und  in  grof^er  Anzahl  zum  In- 

180 


VERGOLDETE    SILBERSCHÜSSEL 
•IM  DOMSCHATZ  ZU  HALBERSTADT 


V 


Abb.  156:  Staurothek  in  Alba  Fucense.   D  Abb.  157:  Silberrelief  mit  Email,  der  heilige  Michael. 
D  einband  zu  San  Marco  in  Venedig 


Buch- 
D 


ventar  jeder  griechisch-orthodoxen  Kirche  gehören.  Auch  unter  ihnen  haben  sich 
Prachtwerke  getriebener  Arbeit  erhalten,  besonders  in  den  Kirchen  Georgiens. 
Relativ  selten  sind  dagegen  gesichertebyzantinische  BUCHEINBÄNDE  mit  reicher 
Goldschmiedearbeit.  Die  Prachteinbände  von  San  Marco,  die  goldgetriebene 
Tafel  mit  den  Marien  am  Grabe  im  Louvre  werden  zwar  regelmäßiig  als  solche 
angesehen,  aber  es  ist  doch  in  vielen  Fällen  zweifelhaft,  in  vielen  Fällen  sicher, 
dag  hier  nur  Teile  von  byzantinischen  Ikonen  und  Reliquientafeln  als  Bucheinbände 
verwertet  wurden,  die  ursprünglich  nicht  als  solche  bestimmt  waren  [Abb.  155 
und  157).  Ein  sicherer  byzantinischer  Originaleinband  mit  Goldreliefs  befindet 
sich  z.B.  in  der  Bibliothek  des  Britischen  Museums.  Häufig  sind  getriebene  Silber- 
einbände slawischer  Herkunft  aus  späterer  Zeit.  D 
Auch  in  dem  Altargerät  geht  dasbyzantinischeKunstgewerbe  nicht  inderWeise 
auf  die  tektonische  und  plastische  Gestaltung  der  Formen  aus,  wie  das  Abendland, 
sondern  sucht  die  Schönheiten  der  farbigen  Wirkung.  So  findet  man  unter  den  er- 
haltenen Prachtkelchen  der  Blütezeit  [vor  allem  im  Schatze  von  San  Marco |  die 
kostbarsten  Glasflüsse  und  geschliffenen  Halbedelsteine,  bei  denen  die  Gold- 
schmiedekunst aber  nur  die  Rolle  der  Montierung  spielt.  Auch  lernten  wir  in  der 
Hostienschale  zu  Cheropotamu  ein  Werk  kennen,  welches  diese  Geschmacksrich- 
tung verrät.  Aber  ein  anderes  Beispiel  gerade  aus  dieser  Gattung  liturgischer  Ge- 
räte ist  uns  erhalten,  welches  eine  reine  Goldschmiedearbeit  im  eigentlichen  Sinne 
des  Wortes  ist  und  wohl  das  schönste  byzantinische  Werk  dieses  Kunstzweiges 
darstellt:  die  vergoldete  Silberschüssel  des  Halberstädter  Domschatzes  |s.  Tafelj. 
Sie  zeigt  auf  der  Innenseite  die  Darstellung  des  Gekreuzigten  mit  Maria,  Johannes 

181 


und  zwei  trauernden  Engeln  inmitten  von  feinen  Spiralranken,  zwischen  denen  Me- 
daillons mit  Brustbildern  von  Heiligen  verteilt  sind.  Die  Feinheit  der  Stilisierung 
lägt  diese  Arbeit  dem  1 1 .  Jahrhundert  zuweisen.  D 

Bemerkt  sei,  dag  imGegensatz  zur  abendländischen  Goldschmiedekunstdieser 
Epoche  bei  den  byzantinischenArbeiten  der  Blütezeit  sowohl  die  Gravierung,  wie 
das  ornamentale  Filigran  zurücktritt.  Die  Rahmungen  z.  B.,  die  im  Abendlande 
zumeist  mit  Filigran  belegt  sind,  sind  regelmäßig  getrieben  und  zeigen  zumeist 
die  charakteristischen  Rankenbildungen  der  byzantinischen  Kunst,  die  seit  dem 
12.  Jahrhundert  einen  mehr  orientalischen  Bandwerk-  und  Arabeskencharakter 
annehmen.  DieTreibarbeit,  die  selbst  beidem  im  Ornamentüblichen  flachenRelief 
einen  Wechsel  von  Licht  und  Schatten  brachte,  bot  eben  hierdurch  ein  koloristi- 
sches Element,  welches  dem  Charakter  der  byzantinischen  Goldschmiedekunst 
mehr  entsprach,  als  das  Filigran.  Ebenso  findet  man  statt  dereinfachen  Gravierung 
zumeist  das  Niello.  Gravierte  figürliche  Darstellungen  sind  auf  guten  byzantini- 
schen Arbeiten  fast  nie  anzutreffen  |als  Beispiel  sei  das  Kreuz  der  oben  abgebil- 
deten Staurothek  in  Alba  Fucense  genannt],  regelmäßig  dagegen  an  dem  massen- 
haft erhaltenen  späteren  kirchlichen  Bronzegerät,  das  im  ganzen  Bereich  der 
griechischen  Kirche  unter  Wahrung  der  alten  Formen  als  billiger  Ersatz  für  Gold- 
schmiedearbeiten bis  auf  den  heutigen  Tag  hergestellt  wird.  D 

Im  Vordergrund  des  Interesses  der  byzantinischen  Goldschmiedekunst  steht 
das  EMAIL,  der  byzantinische  GOLDZELLENSCHMELZ.  Das  wesentliche  dieser 
Technik  besteht  darin,  dag  auf  die  dünne  Grundplatte  hochkant  stehende,  haar- 
feineStege  aufgelötetwerden,  die  die  Zellen  [cloisons]  bilden,  inweiche  dieFarben 
eingeschmolzen  werden,  und  die  zugleich  die  Linien  der  Zeichnung  abgeben.  Das 
Material  der  Grundplatte  und  der  Stege  ist  feines,  oder  nur  sehr  wenig  legiertes 
Gold.  Silber  kommt  nur  ganz  selten  und  nie  in  den  besten  Arbeiten  vor.  Die  Email- 
lierung erstreckt  sich  entweder  über  die  ganze  Fläche  oder  beschränkt  sich  auf 
einen  Teil  derselben,  etwa  auf  die  figürlicheDarstellung.  In  diesem  Fall  ist  auf  die 
Grundplatte  eine  zweite,  leicht  gewölbte  Goldplatte  aufgelötet,  aus  welcher  die  zu 
emaillierenden  Teile  im  Umrig  ausgeschnitten  sind.  Die  Emails  selbst  zeigen  ein 
Nebeneinander  von  undurchsichtigen  [opakenj  und  durchsichtigen  |transluziden| 
Schmelzen,  und  die  Schönheit  besonders  der  letzteren  ist  unnachahmlich.  Ihnen 
zuliebe  wird  die  Grundplatte  zumeist  leicht  gewölbt,  um  die  Wirkung  des  reflek- 
tierten Lichtes  zu  erhöhen.  Die  beliebtesten  transluziden  Farben  sind:  smaragd- 
grün, saphirblau,  rubinrot,  lila;  die  opaken:  weig,  graublau,  türkisblau, gelb, ziegel- 
rot, sowie  die  Fleischtöne,  die  in  der  ersten  Zeit  zumeist  weig,  in  der  Blütezeit 
zwischen  rosa,  braun  und  gelb  sich  halten.  Der  braunrosa  Fleischton  der  besten 
Arbeiten  kann  in  der  Wärme  seiner  Wirkung  mit  dem  Inkarnat  pompejanischer 
Fresken  verglichen  werden.  So  hervorragend  die  dekorative  Schönheit  der  by- 
zantinischen Zellenschmelze  ist,  so  fehlt  ihnen  doch  jene  individuelle  Gestaltungs- 
kraft, die  die  Grubenschmelze  der  rheinischen  Emailleure  zu  Kunstwerken  im 
höchsten  Sinne  stempelt.  D 

Die  ersten  Anfänge  des  byzantinischen  Zellenschmelzes  liegen  in  dem  Dunkel 
der  sog.  Völkerwanderungskunst  und  werden  bei  diesem  Anlag  erörtert  werden. 

182 


Sicher  ist,  dag  das  byzantinische  Email,  in  jener  ausgesprochenen  technischen 
Form,  wie  sie  eben  beschrieben  wurde,  bereits  in  karolingischer  Zeit  im  Abend- 
lande nachgeahmtwurde  [Wolvinus-Altar,Aelfredjuwel].  Seitdem  10. Jahrhundert 
aber  Hebtet  sich  das  Dunkel.  An  der  Hand  datierter  Arbeiten  lägt  sich  eine  Ent- 
wicklung verfolgen,  die  der  Entwicklung  der  byzantinischen  Malerei  und  Orna- 
mentik entspricht,  und  auch  die  Frage,  ob  eine  Arbeit  byzantinisches  Original  oder 
abendländische  Nachahmung  ist,  lägt  sich  auf  Grund  des  Stiles  leicht  beantworten, 
soweit  es  sich  nicht  um  allzu  neutrale  Stücke  handelt,  z.B.  kleine  emaillierte  Orna- 
mentplatten, die  man  als  Beschläge  auf  abendländischen  wie  auch  byzantinischen 
Arbeiten  des  10.  und  11.  Jahrhunderts  findet.  D 

Die  byzantinische  Emaillierkunst  betätigte  sich  auf  Arbeiten  jeder  Art,  die  in 
das  Bereich  des  Goldschmieds  fielen.  So  haben  wir  von  monumentalen  Arbeiten 
dieser  Art  ein  unvergleichliches  Werk  erhalten  in  dem  Altaraufsatz  von  San  Marco 
in  Venedig,  der  berühmten  pala  d'oro,  deren  exakte  kunstgeschichtliche  Beurtei- 
lung freilich  noch  nicht  möglich  ist,  da  ersichtlich  verschiedene  Jahrhunderte  dem 
Werke  seine  jetzige  Gestalt  gegeben  haben  |Abb.  158 1.  Im  Zusammenhang  mit  ihr 
sei  als  besonders  grogformatiges  Stück  eine  Platte  mit  der  Darstellung  des  seg- 
nenden Christus  im  Museo  Kircheriano  zu  Rom  genannt.  Neben  derartigen  Lei- 
stungen stehen  dann  solche,  bei  denen  vor  allem  die  miniaturhafte  Feinheit  der 
Ausführung  zu  bewundern  ist,  —  Zierarbeiten,  die  trotz  des  kleinsten  Umfanges  in 
der  Klarheit  ihrer  Stilisierung  und  Farbengebung  eine  Gröge  bekunden,  die  der 
byzantinischen  Kunst,  welche  in  diesem  Zeitalter  Werke,  wie  die  Mosaiken  von 
Hosios  Lukas  und  Daphni  entstehen  lägt,  voll  würdig  ist.  Zumeist  handelt  es  sich 
auch  hier  um  kleine  Reliquienbehälter,  besonders  die  als  Anhänger  [Gaeta,  s.  u.j 
oder  zum  Aufstellen  auf  den  Altar  [Cosenza,  Velletri,  Weifenschatz,  u.  a.]  gear- 
beiteten Reliquienkreuze  und  Kapseln,  ferner  um  Medaillons  |  Abb.  154 1  und  Zier- 
stücke, wie  man  sie  z.  B.  auf  Bucheinbänden  und  den  Rahmen  der  kostbaren 
Ikonen  findet.  Gelegentlich  sind  auch  diese  selbst,  öfters  nur  ihreNimben  in  Email 
gearbeitet.  Wir  finden  das  Email  ferner  verwendet  im  Schmuck,  auf  Diademen  und 
Kronen,  als  aufgenähten  Besatz  fürstlicher  und  liturgischer  Gewänder.  □ 

Die  Blütezeit  dieser  Kunst  liegt  zwischen  der  Mitte  des  10.  und  des  11.  Jahr- 
hunderts. Für  diesen  Zeitraum  seien  vor  allem  einige  sicher  datierte  Werke  ge- 
nannt; in  erster  Linie  das  schönste  derartige  Werk  auf  deutschem  Boden,  die 
Staurothek  des  Doms  zu  Limburg  an  der  Lahn  [948  —  959  und  963  — 976 1,  das 
ReliquiardesNikephorusPhokas|963 — 969 1  und  die  Emails  auf  dem  unter  Johannes 
Tsimiszes  gearbeiteten  Rahmen  eines  Heiligenbildes  1969— 976 1,  beide  in  Kloster 
Lawra  |Athos|,  die  Emails  in  der  sog.  Krone  des  Konstantin  Monomachos  1 1024-  - 
1050]  und  der  untere  Reif  der  sog.  Stephanskrone  1 1076  77]  in  Budapest.  In  diese 
Blütezeit,  vermutlich  in  die  erstcHälfte  des  11.  Jahrhunderts,  gehört  auch  die  farbig 
abgebildete,  prachtvolle  Kreuzigungstafel  der  Münchener  Schatzkammer  |s.  Tafel], 
der  ein  kleineres  Stück  der  Sammlung  Stroganoff  in  Rom  besonders  verwandt  ist. 

Diesen  Arbeiten  aus  der  Blütezeit  kann  man  andere  gegenüberstellen,  die  im 
Stil,  besonders  in  der  Typisierung,  wie  auch  in  der  Technik  ersichtlich  primitiver 
sind  und  eine  frühere  Entstehungszeit  voraussetzen.  Hierher  gehören  vor  allem 

183 


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D  Abb.  158:  Pala  d'oro  zu  San  Marco  in  Venedig.   Teilansicht  D 

einige  Staurotheken,  wie  die  im  Besitz  von  Pierpont  Morgan  [früher  Sammlung 
Oppenheim],  im  South  Kensington  Museum  [aus  der  Sammlung  Beresford-Hope- 
Dumesnil]  und  das  Kruzifix  auf  einem  berühmten  Einband  der  Markusbibliothek. 
Eine  Datierung  dieser  Arbeiten  vor  dem  9.  Jahrhundert  ist  jedoch  kaum  angängig, 
um  so  mehr,  als  für  das  primitivste  dieser  Stücke  [bei  Pierpont  Morgan]  mit  der 
Möglichkeit  provinzieller  Entstehung  zu  rechnen  ist.  Andererseits  zeigen  viele 
Arbeiten  bestimmte  Merkmale,  die  im  Vergleich  mit  jenen  gesicherten  Arbeiten 
des  11.  Jahrhunderts  auf  eine  spätere  Entstehungszeit  deuten  und  einen  Verfall 
erkennen  lassen.  Als  Hauptwerk  dieser  Art  sei  das  zu  Unrecht  gerühmte  Kreuz- 
reliquiar  des  Domschatzes  zu  Gran  genannt,  welches  nicht  vor  dem  Ausgang  des 
12.  Jahrhunderts  anzusetzen  ist.  Wahrscheinlich  hat  auf  das  byzantinische  Email 
dieserEpoche  der  Orient  eingewirkt.  Denn  esgibtauch  eine  orientalische  Schmelz- 
kunst, wie  die  kaum  beachtete,  durch  ihre  orientalische  Inschrift  auf  etwa  1144 
datierte  Ortokiden-Schüssel  des  Ferdinandeums  in  Innsbruck  beweist.  Die  be- 
rühmte Emailkanne  im  Schatz  von  Saint  Maurice  d'Agaune,  die  als  ein  einzigartiges 
Prachtgerät  in  Email  hier  noch  zu  nennen  ist,  ist  vermutlich  orientalisch  und  nicht 
byzantinisch.  □ 

Die  eigentlich  byzantinischen  Emails  derBlütezeit  sind  wahrscheinlich  ähnlich 
wie  die  Seidengewebe  in  besonders  privilegierten  höfischen  Werkstätten  ge- 
arbeitet worden.  Dies  erklärtes,  daf;  man  nach  1204  von  einem  echtbyzantinischen 
Email  nicht  mehr  sprechen  kann.  Dagegen  gab  es  schon  vorher  eine  dem  byzan- 


184 


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KREUZIGUNGSTAFEL  IN  DER  SCHATZKAMMER 
DES  BAYRISCHEN  KÖNIGSHAUSES  ZU  MÜNCHEN 


D         Abb.  159:  Altrussischer  Halsschmuck  und  Ohrgehänge  aus  der  Sammlung  Swenigorodskoi         G 

tinischen  Email  ganz  entsprechende  Produktion  in  den  Klöstern  Georgiens.  Diese 
provinziellen  Arbeiten,  die  zumeist  schon  durch  ihre  besonderen  Schriftformen 
charakterisiert  sind,  unterscheiden  sich  im  Stile  von  den  echt  byzantinischen 
Arbeiten,  namentlich  durch  ihre  kleinlichere  Stilisierung,  die  mehr  rundenKöpfe 
u.  a.  m.  Die  Hauptwerke  bilden  die  noch  heute  in  den  Klöstern  Georgiens  befind- 
lichen Ikonen.  Dazu  treten  als  besondere  Gruppe  die  südrussischen  Arbeiten, 
deren  Hauptzentrum  in  Kiew  zu  suchen  ist.  Unter  diesen  seien  einige  Schmuck- 
sachen besonders  hervorgehoben:  die  Teile  von  einem  Halsschmuck  und  Ohr- 
gehänge der  Sammlung  Swenigorodskoi  [Abb.  159]  und  das  schöne  Diadem  mit 
heiligen  Figuren  der  Eremitage  in  Petersburg.  □ 

In  diesen  provinziellenArbeiten  kann  man  seit  dem  13.  Jahrhundert  den  immer 
größeren  Verfall  der  ursprünglichen  Kunst  und  Technik  verfolgen.  Die  feinen 
Metallstege  werden  durch  dickeDrähte  ersetzt,  dieEmailmassewird  porös,  trübe, 
schmutzig,  die  Palette  kleiner.  Das  Ende  ist  die 'Volkskunst'  des  russischen  Draht- 
emails, das  sog.  FINIFT.  □ 

Nur  wenig  zu  berichten  ist  über  die  byzantinische  KERAMIK  des  Mittelalters, 
da  unsere  Kenntnis  dieses  Zweiges  noch  ganz  im  Dunkeln  liegt.  Vermutlich  voll- 
zog sich  ihre  Geschichte  in  Analogie  und  unter  dem  Einflüsse  der  orientalischen 
Keramik,  und  mit  noch  größerer  Sicherheit  darf  man  sagen,  daß  ihre  künstlerische 
Bedeutung  nicht  an  die  der  orientalischen  Produktion  heranreichte.  Denn  auch  in 
den  Schriftquellen  des  Mittelalters  werden  die  byzantinischen  Arbeiten  nie  so  ge- 
rühmt, wie  diese;  auch  würde  sonst  wohl  das  eine  oder  andere  Stück  als  Kostbar- 
keit sich  erhalten  haben.  Was  die  Glasproduktion  betrifft,  so  hat  ja  entschieden 
die  Herstellung  von  MOSAIKGLAS,  wie  die  Mosaiken  des  12.  Jalirhunderts  be- 
weisen, in  Byzanz  auch  noch  in  dieser  Zeit  in  höchster  Blüte  gestanden;  aber  auf 
entsprechende  Leistungen  in  der  Herstellung  von  Hohlglas  darf  man  hieraus  niclit 

185 


schliefen  Zu  fragen  wäre  hier- 
bei freilich,  inwieweit  einige  der 
Prachtgefäge  aus  dunkelfarbigen 
Glasflüssen  im  Schatz  von  San 
Marco,  die  durch  ihre  Montierung 
als  mittelalterliche  Arbeiten  ge- 
sichert sind,  byzantinische  Er- 
zeugnisse sein  könnten.  Dag  jene 
dickwandigen,  geschnittenen  Glä- 
ser, die  man  als  HEDWIGSGLÄ- 
SER bezeichnet,  orientalisch  und 
nicht  byzantinisch  sind,dürfte  heu- 
te nicht  mehr  bestritten  werden. 
Da  auf  die  byzantinische  Mo- 
saikmalerei hier  nicht  einzugehen 
ist,  sei  wenigstens  auf  das  Vor- 
kommen von  kleinen,  überaus  fei- 
nen Mosaikarbeiten  hingewiesen, 
die  eine  gewisse  kunstgewerb- 
liche Verwendung  hatten.  Es  sind 
gleichsam  Miniaturmosaiken,  die 
als  Ikonen  und  Tragaltärchen 
dienten.  Die  berühmtesten  Bei- 
spiele befinden  sich  in  denAthos- 
klöstern,  im  christlichen  Museum 
des  Vatikan  und  in  der  Domopera  zu  Florenz  [Abb.  160].  D 

Neben  dem  Zellenschmelz  sind  es  die  Werke  der  TEXTILKUNST,  die  die 
hervorragendste  Leistung  des  byzantinischen  Kunstgewerbes  im  Mittelalter  dar- 
stellen. Und  wie  der  Zellenschmelz,  so  gewinnt  auch  die  byzantinische  Textilkunst 
eine  besondere  Bedeutung  dadurch,  dag  sie  die  Kunst  des  Abendlandes  nachhaltig 
beeinflußt.  Dies  gilt  vor  allem  für  die  byzantinische  Seidenweberei.  G 

Wir  haben  die  Anfänge  der  SEIDENWEBEREI  in  altchristlicher  Zeit  und  ihre 
Verpflanzung  nach  Byzanz  bereits  kennen  gelernt.  Diesen  stattlichen  ersten  Lei- 
stungen der  byzantinischen  Textilkunst  gegenüber  scheinen  die  unmittelbar  fol- 
genden Jahrhunderte,  besonders  das  siebente  und  achte,  ein  Sinken  der  Produk- 
tionskraft zu  zeigen,  wie  man  das  ähnlich  wohl  für  das  gesamte  byzantinische 
Kunstgewerbe  annehmen  kann.  Denn  auger  einigen  Geweberesten  mit  kleinen 
Streumotiven  dürfte  kaum  ein  Stück  mit  einiger  Sicherheit  für  diesen  Zeitraum 
und  als  byzantinische  Erfindung  in  Anspruch  genommen  werden.  Die  hervor- 
ragendsten Leistungen  dagegen  bieten  die  folgenden  Jahrhunderte,  und  vom 
Anfang  des  10.  bis  zum  Ausgang  des  12.  Jahrhunderts  dürfen  wir  eine  unaus- 
gesetzte Höhe  der  Produktion  auf  Grund  der  literarischen  und  monumentalen 
Denkmäler  annehmen.  Das  Jahr  1204  hat  auch  der  byzantinischen  Seidenindustrie 
den  Todesstoß  gegeben;  aber  ihre  Anregungen  waren  nicht  verloren,  sondern 

186 


Abb.  160:  Mosaiktäfelchen  mit  Darstellungen  aus  dem  Leben 
D  Christi.   Florenz,  Dommuseum  G 


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lebten,  vermischt  mit  dem  Ein- 
fluß orientalischer  Gewebe,  in  der 
aufblühenden  italienischen  Tex- 
tilkunst  weiter.  D 

Die  Produktionsbedingungen 
dermittelalterlichen  Seidenwebe- 
rei in  Byzanz  hatten  sich  gegen- 
über der  altchristlichen  Zeit  nicht 
wesentlich  geändert.  Zwar  war 
schon  seit  dem?.  Jahrhundert  das 
Monopol  der  Kaiserlichen  Werk- 
stätten durch  private  Werkstät- 
ten durchbrochen  worden.  Aber 
man  darf  doch  annehmen,  dag 
seit  dem  10.  Jahrhundert  gerade 
die  hervorragendsten  Leistun- 
gen, vor  allem  die  Purpur-  und 
Goldgewebe,  fast  ausschlieiilich 
in  den  kaiserlichenGynäkeen  Kon- 
stantinopels gearbeitet  wurden. 
Daneben  kommtvorallem  Theben 
in  Betracht,  ferner  Korinth  und 
Athen.  D 

Auch  die  künstlerischen  Be- 
ziehungen dieses  Kunstzweiges  zum  Orient  waren  die  gleich  engen  geblieben, 
wie  in  altchristlicher  Zeit.  Und  wenn  einerseits  die  byzantinische  Stilisierung 
und  Ornamentik  sich  jetzt  schärfer  von  der  orientalischen  unterscheidet  als  in 
der  ersten  Epoche,  so  ist  jetzt  andererseits  Byzanz  nicht  mehr  das  einzige  euro- 
päische Produktionsland  für  Seidengewebe,  das  es  vordem  war.  Sondern,  von 
der  spanischen  Produktion  ganz  abgesehen,  entstehen  jetzt  in  Süditalien  und 
Sizilien  wichtige  Manufakturen,  in  denen  byzantinische  Kräfte  mit  orientalischen 
und  europäischen  sich  mischen.  Hierdurch  ist  auch  für  diese  Epoche  eine  richtige 
lokale  Bestimmung  der  Textilien  vielfach  ungemein  schwierig;  gerade  aus  die- 
sem Grunde  sollen  aber  in  diesem  Kapitel  nur  solche  Arbeiten  herangezogen 
werden,  deren  byzantinische  Herkunft  unzweifelhaft  ist.  D 

Die  wichtigsten  byzantinischen  Gewebereste  entstammen  entweder  den  Grä- 
bern geistlicher  und  weltlicherFürsten  oder  sie  haben  sich  in  Kirchenschätzen  als 
Hüllen  von  Reliquien  zugleich  mit  diesen  erhalten.  Kleinero  Stücke  finden  sich 
auch,  gleichsam  als  Schutzblätter,  in  mittelalterlichen  Handschriften.  Ihrer  ur- 
sprünglichen Bestimmung  nach  dienten  diese  Gewebe  sowohl  als  Prachtgewänder 
liturgischer  und  profaner  Art.  wie  auch  als  monumentaler  Schmuck,  besonders  am 
Altare.  Der  Luxus,  der  am  byzantinischen  Hofe  nüt  tierartigen  Gewändern  ge- 
trieben wurde,  mag  verdeutlicht  werden  durch  die  Abbildung  einer  Miniatur  aus 
einer  Pariser  Handschrift,  die  den  Kaiser  Nikcphonis  Botoniates  |1()78     1081 1 

187 


Abb.  161:  Miniatur  mit  Darstellung  des  Kaisers  Nikephorus 
D      Botoniates  und  Hofstaat.   Paris,  Nationalbibliothek      G 


Abb.  162:  Sogenannter  Bernwardsstoff,    gegenständige  Adler  in  Kreisen.     D     Abb.  163:  Seidengewebe 
D  mit  Pferden  in  Kreisen.    Im  Einbände  eines  Evangeliars,  Trier,  Domschatz  D 

zwischen  Würdenträgern  seines  Hofes  darstellt  [Abb.  161].  Dieser  Luxus  im 
Kostüm  wurde  seit  dem  10.  Jahrhundert  im  Abendlande  bewundert  und  nach- 
geahmt, und  die  Kaufleute  von  Amalfi,  Venedig  und  Pisa  sorgten  für  eine  er- 
giebige Einfuhr  der  kostbaren  byzantinischen  Erzeugnisse.  Unter  den  vornehm- 
sten fürstlichen  Geschenken,  den  reichsten  Stiftungen  an  Kirchen  und  Klöster 
werden  auch  in  dieser  Epoche  noch  byzantinische  Seidengewebe  genannt.  D 
DieMuster  der  byzantinischen Textilkunst  des  10. — 12.  Jahrhunderts  schließen 
sich  im  Stile  an  die  orientalischen  und  altchristlich-byzantinischen  Gewebe  an. 
Gegenüber  diesen  ist  zunächst  das  Verschwinden  der  menschlichen  Figuren  be- 
merkenswert, die  in  der  noch  halb  antiken  Textilkunst  des  5.  und  6.  Jahrhunderts 
eine  große  Rolle  spielten.  Statt  dessen  tritt  die  Tierfigur  in  eine  immer  mehr  vor- 
herrschende Stellung,  und  zwar  in  einer  rein  dekorativen,  repräsentativen  Auf- 
fassung, die  alles,  was  an  eine  bestimmte  Aktion  erinnert  [z.B.  die  früher  beliebten 
Tierkämpfe],  zurücktreten  läßt.  Die  Stilisierung  ist  eine  rein  flächenmäßige,  ab- 
strakte; die  Behandlung  der  Details  eine  ornamentale.  Dies  gibt  diesen  Arbeiten 
ihre  vornehmste  und  stärkste  Wirkung,  so  daß  ihnen  gegenüber  die  Tierdarstel- 
lungen der  spätantiken  Textilien  fast  naturalistisch  wirken.  Die  Anordnung  in 
Kreisenblieb  sobeliebt,  wie  indem  ersten  JahrtausendfAbb.  162  undl63|.  Aberge- 
rade wenn  man  bei  derartigen  traditionellen  Mustern  die  späteren  mit  jenen  aus 
altchristlicher  Zeit  vergleicht,  erkennt  man,  worin  der  Fortschritt  liegt.  Das  Ver- 
hältnis des  Musters  zum  Grunde  ist  klarer  geworden,  die  Ornamentik  fester  im 
Aufbau,  reicher  imDetail.  DasMuster  beherrscht  dieFläche  in  absolutester  Weise. 
Bei  kleinen  Mustern  wurden  die  Tiere  oft  zwischen  rautenfömig  sich  durchschnei- 
dende Ornamentbänder  gestellt;  seltener  scheint  eine  Anordnung  der  Tiere  ohne 
ornamentale  Felderteilung  gewesen  zu  sein.  Als  Beispiele  derartiger  byzantini- 

188 


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Abb.  16-1:  Sogenannte  Dalmatika  Leo  III.  mit  gestickten  Darstellungen.  Rom,  Sakristei  von  Sankt  Peter 

scher  Seidengewebe  mit  Tierdarstellungen  seien  in  erster  Linie  drei  besonders 
berühmte  Stücke  genannt,  die  durch  ihre  Inschriften  als  Erzeugnisse  der  kaiser- 
lichen Werkstätten  in  Konstantinopel  gesichert  sind:  die  beiden  großzügigen 
Löwenstoffe,  von  denen  der  eine  [sog.  Anno-Stoff  |  zwischen  921  und  931  entstan- 
den ist  und  sich  in  Siegburg  befindet  |s. Tafel],  der  andere,  aus  derZeit  von  976  bis 
1025,  inverschiedenenFragmenten  inBerlin, Düsseldorf,Krefeld  aufbewahrt  wird. 
Hierher  gehört  ferner  der  prachtvolle  Elefantenstoff  aus  dem  Grabe  Karls  des 
Grogen,  der  soeben  erst  wieder  ans  Tageslicht  gebracht  wurde,  um  eine  erneute 
wissenschaftliche  Untersuchung  und  Veröffentlichung  zu  finden.  Besonders  her- 
vorgehoben seien  ferner  noch  die  purpurnen  Adlerstoffe  in  Brixen,  Auxerre,  Ber- 
lin, Vieh,  die  Stoffe  mit  gegenständigen  Vögeln  in  Würzburg,  Hildesheim,  Aachen 
u.  a.  m.  Neben  diesen  Stücken  seien  schließlich  als  Beispiele  rein  ornamentaler 
Musterung  genannt  der  sog.  Mantel  Ottos  L  in  Merseburg,  die  Kasein  des  heiligen 
Bernhard  in  Xanten,  des  heiligen  Willigis  in  Mainz.  Diesen  rein  ornamentalen 
Stücken  des  11.  und  12,  Jahrhunderts,  mit  ihrer  oft  wunderbar  feinen  Zeichnung, 
hat  die  altchristliche  Ära  der  byzantinischen  Seidenweberei  nichts  gleichwertiges 
an  die  Seite  zu  setzen.  Q 

Während  die  byzantinische  Webekunst  zu  einer  völligen  Ausscheidung  der 
menschlichen  Figur  und  des  darstellerischen  Bildes  führte,  wurden  gerade  diese 
Dinge  bevorzugt  von  einem  anderen  Zweige  der  Textilkunst,  in  dem  Byzanz  im 
11. und  12.  Jahrhundert  hervorragendes  leistete,  der  STICKEREI.  Die  kostbarsten 
Arbeiten  dieser  Art  sind  auf  seidenem,  dunkelfarbigem  Purpurgrund  ausgeführt 
mit  Gold-  und  Silberdrähten  und  verschiedenfarbigen  Seidenfäden.  Das  berühm- 
teste Stück  dieser  Art  stellt  eine  Arbeit  dar,  deren  byzantinischer  Ursprung  nicht 
bezweifelt  werden  kann,  die  sog.  Dalmatika  Leos  111.  im  Schatz  von  Sankt  Peter  in 
Rom,  die  als  Krönungsmantel  Karls  des  Großen  galt,  in  Wirklichkeit  aber  dem  11. 

189 


bis  12.  Jahrhundert  angehört  [Abb.  164 1.  In  ihren  gestickten  Darstellungen, 
wie  dem  jüngsten  Gericht,  dem  Abendmahl,  der  Verklärung  Christi,  darf  sie  nicht 
nur  als  hervorragendes  Werk  dieser  Technik,  sondern  als  eine  der  besten  und 
charakteristischestenArbeitenbyzantinischer  Kunst  überhaupt  angesehen  werden. 
Von  den  übrigen  bestickten  'KAISERGEWÄNDERN'  kann  keines  als  gesicherte 
rein-byzantinischeArbeit  angesehen  werden,  sondern  vor  allem  kommen  hier  die 
Werkstätten  von  Palermo,  wo  ein  besonders  stark  orientalisierendes  Stück  durch 
seine  Inschrift  lokalisiert  ist,  und  die  Hauptstädte  Süditaliens  als  Entstehungsorte 
in  Betracht.  Der  byzantinischenKunst  stehen  in  ihrer  Stilisierung  besonders  nahe 
der  Metzer  Kaisermantel  mit  goldenen  Adlern  auf  Purpurgrund  und  ein  Gewand 
im  Bamberger  Domschatz  mit  der  Darstellung  eines  reitenden  Kaisers  inKreisen, 
ganz  nach  Art  der  Webemuster  komponiert.  Stickereien  mit  bildmägigen  Dar- 
stellungen erzählenden  Inhalts  dürften  nach  dem  Ausweis  erhaltener  späterer  Bei- 
spiele besonders  als  Besatzstücke  auf  Altartüchern  und  liturgischen  Gewändern 
lOmophorien]  verwendet  worden  sein.  Zum  Schlug  sei  hier  das  groge  Antepen- 
dium  im  Museum  zu  Genua  genannt,  welches  in  Goldstickerei  auf  Purpurgrund 
Szenen  aus  dem  Leben  des  heiligen  Laurentius  u.  a.  erzählt,  das  Geschenk 
eines  griechischen  Kaisers  an  den  Dom  in  Genua,  —  trotz  der  zum  Teil  abend- 
ländischen Inschriften  eine  byzantinische  Arbeit  bereits  aus  der  Mitte  des  drei- 
zehnten Jahrhunderts.  Georg  Swarzenski 

D  □ 

KAPITEL  VI  ♦  DAS  FRÜHE  MITTELALTER  VON 
DER  VÖLKERWANDERUNG  BIS  ZU  DEN  KARO- 
LINGERN □ 

Die  Auflösung  des  römischen  Reiches,  die  sich  durch  die  Völkerwanderung  im 
Verlaufe  des  5.  und  6.  Jahrhunderts  vollzog,  ist  gewiß  eine  der  gewaltigsten  und 
folgenreichsten  Umwälzungen,  welche  die  Weltgeschichte  gesehen  hat.  In  wieder- 
holten Wellen  hatten,  aus  dem  Osten  und  Norden  über  den  Rhein  und  die  Donau 
vordringend,  die  Völkerschaften  der  Germanen  die  in  mehrhundertjähriger  Arbeit 
der  römischen  Kultur  gewonnenen  Provinzen  vom  Schwarzen  Meere  bis  nach 
Spanien,  bis  nach  Britannien  und  Nordafrika  überflutet,  um  auf  den  Trümmern  des 
Weltreichs  der  Cäsaren  ihre  eigene  Herrschaft  aufzurichten.  Viele  ihrer  Staaten- 
bildungen, wie  die  ostgotischen  und  longobardischen  Reiche  in  Italien,  die  west- 
gotischen und  vandalischen  in  Gallien,  Spanien  und  Afrika  erwiesen  sich  als  ver- 
gänglich; aber  dauernd  und  unwiderruflich  blieb  bei  allem  Wechsel  das  eine  große 
Ergebnis:  der  vollständige  Zusammenbruch  des  weströmischen  Reiches,  des  Trä- 
gers der  klassischen  Kultur  des  Altertums  im  Abendlande.  D 
Zu  dem  Auftreten  der  germanischen  Völker  gesellte  sich  die  fortschreitende 
Ausbreitung  des  Christentums,  das  mehr  im  orientalisierten  Hellenismus  Ostroms 
als  in  Italien  wurzelte.  Neue,  zum  größeren  Teil  noch  barbarische  Rassen  als  die 
Herren  des  Abendlands,  eine  neue  Kirche  kunstfremden  Ursprungs,  eine  oft  wieder- 

190 


holte  schreckliche  Verwüstung  des  Bodens,  dem  bisher  die  Blüte  der  Kunst  ent- 
sproß, das  sind  gewig  Gründe  genug,  um  in  dieserZeit  des  allgemeinenUmsturzes 
auch  auf  dem  Gebiete  der  künstlerischen  Tätigkeit  einen  vollständigen  Wechsel 
des  Geschmacks  und  selbständige  Neubildungen  erwarten  zu  lassen.  D 

Überblickt  man  die  aus  dem  Besitze  der  Barbaren  stammenden  kunstgewerb- 
lichen Denkmäler,  welche  die  Völkerwanderung  und  die  Folgezeit  der  germani- 
schen Staatenbildungen  bis  zu  den  Karolingern,  also  ungefähr  die  Zeit  vom  5.  bis 
zum  8.  Jahrhundert  hinterlassen  haben,  so  scheinen  sie  allerdings  das  Ergebnis 
der  politischen  Ereignisse  getreu  wiederzuspiegeln.  Als  Ganzes  betrachtet  er- 
wecken sie  zunächst  die  Vorstellung,  dag  ein  neuer,  durch  die  Völkerwanderung 
über  ganz  Europa  verbreiteter  Barbarenstil  die  antike  Kunst  abgelöst  und  ersetzt 
habe.  □ 

Das  Wesen  und  die  Herkunft  dieses  Stiles  sind  viel  umstritten.  Er  ist  aufgefaßt 
worden  einerseits  als  eine  selbständige  Schöpfung  der  Germanen  und  insbeson- 
dere der  Goten,  andrerseits  als  eine  barbarische  Umbildung  spätantiker,  sowohl 
weströmischer  wie  oströmischer  Elemente;  auch  im  Orient  hat  man  seine  Quelle 
gesucht.  n 

Der  Denkmälerbestand,  der  allein  Aufschlug  geben  kann,  ist  zwar  sehr  um- 
fangreich, aber  einseitig.  Es  sind  ganz  vorwiegend  METALLGERÄTE,  die  dem 
Zahn  der  Zeit  Widerstand  geleistet  haben,  Goldarbeiten  weltlichen  und  kirchlichen 
Gebrauches  und  Massen  von  Schmucksachen  aus  Gold,  Silber,  Bronze  und  Eisen. 
Diese  Gegenstände  stammen  zum  allergrögten  Teil  aus  den  Gräbern  der  Bar- 
baren, daher  die  überwiegende  Menge  der  zur  Bekleidung  derBestatteten  gehöri- 
gen Schmuckstücke,  der  Fibeln  und  der  Gürtelschnallen.  Die  bedeutenderen 
Stücke  verdanken  wir  zumeist  der  zufälligen  Entdeckung  vergrabener  Schätze 
und  dem  treuen  Hüter  alter  Kunstwerke,  der  Kirche.  D 

Es  wirkte  eindringlich  zugunsten  der  Theorie  einer  selbständigen  Barbaren- 
kunst, dag  diese  Grabfunde  und  Schatzfunde  überall  da  zutage  gekommen  sind, 
wo  die  Germanen  auf  ihren  Wanderungen  Fug  gefagt  haben:  in  Rugland,  nament- 
lich im  Süden  und  in  den  unterenDonauländern.  wo  die  Goten  vor  ihrem  Einbrüche 
in  die  römischen  Grenzen  ansässig  waren,  in  Ungarn,  das  durch  Jahrhunderte  der 
Tummelplatz  der  verschiedensten  Barbarenstämme  blieb,  in  Deutschland,  wo  be- 
sonders die  rheinischen  Sitze  der  Franken  und  Alemannen  sich  als  ergiebige 
Fundgruben  erwiesen,  in  den  einst  gotisch  besiedelten  Ostseeländern  und  in  Eng- 
land, im  fränkischen  und  burgundischen  Gallien,  in  den  longobardischen  Gräber- 
feldern Italiens  und  in  Spanien,  dem  letzten  Königreiche  der  Westgoten.  D 

Den  Eindruck  eines  barbarischen  Geschmackes  bestärkte  bei  den  grögeren 
Schatzfunden  die  fast  ausschliegliche  Verwendung  massiven  Goldes,  welche  die 
Sagen  und  die  geschichtlichen  Berichte  über  den  Hort  germanischer  Fürsten  zu 
bestätigen  schien,  während  die  römische,  wie  jede  plastisch  arbeitende  Gold- 
schmiedekunst, in  klassischer  Zeit  das  Silber  zur  Gel'ägbildung  bevorzugt  hatte. 

Die  greifbarste  und  daher  festeste  Stütze  der  in  Frankreich  zuerst  vonLasteyrie 
aufgestellten  und  in  Deutschland  besonders  von  Lindcnschmit  vcrfochtencn  An- 
nahme einer  urwüchsig  germanischen  VÜLKERWANDEKUNGSKUNST  bilden 

191 


einige   ornamentale  und  techni- 
sciie  Kennzeichen,  die  überall  wie- 
derkehren an  den  Metallarbeiten, 
die  auf  den  Spuren  der  erobern- 
den Barbaren  gefunden  worden 
sind;  Kennzeichen,  welche  in  der 
Tat  der  antiken  Metallkunst  klas- 
sischen Stiles  fremd  sind.  D 
Das  eine  dieser  Kennzeiche, 
ist  die  mosaikartige  Verzierung 
goldener  Geräte  mit  tafelförmig 
flachen,    roten   Halbedelsteinen. 
Bei  den  älteren  Arbeiten  sind  in 
der  Regel  indische  Granaten  oder 
Almandine    verwendet.      Spätc-r 
dienten  oft  rote  und  grüne  Gla 
plättchen  als  Ersatz  und  man  kann 
daher  diese  Verzierung  als  ZE 
LENVERGLASUNG  bezeichnt 
was   dem    in   der   französisch 
Kunstgeschichte  angenommen 
Ausdruck  'Verroterie  cloisonnee' 
entspricht  [vgl.Abb.  167  und  176|. 
Die  Technik  ist  eine  zweifache: 
Die  roten  Steine  oder  Gläser  si   i 

D  Abb.  165:  Germanische  Silberfibel  aus  Würzburg  D  entweder  Unmittelbar  in  ausge- 
schnittene Löcher  oder  eingeschlagene  Ve^'tiefungen  des  goldenen  Grundes  e-  i- 
gebettet  oder  aber  es  werden  auf  dem  ebenen  Goldgrund  durch  hochkant  aufge- 
lötete Goldbänder  Zellen  gebildet,  welche  als  Fassung  dienen  und  durch  die  dem 
Muster  entsprechend  geschnittenen  Steine  gefüllt  werden.  Die  Oberkanten  der 
Goldstege,  welche  dieZeichnung  der  fast  immer  geometrischen  Muster  darstell 'in, 
bilden  dann  mit  der  Oberfläche  der  Steine  eine  ebene  Fläche.  Die  beiden  Arten 
der  Granatverzierung  werden  sowohl  an  einem  unddemselben  Gegenstand  neb3n- 
einander,  als  auch  jede  für  sich  allein  angewendet;  die  letztere  in  der  Metallarbeit 
dem  byzantinischen  Zellenschmelz  gleichende  Art  ist  weitaus  häufiger.  Sie  blieb 
nicht  auf  goldene  Geräte  beschränkt,  sondern  sie  ist  auch  auf  den  volkstümlichen 
Bronzeschmuck,  Fibeln,  Schnallen  und  ähnliches  übertragen  worden.  D 

Das  zweite  aisgermanische  Schöpfung  betrachtete  Merkmal  derMetallarbeiten 
des  frühen  Mittelalters  ist  eine  auf  den  kleineren  Schmucksachen  in  unendlicher 
Mannigfaltigkeit  verwendete  Ornamentik  aus  verschlungenen  und  verflochtenen 
Bändern,  die  nicht  selten  inTierköpfe  auslaufen  unddadurch  bei  der  zuweilen  selt- 
sam regellosen  Linienführung  die  Vorstellung  von  drachenartigem  Gewürm  wach- 
rufen. Die  fortschreitende  Ausbildung  des  Flechtwerks  in  den  Händen  barbari- 
scher Künstler  gewährt  dem  Tierelement  mehr  und  mehr  Raum  und  sie  gipfelt 

192 


D  Abb.  166:  Römische  Bronzeschnalle  mit  Keilschnitt 

schlieglich  in  dem  irisch-nordischen  TIERORNAMENT,  das  am  weitesten  von  den 
römischen  Flechtmustern  entfernt  ist[vgl,Abb.l78midl80].  Beim  Goldschmuck  ist 
das  Flechtwerk  zumeist  in  Filigran  ausgeführt,  auf  eisernen  Gürtelschliefien  und 
Scheibenfibeln  in  Tauschierarbeit  aus  eingehämmertem  Silber  oder  Kupfer  und  auf 
den  bronzenen  oder  silbernen  Fibeln,  Schnallen,  Riemenzungen  und  ähnlichen 
Gegenständen  in  flachem  Relief,  das  durch  Gug  oder  Schneiden  hergestellt  ist. 
Hierbei  schien  auch  die  Technik  den  Anhängern  einer  urwüchsigen  Germanenkunst 
zu  Hilfe  zu  kommen.  Denn  die  Reliefornamente,  Flechtwerk  sowohl  wie  Ranken 
und  geometrische  Muster,  sind  nicht  selten  mit  schrägen  Schnittflächen  in  das 
Metallhineingearbeitet,  so  daß  sie  demKERBSCHNITT gleichen  [Abb.  165|.Linden- 
schmit  hat  daher  angenommen,  dag  diese  Art  der  Metallbehandlung  aus  der  Holz- 
schnitzerei übertragen  sei,  und  da  die  den  Kerbschnitt  pflegende  skandinavische 
Volkskunst  an  uralten  Überlieferungen  haftet,  so  glaubte  er  auch  durch  diesen 
Metallkerbschnitt  oder  Keilschnitt  eine  ganz  ursprüngliche,  selbständige  Kunst- 
übung der  Germanen  erweisen  zu  können.  □ 
Aber  diese  Stütze  der  Barbarenkunst  war  hinfällig.  In  dem  leider  unvollendet 
gebliebenen  Werk  über  die  'Spätrömische  Kunstindustrie'  hat  Alois  Riegl  nach- 
gewiesen, dag  eben  dieser  Keilschnitt  eine  Eigentümlichkeit  unanfechtbar  spät- 
römischer Bronzeschnallen  ist,  wie  sie  die  römischen  Legionäre  vor  der  Völker- 
wanderung getragen  haben  |Abb.l66|.  Dieselben  römischen  Gürtelschnallen  und 
ähnliche  Bronzearbeiten  enthalten  auch  unverkennbar  die  ornamentalen  Einzel- 
formen —  Bandgeflecht,  Tierköpfe,  Wellen  und  Ranken  — ,  aus  welchen  später 
durch  phantasievolle  Vermischung  und  Umbildung  der  römischen  Elemente  das 
Flecht-  und  Tierornament  der  Germanen  und  Iren  entstanden  ist.  Die  Barbari- 
sierung  lägt  sich  schrittweise  an  zahllosen  Beispielen  verfolgen.  D 

13    •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  193 


Auch  das  andere  Kennzeichen  der  Völkerwanderungskunst,  die  Zellenver- 
glasung,  hat  Riegl,  wie  früher  schon  Labarte,  mit  vollem  Recht  für  die  spätantike 
Kunst  in  Anspruch  genommen.  Nur  ist  hier  nicht  das  weströmischeKunstgewerbe 
die  Quelle,  sondern  das  GRIECHENTUM  OSTROMS,  das  allein  über  alle  Barbaren- 
stürme hinaus  den  ununterbrochenen  Zusammenhang  mit  der  Antike  gewahrt  und 
dem  hellenistischen  Erbe  noch  persisch-orientalische  Elemente  zugefügt  hatte.  D 

Für  den  Nachweis,  dag  die  Zellenmosaikarbeiten  teils  oströmische  Originale, 
teils  germanische  Nachahmungen  von  solchen  sind,  ist  eine  eingehende  Unter- 
suchung der  wichtigeren  Denkmälergruppen  nicht  zu  vermeiden.  Denn  die  Fund- 
stätten verschleiern  die  wahre  Herkunft  der  oströmischen  Stücke.  D 

Seit  das  Christentum  unter  Konstantin  die  herrschende  Religion  im  römischen 
Reich  geworden  war,  lieg  bei  der  römisch-griechischen  Bevölkerung  die  Sitte 
wertvoller  Gräberbeigaben  nach,  während  die  Germanen  noch  lange  am  alten 
Bestattungsbrauch  festhielten,  auch  nachdem  sie  dem  Heidentum  entsagt  hatten. 
Aus  den  Gräbern  der  Barbaren  stammt  daher  fast  der  ganze,  kaum  übersehbare 
Vorrat  an  Metallarbeiten  dieses  Zeitalters,  dem  aus  sicher  römisch-griechischer 
Quelle  fast  nichts  an  verwandtem  Material  gegenübersteht.  Darin  liegt  die  Erklä- 
rung für  die  zweifellos  trügerische  Erscheinung  vom  Absterben  des  spätrömischen 
Kunstgewerbes  in  den  germanisierten  Provinzen  während  des  5.  Jahrhunderts. 

Die  mit  der  Völkerwanderung  eingetretenen  sozialen  Zustände  sprechen  nicht 
gegen  das  Fortleben  des  römischen  Kunsthandwerkes  auch  in  den  von  den  Ger- 
manen eroberten  und  besetzt  gehaltenen  Teilen  des  Reiches.  Gewig  war  die 
Schädigung  der  antiken  Kultur,  die  Verwüstung  Italiens  und  der  Provinzen  durch 
dieBarbaren  kaum  zu  verwinden.  Abernicht  alle  Germanen  waren  reineBarbaren 
und  sie  haben  nicht  nur  zerstört.  Die  Goten  standen  schon  lange  in  Berührung  mit 
griechischer  Kultur  und  es  ist  bekannt,  wie  eifrig  der  Ostgote  Theoderich  bemüht 
war,  die  römische  Kultur  wieder  aufzurichten  und,  was  noch  vorhanden  war,  zu 
erhalten.  Wie  viele  Städte,  die  Sitze  des  römischenHandwerks,  haben  nicht  nur  in 
Italien,  sondern  auch  in  den  Provinzen  vonPannonienbis  nach  Spanien  alle  Stürme 
überdauert!  In  ihren  neuen  Staaten  sagen  die  erobernden  Germanen  als  die  kriege- 
rischen Herren  über  einer  zwar  mighandelten  und  dezimierten,  aber  noch  zahl- 
reichenBevölkerung  von  romanischen  oder  seitlangem romanisiertenUntertanen. 
Diese  waren  früher  die  Träger  von  Kunst  und  Handwerk  gewesen  und  es  ist  nicht 
anzunehmen,  dag  sie  mit  dem  Verlust  ihrer  politischen  Selbständigkeit  das  ge- 
wohnte Gewerbe  überall  aufgegeben  hätten.  Das  fortlebende  spätrömische  Kunst- 
gewerbe wurde  dieSchule  dergermanischenKünstler,  dazu  dasjenige  vonOstrom 
und  dessen  orientalischen  Provinzen,  vermittelt  namentlich  durch  die  Kirche.  Es 
ist  mehrfach  festzustellen,  dag  Goldschmiede  barbarischen  Namens  und  Stammes 
sich  für  die  Inschriften  auf  ihren  Werken  der  lateinischen  Sprache  bedienten  und 
in  Südrugland  und  den  Donauländern,  wo  die  griechische  Kunst  fortwirkte,  der 
griechischen.  D 

Einen  sicheren  Beweis  für  die  ununterbrochene  Weiterführung  des  römischen 
Kunstgewerbes  in  den  germanisierten  Provinzen  des  Westens  erbringen  die  aus 
fränkischen,  longobardischen,  angelsächsischen  Gräbern  im  Rheinland,  in  Italien, 

194 


Gallien  und  England  zahlreich  zutage  gebrachten  GLASGEFÄSSE.  Die  Glas- 
bläserei ist  offenbar  kein  Gewerbe,  das  die  Germanen  vor  ihrer  Berührung  mit  der 
römischen  Kultur  besessen  und  auf  ihren  Wanderungen  und  Kriegszügen  mitge- 
führt haben.  Es  kann  sich  nur  um  die  Erzeugnisse  der  vorher  römischen  oder  ro- 
manisierten  Betriebsplätze  und  deren  Ableger  handeln.  Die  Beschaffenheit  der 
Glasgefäge  aus  germanischen  Grabstätten  gibt  ein  ganz  anschauUches  Bild  der 
Wirkung,  welche  die  Germanisierung  der  römischen  Provinzen  auf  diesen  Zweig 
des  Kunstgewerbes  ausgeübt  hat.  Die  Gläser  sind  zumeist  Näpfe,  Schalen,  Becher 
und  Flaschen  von  sehr  einfachen,  kunstlosen  Formen,  in  der  Regel  ohne  Fug  oder 
sonstige  brauchbare  Standfläche.  Dann  finden  sich  vereinzelt  neben  den  ganz 
primitiven  Gläsern  auch  anspruchsvollere  Gefäße,  Trinkhörner  und  namentlich 
tiefe,  nach  unten  zu  stark  verjüngte  Becher,  die  oben  mit  einem  Glasfaden  um- 
sponnen und  darunter  mit  rüsselförmigen,  lang  herabgezogenen  Röhrennoppen 
besetzt  sind.  In  diesen  Bechern,  die  sich  im  Rheinland  (Museen  von  Mainz,  Bonn, 
Köln ),  in  derNormandie  und  inEngland  erhalten  haben,  ist  noch  ein  sehr  beträcht- 
licher Rest  der  alten  Glasmacherkunst  bis  in  dieMerowingerzeit  herübergerettet; 
in  ihrer  Form  aber  kommt  ein  neuer,  vom  spätrömischen  sehr  verschiedener  Ge- 
schmack zum  Ausdrucke.  □ 

Das  handwerkliche  Können  der  spätrömischen  Glasmacherei  hat  also  in  den 
germanisierten  Provinzen  den  Zusammenbruch  der  römischen  Herrschaft  über- 
dauert. Das  künstlerische  Erbe  der  Antike  dagegen,  die  schönen  Umriglinien  und 
die  zweckmäßige  Gliederung,  welche  die  römischen  Gläser  auch  in  den  Provinz- 
betrieben Galliens  und  Germaniens  auszeichneten,  diese  Vorzüge  sind  mit  der 
Völkerwanderung  im  Westen  verloren  gegangen.  Eine  ähnliche  Nachwirkung  und 
Umwandlung  ist  auch  für  das  in  Metall  arbeitende  spätrömische  Kunstgewerbe 
vorauszusetzen.  D 

DIE  OSTRÖMISCHE  RICHTUNG  D 

Wenn  man  dem  Ursprung  derZellenverglasung,  des  vorherrschenden  Schmuk- 
kes  der  Goldarbeiten  dieses  Zeitalters  nachgeht,  so  führt  die  Zeitfolge  der  Denk- 
mäler zuerst  nach  dem  Ausgangspunkt  der  Völkerwanderung  im  Osten,  zu  den 
Grenzen  Ostroms  in  den  unteren  Donauländern  und  in  das  an  Schatzfunden  des 
frühen  Mittelalters  überreiche  Ungarn.  D 

Der  bedeutendste  Goldschatz  dieser  Herkunft,  eine  Gruppe  von  zweiundzwanzig 
Kannen,  Flaschen,  Schalen  und  anderen  Gefäßen,  fast  insgesamt  von  einlieitlicher 
Arbeit,  gefunden  in  Nagy  Szent  Miklos,  jetzt  im  Wiener  Hofmuseum,  ist  von  der 
Untersuchung  an  dieser  Stelle  auszuschalten.  Die  figürlichen  Darstellungen  und 
Ornamente  auf  diesen  Gefäßen  sind  durchgehends  plastisch,  in  Treibarbeit  her- 
gestellt. Sie  vereinigen  spätgriechische  Motive  mit  solchen  von  sassanidischer 
Herkunft,  beide  in  einem  Zustand  merklicher  Entartung.  Durch  die  Vermengung 
dieser  beiden  Formenkreise  erinnern  sie  an  byzantinische  Seidengewebe,  und  in 
einem  Grenzgebiete  des  byzantinischen  Kunstbereichs  ist  wohl  auch  die  Heimat 
des  Schatzes  zu  suchen.  Die  noch  ungelöste  Heimatfrage  braucht  hier  nicht  er- 
örtert zu  werden;  denn  auf  dieEntwicklungdergermanischen  Goldschmiedekunst 
hat  diese  plastisch  arbeitende  Richtung  jedenfalls  keinen  Einfluß  ausgeübt.         D 

13*  195 


Das  erste  datierbareBeispiel  der  Zellen- 
verglasung  bietet  der  im  Jahr  1797  ge- 
fundene Goldschatz  aus  SZILAGY  SOM- 
LYO  im  Hofmuseum  zu  Wien.  Er  enthält 
neben  mancherlei  Kleinodien  vierzehn  gol- 
dene Schaumünzen  der  römischen  Kaiser 
von  Maximian  [286  bis  305]  in  fast  ununter- 
brochener Reihenfolge  bis  zu  Gratian 
[gest.  383].  Diese  prachtvoll  geprägten 
Münzen  von  ungewöhnlicher  Größe,  bis  zu 
10  cm  Durchmesser,  sind  in  flache  Gold- 
rahmen gefallt  und  mit  Röhrenösen  ver- 
sehen, um  als  Schmuckstücke  getragen 
zu  werden.  Davon  ist  der  Rahmen  einer 
G  Abb.  167:  Schmuckscheibe  aus  Sziiagy  Somiyo  G  Maximiansmünzc  mit  dreieckigen  Grauat- 
plättchen  in  Zellenfassung  belegt.  Von  durchaus  gleicher  Arbeit  wie  die  übrigen, 
mit  Filigranspiralen  und  Träubchen  aus  aufgelöteten  Goldkügelchen  verzierten 
Münzrahmen  ist  ein  scheibenförmiger  Anhänger,  der  statt  einer  Münze  in  der 
Mitte  eine  Zusammenstellung  aus  eingebetteten  rundlichen  Granaten  und  Gold- 
kugeltrauben enthält,  die  ein  Kreisband  aus  dreieckigen  Granaten  in  aufgelöte- 
ten Zellen  umzieht  [Abb.  167].  Also  Zellenverglasung  in  bester  Form  und  in  der 
für  das  ganze  Zeitalter  typischen  geometrischen  Musterung.  □ 

Wie  die  Münzen  selbst,  so  ist  auch  ein  weiteres  Hauptstück  des  Schatzes,  eine 
goldene  Halskette,  an  der  Blätter  und  winzige  Nachbildungen  von  allerlei  Werk- 
zeugen angehängt  sind,  nicht  barbarische  sondern  zweifellos  antike  Arbeit.  Auch 
an  den  Verzierungen  der  Münzrahmen  und  der  Goldscheibe  ist,  abgesehen  von  den 
Granateinlagen,  nichts  zu  sehen,  was  nicht  spätrömische  oder  griechische  Arbeit 
sein  könnte.  Da  aber  der  Schatz  von  Sziiagy  Somiyo  nicht  vor  den  letzten  Jahren 
des  4.  Jahrhunderts  in  Dacien  vergraben  worden  ist,  also  bereits  nach  dem  Beginn 
des  germanischen  Einbruchs  und  in  einem  Lande,  das  schon  längst  vorher  den  Bar- 
baren preisgegeben  war,  so  kann  die  Möglichkeit,  ja  die  Wahrscheinlichkeit  nicht 
bestritten  werden,  dag  die  Fassungen  der  Schaumünzen  und  mithin  auch  die  Zellen- 
verglasung  eine  germanische  Zutat  sein  können.  D 
Man  mug  weiter  zurückgehen,  bis  in  das  dritte  Jahrhundert  oder  in  den  Anfang 
des  vierten,  um  auf  die  Frage  eine  Antwort  zu  finden,  ob  bereits  die  antike  Gold- 
schmiedekunst, wie  Riegl  annimmt,  die  Verzierung  mit  Granateinlagen  gekannt 
und  geübt  hat.  D 
Das  Wiener  Hofmuseum  besitzt  einen  in  PETRIANEZ  an  der  Drau,  in  der  ein- 
stigen Provinz  Pannonien  zum  Vorschein  gekommenen  spätantiken  Goldschatz, 
den  die  bis  in  das  Ende  des  3.  Jahrhunderts  reichenden  Kaisermünzen  der  Zeit  um 
das  Jahr  300  zuweisen.  Eine  Anzahl  Münzen  von  Hadrian,  Antoninus  Pius,  Marc 
Aurel  und  Caracalla  ist  ähnlich  den  Schaumünzen  aus  Sziiagy  Somiyo  durch  runde 
Goldrahmen  zu  Schmuckstücken  verarbeitet.  Die  Rahmen  bestehen  aus  je  zwei 
übereinander  liegenden  Goldplatten,  die  zum  Teil  mit  antikem  Rankenwerk  und 

196 


Wellen  verziert,  zum  grögerenTeil  aber  in  regelmäßiger  Musterungdurchbrochen 
sind  mit  Reihen  von  runden,  dreieckigen  und  rautenförmigen  Löchern.  Diese  sind 
heuteleer,  einZustand,  dernichtvon  vornherein  beabsichtigt  war,  denn  die  durch- 
brochenen Muster  konnten  erst  dann  zur  Wirkung  kommen,  wenn  die  Löcher  mit 
farbigen  Steinen  gefüllt  waren.  Die  Annahme,  dag  die  Münzfassungen  vonPetrianez 
ursprünglich  in  der  Tat  Granateinlagen  aufwiesen,  wird  ganz  unabweisbar  durch 
einen  Vergleich  mit  drei  vogelförmigen  Goldfibeln  im  Bukarester  Schatz  von 
Petrossa.  Deren  runde,  ebenfalls  aus  zwei  übereinander  liegenden  Goldplatten 
gearbeitete  Mittelstücke,  sind  ganz  ähnlich  den  Münzrahmen  mit  kreisförmig  ge- 
ordneten Reihen  vonLöchern  durchbrochen;  und  in  diesen  sind  die  Reste  derGra- 
natfüllungen  noch  heute  vorhanden.  Bei  der  technischen  und  stilistischen  Gleich- 
artigkeit der  Fibeln  und  der  Münzfassungen  von  Petrianez  wird  der  Rückschlug 
zwingend,  dag  die  Durchbrechungen  der  letzteren  ebenfalls  zur  Aufnahme  von 
flachen  Steinen  bestimmt  waren  und  dag  somit  die  Zellenverglasung  der  spätantiken 
Goldschmiedekunst  und  demgemäg  auch  ihrer  Nachfolgerin,  der  byzantinischen, 
bereits  zu  eigen  gewesen  ist.  An  dieser  Stelle  ist  auch  des  im  vorausgehenden 
Abschnitt  über  die  altchristliche  Kunst  erwähnten  Diptychons  im  Mailänder  Dom- 
schatz zu  gedenken.  Auf  diesem  unmittelbarvonderAntike  abstammenden  Werke 
ist  das  silberne  Lamm  Gottes  in  Zellenmosaik  ausgeführt  in  einer  Form,  die  frei  von 
irgendwelchen  Spuren  barbarischen  Geschmacks  die  spätantike  Herkunft  der 
Zellenverglasung  klar  beweist.  D 

Behält  man  dieses  Ergebnis  im  Auge,  so  wird  man  an  einer  Reihe  weiterer 
Denkmäler  aus  dem  5.  und  sogar  noch  aus  dem  7.  Jahrhundert,  die  nur  wegen  der 
reichlichen  Verwendung  der  Granateinlagen  als  die  kennzeichnendsten  Zeugnisse 
des  Barbarenstiles  galten,  das  fortdauernde,  unmittelbare  oder  mittelbare  Nach- 
wirken der  oströmischen  Überlieferung  deutlich  erkennen.  D 

Der  SCHATZ  VON  PETROSSA  in  Rumänien  wurde  früher  als  der  Schatz  des 
Gotenkönigs  Athanarich  bezeichnet.  Dafür  ist  eine  haltbare  Begründung  nicht 
beigebracht  worden;  aber  durch  die  Runeninschrift  eines  glatten  goldenen  Arm- 
rings ist  doch  ausreichend  erwiesen,  dag  er  in  germanischem  Besitz  gewesen  ist. 
Der  Schatz  wurde  als  eine  Anhäufung  von  Beutestücken  verschiedener  Art  und 
Zeit  betrachtet,  weil  einzelne  Gefäge  noch  augenscheinlich  dem  spätgriechischen 
Formenkreise  angehören,  während  andere  den  Eindruck  barbarischer  und  orien- 
talischer Kunst  hervorriefen.  Zur  ersten  Gattung  gehören  zwei  schlanke  Kannen 
von  spätantiker  Form,  aus  Gold  getrieben,  mit  schräg  kanneliierter  Wandung, 
und  eine  niedrige  Schale,  auf  deren  Innenseite  in  kräftiger  Treibarbeit  sechzehn 
mythologische  Figuren  dargestellt  sind.  Obwohl  die  Figuren  nur  zum  Teil  mit 
den  herkömmlichen  Abzeichen  der  olympischen  Götter  versehen  sind,  lassen  die 
Haltung  und  die  antike  Tracht  keinen  Zweifel  an  ihrer  griechischen  Abstammung 
aufkommen.  Ein  Werk  der  klassischen  Kunst  ist  die  Schale  nicht  mehr,  wohl  aber 
kann  sie  ein  Erzeugnis  der  durch  zahlreiche  in  Rugland  gefundene  Denkmäler 
beglaubigten  Goldschmiedekunst  der  griechischen  Kolonialstädte  am  Nordufer 
des  Schwarzen  Meers  sein,  einer  Kunst,  die  durch  langwährenden  Verkehr  mit 
Skythen  und  Sarmaten  und  schlieglich  unter  der  Herrschaft  der  Goten  der  klassi- 

197 


O  Abb.  168:  Goldschale  aus  dem  Schatze  von  Petrossa  C 

schenüberlieferung  etwas  entfremdet  war  und  die  auch  persische  Elemente  reich- 
lich in  sich  aufgenommen  hat.  D 

Die  Hauptstücke  der  vermeintlichbarbarisch-orientahschenRichtung  im  Schatz 
von  Petrossa  sind  zwei  tiefe  Trinkschalen,  eine  achtseitig,  die  andere  zwölfseitig, 
deren  Wandung  durchsichtig  in  Gold  gefagte  Plättchen  von  Almandin,  Kristall 
oder  farbigem  Glas  bildeten,  die  in  jeder  der  viereckigen  Wandflächen  zu  einer 
acht-  oder  zwölfblättrigen  Rosette  in  der  Art  römischer  Gitter  zusammengestellt 
sind.  Das  gradlinige  Geripp  aus  starken  Goldstäben,  das  die  Rosettenfelder  um- 
rahmt und  Rand,  Kanten  und  Fug  der  Schalen  bildet,  ist  wie  die  Oberfläche  der 
wagrecht  abstehenden  flachen  Henkel  mit  Granaten  und  grünen  Steinen  in  Zel- 
lenfassung bedeckt.  Als  Griffe  dienen  je  zwei  goldene,  mit  runden  Steinen  ge- 
fleckte Panter,  die  schräg  vom  unteren  Teil  der  Schale  zu  den  Enden  der  wag- 
rechten Henkel  ansteigen  [Abb.  168 1.  ü 

DieTechnikdieserSchalen  istwiederholt,  zuletztvonE.Molinier,  als  einBeweis 
für  die  orientalische  Herkunft  der  Zellenverglasung  angeführt  worden,  weil  sie  in 
der  Khosroesschale  des  Pariser  Medaillenkabinets  wiederkehrt.  Es  ist  in  der  Tat 
wahrscheinlich,  dag  Byzanz  den  Gebrauch  des  Zellenmosaiks  von  Persien  über- 
nommen hatte;  denn  dort  stand  es  nach  Ausweis  der  goldenen  Armbänder  des  sog. 
Oxusschatzes  |  Britisches  und  South  Kensington  Museum]  schon  im  4.  Jahrhundert 
vor  Christus  in  Übung.  Aber  für  die  Barbaren  der  Völkerwanderung  gab  nicht  mehr 
Persien,  sondern  Ostrom  die  Vorbilder.  Die  in  Rugland  und  Sibirien  vielfach  ge- 
fundenen, teils  griechischen,  teils  barbarischenGoldsachen  mit  Almandinverzierung 
deuten  auch  nicht  notwendig  auf  eine  orientalische  Quelle.  Sie  beweisen  nicht 
mehr,  als  dag  die  Erzeugnisse  der  griechischen  GnldschmiedekunstTauriens  nicht 


198 


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Abb.  169:  Armband  aus  Puszta  Bakod 


nur  nach  dem  germanisierten  Westen, 
sondern  auch  nach  Osten  und  Norden  ge- 
tragen worden  sind  und  dort  barbarische 
Nachahmer  gefunden  haben.  D 

Der  Stil  der  Trinkschalen  von  Petrossa 
ist  jedenfalls  frei  von  orientalischen  Ein- 
flüssen; ihre  Gefägform  mit  den  flach  am 
oberen  Rand  ansetzenden  wagrechten 
Henkeln  ist  die  echt  antike  Form  desKan- 
tharos,  dieRosettenmuster  bleiben  durch- 
aus im  Rahmen  des  antiken  Ornamentes. 
Auch  für  die  paarweisen  Leopardengriffe 
braucht  man  die  Vorbilder  nicht  in  Per- 
sien zu  suchen ;  solche  symmetrisch  neben 
ein  Gefäg  gestellten  Tiere  waren  der  An-  d" 
tike  schon  längst  geläufig.  Ein  Anhängsel  der  vorerwähnten  antiken  Goldkette  im 
Schatz  von  SzilagySomlyo  zeigt  dasselbe  Motiv,  trotz  des  sehr  kleinen  Magstabes 
in  einer  den  Kantharosgriffen  von  Petrossa  besonders  ähnlichen  Form.  Wenn  man 
die  Adlerform  der  Fibeln  von  Petrossa  als  ein  Zeichen  barbarischer  Erfindung 
betrachtet,  weil  ähnlich  stilisierte  Adlerfibeln  fränkischer  Arbeit  am  Rhein  und  in 
Gallien  gefunden  worden  sind  [im  Mainzer  und  im  Cluny-Museum],  so  steht  dem 
der  echt  byzantinische  Seidenstoff  von  Brixen  entgegen,  der  mit  ganz  gleichartig 
gestalteten  Adlern  ebenso  strenger  Stilisierung  gemustert  ist.  D 

Von  den  ungarischen  Goldfunden  des  S.Jahrhunderts  gehören  zwei  Halsketten 
im  Pester  Nationalmuseum,  aus  einem  Frauengrab  in  PUSZTA  BAKOD,  nach  Form 
und  Ausführung  noch  ganz  dem  griechischen  Stile  an,  obwohl  sie  mit  Anhängseln 
aus  herzförmigen,  dreieckigen  und  halbmondförmigen  Granaten  in  Goldzellen  aus- 
gestattet sind.  Es  weist  namentlich  auf  griechische  Arbeit  hin,  dag  die  eine  der 
beiden  Ketten  aus  feinem  Golddraht  zopfartig  geflochten  ist.  Solche  Goldschnüre 
waren  der  hellenischen  Goldschmiedekunst  am  Schwarzen  Meer  schon  in  vorchrist- 
licher Zeit  eigentümlich;  auch  an  den  Vogelfibeln  von  Petrossa  und  an  der  byzan- 
tinischen Fibel  von  Nagy  Mihaly  im  Wiener  Hofmuseum  sind  sie  noch  vorhanden. 
Sie  finden  sich  ferner,  von  almandinbesetzten  Tierköpfen  herabhängend,  an  einer 
Reihe  von  Schmuckstücken  des  5.  Jahrhunderts,  die  in  einem  zu  APAHIDA  bei 
Klausenburg  in  Siebenbürgen  aufgedeckten  Sarg  mit  rein  antiken  Beigaben,  näm- 
lich zwei  griechischen  Silberkannen,  auf  deren  Seiten  tanzende  Mänaden  und  Sa- 
tyrn getrieben  sind,  und  mit  einer  römischen  Goldfibel  vereinigt  waren.  D 
Zum  Inhalt  des  Grabes  von  Puszta  Bakod  gehört  ein  Paar  goldener  Annbänder, 
deren  Enden  nach  antiker  Art  in  Schlangenköpfe  mit  eingelegten  Almaiuiinen  aus- 
laufen [Abb.  169 1.  Auch  hier  spricht  die  höchst  unbarbarisch  feine  Arbeit  wie  die 
Form  für  byzantinische  Herkunft.  G 
Die  nächste  Entwicklungstufe  veranschaulicht  der  ebenfalls  noch  dem  5.  Jahr- 
hundert angehörige  zweite  Goldschatz  von  SZILAGY  SOMLYO,  der  1889  in  der 
Nähe  der  Fundstelle  des  älteren  Schatzes  aufgedeckt  und  für  das  Ungarische 


199 


Nationalmuseum  in  Pest  geborgen  wurde.  [Er  ist,  wie  die  gesamten  ungarisclien 
Funde,  in  dem  umfassenden  Werke  Joseph  Hampels  'Altertümer  des  frühen 
Mittelalters  in  Ungarn'  veröffentlicht]  Es  ist  ein  Bestand  von  zwanzig  meist  paar- 
weis zusammengehörigen  Fibeln,  drei  goldenen  Schalen  und  einem  Armring.  Die 
Mehrzahl  der  silbernen,  allseitig  mit  Goldblech  überzogenen  Fibeln  ist  augen- 
scheinlich mit  den  Schalen  von  gleicher  Herkunft  und  gleicher  Arbeit,  die  in  mög- 
lichst prunkvoller  und  gleitender  Wirkung  ihr  Ziel  suchte.  Schon  die  Gröge  der 
Fibeln  geht  über  das  gewöhnliche  Mag  weit  hinaus;  zwei  Paare  erreichen  eine 
Länge  von  24  cm.  Sie  haben  die  aus  der  römischen  sogenannten  Armbrustfibel 
entstandene  Form,  welche  für  das  ganze  Zeitalter  die  häufigste  geblieben  ist:  eine 
halbkreisförmige  Scheibe,  an  deren  Unterseite  die  Nadel  beweglich  haftet,  ist 
durch  einen  zur  Aufnahme  der  Gewandfalten  hochgewölbten  Bügel  mit  dem 
langgestreckten  Fugstück  verbunden,  dessen  Unterseite  das  spitze  Nadelende 
aufnimmt  [siehe  nebenstehende  Tafel  nach  Hampel].  □ 

Die  Hauptkosten  der  Verzierung  trägt  auch  hier  der  indische  Almandin,  teils 
in  der  Form  flacher  Täf eichen,  teils  als  rundlich  gemugelter Stein  verarbeitet.  Die 
flachen  Stücke  sind,  mit  grünen  Gläsern  vermischt,  in  dreieckige  und  viereckige 
Zellen  gefaßt  und  als  geschlossene  Reihen  und  Randmuster  geordnet;  die  runden 
Steine  in  frei  aufliegender,  von  einem  Filigrandraht  umzogener  Fassung  in  locke- 
rer, kaum  noch  symmetrischer  Ordnung  über  die  Fläche  verteilt.  In  diesem  Ver- 
zicht auf  regelmäßige  Musterung  verrät  sich  schon  die  Hand  barbarischer  Gold- 
schmiede, die  sich  zwar  die  technischen  Mittel  der  spätgriechischen  Goldarbeit, 
nicht  aber  den  schwerer  zu  erwerbenden  Sinn  für  kunstvolle  Ornamentbildung  zu 
eigen  gemacht  haben.  Das  zeigt  auch  die  Behandlung  des  Filigrans,  welches  die 
Verfertiger  der  Fibeln  in  den  von  der  Antike  überlieferten  Formen  des  gefloch- 
tenen und  des  gebogenen  Drahtes  und  der  aufgelöteten  Goldkügelchen  reichlich 
verwerteten.  Statt  diese  Elemente,  wie  es  noch  am  Zierrahmen  der  Gratianus- 
münze  im  älteren  Schatz  von  Szilagy  Somlyo  geschah,  zu  regelmäßigen  Mustern 
zusammenzufügen,  sind  hier  auf  den  Fibeln  vereinzelte  Spiralen  und  abgeschnit- 
tene Stückchen  von  solchen  ungeordnet  und  ohne  Zusammenhang  zwischen  die 
Steine  verstreut.  Diese  Auflösung  ursprünglich  zusammenhängender  Zierformen, 
ihre  Zerstücklung  im  buchstäblichen  Sinne  des  Wortes,  ist  höchst  bezeichnend 
für  die  erste  Stufe  der  Barbarisierung,  eine  Erscheinung,  die  als  Kennzeichen  bar- 
barischer Arbeit  auch  an  zahlreichen  fränkischen  Schmuckstücken,  namentlich  an 
filigrangeschmückten  Scheibenfibeln,  sich  verfolgen  läßt  [vgl.  Abb.  175]. 

Der  Fund  von  Szilagy  Somlyo  gibt  noch  weitere  Zeugnisse  nicht  nur  für  die 
ersten  Regungen  eines  von  der  Antike  sich  —  zunächst  wegen  des  geringeren 
Kunstvermögens  —  entfernenden  Geschmacks,  sondern  auch  für  die  Einwirkung 
barbarischer  Sitte  auf  die  Formen  der  Geräte.  Die  drei  goldenen  Schalen  haben 
die  Form  von  Kugelabschnitten  ohne  jegliche  Andeutung  eines  Fußes  oder  einer 
Standfläche.  Über  den  Rand  sind  nach  außen  und  innen  reichend  je  sechs  Zier- 
beschläge mit  Granaten  und  Filigrankügelchen  angebracht,  und  ein  ähnliches 
rosettenförmiges  Schmuckstück  innen  in  der  Mitte  jeder  Schale.  Ist  schon  die  un- 
gegliederte, kunstlose  Schalenform  ohne  Vorbild  in  der  spätantiken  Goldschmiede- 

200 


'■ik 


ZWEI  FIBELN  AUS  SZILAGY 
SOMLYO,  5.  JAHRHUNDERT 


kunst,  so  entfernen  sich  vollends  die  zweckwidrigen  Beschläge  über  der  Schalen- 
lippe weit  von  jeder  antiken  Überlieferung.  Statt  eines  Griffes  haben  die  Schalen 
einen  kleinen,  in  einer  aufgenieteten  Öse  beweglichen  Ring,  der  nur  durch  die  Ge- 
bräuche eines  wandernden  Volkes  zu  erklären  ist,  das  nach  Skythenart  die  Trink- 
schalen an  den  Gürtel  gehängt  mit  sich  führte.  □ 

Der  jüngere  Schatz  vonSzilagySomlyo  veranschaulicht  somit  unter  den  großen 
Denkmälergruppen  des  ").  Jahrhunderts  zuerst  das  Schwinden  der  spätgriechischen 
Überlieferung  und  ihren  Ersatz  durch  barbarische  Formen,  die  auf  dieser  frühen 
Entwicklungstufe  noch  nicht  durch  eine  neue  Ornamentik,  sondern  nur  durch  den 
Mangel  an  künstlerischer  Schulung  sich  kennzeichnen.  D 

Im  Gebiete  der  Germanenstaaten  des  Westens  ragen  aus  der  ungezählten  Menge 
der  kleineren  Grabfunde  einige  sicher  datierte  Schätze  aus  fürstlichem  Besitz  her- 
vor. Ihre  Reihe  eröffnet  der  Inhalt  des  Grabes,  in  dem  CHILDERICH,  der  König 
der  Franken,  zu  TOURNAI  im  Jahr  481  beigesetzt  worden  war.  Schon  1653  ge- 
funden, ging  der  Schatz  in  den  Besitz  des  Statthalters  der  Niederlande,  Erzherzog 
Leopold  Wilhelm  und  später  an  Kaiser  Leopold  I.  über.  Als  ein  Geschenk  des 
Kaisers  für  Ludwig  XIV.  gelangte  er  nach  Paris;  dort  verschwand  ein  groger  Teil 
durch  Diebstahl  im  Jahr  1831,  darunter  auch  der  Siegelring  mit  der  Aufschrift 
'Childerici  Regis',  der  die  Bestimmung  des  Grabes  ermöglicht  hatte,  so  dag  heute 
die  Nationalbibliothek  in  Paris  nur  noch  den  Griff  des  königlichen  Schwertes  und 
die  Beschlagstücke  der  Scheide,  eine  Gürtelschnalle  und  einige  kleine  Schmuck- 
sachen bewahrt.  Alle  diese  goldenen  Teile  sind  ausschließlich  mit  eingelegten 
oder  in  Zellen  gefaßten  Almandinen  verziert.  Die  Zellenarbeit  ist  von  einer  so 
erstaunlichen  Feinheit  der  Arbeit,  daß  sie  einen  nichts  weniger  als  barbarischen 
Eindruck  macht.  Das  Zellenmosaik  gibt  nur  geometrische  Muster  aus  vier- 
eckigen, dreieckigen,  runden  und  vierpaßförmigen  Edelsteintäfelchen.  Die  feinen 
Goldzellen,  welche  dieSteine  festhalten  und  trennen,  sind  abernichtgradlinigoder 
in  glatten  Kurven  gebogen,  wie  es  die  geometrischen  Muster  wohl  zugelassen  hätten, 
sondern  sie  sind  durchgängig  leicht  gewellt,  auch  stufenförmig  geknickt  und  die 
Almandinplättchen  sind  mit  unendlicher  Mühe  trotz  des  kleinen  Maßstabes  an  den 
Rändern  so  ausgeschnitten  und  geschliffen,  daß  sie  den  schwierigen  Zellenlinien 
aufs  Haar  genau  folgen  und  sich  anpassen.  In  den  schmalen  Goldsaum,  der  an  den 
Scheidenbeschlägen  das  Zellenmosaik  umrahmt,  sind  kleine  halbkugelförmige  Gra- 
naten in  ziemlich  dichterReihe  eingelegt.  In  gleicher  Artschmückengrößere Halb- 
kugeln den  Rand  der  Gürtelschnalle.  D 

Bei  einem  verlorenen  Schmuckstück  in  Gestalt  eines  Ochsenkopfes,  das  nur 
durch  eine  Abbildung  in  der  ersten  Veröffentlichung  des  Childerichgrabes  von 
Chifflet  bekannt  ist,  bildeten  die  gekrümmten  Hörner  zwei  lange  schmale,  zuge- 
spitzte Granaten  in  Goldfassung,  offenbar  von  gleicher  ArbeitwiedieAugenbrauen 
der  Schlangenköpfe  an  den  Armbändern  von  Puszta  Bakod  [vgl,  Abb.  169].  In 
beiden  Fällen  hat  der  Schliff  der  Granaten  in  Halbkreisform  mit  feiner  Spitze  eine 
außerordentlich  hohe  E]ntwicklungstufe  der  Edelsteinbearbeitung  zur  notwendigen 
Voraussetzung.  Eine  derartige,  mit  technischen  Schwierigkeiten  spielende  Aus- 
führung drängt  die  Frage  auf,  ob  der  Verfertiger  des  Childerichschwertes  und  der 

202 


zugehörigen  Schmucksachen  unter  den  frän- 
kischen Goldschmieden  des  5.  Jahrhunderts 
zu  suchen  ist,  oder  ob  nicht  vielmehr  die  An- 
schauung Labartes  und  Riegls,  daf^  es  sich 
um  oströmische  Erzeugnisse  handelt,  hier 
volle  Geltung  hat.  □ 

Man  darf  es  als  feststehend  betrachten, 
dag  die  Metallarbeiten  des  frühen  Mittel- 
alters, namentlich  die  in  grof^en  Mengen  vor- 
kommenden volkstümlichen  Stücke  aus  un- 
edlem Metall  mit  und  ohne  Zellenglas,  in  der 
Regel  von  dem  Volke  und  in  demLande  her- 
gestellt wurden,  wo  sie  gefunden  sind.     D 

Das  ergibt  sich  mit  ziemlicher  Sicherheit 
aus  den  allerdings  nicht  häufigen  Künstler- 
namen-Beispiele dieingeldusfibel  in  Mainz, 
der  Gundpaldkelch  in  Ödenburg,  das  Reli- 
quiar  der  Burgunder  Undiho  und  Ello  in  a  Abb.  no-.  coidschnaiie  aus  Apahida  d 
S.  Maurice  — ,  dann  aus  der  durch  Schriftquellen  beglaubigten  Goldschmiedstätig- 
keit des  heiligen  Eligius  von  Noyon,  aus  den  inFönlak  in  Ungarn  gefundenen  Gold- 
schmiedemodellen aus  Bronze  zur  Herstellung  von  Schnallen  und  Beschlägen, 
ferner  aus  den  Namen  von  Stiftern  und  Besitzern,  wie  solche  an  den  Votivkronen 
der  westgotischen  Könige  aus  Guarrazar,  am  Tassilokelch,  an  der  Uffilafibel  aus 
Wittislingen  angebracht  sind.  Auch  einige  nationale  Eigentümlichkeiten  der  Orna- 
mentik lassen  sich  in  diesem  Sinne  deuten;  so  das  häufigere  und  länger  andauern- 
de Vorkommen  griechischer  Elemente  in  Südrußland  und  in  dem  an  Ostrom  gren- 
zenden Ungarn  oder  das  stärkere  Vorwiegen  der  Tierbildungen  im  Norden,  die 
Darstellung  des  Renntiers  an  russischen  Fundstücken.  Mit  dem  Argument  der 
nationalen  Eigenart  begibt  man  sich  allerdings  auf  ziemlich  schwankenden  Boden; 
denn  man  kann  sich  nicht  verhehlen,  daf^  den  national  begrenzten  Formen  andere 
Ornamente  gegenüberstehen,  die  vollkommen  gleichartig  in  Spanien  und  an  der 
Donau,  in  Skandinavien  und  am  Rhein,  in  Frankreich  und  Ungarn  auftreten.        D 

Das  letztere  ist  auch  bei  den  Goldsachen  aus  dem  Besitz  König  Childerichs  der 
Fall  und  es  erheben  sich  besonders  schwere  Bedenken  gegen  die  örtliche,  dasheilU 
fränkische  Entstehung  grade  bei  diesen  geschichtlich  so  gut  beglaubigten  Arbeiten. 
In  dem  zu  Apahida  in  Siebenbürgen  gehobenen  Sarg,  der  die  bereits  genannten 
griechischen  Silberkannen  und  Schmuckstücke  barg,  befanden  sich  auch  eine  mit 
durchbrochenem  Rankenwerk  gezierte,  anerkannt  spätantike  Goldfibel  und  eine 
Gürtelschnalle,  die  durch  ihre  Form,  durch  die  gewellte  und  gestufte  Behandlung 
der  Zellenwände  und  durch  die  Art,  wie  die  Granaten  aueii  in  die  Dickseiten  der 
Schnalle  eingelegt  und  aufdem  oberenRand  in  einerReiliekleinei-llalbkugeln  auf- 
gesetzt sind,  die  allerengste  Verwandtschaft  mit  der  Gürtelschnalle  Chililerichs 
aufweist  I  Abb.  I70|.  Diese  Gleichartigkeit  schliel^t  jeden  Zweifel  daran  aus,  dal-> 
die  Schnalle  und  die  Schwertbeschläge  Childerichs  derselben  Herkunft  sind,  wie 


2Ü3 


die  mit  griechischen  Goldschmiedewerken  zusammen  vergrabene  Schnalle  von 
Apahida.  □ 

Fränkische  Arbeiten  sind  in  dem  siebenbürgischen  Grab  des  5.  Jahrhunderts 
nicht  denkbar;  damit  fällt  die  Möglichkeit  der  heimischen  Entstehung  des  Childe- 
richschatzes  zusammen.  Die  gemeinsame  Quelle  ist  anderwärts  zu  suchen.  Auch 
das  Grab  von  Tournai  enthielt  ein  unbestritten  spätantikes  Stück,  das  später  mit- 
samt den  byzantinischen  Goldmünzen  verschwunden  und  nur  durch  Chifflets  Ab- 
bildung überliefert  ist.  Es  war  eine  durchbrochen  gearbeitete  Fibel  von  eben  der- 
selben Gattung,  wie  sie  in  Apahida  noch  erhalten  ist.  Diese  Beigaben  und  der 
griechische  Stil  der  übrigen  Schmuckstücke  von  Apahida  weisen  ebenso  wie  die 
außergewöhnlich  feine  Arbeit  des  Childerichschatzes  auf  das  Land,  wo  die  Kunst 
des  Altertums  ohne  Unterbrechung  fortgeführt  und  den  Wandlungen  des  Zeit- 
geschmacks gemäß  umgebildet  wurde,  auf  BYZANZ,  an  dessen  Hof  der  Franke 
Childerich  selbst  geweilt  hat.  D 

DerSchatz  vonPetrianez  hat  uns  gezeigt,  dag  spätestens  im  4.  Jahrhundert  die 
antike  Goldschmiedekunst  die  Edelsteineinlagen  in  Goldgrund  anwendete.  Es  gibt 
ferner  eine  Reihe  nachweislich  byzantinischer  Kunstwerke,  —  es  genügt,  das 
zwischen  565  und  575  gefertigte Kreuzreliquiar  der  heiligenRadegunde  inPoitiers, 
einen  Bucheinband  des  Y.Jahrhunderts  in  der  Markusbibliothek  und  das  zwischen 
948  und  959  entstandene  Kreuzreliquiar  der  Kaiser  Konstantin  VII.  und  Romanos 
in  Limburg  zu  nennen  — ,  die  Zeugnis  dafür  ablegen,  dag  Byzanz  vom  6.  bis  zum 
10.  Jahrhundert  gewohntermagen  und  fortlaufend  die  Zellenverglasung  mit  geo- 
metrischer Musterung  neben  dem  Zellenschmelz  gepflegt  hat.  In  die  Lücke  des 

5.  Jahrhunderts  fügen  sich  die  stilistisch  und  technisch  völlig  gleichartigen  Grab- 
funde von  Puszta  Bakod,  Apahida  und  Tournai  ein.  D 

Da  die  an  sich  höchst  unwahrscheinliche  Annahme,  dag  die  oströmische  Kunst 
die  Zellenverglasung  barbarischen  Arbeiten  nachgeahmt  habe,  durch  den  Schatz 
vonPetrianez  ganz  unhaltbar  gemacht  wird,  so  ist  es  klar,  das  dieGermanen  dieses 
Zierverfahren  von  der  spätgriechischen  Kunst,  sei  es  im  gräcisierten  Südrugland, 
sei  es  unmittelbar  in  Byzanz,  gelernt  haben.  Dem  byzantinischen  Levantehandel 
konnte  die  massenhafte  Beschaffung  des  indischen  Almandins  nicht  schwer  fallen; 
es  ist  aber  nicht  zu  ersehen,  wie  die  Germanen  in  Gallien.  Spanien,  England  ohne 
diesen  Vermittler  sich  in  denBesitz  der  vielbegehrten  Steine  hätten  setzen  können. 

Dag  die  Germanen  mit  so  einseitiger  Vorliebe  am  Zellenmosaik  festhielten, 
ist  begreiflich:  Nicht  nur,  weil  die  feurige  und  gleigende  Verbindung  des  Goldes 
mit  dem  roten  Stein  ihrem  Geschmack  entsprechen  mochte,  sondern  vor  allem, 
weil  ihr  ungeschultes  Können  für  die  Nachahmung  der  immer  wiederholten  geo- 
metrischen Muster  ausreichte  —  bei  einem  Verzicht  allerdings  auf  die  ungewöhn- 
lichen Künsteleien  des  Edelsteinschliffs,  wie  sie  dieFunde  von  Tournai  undPuszta 
Bakod  aufweisen  — ,  während  ihre  künstlerischen  Kräfte  der  Ausführung  figür- 
licher Darstellungen  noch  nicht  gewachsen  waren.  D 

Die  Spuren  des  byzantini.schen  Ursprungs  der  Zellenverglasung  sind  auch  im 

6.  und  T.Jahrhundert  noch  an  solchen  Denkmälern  zu  erkennen,  die  wir  mit  gutem 
Grund  als  die  Arbeiten  germanischer  Goldschmiede  betrachten  dürfen.  n 

204 


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□  Abb.  171:  Buchdeckel  in  Monza  D 

Ein  in  POUAN  in  der  Champagne  1842  entdecktes  Grab,  das  für  dasjenige  des 
in  der  Attilaschlacht  451  gefallenen  Westgotenkönigs  Theoderich  gehalten  wor- 
den ist,  enthielt  neben  goldenen  Arm-  und  Halsbändern,  Fibeln  und  sonstigem 
Schmuck  die  Griffe  eines  Schwertes  und  eines  Dolches,  die  in  der  Form  und  Gra- 
natverzierung dem  Childerichschwert  im  wesentlichen  gleichen,  aber  in  der  tech- 
nischen Ausführung  nicht  entfernt  an  die  byzantinischen  Arbeiten  von  Tournai 
heranreichen.  Auf  ehemals  burgundischem  Boden  in  GOURDON  sind  zusammen 
mit  byzantinischen  bis  zu  Kaiser  Justin  [gest.  527 1  reichenden  Münzen  eine  recht- 
eckige Schale  und  ein  doppeltgehenkelter  Kelch  aus  Gold  mit  Zellenmosaik  zu- 
tage gefördert  worden,  gegenwärtig  in  der  Pariser  Nationalbibliothek.  Ein  in  der 
Mitte  der  Schale  aus  Granaten  aufgelegtes  Kreuz  deutet  auf  kirchliche  Bestim- 
mung. Die  granatgefüllten  Zellen  auf  dem  Schalenrand  wiederholen  getreu  das 
aus  gewellten  Rauten  und  Dreiecken  zwischen  zwei  Reihen  kleiner  Kreise  gebil- 
dete Muster  eines  Scheidenbeschlags  aus  dem  Grab  von  Tournai;  auch  das  den 
Kelch  umziehende  Ornament,  eine  Ranke  mit  Efeublättern  ist  spätantiker  Ab- 
stammung. Es  ist  wiederum  die  derbe,  unbeholfene  Ausführung,  die  auf  burgun- 
dische  Arbeit  nach  byzantinischem  Vorbild  schlieljen  lätjt,  um  so  unbedenklicher, 
als  die  burgundischen  Gräber  von  Charnay  und  S.Savine  kleinere  Schmucksachen 
sehr  ähnlicher  Beschaffenheit  in  groP^er  Zahl  überliefert  haben.  D 

In  ITALIEN  ist  das  hervorragendste,  aber  nicht  das  älteste  Denkmal  der  Gold- 
schmiedekunst mit  Zellenmosaik  das  Diptychon,  welches  die  Königin  der  Longo- 
barden  Theodelinda  der  von  ihr  595  gegründeten  Kirche  von  Monza  geschenkt  hat 
[Abb.  171J.  Es  besteht  aus  zwei  vollkommen  gleichartigen  Tafeln,  die  wohl  als 

205 


Deckel  eines  Evangelienbuchs  gedient  haben,  obwohl  keine  Spuren  solchen  Ge- 
brauchs vorhanden  sind.  Aufdem  Goldblech  der  Oberfläche  liegt,  vonRand  zuRand 
reichend,  ein  flaches  Kreuz,  mit  Edelsteinen  in  schlichter  Fassung  regelmäßig  be- 
setzt und  von  rechteckigen  Granatzellen  eingefaßt.  Auf  dem  breiten  Rand  bildet 
das  fein  gearbeitete  Zellenmosaik  einDoppelmuster:  innenStreifen  ausDreiecken, 
außen  sich  berührende  Kreise,  die  von  Viertelkreisen  geschnitten,  in  der  Mitte 
kleine  Vierecke  enthalten.  Die  mit  vier  großen  antiken  Kameen  geschmückten 
Felder  schneiden  glatte  Goldstreifen  mit  der  Widmungsinschrift:  DE  DONIS  DEI 
OFFERIT  THEODELENDA  REGINA  GLORIOSSISSEMA  SANCTO  JOHANNI 
BAPTISTAE  IN  BASELICA  QUAM  IPSA  FUNDAVIT  IN  MODICIA  PROPE 
PALATIUM  SUUM.  D 

Die  Inschrift  ergibt,  daß  das  Werk  vor  625,  dem  Todesjahr  der  Königin,  ge- 
schaffen worden  ist;  sie  besagt  aber  nicht  deutlich,  daß  es  für  Theodelinda  ge- 
schehen, und  sie  bringt  daher  keine  Aufklärung  über  die  nächste  Frage,  ob  longo- 
bardische  oder  römische  Meister  die  Verfertiger  waren.  Der  Umstand,  daß  die 
schmucklosen  Schriftbänder  augenscheinlich  im  ursprünglichen  Entwurf  nicht  vor- 
gesehen waren,  sondern  dem  fertigen  Werk  zugefügt  sind,  legt  neben  der  genauen 
Symmetrie  und  maßvollen  Verteilung  derEdelsteine  die  Vermutung  römischenUr- 
sprungs  nahe,  zumal  Papst  Gregor  der  Große  603  dem  longobardischen  Königs- 
haus ein  Evangeliar  geschenkt  hatte.  Das  Krtisornament  des  Randes,  das  als  aus- 
gesprochen germanisch  betrachtet  worden  ist,  weil  es  an  der  Votivkrone  des 
Westgoten  Reccesvinth  und  an  einigen  Schmuckstücken  fränkischer  Herkunft 
wiederkehrt,  ist  zweifellos  spätrömischer  Abstammung.  Schon  zweihundert  Jahre 
früher  ist  es  an  einem  römischen  Denkmal,  der  geschnitzten  Kirchentür  von  S.  Sa- 
bina  auf  dem  Aventin  zu  finden  und  außerdem  in  Keilschnitt  auf  einer  römischen 
Bronzeschnalle  des  Pester  Museums.  Die  Möglichkeit  longobardischer  Arbeit  wird 
dadurch  nicht  ausgeschlossen;  denn  die  im  Museum  der  Diocletiansthermen  zu  Rom 
vereinigten  Fundstücke  aus  den  germanischen  Friedhöfen  von  NOCERA  UMBRA 
und  CASTEL  TROSINO,  darunter  namentlich  die  zahlreichen  Scheibenfibeln  mit 
Filigran  I  Abb.  172J,  zeigen  sehr  deutlich,  daß  die  ostgotischen  undlongobardischen 
Metallarbeiter  in  Italien  die  römischen  Formen  und  Ornamente  mit  größeremVer- 
ständnis  verarbeitet,  sie  weniger  entstellt  und  verändert  haben,  als  die  Germanen 
diesseits  der  Alpen,  die  in  keiner  so  unmittelbarenBerührung  mit  dem  eingesessenen 
Kunstgewerbe  Italiens  standen.  Ein  anderes  Denkmal  der  Kunstpflege  amLongo- 
bardenhofe,  die  Votivkrone  König  Agilulfs,  des  zweiten  Gemahls  derTheodelinda, 
ist  leider  zur  Zeit  Napoleons  nach  Paris  verschleppt  und  dort  1804  gestohlen  und 
vernichtet  worden.  Auf  dem  breiten,  edelsteinbesetzten  Goldreif  waren  Christus 
und  die  Apostel  zwischen  Säulchen  dargestellt,  ein  seltenes  Beispiel  figürlicher 
Arbeit  in  der  Goldschmiedekunst  dieses  Zeitalters.  Erhalten  ist  in  Monza  das  zur 
Krone  Agilulfs  gehörige  Kreuz  und  eine  Votivkrone  Theodelindas,  beide  mit  runden 
Edelsteinen  in  glatter  Fassung  ohne  weitere  Verzierung  besetzt.  D 

Ein  Jahrhundert  älter  sind  zwei  große,  rahmenartige  Goldverzierungen  von 
einerRüstung  in  derBibliothek  von  RAVENNA,  die  in  nächster  Nähe  des  Grabmals 
Theoderichs  des  Großen  Igest.  526 1  entdeckt  wurden.  Die  ganze  Oberfläche  der 

206 


breiten  Rahmen  ist  in  ein  feines  Netz  gra- 
natgefüllter Zellen  von  geometrischer 
Musterung  aufgelöst.  Dag  diese  Stücke 
einst  Odoaker  oder  Theoderich  selbst  ge- 
hört hatten,  ist  bloge  Vermutung.  Die  Tat- 
sache aber,  dag  hier  das  am  Hauptgesims 
des  Theoderichgrabmals  angebrachte  so- 
genannte 'Zangenornament'  wiederkehrt, 
eine  mißverstandene  Entartung  eines  Ky- 
ma,  beweist  doch,  dag  eine  ravennatische 
Arbeit  aus  der  Zeit  des  großen  Gotenfürsten 
vorliegt,  die  dem  Können  der  ostgotischen 
Künstler  ein  günstiges  Zeugnis  ausstellt. 

Es  ist  sehr  bemerkenswert,  dag  der 
starke  Einschlag  römisch -byzantinischer  ■="  ^bb.  172:  scheibenfibei  aus  castei  xrosino  d 
Formen,  der  die  Goldsachen  aus  longobardischem  Besitz  noch  im  7.  Jahrhundert 
kennzeichnet,  nicht  auf  Italien  beschränkt  blieb,  sondern  ganz  ebenso  an  den  Wer- 
ken der  WESTGOTEN  Spaniens  zutage  tritt.  D 

Der  in  FUENTE  DE  GUARRAZAR  bei  Toledo  im  Jahr  1858  entdeckte  Gold- 
schatz lieferte  dem  Clunymuseum  in  Paris  nicht  weniger  als  neun,  zum  Teil  noch 
mit  den  Hängekreuzen  versehene  Votivkronen,  und  der  bald  danach  gehobene 
Rest  des  Schatzes  ergab  auger  einigen  Bruchstücken  noch  drei  Kronen,  welche 
die  Armeria  Real  vonMadrid  bewahrt.  SolcheKronen  dienten  nicht  zum  Gebrauch 
der  Fürsten,  sondern  sie  waren  eine  dem  frühen  Mittelalter  eigentümliche  Form 
kostbarer  Schenkungen  an  die  Kirche,  von  vornherein  dazu  bestimmt,  über  den 
Altären  aufgehängt  zu  werden.  Ein  muslimischer  Schriftsteller  El  Khosrau  sah 
noch  im  12.  Jahrhundert  in  der  Kathedrale  von  Toledo  25  edelsteinbesetzte  Gold- 
kronen mit  den  Namen  der  Könige,  die  einst  in  Spanien  geherrscht  hatten.  D 

Die  beiden  reichsten  und  grögten  Kronen  vonGuarrazar  sind  königliche  Gaben 
und  ihre  Widmung  sichert  die  Datierung  des  Schatzes  auf  das  7.  Jahrhundert;  eine 
in  Madrid  trägt  die  Inschrift:  SVINTHILANUS  REX  OFFERET,  die  andere  in  Paris: 
RECCESVINTHUS  REX  OFFERET.  Svinthila  regierte  über  das  westgotische 
Spanienvon621  bis631,  Reccesvinth  von649bis672.  Die  Art  der  Anbringung  dieser 
Widmungen  bürgt  auch  dafür,  dag  die  Kronen  im  Lande  selbst,  wahrscheinlich  also 
in  der  Residenz  Toledo,  geschaffen  worden  sind.  Die  Buchstaben  bilden  einen  für 
die  prachtvolle  Wirkung  des  Ganzen  sehrwesentlichen  Teil;  mit  rotem  undgrünem 
Zellenmosaik  bedeckt  und  mit  grogen  Edelsteinen  behängt,  sind  sie  beweglich 
an  den  unteren  Rand  des  breiten  Kronreifens  gekettet.  Der  letztere  ist  bei  bei- 
den königlichen  Kronen  gleichartig  gearbeitet  aus  zwei  übereinander  liegenden 
Goldplatten,  deren  äugere  mit  Steinen  in  glatter  Fassung  besetzt  und  dazwischen 
in  regelmägigem  Muster  mit  Löchern  für  flache  Granaten  undGlasplättchen  durcli- 
brochen  ist.  Das  ist  also  die  bis  zu  den  Fibeln  von  Petrossa  und  den  römischen 
Münzen  von  Petrianez  zurückgehende  Technik  der  Granateinlage.  Und  nicht  nur 
die  Technik,  sogar  das  Ornament  der  Svinthilakrone  erinnert  nocii  an  diesen  rlio- 

207 


Abb.  173:  Votivkrone  des  Königs  Kecces 
[—1        vinth  im  Clunymuseum,  Paris 

208 


D  maischen  Ursprung  des  4.  Jahrhunderts:  die 
roten  Plättchen  sind  hier  zu  achtblättrigen 
Rosetten  geordnet,  die  durchaus  den  Rosetten- 
füllungen des  zwölfseitigen  Kantharos  von  Pe- 
trossa  gleichen.  Auf  der  Krone  Reccesvinths 
[Abb.  173]  sind  die  eingelegten  Granaten  zu  an- 
tiken Lorbeerzweigen  zusammengestellt;  die 
Ränder  des  Reifens  dagegen  umzieht  oben  und 
unten  in  Zellenglas  dasKreisornamentvomDip- 
tychon  der  Theodelinda.  Aus  dem  antiken  Orna- 
ment stammenferner  die  Glieder  derKetten,  die 
vom  oberen  Rand  des  Kronreifens  zu  dem  Kri- 
stallknauf emporlaufen,  durchbrochene  Herz- 
blätter, die  eine  Palmette  einschließen.  D 
Die  übrigen  Kronen,  deren  eine  von  einem 
Abt  Theodosius  gestiftet  ist,  sind  wesentlich  ein- 
facher, obwohl  auch  ihnen  der  kostbare  Schmuck 
der  großen  tropfenförmig  herabhängenden 
Steine  nicht  fehlt.  Fünf  von  ihnen  bestehen  aus 
offenem  Gitterwerk,  zusammengesetzt  aus  gol- 
denen Oliven  und  runden  Steinen  auf  denKreu- 
zungspunkten.  Wichtiger  für  die  Erkenntnis 
des  im  westgotischen  Kunstgewerbe  herrschen- 
den Stiles  und  seiner  Quelle  ist  eine  unter  den 
Kronen  des  Clunymuseums,  deren  Reif  mit  einer 
rings  umlaufenden  durchbrochenen  Rundbogen- 
gaierie  verziert  ist.  Dag  dieses  antike  Motiv  von 
Byzanz  her  übernommen  ist,  ergibt  sich  aus  dem 
Ornament  einer  weiteren  Krone,  die  ganz  mit 
Hilfe  der  den  Germanen  sonst  wenig  geläufigen 
Treibarbeit  verziert  ist.  Den  oberen  und  unte- 
ren Rand  dieser  Krone  begleitet  in  regelmäßi- 
gen Wellen  eine  Ranke,  die  in  jede  Biegung  ein 
halbherzförmiges  Blatt  entsendet,  also  die  von 
der  Antike  geschaffene,  späterhin  von  der  ro- 
manischen wie  von  der  sarazenischen  Kunst 
weitergebildete  Wellenranke  in  zwar  einfacher, 
aber  keineswegs  barbarisierter  Gestalt.  D 
Eine  so  starke  Aufnahme  und  treue  Wieder- 
gabe byzantinischer  Elemente  ist  bei  den  Goten 
in  ihrer  Geschichte  begründet:  Frühzeitig  chri- 
stianisiert, hatten  sie  von  allen  Germanenstäm- 
men in  der  engsten  Berührung  mit  Ostrom  ge- 

n   standen  und  sich  willig,  aber  zum  Schaden  ihrer 


Abb.  174:  Reliquiar  in  S.  Maurice 

politischen  Widerstandskraft,  der  Romanisierung  unterworfen  mit  dem  Erfolg, 
dag  Jemandes  ihre  Bildung  der  griechischen  fast  gleichstellte,  'Graecis  paene 
consimiles'.  D 

DIE  GERMANISCHE  RICHTUNG  □ 

Die  kunstgewerblichen  Arbeiten  derjenigen  Völkerschaften,  die  weniger  der 
Versuchung  ausgesetzt  waren,  ihr  Volkstum  zugunsten  einer  höheren  Gesittung 
preiszugeben,  bieten  in  stilistischer  Hinsicht  doch  ein  wesentlich  verschiedenes 
Bild.  Der  Unterschied  kommt  namentlich  in  dem  Überwiegen  der  volkstümlichen 
Metallarbeiten  unter  den  Grabfunden  diesseits  der  Alpen  zum  Ausdruck.  Aber 
auch  in  den  kostbaren  Geräten  mit  Zellenmosaik  ist  der  barbarische  Charakter 
stärker  ausgeprägt.  D 

Von  burgundischer  Arbeit  besitzt  das  uralte  Kloster  SAINT  MAURICE  im 
Kanton  Wallis  neben  der  mit  Granaten  bedeckten  Goldfassung  einer  antiken  Sar- 
donyxvase  ein  durch  die  Meisterbezeichnung  wichtigesDenkmal  [Abb.  174].  Es  ist 
ein  rechteckiges  Reliquienkästchen  mit  Satteldach,  vorn  und  an  den  Schmalseiten 
ganz  mit  roter,  grüner  und  blauer  Zellenverglasung  auf  Gold  bedeckt;  aus  diesem 
Grunde  heben  sich  runde  Steine  und  antike  Kameen  in  glatter  Fassung  ab,  unter 
sich  durch  eingelegte  Perlreihen  verbunden.  Die  Zellen  sind  ganz  unregelmäfüg 
gestaltet  und  man  kann  nur  mit  Mühe  erkeimen,  daji  sie  mit  der  Absicht  einer 
Musterbildung  geordnet  sind.  Die  Rückseite  ist  viel  einfacher  behandelt:  Auf  dem 
Dach  bilden  in  seltsamen  Biegungen  aufgelötete  Drähte  ein  verschlungenes  Linien- 
muster ganz  unantiken  Charakters;  die  senkrechte  Wandflächo  enthält  in  die  Rauten 
eines  Netzmusters  verteilt  die  Inschrift,  welche  uns  die  Namen  des  Bestellers  und 

14  •   Geschichte  des  Kunstgewerbes  209 


des  Klosters  S.  Maurice,  der  Stifter  und 
der  Künstler  überliefert:  TEUDERIGUS 
PRESBITER  IN  HONURE  SCI  MAURICII 
FIERI  lUSSIT  AMEN.  NORDOALAUS  ET 
RIHLINDIS  ORDENARUNT  FABRICARE. 
UNDIHO  ET  ELLO  FICERUNT.  Die  Zellen 
des  wulstförmigen  Kammes  oder  Firstes 
auf  dem  Satteldach  sind,  da  auf  der  ge- 
bogenen Fläche  die  Glasplättchen  nicht 
dauerhaft  zu  befestigen  waren,  mit  wei- 
l^em,  grünem  und  blauem  Email  ausge- 
schmolzen, ein  Zeichen,  dag  das  Reliquiar 
dem  Ende  der  Merowingerzeit,  wahr- 
scheinlich erst  der  zweiten  Hälfte  des 
D  Abb.  175:  Scheibenfibel  aus  wittisiingen  D  8.  Jahrhunderts,  angehört.  Was  dieses 
Werk  von  den  byzantinischen  Arbeiten  derselben  Technik  aus  dem  Grab  Chil- 
derichs  und  von  den  byzantinisierenden  Denkmälern  der  Longobarden  und  Goten 
unterscheidet,  das  ist  ebensowohl  die  weitaus  rohere,  unbeholfenere  Behandlung 
des  Zellenmosaiks,  als  auch  namentlich  die  der  griechisch-römischen  Überliefe- 
rung schon  sehr  fern  stehende  Musterbildung,  die  nicht  blog  barbarisches  Unver- 
mögen, sondern  in  den  verschlungenen  Linien  der  rückwärtigen  Dachseite  auch 
germanische  Erfindung  verrät.  D 

Von  den  Werken  des  berühmten  Goldschmieds  der  Franken,  des  heiligen 
Eligius,  der  im  7.  Jahrhundert  für  die  Merowingerkönige  Clotar  II.  und  Dagobert 
gearbeitet  hat  und  als  Bischof  vonTournai  starb,  ist  nichts  mehr  vorhanden.  Denn 
der  bronzene  Thronsessel  des  Königs  Dagobert  in  Paris  ist  ein  römisches  Werk, 
dessen  antike  Gestalt  nur  durch  einige  romanische  Zutaten  etwas  verundeutlicht 
wird.  Wir  wissen  nur  aus  einer  alten  Abbildung,  dag  der  1792  vernichtete  Kelch 
von  Chelles,  den  die  Überlieferung  dem  heiligen  Eligius  zuschrieb,  mit  geome- 
trisch gemustertem  Zellenmosaik  dicht  bedeckt  war.  D 
In  DEUTSCHLAND  hebt  sich  der  Inhalt  des  Grabes  von  Wittisiingen  im  Bay- 
rischen Nationalmuseum  über  die  Menge  der  bescheideneren  landläufigen  Schmuck- 
stücke mit  Zellenglas  schon  durch  die  besonders  gute  Arbeit  hoch  empor.  Die 
Hauptstücke  sind  eine  Scheibenfibel  |Abb.  175|  und  eine  längliche  Fibel  mit  halb- 
rundem Kopf  und  gewölbtem  Bügel  |  Abb.  176|,  beide  mit  Granaten  in  Zellen  und 
mit  Goldfiligran  ausgestattet.  Die  zweite  Fibel  trägt  auf  der  Rückseite  in  Niello 
eine  nur  teilweis  lesbare  lateinische  Widmung  mit  dem  Namen  des  Verstorbenen 
'Uffila  vivat  in  deo'.  Der  Name  hat  zwar  gotischen  Klang,  der  Stil  der  Arbeit  aber 
deutet  eher  auf  einen ZusammenhangmitderbenachbartenlongobardischenKunst, 
denn  das  Grab  enthielt  auch  Teile  von  dünnen  Goldblechkreuzen  mit  gestanztem 
Flechtwerk,  wie  solche  in  groger  Zahl  den  Longobardengräbern  in  Südtirol  und 
Norditalien  entnommen  worden  sind.  D 
Die  Wittislinger  Scheibenfibel  gibt  —  als  ein  Beispiel  unter  vielen  Hunderten 
—  ein  sehr  deutliches  Bild  jener  durch  die  germanische  Phantasie  bewirkten  Um- 


■210 


Wandlung  spätrömischer  Elemente,  welche 
im  weiteren  Verlauf  der  Entwicklung  die  als 
urgermanisch  geltenden  Wurmornamente 
und  Tiermuster  hervorgebracht  hat.  Hier 
wiederholen  die  auf  filigranbesetztem  Grun- 
de liegenden  Bänder  aus  Granatzellen  noch 
unverkennbar  und  kaum  entstellt  ein  antikes 
Bandgeflecht,  wie  es  die  Germanen  durch 
die  römischen  Keilschnittbronzen  —  meist 
Gürtelschnallen  — ,  dann  durch  die  auch  in 
Provinzstädten  überall  vorhandenen  Mosaik- 
fu(5böden  in  römischen  Gebäuden  und  viel- 
leicht auch  durch  spätantike  Stickmuster, 
ähnlich  denjenigen  der  Koptenstoffe,  ken- 
nen lernen  konnten.  Das  antike  Flechtwerk 
wurde,  mehr  als  die  Wellenranke,  die  Spira- 
len und  geometrischen  Muster,  die  ergie- 
bigste Quelle  für  das  Ornament  des  frühen 
Mittelalters,  nicht  nur  in  der  Metallarbeit, 
sondern  auch  in  der  Baukunst  und  Stein- 
plastik, namentlich  der  Lombardei.  Die  Zeit 
hatte  aber  das  Gefühl  für  die  klassische 
Linienführung  der  Flechtbänder  verloren; 
sie  wurden  unsicher  und  in  eigentümlichen, 
dem  antiken  Rhythmus  widersprechenden 
Windungen  geführt,  oft  spitzwinklig  ge- 
knickt und  weitmaschig  auseinandergezogen 
|vgl.  Abb.  177 1.  Auf  diesem  Wege  der  Bar- 
barisierung  entstand  ein  namentlich  in  den 
volkstümlichen,  anspruchsloseren  Bronze-  " 
fibeln  und  tauschierten  Eisenfibeln  viel  verwendetes  Flechtwerk  germanischen 
Stils,  dessen  spätrömischerUrsprung  oft  nur  mit  Hilfe  der  weniger  barbarisierten 
Zwischenglieder  erkennbar  wird.  Das  schon  früher  erwähnte  Zerlegen  ursprüng- 
lich zusammenhängender  Flechtmotive  in  lose  Schnörkel  hat  die  Entfremdung 
vom  antiken  Vorbild  gefördert.  Auch  dieser  Vorgang  wird  durch  das  Filigran  der 
beiden  Wittislinger  Fibeln  dargestellt.  D 

Da  die  jugendliche  Phantasie  der  Germanen  in  den  abstrakten  Bandgeflechten 
keine  ausreichende  Befriedigung  fand,  hat  sie  ihnen  durch  die  Verbindung  mit 
Tiermotiven  Inhalt  und  Leben  eingeflölU-  Der  Meister  der  Wittislinger  Scheiben- 
fibel hat,  ohne  die  Linien  der  Bandschleife  wesentlich  zu  ändern,  diesen  Zweck 
erreicht,  indem  er  in  die  äul3eren  Kurven  acht  Schlangcnköpfe  einfügte  und  somit 
das  römische  Bandmotiv  in  ein  germanisches  Wurmornament  wandelte.  Das  ist 
nur  eine  Anfangsstufe  in  der  Entwicklung  des  Tierornaments;  die  nordische  und 
irische  Kunst,  die  zeitlich  und  örtlich  der  spätrömischen  Quelle  ferner  standen, 

14*  211 


Abb.  176:  Uffilafibel  aus  Wittislingen 


haben  die  Umbildung  bis  zum  Überwuchern  des  Tierelements  und  zur  völligen 
Selbständigkeit  des  neuen  Stiles  fortgeführt.  Urgermanisch  ist  das  Tierelement 
seiner  Abstammung  nach  ebensowenig  wie  das  Flechtwerk.  Viele  Einzelheiten 
der  Tierornamentik  sind  in  spätrömischen  Metallarbeiten  schon  enthalten;  die 
Tierköpfe  am  Fugende  der  Fibeln,  die  krummschnäbligen  Vogelköpfe,  die  Fibeln 
in  Form  von  Fischen,  Bienen  und  Vögeln,  das  alles  war  dem  römischen  Kunst- 
gewerbe schon  zu  eigen  und  die  Beweisstücke  in  emailliertem  oder  im  Keilschnitt 
gearbeitetem  Bronzegerät  sind  ausreichend  vorhanden  und  von  Alois  Riegl  ver- 
öffentlicht. Die  Übergangsstufen  und  Wandlungen  der  Tierbilder  in  der  Hand  bar- 
barischer Meister  lassen  sich  namentlich  an  den  von  Joseph  Hampel  bearbeiteten 
Gräberfunden  aus  Ungarn  verfolgen.  □ 

Germanisch  aber  ist  die  Phantasie,  welche  die  Tiermotive  mit  dem  Flecht-  und 
Rankenwerk  in  eine  unlösbare  Verbindung  gebracht  hat,  germanisch  ist  die  vom 
antiken  Rhythmus  abweichende  Linienführung  und  vor  allem  die  bis  zum  äußer- 
sten durchgeführte  Stilisierung,  die  gestaltungskräftig  genug  war.  um  die  von  der 
Antike  übernommenen  Elemente  zu  selbständigen  Kunstformen  umzubilden.     D 

Erst  aus  dem  8.  Jahrhundert,  als  die  Blütezeit  der  Zellenverglasung  schon  im 
Schwinden  war,  sind  neben  den  kleinen  Schmucksachen  auch  einige  gröl3ere 
Werke  der  kirchlichen  Goldschmiedekunst  mit  dieser  germanisierten  Ornamentik 
erhalten.  D 

Die  Kirche  von  SAINT  BONNET-AVALOUZE  besitzt  ein  Reliquienkästchen 
von  der  im  frühen  Mittelalter  häufigen  Taschenform,  dessen  Holzkern  allseitig  mit 
vergoldetem  Kupferblech  belegt  ist.  Vorn  sind  neben  einem  Kreuz  aus  Zellenglas 
vier  höchst  unsicher  gezeichnete  Bandverschlingungen,  hinten  zwei  Kreuze  und 
zwei  Halbfiguren  in  der  allerprimitivsten  und  unbeholfensten  Weise  getrieben. 
Auf  etwas  höherer  Stufe  steht  ein  ähnliches  Reliquiar  in  S.  Benoit  sur  Loire. 
Hier  bildet  das  getriebene  Bandwerk  regelmäßig  verschlungene  Kreise,  welche 
die  in  dieser  Zeit  unendlich  oft  verwendeten  Kreuze  und  Sterne  umschließen;  dar- 
über ist  eine  Reihe  von  sechs  Engeln  dargestellt  in  einer  Ausführung,  die  nicht 
anders  als  barbarisch  genannt  werden  kann.  Das  dritte  Reliquiar  dieser  Gattung, 
im  Domschatz  zu  CHUR  [Abb.  177J  ist  nur  mit  den  lockeren  Bandschlingen  ver- 
ziert, ungefähr  in  der  Zeichnung,  wie  sie  an  lombardischen  Bauten  des  8.  Jahr- 
hunderts vorkommt  [Baptisterium  vonCividale];  im  Mittelfeld  der  mit  einem  Flick- 
stück des  11.  Jahrhunderts  ergänzten  Rückseite  ist  das  Schlangenmotiv  derWittis- 
linger  Scheibenfibel  wiederholt.  D 

Bei  weitem  das  bedeutendste  Denkmal  der  germanischen  Kunstrichtung,  das 
sozusagen  ihren  ganzen  Formenschatz  und  ihre  Technik  vereinigt,  ist  der  wuch- 
tige, über  25  cm  hohe  TASSILOKELCH  in  Kremsmünster.  Der  Fußrand  trägt 
die  Widmung:  TASSILO  DUX  FORTIS  LIUTPIRC  VIRGA  REGALIS.  Die  Ge- 
mahlin des  letzten  Agilulfingers  war  die  Tochter  des  letzten  Longobardenkönigs 
Desiderius;  daher  'ein  königlicher  Sproß'.  Der  Bayernherzog  Tassilo  hatte  das 
Kloster  Kremsmünster  777  begründet,  788  verlor  er  Land  und  Freiheit  durch  Karl 
den  Großen.  Die  Herstellung  des  Kelches  fällt  also  bereits  in  die  Zeit  Karls;  da  er 
aber  in  keiner  Weise  von  den  romanisierenden  Kunstbestrebungen  des  Franken- 

212 


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D  Abb.  177:  Reliquiar  im  Domschatz  zu  Chur  D 

königs  berührt  erscheint,  darf  man  ihn  noch  den  verwandten  Arbeiten  des  frühen 
Mittelalters  anreihen  [vgl.  Tafel].  Der  Kelch  ist  aus  Kupfer;  er  zeigt  auf  der  Kuppa 
die  Brustbilder  des  Heilands  und  der  Evangelisten  nebst  ihren  Symbolen,  auf  dem 
Fug  vier  Heilige.  Die  übrige  Fläche  ist  ganz  mit  schwer  vergoldeten  Ornamenten 
übersponnen,  deren  Grund  im  Keilschnitt  tief  ausgegraben  ist.  Es  stehen  hier,  in 
Randstreifen,  Rauten  und  Zwickelfelder  verteilt,  die  spätrömischen  Erinnerungen 
wie  Palmettenblätter  und  Wellenranken  neben  den  völlig  germanisierten  Motiven, 
dem  lockeren  Bandgeflecht  und  den  in  Flechtwerk  auslaufenden  und  davon  um- 
schlungenen Tieren.  Auch  das  vom  Diptychon  der  Theodelinda  und  der  Krone 
Reccesvinths  bekannte  Muster  aus  Kreisen  ist  am  Kelchknauf  zu  sehen.  So  sicher 
und  geläufig  derKünstler  aber  diese  auf  zahllosenFibeln  oft  und  oft  wiederkehren- 
den Ornamente  behandelt,  so  wenig  ist  er  der  Figurenzeichnung  gewachsen.  Er 
arbeitet  auch  hierbei  mit  einem  am  germanischen  Volksschmuck  ausgebildeten 
Verfahren:  Alle  von  der  glatten  Fläche  stehen  gebliebenen  Teile  sind  mit  fest  haf- 
tendem, stellenweis  durch  den  Kupferkelch  hindurchgenietetem  Silberblech  be- 
deckt, auf  dem  die  Innenzeichnung  in  Niello  ausgeführt  ist.  D 

Die  Form  desTassilokelches  mit  dem  steil  ansteigenden  und  in  flüssiger  Kurve 
in  den  Kugelknauf  übergehenden  Kegelfuß  ist  typisch  für  diese  Zeit.  Ganz  ähnlich 
geformt,  aber  unverziert,  ist  der  Kupferkelch  des  heiligen  Ludgerus  von  788  in 
WERDEN  an  der  Ruhr,  etwas  weniger  schlank  gebaut  der  urspi-ünglich  mit  Gold 
plattierte  Kupferkelch  aus  Petöhaza  in  Ödenburg.  Auf  Fuß  und  Kuppa  ist  Band- 
geflecht eingraviert  und  der  Knauf  trägt  die  Bezeichnung  des  deutschen  Gold- 
schmieds :  GUNDPALD  FECIT.  D 

Zur  Stiftung  Tassilos  zählen  nach  der  Überlieferung  zwei  Leuchter  in  Krems- 
münster, aus  dreiseitigem  Fuß,  hohem,  mit  drei  Kugelknäufen  versehenem  Schaft 
und  flachem  Lichtteller  gebildet.  Die  dem  Kelch  gleiche  Herstellungsart  aus  ver- 
goldetem und  zum  Teil  mit  Silber  beschlagenem  Kupfer,  sowie  ein  den  Schaft  um- 
ziehender Ornamentstreifen  aus  verschlungenen  Tieren  macht  die  zeitliche  Zu- 
sammengehörigkeit der  Leuchter  und  des  Kelches  sehr  wahrscheinlich.  Ein  neues 
Motiv,  das  bereits  auf  die  künftige  Entwickliuig  des  gei-nianischon  l'^lonientes 
im  romanischen  Kunstgewerbe  hinweist,  sind  die  in  iiiiulor  Phistik  dorn  Fuß  der 
Leuchter  aufgelegten  phantastischen  Tiere.  D 


213 


Ein  blühender  und  langlebender 
Zweig  der  germanisierten  Völ- 
kerwanderungskunst war  in  IR- 
LAND nach  der  von  Frankreich 
ausgehenden  Christianisierung 
der  Insel,  ungefähr  vom  6.  Jahr- 
hundert ab,  aus  der  gleichen  spät- 
römischen Wurzel  entsprossen. 
Die  auf  die  reine  Flächenverzie- 
rung gerichtete  Begabung  der 
Iren,  vielleicht  auch  das  Nach- 
wirken vorrömischer  Erinnerun- 
gen, verliehen  der  irischen  Kunst 
frühzeitig  ein  selbständiges  Ge- 
präge. Da  sie  in  der  Buchmalerei 
den  fruchtbaren  Boden  ihrer  er- 
sten Entfaltung  fand,  erhielt  sie 
von  vornherein  einen  kalligra- 
phischen Charakter.  Ein  unend- 
lich wechselndes  Spiel  derLinien, 
die  in  schwierigen,  kunstvoll  aus- 


{ucheinband  aus  Lindau,  8.  Jahrhundert      D   gcklügclten    Durchkreuzungen 


sich  verschlingen  und  verflechten,  wurde  ihr  höchstes  Ziel.  Die  irische  Kunst  ist 
darin  das  abendländische  Gegenstück  zu  der  sarazenischen  Arabeske,  die  von  der 
antiken  Ranke  ausgehend,  durch  eine  verwandte  Geistesrichtung  verarbeitet, 
schließlich  zu  ähnlichen  naturfremden  Ergebnissen  gelangte.  D 

Die  Grundlagen  des  irischen  Ornaments  sind  ebenso  wie  bei  dem  germani- 
sierten Ornament  des  Festlandes  die  Bandgeflechte,  Mäander  und  geometrischen 
Muster  spätrömischer  Abkunft  und  die  Spirale  mit  ihren  Nebenformen.  Die  letztere 
hat  in  Irland  eine  größere  Rolle  gespielt  als  bei  den  Germanen  des  Festlandes  und 
durch  ihre  vielseitige  Verwendung  den  Eindruck  nationaler  Eigenart  verstärkt. 
Im  Verlauf  der  Entwicklung  treten  dann  auch  die  lierornamente  zu  den  linearen 
Elementen  hinzu  und  werden  mehr  als  anderwärts  in  kalligraphischem  Sinne  stili- 
siert und  dem  Flechtwerk  unterworfen.  D 

Es  ist  bezeichnend  für  die  auf  dem  gemeinsamen  Ursprung  beruhende  Ver- 
wandtschaft der  irischen  Kunst  mit  der  germanischen  des  Festlandes,  daß  der 
Tassilokelch  wiederholt  dem  deutschen  Kunstgewerbe  abgesprochen  und  rund- 
weg als  ein  Werk  irischer  Missionäre  erklärt  worden  ist.  Wohl  mit  Unrecht.  Denn 
trotz  einiger  Spuren  eines  im  Donaugebiet  durch  die  Geschichte  der  Kloster- 
gründungen ganz  erklärlichen  irischen  Einflusses,  wie  der  Technik  des  silber- 
plattierten Kupfers,  enthält  der  schon  seinerForm  nach  deutscheKelch  doch  kaum 
ein  Ornament,  das  nicht  an  alemannischen,  fränkischen  oder  longobardischen 
Fibeln  nachweisbar  wäre,  wohl  aber  solche  Muster,  die  wie  das  Kreisornament 
der  irischen  Kunst  fehlen.  D 


214 


Vielseitigen  und  nachhaltigen 
Einflug  hat  die  irische  Buchmale- 
rei auf  die  festländische  nament- 
lich in  karolingischer  Zeit  durch 
die  Vermittlung  von  englischen 
Mönchen  und  durch  Kloster- 
schulen, wie  S.  Gallen,  ausgeübt 
Im  Kunstgewerbe  sind  aber  ähn- 
liche Rückwirkungen  weniger 
bemerkUch,  schon  deshalb,  weil 
die  noch  erhaltenen  irischen  Me- 
tallarbeiten zumeist  erst  dem 
10.  bis  12.  Jahrhundert  angehö- 
ren, einer  Zeit  also,  in  der  auf 
dem  Festland  die  germanische 
Ornamentik  wieder  in  den  Hinter- 
grund getreten  war.  Eins  der  äl- 
testen Denkmäler  ist  die  Rück- 
seite eines  Buchdeckels  aus  dem 
Lindauer  Nonnenkloster,  jetzt  in 
der  Sammlung  Pierpont  Morgan 

[Abb.  178].   Die  Fläche  gliedert   d  Abb.  179 :  irische  schnaiie 

ähnlich  dem  Diptychon  Theodelindas  ein  flaches  Silberkreuz,  von  Zellenglas- 
bändern  eingefaßt  und  mit  Kupferschmelzplatten  belegt,  die  in  primitiver  Zeich- 
nung die  Halbfigur  Christi  darstellen.  Zellenglas  und  Schmelzplättchen  mit  Tieren 
wechseln  auf  dem  Rand.  Den  Grund  füllen  vier  Bronzetafeln  mit  dicht  verschlun- 
genen Drachen  und  Schlangen,  eine  Flachreliefarbeit  des  reinsten  irischen  Stils. 
Das  Zellenglas  weist  das  Werk  in  das  8.  oder  9.  Jahrhundert.  Auch  wenn  es,  was 
nicht  unwahrscheinlich  ist,  in  S.  Gallen  entstand,  kann  es  doch  nur  der  irischen 
Kunst  zugerechnet  werden.  Die  charakteristischen  Erzeugnisse  der  irischen  Me- 
tallkunst, Gehäuse  für  Handglocken,  die  als  Reliquien  der  ersten  Verbreiter  des 
Christentums  gelten,  dann  die  kreisförmigen,  doppelseitig  verzierten  Fibeln  mit 
verschiebbarer  Nadel  |Abb.  179 1,  wie  die  Fibeln  von  Tara  und  Ardagh,  Bischof- 
stäbe und  Kreuze,  die  ganz  mit  dem  Flecht-  und  Tierornament  übersponnen  sind, 
haben  sich  in  dieser  Form  niemals  auf  dem  Festland  eingebürgert.  Die  Haupt- 
werke haben  die  Museen  des  Landes  selbst,  namentlich  die  Royal  Irish  Academy  in 
Dublin  geborgen.  Datierbare  Kunstwerke,  wie  die  Gehäuse  derCulaiuisglocke  und 
der  Patrfcksglocke  aus  der  Zeit  um  1100,  der  Deckel  des  Molaise-Evangeliars  aus 
dem  Anfang  des  11.  Jahrhunderts,  das  grofie  Vortragskreuz  von  Cong  aus  dem 
Jahre  1123  zeigen,  daf^  diese  rückständig  gewordene  Kunst  des  Inselreichs  ohne 
merkliche  Auffrischung  durch  fremde  Elemente  sich  mindestens  bis  in  die  Zeit  des 
romanischen  Stils  die  volle  Lebenskraft  und  Reinheit  bewahrt  hat.  D 

Es  ist  wahrscheinlich,  dal^  das  irische  Kunstgewei-be  durcli  \'erniittluno  der 
Angelsachsen  in  den  mit  gleicher  Zähigkeit  luid  Abgoschlosseniieit  an  alten  Über- 

215 


n  Abb.  180:  Nordische  Truhe,  im  Nationalmuseum  zu  München  D 

lieferungen  hängenden  skandinavischen  Ländern  an  der  OSTSEE  Nachahmung  ge- 
funden hat.  Zeugen  eines  nordischen  Nachlebens  des  frühmittelalterlichen  Stils 
sind  die  goldenen  Schmucksachen  aus  Hiddensoe  im  Museum  von  Stralsund  und 
derKORDULASCHREIN  imDom  zuKammin  an  derOstsee.  Das  ovale  Holzgehäuse 
des  Kastens  und  das  kielbootähnlich  gewölbte  Dachbekleiden  geschnitzte  Knochen- 
platten in  Bronzefassung.  In  ganz  flachem  Relief  sind  Tiere  in  dicht  verschlunge- 
nem Bandwerk  dargestellt.  Die  Bronzestreifen  zeigen  gravierte  Ranken  mit  Pal- 
mettenblättern und  Bandgeflecht;  sie  endigen  in  plastische  Tierköpfe  mit  stark 
hervorquellenden  Augen.  Ein  quadratischer  Kasten  ganz  gleicher  Arbeit  im  Mün- 
chener Nationalmuseum  [Abb.  180J  soll  aus  dem  Besitz  der  heiligen  Kunigund,  der 
Gemahlin  Kaiser  Heinrichs  IL,  stammen.  Mit  dieser  Datierung  auf  den  Anfang  des 
IL  Jahrhunderts  steht  das  Ornament  nicht  in  Widerspruch.  Den  irischen  Arbeiten 
noch  enger  verwandt  erscheint  ein  kleines  Bronzereliquiar  mit  Satteldach  im 
Nationalmuseum  zu  Kopenhagen  und  ein  ähnlich  gestaltetes  Kästchen  vonWalrog- 
zahn  in  Bronzefassung,  mit  Runeninschriften,  das  aus  Gandersheim  in  das  Braun- 
schweiger Museum  gelangt  ist.  D 
D                                                                  □  D 

Versuchen  wir  zum  Schlug  aus  der  verwirrenden  Menge  der  über  ganz  Europa 
verstreuten  und  zum  großen  Teil  unscheinbaren  Denkmäler  die  Grundzüge  der 
kunstgewerblichen  Entwicklung  des  frühesten  Mittelalters  herauszuschälen  und 
bloßzulegen,  so  sehen  wir  ZWEI  STRÖMUNGEN  am  Werke,  die  kurz  gefaßt  als 
die  BYZANTINISCHE  und  die  GERMANISCHE  zu  bezeichnen  sind.  D 

Die  erste  führt  eine  oströmische  Errungenschaft,  die  Goldarbeit  mitZellenver- 
glasung  fort,  ohne  daß  die  Absicht  selbständiger  Weiterbildung  im  Sinne  einer 
Germanisierung  zu  bemerken  ist.  Die  zweite  Strömung  entspringt  aus  spätrömi- 
scher Quelle,  aber  umgewandelt  durch  die  eigenePhantasie  derBarbaren,  gelangt 

216 


sie  zu  einem  neuen,  germanisch  gewordenen  Stil.  Ihr  Arbeitsfeld  ist  vornehmlich 
das  Kleingerät  aus  unedlen  Metallen,  während  die  byzantinische  Richtung  in  den 
kostbaren  Stoffen,  Gold  und  Edelsteinen  sich  entfaltet.  Obwohl  sie  sich  vielfach 
berühren  und  vermengen,  gehen  sie  doch  im  Grunde  getrennt  nebeneinander  her, 
weil  sie  verschiedenen  Zwecken  dienen :  die  Goldarbeit  ist  die  HOFKUNST,  die  dem 
Geschmack  der  höher  gebildeten,  das  heigt  stärker  romanisierten  oder  gräcisierten 
fürstlichen  und  kirchlichen  Kreise  entspricht;  die  germanische  Richtung  ist  die 
VOLKSKUNST  der  noch  barbarischen  und  daher  national  empfindenden  Massen. 

Die  byzantinische  Richtung  ist  älter,  denn  die  Germanen  hatten  sie  im  Gebiet 
der  spätgriechischenKunst,  sei  es  inSüdrugland,  sei  es  inOstrom,  aisfertiges  Vor- 
bild vorgefunden  und  übernommen.  Daher  ist  ihre  Entwicklung  in  den  vier  Jahr- 
hunderten bis  zu  denKarolingern  und  noch  darüber  hinaus  keine  ansteigende,  son- 
dern eine  fallende;  kein  Aufblühen,  sondern  ein  Ausleben  und  langsames  Welken. 
Dieser  Verlauf  wird  offenbar,  wenn  man  die  Werke  dieses  Stiles  vom  Anfang  der 
Völkerwanderung  mit  denjenigen  aus  dem  8.  Jahrhundert  auf  Form,  Ornament 
und  Technik  vergleicht.  Der  Schatz  von  Petrossa  enthält  noch  kaum  entartet  die 
klassischen  Gefäßformen  des  Kantharos  und  der  Weinkanne;  auch  der  Kelch  von 
Gourdon  aus  dem  5.  Jahrhundert  lägt  noch  das  antike  Vorbild  erkennen.  Danach 
aber  ist  nichts  mehr  von  ähnlichen  Gefägformen  überliefert.  Die  figürliche  Dar- 
stellung in  Treibarbeit  geht  fast  vollständig  verloren;  den  Götterfiguren  der  ge- 
triebenen Schale  von  Petrossa  stehen  die  barbarischen  Gestalten  auf  dem  später 
zu  besprechenden  Reliquiar  von  Herford  [vgl.  Abb.  181,  182]  gegenüber.  Dieses 
Stück  nebst  dem  verwandten  Reliquiar  von  S.  Maurice  zeigt  auch  am  besten  den 
Tiefstand,  auf  den  die  Technik  der  Zellenverglasung  und  ihre  Musterbildung  im 
8.  Jahrhundert  heruntergekommen  waren.  d 

Ganz  anders  ist  der  Verlauf  bei  der  Volkskunst.  Sie  beginnt  mit  unbeholfenen 
und  mehr  oder  minder  entstellenden  Nachbildungen  der  Formen  und  der  Technik, 
welche  die  den  Fall  des  Reiches  überlebenden  Reste  des  spätrömischen  Kunst- 
gewerbes ihr  darboten.  Sie  entfaltet  sich  freier  und  gewinnt  an  Selbständigkeit, 
je  weiter  sie  sich  zeitlich  und  örtlich  von  dieser  Quelle  entfernt.  Ihre  reichsten 
und  vollendetsten  Schöpfungen,  derTassilokelch  und  die  irischen  Arbeiten,  stehen 
am  Schlüsse  dieses  Zeitalters  und  reichen  in  das  nächste  hinein.  Die  Volkskunst 
hat  keine  so  glänzenden  Schätze  aufzuweisen,  wie  die  byzantinisierende  Fürsten- 
kunst. Aber  ihre  bescheidenen  Werke  bergen  in  der  phantastischen  Ornamentik 
die  lebensvollen  Keime,  die  in  der  romanischen  Kunst,  als  die  Zeit  des  Byzantinis- 
mus abgelaufen  war,  wiederum  Früchte  tragen  sollten.  D 

D  D 

KAPITEL  VII  >  DIE  ZEIT  DER  KAROLINGER       D 

Das  Zerlegen  des  ununterbrochen  fliegenden  Verlaufs  der  Kunstentwicklung 
in  bestimmt  umgrenzte  geschichtliche  Abschnitte,  die  notwendigen  Hilfsmittel  der 
Darstellung,  ist  ohne  einige  Willküi-  nicht  durchführbar.  Auch  die  Begrenzung  des 
Zeitalters  der  karolingischen  Kunst  ist  davon  nicht  ganz  frei.  Schon  der  Umstand, 

217 


dag  das  Geschlecht  der  Karolinger  in  Frankreich  bis  987,  in  Deutschland  nur  bis 
911  geherrscht  hat.  verursacht  einige  Unklarheit;  noch  mehr  aber  der  über  die 
Dauer  der  fränkischen  Dynastie  hinaus  gleichmäßig  aufsteigende  Verlauf  der 
kunstgewerblichen  Stilentwicklung.  Denn  so  scharf  einschneidende  und  das  ganze 
Abendland  durchdringende  Wandlungen  des  Kunstwollens  wie  diejenigen,  welche 
die  Gotik  vom  romanischen  Stil  und  die  Renaissance  von  der  Gotik  scheiden,  sind 
in  der  vorromanischen  Zeit  von  Karl  dem  Großen  ab  nicht  aufgetreten.  Die  Aus- 
drucksmittel, mit  welchen  das  karolingische  Kunstgewerbe  des  9.  Jahrhunderts 
gearbeitet  hat.  werden  im  10.  Jahrhundert  vermehrt  und  verbessert;  aber  die 
Richtung  und  die  Ziele  der  Kunsttätigkeit  und  auch  ihre  Träger  bleiben  im  wesent- 
lichen noch  bis  in  das  10.  Jahrhundert  dieselben.  Daher  ist  es  mit  Schwierigkeit 
verbunden,  das  karolingische  Kunstgewerbe  aus  inneren  Gründen  von  dem  der 
ottonischen  Zeit  abzutrennen.  Nur  der  Anfang  steht  fest.  D 

Denn  man  darf  die  vielfältigen  Bemühungen  Karls  des  Großen  um  die  Pflege 
einer  antikisierenden  Kunst  in  seinen  germanischen  Ländern  wirklich  als  die 
Grundlage  eines  neuen  Stils,  der  KAROLINGISCHEN  RENAISSANCE  betrachten, 
wenn  auch  die  Früchte  dieser  Saat  vielfach  erst  unter  den  Nachfolgern  des  ersten 
Kaisers  gereift  sind.  D 

Die  Absicht  Karls,  der  erfüllt  von  der  großen  Idee  des  alten  Imperiums  sein 
gewaltiges  politisches  Werk  durch  die  Wiederaufrichtung  des  römischen  Kaiser- 
tums gekrönt  hatte,  war  darauf  gerichtet,  auch  auf  dem  Gebiet  der  literarischen 
Bildung  und  der  Kunst  an  die  Überlieferung  der  frühchristlichen  Antike  wieder 
anzuknüpfen  und  die  lateinische  Kultur  im  germanischen  Reich  zu  erneuern.  Die 
Ausführung  konnte  dem  Gedanken  nicht  ganz  entsprechen.  Seine  Helfer  und  Be- 
rater im  Werke  der  Kulturförderung,  die  Einhart,  Ansegis  und  Alkuin  und  deren 
zahlreiche  Nachfolger  in  den  Klosterschulen  Frankreichs  und  Deutschlands,  wa- 
ren nicht  in  der  Lage,  einseitig  klassizistisch  in  der  Wahl  der  Vorbilder  vorzu- 
gehen, Sie  haben  aus  mannigfaltigen  Quellen  geschöpft  und  das  Gute  genommen, 
wo  sie  es  fanden.  So  wurde  die  irisch-englische  Ornamentik,  obwohl  sie  am  wei- 
testen vom  römischen  Geist  sich  entfernt  hatte,  mit  offenen  Armen  in  die  karolin- 
gische Buchmalerei  aufgenommen.  Syrisch-orientalische  und  lombardische  Ele- 
mente fanden  Verwertung.  Das  gegebene  Vorbild  aber  und  die  reichste  Fundgrube 
blieb  dieKunst  vonByzanz,  die  allein  seit  den  Tagen  Konstantins  als  der  lebendige 
Träger  der  antiken  Überlieferung  erschien.  Auch  in  Ravenna  und  Rom  trafen  die 
Karolinger,  welche  die  römische  Kunst  suchten,  auf  die  rhomäische,  namentlich 
zur  Zeit  Karls,  als  der  Bildersturm  einen  Schwärm  griechischer  Künstler  nach 
Italien  getrieben  hatte.  D 

Nicht  nach  dem  Gehalt  an  ureigener,  selbständiger  Schöpferkraft  darf  man  da- 
her die  Bedeutung  der  karolingischen  Renaissance  für  das  abendländische  Kunst- 
gewerbe bemessen,  sondern  nach  den  Fortschritten,  die  sie,  wenn  auch  mit  frem- 
der Hilfe,  über  die  Stufe  der  frühmittelalterlichen  Kunst  hinaus  erreicht  hat.  Die 
zahlreich  erhaltenen  Werke  ihres  bevorzugten  Kunstzweiges,  der  Buchmalerei 
und  der  damit  eng  verbundenen  Elfenbeinschnitzerei,  zeigen  am  deutlichsten,  wie 
außerordentlich  viel  gewonnen  wurde.    Es   ist  vor  allem   die  Darstellung  der 

218 


menschlichen  Figur,  in  antiker  Gewandung  und  in  der  Zeittracht,  in  bewegter  und 
zusammenhängender  Gruppierung.  Über  das  Relief  hinaus  ist  die  karolingische 
Renaissance  bis  zur  freien  Plastik  der  Metzer  Erzstatuette  Karls  des  Grogen 
im  Carnavalet-Museum  vorangeschritten.  Das  antike  Ornament  desAkanthus  und 
der  Ranken,  der  Palmetten  und  Kymatien,  die  Bogenstellungen  und  andere  Bau- 
formen in  dekorativer  Verwendung  wurden  dem  Formenschatz  wieder  einver- 
leibt; die  klassizistischen  Verzierungen  auf  den  Rahmenprofilen  der  Bronzetüren 
des  Aachener  Münsters  legen  Zeugnis  dafür  ab,  mit  welchem  Verständnis  bereits 
die  Künstler  des  ersten  Kaisers  den  neu  erworbenen  Besitz  zu  verwerten  wußten. 

Alle  diese  Errungenschaften  sind  auch  der  GOLDSCHMIEDEKUNST,  die  für 
uns  noch  weit  über  dieses  Zeitalter  hinaus  fast  der  einzige  Vertreter  des  Kunst- 
gewerbes bleibt,  zugute  gekommen  und  haben  ihre  Erscheinung  von  Grund  aus 
verändert.  D 

Man  darf  sich  allerdings  nicht  verhehlen,  dag  die  ingeringerZahlhinterlassenen 
Goldschmiedswerke  des  9.  Jahrhunderts  nur  ein  sehr  unvollständiges  Bild  ge- 
währen können.  Sie  geben  uns  keinen  Aufschlug  über  den  Zustand  des  den  welt- 
lichen Ansprüchen  des  Volkes  dienenden  Kunstgewerbes.  Denn  es  sind  uns  aus- 
schlieglich  Gegenstände  kirchlicher  Bestimmung  überliefert.  Ob  sie  nicht  nur  für 
die  Kirche,  sondern  auch  von  der  Kirche,  das  heigt  von  geistlichen  Künstlern  ge- 
schaffen worden  sind,  das  ist  mit  Sicherheit  nicht  mehr  festzustellen.  Es  ist  aber 
zum  mindesten  in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  dag  die  vom  karolingischen  Hofe 
begünstigten  Sitze  der  Kunsttätigkeit,  die  Klosterschulen,  welche  am  Rhein  und 
in  Tours.  Reims,  Corbie,  Metz.  Fulda  undanderwärts  dieBuchmalereien  undElfen- 
beinschnitzereien  schufen,  auch  die  Goldschmiedekunst  in  denBereich  ihrerWirk- 
samkeit  mit  einbezogen.  Dafür  spricht  neben  urkundlichen  Quellen,  wie  den  Be- 
richten über  die  Tätigkeit  Tutilos  von  Sankt  Gallen,  die  sehr  nahe  stilistische  Ver- 
wandtschaft, die  zwischen  einigen  Goldarbeiten  des  9.  Jahrhunderts  und  den 
Buchmalereien  der  Schule  von  Reims  besteht.  Sicher  ist  jedenfalls,  dag  die  Kirche 
sowohl  durch  ihre  Klosterschulen  und  Werkstätten,  wie  auch  als  der  vornehmste 
Besteller  und  Abnehmer  des  Kunstgewerbes  einen  maggebenden  Einflug  auf  die 
Stilentwicklung  der  Goldschmiedekunst  geübt  hat.  Und  da  die  Geistlichkeit  der 
berufene  Träger  und  Pfleger  der  lateinischen  Bildung  war,  wirkte  ihr  Einflug 
naturgemäg  fördernd  und  treibend  auf  die  antikisierende  Richtung,  im  Sinne  der 
karolingischen  Renaissance.  Diese  entsprach  somit  dem  Geschmack  und  den  Be- 
strebungen der  höfischen  Kreise  und  des  Klerus.  D 

Wieweit  dieRenaissancedarüberhinausgegangen  ist,  ob  sieauch  indenbreiten 
Schichten  des  Volkes  Wurzel  gefagt  hat,  diese  Frage  bleibt  offen,  denn  leider  sind 
die  Zeugnisse  des  bürgerlichen  Kunsthandwerks,  das  in  den  vorangehenden  Jahr- 
hunderten die  germanische  Ornamentik  hervorgebracht  und  die  Mengen  volkstüm- 
licher Schmucksachen  geliefert  hatte,  vom  9.  Jahrhundert  ab  vom  Erdboden  ver- 
schwunden. Völlig  erloschen  und  ausgestorben  war  es  aber  gewig  nicht.  Denn  wir 
werden  sehen,  dag  im  12.  Jahrhundert,  als  die  karolingische  Renaissance  und  die 
gräcisierende  Kirchenkunst  der  Ottonen  verwelkt  waren,  das  erstarkte  bürger- 
liche Gewerbe  an  die  im  Verborgenen  fortlebenden  Überlieferungen  der  germani- 

219 


Abb.  181  u.  182:  Reliquiar  Wittekinds  aus  Enger,  Vorder-  und  Rückseite.    Kunstgewerbemuseum,  Berlin 

sehen Volkskunstwieder  anknüpfte  und  sie  mitneuemLeben  erfüllte.  DieUrsache, 
warum  dieser  Zweig  des  Kunsthandwerks  auf  die  Dauer  von  zwei  Jahrhunderten 
fastspurlos  in  dieDunkelheitversinkt,  liegt  einerseits  imAufhören  derheidnischen 
Bestattungsgebräuche  und  damit  der  Gräberbeigaben  auch  in  den  Ländern  dies- 
seits der  Alpen,  andrerseits  in  der  herrschenden  und  alles  überschattenden  Stel- 
lung, welche  die  Kirche  im  Kunstleben  des  karolingischen  und  ottonischen  Zeit- 
alters eingenommen  hat.  □ 
Die  Wirkungen  der  antikisierenden  Bestrebungen  kommen  in  der  Goldschmiede- 
kunst nur  langsam  zum  Ausdruck.  Die  FRÄNKISCHEN  ARBEITEN  aus  der  Zeit 
Karls  des  Großen  selbst  erscheinen  davon  noch  kaum  berührt.  Sie  führen  vielmehr 
die  byzantinische  Zellenverglasung  in  der  heruntergekommenen  Form  weiter, 
welche  dieReliquiare  von  S.Maurice  und  S.Bonnet-Avalouze  vertreten.  Ein  Zeug- 
nis dessen  ist  das  taschenförmige  Reliquiar  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum 
(Abb.  181,  182],  das  aus  dem  Dionysiusstift  in  ENGER  bei  Herford,  der  Grabkirche 
des  Sachsenherzogs  Wittekind  herstammt  und  daher  den  Geschenken  zugerechnet 
wird,  die  König  Karl  dem  Herzog  zu  seiner  im  Jahre  785  vollzogenen  Taufe  über- 
geben hat.  Die  getriebenen  Halbfiguren  des  segnenden  Heilands  zwischen  Engeln 
und  der  Maria  zwischen  Heiligen  auf  der  Rückseite  stehen  auf  der  tiefen  Stufe  des 
Reliquiars  von  S.  Benoit  sur  Loire  und  des  Tassilokelches.  Das  lockere  Bandgeflecht 
der  Unterseite,  die  den  Tieren  der  Tassiloleuchter  in  Kremsmünster  gleichenden 
fünf  Löwen  auf  demKamme  derBursa,  auf  der  Schauseite  die  Gemmenin  schlichter 
Fassung  und  die  verbindenden  Goldbänder  mit  roh  gearbeiteter  Zellenverglasung, 
alles  das  hält  sich  durchaus  noch  in  den  Grenzen  des  vorkarolingischen  Stiles.  Nur 
eine  Neuerung  ist  vorhanden:  Zwischen  die  Zellenglasbänder  sind  zehn  goldene 
Kästchen  eingelegt,  die  einen  ganz  unbeholfenen  Versuch  des  Zellenschmelzes 
darstellen.  DieAnregungdazu  mögenbyzantinischeGoldschmelzegegeben  haben; 

220 


die  Ausführung  aber  behilft  sich 
mit  den  Mitteln  der  älteren  ger- 
manischen oder  irisch-englischen 
Metallarbeit.  Jedes  Kästchen  ent- 
hält die  Darstellung  eines  Vogels, 
einerSchlange  oder  einesFisches 
von  germanischer  Stilisierung.  Un- 
durchsichtige Glasflüsse  von  un- 
reinen Farben,  regellos  durchein- 
ander gemischt,  füllen  die  Zellen 
der  Zeichnung  und  des  Grundes. 
Solches  undurchsichtiges  Email 
ist  auf  kupfernen  Scheibenfibeln 
und  gelegentlich,  wie  dasReliqui- 
ar  von  S.  Maurice  und  der  irische 
Buchdeckel  aus  Lindau  [vgl.  Abb. 
178]  zeigen,  auch  an  anspruchs- 
vollerem Kirchengerät  als  ver- 
kümmerter Ausläufer  des  spätrö- 
mischen Kupferschmelzes  in  den 
Alpen,  im  Rheinland  und  in  Eng- 
land während  des  vorkarolingi- 
schen  Mittelalters  vereinzelt  ver- 
wendet worden.  Die  Neuerung  am 
Wittekindreliquiar  liegt  nur  in  der  Herstellung  der  Zeichnung  durch  goldene 
Zellen.  Wir  werden  auf  dieses  Schmelzwerk  später  zurückkommen.  D 

Ein  weiteres  Beispiel  für  das  Fortleben  des  alten  Stils  ist  ein  im  Rhein  bei 
Nymwegen  gefundenes  fränkisches  Reliquienkästchen  aus  vergoldetem  Kupfer 
im  bischöflichen  Museum  zu  Utrecht.  Die  Rankenornamente  dieses  kleinen  Käst- 
chens sind  noch  im  alten  Keilschnittverfahren  ausgeführt  und  von  rotem  Zellen- 
glas umrahmt.  Noch  lange  hat  sich  dieser  Stil  in  abgelegenen  Gegenden  erhalten; 
das  ganz  gleichartige  Kästchen  von  Beromünster  in  der  Schweiz  wird  durch  den 
Namen  des  Stifters  Propst  Warnebert  dem  10.  Jahrhundert  zugewiesen.  D 

Der  reiche  Einband  der  Psalterhandschrift  Karls  des  Kahlen  in  der  Pariser 
Nationalbibliothek  bedeutet  in  der  Metallarbeit  noch  keinen  erheblichen  Fort- 
schritt, obwohl  er  wahrscheinlich  in  der  Klosterschule  von  Corbie,  einem  be- 
deutenden Sitz  der  karolingischen  Kunst,  zwischen  846  und  862  für  den  kunst- 
sinnigen König  selbst  gefertigt  worden  ist.  Auf  der  Vorderseite  |Abb.  183|  um- 
rahmen die  geschnitzte  Elfenbeinplatte  dicht  gereihte  Steine  in  glatter  Fassung, 
dazwischen  sind  schleifenartige  Kreuze  aus  schmalen  Silberbändchen  aufgelötet; 
rückwärts  liegen  Rosetten  aus  Granaten  in  einem  Grund  von  derbem  Silberfiligran. 
Beides,  der  dichte  Edelsteinbelag  und  das  Filigran,  ist  schon  an  longobardischen 
Werken  des  7.  Jahrhunderts,  der  Krone  Theodelindas  und  Scheibenfibeln  aus 
Castel  Trosino  vorgebildet.  □ 


Abb.  183:  Psalter  Karls  des  Kahlen  in  der  Nationalbibliothek 
D  zu  Paris  □ 


221 


Die  verschwenderische  Anhäufung  von 
Edelsteinen  und  Perlen  blieb  trotz  des 
etwas  barbarischen  Geschmacks  auch 
späterhin  noch  wegen  der  stofflichen  Kost- 
barkeit eine  beliebte  Verzierung;  das  ur- 
sprünglich zu  einer  Votivkrone  gehörige 
Goldkreuz  König  Berengars  I.  Igest.  924 1 
und  ein  taschenförmiges  Reliquiar  im 
Schatz  von  Monza,  sowie  eine  ähnliche, 
durch  mancherlei  Überarbeitung  entstellte 
Bursa  in  der  Wiener  Schatzkammer  sind 
Beispiele  aus  spätkarolingischer  Zeit.  D 
Der  Abtei  von  S.  Denis  hatte  Karl  der 
Kahle  [gest.  877]  eine  prachtvoll  geschnit- 
D  Abb.  184:  Patene  Karls  des  Kahlen  im  Louvre  D  tene  antike  Onyxschalc  nebst  einem  eben- 
falls antiken  Serpentinteller  geschenkt,  die  durch  edelsteinbesetzte  Goldfassungen 
in  Kelch  und  Patene  umgewandelt  waren.  Die  Schale  hat  im  19.  Jahrhundert  ihre 
karolingische  Fassung  verloren;  die  Patene  im  Louvre  ist  unversehrt  und  ihr 
breiter  Goldrand  ist  ein  gut  beglaubigtes  Denkmal  der  fränkischen  Hofkunst  aus 
der  zweiten  Hälfte  des  9.  Jahrhunderts.  Auch  hier  dasselbe  Bild  altüberkommener 
Technik:  glattgefagte  Perlen  und  Steine,  dazwischen  Granaten  in  Goldzellen.  Die 
letzteren  haben  sich  aber  von  den  geometrischen  Mustern  der  Vorzeit  befreit,  die 
flachen  Steine  sind  herz- und  blattförmig  geschnitten  und  zu  blütenartigenFormen 
zusammengestellt  (Abb.  184 1.  D 

Dieselbe  Wandlung  zu  freierer  Musterbildung  hat  die  Zellenverglasung  gleich- 
zeitig auch  in  der  christlichen  Goldschmiedekunst  SPANIENS  durchgemacht.  Ihr 
Hauptwerk  ist  ein  silberner  Reliquienschrein  der  Kathedrale  von  Astorga,  laut 
Inschrift  ein  Geschenk  des  Königs  Alfonso  III.  von  Oviedo  |866— 910|  und  seiner 
Gemahlin  Ximene.  Die  sehr  roh  getriebenen  Engelfiguren  und  Palmetten  auf  den 
Seiten  des  Schreines  sind  von  rotem  und  grünem  Zellenglas  in  Blatt-,  Herz-  und 
Rautenform  umrahmt.  Gleichartig  verziert  ist  eins  der  beiden  großen  Goldkreuze 
aus  dem  Jahre  878,  die  derselbe  König  Alfonso  für  die  Kirche  von  Oviedo  'in 
Castello  Gauzon'  anfertigen  lief,.  In  dieser  Form  ist  die  Zellenverglasung  noch  in 
das  10.  Jahrhundert  hinübergegangen;  wir  werden  ihr  an  deutschen  Arbeiten  der 
Ottonenzeit  wieder  begegnen.  D 

Nicht  im  Lande  der  Franken,  sondern  in  ITALIEN  hat  sich  das  erste  vollendete 
Goldschmiedewerk  des  neuen  Stils,  der  karolingischen  Renaissance  erhalten.  Es 
ist  der  Paliotto  in  S.  Ambrogio  zu  Mailand,  die  kostbare  Altarbekleidung,  welche 
alle  vier  Seiten  der  Mensa  schmückt,  weitaus  das  hervorragendste  Denkmal  des 
vorromanischen  Kunstgewerbes.  D 

Der  Paliotto  besteht  aus  meisterhaft  getriebenen  Reliefbildern,  von  Goldblecli 
auf  der  Vorderseite,  rückwärts  und  seitlich  von  vergoldetem  Silber,  in  einer  Um- 
rahmung von  breiten  Leisten,  die  in  regelmäl^igem  Wechsel  mit  Goldschmelz- 
platten und  Edelsteinen  in  Filigranfassung  bedeckt  sind  und  zum  Glänze  des  Gol- 

222 


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des  die  Farbigkeit  hinzubringen.  Der  Rahmen  gliedert  die  Vorderseite  in  drei 
große  Felder  nebeneinander;  davon  enthalten  die  äußeren  je  sechs  viereckige 
Reliefbilder,  das  Mittelfeld  ist  durch  ein  Kreuz  in  neun  Felder  zerlegt.  Auf  jeder 
Schmalseite  des  Altars  umschließt  ein  rautenförmiger  Rahmen  ein  aufgelegtes 
Kreuz  aus  Email  und  Edelsteinen,  welches  Heilige  anbeten  und  Engel  umschweben. 

Die  getriebenen  Bilder  sind  mit  Ausnahme  von  drei  im  16.  Jahrhundert  ersetz- 
ten Platten  der  Vorderseite  einheitlich  in  Stil  und  Ausführung,  wenn  auch  nicht 
von  einer  Hand  allein  gemacht.  Im  Mittelfeld  der  Stirnseite  thront  Christus  zwi- 
schen den  Evangelistensymbolen  und  den  zwölf  Aposteln.  Die  zwölf  Felder  da- 
neben geben  Bilder  aus  dem  Leben  und  Leiden  Christi  von  der  Verkündigung  bis 
zur  Himmelfahrt,  die  entsprechenden  Platten  der  Rückwand  ebensoviel  Darstel- 
lungen aus  dem  Leben  des  Patrons  von  Mailand,  S.  Ambrosius.  durch  Inschrif- 
ten in  klarer  Kapitalschrift  erläutert.  Das  Mittelfeld  der  dreiteiligen  Rückwand 
mit  vier  Rundbildern  hat  urkundliche  Bedeutung  für  die  Geschichte  des  Kunst- 
werkes |s.  Tafel].  Die  oberen  Kreise  enthalten  die  Erzengel  Gabriel  und  Michael, 
die  zwei  Kreise  darunter  den  Besteller  des  Werkes,  Erzbischof  Angilbert  II.  von 
Mailand  (824—866)  und  den  Künstler  selbst  mit  der  Beischrift  VVOLVINIVS 
MAGISTER  PHABER,  beide  in  demütig  gebeugter  Haltung  vor  dem  heiligen  Am- 
brosius stehend  und  dessen  Segen  empfangend.  Angilbert,  ein  Reliquiar  als  Symbol 
der  Stiftung  in  den  Händen,  ist  als  lebender  Kirchenfürst  mit  einem  viereckigen 
Nimbus  dargestellt.  D 

Eine  über  denRahmen  derRückseitehinlaufendemetrischelnschriftbeglaubigt 
in  Worten  die  Tatsache  der  Stiftung  Angilberts,  die  überdies  noch  bestätigt  wird 
durch  eine  Urkunde  des  Erzbischofs  vom  L  März  835,  in  der  er  die  Klosterkirche 
des  heiligen  Ambrosius  und  den  Altar,  den  er  darin  neu  errichtet,  der  Obhut  des 
neu  eingesetzten  Abtes  übergibt.  Dadurch  ist  die  Entstehung  von  Wolvins  Meister- 
werk in  den  Jahren  vor  835  über  jeden  Zweifel  hinaus  vollkommen  gesichert  und 
es  bleibt  nur  die  Frage,  aus  welcher  Quelle  dieser  Künstler  seine  hohe  Kunst  ge- 
schöpft hat.  G 

Ein  Grieche  war  Wolvinius  nicht;  der  Name  kann  ebensowohl  italienisch  wie 
germanisch  sein;  auch  letzteres  wäre  in  der  Lombardei  nichts  Auffälliges.  D 

Seine  Leistung  ist  bewundernswert  in  jeder  Hinsicht,  sowohl  in  der  Anordnung 
und  Verteilung  des  großen  Bilderstoffes,  wie  in  der  Ausführung  des  Einzelnen. 
Er  vermag  in  den  ziemlich  flach  behandelten  Reliefs  den  dargestellten  Vorgang 
deutlich  und  übersichtlich  zu  erzählen,  namentlich  in  den  weniger  figurenreichen 
Bildern  der  Ambrosiuslegende.  Die  schlanken  Gestalten  sind  erfüllt  von  Leben, 
ihre  Glieder  treten  unter  der  bald  antiken,  bald  zeitgemäßen  Gewandung  deutlich 
hervor  und  die  Falten  folgen  richtig  der  Haltung  und  Bewegung  des  Körpers.     D 

Dazu  kommt  die  außerordentlich  sichere  und  feine  Behandlung  des  GOLD- 
SCHMELZES, dessen  Farbenpracht  in  reichstem  Maße  zum  Schmuck  des  Rahmens 
herangezogen  ist.  Die  einfachen  Ornamente,  teils  geometrische  Muster,  teils 
Blattbildungen  in  weiß,  rot  und  verschiedenen  blauen  Schmelzen  auf  durchsichtig 
grünem  Grunde,  sind  in  der  frühen  Art  der  byzantinischen  Zellentechnik  ausge- 
führt, welche  die  ganze  Goldfläche  von  Rand  zu  Rand  mit  den  Schmelzfarben  be- 

223 


deckt.  Daneben  kommen  auch  im 
grünen  Grund  ausgesparte  Gold- 
ornamente vor,  also  Gruben- 
schmelz. Figürliche  Darstellun- 
gen hat  Wolvinius  nur  in  den 
acht  Schmelzscheiben  mit  Frauen- 
köpfen  versucht,  welche  dieRund- 
bilder  der  Rückseite  umgeben.  D 
Es  verknüpft  nun  augenschein- 
lich und  unverkennbar  eine  nahe 
Stilverwandtschaft  die  Reliefbil- 
der Wolvins  mit  den  allerdings  er- 
heblich jüngeren  Goldreliefs  auf 
dem  Codex  aureus  in  München,  auf 
dem  Ciboriumaltar  Kaiser  Arnulfs 
in  der  Reichen  Kapelle  daselbst, 
undmitdenReliefs  auf  der  Vorder- 
seite des  erwähnten  Buches  aus 
Lindau  in  der  Sammlung  Morgan. 
Diese  Arbeiten  hat  Swarzenski  mit 
überzeugenden  Gründen  einem 
Goldschmiede  der  Kunstschule 
von  REIMS  zugewiesen,  weil  sie 
ganz  im  Stile  derjenigen  Reimser  Buchmalereien  gehalten  sind,  die  wie  der 
UtrechterPsalter  von  der  angelsächsischenKunst  herstammen.  Daraus  ergab  sich 
der  Schlug,  dag  auch  Wolvinius  aus  dieser  fränkischen  Klosterwerkstatt  nach 
Mailand  gekommen  sei.  Es  wird  auch  berichtet,  dag  Angilbert  II.  fränkische  Mönche 
zur  Ausschmückung  seiner  Kirche  nach  Mailand  berufen  habe.  D 

Der  goldene  Einband  des  CODEX  AUREUS  [Abb.  185],  das  vollendetste  Gold- 
schmiedwerk nachweislich  fränkischerHerkunft,  kann  nun  nicht  vor  870  entstanden 
sein.  In  diesem  Jahre  ist  auf  Befehl  Karls  des  Kahlen  der  Evangeliencodex  von 
Beringer  und  Liuthard  geschrieben  und  gemalt  worden.  Nach  S.  Denis  geschenkt, 
kam  er  892  in  den  Besitz  Kaiser  Arnulfs,  der  ihn  dem  Kloster  Sankt  Emmeram  in 
Regensburg  überlieg.  Dort  wurde  das  Buch  im  Auftrage  des  Abtes  Ramwold 
zwischen  980  und  993  von  den  Mönchen  Aribo  und  Adalbert  aufgefrischt  und  über- 
malt. Der  goldene  Deckel  aber  ist  dabei  nicht  verändert  worden.  Denn  der  er- 
wähnte Lindauer  Bucheinband  verbindet  gleichartige  Goldreliefs  im  Reimser  Stil 
mit  derselben,  überaus  feinen  und  künstlichen  Edelsteinfassung,  welche  den 
Codex  aureus  besonders  auszeichnet.  Diese  Fassung  —  byzantinischer  Abkunft  — 
setzt  jeden  von  einem  Kranze  kleiner  Akanthusblätter  gehaltenen  Stein  und  jede 
Perle  auf  zierliche  Bogengalerien  aus  Filigran  oder  auf  Säulchon  und  kelch- 
förmige  Träger.  Die  ältesten  Beispiele  solcher  Filigranfassungen  hat  der  Paliotto. 
Den  Grund  zwischen  den  Steinen  des  Codex  aureus  füllen,  wie  auf  der  genannten 
Patene  Karls  des  Kahlen,  Blättchen  aus  rotem  Zellenglas.  D 


D     Abb.  185:  Reimser  Buchdeckel  von  870  in  München     D 


224 


Das  Tragaltärchen  in  München,  welches  Kaiser  Arnulf  890  bestellt  und  eben- 
falls 893  demEmmeramskloster  geschenkt  hat,  ist  überragt  von  einem 'Ciborium', 
einem  Baldachinüberbau  aus  vier  durch  Rundbögen  verbundenen  Säulchen  und 
einer  flachen  Decke,  die  wiederum  vier  kurze  Säulen  mit  einem  kreuzförmigen 
Giebeldach  trägt.  Der  Holzbau  ist  mit  Goldblech  bekleidet  und  mit  Edelsteinen 
geziert;  die  Dachflächen  enthalten  getriebene  Goldplatten,  die  gleich  denjenigen 
auf  dem  Codex  aureus  Bilder  aus  dem  Leben  Christi  darstellen  und  unzweifelhaft 
aus  derselben  Werkstatt  stammen.  D 

Der  Paliotto  Wolvins  ist  demnach  vierzig  bis  fünfzig  Jahre  älter  als  die  ge- 
nannten Goldarbeiten  aus  Reims.  Die  Zeitfolge  der  Denkmäler  erweckt  daher 
einige  Bedenken  gegen  die  Annahme,  dagWolvin  die  Errungenschaften  des  nord- 
fränkischen Kunstgewerbes  nach  Italien  verpflanzt  habe  und  sie  zwingt  uns,  ein 
umgekehrtes  Verhältnis  zwischen  der  italienischen  und  fränkischen  Goldschmiede- 
kunst inErwägung  zuziehen.  Denn  die  demCodex  aureus  vorausgehenden  Werke, 
wie  der  nach  846  entstandene  Psaltereinband  Karls  des  Kahlen  und  die  Patene 
aus  S.  Denis,  zeigten  die  Goldarbeit  in  den  fränkischen  Klosterschulen  noch  auf 
einer  viel  tieferen  Stufe,  noch  mit  den  Mitteln  der  Vorzeit,  ganz  schlichten  Stein- 
fassungen, Zellenglas  und  derbem  Filigran  sich  behelfend.  Diesen  Eindruck  be- 
stätigt ferner  eine  nur  in  Abbildung  bekannte  sehr  anspruchsvolle  Stiftung  Karls 
des  Kahlen  für  S.  Denis,  ein  Altaraufsatz,  der  in  der  Form  einer  offenen  Rund- 
bogenfassade, ähnlich  den  Kanonbogen  in  den  karolingischen  Evangelienbüchern, 
aufgebaut  und  dicht  mit  Juwelen  besetzt  war,  jeder  figürlichen  Treibarbeit  aber 
entbehrte.  D 

In  Italien  dagegen  reicht  die  Plastik  in  Edelmetall  weiter  zurück:  Papst  Gre- 
gor III.  lieg  um  740  silberne  Relieffiguren  für  Sankt  Peter  und  Leo  III.  solche  um 
800  für  Sankt  Paul  in  Rom  anfertigen.  Das  dem  Paliotto  zeitlich  nahestehende 
Goldkreuz  Ludwigs  des  Frommen  in  S.  Maria  bei  S.  Celso  in  Mailand,  das  trotz 
späterer  Überarbeitungen  doch  einige  Reste  der  ursprünglichen  Goldreliefs  be- 
wahrt hat,  war  zuerst  ebenfalls  im  Besitz  des  Klosters  S.  Ambrogio  und  kann 
daher  eher  für  die  Lombardei  als  für  eine  fränkische  Werkstatt  in  Anspruch  ge- 
nommen werden.  D 

Gegen  die  Reimser  Schulung  Wolvins,  dessen  Kennzeichnung  als  Magister 
Phaber  nicht  gerade  auf  einen  geistlichen  Künstler  deutet,  spricht  besonders  seine 
Beherrschung  des  Goldemails.  Die  Reimser  Arbeiten,  auch  der  späteren  Blüte- 
zeit, zeigen  davon  keine  Spur;  Zellenschmelz  von  der  Gattung  des  Paliotto  be- 
gegnet uns  im  nordfränkischen  Kunstbereich  erst  viel  später  im  10.  Jahrhundert 
an  den  Werken  der  Trierer  Schule.  Das  einzige  Beispiel  ähnlicher  Emails  in 
Frankreich  bietet  das  Circumcisionsreliquiar  inConques,  ein  Geschenk  Pipins  von 
Aquitanien  [gest.  838 1.  Die  Schmelzplättchen  auf  diesem  hauptsächlich  mit  Fili- 
gran und  einer  getriebenen  Kreuzigungsgruppe  verzierten  Kästchen  sind  in  der 
Tat  den  mailändischen  verwandt,  aber  sie  sind  nachträglich  darauf  angebracht  und 
zudem  ist  nicht  erweislich,  ob  das  Reliquiar  eine  fränkische  Arbeit  ist.  □ 

Bei  einem  italienischen  Goldschmied  ist  die  hohe  Fertigkoit  im  Schmelzwerk. 
ebenso  wie  in  der  Treibarbeit,  als  eine  Folge  der  engen  und  unmittelbaren  Be- 

15  ■  Geschichte  des  Kunstgewerbes  225 


Ziehungen  zur  byzantinischen  Kunst  eher  erklärhch.  Schon  im  Anfang  des  Q.Jahr- 
hunderts Heß  Abt  Isulf  VIII.  vonMontecassino  über  dem  Hauptaltar  seines  Klosters 
einen  silbernen Ciboriumaufbau  mit  Emailschmuck  errichten.  Wahrscheinlich  ent- 
stammen der  lombardischen  Goldschmiedekunst  des  9.  Jahrhunderts  auch  die  dem 
Paliotto  verwandten  Goldemails  der  eisernen  Krone  in  Monza.  Diese  kleine,  durch 
einen  Eisenreif  im  Inneren  versteifte  Votivkrone  ist  zwar  ein  älteres  Werk  aus  der 
Völkerwanderungszeit;  aber  die  Zellenschmelzplatten  sind  bei  einer  Wiederher- 
stellung zugefügt  und  können  wohl  der  Zeit  Wolvins  angehören.  D 

Mit  Bestimmtheit  lägt  sich  die  Frage,  ob  der  Mailänder  Altar  der  italienischen 
oder  der  fränkischen  Kunst  zuzurechnen  ist,  infolge  des  geringen  Denkmäler- 
bestandes aus  dem  9.  Jahrhundert  nicht  beantworten.  Vielleicht  würden  die  zu- 
grunde gegangenen  fränkischen  Werke  aus  der  Mitte  des  9.  Jahrhunderts,  wie 
der  Altaraufbau,  den  Bischof  Hincmar  von  Reims  |844 — 865]  über  den  Reliquien 
des  heiligen  Remigius  errichten  und  mit  figürlichen  Reliefs  schmücken  lief;,  die 
verbindende  Brücke  zwischen  dem  Paliotto  und  den  späteren  Reimser  Gold- 
sachen schlagen.  Aber  aus  den  alten  Beschreibungen  dieses  und  mancher  ähn- 
lichen Werke  ist  über  ihren  Stil  nichts  zu  entnehmen.  Urteilt  man  allein  nach  den 
vorhandenen  Kunstwerken,  so  kann  man  nur  sagen,  dag  auch  Italien  schwer- 
wiegende Gründe  für  sich  hat.  Die  Frage  ist  von  allgemeiner  Bedeutung.  Denn 
wenn  der  Mailänder  Altar  der  italienischen  Kunst  zu  belassen  ist,  so  wäre  damit 
klargestellt,  dag  der  Aufschwung  dieses  Kunstgewerbes  von  der  barbarischen 
Stufe  zur  karolingischen  Renaissance  sich  in  Italien  während  des  ersten  Drittels 
des  9.  Jahrhunderts  vollzogen  hat,  nicht  in  den  nordfränkischen  Kunstschulen,  die 
erst  im  letzten  Drittel  aus  dem  Voranschreiten  Italiens  Nutzen  gezogen  haben. 
Auf  dem  Gebiet  der  Goldschmiedekunst  stellt  sich  dann  diese  Renaissance  dar  als 
eine  selbständige  Verwertung  und  Verarbeitung  byzantinischer  Errungenschaften 
durch  die  italienische  Kunst,  die  wiederum  als  Vermittler  zwischen  Byzanz  und 
Frankreich  gedient  hat.  D 

Bei  dem  engen  Zusammenhange,  der  in  den  fränkischen  Klosterwerkstätten 
der  Reimser  Schule  die  Goldschmiedekunst  mit  der  Buchmalerei  und  Elfenbein- 
schnitzerei verknüpft,  würde  diese  Vermittlerrolle  Italiens  zugleich  die  Quellen 
und  Hilfen  der  gesamten  karolingischen  Renaissance  beleuchten.  D 

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KAPITEL  VIII  ♦  DIE  KLOSTERKUNST  DES  10.  UND 
n.  JAHRHUNDERTS  D 

Der  Stil  des  karolingischen  Kunstgewerbes  hat  sowohl  das  Geschlecht  Karls 
des  Großen  als  auch  den  Bestand  seines  schon  im  9.  Jahrhundert  zerfallenden 
Reiches  überdauert.  Unverändert  blieb  auch  im  10.  Jahrhundert  das  Kunstleben 
aufs  engste  mit  der  Kirche  verknüpft.  Spurlos  sind  die  Zeugen  eines  weltlichen 
Kunsthandwerks  verschwunden.  Die  verheerenden  Stürme  erst  der  Normannen, 
dann  der  Ungarn,  warfen  die  Entwicklung  vieler  alten  Städte  und  damit  des  bürger- 
lichen Gewerbes  wieder  auf  eine  tiefe  Stufe  zurück.  Den  kulturellen  Aufschwung 

226 


des  Volkes  hemmte  die  innere  Zerrüttung,  in  Deutschland  der  Zwiespalt  zwischen 
Reichsgewalt  und  Fürstenmacht.  So  wenig  auch  die  Bischofsitze  und  Klöster  ver- 
schont wurden  von  der  Not  derZeit.  in  all' der  Unruhe  blieben  sie  doch  die  einzigen 
und  berufenen  Pfleger  der  Überlieferung  auf  dem  Gebiet  der  geistigen  und  künst- 
lerischen Tätigkeit.  Nichts  anderes  als  nur  Kirchengerät  ist  uns  erhalten.  Deut- 
licher als  vorher  können  wir  in  diesem  Zeitalter  erkennen,  dag  die  Kirche  nicht 
nur  der  größte  und  daher  maggebende  Verbraucher  kunstgewerblicher  Erzeug- 
nisse ist,  sondern  dag  sie  auch  selbst  die  ausübenden  Künstler  und  Handwerker 
bildet  und  bereit  stellt.  D 

Namentlich  inDeutschland,  nachdem  die  erstenHerrscher  aus  dem  sächsischen 
Kaiserhause  mit  starker  Hand  wieder  gesicherte  Zustände  geschaffen  hatten, 
treten  die  Kloster  werkstätten  der  Benediktiner  an  den  Sitzen  kunstsinnigerKirchen- 
fürsten  so  sehr  in  den  Vordergrund  des  ganzen  kunstgewerblichen  Betriebes,  dag 
man  wohl  berechtigt  ist,  sie  als  dessen  stärkste  Führer  und  Träger  zu  betrachten  und 
demgemäg  das  vorromanische  Kunstgewerbe  als  eine  Klosterkunst  zu  bezeichnen. 

Die  Geschichte  des  Klosters  Sankt  Gallen  und  seines  vielseitigen  Künstlers 
Tutilo  zeigt  uns  die  Mönche  selbst  an  der  Arbeit;  dag  Bischöfe  wie  Egbert  von 
Trier  und  Bernward  von  Hildesheim  ihre  eigenen  Werkstätten  in  persönlicher 
Teilnahme  leiteten  und  förderten,  wird  durch  Schriftquellen  ebenso  wie  durch 
die  erhaltenen  Kunstdenkmäler  bezeugt.  Noch  aus  dem  Ende  dieser  Epoche  gibt 
das  um  das  Jahr  1100  geschriebene  Kunstlehrbuch  eines  Benediktiners  von  Hel- 
mershausen,  die  Schedula  diversarum  artium  des  Theophilus  Presbyter,  das  voll- 
ständigste Bild  einer  Klosterwerkstatt,  in  der  die  Malerei  und  die  Glasmalerei,  der 
Metallgug  und  die  Goldschmiedekunst  nebst  allen  ihren  Zweigen  nebeneinander 
gepflegt  wurden.  D 

Das  AufsteigenDeutschlands,  dessenKönige  nun  dauernd  die  römischeKaiser- 
würde  behalten,  zur  ersten  Macht  der  abendländischen  Christenheit  hat  sich  im 
Kunstleben  wiedergespiegelt.  Denn  unverkennbar  verschiebt  sich  unter  den 
Ottonen  der  Schwerpunkt  der  Kunsttätigkeit  vonFrankreich  nachDeutschland.   D 

In  stilistischer  Hinsicht  unterscheidet  sich  das  kirchliche  Kunstgewerbe  des 
10.  und  11.  Jahrhunderts  von  dem  karolingischen  durch  die  stärkere  Anlehnung 
an  byzantinische  Vorbilder.  Der  Einflug  der  nun  ausgereiften  griechischen  Kunst 
istvielleicht  nichtviel  tiefergehendgewesen,  alsvorher  zur  Karolingerzeit.  Jeden- 
falls aber  ist  er  viel  offenkundiger  und  in  denEdelmetallarbeiten  durch  die  augen- 
fälligen Merkmale  des  Ornaments  und  namentlich  des  Goldschmelzes  in  Zellen- 
technik leichter  erweislich.  D 

1.  DIE  GOLDSCHMIEDEKUNST  D 

Über  den  Stand  dieses  führenden  Kunstzweiges  in  DEUTSCHLAND  zur  Zeit 
Heinrichs  I.  und  Kaiser  Ottos  des  Grogen  sind  wir  nicht  unterrichtet,  denn  die  Re- 
liquiare  in  der  Schlogkapelle  von  Quedlinburg,  wolclie  die  Überlieforung  mit  den 
Namen  dieser  beiden  Herrscher  verbindet,  sind  infolge  späterer  Umarbeitungen 
keine  brauchbaren  Zeugnisse.  D 

Es  ist  die  Klosterwerkstatt  von  S.  Maximin  in  TRIER,  die  uns  zuerst  unter  Erz- 
bischof Egbert  [977— 993 1  ein  glänzendes  Bild  des  ottonisclien  Kunstgewerbes 

15*  227 


entrollt.  Aus  dieser  Mönchschiile  ist  neben  zahlreichen  Buchmalereien  und  Elfen- 
beinschnitzereien [letztere  im  Kaiser  Friedrich  Museum,  im  Louvre,  in  der  Samm- 
lung Figdor-Wien]  eine  stattliche  Reihe  gut  beglaubigter  Goldarbeiten  hervor- 
gegangen, die  das  Zusammenwirken  von  zwei  Stilrichtungen,  der  karolingischen 
und  der  byzantinischen,  in  voller  Klarheit  darstellen.  D 

Die  Trierer  Werkstatt  ist  wohl  nicht  erst  von  Egbert  ins  Leben  gerufen  wor- 
den, denn  die  ausgedehnte  Verwendung  der  Zellenverglasung,  die  ihre  Werke 
kennzeichnet,  ist  nur  durch  einen  vor  die  Zeit  Egberts  weit  zurückreichenden  Zu- 
sammenhang mitkarolingischenWerkstättendes9.  Jahrhunderts  zu  erklären.  Der 
Leitung  des  kunstsinnigen  Bischofs,  der  auch  die Reichenauer Schreib-  undMaler- 
schule  für  sich  hatte  arbeiten  lassen,  verdankt  sie  aber  ihre  hohe  Blüte  und  ihren 
Ruf,  der  über  die  deutschen  Grenzen  hinausdrang.  Ein  wertvolles  Zeugnis  dafür 
ist  ein  Brief  Gerberts  von  Reims,  des  nachmaligen  Papstes  Silvester  IL,  an  Egbert. 
Der  gelehrte  Freund  Kaiser  Ottos  IIL  bittet  im  Auftrag  des  Reimser  Erzbischofs 
Adalbero,  Egbert  möge  die  ihm  übersandten  Materialien  zu  einem  bereits  vorher 
bestimmten  Werk  verarbeiten,  durch  seine  Kunst  und  'cum  adjectione  vitri' ver- 
edeln. Anderen  Briefen  Gerberts  ist  zu  entnehmen,  dag  es  sich  um  die  Bestellung 
eines  Kreuzes  handelte.  Der  Brief  ist  doppelt  lehrreich,  grade  weil  er  aus  Reims 
kam,  wo  die  fränkische  Goldschmiedekunst  im  9.  Jahrhundert  ihre  höchste  Stufe 
erstiegen  hatte,  undweil  darin  dieAnwendung  des  Emails  ausdrücklich  gewünscht 
wird,  das  demnach  als  ein  besonders  geschätzter  Vorzug  der  Egbertschule  galt. 
Denn  mit  der  Adjectio  vitri,  dem  Glaszusatz,  ist  jedenfalls  der  an  den  Trierer  Wer- 
ken in  der  Tat  meisterhaft  geübte  Zellenschmelz  gemeint.  In  Reims  war  also  diese 
Kunst  damals  nicht  bekannt.  Der  Brief  Gerberts  bestätigt  ferner  den  Übergang 
der  führenden  Stellung  im  Kunstbetrieb  von  Frankreich  an  Deutschland  und  er 
beweist  schließlich,  dag  Egberts  Kunstpflege  sich  nicht  auf  bloße  Aufträge  be- 
schränkte, sondern  dag  er  selbst  die  Leitung  seiner  Schule  ausgeübt  hat.  D 

Das  bedeutendste  Werk  der  Egbertschule  ist  der  dem  Apostel  Andreas  geweihte 
Tragaltar  I  Abb.  186]  im  Domschatze  zu  Trier.  Eine  Nielloinschrift  bezeugt,  dag 
Egbert  das  Kästchen  zur  Bergung  verschiedener  Reliquien  anfertigen  lieg.  Da 
unter  diesen  sich  die  Sandale  des  Andreas  befindet,  wurde  ein  mit  Goldblech  um- 
hüllter  Fug  auf  dem  Deckel  angebracht,  so  dag  für  den  Altarstein,  eine  Platte 
antiken  Glases,  nur  wenig  Raum  übrig  blieb.  Die  Langseiten  des  rechteckigen 
Holzkastens  bekleiden  Elfenbeintafeln,  deren  zarter  Ton  sich  mit  dem  Glanz  der 
umrahmenden  Goldfassung,  der  Edelsteine  und  Schmelzplättchen  zu  einer  ebenso 
reichen  wie  vornehmen  Farbenwirkung  vereinigt.  Auf  dem  Elfenbein  sind  vier 
Schmelzplättchen  mit  den  Evangelistenzeichen  befestigt.  Die  Einfassung  setzt 
sich  zusammen  aus  kleineren  Zellenschmelzstücken  mit  geometrischem  und  Ran- 
kenornament, unterbrochen  von  Goldfeldern,  aufwelchemRundsteine  abwechseln 
mit  halben  Perlen,  die  von  flachen  Almandinherzen  in  Zellenfassung  umstellt  sind. 
Das  ist  karolingische  Überlieferung;  denn  in  derselben  Form  war  die  Zellenver- 
glasung verwendet  an  der  Patene  Karls  des  Kahlen  und  an  dem  Reimser  Einband 
des  Codex  aureus  von  870,  während  an  griechischen  Arbeiten  diese  lockere  Muster- 
bildung aus  Granatzellen  nicht  vorkommt.    Dagegen  schliegen  sich  die  Zellcn- 

228 


D  Abb.  186:  Andreastragaltar,  Egbertschule.   Trier,  Dom  D 

schmelze  der  Langseiten  so  eng  wie  möglich  an  byzantinische  Vorbilder  an,  tech- 
nisch wie  stilistisch.  Sie  gehören  zu  der  seit  dem  10.  Jahrhundert  in  Byzanz  vor- 
herrschenden Gattung,  bei  welcher  die  zur  Aufnahme  der  farbigen  Glasflüsse 
nötigen  Gruben  durch  leichte  Treibarbeit  in  eine  Goldplatte  eingetieft  werden. 
Nur  in  diese  flache  Grube  wurden  die  zarten  Goldstege,  welche  die  Zeichnung 
bilden,  hochkant  eingelötet,  so  dag  um  das  Schmelzbild  der  Goldgrund  in  breiter 
Fläche  zur  Geltung  kommt.  Die  griechische  Art  ist  hier  so  genau  nachgeahmt,  dag 
man  diese  Goldschmelze  des  Andreasaltars  für  byzantinische  Arbeiten  halten 
könnte,  wenn  nicht  andere  Werke  der  Egbertschule  die  volle  Beherrschung  der 
Schmelzkunst  in  Trier  auger  Frage  stellen  würden.  D 

Grundverschieden  ist  die  Ausstattung  der  Schmalseiten  des  Tragaltars.  Auf 
dem  Rand  wiederholt  sich  zwar  der  übliche  Wechsel  von  Zellenschmelz  und  Fili- 
granfeldern mit  Steinen  und  Granatherzen.  Aber  das  Email  ist  nach  dem  älteren 
Verfahren  hergestellt,  welches  im  10.  Jahrhundert  in  Byzanz  kaum  mehr  in  Übung 
stand.  Hier  bedecken  die  Glasflüsse  die  ganze  Fläche  der  Goldunterlage:  sie  wer- 
den am  Augenrand  ebenso  durch  hochkant  aufgelötete  Stege  begrenzt,  wie  inner- 
halb der  einzelnen  Farbflächen  des  Ornaments.  Das  ist  genau  die  Schmelzart  des 
Mailänders  Wolvinius  und  es  ist  sehr  wahrscheinlich,  dag  der  Trierer  Werkstatt 
diese  Kunst  aus  karolingischer  Quelle,  inmüttelbar  aus  Italien  oder  auf  dem  Um- 
weg über  Frankreich  überkommen  ist.  Eine  merkwürdige  Mischung  von  Rück- 
ständigkeit und  fortschrittlichem  Streben  offenbart  sich  in  der  Verzierung  inner- 

229 


halb  des  Randschmuckes.  Die  Flächen  sind  durch  vertieft  gelegte  Perlschnüre, 
ein  beliebtes  Motiv  der  griechischen  Goldschmiede,  in  dreieckige  und  schuppen- 
förmige  Felder  zerlegt,  die  mit  roten  Glasstücken  oder  Almandinen  gefüllt  sind. 
Darauf  liegen  aus  Goldblech  durchbrochen  ausgeschnitten  allerlei  Tierbilder  und 
die  Evangelistenzeichen.  Also  ein  Versuch,  mit  Hilfe  der  altgewohnten  Zellen- 
verglasung  figürlicheMuster  herauszubringen.  Als  Mittelstück  isteinaltesKleinod 
der  Völkerwanderungszeit  verwertet,  eine  Rundscheibe  von  ungemein  feinen 
Almandinzellen  mit  einer  Goldmünze  Justinians  in  der  Mitte.  D 

Zum  Inhalt  des  Andreasaltars  gehört  die  goldene  Kapsel  eines  Nagels  vom 
Kreuze  Christi,  die  unberührt  vom  griechischen  Einfluß  noch  ganz  auf  dem  Boden 
der  heimischen  Kunstübung  steht.  Die  vierseitige  Hülle  mit  breitem  Knauf  ahmt 
die  Form  des  Nagels  nach.  Sie  ist  mit  Zellenmosaik  in  der  fränkischen  Art  des 
9.  Jahrhunderts  und  mit  zwölf  schmalen  Platten  aus  Zellenschmelz  belegt,  die  in 
Technik,  Ornament  und  Farben,  durchsichtiges  Grün  und  Blau,  undurchsichtiges 
Weiß,  demWolviniusemail  gleichen.  Mit  der  einfachen  geometrischen  Musterung- 
in den  drei  Grundfarben  begnügt  sich  auch  noch  ein  goldener  Rahmen  im  Beuth- 
Schinkel-Museum  zu  Charlottenburg;  seine  Herkunft  aus  der  Egbertwerkstatt  wird 
durch  die  herzförmigenAlmandinzellen  beglaubigt.  Auf  derselben  Stufe  steht  das 
goldene  Egbertkreuz  in  Maastricht,  dessen  Rand  Schmelzstücke  der  Wolviniusart 
umziehen.  Die  goldeneHülle  desPetrusstabes  inLimburg,  erst  im  19.  Jahrhundert 
dem  Trierer  Dom  entfremdet,  trägt  eine  ausführliche  Inschrift,  die  berichtet,  daß 
dieses  Reliquiar  980  im  Auftrag  Egberts  angefertigt  worden  ist.  Hier  sind  die 
Trierer  Schmelzwirker  bereits  zu  figürlichen  Schmelzbildern  vorgeschritten.  In 
die  Zeit  der  Reife  Egbertischer  Kunstpflege  führt  uns  der  46  cm  hohe  Einband 
einer  bilderreichenHandschrift  aus  demKlosterEchternach  imMuseum  von  Gotha 
[s.  Tafel].  Alle  Künste,  welche  die  Trierer  Meister  beherrschten,  sind  an  diesem 
Prachtwerk  vereinigt:  die  Elfenbeinschnitzerei  im  Mittelfeld,  Zellenschmelz  und 
Zellenglas,  Filigran  und  Perlschnüre,  dann  flache  Treibarbeit  in  Gold  für  die 
Flächen  zwischen  dem  äußeren  und  inneren  Rahmen.  Der  Einband  ist  das  einzige 
Denkmal,  das  für  die  Verbindung  der  Kaiserin  Theophanu  mit  der  Egbertschule 
Zeugnis  ablegt.  In  den  zarten,  leider  arg  zerdrückten  Goldreliefs  ist  neben  den 
Paradiesesflüssen,  Evangelistenzeichen  und  sechs  Heiligen  die  Kaiserin  selbst 
als  Stifterin  des  Kunstwerks  mit  der  Beischrift  Theophaniu  Imp.  abgebildet,  ihr 
gegenüber  ihr  Sohn  Otto  III.  Nur  auf  diesen  ist  die  Inschrift  Otto  Rex  zu  deuten. 
Das  Werk  ist  also  während  der  RegentschaftTheophanus  zwischen  983  und  ihrem 
Todesjahr  991  ausgeführt.  Für  die  schon  in  Reims  meisterhaft  geübte  Treibarbeit 
in  Gold  bedurften  die  Trierer  Künstler  der  griechischen  Vorbilder  nicht;  trotzdem 
verraten  die  feierliche  Haltung  der  schlanken  Gestalten  und  die  senkrecht  fließen- 
den Gewänder  doch  einen  starken  Einschlag  byzantinischen  Geschmacks.  D 

Das  Trierer  Email  ist  gelegentlich  auch  in  auswärtigen  Werkstätten  verwendet 
worden.  Auf  demEinband  einesMetzerEvangeliars  derPariser Nationalbibliothek 
[Manuscr.  lat.  9383J  sind  in  die  Goldarbeit  des  Randes  zehn  Schmelzplatten  ein- 
gefügt, die  in  Ornament  und  Technik  vollkommen  den  Emails  auf  den  Schmal- 
seiten des  Andreasaltars  gleichen,  während  die  schöneElfenbeintafeldes  10.  Jahr- 

230 


1(3,.]  CODEX  VON  ECHTERNACH 

MK  HERZOGL.  MUSEUM,  GOTHA 


Abb.  187: 
D 


Silberplatte  von  der  Kanzel  Heinrichs  11.  in  Aachen 

11.  Jahrhundert 


D    Abb.  188:   Mantelschliege  in  Mainz, 

D 


Hunderts  in  der  Mitte  des  Einbands  wie  die  Handschrift  selbst  der  an  Elfenbein- 
werken außerordentlich  fruchtbaren  Kunstschule  von  Metz  angehören.  D 

Zellenschmelzstücke  der  Trierer  Gattung  finden  sich  ferner  auf  dem  ursprüng- 
lich byzantinischen,  aber  zum  großen  Teil  in  Deutschland  ergänzten  Felixreliquiar 
des  Aachener  Münsterschatzes,  das  im  übrigen  keine  Verwandtschaft  mit  den 
Werken  der  Egbertschule  aufweist.  D 

Die  in  AACHEN  selbst  geschaffenen  und  in  der  Münsterkirche  bewahrten  Denk- 
mäler derOttonenzeit  stehen  nicht  auf  derselben  Stufe  der  Stilentwicklung  wie  die 
Trierer  Kunstwerke.  Denn  dieser  alte  Sitz  karolingischer  Kunst  gewährte  dem 
byzantinischen  Element  nur  zögernd  Eingang.  Die  17  goldenen  Reliefplatten  mit 
figurenreichen  Bildern  aus  dem  Leiden  Christi  und  mit  Einzelfiguren,  von  einer 
Altartafel  herrührend,  die  wahrscheinlich  Otto  III.  um  das  Jahr  1000  gestiftet  hatte, 
sind  noch  echte  Nachkommen  der  spätkarolingischen  Goldplastik.  In  derselben 
Werkstatt  sind  augenscheinlich  die  getriebenen  Goldplatten  eines  gleichzeitigen 
Evangelienbuchdeckels  entstanden,  in  dessen  Randverzierung  die  vom  Psalter 
Karls  des  Kahlen  bekannten  Kreuze  aus  aufgelöteten  Goldbändchen  wiederkehren. 
Nur  in  dem  Mittelstück  aus  Elfenbein  und  einigen  bescheidenen  Zellenschmelz- 
plättchen  des  Einbands  kommt  auch  der  byzantinische  Geschmack  zum  Worte.  D 

Die  Kanzel,  die  Heinrich  II.  als  König,  also  vor  1014,  dem  Aachener  Dom  schenkte, 
haben  spätere  Ergänzungen  sehr  entstellt;  von  den  ursprünglichen  Silberfüllun- 
gen ist  noch  eine  Relieftafel  mit  dem  Evangelisten  Matthäus  vorhanden  |  Abb.  187 1, 
welche  das  Nachwirken  der  karolingischen  Buchmalerei  besonders  deutlich  macht. 

Ob  das  edelsteinbesetzte  Lotharkreuz  des  Münsterschatzes,  bei  dem  der  Zellen- 
schmelz nur  an  untergeordneter  Stelle  verwendet  ist,  aus  einer  Aachener  Werk- 
statt hervorging,  bleibt  fraglich.  Denn  nach  der  sehr  ungewöhnlichen  Form  der 
Kreuzendungen  gehört  es  zu  dem  Essener  Goldkreuz,  das  die  Äbtissin  Mathilde 
mit  ihrem  Bruder  Herzog  Otto  von  Schwaben  und  Bayern  zwischen  975  und  982 

231 


für  Essen  bestellt  hatte.  Das  Mathildenkreuz  aber  steht  wie  die  übrigen  ottoni- 
schen  Kunstwerke  des  später  zu  besprechenden  Essener  Schatzes,  im  Gegensatz 
zu  den  Aachener  Arbeiten,  vollständig  im  Banne  von  Byzanz.  Das  Lotharkreuz 
führt  seinen  Namen  nach  dem  Kristallpetschaft  König  Lothars  IL  [gest.  869],  das 
nebst  einer  herrlichen  Augustuskamee  zwischen  kleineren  Steinen  aufgelegt  ist. 
Seine  Entstehung  im  Ausgange  des  10.  Jahrhunderts  ist  durch  Formverwandt- 
schaft mit  dem  datierbaren  Kreuz  zu  Essen  sichergestellt.  D 

Im  Verlauf  des  IL  Jahrhunderts  gewinnt  die  mit  den  griechischen  Mitteln  ar- 
beitende Goldschmiedekunst  an  Boden  und  am  Ausgange  dieses  Zeitalters  ist  ihr 
äugerlichesKennzeichen,  der  Zellenschmelz, wie  inItalien  und  Frankreich,  so  auch 
in  Deutschland  allerorten  verbreitet.  □ 

Von  kölnischer  Arbeit  ist  nur  eine  Schmelzscheibe  mit  der  Gestalt  des  Erz- 
bischofs Severin  erhalten,  der  einzige  Rest  der  im  19.  Jahrhundert  vernichteten 
Goldbekleidung  des  Reliquienschreines  dieses  Heiligen.  Um  das  Jahr  1090  ent- 
standen, ist  die  Severinsplatte  eine  der  spätesten,  aber  auch  eine  der  anspruchs- 
vollsten und  vorgeschrittensten  Arbeiten  des  griechischen  Stils.  Auch  Mainz,  wo 
Erzbischof  Willigis  schon  im  10.  Jahrhundert  der  Kunstpflege  sich  annahm,  hat 
auger  den  schmucklosen  Erztüren  am  Dom  nur  wenig  überliefert.  Es  ist  kaum 
zu  entscheiden,  ob  der  in  Mainz  ausgegrabene  reiche  Frauenschmuck  aus  Gold- 
ketten mit  Schmelzplättchen  und  Kameen,  Ohrringen  und  Fingerringen  in  der 
Sammlung  v.  Heyl  zu  Darmstadt  byzantinische  oder  sizilianische  Arbeit  ist,  oder 
eine  deutsche  Nachahmung.  Die  Ähnlichkeit  mit  den  Gehängen  an  der  Krone  der 
Kaiserin  Konstanze  in  Palermo  spricht  nicht  für  das  letztere.  Jedenfalls  aber  darf 
man  die  große  Mantelschliege  gleichen  Fundorts  im  Mainzer  Museum  [Abb.  188]  für 
die  deutsche  Kunst  in  Anspruch  nehmen.  Es  ist  sehr  bemerkenswert,  dag  dieses 
weltliche  Schmuckstück  in  der  starren  Stilisierung  des  emaillierten  Adlers,  den 
ein  Kreis  kräftiger  Filigranranken  mit  Schmelzblüten  umschließt,  noch  an  die 
fränkischen  Adlerfibeln  der  merowingischen  Zeit  erinnert.  □ 

In  Süddeutschland  tritt  die  bayrische  Hauptstadt  REGENSBURG  mit  dem 
EMMERAMSKLOSTER  als  die  bedeutendste  Kunststätte  im  11.  Jahrhundert  her- 
vor. Ihre  Tätigkeit  ist  nicht  bloß,  wie  die  der  Tegernseer  Klosterwerkstatt,  durch 
urkundliche  Nachrichten,  sondern  durch  zahlreiche  Buchmalereien  und  eine  Reihe 
der  hervorragendsten  Goldschmiedwerke  beglaubigt.  Die  Vermutung  liegt  nahe, 
dag  der  Kunstbetrieb  von  S.  Emmeram  in  seinen  Anfängen  mit  der  Trierer  Schule 
zusammenhing,  denn  der  Regensburger  Abt  Ramwold  war  975  aus  dem  Maximins- 
kloster in  Trier  nach  S.  Emmeram  berufen  worden.  Die  erhaltenen  Werke  bestäti- 
gen diese  Annahme  aber  nicht;  weder  in  den  Malereien  von  Regensburg  noch  in 
den  Goldarbeiten  sind  bestimmte  Spuren  desTrierer  Stils  zu  bemerken.  Die  Blüte 
der  Regensburger  Schule  fällt  in  die  Zeit  Kaiser  Heinrichs  IL,  der  den  Kirchen 
seiner  bayrischen  Heimat  besondere  Gunst  erwies.  ü 

Ein  sicheres  Regensburger  Denkmal  ist  der  kastenförmige  Buchdeckel  eines 
gemalten  Evangeliars  in  der  Münchener  Staatsbibliothek,  das  für  die  Äbtissin  Uta 
von  Niedermünster  1 1002  bis  1025 1  geschrieben  worden  ist.  Auf  dem  Deckel  ruht 
in  starkem  Relief  die  thronende  Gestalt  des  Weltrichters,  aus  dünnem  Goldblech 

232 


über  einen  Holzkern  geschlagen. 
Das  vertiefte  Feld  begrenzt  eine 
Reihe  kleiner  Schmelzplatten  der 
byzantinischen  Technik,  aber  von 
Regensburger  Arbeit.  Denn  der 
aus  abgepaßten,  ebenso  gut  ge- 
machten Schmelzstücken  gebil- 
dete Nimbus  beweist,  dag  der 
ganze  Emailschmuck  für  dieses 

Werk  hergestellt  worden  ist. 
Auch  figürlichen  Darstellungen 
war  die  Regensburger  Schmelz- 
kunst schon  vollkommen  gewach- 
sen; auf  dem  mit  Filigran  und 
Steinen  gezierten  Deckelrand  ist 
eine  größere  Schmelzscheibe  mit 
der  Jungfrau  und  lateinischer  Bei- 
schrift angebracht.  Das  Gegen- 
stück mit  dem  Verkündigungs- 
engel ist  verloren  und  durch  ein 
byzantinisches  Stück  ersetzt.     D 

Mit  einer  Menge  ganz  ähnli- 
cher ornamentaler  Zellenschmelz- 
stücke ist  das  goldene  Kreuz  in 
der  Reichen  Kapelle  zu  München  besetzt,  das  laut  Inschrift  Gisela  von  Ungarn,  die 
Schwester  Kaiser  Heinrichs  II.  für  das  Grab  ihrer  1007  verstorbenen  Mutter  Gisela 
von  Bayern  machen  ließ.  Diese  aber  lag  in  Regensburg  in  dem  genannten  Kloster 
Niedermünster  bestattet.  Q 

Daß  die  Goldschmiedewerkstatt  zum  Kloster  S.  Emmeram  gehörte,  ergibt  sich 
aus  einer  Stiftung  Heinrichs  II.,  dem  tafelförmigen  Tragaltar  der  Reichen  Kapelle. 
Die  Kristallplatte  des  Mittelfeldes,  unter  der  vier  Goldplatten  mit  den  gravierten 
Evangelistenbildern  neben  dem  Gehäuse  einer  Kreuzreliquie  sichtbar  sind,  um- 
ziehen getriebene  Ranken  byzantinischen  Stils  und  ein  breiter  Goldrahmen  mit 
Edelsteinen.  Deren  Filigranfassung  ist  augenscheinlich  dem  karolingischen  Ein- 
band des  Codex  aureus  [vgl.  Abb.  185 1  nachgebildet,  und  dieses  Vorbild  wurde 
seit  den  Tagen  Kaiser  Arnulfs  im  Emmeramskloster  behütet.  Die  Unterseite  des 
Tragaltars  trägt  in  Silber  graviert  das  Lamm  Gottes,  die  Ecclesia  zwischen  Aaron 
und  Melchisedek  und  die  Opferung  Isaaks,  typologische  Bilder,  die  auch  später- 
hin, im  12.  Jahrhundert,  für  Tragaltäre  oft  gewählt  wurden.  Der  Stil  dieser  in 
einfach  klarer  Zeichnung  ausgeführten  Gravierung  ermöglicht  es,  noch  zwei 
weitere  Tragaltäre  des  11.  Jahrhunderts  im  Clunynuiscum  [früher  Sammlung 
Spitzer]  und  im  bayrischen Nationalnuiseum  [aus  Watterbach  iiil'ntert'raiil<en|  mit 
ganz  gleichartigen  Gravierungen  für  die  Werkstatt  von  S.  EninuMain  in  Anspruch 
zu  nehmen.  D 


Abb.  189:  Rückseite  des  Sakramentareinbandes  Heinrichs  IL 
D  aus  Regensburg  in  München  ö 


233 


Auf  dasselbe  Kloster  ist  wegen  der  Abhängigkeit  vom  Codex  aureus  die  reich- 
verzierte Sakramentarhandschrift  der  Münchener  Staatsbibliothek  nebst  ihrem 
Einband  [Cim.  60]  zurückzuführen,  die  Heinrich  noch  als  König,  also  zwischen 
1002  und  1014,  seiner  Stiftung  Bamberg  zugewendet  hat.  Nur  die  Rückseite  des 
Einbands  ist  im  Urzustand  erhalten  [Abb.  189].  Sie  zeigt  den  Verfasser  des  Sakra- 
mentars S.  Gregor  schreibend  vor  den  zurückgeschlagenen  Vorhängen  eines  Ge- 
bäudes; das  Ganze  mit  größter  Klarheit  und  reiner  Zeichnung  in  eine  Silber- 
platte graviert  und  teilweis  vergoldet.  Der  Hintergrund  ist  herausgestochen,  so 
dag  das  durchbrochene  Bild  sich  scharf  vom  dunklen  Bezug  des  Buchdeckels  ab- 
hebt. Die  Absicht,  die  bescheidene  Wirkung  einer  bloß  gravierten  Zeichnung  zu 
steigern  und  durch  den  Gegensatz  eines  dunklen  oder  farbigen  Grundes  zu  er- 
höhen, wurde  mit  dem  einfachen  Mittel  der  Durchbrechung  so  gut  erreicht,  dag 
dieses  Verfahren,  das  Theophilus  in  seinem  Lehrbuch  als  Opus  interrasile  be- 
schreibt, im  11.  Jahrhundert  weite  Verbreitung  gewann  und  sogar  bis  zur  Gotik 
vorhielt.  Es  sind  noch  mehrereBeispiele  bayrischer  Arbeit  erhalten,  als  Ausläufer 
des  12.  Jahrhunderts  namentlich  ein  Silbereinband  in  der  Universitätsbibliothek 
von  Würzburg.  Wir  werden  der  Technik  auch  in  den  Klosterschulen  von  Hildes- 
heim und  Helmershausen  wieder  begegnen.  D 

Aus  Bamberg  stammt  der  prunkvolle  Einband  des  Evangeliars  Heinrichs  II.  in 
München  [Staatsbibliothek  Cim.  57],  dessen  Elfenbeinrelief  Zellenschmelze  und 
Edelsteine  in  regelmäßigem  Wechsel  dicht  gereiht  umgeben.  Es  ist  eines  der 
seltenenBeispiele dafür,  dag  zuweilen wirklichbyzantinischeEmails  auf  deutschen 
Arbeiten  mit  verbraucht  wurden.  Denn  zwölf  Schmelzplatten  mit  den  griechisch 
betitelten  Brustbildern  Christi  und  der  Apostel  sind  zweifellos  griechische  Arbeit, 
von  der  dieAusführung  der  vier  Schmelzscheiben  des  bayrischenMeisters  auf  den 
Ecken  des  Buches  scharf  absticht.  D 

Auch  wo  das  äußerliche  Kennzeichen  des  Goldschmelzes  fehlt,  ist  die  griechische 
Strömung  in  deutschen  Goldschmiedwerken  des  11.  Jahrhunderts  nicht  zu  ver- 
kennen. Den  bestenBeweis  dafür  liefert  das  stattlichste  Denkmal  der  vielgerühm- 
ten Freigebigkeit  Heinrichs  des  Frommen,  der  goldene  Altaraufsatz  aus  dem  Dom 
zu  Basel  im  Clunymuseum  [Abb.  190].  Auf  der  großen  Tafel  ist  unter  Rundbogen 
Christus  zwischen  den  Erzengeln  Gabriel,  Raphael,  Michael  und  dem  heiligen 
Benedikt  dargestellt  in  ähnlichem  Relief,  Goldblech  auf  Holzkern,  wie  der  Welt- 
richter auf  dem  Utakodex.  Zu  Füßen  Christi  knien  die  königlichen  Stifter,  Mann 
und  Frau,  beide  bekrönt.  In  diesem  Streben  nach  starker  Plastik  liegt  nichts 
byzantinisches;  es  ist  durch  selbständige  Regungen  der  abendländischen  Kunst 
in  die  Metallarbeit  des  11.  Jahrhunderts  hineingetragen.  Um  so  deutlicher  spricht 
das  Ornament  für  griechische  Vorbilder.  Die  Flächen  des  Rahmens  überzieht  flach 
getriebenes  Rankenwerk  von  ausgesprochen  byzantinischem  Charakter,  gekenn- 
zeichnet durch  die  palmettenartigen,  abwechslungsreichen  Blattbildungen  an  den 
Enden  der  Spiralranken  und  auch  durch  eingeordnete  Tiere.  Auch  die  lateinische 
Nielloinschrift  des  Altars,  die  den  heiligen  Benedikt  preist,  ist  mit  griechischen 
Worten  durchsetzt.  Die  Überlieferung,  die  Heinrich  den  Frommen  als  Schenker 
nennt,  ist  erst  seit  dem  15.  Jahrhundert  beurkundet.   Aber  der  Stil  des  Werkes 

234 


ü  Abb.  19(1:  Baseler  Goldaltar  Heinrichs  II.  in  Paris  D 

genügt,  um  dieDeutungdesKönigspaares  auf  Heinrich,  derBasell006andasReich 
gebracht  hat,  und  auf  seine  GemahHnKunigund  vollauf  zu  rechtfertigen.  DieWerk- 
statt  ist  unbekannt.  Man  darf  wohl  an  dieRegensburgerSchuledenken.  DiePlastik 
erhebt  sich  zwar  auf  eine  etwas  höhere  Stufe  als  diejenige  des  Utakodex,  aber  das 
Rankenornament  mit  den  über  den  Bogenzwickeln  eingefügten  vier  Rundbildern 
der  Tugenden  steht  den  gravierten  Ranken  und  den  entsprechenden  Rundbildern 
auf  den  genannten  Tragaltären  aus  Watterbach  und  im  Clunymuseum  sehr  nahe. 
Strittig  ist  die  Heimatsfrage  des  ehrwürdigsten  Denkmals  dieser  Kunstrichtung, 
der  altendeutschenKAISERKRONE  in  Wien.  Siebesteht  aus  acht  oben  gerundeten, 
mit  Edelsteinen  und  Perlen  in  sehr  hohen,  derben  Filigranfassungen  übersäten 
Goldplatten.  Die  vordere,  von  einem  Kreuz  überragte  Tafel  verbindet  mit  der  rück- 
wärtigen ein  Bügel,  der  in  Perlschnüren  die  Inschrift  Chuonradus  Dei  Gratia 
Romanorum  Imperator  Augustus  trägt.  Es  liegt  kein  zwingenderGrund  vor,  Kreuz 
und  Bügel  für  eine  jüngere  Zutat  zu  halten.  In  vier  Tafeln  sind  vier  grolle  Zellen- 
schmelzplatten  mit  Christus  zwischen  Cherubin,  den  Königen  David,  Salomon  und 
Ezechias  nebst  dem  Propheten  Isaias  mit  lateinischen  Inschriften  eingefügt.  Diese 
Emails,  die  bestimmt  für  die  Krone  gemacht  sind,  wie  schon  der  Spruch  'Per  me 
reges  regnant'  auf  der  Christusplatte  beweist,  schlietjen  eine  Entstehung  aul^er- 
halb  des  11.  Jahrhunderts  aus.  Der  Besteller  kann  demnach  nur  Konrad  IL,  Kaiser 
seit  1027,  gewesen  sein.  Es  ist  nichts  an  der  Krone,  was  einem  deutschen  Gold- 
schmied der  Zeit  nicht  zuzutrauen  und  geläufig  wäre,  obwohl  sie  in  die  Art  der 
wenigen  uns  genauer  bekannten  deutschen  Werkstätten  sich  nicht  einfügt.  Auch 
der  ziemlich  gleichzeitige,  viel  einfachere  Kronreif  der  heiligen  Kunigunde  in  der 

235 


Münchener  Schatzkammer  bietet  nichts  verwandtes.  Die  Möglichkeit,  dag  die 
Kaiserkrone  in  Italien  beschafft  wurde,  ist  nicht  ausgeschlossen,  doch  fehlt  ein 
Anlag,  ihre  Heimat  außerhalb  Deutschlands  zu  suchen.  D 

In  NORDDEUTSCHLAND  bedeutet  der  Schatz  der  Münsterkirche  in  ESSEN 
den  Höhepunkt  der  byzantinisierenden  Richtung.  D 

Die  unvergleichliche  Folge  von  Arbeiten  des  10.  und  11.  Jahrhunderts  stammt 
aus  der  Glanzzeit  des  ehemaligen  Kanonissenstifts,  als  fürstliche  Frauen  aus  dem 
sächsischen  Kaiserhause  dort  als  Äbtissinnen  walteten.  Sicherlich  sind  deren  Be- 
ziehungen zum  Hofe,  der  seit  den  Tagen  der  Kaiserin  Theophanu  griechische  Bil- 
dung pflegte,  auf  die  Stilrichtung  der  Essener  Kunstpflege  nicht  ohne  Eindruck 
geblieben.  D 

Die  Essener  Denkmäler  dieser  Zeit  zerfallen  in  zwei  Gruppen:  erstens  die 
Stiftungen  der  Äbtissin  Mathilde  [973  bis  1011],  einer  Enkelin  Kaiser  Ottos  I.,  und 
zweitens  die  Arbeiten  aus  der  Zeit  der  Äbtissin  Theophanu  [1039  bis  1056],  der 
Enkelin  Ottos  II.  D 

Das  Hauptwerk  der  Mathilde,  ein  goldbedeckter  Schrein  für  die  Reliquien  der 
Heiligen  Marsus  und  Lugtrudis,  den  Theophanu  vollenden  ließ,  ist  im  Jahre  1794 
vernichtet  worden.  Man  weiß  nur,  daß  darauf  das  Bild  eines  Kaisers  Otto  mit  einem 
griechischen  Spruch  und  dem  byzantinischen  Titel  Autokrator  Romaion  angebracht 
war.  Erhalten  ist  ein  siebenarmiger Erzleuchter,  nach  dem  jüdischenLeuchter  am 
Titusbogen  in  Rom  gestaltet,  mit  der  eingeschlagenen  Aufschrift:  MAHTHILD 
ABBATISSA  me  fieri  jussit  et  christo  consecravit,  ferner  ein  Vortragekreuz  von 
der  Form  des  Aachener  Lotharkreuzes.  Es  trägt  Namen  und  Bildnis  der  Stifter: 
auf  einer  Zellenschmelztafel  von  vollendet  feiner  Arbeit  zu  Füßen  des  Gekreu- 
zigten sind  in  reicher  Tracht  dieselbe  MahthildAbbatissa  und  OttoDux,  ihr  Bruder, 
Herzog  von  Schwaben  und  Bayern  [gest.  982]  mit  dem  Kreuz  in  Händen  dar- 
gestellt. D 

Der  herrliche  Bronzekandelaber  kann  trotz  der  Inschrift  unmöglich  für  das 
deutsche  Kunstgewerbe  in  Anspruch  genommen  werden.  Die  klassische  Form  der 
vierfüßigen  Basis  mit  ihren  feinen  Profilen  und  der  als  Satyr  gebildeten  Figur  des 
Aquilo,  der  kunstvoll  gegliederte  Aufbau  von  Schaft  und  Armen,  die  sorgfältige 
Durchführung  aller  schmückenden  Einzelheiten,  alles  das  liegt  vollständig  außer- 
halb der  deutschen  Leistungsfähigkeit  um  das  Jahr  1000.  Das  teils  antikisierende, 
teils  orientalische  Blatt-  und  Rankenwerk  läßt  keinen  Zweifel,  daß  die  Bestellung 
der  Mathilde  in  Byzanz  ausgeführt  und  daß  die  Widmung  erst  auf  das  fertig  ge- 
lieferte Meisterwerk  in  Essen  aufgebracht  worden  ist.  D 

Anders  steht  es  mit  dem  Goldkreuz  der  fürstlichen  Geschwister.  Es  ist,  obwohl 
es  keinem  griechischen  Goldschmied  zur  Unehre  gereichen  würde,  eine  deutsche 
Arbeit.  Beweis  dessen  die  Inschrift  in  der  Bildnisplatte  der  Stifter  mit  der  deut- 
schen Schreibweise  'Mahthild',  dann  die  Verwandtschaft  mit  dem  Lotharkreuz, 
schließlich  die  in  das  vergoldete  Kupferblech  der  Rückseite  eingravierten  Ranken 
und  Evangelistenzeichen  in  Kreisen.  Das  ist  eine  zur  Ottonenzeit  in  Deutsch- 
land gangbare  Verzierungsart,  die  uns  schon  die  Tragaltäre  aus  Regensburg  ge- 
zeigt haben.  Diese  Rückseitengravierung  ist  ursprünglich  und  zugleich  mit  der 

236 


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D  Abb.  191  u.  192:  Essener  Goldkreuz,  um  1050.   Vorder-  und  Rückseite  G 

edelsteinbesetzten  Schauseite  ausgeführt,  denn  gleichartige  Ranken  finden  sich 
auf  dem  derselben  Stilperiode  angehörigenEvangelienband  des  heiligen  Bernward 
[993  bis  1022J  in  Hildesheim.  Dag  der  Meister  des  Mathildenkreuzes  unmittelbar 
und  mit  Erfolg  von  Byzanz  gelernt  hatte,  ergibt  sich  nicht  nur  aus  seiner  sicheren 
Benützung  des  Zellenschmelzes  für  figürliche  Aufgaben,  sondern  noch  mehr  aus 
der  edlen  Bildung  des  Gekreuzigten,  der  weich  und  flüssig  aus  Gold  getrieben  ist. 
Der  Künstler  kam  nicht  aus  Trier  und  auch  nicht  aus  der  erst  etwas  später  blühen- 
den Regensburger  Werkstatt,  denn  es  sind  keinerlei  greifbare  Kennzeichen  dieser 
Schulen  an  den  Essener  Denkmälern  zu  bemerken,  D 

Die  geschlossene  Gruppe  der  Arbeiten  aus  der  Zeit  der  Äbtissin  Theophanu 
macht  es  sehr  wahrscheinlich,  dag  in  Essen  selbst  eine  Werkstatt  bestand,  die  im 
sächsischen  Kunstkreise  wurzelnd,  mit  Hildesheim  und  Helmershausen  in  Verbin- 
dung stand.  Der  Schatz  besitzt  zwei  Stücke,  die  nachweislich  von  Theophanu  be- 
stellt sind:  ein  Vortragekreuz  von  der  Größe  des  Mathildenkreuzes  [46  cm  hoch] 
und  einen  Evangelienbucheinband,  beide  mit  Widmungen  der  Theophanu  ver- 
sehen. Auf  der  Schauseite  des  Einbands  ist  ein  Elfenbeinrelief  umstellt  von  vier 
Goldplatten,  auf  welchen  oben  Christus  zwischen  Engeln,  seitlich  Petrus.  Paulus 
und  die  Stiftspatrone  Cosmas  undDamian,  unten  Maria  mit  derÄbtissin  Theophanu 
zu  Fügen  zwischen  den  Heiligen  Pinnosa  und  Waldburg  in  trefflicher  Treibarbeit 
dargestellt  sind.  Schön  und  regelmäßig  gezeiclinetos  Filigran  mit  Steinen  und  ge- 
triebene Ranken  umrahmen  die  einzelnen  Felder.  Die  stoff  bezogene  Rückseite,  die 
heute  als  Deckel  der  ursprünglichen  Handschrift  dient,  trägt  fünf  Kupferscheiben 
mit  den  gravierten  Evangelistenzeichen  und  dem  Lamm  Gottes,  umgeben  von 

237 


Ranken  auf  einem  mit  dem  Kreis- 
punzen dichtgekörnten  Grund. 
Der  Punzensclilag  hat  wie  das 
Opus  interrasile  den  Zweck,  die 
gravierte  Zeichnung  deutlicher 
vom  Grund  abzuheben.  Diese 
sehr  charakteristisch  gezeich- 
neten Ranken  sind  vollkommen 
gleichen  Stils  wie  die  getriebenen 
Ranken  der  Vorderseite  und  sie 
beweisen  mit  voller  Bestimmt- 
heit, dag  die  beiden  Deckel  gleich- 
zeitig und  von  derselben  Hand 
ausgeführt  sind.  Diese  an  sich 
unwesentliche  Tatsache  ist  von 
entscheidender  Wichtigkeit  nicht 
nur  für  den  Nachweis,  dag  die 
Essener  Denkmäler  derbyzanti- 
nisierenden  Stilperiode  alle  aus 
einer  und  derselben  Werkstatt 
hervorgegangen  sind,  sondern 
auch  für  den  Zusammenhang  der 
sächsischen  Klosterschulen  un- 
tereinander undinsbesondere  für 
die  Beziehungen  von  Essen  zu 
Helmershausen.  Denn  eben  die- 
selbe gravierte  Ornamentik  auf 

gepunztem  Grund,  das  Opus 
punctile  des  Theophilus,  kehrt  in 
Essen  auf  drei  Kreuzen  als  Rück- 
seitenschmuck und  auf  demBasi- 
liusarmreliquiar  wieder  und  wird 
dann  von  Rogerus  in  Helmers- 

D  Abb.  193:  Marienfjgur  in  Essen,  um  1050  D     haUSCn  fortgeführt,    der    Seiuer- 

seits  wieder  mit  Hildesheim  und  mit  Fritzlar  in  Verbindung  stand.  D 

Das  Kreuz  der  Theophanu  ist  nach  Ausweis  der  Filigranarbeit  und  der  Stein- 
fassung auf  der  goldenen  Vorderseite  von  dem  Meister  des  Bucheinbandes  ge- 
fertigt. Nur  die  darauf  angebrachten  ausgezeichneten  Zellenschmelzplatten,  acht- 
zehn Stück  mit  Löwen,  Greifen,  Vögeln,  Löwenmasken  und  Pflanzenornamenten, 
welche  schon  ihrer  Form  nach  nicht  für  das  Kreuz  gemacht  sein  können,  sind 
byzantinischer  Herkunft.  Weitere  Schmelzstücke  derselben  Folge  sind  auf  einem 
tafelförmigen  Reliquiar  des  Essener  Schatzes  verwendet,  das  durch  die  Filigran- 
behandlung sich  als  ein  Werk  desselben  Künstlers  erweist.  Die  gravierte  und  ge- 
punzte  Rückseite  des  Theophanukreuzes  entspricht  auch  stilistisch  der  Rückseite 

238 


des  Einbandes  und  ist  daher  ohne  Frage  ursprünglich.  Das  Gegenstück  des  Theo- 
phanukreuzes,  von  derselben  Form  und  mit  ganz  gleichartiger  Rückenverzierung, 
trägt  keinerlei  Inschrift  [Abb.  191  u.  192].  Das  gravierte  Ornament  des  Rückens 
genügt  aber  vollkommen,  um  die  zeitlich  und  örtlich  gleiche  Herkunft,  wenn  auch 
nicht  die  gleiche  Hand,  festzustellen.  Die  Essener  Werkstatt  hat  hier  ihr  eigenes 
Können  im  Zellenschmelz  breit  entfaltet.  Fünf  große  Schmelztafeln  mit  den  Evan- 
gelistenzeichen und  einer  Kreuzigungsgruppe  auf  Goldgrund  sind  vorne  einge- 
lassen, dazu  noch  als  Randschmuck  24  kleine  Ornamentplättchen.  Die  Ausführung 
bleibt  aber  nicht  nur  hinter  den  griechischen  Originalen  des  Theophanukreuzes, 
sondern  auch  hinter  dem  älteren  Schmelzbild  des  Mathildenkreuzes  beträchtlich 
zurück.  D 

Hieran  reiht  sich  das  eindrucksvollste  Essener  Kunstwerk  der  Theophanuzeit, 
die  75  cm  hohe  Marienfigur  mit  dem  Kind  [Abb.  193],  aus  Goldblech  über  einen 
Holzkern  geschlagen.  Die  Schmiclzstücke  im  Nimbus  des  Kindes  und  namentlich 
die  Goldarbeit  der  perlenumsäumten  Marienkrone  weisen  die  Gruppe  bestimmt 
dem  Verfertiger  des  unbezeichneten  Kreuzes  zu.  Der  starre  Ausdruck  der  Köpfe 
wird  durch  die  bunten  Emailaugen,  wie  beim  Utakodex,  noch  verstärkt;  die  Hal- 
tung aber  ist  edel  und  grogzügig  und  der  Flug  der  Falten  schwungvoll.  Die  Gruppe 
überragt  hoch  die  ziemlich  gleichaltrige  französische  Goldfigur  der  heiligen  Fides 
inConques.  Auch  eine  Marienfigur  des  HildesheimerDomes  von  gleicher  Zeit  und 
Technik  reicht  nicht  an  sie  heran.  D 

Die  reichste  ornamentale  Erfindung  zeigen  die  getriebenen  Ranken  und  Tiere 
auf  der  Goldscheide  des  Essener  Schwertes,  dessen  Griff  mit  Filigran  und  Schmelz- 
werk in  der  Art  des  Theophanukreuzes  verziert  ist.  Die  Motive  des  Ornaments 
sind  byzantinischer  Abkunft;  sie  waren  aberdemdeutschenKunsthandwerk  schon 
im  Anfang  des  11.  Jahrhunderts  geläufig,  wie  die  ähnliche  Verzierung  auf  dem 
Rahmen  des  Baseler  Altars  Heinrichs  II.  bezeugt.  Mit  dem  einfachenArmreliquiar 
des  heiligen  Basilius.  welches  durch  die  gravierten  Ranken  auf  gepunztem  Grund 
an  die  Theophanuwerke  heranrückt,  schließt  die  Blütezeit  des  Essener  Betriebes. 
Das  vierte  Goldkreuz,  das  mit  Unrecht  als  Stiftung  der  vorgenannten  Äbtissin 
Mathilde  gilt,  läßt  schon  einen  merklichen  Rückschritt  der  Werkstatt  erkennen. 
Es  ist  als  Gegenstück  zu  dem  vor  982  vollendeten  ersten  Mathildenkreuz  ge- 
schaffen, aber  später  und  mit  weit  geringerem  Können.  Unter  der  steif  und  un- 
beholfen gegossenen  Christusfigur  ist  in  sehr  mangelhaftem  Zellcnschmelz  die 
Stifterin  vor  der  Muttergottes  dargestellt  mit  einer  Inschrift,  von  der  nur  der  Name 
Mahthild  Abbatissa  lesbar  ist.  Das  kann  unmöglich  die  Enkelin  Ottos  des  Großen 
sein,  sondern  nur  die  jüngere  Äbtissin  dieses  Namens,  welche  um  1100  das  Stift 
verwaltete.  Denn  die  Rückseite  des  Kreuzes  ist  eine  flüchtige  und  nachlässige, 
aber  unverkennbare  Nachahmungder  Rückseitendes  Theophanukreuzes  [um  1050] 
und  seines  Gegenstückes.  Daß  dem  Verfertiger  die  drei  älteren  Goldkrouze  bei 
seiner  Arbeit  vorgelegen  haben,  spricht  ganz  gewiß  nicht  für  eine  Ausführung 
außerhalb  des  Essener  Stiftes.  D 

Es  ist  zwar  über  einen  in  Essen  ansässigen  Kunstbetrieb  duroli  Schriftquollen 
nichts  überliefert;  die  einzigen  Zeugnisse  sind  ilie  Denkmäler  selbst.  Aber  eine 

239 


D  Abb.  194:  Tragaltar  des  Rogerus  v.  Helmershausen,  1100.    Paderborn  D 

SO  kostbare  und  in  sich  so  geschlossen  zusammenhängende  Denkmälerreihe,  zu 
der  früher  noch  der  Marsusschrein  und  ein  Bucheinband  der  Äbtissin  Swanhild 
aus  der  zweiten  Hälfte  des  11.  Jahrhunderts  gehörten,  macht  den  Bezug  von  einer 
auswärtigen  Werkstatt  ganz  und  gar  unwahrscheinlich.  D 

Die  Essener  Werkstatt  war  eine  Klosterschule.  Denn  aus  ihr  ist  einer  der  be- 
rühmtesten Klosterkünstler  dieses  Zeitalters  hervorgegangen,  der  Benediktiner- 
mönch ROGERUS  VON  HELMERSHAUSEN,  einem  zum  Paderborner  Sprengel 
gehörigen  Kloster,  der  als  Verfasser  der  Schedula  diversarum  artium  sich  den 
Namen  Theophilus  beilegte.  In  mehreren  Handschriften  dieses  Kunstlehrbuches 
ist  dem  griechischen  Namen  Theophilus  der  Zusatz  'Qui  et  Rugerus'  beigefügt. 
Dag  der  Mönch  Theophilus  ein  Deutscher  war,  ist  allgemein  anerkannt,  zumal  er 
in  seinen  lateinischen  Text,  der  überall  den  ausübenden  Kunsthandwerker  verrät, 
deutsche  Worte  wie  Meigel  mit  einflicht.  D 

Der  Helmershausener  Rogerus  ist  durch  eine  Urkunde  vom  Jahre  1100  und 
durch  einige  Goldschmiedarbeiten  seiner  Hand  bekannt.  Die  schlagende  Überein- 
stimmung zwischen  diesen  ausgeführten  Werken  und  den  entsprechenden  Vor- 
schriften des  Lehrbuchs  hat  die  Vermutung  Albert  Ilgs,  dag  der  schriftstellernde 
Klosterkünstler  Theophilus-Rugerus  und  der  Frater  Rogerus  von  Helmershausen 
eine  und  dieselbe  Person  seien,  vollauf  bestätigt  und  bekräftigt.  D 

Die  Schedula  besteht  aus  drei  Büchern,  deren  erstes  der  Malerei  und  beson- 
ders der  Bereitung  von  Farben,  Bindemitteln  und  ihrer  Anwendung  gewidmet  ist. 
Das  zweite  beschreibt,  immer  in  der  Form  rein  technischer  Anleitung,  die  Glas- 
erzeugung und  sehr  klar  und  ausführlich  die  Glasmalerei.  Das  Hohlglas  wird 
kürzer  erledigt,  weil  die  kunstvollen  Gefäge  mit  Blattgoldbildern  oder  Schmelz- 
malerei dem  Theophilus  ebenso  wie  dieTongefäge  mit  farbiger  Glasurmalerei  nur 
als  griechische  Arbeiten  bekannt  sind.  Das  dritte  und  vielseitigsteBuch  behandelt, 
mit  der  Errichtung  der  Werkstatt  nebst  Öfen  und  Werkzeugen  beginnend,  das 
ganze  Gebiet  der  Metallarbeit.    Bei  der  Herstellung  von  Kelchen,  getriebenen 

240 


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D  Abb.  195:  Abdinghofer  Tragaltar  des  Rogerus  v.  Helmershausen,  Paderborn  D 

Kannen,  Rauchfässern,  Beschlägen,  Messingbecken,  Glocken  werden  die  verschie- 
denen Verfahren,  das  Gießen,  Treiben,  Stanzen,  Gravieren  und  Vergolden,  das 
Niello  und  der  Zellenschmelz,  die  Ölbräunung  des  Kupfers,  der  Punzenschlag  und 
die  durchbrochene  Arbeit  erläutert.  Es  ist  bezeichnend  für  den  Stand  des  bürger- 
lichen Handwerks  im  11.  Jahrhundert,  dag  die  Tätigkeit  dieser  Klosterwerkstatt 
über  das  rein  kirchliche  Gerät  hinausgreift;  auch  die  Verzierung  von  Frauen- 
sätteln, Sporen  und  Zaumzeug,  elfenbeinernen  Messergriffen,  von  bemalten  und 
geschnitzten  Möbeln  wird  erwähnt.  D 

Bisher  sind  vier  Metallarbeiten  des  Rogerus  nachgewiesen:  der  urkundlich 
beglaubigteTragaltarmitSilberbekleidung,  den  er  imJahre  1100  dem  Paderborner 
Bischof  Heinrich  vonWerl  [1085bisll27J  abgeliefert  hat  und  auf  dessenOberseite 
Bischof  Meinwerk  und  der  Besteller  in  Niello  dargestellt  sind  |  Domschatz  Pader- 
born; Abb.  194],  dann  ein  für  das  Kloster  Abdinghof  in  Paderborn  bestimmter 
Tragaltar  mit  durchbrochenem  Kupferbelag  in  der  Franziskanerkirche  daselbst 
[Abb.  195J,  das  meisterhaft  gearbeitete  Herforder  Goldkreuz  im  Berliner  Kunst- 
gewerbemuseum [Abb.  196,  197J  und  schliet^lich  der  Silbereinband  einer  Helmers- 
hausener  Handschrift  im  Trierer  Domschatz.  Ein  dem  Rogeruskreuz  aus  Herford 
ähnliches  Goldkreuz  besitztderDom  zuMünster  in  Westfalen,  doch  kann  eswegen 
der  merklich  geringeren  Arbeit  nicht  für  diesen  Künstler  in  Anspruch  genommen 
werden.  D 

Die  vier  Werke  kennzeichnen  den  Rogerus  als  einen  Künstler,  der  auf  die 
äußerste  Sorgfalt  und  Sauberkeit  der  Ausführung  Wert  legt  und  dessen  Stärke  in 
einer  überaus  sicheren,  bis  in  die  kleinsten  Einzelheiten  doutlichen  Zeichnung  be- 
ruht. Der  zeichnerischen  Begabung  entsprechend  ist  die  Gravierung  sein  bevor- 
zugtes Ausdrucksmittel,  deren  Wirkung  er  verstärkt  teils  durcli  das  Ausschmelzen 
mit  Niello,  einer  schwarz  glänzenden  Scluvefelsilberlegierung.  teils  durch  das 
Kreispunzieren  oder  Ausschneiden  des  Hintergrundes,  oder  auch  durch  Teilver- 
goldung auf  einem  mit  aufgedörrtem  Leinöl  gebräunten  Kupfergrund,  ganz  so,  wie 
das  alles  in  der  Schedula  beschrieben  ist.  Seine  Treibarbeit,  welche  eine  Schnial- 


16  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes 


241 


Abb.  196  u.  197; 
D 


Goldkreuz  des  Rogerus  von  Helmershausen,  Vorder-  und  Rückseite, 
museum,  Berlin 


Kunstgewerbe- 

n 


Seite  des  Tragaltars  von  1100  und  vier  Platten  mit  den  Evangelistenzeichen  auf 
dem  Trierer  Bucheinband  veranschaulichen,  geht  wie  seine  Zeichnung  auf  glatte, 
scharfe  Wirkung.  DerZellenschmelz,  den  dieSchedula  Electrum  nennt,  ist  nur  auf 
demEinband  und  bloßmitornamentalenPlättchen  vertreten.  Die  Essener  Schulung 
des  Rogerus  erkennt  man  nicht  nur  aus  gemeinsamentechnischen  Eigenheiten,  wie 
der  Punzenarbeit,  sondern  noch  viel  mehr  aus  der  engen  stilistischen  Verwandt- 
schaft in  der  gravierten  Figurenzeichnung  und  im  byzantinisierenden  Ranken- 
ornament. □ 

Wie  die  Schedula  einen  zusammenfassenden  Rückblick  auf  die  Klosterkunst 
des  1 1 .  Jahrhunderts  gibt,  so  ist  auch  Rogerus  in  seinen  Werken  kein  Neuerer  oder 
Bahnbrecher,  sondern  ein  später,  die  überlieferten  Kunstmittel  mit  sicherem  Ge- 
schick handhabender  Vertreter  der  absterbendenRichtung,  die  in  derverfeinerten 
Griechenkunst  ihrVorbild  verehrte.  □ 

Der  Betrieb  des  Rogerus  hatte  einen  jüngeren  Ableger  in  einer  Werkstatt  zu 
FRITZLAR,  die  bereits  tief  ins  12.  Jahrhundert  hineinreicht.  Die  Hauptwerke,  ein 
Tragaltärchen,  in  dessen  gebräunten  Kupferbelag  vergoldete  Halbfiguren  der 
Apostel  und  Ranken  eingraviert  sind ;  ein  stattliches  Altarkreuz,  vorn  mit  Steinen  be- 
setzt, rückwärts  graviert;  ein  halbkreisförmiges  Tafelreliquiar,  einSilberkelchund 
zweiPaar  Altarleuchter  aus  Bronze  sind  noch  in  der  dortigen Petrikirche  vereinigt. 
Dazu  kommen  acht  Kupferscheiben  mit  gravierten  Heiligen  im  Berliner  Kunst- 
gewerbemuseum und  der  Einband  des  Wessobrunner  Evangelienbuches  in  der 
Staatsbibliothek  zu  München  |  Cim.  1 44 1.  DerVerf  ertiger  war  sicherlich  ein  unmittel- 
barer Schüler  des  Rogerus,  denn  die  gravierten  Figuren  auf  dem  Tragaltar,  dem 
Altarkreuz  und  den  acht  Scheiben  könnte  man  fast  dem  Rogerus  selbst  zuweisen, 


242 


wenn  nicht  eine  gewisse  Unsicherheit  und  Unfreiheit  die  nachahmende  Schülerhand 
verraten  würden.  Auch  ist  das  Ornament  des  Fritzlarer  Meisters,  mit  Ausnahme 
der  noch  ganz  demRogerus  folgendenRanken  auf  der  Rückseite  des  Altarkreuzes, 
schon  weiter  in  die  romanischen  Formen  hinübergeführt.  Die  Treibarbeit  auf  dem 
Fritzlarer  Tafelreliquiar,  Christus  segnend  zwischen  zwei  Engeln,  ist  wiederum 
genau  im  Stil  der  getriebenen  Platten  des  Rogerus  auf  dem  Einband  in  Trier  ge- 
halten. □ 

Eine  kennzeichnende  Eigenheit  der  Fritzlarer  Werkstatt  ist  die  Verbindung 
des  braunen  Ölfirnisses  auf  Kupferplatten  mit  einer  vergoldeten  und  gravierten 
Zeichnung.  Die  gewöhnliche  amRhein  und  an  der  Maas  übliche  Art  der  Ölbräunung, 
die  an  der  Kanzel  Heinrichs  II.  in  Aachen  bereits  voll  entwickelt  erscheint,  besteht 
darin,  daß  dieZeichnung  ausderimFeueraufgedörrtenbraunglänzendenÖlschicht 
ausgeschabt  und  vergoldet  wird.  Dasselbe  geschah  in  Fritzlar  auch.  Aber  hier 
wurde  außerdem  die  Zeichnung  graviert  und  derUmrig  aller  vergoldetenFlächen 
scharf  umrissen.  Das  schönsteBeispiel  dafür  bietet  die  glatte  Rückseite  desTafel- 
reliquiars  der  Petrikirche.  Diese  Abart  hat  Rogerus  in  derSchedula  erwähnt,  aus- 
geführt findet  sie  sich  aber  nur  bei  seinem  Fritzlarer  Schüler.  D 

Am  Bronzefug  des  Kreuzes,  am  Rand  des  Tafelreliquiars  und  an  den  Bronze- 
leuchtern von  Fritzlar  tritt  bereits  der  Kupferschmelz  auf,  das  Leitmotiv  der  roma- 
nischen Goldschmiedekunst.  Dieses  Kennzeichen  eines  neuen  Stils,  das  Rogerus 
nodi  nicht  kannte,  ist  nach  Fritzlar  wahrscheinlich  von  Köln  her  und  vielleicht  auf 
dem  Umwege  über  Hildesheim  übertragen  worden.  Denn  mit  Hildesheim  stand 
der  Fritzlarer  Betrieb  augenscheinlich  in  lebhaften  Beziehungen,  deren  Spuren  an 
den  Werken  beider  Schulen  nachzuweisen  sind.  D 

Die  Anfänge  des  Kunstgewerbes  in  HILDESHEIM  führen  uns  wieder  in  die 
Ottonenzeit  um  das  Jahr  1000  zurück.  Denn  sie  sind  unlöslich  verknüpft  mit  der 
Tätigkeit  des  BISCHOFS  BERNWARD|  993  bis  1022 1,  der  sachkundigund  tatkräftig 
seine  Werkstätten  leitete  und  einen  raschen  Aufschwung  zu  hohen  Zielen  zuwege 
brachte.  Er  hatte  alsErzieher  OttosIII.  Gelegenheit  gehabt,  dieKunst  am  Hof  der 
Kaiserin  Theophanu  kennen  zu  lernen  und  auf  mancherlei  Reisen,  auch  in  Italien, 
Anregung  zu  sammeln.  Und  doch  bieten  seine  Werke  ein  ganz  anderes  Bild,  als 
die  der  gleichzeitigen  Schulen  von  Essen  undRegensburg,  die  wirklich  das  goldene 
Zeitalter  der  ottonischen  Hofkunst  darstellen.  D 

Es  ist  gewig  unrichtig,  zu  behaupten,  dag  Hildesheim  vom  Byzantinismus 
dieser  Zeit  ganz  unberührt  geblieben  sei.  Eines  der  wenigen  inschriftlich  sicher 
beglaubigten  Denkmäler  Bernwards,  der  Einband  seines  vom  Diakon  Guntbald  ge- 
malten Evangelienbuchs,  beweist  uns  das  Gegenteil.  Die  Vorderseite  trägt  in 
einer  Filigranumrahmung  eine  sehr  getreue  Nachbildung  einer  griechischen  Elfen- 
beinplatte, die  nach  ihrer  Aufschrift  inHildesheimgearbeitct  ist.  Noch  lehrreicher 
ist  die  Rückseite,  deren  Rand  in  Silber  graviert  die  vergoldete  Widnunig  zeigt 
'Hoc  opus  eximiumBernwardi  presulis  arte  factum  cernc  deus,  mator  et  alma  tua.' 
Im  vertieften  Feld  ist  auf  Stoffgrund  eine  aus  Silberblech  ausgeschnittene  Marien- 
figur, graviert  und  stellenweise  vergoldet,  auf  gestiftet,  die  nicht  gerade  täuscliend. 
aber  doch  unverkennbar  ein  byzantinisches  Bild  mit  kleinem  Kopf  und  über- 

16*  243 


triebener  Körperlänge  nachahmt. 
Daneben  ist  das  griechische  Mono- 
gramm der  Muttergottes  befestigt. 
Dag  die  Ausschneidetechnik  mit 
Teilvergoldung  von  Regensburg 
her  [vgl.  Abb.  189]  übernommen 
war,  ist  um  so  unbedenklicher  an- 
zunehmen, als  auch  der  Schreiber 
des  Buches  in  der  Malschule  von 
S.  Emmeram  ausgebildet  war.  Für 
den  Stil  der  Zeichnung  aber  hatte 
der  Hildesheimer  Goldschmied  nur 
den  Ehrgeiz,  eine  griechische  Vor- 
lage genau  nachzubilden.  Ein  ein- 
facherer Bucheinband,  den  das  auf 
der  Rückseite  angebrachte  Mono- 
gramm Bernwards  seiner  Werk- 
statt zuweist,  hat  in  der  Mitte  der 
Vorderseite  wieder  eine  nach  by- 
zantinischem Muster  geschnitzte 
Elfenbeinplatte.    Auch   das   e^el- 

D  Abb.  198:  Sog.  Bernwardskreuz,  Hildesheim  D     gteinbcsetzte  GoldkreUZ  der  Mag- 

dalenenkirche  in  Hildesheim,  das  eine  alte  Überlieferung  auf  Bernward  zurück- 
führt, hält  sich  in  den  Grenzen  der  byzantinisierenden  Richtung  [Abb.  198J.  Da 
es  spätere  Überarbeitungen  erlitten  hat,  lägt  sich  allerdings  die  Frage,  ob  es  um 
das  Jahr  1000  oder  um  1100  geschaffen  ist,  heute  nicht  mehr  entscheiden.  Nach 
der  Heiligsprechung  des  Bischofs  sind  ihm  mancherlei  jüngere  Arbeiten  zuge- 
schrieben worden,  wie  das  spätromanische  Silberkreuz  von  Heiningen;  auch  die 
niellierte  Silberpatene,  die  der  Weifenschatz  als  Bernwardsreliquie  bewahrt,  ist 
vielleicht  erst  um  1100  in  Hildesheim  entstanden.  D 

Jedenfalls  zeigen  die  Bucheinbände  zur  Genüge,  dag  auch  die  Hildesheimer 
Schule  dem  Byzantinismus  ihren  Tribut  gezollt  hat.  Aber  in  der  Gesamtleistung 
der  sächsischen  Bischofstadt  spielt  diese  Richtung  keine  große  Rolle.  Unver- 
gleichUch  bedeutender  sind  die  Werke  des  Metallgusses,  die  ersten  Zeugen  einer 
neuen  Kunst,  die  unbefangen  mit  eigenen  Augen  von  der  Natur  zu  lernen  suchte. 
Mit  bewundernswerter  Kühnheit  wagte  sie  sich  an  die  monumentalen  Aufgaben 
der  ehernen  Christussäule,  zu  der  Bernward  in  Rom  die  Anregung  empfangen 
hatte,  und  der  Erztür  des  Michaelsklosters,  jetzt  im  Dom  zu  Hildesheim.  Die  Tür- 
flügel mit  den  weit  herausspringenden  Reliefbildern  sind  1015  bei  einer  Höhe  von 
4,70  Metern  in  einem  Stück  gegossen  und  die  Mängel  eines  so  ungewohnten  Unter- 
fangens sind  begreiflicherweise  groß.  Aber  alle  Unbeholfenheit,  ja  Roheit  der 
Ausführung  kann  die  künstlerischen  Vorzüge,  das  ernste  und  selbständige  Ringen 
nach  Wahrheit  und  Leben,  die  Treffsicherheit  in  den  Bewegungen  und  im  Aus- 
druck der  Empfindungen  nicht  in  Schatten  stellen.  D 

244 


Ein  silbernes  Kreuz  mit  stark 
naturalistischer  Gestalt  des  Hei- 
lands und  der  Inschrift  Bernwar- 
dus  presul  fecit  hoc,  ferner  die  un- 
bezeichnete,  aber  mit  Recht  der 
Bernwardsschule  zugeschriebene 
Spitze  eines  Krummstabes  [beide 
imDomschatz]  bekunden  die  Wirk- 
samkeit der  neuen  Richtung  auch 
auf  dem  Gebiet  des  kunstgewerb- 
lichen Kleingeräts.  Die  silberne 
Krummstabspitze  wiederholt  in 
kleinem  Magstab  die  Schwächen 
und  Vorzijge  der  großen  Gugwerke: 

nachlässige  Modellierung  und 
plumpe  Körperbildung  einerseits, 
selbständige  und  kräftige  Erfin- 
dung andrerseits.  An  der  Krüm- 
mung aus  naturalistischem  Geäst 
ist  unten  der  Sündenfall,  oben 
Adam  und  Gottvater  mit  großem 
Geschick  angebracht.  D 

Diese  Kunst  wurzelt  tief  im 
heimischen  Boden.  Bernward  hat 
das  Kunstgewerbe  germanischen 
Geistes  als  Hilfskraft  herangezo- 
gen, das  im  Zeitalter  der  Kloster- 
schulen nur  für  die  anspruchslo- 
seren weltlichen  Zwecke  des  Vol- 
kes arbeitete  und  dessen  Werke 
durch  den  Verbrauch  untergegan- 
gen sind.  Hier  zuerst,  in  dem  ab- 
gelegenen Städtchen  des  Sachsen- 
landes, bemächtigt  sich  das  germa- 
nische Kunstgewerbe  wieder  der 
kirchlichen  Aufgaben.  Es  ist  mög- 
lich, daß  Arbeiten  aus  England,  wo 
der  germanische  Stil  am  reinsten 
fortlebte,  den  Bischof  Bernward 
auf  diesen  Weg  gewiesen  haben, 

dennThangmarberichtet,  daß  über-     □  Abb.  199:  BernwardsUnuhter  in  Hildesheim  a 

seeische  und  schottische  Kunstgegenstände  seine  Beachtung  gefesselt  haben. 
Jedenfalls  wird  der  Zusammenhang  der  Hildesheimer  Gußwerke  mit  der  alten 
Volkskunst  sichtbar  erwiesen  durch  die  zwei  Leuchter  der  Magdalenonkirche  aus 


245 


dem  GrabBernwards  [hoch  46  cm,  Abb.  199].  Sie  sind  in  ihrer  hochschaftigen  Form 
nichts  anderes,  als  reicher  und  plastischer  gestaltete  Nachkommen  der  Tassilo- 
leuchter  des  8.  Jahrhunderts.  Auch  der  Gedanke  des  Gegensatzes  von  Licht  und 
Finsternis,  den  die  Drachen  und  nackten  Mißgestalten  des  Fuges,  die  Löwen, 
Menschen  und  Vögel  in  dem  gewundenen  Geäst  des  Schaftes  versinnbildlichen, 
ist  in  den  Tassiloleuchtern  vorgebildet.  Die  in  verschlungene  Ranken  endigenden 
Drachen  des  Fuges,  aufweichen  nackte  Menschlein  reiten,  leiten  ebenfalls  ihren 
Ursprung  von  dem  germanischen  Ornament  des  frühesten  Mittelalters  ab.         D 

Die  verschieden  gedeutete  Inschrift  auf  den  Kerzentellern  und  dem  Fugrand 
besagt,  dag  Bernward  die  Leuchter  durch  seinen  Lehrling  in  der  erstenBlüte  dieser 
Kunst  giegen  lieg,  nicht  aus  Gold,  nicht  aus  Silber  und  doch  so,  wie  man  sie  sieht. 
Sie  sind  aus  Silber  gegossen  und  vergoldet,  ein  Verfahren,  das  augenscheinlich  für 
die  aufblühende  Hildesheimer  Giegerei  damals  neu  war,  da  es  auch  sonst  in  jener 
Zeit  kaum  in  Gebrauch  stand.  Das  zeitgemäge  Verfahren  der  Plastik  in  Edelmetall 
war,  wie  erwähnt,  das  Aufbringen  von  Goldblech  auf  Holzkern,  nicht  der  Gug.    D 

Die  Bernwardsleuchter  sind  ein  wichtiges  Verbindungsglied  für  die  Stilge- 
schichte nicht  nur  nach  rückwärts,  sondern  auch  nach  vorwärts.  Sie  werfen  ein 
helles  Licht  auf  die  Anfänge  des  romanischen  Stils  im  deutschen  Kunstgewerbe, 
zu  dessen  wesentlichenKennzeichen  die  Verbindung  mit  der  alten  Volkskunst,  das 
Wiederaufleben  ihrer  phantastischen  Ornamentik  gehört.  Sie  werden  die  Stamm- 
väter eines  weitverzweigten  Geschlechts  romanischer  Erzgeräte,  namentlich  von 
Leuchtern  und  Kreuzfügen.  Ihre  hochschaftigeForm  lebt  im  12.  Jahrhundert  noch 
fort  in  den  Leuchtern  zu  Fritzlar,  Sankt  Florian  in  Österreich,  im  Brüsseler  Mu- 
seum und  dem  reichsten  Beispiel,  das  Abt  Peter  von  Glocester  für  seine  Abtei 
giegen  lieg  [South  Kensington  Museum].  Später  wurde  die  kurzschaftige  Gattung 
häufiger  [Leuchter  im  Dom  Trier,  Jacobikirche  Stendal,  Dom  Überlingen,  Kirchen 
zuKomburg,  Münstermaifeld,  indenMuseenzuBerlin,  Nürnberg,  München;  Kreuz- 
füge in  Hildesheim,  DomChur,  bezeichnet  Azzo  artifex,  in  denMuseenBerlin.  Han- 
nover, Köln,  South  Kensington  [.  Bei  dieser  Art  bleibt  der  breitausgreifende  Fug 
die  bevorzugte  Stelle  zur  Entfaltung  des  phantastischen  Elements,  der  Verschlin- 
gungen von  Drachen  und  Ranken.  D 

Die  Hildesheimer  Werkstätten  haben  nach  dem  Tod  Bernwards  an  ihren  tech- 
nischen und  ornamentalen  Eigenheiten  mit  einer  merkwürdigen  Zähigkeit  festge- 
halten, die  nur  durch  einen  ununterbrochenbis  indas  13.  Jahrhundertfortgeführten 
Betrieb  zu  erklären  ist.  In  das  IL  Jahrhundertf  allen  noch  die  Stiftungen  des  Bischofs 
Hezilo  [1054  bis  1079].  Sein  riesiger  Kronleuchter  im  Dom  [6  m  Durchmesser  |  aus 
teilvergoldetem  Kupfer  und  Silber  gibt  die  Grundform,  welche  die  späteren  Kron- 
leuchter von  Aachen  undKomburg  wiederholen:  einem  zinnenbekröntenRing  sind 
zwölf  Tore  und  zwölf  Türme  vorgelegt,  die  einst  Silberfiguren  der  Apostel,  Pro- 
pheten und  Tugenden  bargen.  Ausgeschnittene  Ranken  mit  den  verwickelten 
Blattbildungen  griechischer  Art,  wie  sie  ungefähr  gleichzeitig  in  Essen  und  Helmers- 
hausen  üblich  waren,  überziehen  die  Flächen.  Dieselbe  Ornamentik  findet  sich 
auf  der  ausgeschnittenenRückseitedes  edelsteinbesetztenHezilokreuzesvonl079 
in  der  Kreuzkirche,  auf  dessen  Bronzefug  und  auf  den  zwei  prachtvollen  Scheiben- 

246 


D  Abb.  200  u.  201:  Scheibenkreuze  in  Hildesheim,  Anfang  12.  Jalirhundert  D 

kreuzen  mit  durchbrochen  gegossenen  Rankenfüllungen  zwischen  denKreuzarmen, 
die  zu  den  schönsten  Hildesheimer  Werken  zählen  [Abb.  200  u.  201 J.  Dieser  Stil 
reicht  mit  dem  ehernenKaiserstuhl  in  Goslar  und  dem  Epiphaniusschreinnoch  in  das 
12.  Jahrhundert  hinüber.  Erst  in  dengravierten  undausgeschnittenen Ornamenten 
des  dritten  Scheibenkreuzes  und  desGodehardschreins  |nachll30|,  derdeniFritz- 
larer  Rogerusschüler  sehr  nahe  steht,  und  in  dem  Silbereinband  des  Mönchs  Rat- 
mann von  1 159,  ebenfalls  einem  Opus  interrasile,  hat  sich  in  ganz  allmählicher  Wand- 
lung der  Übergang  vom  byzantinisierenden  zum  rein  romanischen  Stil  vollzogen. 
Die  ausgeschnittene  Arbeit,  zur  Zeit  Bernwards  durch  Guntbald  von  Regensburg 
eingeführt,  war  denHildesheimern  sogeläufig  geworden,  daf;  sie  noch  im  13.  Jahr- 
hundert an  dem  flachhalbkugelförmigen,  sogenannten  Katharinareliquiar  der 
Kreuzkirche  in  bester  Form  auftritt.  □ 

Eine  andere  niedersächsische  Werkstatt  hat  im  Weifenschatz,  der  früher  dem 
BRAUNSCHWEIGER  DOM  gehörte,  einige  nennenswerte  Denkmäler  aus  dem 
11.  Jahrhundert  hinterlassen.  Zwei  Goldkreuze  tragen  Widmungen  der  Gräfin 
Gertrud  von  Braunschweig  Igest.  1077 1.  Eines  davon  stiftete  sie  für  das  Seelenheil 
ihres  1038  verstorbenen  Gemahls  Liudolf  und  somit  ist  die  Entstehung  zwischen 
1038  und  1 077  begrenzt.  In  die  recht  mageren  Filigranmuster  der  Kreuze  sind  Zellen- 
schmelzplatten  mit  den  Evangelistenzeichen  und  Vogelpaaren  eingelegt.  Sie  sind 
nicht  griechischeEinfuhr,  sondern  in  dieser  jedenfalls  braunschweigischen  Werk- 
statt selbst  gearbeitet.  Denn  an  ihrem  Hauptwerk,  dem  goldbckleideten  Tragaltar 
der  Gräfin  Gertrud,  ist  der  Zellenschmelz  sehr  geschickt  zur  Verzierung  einer  Rund- 
bogenstellung verwendet,  welche  die  aus  Gold  vortrefflich  getriebenen  Gestalten 
Christi  und  der  Apostel  umrahmt.  Hier  kann  von  einer  fremden  Zutat  keine  Rede 
sein  und  der  Tragaltar  bildet  ein  sicheres  Beweisstück  für  die  schon  in  Schrift- 
quellen überlieferte  Tatsache,  daft  der  Goldschmelz  im  1 1.  .lahrinuidert  auch  klei- 
neren deutschen  Kunstbetrieben  geläufig  war.  G 

247 


In  FRANKREICH  ist  die  Zahl  der  Goldschmiedarbeiten  des  10.  und  11.  Jahr- 
hunderts zu  gering,  um  die  Entwicklung  einzelner  Schulen  zu  veranschaulichen. 
Man  kann  nur  feststellen,  dag  die  nord-  und  ostfranzösischen  Werke  ungefähr  auf 
derselben  Stufe  stehen,  wie  die  deutschen  Denkmäler  der  byzantinisierenden  Rich- 
tung. Wenn  der  Kelch  mit  Patene  und  der  Evangelieneinband  im  Dom  zu  Nancy, 
die  dort  nach  alter  Überlieferung  als  Reliquien  des  heiligen  Gozelin  von  Toul  ver- 
ehrt werden,  wirklich  aus  dem  Besitz  dieses  962  verstorbenen  Bischofs  stammen, 
so  war  die  Schmelzkunst  griechischer  Art  in  Frankreich  früher  heimisch  und  wei- 
ter vorgeschritten,  als  auf  deutschem  Boden.  Unmöglich  ist  das  nicht,  obwohl  es 
mit  dem  Brief  des  Reimser  Erzbischofs  an  Egbert  von  Trier  in  Widerspruch  steht. 
Der  gehenkelte  Kelch  inNancy,  aus  goldbeschlagenemSilber,  ist  wie  seinePatene 
abwechselnd  mit  Steinen  und  Schmelzplättchen  in  Filigranbändern  verziert,  wie 
das  Theophilus  mehr  als  hundert  Jahre  später  in  Deutschland  vorschreibt.  Die 
Mitte  des  Buchdeckels  Gozelins  schmückt  ein  Schmelzbild  der  Maria,  das  dem 
griechischen  Vorbild  bereits  ebenso  nahe  kommt,  wie  die  mehrere  Jahrzehnte 
jüngeren  Goldschmelze  der  Egbertschule.  Dabei  ist  aber  in  der  kreuzförmigen 
Anordnung  und  den  gravierten  Evangelistenbildern  der  Vorderseite,  sowie  in  der 
rohen  Silbertreibarbeit  der  Rückseite  des  Einbands  die  karolingische  Überliefe- 
rung so  stark  ausgeprägt,  dag  man  die  Zuweisung  an  die  Zeit  Gozelins  doch  als 
glaubwürdig  anzunehmen  geneigt  ist.  D 

Ein  anderer  Einband  französischer  Arbeit  im  Louvre,  den  Beatrix,  die  Schwester 
Hugo  Capets,  um  das  Jahr  1000  für  S.  Denis  machen  lieg,  zeigt  in  Gold  getrieben 
die  Kreuzigung  und  auf  den  Ecken  die  Evangelistenzeichen  in  Zellenschmelz.  Ob- 
wohl jünger,  gehört  derselben  Stilrichtung  der  schmelzverzierte  Einband  aus 
S.Maurice  d'Agaune  im  South  Kensington  Museum  an;  beide  entsprechen  etwa 
den  Regensburger  Goldarbeiten  aus  der  Zeit  Heinrichs  des  Frommen.  D 

In  Südfrankreich  vermittelt  nur  der  Schatz  vonCONQUES  das  Bild  einer  schon 
im  10.  Jahrhundert  tätigen  Klosterwerkstatt.  Als  viel  besuchte  Wallfahrtskirche 
hatte  die  Abtei  Anlag  undMittel  genug,  ihrenReliquienbesitz  inprunkvollen  Hüllen 
zu  bergen.  Die  Ausführung  verrät  aber  einen  tieferen  Stand  des  Geschmacks  und 
des  Könnens  als  im  Norden.  Das  Hauptstück  von  Conques  ist  die  85  cm  hohe  Figur 
der  heiligen  Fides,  die  dem  Ende  des  10.  Jahrhunderts  zugeschrieben  wird.  Der 
Körper  ist  aus  Holz  mit  Goldblech  überzogen,  der  Kopf  aus  Gold  getrieben,  die 
Krone  mit  Zellenschmelz  und  Steinen  verziert.  Die  Heilige  sitzt  in  ganz  steifer 
Haltung,  kaum  gegliedert  auf  silbernem  Thron,  überhäuft  mit  Weihegaben  ver- 
schiedener Zeiten.  Es  ist  begreiflich,  dag  das  gleigendeBild  mit  dem  starrenBlick 
der  Emailaugen  auf  das  wallfahrende  Volk  einen  ungeheuren  Eindruck  machte,  der 
in  allerlei  Wunderlegenden  sich  niederschlug.  Aber  mit  der  religiösen  Wirkung 
hält  die  künstlerische  keineswegs  Schritt;  eswar  einbarbarischer  Geschmack,  der 
an  diesem  Werk  Genügen  fand.  □ 

In  die  Zeit  des  Abtes  Bego  III.  von  Conques  um  1100  fallen  drei  Reliquiare  von 
seltsamen  Formen,  aus  Holz  mit  getriebenem  Silber  bekleidet.  Eine  Reliquientafel, 
die  ein  Teilchen  des  heiligen  Kreuzes  enthält,  zeigt  vorn  die  Kreuzigung.  Das 
Vincentiusreliquiar,  ein  laternenförmiges  Türmchen,  ist  in  seinen  ursprünglichen 

248 


Teilen  mit  gestanzten  Heiligenfiguren  belegt;  ihre  rohe  Ausführung  lägt  die  Rück- 
ständigkeit dieses  südfranzösischenBetriebes  erkennen,  namentlich  wenn  man  sie 
mit  zwei  wenig  jüngeren  westfälischen  Reliquienkästchen  gleicher  Technik,  im 
Herforder  Schatz  des  Berliner  Kunstgewerbemuseums  und  im  MindenerDom  ver- 
gleicht. Ein  Gerät  in  Form  eines  A  ist  trotz  der  Widmungsinschrift  Begos  mit  der 
Sage  in  Verbindung  gebracht  worden,  dag  Karl  der  Große  den  Kirchen  seines 
Reiches  Reliquiare  in  Buchstabenform  vermacht  habe.  Viel  bedeutender  als  diese 
durch  mancherlei  Flickarbeit  entstellten  Stücke  ist  ein  tafelförmiger  Tragaltar, 
dessen  Rand  zehn  Zellenschmelzplatten  mit  Heiligenbrustbildern  und  den  Evan- 
gelistenzeichen zieren,  die  ohne  Zweifel  griechische  Vorbilder  wiedergeben,  aber 
nicht  mehr  aus  Gold,  sondern  aus  Kupfer  gearbeitet  sind.  Das  ist  der  erste  Schritt 
der  französischen  Goldschmiedekunst  auf  dem  Wege,  der  im  12.  Jahrhundert  zur 
Blüte  des  romanischen  Kupferschmelzes  von  Limoges  hinführte.  D 

In  ITALIEN  haben  die  Geschichte,  die  Lage  und  der  Handel  des  Landes  zu- 
sammengewirkt zu  dem  Ergebnis,  dag  das  Kunstgewerbe  sich  nachgiebiger  und 
länger  als  diesseits  der  Alpen  dem  Einfluß  Ostroms  unterworfen  hat.  Des  Kardi- 
nals Leo  von  Ostia  Chronik  von  Monte  Cassino  berichtet  ausführlich,  wie  weit- 
gehend und  einseitig  der  Abt  Desiderius  [gestorben  als  Papst  Victor  IIL  1087]  zur 
Ausstattung  seiner  erneuerten  Klosterkirche  die  griechische  Hilfe  in  Anspruch 
nahm.  Eine  goldene  Altartafel  mit  Schmelzbildern  der  Wunder  des  heiligen  Bene- 
dikt, vielerlei  Altargerät,  eherne  Leuchter,  Lampen,  Gitter  und  die  Kirchentüren 
wurden  auf  seine  Bestellung  in  Byzanz  ausgeführt.  Er  berief  im  Jahre  1066  grie- 
chische Künstler  nach  Monte  Cassino,  nicht  nur  zur  Herstellung  der  Mosaikbilder, 
sondern  auch  als  Lehrer  seiner  Mönche  in  allen  Künsten  des  Goldes  und  Silbers, 
des  Erzgusses  und  Eisens,  des  Glases,  Elfenbeins,  Holzes  und  Steins.  Dieses  Vor- 
gehen war  nicht  vereinzelt.  Noch  heute  bezeugen  byzantinische  Erztüren  der 
Kirchen  S.  Paul  vor  den  Mauern  Roms  [1070],  San  Marco  in  Venedig,  in  Monte 
Gargano  [1076],  Atrani  [1087],  Salerno  [1099],  dag  die  Überlegenheit  des  griechi- 
schen Kunstgewerbes  allgemein  anerkannt  war.  San  Marco  besitzt  in  seinem  Schatz 
und  demZellenschmelzaltar  die  reichsteAnhäufungbyzantinischerGoldschmiede- 
werke.  n 

Die  heimischen  Arbeiten  können  demgemäg  die  Abhängigkeit  von  Byzanz  nicht 
verleugnen.  Jene  Vermengung  karolingischer  und  griechischer  Elemente,  die  in 
Deutschland  die  Egbertschule  vertritt,  ist  in  Italien  am  deutlichsten  ausgeprägt  an 
einem  prachtvollen  Bucheinband  in  Chiavenna,  der  vielleicht  noch  in  das  9.  Jahr- 
hundert zurückreicht  und  jedenfalls  nicht  jünger  als  aus  dem  10.  Jahrhundert  sein 
kann.  Figürliche  Zellenschmelzbilder  mit  dem  thronenden  Heiland,  der  Verkündi- 
gung und  Heimsuchung  Maria  wechseln  mit  ornamentalen  Schmclzplatten,  dar- 
unter solchen  mit  den  byzantinischen  Treppcninustern;  alle  nach  dem  älteren  Ver- 
fahren ausgeführt,  welches  die  ganze  Goldfläche  von  Rand  zu  Rand  mit  Schmelz- 
farben bedeckt.  Sehr  merkwürdig  ist  die  Aufbringung  der  Edelsteine  und  Perlen; 
sie  sind  gruppenweise  auf  filigranierten  Goldscheiben  zusammengefagt,  die  eine 
auffallende  Ähnlichkeit  mit  den  longobardischen  Scheibenfibeln  ausCastelTrosino 
haben.  Longobardische  Bandgeflechte  in  Verbindung  mit  byzantinischen  Ranken 

249 


tauchen  noch  im  10.  Jahrhundert  auf  an  einem  derb  getriebenen  Silbereinband  mit 
der  Figur  des  Bischofs  Eusebius  im  Domarchiv  von  Vercelli.  D 

Im  11.  Jahrhundert  schwinden  diese  Überreste  der  germanischen  Vergangen- 
heit und  die  Goldschmiedekunst  Italiens  schließt  sich  eng,  bis  zur  Nachahmung,  an 
die  byzantinische  an.  Der  Zellenschmelz  wird  fast  nur  noch  in  der  jüngeren  Form 
geübt,  welche  die  Schmelzbilder  mit  einem  breiten  Goldgrund  umgibt.  Kennzeich- 
nende Werke  dieser  Richtung  sind  der  Einband  eines  Lektionars  im  Dom  von  Ver- 
celli mit  der  Kreuzigung  in  Goldschmelz  und  getriebener  Rückseite,  das  goldene 
Kreuz  mit  Schmelzbildern  und  Filigran  im  Weifenschatz,  dessen  byzantinisches 
Vorbild  noch  in  Velletri  erhalten  ist,  schließlich  der  reiche  Bucheinband  des  Erz- 
bischofs Aribert  [1018  bis  1045]  imDom  zu  Mailand.  Er  ist  dicht  bedeckt  mit  einer 
Menge  von  Schmelzplatten,  die  in  etwas  mangelhafter  Zeichnung  die  Kreuzigung, 
Apostel  undHeiligedarstellen,  mit  lateinischenlnschriften,  derenBuchstabennach 
griechischer  Art  senkrecht  untereinander  geordnet  sind.  Für  die  Treibarbeit  der 
Rückseite,  die  neben  den  Ortsheiligen  den  Erzbischof  Aribert  zeigt,  wie  er  seine 
Stiftung  dem  segnenden  Christus  darbringt,  war  der  Mailänder  Goldschmied  auf 
sich  selbst  angewiesen  und  das  Ergebnis  ist  technisch  und  stilistisch  gleich  dürftig. 
Auch  sonsterweist  sich  dievorromanischeMetallkunstItaliens  als  höchst  unbehol- 
fen, ja  barbarisch,  wo  ihr  die  Stütze  undLeitung  des  oströmischen  Vorbildes  fehlt; 
die  ältesten  Reliefplatten  der  Bronzetür  von  San  Zeno  in  Verona  mit  Bildern  aus 
der  Schöpfung  und  demLeben  Christi  sind  von  ungeheuerlicher  Roheit  und  stehen 
noch  tief  unter  den  ungefähr  gleichzeitigen  Erzpforten  in  Hildesheim.  D 

Im  12.  Jahrhundert  strebt  die  Goldschmiedekunst,  dem  Wesen  des  romanischen 
Stils  entsprechend,  nach  plastischer  Wirkung,  aber  der  Aufwand  an  eigener  Er- 
findung ist  gering;  Beispiele  die  silbernen  Altartafeln  inCittadiCastello[vor  1144J 
und  in  Cividale  [1185].  Der  Süden  Italiens  bleibt  noch  enger  im  Bann  von  Byzanz. 
In  PALERMO,  der  Hauptstadt  des  sarazenisch-normannischen  Siziliens,  sind  noch 
bis  in  die  letzten  Jahre  des  12.  Jahrhunderts  Goldarbeiten  geschaffen  worden,  die 
von  griechischen  nicht  zu  unterscheiden  sind.  Nur  die  Krone  der  Kaiserin  Kon- 
stanze, der  Erbtochter  des  Normannenkönigs  Roger  IL,  ist  dem  Dom  von  Palermo 
verblieben,  da  sie  der  Besitzerin  ins  Grab  gefolgt  war.  Die  übrigen  Denkmäler 
dieser  Gruppe  gehören  zu  den  Reichskleinodien  in  Wien.  Die  Krone  ist  eine  ge- 
schlossene Kappe  aus  Goldstoff,  benäht  mit  dichtgereihten  Perlen,  besetzt  und 
behängt  mit  Steinen,  Zellenschmelzplatten  undFiligran  von  ausgesprochen  byzan- 
tinischer Zeichnung.  Von  denselben  sarazenischen  Meistern  ist  augenscheinlich 
das  Zeremonienschwert  gearbeitet.  Es  trägt  in  Goldschmelz  neben  ornamentalen 
Besatzstücken  den  Reichsadler  und  ist  daher  für  den  1195  in  Palermo  gekrönten 
Gemahl  der  Konstanze,  Kaiser  Heinrich  VI.  angefertigt.  Gleichartiges  Schmelz- 
werk ziert  den  Ärmelbesatz  der  kaiserlichen  Tunika,  die  Handschuhe  und  die  gol- 
denen Schließen  des  Krönungsmantels,  der  1133  in  rein  sarazenischem  Stil  für 
König  Wilhelm  von  Sizilien  gestickt  worden  ist.  Auf  der  Goldscheide  des  Mauritius- 
schwertes wechseln  getriebene  Königsbilder  mit  Schmelzstücken  jener  Treppen- 
musterung, welche  die  griechischen  Schmelzkünstler  seit  dem  10.  Jahrhundert  oft 
und  oft  wiederholt  haben.  □ 

250 


2.  GLASMALEREI,  STICKEREI,  HOLZARBEIT  D 

Bei  allen  Zweigen  des  Kunstgewerbes,  die  mit  vergänglicheren  Werkstoffen 
als  denMetallen  arbeiten,  muß  man  auf  dieErkenntnis  einer  zusammenhängenden 
Entwicklung  in  diesem  frühen  Zeitalter  verzichten.  Denn  nur  vereinzelte  Denk- 
mäler hat  der  Schutz  der  Kirche  der  Vernichtung  entrissen.  D 

Der  Bedarf  des  Gottesdienstes  an  Glasgefägen  war  sehr  gering.  Daher  ver- 
schwindet das  Hohlglas  seit  dem  Aufhören  der  Gräberbeigaben  bis  zum  Ausgang 
des  Mittelalters.  Wir  wissen  aber  aus  dem  Lehrbuch  desTheophilus,  dag  die  Glas- 
bläserei im  11.  Jahrhundertbetrieben  wurde  ineinerForm,  die  den  Zusammenhang 
mit  den  überlebenden  Resten  der  spätrömischen  und  fränkischen  Glasmacherei 
verbürgt.  Die  einzige  Art  der  Verzierung,  dieTheophilus  übte,  war  das  Umwickeln 
der  Gefäße  mit  angeschmolzenen  Glasfäden,  also  die  gewöhnlichste  Ausstattung 
der  spätrömischen  Gläser.  Von  weiterenZierkünsten  weigTheophilus  aus  eigener 
Erfahrung  nichts.  Nur  von  den  Griechen  berichtet  er,  dag  sie  Gläser  mit  Blattgold- 
bildern unter  farblosem  Überfang  und  mit  Schmelzmalerei  anfertigten.  Man  sieht 
daraus,  daß  im  Abendlande  die  Glasbläserei,  der  der  kirchliche  Antrieb  fehlte,  auf 
niedrigerStufe  stehen  blieb,  weil  hier  dieweltlichenAnsprüche  an  dieses  Gewerbe 
noch  nicht  auf  künstlerische  Leistungen  gerichtet  waren.  □ 

Die  GLASMALEREI  dagegen  strebte  von  vornherein  nach  höheren  Zielen,  denn 
sie  diente  das  ganze  Mittelalter  hindurch  fast  ausschließlich  dem  Gotteshause.  Da 
dieseKunst  eines  imAltertum  wurzelnden  Stammbaumes  entbehrt,  liegen  ihre  An- 
fänge im  Dunkeln.  Die  Vorstufe  waren  farbige  Gläser  in  Holzrahmen  gefaßt.  Da- 
mit sindBilder  undOrnamente  nicht  ausführbar;  die  technische  Vorbedingung  der 
eigentlichen  Glasmalerei  ist  die  Fassung  der  Glasscheiben  in  schmiegsame  Blei- 
ruten, welche  zugleich  die  Umrisse  und  Hauptlinien  der  Zeichnung  geben.  Blei- 
gefaßte Fenster  werden  erst  im  10.  Jahrhundert  erwähnt  und  es  ist  nicht  wahr- 
scheinlich, daß  die  Glasmalerei  weiter  zurückreicht.  Denn  die  frühesten  Erwäh- 
nungen von  Kirchenfenstern  mit  farbigen  Bildern  fallen  in  diese  Zeit.  Frankreich 
hat  den  Vortritt:  Erzbischof  Adalbero  von  Reims  |969  bis  988 1,  derselbe,  der  die 
Egbertschule  für  sich  arbeiten  ließ,  versah  seine  Kirche  mit  bilderreichen  Fen- 
stern, 'fenestris  diversas  continentibus  historias'.  Erhalten  ist  davon  nichts;  erst 
im  12.  Jahrhundert  beginnt  in  Saint  Denis  die  Denkmälerreihe  der  französischen 
Glasmalerei.  D 

In  kurzem  Abstand  folgtBayern,  nicht  nur  mit  Schriftquellen,  sondern  auch  mit 
wohlerhaltenen  Arbeiten.  In  einem  Schreiben  des  Abtes  Gozbort  von  Tegernsee 
[982  bis  1001 J  wird  einem  Grafen  Arnold  gedankt,  weil  er  die  Fenster  der  Kloster- 
kirche, die  bis  dahin  mit  Tüchern  verschlossen  waren,  mit  Bildern  bunten  Glases 
versehen  habe.  Dergleichen  Kunstwerke  seien  weder  den  Vorfahren  noch  dem  Abt 
Gozbert  bekannt  gewesen.  Der  Abt  bittet  ferner,  daß  er  dioKlosterschülcr,  welche 
Graf  Arnold  in  der  Kunst  der  Glasmalerei  unterrichtet  hatte,  ihm  zu  weiterer  Aus- 
bildung wieder  zuschicken  dürfe.  Wer  Graf  Arnold  war,  der  zuerst  in  diesem  Land 
die  Glasmalerei  pflegte,  ist  unbekannt.  Man  darf  an  jenen  Grafen  Arnold  von  Voh- 
burg  denken,  der  später  als  Prior  von  S.  Emmeram  das  Leben  des  Klostcrpatrons 
beschrieb;  denn  in  dieser  berühmten  Rcgensburger  Klosterschule,  dem  Mittelpunkt 

251 


des  bayrischen  Kunstlebens,  hatte  auch  Gozbert  seine  Ausbildung  empfangen. 
Die  Lehre  trug  Früchte;  es  ist  bekannt,  dag  dieTegernseer Klosterwerkstattunter 
Gozberts  Nachfolger  Perenger  [1003  bis  1012]  für  Freisingen  und  andere  Kirchen 
Glasfenster  zu  liefern  hatte.  Auch  einer  der  Künstler  von  Tegernsee  wird  in  der 
Klosterchronik  genannt:  der  Mönch  Werinher  |1068  bis  1091],  ein  Mann  von  der 
Vielseitigkeit  desRogerus,  der  nicht  nur  fünf  Glasfenster  hergestellt  hat,  sondern 
auch  als  Maler,  Goldschmied  und  Schmelzwirker  tätig  war.  D 

Ein  Bild  dieser  Frühzeit  deutscher  Glasmalerei  geben  fünf  Scheiben  des 
11.  Jahrhunderts  im  Dom  von  Augsburg,  die  ältesten  Denkmäler  dieser  Kunst. 
Es  sind  schmale,  2  Meter  hohe  Rundbogenfenster,  deren  jedes  eine  Standfigur  in 
steifer,  unbewegter  Haltung,  ohne  jegliche  ornamentale  Umrahmung  enthält :  König 
David  [Abb.  202],  Moses  und  die  Propheten  Jonas,  Daniel  und  Osea.  Sie  sind  zwar 
mehrfach  dem  12.  und  13.  Jahrhundert  zugeschrieben  worden,  aber  ihr  Stil  gibt 
keinerlei  Anlag  daran  zu  zweifeln,  dag  sie  zur  alten  Ausstattung  dieses  995  be- 
gonnenen Teiles  des  Domes  gehören.  Die  Figuren  stehen  auf  farblosem  Grund, 
während  im  12.  Jahrhundert  blauer  Grund  vorherrschte.  Auch  die  Farbenwahl,  in 
der  Grün,  Rot  und  Gelb  das  Blau  übertönen,  ist  nicht  diejenige  der  romanischen 
Zeit.  Entscheidend  ist  die  ottonische  Tracht;  der  König  David  gleicht  in  der  Ge- 
wandung durchaus  dem  Bildnis  Kaiser  Heinrichs  II.  in  dessen  Sakramentar  aus 
Regensburg.  Es  ist  wahrscheinlich,  dag  die  Augsburger  Fenster  mit  der  Tegern- 
seer  Werkstatt  zusammenhängen.  An  Beziehungen  fehlte  es  nicht;  das  Ulrichs- 
kloster in  Augsburg  war  von  Tegernsee  aus  besiedelt  worden.  D 

Auch  nachNorden  mag  die  bayrischeSchulefortgewirkthaben,vielleichtdurch 
Bischof  Godehard  von  Hildesheim,  den  Nachfolger  Bernwards,  der  vorher  Abt  von 
Tegernsee  war.  Jedenfalls  ersieht  man  aus  demLehrbuchdesTheophilus,  dag  die 
Glasmalerei  auch  der  sächsischen  Klosterkunst  am  Ausgang  des  11.  Jahrhunderts 
geläufig  war.  Theophilus  steht  darin  schon  auf  einer  etwas  höheren  Stufe,  als  die 
Fenster  in  Augsburg.  Während  bei  diesen  die  Innenzeichnung  der  Gewandfalten, 
Gesichter  und  Hände  aus  aufgebranntem  Schwarzlot  nur  in  gleichmägig  starken 
Strichen  ausgeführt  ist,  gibt  Theophilus  bereitsgenaue  Anweisungen,  die  Schwarz- 
lotmalerei durch  starken  und  leichten  Auftrag  abzustufen  und  aus  schwarz  ge- 
deckten Flächen  vor  dem  Brennen  nicht  nur  die  Inschriften,  sondern  auch  vielerlei 
Ornamente  mit  dem  Pinselstiel  herauszuradieren.  In  der  Technik  ist  die  roma- 
nische Folgezeit  nicht  wesentlich  über  diese  Vorschriften  des  Theophilus  hinaus- 
gekommen, n 

Die  KUNSTWEBEREI  hat  vor  dem  Ausgang  des  romanischen  Zeitalters  die 
Grenzen  der  Seidenzucht  betreibenden  Länder  kaum  überschritten.  Byzanz  und 
der  Orient  wären  ihre  Heimat.  Wo  sie  in  sarazenisch  besiedelten  Gebieten  des 
Abendlandes  Pflege  fand,  wie  in  Spanien  und  Sizilien,  dawar  sie  auch  ihrem  Wesen 
nach  sarazenisch  geblieben.  D 

Die  STICKEREI  aber  war  an  die  Seidenländer  niemals  gebunden,  auch  wenn 
sie  Seide  verarbeitete.  Denn  die  Seide  ist  gesponnen  oder  verwebt  seit  Alters 
ein  Gegenstand  des  Welthandels  gewesen.  England,  dessen  Kunstgewerbe  der 
Byzantinismus  am  wenigsten  berührte,  wird  doch  schon  im  frühen  Mittelalter  als 

252 


Sitz  der  Kunststickerei  besonders  gerühmt.  Auch 
auf  dejn  Festland  reichen  die  schriftlichen  Nach- 
richten über  kirchliche  Stickereien  weit  zurück. 

Die  ältesten  Denkmäler  führen  in  den  Anfang 
des  1 1 .  Jahrhunderts.  Es  sind  durchgehends  Stücke 
von  ganz  hervorragender  kunstgeschichtlicher  Be- 
deutung, gering  an  Zahl,  aber  doch  ausreichend, 
um  auch  auf  diesem  Gebiet  neben  der  griechischen 
Richtung  der  Kirchenkunst  eine  germanische  Un- 
terströmung zu  zeigen.  D 

Den  byzantinischen  Stil  vertritt  unverkennbar 
der  ungarische  Krönungsmantel  in  Ofen,  ursprüng- 
lich eine  geschlossene  Kasel,  Vielehe  König  Stephan 
von  Ungarn  und  seine  Gemahlin  Gisela  von  Bayern, 
die  Schwester  Kaiser  Heinrichs  IL,  für  die  Kirche 
zu  Stuhlweigenburg  im  Jahre  1031  hatten  anfer- 
tigen lassen.  Eine  Inschrift  gibt  darüber  genaue 
Auskunft:  CASULA  HEG  OPERATA  ET  DATA 
ECCLESIAE  SANCTAE  MARIAE  SITAE  IN  CIVI- 
TATE  ALBA  ANNO  INCARNATIONIS  CHRISTI 
MXXXI  INDICTIONE  XIIII  A  STEPHANO  REGE 
ET  GISLA  REGINA.  Auf  violettem  Seidenstoff  aus 
Byzanz  ist  in  Goldstickerei  ein  ungemein  reicher 
Bilderkreis  höchst  kunstvoll  und  übersichtlich  ver- 
teilt. Um  das  Mittelfeld  mit  dem  Heiland,  Maria  und 
Engeln  ordnen  sich  in  Streifen  Christus  stehend 
zwischen  den  Propheten,  die  Apostel  in  architek- 
tonischer Umrahmung  sitzend  und  ein  Rand  mit 
Halbfiguren  der  Stifter  und  verschiedenerHeiligen 
in  Rundfeldern  zwischen  Ranken  und  Vögeln.  Der 
Stil  der  Figuren,  namentlich  der  stehenden,  das 
Ornament  und  die  senkrechten  Beischriften  ver- 
raten gleichmäßig  den  griechischen  Einflufi  Eben- 
so die  Sticktechnik:  die  Goldfäden  sind  nicht 
durch  den  Seidenstoff  durchgestochen,  sondern 
auf  die  Fläche  gelegt  und  mit  gelbem  Seidenfaden 
befestigt.  Dieses  Verfahren  wird  durch  die  grie- 
chische Dalmatik  im  Vatikan  als  byzantinisch  er- 
wiesen. Da  in  Ungarn  eine  einheimische  Kunst 
von  solcher  Leistungsfähigkeit  aller  Wahrschein- 
lichkeit nach  nicht  bestand,  hat  man  die  Künstler 
in  einem  Kloster  der  bayrischen  Heimat  der  Köni- 
gin Gisela  zu  suchen.  Denn  nur  dort,  im  Domschat/, 
zu  Bamberg,  sind  verwandte  Arbeiten  derselben  Zeit  zu  finden. 


D 


253 


Auch  der  Mantel  Kaiser  Heinrichs  IL  in  Bamberg  ist  ein  kirchliches  Gewand, 
eine  geschlossene  Glockenkasel,  in  derselben  'gelegten'  Goldstickerei  gearbeitet. 
Diese  ist  im  15.  Jahrhundert  auf  einen  neuen  Grundstoff  übertragen  worden.  Sie 
gibt  eine  'Descriptio  tocius  orbis',  eine  Beschreibung  der  ganzen  Welt,  dargestellt 
durch  die  antiken  Sternbilder,  die  in  Vielecken  und  Kreisen  über  die  ganzeFläche 
verteilt  und  durch  auffälligfehlerhafte  lateinische  Sprüche  erläutert  sind.  Im  oberen 
Teil  kommt  mit  den  eingeordneten  Bildern  Christi,  Maria,  Johannis  und  verschie- 
dener Symbole  auch  das  Christentum  zum  Wort.  Die  Inschrift  SUPERNE  USYE 
SIT  GRATUM  HOC  CAESARIS  DONUM  besagt,  dag  die  Kasel  ein  Geschenk  des 
Kaisers  [also  nach  der  Krönung  von  1014  geschaffen]  für  das  höchste  Wesen  ist. 
Den  NamenKaiser  Heinrichs  nennt  eine  längere  Inschrift,  die,  aus  reich  verzierten 
Initialbuchstaben  in  der  Art  der  Buchmalerei  zusammengestellt,  als  Randornament 
dient.  Dann  wird  durch  die  Worte  Tax  Ismaheli  qui  hoc  ordinavit'  ein  Besteller 
namhaft  gemacht,  dessen  Verhältnis  zum  Kaiser  nicht  aufgeklärt  ist.  Der  Name  ist 
auf  einen  Herzog  Ismael  von  Apulien  bezogen  worden,  der  1020  am  Hofe  des 
Kaisers  zu  Bamberg  verstarb  und  daselbst  begraben  wurde.  Auch  als  die  Bezeich- 
nung eines  sarazenischen  Künstlers  ist  diese  Inschrift  gedeutet  worden,  obwohl 
der  mittelalterliche  Sprachgebrauch  das  Wort  ordinäre  für  bestellen  anwendet, 
wie  die  früher  erwähnte  Inschrift  des  Reliquiars  von  S.  Maurice  [vgl.  Seite  210J 
darlegt.  Teils  wegen  des  Namens  Ismael,  teils  wegen  der  antikisierenden  Stern- 
bilder ist  die  Bamberger  Kasel  bisher  immer  als  süditalienische  Arbeit  erklärt 
worden.  Die  hohe  Bedeutung  des  Werkes  verlangt  eine  Nachprüfung.  Sie  ergibt, 
dag  es  der  Regensburger  Kunstschule  angehört,  wobei  die  Ausführung  in  Bam- 
berg selbst  nicht  ausgeschlossen  ist.  Es  ist  festgestellt,  dag  die  Sternbilder  und 
die  erläuternden  Sprüche  mitsamt  deren  Fehlern  einer  barbarisch-lateinischen 
Erklärung  des  griechischen  Sterngedichts  von  Aratus  'Phainomena'  entnommen 
sind,  die  imKreiseHeinrichsII.  und  in  Regensburg  nachweislich  bekannt  war.  Das 
erklärt  vollkommen  die  Aufnahme  antikisierender  Formen  und  Gedanken  in  eine 
bayrische  Klosterarbeit.  Das  Wort  Usia  findet  sich  zweimal  in  Widmungen  des 
Kaisers  an  deutschen  Kunstwerken:  an  derKanzel  inAachen  und  amBaselerGold- 
altar  des  Clunymuseums.  Dann  sind  ganz  aus  reichen  Initialbuchstaben  zusam- 
mengestellte Schriftzeilen,  wie  die  Randinschrift  der  Kasel,  in  der  Münchener 
Sakramentarhandschrift  enthalten,  die  inS.Emmeram  nach  dem  Muster  des  Codex 
aureus  gemalt  und  von  Kaiser  Heinrich  nach  Bamberg  geschenkt  war.  Hier  liegt 
offenbar  die  Quelle  dieser  ungewöhnlichen  Verzierung.  In  Nadelarbeit  ist  sie  nur 
noch  einmal,  an  einer  romanischen  Seidenstickerei  der  Kunibertkirche  zu  Köln 
nachzuweisen,  also  wiederum  eine  deutsche  Arbeit.  D 

Als  ein  Geschenk  des  frommen  Kaisers  bewahrt  der  Bamberger  Dom  noch  eine 
Kasel,  die  zwar  keine  Inschrift  trägt,  aber  aus  stilistischen  Gründen  ebenfalls  noch 
der  Regensburger  Kunst  des  11.  Jahrhunderts,  nicht  der  sarazenischen  zuzu- 
weisen ist.  Die  Goldstickerei  bildet  groge  Kreise,  die  in  regelmägiger  Wieder- 
holung, wie  ein  Webemuster,  einen  königlichen  Reiter  mit  dem  Jagdfalken  auf  der 
Faust,  enthalten.  Ranken  mit  Tieren  füllen  die  Kreisbänder  und  die  Zwischen- 
räume. Das  ist  sichtlich  eine  freie  Übertragung  eines  sassanidischen  Webemusters 

254 


in  abendländische  Formen.  Das  baumförmige  Zepter,  der  flatternde  Mantel,  der 
Löwe  vor  dem  Pferde  sind  Überbleibsel  eines  sassanidischen  Vorbildes  von  der 
Art  des  persischen  Seidenstoffes  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum.  Solche  Um- 
bildungen alter  orientalischer  Muster  sind  einer  Gattung  auffällig  derber,  romani- 
scher Halbseidenstoffe  eigentümlich,  deren  Regensburger  Herkunft  später  nach- 
gewiesen werden  soll.  Auf  einem  dieser  Stoffe  im  South  Kensington  Museum  ist 
sogar  das  Motiv  der  gekrönten  Reiter  mit  dem  Jagdfalken  noch  erhalten.  Auch 
wird  von  einem  Regensburger  Mönch  Engilmar  berichtet,  dag  er  in  der  Kunst  des 
Webens  sich  auszeichnete.  Die  Rankenornamente  derKasel  deuten  auf  denselben 
Ursprung,  denn  sie  stimmen  mit  den  Ranken  des  Regensburger  Tragaltärchens  im 
Clunymuseum  und  der  Baseler  Altarumrahmung  überein.  D 

Das  letzte  unter  den  goldgestickten  Priestergewändern  inBamberg,  einMantel 
mitbiblischenBildern  in  zusammenhängenden  Kreisen,  fällt  bereits  in  das  12.  Jahr- 
hundert. Es  ist  ein  romanischer  Ausläufer  der  bayrischen  Kunststickerei,  die  von 
griechischen  Vorbildern  ihren  Ausgang  nahm.  D 

Dieser  Gruppe  steht  nur  ein  aus  dem  11.  Jahrhundert  stammendes  Werk  jener 
urwüchsigen  Kunstrichtung  gegenüber,  die  in  Deutschland  mit  den  Hildesheimer 
Erzpforten  einsetzte.  Das  ist  der  Wandteppich  von  Bayeux,  ein  kulturgeschicht- 
liches Denkmal  erstenRanges.  Auf  einem  63 Meter  langen  und  einen  halbenMeter 
hohen  Leinenstreifen  ist  in  farbiger  Wollstickerei,  die  den  Grund  leer  läfit,  die 
Vorgeschichte  der  Eroberung  Englands  durch  den  Normannenherzog  Wilhelm, 
seine  Seefahrt  und  sein  Sieg  über  König  Harald  beiHastings  dargestellt  in  fortlau- 
fenden Bildern,  die  durch  Bäume  oder  Gebäude  von  einander  getrennt  und  mit  la- 
teinischen Erklärungen  versehen  sind.  Die  Zeichnung  ist  unbeholfen,  zuweilen 
kindlich;  aber  sie  ist  voll  Leben  und  beruht  auf  scharfer,  unmittelbarer  Beobach- 
tung der  Wirklichkeit,  namentlich  in  den  Bildern  des  Flottenbaues,  der  Trinkge- 
lage, derEin-  und  Ausschiffung  von  Mann  und  Rog.  Die  Ausführung  steht  zeitlich 
den  Ereignissen  des  Jahres  1066  sehr  nahe;  dag  Mathilde,  die  Gemahlin  Wilhelms, 
den  Teppich  selbst  gefertigt  habe,  ist  aber  nicht  erwiesen.  D 

Auf  dem  Gebiet  der  HOLZMÖBEL  ist  der  Denkmälerbestand  aus  dem  frühen 
Mittelalter  der  allerdürftigste.  Abnützung  und  Verbrauch,  dann  die  Mißachtung 
des  durch  Alter  und  Wandlungen  des  Geschmacks  entwerteten  und  unbequem  ge- 
wordenen Hausrats  erklären  die  Vergänglichkeit  zur  Genüge.  D 

Einigen  Ersatz  bieten  die  Nachbildungen  von  Möbeln  in  Buchmalereien,  Elfen- 
bein- und  Steinskulpturen.  Diese  Quelle  fliegt  schon  im  frühen  Mittelalter  sehr 
reichlich;  aber  ihre  Angaben  sind  anfechtbar  und  trügerisch,  weil  oft  die  aus- 
schmückende Phantasie  des  Zeichners  mitgewirkt  hat  oder  weil  sein  Können  zur 
deutlichen  Wiedergabe  der  Wirklichkeit  nicht  ausreichte.  Trotzdem  ist  dieses 
Hilfsmittel  nicht  zu  verschmähen,  denn  die  daraus  gewonnene  Aufklärung  kann 
als  vollgültig  hingenommen  werden,  wenn  sie  durch  erhaltene  Möbel  späterer  Zeit 
bestätigt  wird.  Solche  Belagstücke  stellen  die  Baucrnmt)bel  verkehrsarmer  Ge- 
genden, namentlich  Skandinaviens,  deren  Bewohner  an  althergebrachtem  Gerät 
mit  Zähigkeit  festhalten  konnten,  weil  ihre  Lebensformen  starken  Wandlungen 
nicht  unterworfen  waren.  D 

255 


Aus  zahlreichen  Bil- 
dern inHandschriften 
und  Skulpturen  des 
vorgotischen  Mittel- 
alters ist  deutlich  zu 
ersehen,  dag  die  häu- 
figste Gattung  der 
Sitzmöbel  einschlieg- 

D  Abb.  203:  Bettstelle,  9.  Jahrhundert  °    lichderBettenbiszum 

13.  Jahrhundert  aus  rundgedrechselten  Pfosten  und  Stäben  gebaut  war.  □ 

In  dem  Wiener  Evangeliar  Karls  des  Großen  sitzen  die  Evangelisten  auf  Falt- 
stühlen, deren  gekreuzte  Beine  in  regelmäßigem  WechselvonKugeln  undScheiben 
gedrechselt  sind.  Vierbeinige  Lehnstühle  aus  gedrehten  Rundstäben  finden  sich 
in  sehr  klarer  Darstellung  in  der  Pariser  Bibel  Karls  des  Kahlen  von  851,  ein  ein- 
faches Bett  aus  Rundpfosten  auf  dem  Elfenbeindeckel  der  Psalterhandschrift  des- 
selben Kaisers;  ein  reicheres  Bett  nebst  Schemel  in  besonders  genauer  Wieder- 
gabe auf  einem  griechischen  Elfenbeinkasten  des  9.  Jahrhunderts  im  Museum 
Kircherianum  zu  Rom  [Abb.  203].  Als  spätromanisches  Beispiel  einer  gedrechsel- 
ten Bettstatt  ist  ein  Relief  am  Grabmal  Papst  Clemens  II.  im  Bamberger  Dom  zu 
erwähnen.  Die  romanische  Zeit  hat  gelegentlich,  wie  unter  anderem  ein  Stein- 
relief im  Louvre  mit  dem  Evangelisten  Mathäus  aus  Chartres  zeigt,  zwischen  den 
gedrehten  Stäben  der  Bänke  und  Stühle  Rundbogen  angebracht,  aber  die  Grund- 
form und  Bauart  dieser  Möbel  im  wesentlichen  unverändert  gelassen.  Nur  ver- 
schwinden im  12.  Jahrhundert  die  tiefen  Einschnitte  der  gedrehten  Profile,  welche 
die  karolingischen  Bilder  nach  antikem  Vorbild  aufweisen.  D 

Erst  die  Gotik  schiebt  infolge  ihrer  Neigung,  auch  Sitzmöbel  aus  Brettern  auf- 
zubauen, die  gedrechselten  Möbel  beiseite  und  verdrängt  sie  in  den  Hausrat  des 
Bauernstandes,  der  ihnen  zu  einem  ununterbrochenen  Fortleben  fast  bis  in  die 
Gegenwart  verholfen  hat.  D 

Direkte  Nachkommen  der  Drechselmöbel  des  frühesten  Mittelalters  sind  die 
Dreibeinstühle,  die  in  zahlreichenBeispielen  meist  des  18.  Jahrhunderts  vorliegen. 
Ihre  Verbreitung  erstreckt  sich  ziemlich  über  ganz  Europa  vom  äußerstenNorden 
zumSüden  undWesten.  Sie  finden  sich  noch  am  häufigsten  amNiederrhein,  Inder 
Eifel  und  in  Westfalen  [Kunstgewerbemuseum  Köln,  Germanisches  Museum  Nürn- 
berg], seltener  in  England,  Norwegen  und  Spanien.  Die  ältesten  Stücke  aus  dem 
15.  Jahrhundert  hat  Italien  aufzuweisen  [Abb.  204].  Auf  niederländischen  und  deut- 
schen Bildwerken  der  Spätgotik  erscheinen  sie  noch  im  bürgerlichen  Hausrat, 
späterhin  nur  als  bäuerliches  Gerät.  Der  Bau  ist  überall  derselbe:  drei  gedrech- 
selte Pfosten,  deren  einer  als  Rückenlehne  hochgeführt  ist,  halten  ein  dreiseitiges, 
von  Rundhölzern  eingefaßtes  Sitzbrett.  Zwischen  den  Sitz  und  die  unteren  Ver- 
bindungstäbe der  Eckpfosten  sind  zuweilen  dünnere  Stäbe  senkrecht  eingezapft. 
Auch  das  Querholz  der  Rücklehne,  rund  oder  brettförmig.  wird  von  solchen  Stäb- 
chen gestützt,  wenn  es  nicht  wie  in  Spanien  und  Westfalen  durch  zwei  schräge 
Armlehnen  mit  den  Vorderpfosten  fest  verbunden  ist.  Die  niederrheinischenDrei- 

256 


Abb.  204:  Dreibeinstuhl,  Italien,  15.  Jahrhundert  D  Abb.  205:  Romanischer  Kirchenstuhl  aus  Hedemarken 
D  in  Christiania  □ 

beine  kennen  diese  Armstützen  nicht;  dafür  ist  hier,  wie  auch  in  Norwegen,  über 
dem  Sitz  ein  im  Halbkreis  gebogener  Spahn  als  untere  Lehne  angebracht.  Die  ita- 
lienischen Beispiele  zeichnen  sich  durch  tief  eingedrehte  Profile  aus,  während 
überall  sonst  die  Pfosten  flach  geringelt  sind.  □ 

Da  ländliche  Möbel  so  einfacher  Art  niemals  eine  Handelsware  zwischen  weit 
entfernten  Ländern  gewesen  sind,  läßt  ihre  weite  Verbreitung  von  Norwegen  bis 
Spanien  und  von  England  bis  Italien  nur  die  Erklärung  zu,  dag  die  Entstehung  der 
Gattung  in  eine  diesem  ganzen  Gebiet  gemeinsame  Kulturform,  also  in  die  Zeit 
der  Völkerwanderung  und  der  germanischen  Staatengründungen  zurückreicht.  D 

Das  gilt  auch  für  die  Bänke  und  vierbeinigen  Stühle,  die  sich  durch  eine  ganz 
verwandte  Bauart  aus  gedrehten  Rundhölzern  als  die  echten  Geschwister  der 
Dreibeinstühle  erweisen.  Die  Klosterkirche  von  Alpirsbach  im  Schwarzwald  be- 
sitzt noch  zwei  schwere  Rundpfostenbänke  aus  dem  12.  Jahrhundert,  an  welche 
sich  etwas  jüngere,  aber  durchaus  formverwandte  gotländische  Kirchenbänke  im 
Historischen  Museum  von  Stockholm  und  ein  Stuhl  aus  Hedomarken  |  Kunstge- 
werbemuseum Christiania,  Abb.  205 1  anreihen.  Leichtere  vierbeinige  Bauernstühle 
aus  gedrechselten  Stäben  mit  Brettsitzen  sind  im  hannoverschen  Altenland,  in  der 
Wilstermarsch,  in  Jütland  und  der  skandinavischen  Halbinsel  vorbreitet,  die  zwar 
kaum  vor  das  18.  Jahrhundort  zurückreichen,  aber  doch  mittelalterliche  Formen 
getreu  bewahrt  haben  |  Museen  Hamburg,  Flensburg,  Christiania].  D 

Durch  byzantinischen  Einflulj;  sind  gedrechselte  Sitzmöbel  auch  im  Kaukasus 
entstanden;  das  Germanische  Museum  besitzt  Beispiele  aus  Swanotion  von  rein 
romanischer  Form.  O 


17  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes 


Alle  diese  Drechselmöbel  sind  zwar  gemäß  ihrer  Abkunft  aus  einer  barbari- 
schen Frühzeit  der  Hausausstattung  künstlerisch  bescheidene  Werke,  aber  sie 
liefern  uns  den  stilgeschichtlich  wichtigen  Nachweis,  dag  das  Kunstgewerbe  des 
Mittelalters  auch  auf  diesem  Gebiet  ebenso  wie  in  der  Metallarbeit  von  der  Völker- 
wanderung an  bis  zum  Auftreten  der  Gotik  von  dem  Erbe  des  Altertums  gezehrt 
hat.  Zwar  sind  antike  Holzmöbel  dieser  Art  nicht  mehr  vorhanden;  aber  die  aus 
aufgereihten  Wülsten  und  Scheiben  gebildeten  Pfosten  der  römischenBronzesitze 
und  Betten  in  Neapel  und  anderwärts  [vgl.  Abb.  100]  zeigen  Formen,  die  nicht  dem 
Erzguß  angemessen,  sondern  auf  der  Drehbank  entstanden  sind.  Der  Ursprung 
dieser  in  das  Metall  übertragenen  Bildungen  ist  die  Drechselarbeit  der  antiken 
Holzmöbel  gewesen.  D 

Die  Rundholzsitze  sind  nicht  die  einzigen  Möbel,  die  auf  einen  ins  früheste 
Mittelalter  reichenden  Stammbaum  Anspruch  haben.  Eine  höchst  urwüchsige 
Stuhlart  in  nordischen  Sammlungen  [Volksmuseen  in  Christiania-Bygdö  und  in 
Lyngby  bei  Kopenhagen]  ist  aus  dem  Abschnitt  eines  dicken  Baumstammes  in  der 
Art  hergestellt,  dag  man  von  der  Sitzhöhe  aufwärts  den  größeren  Teil  des  Stammes 
entfernt  und  den  stehenbleibenden  Rest  zu  einer  Rückenlehne  ausgerundet  hat. 
Dieselbe  Form  kommt  auch  in  Spanien  vor  und  es  ist  wahrscheinlich,  daß  ein  sol- 
cher Blockstuhl  des  Provinzialmuseums  von  Barcelona  wirklich  noch  der  west- 
gotischen Zeit  angehört.  Seine  durchbrochen  geschnittene  Lehne  enthält  in  einem 
Kreisfeld  den  aus  sechs  gestreckten  Spitzovalen  gebildeten  Stern,  der  eins  der 
häufigsten  Ziermotive  der  Völkerwanderungszeit  bildet.  Er  tritt  in  der  Regel  als 
Gegenstück  einer  Kreisrosette  mit  schräg  gedrehten  Strahlen  auf,  in  der  longo- 
bardischen  Plastik  als  Sonne  und  Mond  verwendet.  Man  darf  daher  eine  seltene 
Gattung  von  Schweizer  Truhen  [Landesmuseum  Zürich,  Kunstgewerbemuseum 
Köln],  deren  einzige  Verzierung  diese  beiden  in  derbem  Kerbschnitt  eingestoche- 
nen Kreisornamente  bilden,  als  die  Ausläufer  longobardischer  Kastenmöbel  be- 
trachten. Auch  in  frühgotischen  Truhen  des  italienischenAlpengebiets  lebt  dieses 
alte  Motiv  noch  fort.  D 

Ein  gutes  Bild  derSchnitzerei  des  frühesten  Mittelalters  gibt  das  älteste  wohl- 
erhaltene Kastenmöbel,  eine  Zedernholztruhe  im  Dom  von  Terracina  |  Abb.  206 1. 
Drei  Seiten  sind  ganz  mit  flacher  Schnitzarbeit  bedeckt:  unter  Rundbogenreihen 
Gruppen  von  Menschen  und  Kentauren  im  Kampfe  mit  Tieren  und  Ungeheuern,  in 
der  Mitte  derSündenfall  als  das  einzige  christlicheBild  zwischen  den  orientalisch- 
antiken Motiven  in  sehr  barbarisch-germanischer  Umbildung.  Es  ist  eine  longo- 
bardische  Arbeit  des  7.  oder  S.Jahrhunderts.  Für  diese  Zeit  spricht  einerseits  die 
Gleichartigkeit  der  Rundbogenverzierung  mit  derjenigen  auf  einer  der  Kronen  von 
Guarrazzar,  andrerseits  die  Stilverwandtschaft  der  Reliefbilder  mit  den  longo- 
bardischen  Steinskulpturen  in  Cividale.  Die  antike  Rundung  des  Reliefs,  wie  sie 
in  der  Holzschnitzerei  noch  die  spätrömische  Tür  von  S.  Sabina  zeigt,  war  längst 
verloren;  die  Figuren  stehen  flach  und  kaum  modelliert  auf  steil  ausgestochenem 
Grund.  D 

Diese  Art  der  Schnitzerei  ohne  Modellierung  ist  bis  zu  völliger  Ebenheit  der 
Oberfläche  weitergeführt  an  zwei  Flügeltüren  des  IL  Jahrhunderts  im  Dom  von 

258 


v-^ 


□  Abb.  206:  Truhe  in  Terracina,  8.  Jahrhundert  ü 

Puy,  deren  eine  die  Bezeichnung  Gaudefredus  me  fecit  trägt.  Hier  war  offenbar 
die  Malerei  berufen,  den  aus  dem  Grunde  flach  ausgesparten  Bildern  des  Leidens 
Christi  eine  deutliche  Innenzeichnung  zu  verleihen.  Erst  der  romanische  Stil  hat 
der  Holzschnitzerei  dieFähigkeit  zu  starkerPlastik  wieder  verschafft.  Das  älteste 
und  bedeutendste  Beispiel  dafür,  die  eichene  Kirchentür  von  Maria  im  Kapitol  zu 
Köln,  steht  bereits  außerhalb  der  vorromanischen  Kunst.  In  ihren  26  Relief  bildern 
aus  dem  Leben  Christi  sind  vieleFiguren  fastvoUrund  unterschnitten.  Ihre  plumpe, 
dickköpfige  Bildung  und  die  Bandgeflechte  der  Umrahmung  sind  deutliche  Kenn- 
zeichen des  12.  Jahrhunderts.  D 


□ 


D 


KAPITEL  IX  ♦  DAS   ROMANISCHE   KUNSTGE- 
WERBE D 

Man  darf  die  gebräuchlichen  Stilbezeichnungen  nicht  allzugenau  auf  ihreinnere 
Bedeutung  und  Richtigkeit  nachprüfen.  Denn  das  einzelne  Kennwort  kann  besten- 
falls nur  einen  Teil  der  vielfältigen  Kräfte  und  geistigen  Strömungen  bezeichnen, 
die  an  der  Gestaltung  eines  Kunststils  zusammenwirken.  Romanisch  ist  die  der 
Gotik  vorausgehende  Baukunst  genannt  worden  um  anzudeuten,  daf;  sie  gleich 
den  vom  Lateinischen  abstanunenden  romanischen  Sprachen  aus  den  Resten  und 
auf  der  Grundlage  der  römischen  Kunst  emporgewachsen  ist.  In  diesem  Sinne 
würde  die  Bezeichnung  Romanisch,  auf  das  Kunstgewerbe  übertragen,  für  das  ge- 
samte vorgotische  Mittelalter  Geltung  haben.  Dieser  lange  Zeitraum  ist  in  der  vor- 
ausgehenden Darstellung  bereits  soweit  gegliedert  worden,  daPi  das  romanische 

17*  259 


Kunstgewerbe  im  engeren  Sinne  auf  seinen  letzten  Abschnitt,  das  12.  Jahrhundert 
und  die  erste  Hälfte  des  13.  begrenzt  bleibt.  D 

Der  Anfang  dieser  Stilperiode  ist  etwas  schwankend,  denn  es  besteht  keine 
scharfe  Trennung  zwischen  der  vorromanischen  und  der  hochromanischen  Kunst. 
Die  letztere  ist  eben  nur  die  höchste  Stufe  und  der  Abschluß  der  aus  der  Spät- 
antike abgeleiteten  frühmittelalterlichen  Formensprache.  In  allmählichem  Über- 
gang vollzieht  sich  die  Wandlung  vom  Stil  des  11.  zu  dem  des  12.  Jahrhunderts. 
Der  Byzantinismus,  der  die  vorromanische  Klosterkunst  kennzeichnete,  hat  auch 
im  12.  Jahrhundert  noch  viele  Spuren  hinterlassen;  und  andrerseits  lebt  roma- 
nischer Geist  schon  in  den  plastischen  Werken  Bernwards  von  Hildesheim.        □ 

Trotzdem  ist  dem  romanischen  Kunstgewerbe  des  12.  Jahrhunderts  ein  abge- 
schlossener, selbständiger  Stil  keineswegs  abzusprechen.  In  seiner  Einheitlich- 
keit liegt  grade  der  wesentliche  Unterschied  gegen  die  Vorzeit.  D 

Von  der  Völkerwanderung  an  waren  im  Kunsthandwerk  des  Abendlandes  die 
kirchlich -byzantinische  und  die  weltlich -germanische  Richtung  nebeneinander 
hergegangen,  getrennt  trotz  der  gemeinsamen  spätantiken  Quelle  und  trotz  man- 
cher Vermischung.  Erst  im  12.  Jahrhundert  fliegen  sie  zu  einem  starken  Strom 
zusammen  und  aus  ihrer  Vereinigung  erwächst  der  romanische  Stil.  n 

Die  Ursachen  dieses  Vorgangs  liegen  auf  denGebieten  des  künstlerischen  und 
des  sozialenFortschritts.  Einerseits  war  dieKlosterkunst  nach  jahrhundertelanger 
Schulung  durch  Byzanz  hinreichend  erstarkt,  um  dieser  Stütze  entraten  zukönnen. 
Mit  dem  Können  wuchs  die  Selbständigkeit  und  mit  dieser  hob  sich  das  nationale 
Element  auch  im  kirchlichen  Kunstgewerbe.  Damit  war  einer  Annäherung  an  den 
Volksgeschmack  freie  Bahn  gebrochen.  D 

Folgenreicher  war  auf  der  anderen  Seite  der  Wechsel  im  kunstgewerblichen 
Betrieb.  Er  hing  zusammen  mit  der  rasch  aufblühenden  Macht  der  Städte.  Mit 
ihrem  Selbstbewußtsein  undReichtum  stieg  auch  die  Bedeutung  und  dieFähigkeit 
des  bürgerlichen  Handwerks.  Die  Kunst  im  Hause  stand  noch  auf  tiefer  Stufe;  um 
so  eifriger  waren  die  weltlichenHandwerker  bemüht,  den  geistlichen  Werkstätten 
die  kirchlichen  Aufgaben  aus  der  Hand  zu  nehmen,  die  in  dieser  Blütezeit  des 
Kirchenbaus  über  das  vorher  übliche  Mag  an  Zahl  undUmfang  weit  hinausgingen. 

Es  ist  nicht  genau  festzustellen,  wie  im  12.  Jahrhundert  sich  die  Arbeit  auf 
geistliche  und  weltliche  Kräfte  verteilt,  denn  der  Rückgang  und  Verzicht  der 
Klosterwerkstätten  erfolgte  an  einem  Ort  früher,  an  anderen  später.  Aber  mit 
vollerDeuthchkeit  ist  zu  erkennen,  dag  die  künstlerische  Führung,  die  vorwärts 
treibende  schöpferische  Kraft  im  Kunsthandwerk  schon  in  der  ersten  Hälfte  des 
12.  Jahrhunderts  auf  die  bürgerlichen  Meister  übergegangen  war.  Die  Geschichte 
der  grogen  Laienkünstler  Lothringens  wird  den  Beweis  dafür  erbringen.  D 

Diese  Verweltlichung  des  Betriebes  war  von  größtem  Einflug  auf  die  Gestal- 
tung des  romanischen  Stils.  Denn  im  bürgerlichen  Handwerk  hatte  ein  guter  Teil 
alter  Überlieferung  der  germanischen  Volkskunst  sich  fortgepflanzt  und  lebens- 
kräftig erhalten.  Die  Laienhand  übertrug  nun  lang  verschollene  —  aber  nicht  aus- 
gestorbene —  Technik  und  Zierformen  auf  die  kirchliche  Arbeit  und  förderte  so 
die  Abkehr  vom  Byzantinismus.  □ 

260 


Das  romanische  ORNAMENT  des  12.  Jahrhunderts  veranschaulicht  diese  Ver- 
mischung. Es  kann  den  germanischen  Einschlag  nicht  verleugnen,  obwohl  die  an- 
tikisierende Ranke  mit  ihrem  aus  dem  Akanthus  und  den  Palmetten  abgeleiteten 
Blattwerk  sein  Hauptmotiv  bleibt.  Neben  ihr  tritt  das  weitmaschige  Bandgeflecht 
wieder  auf,  in  dessen  Linienführung  häufig  noch  die  spitzwinkligen  Knickungen 
zu  sehen  sind,  die  dem  frühesten  Mittelalter  eigentümlich  waren.  Kein  Zweig  des 
Kunsthandwerks  bleibt  davon  frei.  Die  Ranke  selbst  unterliegt  dem  Einfluß  des 
Bandgeflechtes;  sie  verliert  den  Pflanzencharakter,  ihre  Stengel  werden  durch 
aufgelegte  Perlschnüre  und  ähnliche  Musterung  in  Bänder  verwandelt  und  gleich 
diesen  verschlungen  und  verflochten.  Auch  die  Neigung,  das  Band-  und  Ranken- 
werk mit  Figuren,  Tieren  und  Ungeheuern  zu  durchsetzen  und  innig  zu  verbinden, 
ist  unzweifelhaft  ein  Ausfluß  des  germanischen  Volksgeschmacks.  Denn  diese 
phantastische  Ornamentik  entfaltet  sich  in  der  reinsten  Form  in  den  romanischen 
Holzschnitzereien  Norwegens,  die  in  grader  Linie  von  der  alten  Volkskunst  her- 
stammen und  nicht  nur  deren  Formen,  sondern  auch  ihren  Geist  so  gut  wie  un- 
verändert festgehalten  haben.  □ 

Die  Verweltlichung  des  kunstgewerblichen  Betriebs  im  12.  Jahrhundert  hatte 
somit  tiefgehende  Wirkungen  in  stilistischer  und  technischer  Hinsicht.  Aber  sie 
hatte  noch  nicht  das  Ergebnis,  den  kirchlichen  Grundzug  der  Kunsttätigkeit  zu 
ändern.  Wir  wissen  wenig  von  einer  künstlerischen  Ausstattung  der  Ritterburg 
und  des  städtischen  Bürgerhauses  dieser  Zeit  und  noch  weniger  ist  von  Erzeug- 
nissen weltlicher  Bestimmung  erhalten.  Noch  immer  blieb  die  Gläubigkeit  und 
namentlich  die  Reliquienverehrung  die  stärkste  Triebfeder  für  das  kunstgewerb- 
liche Schaffen,  der  Schmuck  des  Gotteshauses  das  hauptsächlichste  Arbeitsgebiet. 
Auch  da,  wo  die  Klosterwerkstätten  eingingen,  von  denen  nur  wenige  das  12.  Jahr- 
hundert überlebt  haben,  hörte  die  Mitarbeit  der  Geistlichkeit  nicht  auf.  Sie  war  un- 
entbehrlich für  den  geistigen  Inhalt  der  kirchlichen  Werke,  deren  Ausführung  dem 
Laienhandwerk  anheimfiel.  Für  die  damals  so  beliebten  typologischen  Bilder- 
folgen der  Schmelzkunst  und  der  Glasmalerei,  für  die  Heiligenlegenden  und  die 
lateinische  Spruchweisheit  auf  denReliquienschreinen  konnten  die  Meister  bürger- 
lichen Standes  der  geistlichen  Hilfe  so  wenig  entbehren,  wie  vorher  die  Laien- 
brüder der  Klosterschulen.  So  sehen  wir  auch  in  der  Verbindung  von  Gedanke 
und  Ausführung  die  Vermählung  kirchlichen  und  weltlichen  Wesens,  die  den  ro- 
manischen Stil  kennzeichnet.  D 

1.  DIE  METALLKUNST  UND  DER  KUPFERSCHMELZ.  D 

Die  Ursachen  und  Wirkungen  des  Stilwechsels  im  12.  Jahrhundert  sind  am 
besten  an  der  Metallarbeit  zu  verfolgen,  weil  sie  die  größte  Zahl  örtlich  und  zeit- 
lich gut  bestimmbarer  Werke  hinterlassen  hat,  dann  auch,  weil  nur  bei  diesem 
Kunstzweig  die  vorausgegangene  Entwicklung  in  ihren  Grundzügen  zu  über- 
sehen ist.  D 

Man  kann  das  führende  Kunstgewerbe  im  romanischen  Zeitalter  nur  mit  ein- 
schränkendem Vorbehalt  als  Goldschmiedekunst  bezeichnen,  denn  es  ist  gerade 
sein  auffälligstes  Merkmal,  daß  Kupfer  und  Erz  an  Stelle  des  Goldes  die  bevorzug- 
ten Werkstoffe  werden.  Das  ist  offenbar  eine  Folge  des  Aufschwungs  und  der 

261 


Gebietserweiterung  der  bürgerlichen  Volkskunst,  die  seit  der  Völkerwanderung 
vornehmlich  in  den  unedlen  Metallen  nach  den  Ansprüchen  und  Mitteln  ihrer  Ab- 
nehmer zu  arbeiten  gewohnt  war.  D 

Damit  ist  eine  ganz  einschneidende  Änderung  in  der  Schmelzkunst  verbun- 
den. Mit  dem  Gold  verschwindet  der  Zellenschmelz  und  an  seine  Stelle  tritt  der 
KUPFERSCHMELZ,  der  nun  das  Leitmotiv  der  romanischen  Metallkunst  wird,  in 
höherem  Maße  noch,  als  es  der  Goldschmelz  für  die  byzantinische  Richtung  der 
vorromanischen  Zeit  gewesen  ist.  D 

Die  Schmelzarbeit  tritt  nun  so  stark  in  den  Vordergrund,  dag  sie  zuweilen  die 
anderen  Zierkünste  des  Metalles  überwuchert.  Trotzdemist  sie  kein  selbständiges 
Gewerbe  gewesen,  sondern  immer  nur  ein  Zweig  der  Goldschmiedekunst.  An 
vielen  Denkmälern  des  12.  Jahrhunderts  ist  deutlich  zu  sehen,  dag  ein  und  der- 
selbe Künstler  das  Schmelzwerk,  den  Gug,  die  Treibarbeit  und  die  Gravierung 
gemacht  hat.  D 

Da  in  den  Ornamenten,  figürlichen  Darstellungen  und  technischen  Verfahren 
des  Kupferschmelzes  die  stilistische  Eigenart  der  verschiedenen  Betriebsorte. 
Werkstätten  und  Meister  sich  greifbarer  und  schärfer  ausprägt  als  in  anderen 
Ziermitteln  der  Metallarbeit,  dem  Filigran  oder  der  Edelsteinfassung,  so  bietet 
das  Schmelzwerk  die  sicherste  Handhabe  der  Gruppierung  und  Bestimmung  des 
sehr  umfangreichen  Denkmälervorrats  der  romanischen  Goldschmiedekunst.  Der 
Kupferschmelz  wird  in  der  Regel  [entsprechend  dem  französischen  Email  champ- 
leve]  Grubenschmelz  genannt,  weil  zur  Aufnahme  der  Schmelzfarben  in  starke 
Kupferplatten  Gruben  eingestochen  werden.  Um  innerhalb  der  Gruben  die  figür- 
lichen oder  ornamentalen  Zeichnungen  herzustellen,  kann  der  Goldschmied  die 
Umriglinien  oder  ganze  Flächen  des  Bildes  in  der  vollen  Plattendicke  des  Metalles 
stehen  lassen,  das  ist  der  reine  Grubenschmelz;  oder  er  kann  nach  dem  Brauch 
des  Zellenschmelzes  vorher  gebogene  dünne  Kupferstege  als  Umriglinien  in  die 
Gruben  einsetzen,  das  gemischte  Email.  Immer  werden  die  zwischen  den  Farben 
sichtbar  stehenbleibenden  Metallstege  und  Flächen  vergoldet.  D 

Die  Gravierarbeit  des  Grubenschmelzes  gewährt  dem  Künstler  eine  unver- 
gleichlich grögere  Freiheit  der  Zeichnung  als  der  Zellenschmelz.  Er  kann  die  Fi- 
guren und  Ornamente  ausstechen  und  dadurch  farbige  Bilder  auf  vergoldetem 
Grund  schaffen,  die  in  der  Wirkung  dem  griechischen  Goldschmelz  sich  nähern; 
oder  umgekehrt  die  Zeichnung  in  Gold  aus  farbigem  Emailgrund  aussparen,  oder 
schlieglich  sowohl  den  Grund  als  auch  die  Bilder  emaillieren,  so  dag  nur  schmale 
Goldumrisse  die  Farbflächen  trennen.  Welches  Verfahren  der  Schmelzwirker 
wählt,  ist  eine  Frage  teils  der  Zweckmägigkeit  und  künstlerischen  Absicht,  teils 
auch  der  Schulüberlieferung.  Es  ist  keine  Seltenheit,  dag  die  verschiedenen  Arten 
an  einem  Werke  vereinigt  vorkommen.  D 

Auch  die  Farbigkeit  durchbricht  die  engen  Grenzen  des  Goldschmelzes,  der 
jede  Zelle  nur  mit  einer  Farbe  ausfüllen  konnte.  Die  undurchsichtigen  Glasflüsse 
des  Kupferemails  sind  strengflüssiger  und  ermöglichen  das  Nebeneinanderstellen 
und  Abstufen  verschiedener  Farben  in  einer  Grube  ohne  trennende  Metallstege. 
Diese  Kunst  ist  im  12.  Jahrhundert  bis  zur  Schmelzmalerei  durchgebildet  worden. 

262 


Da  die  Feilheit  des  Kupfers  und  die  größere  Freiheit  der  Gravierarbeit  die  Ver- 
wendung des  Schmelzwerks  augerordenthch  steigerten,  größere  Aufgaben  und 
höhere  Kunstziele  zuließen,  so  bedeutet  der  romanische  Kupferschmelz  einen 
Fortschritt  in  jeder  Hinsicht.  D 

Als  der  Kupferschmelz  im  ersten  Drittel  des  12.  Jahrhunderts  sich  der  kirch- 
lichen Aufgaben  bemächtigte,  verdrängte  er  den  Goldschmelz  griechischer  Art 
schnell  und  gründlich,  geriet  aber  stilistisch  unter  dessen  Einfluß.  Da  er  gelegent- 
lich auch  sich  der  Zellentechnik  bediente,  so  lag  die  Vermutung  nahe,  daß  er  nur 
als  ein  billiger  Ersatz,  als  eine  Nachahmung  des  Goldemails  entstanden  sei.  Diese 
Ansicht  ist  nicht  haltbar.  D 

Der  romanische  Kupferschmelz  ist  in  derTat  ein  Nachkomme  des  spätrömischen, 
wie  er  in  Gallien,  am  Rhein,  inBritannien  geübt  worden  war.  Die  Entwicklung  vom 
4.  bis  zum  12.  Jahrhundert  läßt  sichfreilich  nichtmehr  Schritt  für  Schritt  verfolgen. 
Merowingische,  karolingische  und  irische  Arbeiten,  wie  die  früher  erwähnten 
Reliquiare  von  S.  Maurice,  Enger  und  der  Buchdeckel  aus  Lindau  [vgl,  Seite  221] 
müssen  die  weite  Kluft  überbrücken  im  Verein  mit  unscheinbaren  Scheibenfibeln 
des  9.  und  10.  Jahrhunderts  aus  Grubenschmelz,  deren  Fundgebiet  sich  von  Ober- 
italien und  den  Ostalpen  [KettlachJ,  den  Rhein  herab  [Mainz,  Köln]  an  die  Maas 
[Namur]  bis  nachEngland  erstreckt.  DerBestand  ist  zwar  dürftig,  aber  er  beweist 
doch  vollkommen  das  Fortleben  desKupferschmelzes  nach  der  Völkerwanderung 
in  der  germanischen  Volkskunst.  Daß  mit  dieser  letzteren  auch  die  kirchlichen 
Kupferschmelzarbeiten  des  12.  Jahrhunderts  noch  eng  zusammenhängen,  ist  mit 
Sicherheit  durch  eine  weit  verbreitete  Gattung  von  Reliquienkästen  festzustellen, 
deren  Hauptstücke  sich  im  Hildesheimer  Dom, Weifenschatz,  Museum  Kircherianum 
zu  Rom,  Museum  zu  Kopenhagen,  Sammlung  Morgan  befinden  |Abb.  2071.  Die 
Grubenschmelzplatten  dieser  Kästchen  tragen  nur  religiöse  Bilder:  den  Weltrichter 
mit  den  Evangelistenzeichen,  die  Kreuzigung  oder  Grablegung  nebst  den  Aposteln. 
Sie  entsprechen  darin  den  Tragaltären  des  Kölners  Eilbert  und  stammen  wie  diese 
aus  dem  12.  Jahrhundert.  Die  Schmelzarbeit  ist  sehr  geschickt;  auf  blauem  Grund 
sind  nur  die  Köpfe  und  Umrisse  der  Figuren  in  Metall  ausgespart,  die  Gewänder 
mit  bunten  Schmelzfarben  ausgefüllt.  Um  so  merkwürdiger  ist  die  archaische 
Roheit  der  Zeichnung;  sie  gleicht  den  Schmelzbildern  auf  dem  frühmittelalter- 
lichen Einband  irischen  Stils  aus  Lindau  |  Abb.  178].  Dieselbe  Machart  und  Zeich- 
nung zeigt  ferner  das  sogenannte  Juwel  König  Alfreds  [gestorben  901 1  aus  Gold- 
email in  Oxford,  das  die  angelsächsische  Bezeichnung 'Aelfredmec  hebt  gewurcan' 
trägt.  Die  ganze  Gattung  ist  danach  England  zuzuweisen.  Es  ist  nicht  allein  die 
Verwandtschaft  mit  dem  irischen  Bucheinband,  die  sie  mit  der  frühmittelalter- 
lichenKunstverbindet.  DerDeckel  des  hier  abgebildeten  HildesheimerKästchens 
trägt  zwischen  Ranken  in  einem  Kreisfeld  dasselbe  Ornament  aus  vier  kreuzweis 
verschlungenen  Schlangen,  das  uns  als  ein  altes  Motiv  germanischer  Volkskunst 
durch  die  Scheibenfibel  von  Wittislingen  und  das  Reliquiar  in  Chur  |vgl.  Abb.  175 
und  176]  überliefert  ist.  Diese  schlagende  Übereinstimmung  muß  jeden  Zweifel 
an  dem  Zusammenhang  des  romanischen  Kupferschmelzes  mit  dem  frühmittel- 
alterlichen und  durch  diesen  mit  dem  spätrömischen  beseitigen.  D 

263 


G  Abb.  2U7:  Kupferschmelzkasten,  England,  12.  Jahrhundert.     Dom  zu  Hildesheim  O 

Der  Nachweis  dieses  Entwicklungsganges  erledigt  auch  die  alte  Streitfrage,  ob 
dem  deutschen  oder  dem  französischen  Kupferschmelz  zeitlich  der  Vorrang  zu- 
kommt. Er  ist  weder  in  Köln  noch  inLimoges  neu  erfunden  worden,  sondern  hier 
und  dort  ebenso  wie  an  der  Maas  und  inEngland  durch  den  allgemeinenFortschritt 
der  volkswirtschaftlichen  Zustände,  durch  das  Aufsteigen  desbürgerlichenHand- 
werks,  aus  dem  Dunkel  der  verschollenen  Volkskunst  in  das  helle  Licht  der  denk- 
mälerreichen Kirchenkunst  emporgehoben  worden.  D 

LOTHRINGEN. 

Von  einem  Vorrang  kann  nur  insofern  die  Rede  sein,  als  das  alte  Kunstmittel 
in  der  einen  Gegend  schneller,  in  der  anderen  langsamer  sich  den  neuen  und  grö- 
ßeren Aufgaben  gewachsen  zeigte.  In  diesem  Sinne  gebührt  der  Vortritt  fraglos 
der  Goldschmiedekunst  des  niederlothringischen  MAASTALES,  das  dank  der 
Überlegenheit  seiner  grogen Künstler  sowohl  Köln  wie  Limoges  nachhaltig  beein- 
flußt hat.  n 

Die  Reihe  der  Laienkünstler  Niederlothringens  eröffnet  der  Goldschmied 
REINER  VON  HUY  an  der  Maas.  SeinTaufbecken  ausMessinggug  vom  Jahre  1112 
in  der  Bartholomäuskirche  zu  Lüttich  ist  eins  der  meistbewunderten  Werke  der 
romanischen  Plastik  |s.  Tafel).  Die  Figuren  der  vier  Tauf  gruppen,  die  in  Relief  das 
Becken  umziehen,  sind  wahrhaft  edel  in  der  Haltung  und  Gewandung,  von  sprechen- 
der und  doch  mafwoUerBewegung.  DerFortschritt  in  den  hundert  Jahren,  die  das 
Taufbecken  von  den Hildesheimer  Erztüren  trennen,  ist  gewaltig.  Vielleicht  lagen 

264 


■p-n  TAUFBECKEN  DES  REINER 

VciK  ^'<^N  HUY  IN  LÜTTICH,  1112 


in  der  Elfenbeinschnitzerei,  die 
im  10.  und  11.  Jahrhundert  in  den 
Maasklöstern  gepflegt  worden 
war,  die  Vorstufen  dieser  Vollen- 
dung; die  Tafel  des  Bischofs  Not- 
ker  von  Lüttich  [gestorben  1008] 
lägt  darauf  schließen.  Die  Bega- 
bung Meister  Reiners  verrät  sich 
auch  in  einem  kleineren  Werk,  das 
seinen  Namen  trägt,  dem  Rauch- 
faß in  Lille  [Abb.  208 1.  Auch  die 
besten  Rauchfässer  des  späteren 
12.  Jahrhunderts  [Dom  zu  Trier] 
erreichen  es  nicht.  Der  Gelbguß 
blieb  Jahrhunderte  hindurch  ein 
bevorzugtes  Gewerbe  des  mittle- 
ren Maastales,  so  sehr,  daßDinant 
bei  Namur  der  ganzen  Gattung 
den  Namen  Dinanderie  verliehen 
hat.  Die  hohe  Kunst  Reiners  von 
Huy  aber  wurde  nicht  Gemeingut; 
das  nächstälteste  Taufbecken  von 
Tirlemont  aus  dem  Jahr  1149  ist 
dagegen  von  barbarischer  Roheit. 

Auch  Reiners  ungleich  berühmterer  Landsmann  und  Nachfolger  GODEFROID 
DE  CLAIRE  erreicht  ihn  als  Plastiker  nicht;  seine  Stärke  liegt  vor  allem  im 
Schmelzwerk.  Als  Leiter  einer  überaus  fruchtbaren  Goldschmiedewerkstatt  stand 
er  ein  Menschenalter  lang  im  Mittelpunkt  des  lothringischen  Kunstgewerbes  und 
durch  große  auswärtige  Aufträge  hat  er  die  Spuren  seines  Wirkens  weit  über  die 
Grenzen  seiner  Heimat  hinausgetragen.  In  seine  Vaterstadt  Huy  kehrte  er  erst 
1173  nach  siebenundzwanzigjähriger  Abwesenheit  zurück,  um  hochbetagt  in  dem 
Kloster  Neufmostier  sein  Leben  zu  beschUeßen.  Das  Totenbuch  des  Klosters  be- 
richtet, daß  er  in  der  Goldschmiedekunst  keinem  Zeitgenossen  nachstand  und  in 
verschiedenen  Ländern  zahlreiche  Reliquienschreine  und  andereGeräte  geschaffen 
habe.  Sicher  gehörten  zu  den  Orten,  wo  er  gearbeitet  hat,  Maastricht,  Lüttich, 
Köln  und  mit  größter  Wahrscheinlichkeit  auch  S.  Denis  in  Frankreich.  D 

Urkundlich  fest  beglaubigt  sind  unter  den  Werken  Gottfrieds  nur  die  zwei  Sil- 
bersärge der  Heiligen  Domitian  und  Mangold,  die  er  auf  Bestellung  dos  Bischofs 
Radulf  von  Lüttich  1173  für  die  Kollegiatkirche  von  Huy  lieferte,  also  ganz  am 
Ende  seiner  bürgerlichen  Laufbahn.  Sie  sind  schlecht  erhalten  und  vielfach  er- 
gänzt, aber  sie  bieten  doch  noch  so  viele  kennzeicimende  Einzelheiten  der  Technik 
und  Verzierung,  daß  an  ihrer  Hand  eine  lange  Reihe  weiterer  Arbeiten  Gottfrieds 
und  seiner  Mitarbeiter  mit  Sicherheit  festgestellt  werden  konnte.  Es  ist  klar,  daß 
der  Meister  viele  Gehilfen  und  Schüler  heranziehen  mußte,  um  die  Menge  der  zum 

265 


Abb.  208:  Weihrauchfag  von  Reiner  v.  Huy,  um  1120. 

Museum  Lille  D 


Teil  sehr  umfangreichen  Aufgaben 
zu  bewältigen.  Daher  schwankt 
vielfach  die  Güte  der  Ausführung. 
Aber  alle  Denkmäler  dieses  gro- 
ßen Betriebes,  die  einfachen  und 
die  kostspieligsten,  bindet  neben 
den  immer  wiederkehrenden  tech- 
nischen Merkmalen  der  auch  in 
schwächeren  Arbeiten  noch  er- 
kennbare Stil  des  Leiters  fest  zu- 
sammen. Er  ist  am  deutlichsten  zu 
sehen,  wo  figürliche  Darstellun- 
gen, sei  es  in  Schmelzbildern,  sei 
es  in  gegossener  oder  getriebe- 
ner Metallplastik,  vorliegen.  Und 
solche  fehlen  selten;  denn  einer- 
seits hat  ein  günstiges  Geschick 
den  großen  Reliquienschreinen 
Gottfrieds  die  getriebenen  Silber- 
figuren und  Reliefbilder  ziemlich 
unversehrt  bewahrt,  andrerseits 
hat  er  im  Schmelzwerk  figürliche 
Darstellungen  den  Ornamenten 
durchgehends  vorgezogen.  D 
Die  älteste  datierte  Arbeit  Gott- 
frieds ist  das  Alexanderreliquiar  im  Brüsseler  Museum,  das  Abt  Wibald  von 
Stavelot  und  Corvey  [1130  bis  1158J  1145  fertigen  ließ,  ein  getriebener  Silberkopf 
auf  einem  Kasten  in  der  Form  der  Tragaltäre  dieser  Zeit,  dessen  Seitenwände 
Schmelzplatten  abwechselnd  mit  steinbesetzten  Kupfertafeln  bekleiden  [Abb.  209 1. 
Die  emaillierten  Halbfiguren  von  Heiligen  und  Tugenden  sind  in  reinem  Gruben- 
schmelz auf  vergoldetem  Grund  mit  mehrfarbig  abgetönten  Gewändern  und  ver- 
goldet ausgesparten  Fleischteilen  ausgeführt.  Die  Innenzeichnung  der  Gesichter 
ist  kräftig  eingeschnitten  und  dunkel  ausgeschmolzen.  Die  Beischriften  sind  in 
gleicher  Technik  teils  in  wagrechter,  teils  nach  griechischer  Art  in  senkrechter 
Buchstabenfolge  angebracht.  Diese  Schmelzbehandlung,  die  mit  dem  Goldschmelz 
technisch  gar  keine  und  in  der  Wirkung  nur  eine  entfernte  Ähnlichkeit  hat,  ist  von 
Gottfried  und  seinen  Genossen  fast  ausnahmslos  geübt  worden.  Ganz  gleichartige 
und  daher  gleichzeitige  Arbeiten  sind  ein  Reliquienkasten  in  S.  Ghislain  und  ein 
Tragaltar  der  Eremitage  in  Petersburg.  Auch  der  Schmelzbelag  eines  Buchdeckels 
in  Darmstadt  und  der  Kreuzfuß  in  S.  Omer  gehören  in  diese  Periode  des  Meisters. 
Die  Art  der  Edelsteinfassung  ist  hervorzuheben,  weil  sie  ein  auffälliges  Werk- 
stattmerkmal bildet.  Die  Steine,  oder  als  Ersatz  weißsilberne  Knöpfe,  sind  immer 
in  Löcher  eingekittet,  die  in  gravierte  Kui)ferplatten  eingeschlagen  sind.  Die  in 
Deutschland  und  anderwärts  allgemein  übliche  Kastenfassung  mit  umgebendem 

266 


Abb.  209 
D 


Alexanderreliquiar  von  Godefroid  de  Claire,  1145. 
Museum  Brüssel  D 


Filigranzierrat  kommt  an  der  Maas  nur  ausnahmsweise,  an  den  bevorzugten  Stirn- 
seiten einiger  Schreine,  vor.  Ein  anderes  Kennzeichen  der  Maasschule  bilden 
blank  vergoldete  Mulden,  rund,  oval  oder  rosettenförmig  in  die  Kupferstreifen  der 
Umrahmungen  eingetieft,  ursprünglich  wohl  als  billiger  Ersatz  für  die  Wirkung 
der  Halbedelsteine  erfunden.  D 

Abt  Wibald  hat  Gottfried  noch  mehrfach  in  Anspruch  genommen.  Von  dem 
grogen  Remaclusaltar,  den  er  für  Stavelot  um  1150  bestellte,  sind  aber  nur  zwei 
stattliche  Schmelzscheiben  in  Sigmaringen  erhalten,  die  sich  stilistisch  der  vor- 
genannten Denkmälergruppe  anreihen.  Die  getriebenen  Reliefbilder  des  Altars 
sind  nur  durch  eine  alte  Zeichnung  überliefert;  eine  genauere  Vorstellung  ihrer 
Beschaffenheit  gewährt  der  Hadelinusschrein  in  Vise,  ursprünglich  in  Celles  bei 
Lüttich.  Dessen  Langseiten  füllen  acht  getriebene  Silberreliefs  mit  figurenreichen 
Bildern  aus  dem  Leben  der  Heiligen  Hadelin  und  Remaclus,  den  Altarreliefs 
augenscheinlich  nah  verwandt.  Man  kann  hier  in  der  Plastik  Gottfrieds  einen  Ein- 
fluß Reiners  von  Huy  erkennen,  obwohl  er  den  klassischen  Schwung  des  älteren 
Künstlers  nicht  besitzt.  D 

DenHöhepunkt  im  Schaffen  Gottfrieds  bezeichnet  der  Heribertschrein  inDeutz, 
der  früher  als  das  Hauptstück  der  rheinischen  Schmelzkunst  galt.  Obwohl  der 
Schrein  [154  cm  lang]  den  reichen  Schmuck  der  getriebenen  Silberfiguren,  die 
Apostel  an  den  Langseiten,  Heribert  und  Maria  zwischen  Engeln  an  den  schmalen 
Giebelseiten,  unversehrt  bewahrt  hat,  wird  die  Wirkung  des  großen  Sarkophags 
doch  ganzvomSchmelzwerkbeherrscht.  DiebreitenPfeiler  zwischendenAposteln 
bekleiden  vierzehn  prachtvolle  Schmelztafeln  [hoch  25  cm]  mit  den  Standbildern 
der  Propheten;  in  jede  Seite  des  Satteldaches  sind  sechs  große  Schmelzscheiben 
mit  Bildern  aus  dem  Leben  Heriberts  eingelassen,  getrennt  durch  pfeilerartige 
Streifen  auf  einem  vergoldeten  Grund  von  flach  getriebenem  Silber-  und  Kupfer- 
blech. Kleinere  ornamentale  Emailplatten  umziehen  mit  Steinen  wechselnd  das 
Dachgesims  und  die  Giebel.  Von  der  gewohnten  Schmelzart  Gottfrieds  weichen 
nur  die  Prophetenbilder  ab.  Sie  sind  auf  Goldgrund  in  vielfarbig  modellierender 
Abschattierung  nicht  nur  der  Gewänder,  sondern  auch  der  Fleischteile  ausgeführt 
in  so  vollkommener  Technik,  daß  man  hier  wirklich  schon  von  Schmelzmalerei 
sprechen  kann.  Auch  die  Zellentechnik  kommt  zu  bescheidener  Anwendung  in 
geometrischen  Mustern  aus  Kreisen,  Rosetten  und  dergleichen.  Darin  liegt  kein 
Anzeichen  einer  erneuten  byzantinischen  Einwirkung.  Das  Zellenverfahren  wurde 
nur  deshalb  gewählt,  weil  die  geometrischen  Muster  durch  vorher  gebogene  und 
eingesetzte  Zellen  bequemer  und  genauer  auszuführen  sind,  als  im  reinen  Gruben- 
schmelz. Dasselbe  kann  man  später  bei  Nicolaus  von  Verdun  beobachten,  der  viel 
in  Zellentechnik  arbeitete.  □ 

Eine  bedeutende  Errungenschaft  der  romanisclien  Goldschmiedekunst  ist  die 
mit  rasch  wachsendem  Können  geübte  Plastik  in  getriebenem  Silber.  Die  Künstler 
des  Maastaleshatten  darin  vor  dem  Rheinland  einen  gi-oßen  Vorsprung.  DieApostel- 
figuren  des  Heribertschreins  deuten  in  der  großzügigen  Gewandung  und  abwechs- 
lungsreichen Kopfbildung  bereits  auf  die  von  dem  nächstfolgeiidou  Küustler- 
geschlecht  erreichte  Vollendung  hin.  D 

2(?7 


In  die  Spätzeit  Gottfrieds  fal- 
len die  in  Maastricht  geschaffenen 
Werke.  Der  groge  und  gut  erhal- 
tene Servatiusschrein  daselbst 
steht  im  Aufbau  und  der  Verzie- 
rung den  zwei  Schreinen  von  1173 
in  Huy  nahe.  Als  wohlfeiler  Ersatz 
des  nur  sparsam  verwendeten 
Schmelzwerks  dient,  wie  schon 
am  Hadelinusschrein,  der  braune 
Ölfirnis  mit  vergoldeten  Mustern, 
für  die  Edelsteine  die  blanken 
Mulden.  Aus  der  Servatiuskirche 
stammenferner  dieReliquiare  der 
Heiligen  Gondulf,  Monulf,  Valen- 
tin und  Candidus  im  Brüsseler 
Museum,  die  als  Giebelseiten  von 
Schreinen  gestaltet  sind.  Wäh- 
rend die  späten  Schreine  vorwie- 
gend Gesellenarbeit  sind,  er- 
scheint an  dem  flachgedeckelten 
D  Abb.  210:  Kreuzfug  in  s.  omer  D  Kastcn  für  die  Armrcliquie  Karls 

des  Grogen  im  Louvre  [früher  in  Aachen]  der  persönliche  Stil  des  Meisters  im 
Schmelzwerk  und  in  den  flachgetriebenen  Brustbildern  von  Heiligen  und  hohen- 
staufischen  Fürsten  wieder  schärfer  ausgeprägt,  wahrscheinlich  deshalb,  weil  es 
sich  um  einen  Auftrag  Kaiser  Friedrichs  I.  handelte.  Der  Kasten  ist  nach  der  Erhe- 
bung derGebeineKaiserKarls[1166]  entstanden  und  datiert  somit  die  Maastrichter 
Schaffenszeit  Gottfrieds  auf  die  Jahre  vor  11 70,  □ 

In  großen  Mengen  hat  seine  Werkstatt  kleineres  Kirchengerät  mit  reichem 
Schmelzwerk  gearbeitet.  Sehr  begehrt  waren  augenscheinhch  Flügelaltärchen 
mit  Schmelzbildern  innen  auf  den  Flügeln  und  einer  Reliquie  im  Mittelfeld.  Nicht 
weniger  als  sechs  solche  sind  noch  vorhanden,  im  Dom  zu  Trier,  in  der  Lütticher 
Kreuzkirche,  in  Hanau,  im  Besitz  des  Herzogs  von  Arenberg  und  zwei  im  Pariser 
Petit  Palais.  Die  ursprüngliche  Verwendung  loser  Schmelzbilder,  die  in  vielen 
Museen  und  Sammlungen  verstreut  sind,  zeigen  ferner  vierpagförmige  Reliquiare 
[davon  eins  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum],  ein  Tragaltar  in  Augsburg  und 
vor  allem  dieKreuze  im  South  Kensington  undBritishMuseum,  imBeuth-Schinkel- 
Museum  von  Charlottenburg  und  im  Brüsseler  Museum.  Die  häufigsten  Bilder 
geben  die  Symbole  des  Kreuzes  aus  dem  Alten  Testament,  die  im  Formenschatz 
Gottfrieds  eine  große  Rolle  gespielt  haben.  Sie  schmücken  auch  den  Kreuzfug 
von  Saint  Omer  [Abb.  210 1,  der  stilistisch  in  die  Frühzeit  des  Meisters  fällt  und 
einen  wichtigen  Aufschlug  über  seine  Wanderjahre  bringt.  Der  berühmte  Abt 
Suger  von  S.  Denis  beschreibt  in  seinem  Verwaltungsbericht  von  1147  einen 
riesigenKreuzfug,  den  er  durch  'lothringische  Goldschmiede',  die  zwei  Jahre  lang, 

268 


Abb.  211:  Tragaltar  aus  Stavelot  in  Brüssel 


bald  fünf  Mann,  bald  sieben  Mann,  bei  ihm  arbeiteten,  machen  lieg.  Es  war  ein  vier- 
seitiger Pfeiler  mit  dem  typologischen  Bilderkreis  in  Schmelzwerk  bedeckt  und 
von  den  Evangelisten  getragen.  Da  der  Kreuzfug  von  S.  Omer  fast  wie  das 
Modell  dazu  aussieht,  kann  man  nicht  zweifeln,  dag  Gottfried  diese  Lothringer  ge- 
stellt hat.  Daraus  erklärt  sich  der  merkliche  Einflug,  den  seine  Schmelzkunst  auf 
Limoges  ausgeübt  hat.  Denn  S.Denis  war  gerade  damals  durch  die  eifrige  Kunst- 
pflege Sugers  [gest.  1152]  ein  Sammelplatz  der  französischen  Künstler  und  von 
grögter  Bedeutung  für  den  gegenseitigen  Austausch.  D 

Der  Betrieb  Godefroids  de  Ciaire  war  augenscheinlich  der  führende  im  Maas- 
gebiet und  darüber  hinaus,  aber  sicherlich  nicht  der  einzige.  D 

Nah  verwandt  war  ihm  der  Meister  des  Tragaltars  aus  Stavelot  im  Brüsseler 
Museum,  dessen  Absicht  auf  grögere  Farbigkeit  des  Schmelzwerks  und  auf  be- 
sonders zierliche  Zeichnung  ausgeht.  Er  emailliert  nicht  nur  die  Gewänder,  son- 
dern auch  den  Grund,  auf  dem  die  Figuren  stehen,  und  sucht  die  letzteren  durch 
lebhafte  Farben  von  dem  blauen  und  grünen  Hintergrund  loszulösen.  Dieses  wir- 
kungsvolle Verfahren  hat  er  an  dem  genannten  Hauptwerk,  dann  an  dem  Schmelz- 
belag des  Notkereinbands  in  Lüttich,  an  einer  schönen  Platte  mit  Propheten  im 
Berliner  Kunstgewerbemuseum  und  einer  anderen  mit  den  Heiligen  Livinius, 
Sebastian  undTranquillinus  imLouvre  angewandt.  Bei  seinem  feinsten  Werk,  dem 
Flügelaltar  aus  Alton  Tower  im  South  Kensington  Museum,  sind  dagegen  die  Fi- 
guren im  Farbengrund  vergoldet  ausgespart.  Wenn  man  aus  der  Buchmalerei 
Rückschlüsse  auf  die  Goldschmiedekunst  ziehen  darf,  so  ist  die  engere  Heimat 
dieses  ausgezeichneten  Künstlers,  von  dem  auch  die  Schmelzscheiben  am  Kreuz 
von  Laon  [im  Louvre]  herrühren,  in  der  Namurer  Gegend  zu  suchen.  Denn  seine 
beiden  Hauptwerke,  der  Tragaltar  [Abb.  21 1 1  und  das  Altärchen  von  Alton  Tower, 
gleichen  ganz  auffallend  den  Bildern  einer  Bibelhandschrift  des  Britischen  Museums 
aus  der  Abtei  Floreffe  bei  Namur.  D 

Aus  selbständigen  Werkstätten  des  Maasgebiets  stammen  die  zwölf  unge- 
wöhnlich grogen  Grubenschmelztafeln  auf  dem  Marcusschrein  in  Ihiy  und  vier 
Platten  im  Museum  zu  Brüssel  mit  Bildern  aus  dem  Loben  Christi.  Ein  hervor- 
ragendes Denkmal  aus  dem  Rheinland,  der  silberne  Altaraufsatz  der  Kastorkirche 
in  Koblenz  [jetzt  im  Clunymuseum],  dessen  getriebene  Figuren  die  Ausgiegung 
des  heiligen  Geistes  auf  die  Apostel  darstellen,  ist  trotz  der  rheinischen  Herkunft 

269 


Abb.  212:  Erzkamm  vom  Annoschrein  in  Siegburg  D 

nach  dem  Stil  der  Plastik  ebenfalls  einem  Maaskünstler  um  1160  zuzuschreiben, 
von  dem  weitere  Werke  nicht  bekannt  sind.  D 

Im  13.  Jahrhundert  vermengen  sich  die  Nachklänge  aus  der  Gottfriedschule 
mit  solchen  des  Nicolaus  vonVerdun  an  demMaurusschrein  [im  Besitz  des  Herzogs 
von  Beaufort  I  und  einem  Flügelaltärchen  mit  Kreuzreliquie  im  BrüsselerMuseum, 
die  beide  der  Abtei  Florennes  bei  Namur  gehört  haben.  D 

Auf  Godefroid  de  Ciaire  folgt  als  Führer  der  Maaskunst  NICOLAUS  VON 
VERDUN,  der  grögte  Künstler  und  Bahnbrecher  unter  den  Goldschmieden  der 
romanischenZeit.  Auch  seinemTätigkeitsdrang  war  dieHeimat  zu  eng.  In  Kloster- 
neuburg bei  Wien  vollendete  er  1181  den  Altaraufsatz  des  Chorherrenstifts,  das 
altberühmte  Hauptwerk  seiner  Schmelz-  und  Zeichenkunst,  Der  5  Meter  breite 
Altar  besteht  aus  51  grofien  Grubenschmelztafeln  |  davon  sind  sechs  nach  einem 
Brandschaden  von  1322  in  Wien  zugefügt],  die  zu  drei  Reihen  übereinander  ge- 
ordnet, in  der  Mitte  dasLeben  und  Leiden  Christi,  darüber  und  darunter  je  17  typo- 
logische  Bilder  des  Alten  Testaments  enthalten  [vgl.  die  Tafel],  Die  Figuren 
stehen  vergoldet  auf  blauem  Grund.  Um  eine  flache  Wirkung  zu  vermeiden,  ist  die 
Innenzeichnung  des  Faltenwurfs,  der  Muskeln  und  der  Haare  in  kraftvollen  Linien 
oder  in  breiten  Gruben  eingestochen  und  mit  blauen  und  roten  Glasflüssen  aus- 
geschmolzen. Die  meisterhafte  Beherrschung  dieses  Kunstmittels,  das  erst  die 
Gotik  wieder  mit  ähnlichem  Geschick  handhaben  lernte,  verleiht  den  Bildern  eine 
ebenso  farbige  wie  plastische  Wirkung.  Die  Umrahmung  bedecken  sehr  farben- 
reiche und  zum  Teil,  den  geometrischen  Mustern  entsprechend,  in  Zellentechnik 
gearbeitete  Schmelzstücke.  Es  war  ein  gewagtes  Unternehmen,  eine  so  umfang- 
reiche Aufgabe  ausschließlich  mit  den  Mitteln  des  Kupferschmelzes  zu  bewältigen; 
aber  das  hohe  Kunstvermögen  des  Meisters  Nicolaus  hat  die  Gefahr  der  Flachheit 
überwunden.  Die  Kraft  des  Ausdrucks,  die  Freiheit  der  Bewegung  und  die  Würde 
der  Haltung,  dazu  die  seltene  Schönheit  der  Gewandbehandlung  verleihen  dem 
Klosterneuburger  Altar  unvergängliche  Bedeutung.  D 

Nicolaus  von  Verdun  hat  sich  später  nicht  wieder  so  einseitig  als  Schmelz- 
wirker betätigt.  Mehr  und  mehr  tritt  bei  den  in  Köln  und  danach  in  Tournai  ge- 
schaffenen Werken  die  Plastik  aus  getriebenem  Silber  in  den  Vordergrund.      D 

Sein  Aufenthalt  in  Köln  ist  nicht  wie  der  in  Klosterneuburg  und  Tournai  in- 
schriftlich beglaubigt.  Nur  seine  Werke  geben  davon  ein  vollgültiges  Zeugnis,  Wir 
finden  seine  Spur  zuerst  am  Annoschrein  von  1183  in  Siegburg  und  an  dessen 
Gegenstück,  demAlbinusschrein  von  1186  in  Köln,  Sie  vereinigen  in  sich  lothringi- 
schen und  kölnischen  Stil,  denn  für  die  beiden  Sarkophage  hat  Nicolaus  kölnische 

270 


DIE  VERKÜNDIGUNG 


SCHMELZFLATTE  AM  KLOSTERNEUBURGER 
ALTAR  DES  NICOLAUS  VON  VERDUN,  1181 


Kräfte  zur  Mitarbeit  her- 
angezogen, die  zunächst 
ihre  heimische  Schule 
nicht  verleugnen  konn- 
ten. Die  Gliederung  der 

Schreinswände  durch 
Kleeblattbogen  auf  email- 
lierten Doppelsäulen  hat    Abb.  213:  Schmelzplatte  vom  Klosterneuburger  Altar  des  Nicolaus  von 

Nicolaus  nach  demMuster  °  verdun  d 

des  Klosterneuburger  Altars  entworfen.  Sein  Werk  sind  unverkennbar  die  ge- 
gossenen Bronzekämme  auf  dem  Dachfirst  und  den  Giebeln  aus  schwungvollen, 
mit  Figuren  und  Tieren  durchsetzten  Ranken  französischen  Stils  [Abb.  212],  die 
gleichartigen  Kapitelle  des  Annoschreins  und  schließlich  alle  die  Schmelzstücke, 
deren  Ornamente  sich  vergoldet  von  dunkelblauem  Grund  abheben  [Abb.  213  u. 
214j.  Sie  sind  namentlich  am  Albinusschrein,  dessen  Emailsäulen  ebenfalls  von 
Nicolaus  herrühren,  sehr  reich  vertreten  und  zeugen  für  die  unerschöpfliche  Er- 
findungsgabe des  Lothringers.  Er  trägt  mit  ihnen  eine  Fülle  weltlicher  Motive, 
Ritter,  Jäger  und  Musikanten,  Vögel,  Affen,  Hunde  und  Esel, Drachen  und  sonstige 
Fabelwesen,  meist  verbunden  mit  blattreichen  Ranken,  in  das  kirchliche  Kunst- 
gewerbe hinein,  das  sich  in  Köln  bis  dahin  von  diesen  volkstümlichen  Elementen 
völlig  freigehalten  hatte.  D 

Den  wachsendenEinflug  des  Meisters  Nicolaus  auf  seine  kölnischenMitarbeiter 
verrät  unter  den  damals  entstandenen  Schreinen  besonders  der  Benignusschrein 
in  Siegburg.  D 

Alle  diese  Heiligensärge  haben  die  einstige  Ausstattung  mit  getriebenen  Silber- 
figuren verloren.  Vollkommen  erhalten  ist  sie  aber  an  dem  umfangreichsten  und 
kostbarsten  Denkmal  der  romanischen  Goldschmiedekunst,  dem  Schrein  der  hei- 
ligen drei  Könige  im  Kölner  Dom.  Man  darf  dieses  mächtige  Gehäuse  in  Gestalt 
einer  dreischiffigen  Basilika  noch  ausschließlicher  als  die  vorgenannten  Schreine 
von  1183  und  1186  für  Nicolaus  in  Anspruch  nehmen,  obwohl  der  Meister  hier  erst 
recht  auf  die  Hilfe  von  Mitarbeitern  und  Schülern  angewiesen  war.  Kölnische  Ar- 
beit sind  die  aus  Gold  getriebenen  Figuren  der  Vorderseite,  Maria  mit  den  heiligen 
drei  Königen  nebst  Kaiser  Otto  IV.  und  die  Taufe  Christi ;  auch  ein  Teil  des  Schmelz- 
werks folgt  noch  der  kölnischenÜberlieferung.  DieFiguren  auf  derzweiten Giebel- 
seite sind  Schülerarbeit.  Dagegen  rührt  der  größte  Teil  der  Schmelzausstattung 
von  Nicolaus  her.  Es  sind  zwei  Gattungen:  geometrische  Muster  in  sehr  farben- 
reichem Zellenschmelz,  die  genau  den  Rahmcnplatten  in  Klosterneuburg  gleichen, 
und  einfarbig  blaue  Platten  mit  leicht  und  zierlich  gezeichneten  Ranken  in  Ver- 
goldung. Gleichen  Stils  sind  auch  die  zahlreichen  Bclagstücke  niitGoldornanienten 
auf  braunem  Firnisgrund.  Die  Hauptleistung  des  Nicolaus  sind  die  24  Silberfiguren 
der  Apostel  und  Propheten  an  den  Langseiten,  die  auch  in  der  monumentalen 
Plastik  des  12.  Jahrhunderts  noch  kaum  ihresgleichen  haben.  Ausgezeichnet 
durch  die  ausdrucksvolle  Durchbildung  der  K<")pfe,  diu-ch  die  lebendige  und  docli 
würdevolle  Haltung,  durch  den  kunstvoll  gegliederten,  groß  und  zwanglos  fließen- 

271 


Abb.  214:  Schmelzplatte  des  Niuolaus  von  ^'erdun  am 
□  Albinusschrein  D 


den  Faltenwurf,  bedeuten  sie  einen 
Höhepunkt  nicht  nur  im  Schaffen  des 
Meisters,  sondern  in  der  gesamten 
Goldschmiedekunst  des  Mittelalters 
[siehe  TafelJ.  D 

Diese  Arbeiten  hatten  den  Künstler 
bis  um  1200  in  Köln  festgehalten.  Sein 
letztes  bezeichnetes  Werk  ist  der 
Marienschrein  in  Tournai,  vollendet 
1205,  der  trotz  schwerer  Beschädigung  und  Ergänzung,  in  den  Silbergruppen  und 
einigen  Schmelzstücken  noch  die  Vorzüge  des  Meisters  erkennen  lägt.  D 

Nicolaus  von  Verdun  war  durch  viele  Fäden  stilistischer  und  handwerklicher 
Verwandtschaft  mit  der  älterenMaaskunstGottfrieds  verknüpft.  Aber  seine  Kunst 
ist  über  dessen  Stufe  hinaus  und  auch  seinen  Zeitgenossen  weit  vorausgeeilt.  Er 
ist  unter  den  Führern  des  Kunsthandwerks  als  erster  von  jenem  in  Frankreich 
erwachenden  Natursinn  berührt,  der  später  im  13.  Jahrhundert  das  frühgotische 
Pflanzenornament  hervorbrachte.  Daher  stammt  seine  Gabe,  der  romanischen 
Ranke  neuesLeben  und  den  lang  verlorenen  Charakter  der  wachsenden  Pflanze  zu 
verleihen.  Als  Vorläufer  der  Gotik  hat  er  die  ersten  Regungen  des  neuen  Geistes 
über  Frankreich  hinaus  weit  nach  dem  Osten  getragen.  D 

Es  ist  natürlich,  dag  einer  so  überlegenen  Kraft  vielseitige  Nachwirkung  nicht 
versagt  blieb.  In  Tournai  zeugt  dafür  der  Eleutheriusschrein  von  1247  [sieheTafel], 
der  im  Aufbau  an  den  Marienschrein  von  1205  sich  anlehnt  und  auch  in  den  herr- 
lichen Apostelfiguren  den  Schulzusammenhang  wahrt.  Der  Kupferschmelz  hat 
hier  schon  an  Bedeutung  verloren;  dürftig  in  der  Ausführung,  wird  er  von  dem 
üppig  ins  Kraut  schießenden  spätromanischen  Filigran  verdrängt.  Eine  Reliquien- 
monstranz der  Ursulinerinnen  inArras  [jetzt  in  Privatbesitz  zu  Paris],  als  Kristall- 
säule in  reicher  Schmelzfassung  gestaltet,  hängt  noch  enger  mit  der  Werkstatt  des 
Nicolaus  zusammen.  D 

Ein  gut  Teil  seiner  Schmelz-  und  Zeichenkunst  hat  ein  ihm  noch  sehr  nahe- 
stehender Schüler  geerbt,  der  nach  1220  die  große  und  prächtige  Kreuzreliquien- 
tafel des  Mathiasklosters  in  Trier  und  die  kleinere,  aber  edlere  Tafel  für  das  Mett- 
lacher Kloster  geliefert  hat,  beide  auf  der  Rückseite  mit  trefflich  gravierten  Bil- 
dern geschmückt  [siehe  Tafel].  Es  sind  noch  mehrere  unvollständige  Arbeiten 
seiner  Hand  bekannt;  wahrscheinlich  sind  ihnen  auch  vier  große  Grubenschmelz- 
scheiben  im  Kölner  Kunstgewerbemuseum  [^Sammlung  Schnütgen|  anzureihen, 
deren  Passionsbilder  genau  in  der  Technik  desKlosterneuburger  Altars  ausgeführt 
sind.  Ein  später  und  sehr  entarteter  Ausläufer  dieser  Werkstatt  ist  der  große 
Potentinusschrein  aus  dem  Eifelkloster  Steinfeld  im  Louvre.  D 

Mit  dem  Meister  der  Kreuzreliquiare  von  Mettlach  und  Trier  berührt  sich  einer 
der  bekanntesten  Goldschmiede  des  Maasgebiets,  FRATER  HUGO  von  OIGNIES. 
Ein Spätlingder Klosterkunst,  lebte  er  in  dem  von  seinenBrüdernll87  errichteten 
Nikolausstift  zu  Oignies  bei  Namur.  Von  dort  ist  die  große  Mehrzahl  seiner  Ar- 
beiten, meist  Reliquiare,  an  das  Nonnenkloster  Notre  Dame  zu  Namur  überge- 

272 


Q~r\  SILBERFIGUR    DES    PROPHETEN  ABDIAS   AM   DREI 

.^K  KÖNIGENSCHREIN,  KÖLN.  VON  NICOLAUS  VON  VERDUN 


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ei  cü 
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^  5 


RÜCKSEITE  DER  RELIQUIENTAFEL 
IN   S.   MATHIAS,  TRIER  •  UM   1220 


gangen.  Mehrere  Stücke  sind  aus- 
führlich bezeichnet,  darunter  sein 
Hauptwerk,  ein  silberner  Buch- 
deckel [Abb.  215],  ein  niellierter 
Kelch  und  das  merkwürdig  ge- 
staltete Reliquiar  der  Rippe  des 
heiligen  Petrus  vom  Jahre  1228. 
Seine  figürlichen  Darstellungen 
schließen  sich  eng  an  die  des 
vorgenannten  Nicolausschülers, 
seines  Zeitgenossen,  ohne  sie 
ganz  zu  erreichen,  und  auch  sein 
Rankenwerk  stammt  aus  dieser 
Quelle.  Dagegen  verzichtet  er 
bereits  auf  den  Farbenschmuck 
des  Schmelzwerks  und  ersetzt  es 
durch  nieliierte  Zeichnung  auf 
Silber.  Mit  Vorliebe  und  beson- 
derem Geschick  arbeitet  er  in  ge- 
stanztem Silber.  Er  verwendet 
nicht  nur,  wie  es  schon  früher  üb- 
lich war,  fortlaufende  Ornament- 
streifen aus  gestanztem  Silber- 
blech [besonders  kennzeichnend 
an  den  Schrägflächen  des  Buch- 
deckels in  Namur  und  an  einem 
Kreuz  im  Brüsseler  Museum],  sondern  er  erzielt  mit  der  Stanze  eine  neue,  seiner 
Stilrichtung  eigentümliche  Verzierung.  Hugo  von  Oignies  lötet  an  dünne  filigran- 
artige Stengel  fein  und  scharf  gestanzte  Blättchen,  Trauben,  Weinlaub,  auch  kleine 
Jäger,  Hunde  und  Hirsche  in  dichter  aber  geschmackvoller  Anordnung  und  be- 
festigt dieses  höchst  zierliche  Rankenwerk  an  solchen  Stellen,  wo  man  früher  Fili- 
gran anzubringen  pflegte,  namentlich  an  Reliquienkreuzen;  auch  der  Krummstab 
im  Britischen  Museum  ist  ein  gutes  Beispiel.  □ 

Dieses  Verfahren  ist  nicht  in  dem  Maße  eine  persönliche  Erfindung  des  Frater 
Hugo,  wie  es  durch  die  Menge  seiner  Werke  den  Anschein  hat.  Es  ist  vielmehr 
eine  natürliche  Folge  der  gotischen  Unterströmung,  die  auf  eine  Belobung  des  Fili- 
grans durch  Naturformen  hinwirkte.  Die  Reliquientafel  des  Mathiasklosters  in 
Trier,  der  Eleutheriusschrein  in  Tournai,  das  Kreuz  von  Clairmarais  in  S.  Omer, 
ein  Hauptwerk  dieser  Richtung,  die  Kreuze  von  Blanchefosse  imd  Walcourt,  das 
Armreliquiar  von  Binche  haben  ganz  ähnlichen  Schmuck,  Werke  also,  die  zum  Teil 
wenigstens  sicher  nicht  von  FraterHugo  gemacht  sind.  SeinBetrieb  in  Oignies  ist 
nur  der  bekannteste  unter  verschiedenen  Werkstätten,  die  an  der  Maas  und  Sam- 
bre,  in  Flandern  und  Nordost-Frankreich  denselben  spätromanischen  Übergangs- 
stil pflegten.  Den  vollen  Sieg  der  Gotik  in  der  Goldschmiedekunst  dieses  Gebiets 

18  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  273 


Abb.  215: 
D 


Silbereinband  des  Hugo  von  Oignies  in  Namur 
Um  1230  n 


bezeichnet  dann  der  silberne  Flügelaltar  von  1254  aus  der  Abtei  von  Floreffe  [im 
LouvreJ,  auf  den  wir  später  zurückkommen  werden.  D 

KÖLN.  n 

Auf  deutschem  Boden  war  Köln  der  älteste  Mittelpunkt  der  mitKupferschmelz 
arbeitenden  romanischen  Goldschmiedekunst.  Eine  lange  Reihe  kölnischerDenk- 
mäler  ausschlieglich  kirchlicher  Bestimmung  gewährt  ein  übersichtliches  Bild  der 
fortlaufenden  Entwicklung.  Sie  gliedert  sich  durch  die  Aufeinanderfolge  der  leiten- 
den Künstler  und  durch  die  Stilwandlungen  infolge  fremder  Einflüsse  in  vier  Ab- 
schnitte. Der  Zusammenhang  des  ganzen  Denkmälerbestandes  aus  dem  12.  Jahr- 
hundert ist  so  eng,  dag  die  Annahme  eines  einheitlichen  Betriebs  sich  aufdrängt. 
Es  ist  nicht  urkundUch  erwiesen,  daß  diese  Werkstatt  eine  Klosterschule  gewesen 
ist.  Aber  obwohl  Köln  unzweifelhaft  damals  bereits  angesehene  Laiengoldschmiede 
besag,  so  ist  es  doch  aus  inneren  Gründen  höchstwahrscheinlich,  dag  der  führende 
Betrieb  zu  dem  Benediktinerkloster  S.  Pantaleon  gehört  hat.  Auf  mehreren 
Werken  sind  die  Namen  der  Stifter  vorhanden;  sie  finden  sich,  wie  der  sicher  be- 
glaubigte Künstlername  desEilbertus,  auch  im  Verzeichnis  der  Brüder  diesesKlo- 
sters.  Von  entscheidendem  Gewicht  ist  ferner,  dag  in  dieser  Werkstatt  neben  den 
Metallarbeiten  fortlaufend  Reliquienkästen  aus  Elfenbein  hergestellt  wurden,  und 
auf  einem  derselben  hat  sich  der  Verfertiger  als 'Krater  Varnerius'bezeichnet.  Die 
Elfenbeinschnitzerei  ist  als  Zweig  der  Klosterkunst  [so  in  Trier  und  Hildesheim] 
bis  ins  12.  Jahrhundert  oftgenugnachzuweisen,beiLaiengoldschmieden abernicht. 

Die  älteste  Gruppe  des  deutschen  Kupferschmelzes  bilden  die  Arbeiten  des 
Kölners  EILBERT.  Das  Hauptstück  ist  ein  Tragaltar  im  Weifenschatz  zu  Wien  mit 
der  Bezeichnung  Eilbertus  Colonienis  me  fecit  [Abb.  216].  Er  hat  die  übliche  Form 
dieser  im  12.  Jahrhundert  noch  sehr  beliebten  Geräte:  ein  rechteckiger  Kasten  mit 
stark  vorspringenden  Deck-  und  Fugplatten;  die  Oberseite  um  den  Altarstein  und 
die  Wände  bekleiden  Schmelzplatten  mit  Bildern  aus  dem  Leben  Christi,  den 
Aposteln  und  Propheten.  Hieran  schliegen  sich  als  unbezeichnete,  aber  durch  die 
Gleichartigkeit  des  Stils  und  der  Motive  gesicherte  Arbeiten  Eilberts  vier  Trag- 
altäre: in  Siegburg  bei  Köln,  in  München-Gladbach,  in  der  Sammlung  Le  Roy  zu 
Paris  und  wiederum  im  Weifenschatz.  Der  Grubenschmelz  dient  Eilbert  zu  sehr 
verschiedenen  Wirkungen.  Zumeist  stehen  die  Figuren  vergoldet  ausgespart  auf 
blauem  oder  grünemGrunde.  Dabei  istdieinnenzeichnungfarbigausgeschmolzen, 
wenn  dieFiguren  grog  genug  dafür  sind,  sonst  nur  graviert.  Diese  Art  hat  mit  dem 
griechischen  Goldschmelz  keinerlei  Verwandtschaft;  die  Wirkung  ist  gerade  ent- 
gegengesetzt. Die  Propheten  auf  den  Seitenwänden  des  bezeichneten  Tragaltars 
stehen  dagegen  ganz  farbig  emailliertauf  Goldgrund;nurdieGrubentechnikunter- 
scheidet  sie  von  byzantinischer  Art.  Und  auf  dem  zweiten  Tragaltar  des  Weifen- 
schatzes hat  Eilbert  Figuren  mit  farbigen  Gewändern  auf  blauen  und  grünen 
Schmelzgrund  gesetzt,  also  die  beiden  Arten  vereinigt.  Gelegentlich  verwendet 
er  auch  für  geometrische  Muster  an  Randstreifen  und  Pfeilern  die  Zellentechnik. 
Es  sind  also  alle  Möglichkeiten  des  romanischen  Kupferschmelzes  schon  bei  sei- 
nem ersten  Auftreten  inDeutschland  an  den  Werken  einesMeisters,zumTeil  sogar 
an  einem  und  demselben  Stück  vorhanden.  Man  sieht  daraus,  dag  für  die  Wahl  des 

274 


D  Abb.  216:  Tragaltar  des  Eilbertus  von  Köln.   Weifenschatz  D 

einen  oder  des  anderen  Verfahrens  wesentlich  die  künstlerische  Absicht  den  Aus- 
schlag gab.  D 

Die  umfangreichste  Leistung  der  Werkstatt  Eilberts  ist  der  Viktorschrein  in 
Xanten  von  1129.  Wiederholt  beschädigt  und  kümmerlich  ergänzt,  hat  er  kaum  die 
Hälfte  seiner  Silberfiguren  bewahrt.  Aber  die  emaillierten  Pfeiler  und  Schrift- 
streifen genügen  zurFeststellung  des  Meisters.  DieTätigkeitEilbertswirddadurch 
ungefähr  auf  das  zweite  Viertel  des  12.  Jahrhundertsbegrenzt.  Bei  seiner  frühesten 
Arbeit,  einem  Kölner  Tragaltärchen  in  Darmstadt,  ist  der  Schmelz  nur  ganz  spar- 
sam für  die  Eckpfeiler,  Nimben  und  Randstreifen  angewandt;  die  Figuren  sind 
aus  Walrogzahn  geschnitzt,  einemStoff,  der  in  Köln  während  des  12.  Jahrhunderts 
oft  als  Elfenbeinersatz  verarbeitet  wurde.  Dieses  Stück  deutet  auf  die  Verbindung 
mit  S.  Pantaleon;  denn  der  Stifter  Volbero  ist  von  1117  an  Bruder,  Kustos  und 
schließlich  Abt  des  Klosters  gewesen.  D 

Der  Nachfolger  Eilberts  führt  die  kölnische  Schmelzkunst  auf  die  Höhe,  Er  ist 
ein  Zeichner  von  so  ausgeprägt  persönlichem  Stil,  in  den  Figuren  wie  namentlich 
im  Ornament,  dag  die  Bestimmung  seiner  Arbeiten  und  derjenigen  seiner  Werk- 
statt nicht  schwierig  ist.  Sein  Name  dagegen  ist  nicht  urkundlich  festgestellt.  Auf 
seinem  letzten  Werk,  dem  Maurinusschrein  aus  Pantaleon  ist  in  dem  gravierten 
Sockelbelag  neben  dem  Stifter  Prior  Herlivus  von  Pantaleon,  dasBild  einesMönchs 
FRIDERICUS  in  derselben  betenden  Haltung  angebracht,  wie  sich  Hugo  von  Oignies 
auf  seinemEvangelieneinband  inNamur  dargestellt  hat.  Man  kanndasbescheidene 
Bildnis  als  die  Künstlerbezeichnung  deuten.  dl 

Seine  erste  selbständige  Stilperiode,  die  etwa  das  dritte  Viertel  des  12.  Jahr- 
hunderts umfaßt,  beginnt  mit  einer  Reihe  von  Tragaltären.  Die  Abkunft  aus  der 
Schule  Eilberts  läßt  am  deutlichsten  der  Tragaltar  des  Berliner  Kunstgewerbe- 
museums erkennen,  dessen  Altarstein  nur  von  Engelbildern  umgeben  ist.  Die 
Apostel  auf  den  Seiten  heben  sich  wie  bei  Eilbert  vergoldet  von  blauen  und  grünen 
Feldern  ab  und  stehen  auch  in  der  Zeichnung  dem  älteren  Meister  nicht  fern.  Einen 

18*  275 


ähnlichen  Engeltragaltar  bewahrt  der  Dom  von  Bamberg.  Die  merkwürdige  Nei- 
gung für  gezierte,  ja  gespreizte  Stellungen  und  Bewegungen  ist  an  dem  sehr  sorg- 
sam gearbeiteten  Gregoriustragaltar  in  Siegburg  am  schärfsten  ausgeprägt.  Eben- 
so das  Ornament  seiner  Frühzeit:  farbige  Spiralranken  byzantinischen  Ursprungs 
auf  Goldgrund,  mit  ganz  naturähnlichem  Eichenlaub  und  stachelig  gezackten  Distel- 
blättern. Da  dieses  hervorragende  Stück  nebst  manchen  anderen  früher  einer  Sieg- 
burger Werkstatt,  die  in  Wahrheit  nicht  bestanden  hat,  zugeschrieben  wurde,  so 
ist  der  für  die  Herkunft  wichtige  Umstand  zu  beachten,  dag  Fridericus  hier  neben 
biblischen  Figuren  die  heiligen  Erzbischöfe  von  Köln  und  die  Kölner  Kirchenpa- 
trone angebracht  hat.  Schwächer  ist  der  Tragaltar  in  Xanten  und  eine  nachlässige 
Schülerarbeit  derjenige  der  Kirche  Maria  im  Kapitol  zu  Köln.  D 

Üppig  entfalten  sichFriedrichs  naturalistische  Ranken  auf  demKölnerTurmre- 
liquiar  in  Darmstadt,  einem  zwölfseitigenBau,  dessen  Rundbogennischen  Schmelz- 
bilder der  Apostel  enthalten.  Vom  Sockel  bis  zum  Dach  ist  das  ganze  Gehäuse  ein- 
schließlich der  Säulen  mit  bunten  Ranken  auf  Goldgrund  übersponnen.  Es  ist  die 
Vorstufe  zu  den  vollendetsten  Denkmälern  der  ersten  Stilrichtung  Friedrichs,  den 
beiden  als  byzantinische  Kuppelkirchen  gestalteten  Reliquiaren  [50  cm  hoch]  im 
Weifenschatz  [siehe  Tafel]  und  im  South  Kensington  Museum  [aus  Hochelten  am 
Rhein].  Sie  sind  noch  ganz  als  reine  Schmelzarbeiten  gedacht  und  durchgeführt; 
Wände,  Säulen  und  Dächer  vollständig  emailliert.  Für  die  Plastik,  die  schwache 
Seite  in  der  Kunst  Friedrichs,  mußte  der  Schnitzer  aushelfen.  Die  Propheten  und 
Apostel  ausWalrogzahnin  denNischen  der  beidenKuppelreliquiare sind diebesten 
Leistungen  jenes  Frater  Varnerius,  der  seine  sonst  recht  handwerksmäßigen  Re- 
liquienkasten mit  geschnitztem  Knochenbelag  [Louvre,  Cluny,  Museum  Pest]  auch 
in  Kirchenform  [Museum  Stuttgart]  oder  als  Türme  [Kaiser  Friedrich  Museum, 
Museum  Darmstadt,  Regensburg]  nach  dem  Vorbild  des  Darmstädter  Turmreliqui- 
ars  gestaltete.  □ 

In  dieser  Zeit  um  1160  hatte  Gottfried  von  Huy  den  Heribertschrein  in  Deutz 
geschaffen,  und  es  ist  klar  und  deutlich  zu  sehen,  wie  die  malerische  Schmelz- 
behandlung dieses  eindrucksvollen  Prachtwerks  eine  Stilwandlung  bei  Friedrich 
und  seinen  Werkstattsgenossen  hervorruft.  Die  Kuppelreliquiare  stehen  auf  der 
Grenze;  das  eine  im  Weifenschatz  fällt  noch  ganz  in  die  frühere  Richtung,  bei  dem 
zweiten  in  London  ist  das  kennzeichnende  Laubwerk  bis  auf  einige  Reste  durch 
die  weniger  persönlichen  romanischen  Ranken  aus  breiten,  bandförmigen  Stengeln 
mit  rundlicher  Blattbildung  verdrängt.  Dieses  Ornament  bietet  ausreichende 
Flächen,  um  nach  dem  Vorbild  der  Maasemails  Gottfrieds  innerhalb  der  einzelnen 
Gruben  verschiedene  Glasflüsse  mehrfarbig  ohne  trennende  Metallstege  neben- 
einander einzutragen  und  in  weichen  Übergängen,  von  dunkelblau  zu  hellblau  und 
weiß,  oder  von  blau  zu  grün  und  gelb  abzuschattieren.  Es  entspricht  dem  Streben 
nach  erhöhter  Farbigkeit,  daß  Friedrich  von  nun  an  sehr  häufig  auch  den  Grund 
um  die  bunten  Ornamente  mit  Schmelz,  meist  dunkelblau,  ausfüllt.  In  allen  Werken 
der  Spätzeit  Friedrichs  herrscht  dieser  malerische  Grubenschmelz  vor,  obwohl 
der  Künstler  bis  zuletzt  noch  gelegentlich  immer  wieder  auf  die  zackigen  Eichen- 
und  Distelblätter  seiner  ersten  Stilrichtung  zurückgreift.  D 

276 


qti  kuppelreliquiar  von  fride- 

•^KI  ricus,  Köln,  welfenschatz 


Friedrichs  Hauptwerke  aus  diesem  über  1180  nur  wenig  hinausreichenden  Ab- 
schnitt sind  der  Altaraufsatz  aus  der  Ursulakirche  [Kunstgewerbemuseum  Köln], 
der  Ursulaschrein  und  der  Maurinusschrein  aus  Pantaleon,  alle  drei  ihrer  Silber- 
figuren beraubt.  Der  Ursulaschrein,  ausgezeichnet  durch  ein  mit  Schmelzscheiben 
belegtes  Tonnendach  und  vier  Halbkreisgiebel,  schließt  sich  nebst  dem  Altarauf- 
satz stilistisch  und  somit  zeitlich  unmittelbar  an  das  Londoner  Kuppelreliquiar  an. 
Der  Maurinusschrein  beweist  offenkundig  den  Einfluß  des  Heribertschreins.  Nach 
dem  Muster  der  großen  Prophetenbilder  am  Deutzer  Schrein  hat  Friedrich  die 
großartigen  Gestalten  des  Erzengels  Michael  und  eines  Cherubim  für  die  Eck- 
pfeiler des  Maurinusschreins  ausgeführt,  die  das  Vorbild  übertreffend,  den  Höhe- 
punkt des  malerischen  Grubenschmelzes  darstellen.  Sein  Schüler,  der  die  Gegen- 
stücke dieser  30  cm  hohen  Emailbilder  lieferte,  blieb  als  Zeichner  und  Schmelz- 
wirker weit  zurück.  D 

Während  dieser  Arbeit  wurde  Friedrich  abberufen.  Den  Maurinusschrein  hat 
er  unvollendet  hinterlassen  und  am  Albinusschrein  aus  demPantaleonskloster  nur 
eine  Giebelseite  bearbeitet.  Die  Vollendung  fiel  Nicolaus  vonVerdun  zu,  der  Fried- 
rich ablöste  und  als  Führer  der  Kölner  Goldschmiedekunst  ersetzte.  Schüler  und 
Genossen  Friedrichs  haben  zwar  noch  einen  Teil  des  Schmelzwerks  am  Anno- 
schrein und  am  Albinusschrein,  die  getriebenenReliefs  auf  demDach  des  letzteren 
und  die  Goldfiguren  am  Dreikönigenschrein,  dann  den  Schrein  der  Heiligen  Inno- 
cenz  und  Mauritius  in  Siegburg,  einen  Bucheinband  im  Kölner  Kunstgewerbe- 
museum und  anderes  geschaffen,  aber  die  fortgeschrittenere  Kunst  des  Nicolaus 
bereitete  dieser  heimischen  Richtung  bald  ein  Ende.  D 

Von  Kölner  Werkstätten  außerhalb  des  großen  Pantaleonsbetriebes  ist  nur 
wenig  erhalten:  aus  demAnfang  des  13.  Jahrhunderts  zwei  schmelzverzierte  Arm- 
reliquiare  in  der  Gereonskirche,  dazu  ein  drittes  derselben  Hand  in  Kopenhagen; 
ein  anderes  Paar  Armreliquiare  mit  reichster  Filigranarbeit  in  der  Kunibertkirche. 
Als  letzter  Ausläufer  der  romanischen  Goldschmiedekunst  Kölns  ist  der  Suitbert- 
schrein in  Kaiserswerth  zu  bezeichnen,  der  in  seiner  Ausstattung  und  im  Email 
sich  noch  eng  an  dieKölnerSchreine  aus  derZeit  desNicolaus  hält,  obwohl  er  1264 
noch  in  Arbeit  war.  Sein  schönsterSchmuck  aber,die  silbernenApostel, Maria  und 
S.  Suitbert,  ist  weniger  rückständig.  Diese  wohl  jüngeren  Figuren  sind  sichtlich 
schon  von  der  französischen  Gotik  berührt,  der  sie  die  schlanke  Bildung  und  den 
großzügigen  Faltenwurf  verdanken.  D 

AACHEN.  D 

Hier  findet  gemäß  der  Lage  der  Stadt  zwischen  Köln.  Maastricht  und  Lüttich 
eine  Verschmelzung  des  rheinischen  und  des  Maasstiles  statt.  D 

Das  bedeutendste  Denkmal  der  dortigen  Motallkunst  aus  dem  12.  Jahrhundert, 
den  kupfernen  Kronleuchter  des  Münsters,  hat  ein  bürgerlicher  Goldschnried  und 
Erzgießer  MEISTER  WIBERT  im  Auftrag  Kaiser  Friedrichs  I.  nach  1 166  geschaffen. 
Das  Gedenkbuch  des  Stifts  berichtet,  daß  er  der  Kirche  zwei  silberne  Kannen  ge- 
schenkt und  außer  demKronleucliter  auch  ein  vergoldetes  Turmkreuz  und  Glocken 
geliefert  habe.  Die  Anlage  des  mit  acht  hohen  und  aciit  kleineren  laternenförmigen 
Türmen  besetzten  Ringleuchters  weicht  von  dem  älteren  Heziloleuchter  inHildes- 

277 


heim  insofern  ab,  als  in  Aachen 
der  Grundriß  nicht  kreisrund,  son- 
dern achtfach  geschwungen  ist. 
Über  den  Stil  Wiberts  geben  die 
gravierten  Bilder  aus  dem  Leben 
Christi  und  die  Figuren  der  Selig- 
keiten auf  den  Fugplatten  der 
Türme  Aufschlug.  Sie  sind  von 
mehreren,  ungleich  geschickten 
Händen  und  lehren,  daß  Wibert 
und  seine  Gesellen  als  Zeichner 
dem  Kölner  Friedrich  in  dessen 
letzter  Periode,  welche  uns  die 
Engelbilder  des  Maurinusschreins 
um  1180  veranschaulichen,  am 
nächsten  standen  [Abb.  218].  Mit 
einiger  Berechtigung  sind  dem 
Meister  Wibert  die  gravierte  sil- 
berne Taufschüssel  in  Weimar, 
einGeschenkKaiserFriedrichsan 
seinen  Taufpaten  Grafen  Otto  von 
Kappenberg  [gestorben  1 171],  das 
nach  dem  Bilde  des  Kaisers  gear- 
beitete Kopfreliquiar  aus  Erzgug 
in  der  Kirche  von  Kappenberg 
[Abb.  217]  und  ein  verwandter 
Erzkopf  der  Lambertskirche  in 
Düsseldorf  zuzuschreiben.  D 
Ins  13.  Jahrhundert  fallen  be- 
reits die  beiden  Prunkstücke  des 
reichen  Aachener  Münsterschatzes,  der  Sarg  für  die  im  Jahre  1165  gehobenen 
Gebeine  Karls  des  Großen  und  der  noch  prächtigere,  tadellos  erhaltene  Marien- 
schrein. Einer  derGoldschmiede,  die  mit  Nicolaus  von  Verdun  inKöln  tätig  waren, 
der  Meister  des  SiegburgerBenignusschreins,  hat  auch  am  Karlschrein  gearbeitet, 
dessen  Ausstattung  dem  Oberbau  des  Kölner  Dreikönigenschreins  nachgebildet 
ist.  Das  Schmelzwerk  an  Sockel,  Gesimsen  und  Doppelsäulen  verleugnet  diese 
Schule  nicht.  Eine  selbständige  und  achtungswerte  Leistung  sind  die  getriebenen 
Silberfiguren:  Kaiser  Karl  und  Maria  unter  den  Giebeln,  sechzehn  deutsche  Kaiser 
und  Könige  bis  zu  Friedrich  IL  an  den  2  Meter  langen  Seiten,  dazu  acht  Relieftafeln 
mit  Wundergeschichten  auf  dem  Satteldach.  Das  um  1200  begonnene  Werk  wurde 
1215  vollendet.  D 

Der  Marienschrein  wurde  wohl  unmittelbar  danach  in  Angriff  genommen,  denn 
auch  hier  ist  noch  dieMitwirkung  desMeistersdesBenignusschreins  festzustellen. 
Geldmangel  hemmte  dann  die  Fortführung.  Als  die  Arbeit  später  wieder  aufge- 

278 


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Abb.  217: 
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Bronzekopf  Kaiser  Friedrichs  I.  in  Kappenberg. 
Vor  1171  D 


Abb.  218.  Gra\ierte  Platte  vom  Aachener  Kronleuchter 
I  Meister  Wiberts  O 


nommen  wurde,  fiel  die  Vollen- 
dung einem  fortgeschritteneren 
Künstler  zu,  so  dag  der  Schrein 
aus  zwei  verschiedenen  Hälften 
besteht.  Die  ältere  Seite  steht 
auf  der  Stufe  des  Karlschreins; 
die  jüngere,  im  Jahre  1238  be- 
endet, ist  ihr  im  Schmelzwerk 
undinderPlastik  sehr  überlegen. 
Selbst  auf  das  Filigran,  das  hier 
dem  Email  den  Rang  abläuft,  er- 
streckt sich  der  Unterschied.  Am 
älteren  Teile  ist  es  noch  flach  auf 
der  Unterlage  befestigt,  bei  dem 
jüngeren  Meister  hebt  es  sich 
plastisch  aufsteigend  über  die 
Grundlage  empor,  in  der  Art, 
welche  für  die  letzte  Periode  der 
spätromanischen  Goldschmiede- 
kunst auch  anderwärts  [Köln, 
Tournai,  Hildesheim,  Venedig] 
bezeichnend  ist.  D 

Die  Aachener  Schule  hatte  imMarienschrein  eineneue  Art  der  grogen  Reliquien- 
gehäuse herausgebracht,  ausgezeichnet  durch  ein  Querschiff,  das  mit  zwei  Giebel- 
seiten die  Langwände  durchbricht,  und  durch  kleinere  rechtwinklige  Giebel  über 
jeder  derSilberfiguren  an  den  Seiten.  DieNeuerung  war  ein  entschiedenerErfolg, 
der  der  Werkstatt  weitere  Aufträge  zuwandte.  Die  nächstähnliche  Wiederholung 
ist  der  Schrein  der  heiligen  Elisabeth  in  Marburg,  um  1249  gearbeitet.  Er  neigt 
durch  die  stärkere  Höhenentwicklung  und  steilere  Giebel  schon  etwas  mehr  zur 
Gotik,  obwohl  in  die  Verzierung  entschieden  gotische  Formen  nicht  aufgenommen 
sind.  Das  Schmelzwerk  ist  in  merklichem  Rückgang,  das  plastische  Schnecken- 
filigran noch  stärker  als  am  Marienschrein  ausgenützt.  Der  gröfite  Fortschritt  liegt 
in  der  Plastik;  die  silbernen  Apostel  und  dieDachreliefs  sind  das  beste,  was  Aachen 
auf  diesem  Gebiete  hervorgebracht  hat.  Der  Remaclusschrein  in  Stavelot  ist 
wieder  etwas  vereinfacht,  da  man  trotz  der  Länge  von  2  Metern  auf  das  Querschiff 
verzichtet  hat.  Im  übrigen  trägt  er  alle  Kennzeichen  der  AachenerWerkstatt.  Kurz 
nach  1263  fertiggestellt,  zeigt  er  die  beachtenswerte  Tatsache,  dag  Aachen  noch 
an  romanischen  Formen  haftete,  nachdem  die  Namurer  Schule  schon  ein  Jahrzehnt 
vorher  zur  Gotik  übergegangen  war.  Trotz  dieser  Rückständigkeit  hat  die  Aachener 
Art  auch  auswärts  noch  Anklang  gefunden.  Der  Marienschrein  in  Huy  und  der 
Sarg  der  heiligen  Oda  in  Amay  sind  nachlässige,  aber  unverkennbare  Nachbil- 
dungen des  Remaclusschreins.  Auch  in  Westfalen  machte  sich  der  Aachener  Ein- 
fluß in  der  Anlage  und  Plastik  des  Prudentiaschreins  zu  Beckum  geltend;  die 
Schmelzkunst  aber  war  dieser  Werkstatt  versagt.  D 

279 


HILDESHEIM  UND  NORDDEUTSCHLAND.  D 

Nach  Hildesheim,  das  im  12.  Jahrhundert  die  Führerschaft  des  norddeutschen 
Kunsthandwerks  hatte,  ist  der  Kupferschmelz  von  Köln  aus  übertragen  worden, 
vielleicht  durch  die  Beziehungen  derBenediktiner  von  S.Michael  zu  ihremMutter- 
kloster  Pantaleon.  Das  geschah  erst  nach  der  Mitte  des  12.  Jahrhunderts.  Denn 
die  damals  um  1150  etwa  entstandenen  zwei  großen  Hildesheimer  Schreine  der 
Heiligen  Godehard  und  Epiphanius  entbehren  noch  gänzlich  des  Schmelzwerks, 
obwohl  ihre  nüchterne  AusstattungdiesenFarbenschmuck  sehr  nötig  gehabt  hätte. 
Sie  hängen,  wie  namentlich  die  gravierten  Ornamente  erweisen,  mit  der  Werkstatt 
des  früher  erwähnten  Rogerusschülers  in  Fritzlar  eng  zusammen.  Ihre  Grund- 
form mit  dem  Satteldach  und  getriebenen  Figuren  an  den  Seiten  ähnelt  ungefähr 
den  rheinischen  Schreinen.  Die  unbeholfene  Arbeit  aber,  besonders  die  plumpen, 
glotzenden  Figuren  zeigen  deutlich,  wie  rückständig  die  in  niedersächsischer 
Überlieferung  befangene  Kunst  gegenüber  dem  Westen  geworden  war.  D 

Das  erste  datierte  Werk  einer  fortgeschrittenen  Richtung  ist  der  Einband  des 
1159  von  dem  MönchRatmann  gemaltenMegbuchs,  inAlthildesheimerTechnik  mit 
ausgeschnittenen  und  gravierten  Kupferplatten  beschlagen.  Wenn  Ratmann,  wie 
man  annimmt,  auch  den  Einband  seiner  Handschrift  gezeichnet  hat,  so  ist  er  auch 
weiterhin  von  maggebendem  Einfluß  auf  die  Hildesheimer  Goldschmiedarbeiten 
gewesen.  Denn  derselbe  Stil  bleibt  in  den  figürlichen  Zeichnungen  einer  langen 
Reihe  von  Kupferschmelzgeräten  in  und  aus  Hildesheim  vorherrschend.  Sie  sind 
augenscheinlich  von  der  Schmelzkunst  der  Kölner  Eilbert  und  Friedrich  ausge- 
gangen, erheben  sich  aber  bald  zur  Selbständigkeit.  Auch  in  der  Technik  ist  der 
Mehrzahl  von  ihnen  ein  amRhein  unbekanntes  Merkmal  zu  eigen:  der  blaue  Grund, 
von  dem  die  gravierten  Figuren  sich  abheben,  ist  mit  goldenen  Tupfen  durchsetzt, 
die  aus  der  Kupferunterlage  aufragen.  Als  die  wichtigsten  Stücke  der  Gattung 
sind  zu  nennen dieEinbände  von  zweiHildesheimerHandschriftenimTriererDom, 
ein  großes  Kreuz  der  Godehardkirche  in  Hildesheim  und  ein  kleineres  im  Kunst- 
gewerbemuseum zu  Berlin,  der  aus  sechs  großen  Schmelztafeln  bestehende  Be- 
lag eines  Tragaltars  im  Hildesheimer  Dom  und  vier  ähnliche  Platten  gleicher  Be- 
stimmung in  London  [Sammlung  J.C.Robinson],  derWalpurgisschrein  im  Weifen- 
schatz und  je  ein  Reliquienkasten  im  Stift  Voran  [Österreich]  und  im  Berliner 
Kunstgewerbemuseum,  ein  Altarleuchter  aus  Gersdorf  imQuedlinburgerRathaus, 
zwei  zusamm^engehörige  halbrunde  Schmelzbilder  im  Clunymuseum  und  im 
Brüsseler  Museum  und  schließlich  das  monstranzartige  Scheibenreliquiar  Hein- 
richs II.  imLouvre.  Auf  letzterem  ist  neben  dem  heiligenKaiser  einMönch  Weland 
dargestellt  mit  dem  Reliquiar  in  Händen,  ob  nur  als  Stifter,  oder  auch  als  Verfer- 
tiger. bleibtunentschieden.  Die  ganze  Gruppe  gehört  in  die  zweite  Hälfte  des 
12.  Jahrhunderts,  da  sie  sich  an  den  Ratmanneinband  von  1159  unmittelbar  an- 
schließt. □ 

Von  Hildesheim  aus  hat  sich  der  Grubenschmelz  in  Norddeutschland  weiterver- 
breitet. Die  Fritzlarer  Werkstatt  hat  in  einem  mit  Schmelzbildern  sehr  roher  Zeich- 
nung bedecktenBucheinband  der  PetrikirchedasHildesheimer  Verfahren  des  gold- 
getupften Grundes  genau  nachgeahmt.  Ähnlich  geschah  es  in  WESTFALEN.  Ein 

280 


tragaltarförmiger  Reliquienkasten  der  Kirche  in  Senden,  oben  und  an  den  Seiten 
mit  Schmelztafeln  bekleidet,  weist  sowohl  durch  die  Zeichnung  wie  durch  die  Gold- 
tupfen ganz  deutlich  auf  Hildesheimer  Vorbilder  hin.  Ähnlicher  Kästchen  gibt  es 
noch  ein  Dutzend  in  den  Museen  zu  Münster,  Kopenhagen,  Sigmaringen,  Brüssel, 
Köln  [Sammlung  SchnütgenJ,  South  Kensington,  im  Weifenschatz,  in  Siegburg  und 
im  Hildesheimer  Dom.  Die  meisten  haben  an  den  Seiten  Halbfiguren  der  Apostel 
ausgespart  in  blauen,  grünen  und  weigen  Feldern,  oben  die  Kreuzigung  oder  andere 
Passionsbilder  von  derber,  oft  nachlässiger  Zeichnung.  Sie  stammen  sichtlich  aus 
verschiedenen  Werkstätten  und  bestätigen  dadurch,  dag  Hildesheim  nach  vielen 
Seiten  hin  in  Norddeutschland  vorbildlich  gewirkt  hat.  D 

Danebengab  es  selbständigereBetriebe,  die  wenigberührt  von  den  Fortschritten 
des  Westens  sich  mit  den  alten  Ziermitteln  behalfen.  Beispiele  sind  die  Reliquien- 
gehäuse in  der  Schloßkirche  von  Quedlinburg,  deren  Filigran  und  Treibarbeit  zu- 
meist aus  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  herrührt.  D 

Der  ERZGUSS  wurde  in  dieser  Zeit  noch  allerwärts  in  den  Goldschmiedewerk- 
stätten geübt.  Doch  ist  eine  örtliche  Gruppierung  der  kleinen  Erzgeräte  noch  nicht 
möglich.  Denn  es  ist  zweifellos,  dag  die  romanischen  Erzleuchter,  Rauchfässer, 
Weihwassereimer  [in  Sigmaringen,  Speier,  Berchtesgaden],  Gieggefäge  in  Tier- 
gestalt, Aquamanilien  genannt,  dann  die  bronzenen  Reliquiengehäuse,  wie  Xanten, 
Molsheim  und  München  [Nationalmuseum  |  solche  besitzen,  nicht  nur  an  den  vorher 
besprochenen  Hauptsitzen  der  Metallkunst,  sondern  auch  an  manchen  anderen 
Orten  [Erfurt,  Braunschweig]  namentlich  des  Sachsenlandes  gemacht  worden  sind, 
die  auf  eine  führende  Stellung  in  der  Geschichte  des  Kunstgewerbes  sonst  keinen 
Anspruch  erheben  können.  Magdeburg  lieferte  um  1150  die  Erztür  Meister  Riquins 
in  Nowgorod  und  wahrscheinlich  auch  die  Türen  in  Gnesen.  Sicherlich  hat  man 
hier  und  in  den  Werkstätten  der  GrabmälervonMerseburgundMagdeburgoderdes 
Braunschweiger  Löwen  von  1166  neben  der  grogen  Plastik  auch  die  Beschaffung 
des  kunstgewerblichen  Erzgeräts  nicht  verschmäht.  Seinen  alten  Vorrang  aber  hat 
Hildesheim  gewahrt.  Denn  der  groge  Taufbrunnen  des  Doms,  von  den  Figuren  der 
Paradiesesflüsse  getragen,  auf  dem  Becken  und  dem  Kegeldach  mit  Reliefbildern 
dicht  geschmückt,  bleibt  die  namhafteste  Leistung  des  deutschen  Erzgusses  aus  dem 
13.  Jahrhundert.  Wahrscheinlich  sind  auch  das  lebensgroße  Kopfreliquiar  aus 
Fischbeck  |Kestnermuseum  zu  Hannover)  und  ein  kleineres  als  Frauenkopf  gestal- 
tetes Aquamanile  in  Stendal  ebendort  entstanden.  D 

Eine  Sonderstellung  nehmen  die  im  Kopenhagener  Museum  reich  vertretenen 
dänischen  Altaraufsätze  aus  getriebenem  und  vergoldetem  Kupfer  auf  Holzgerüst 
ein.  Der  querrechteckige  Unterteil  gleicht  in  der  Anlage  des  Rahmenwerks,  in 
dessen  vertiefte  F'elder  getriebene  Bilder  Christi  und  der  Apostel  eingefügt  sind, 
den  deutschen  Altartafeln  des  12.  Jahrhunderts  [Kirche  in  Komburg,  Kunstgewerbe- 
museum zu  Köln  |.  Der  halbkreisförmige  offene  Oberbau  aber  ist  dem  Norden  eigen- 
tümlich. In  den  Zierraten  mengen  sich  die  nordischen  Tierverschlingungen  mit  den 
romanischen  Ranken  |  Altar  der  Kirche  zu  Sal|  deutscher  Abkunft.  D 

Neben  den  Mengen  von  Erz-  und  Kupferschmelzarbeiten  ist  der  Bestand  an 
romanischem  Edelmetallgerät  sehr  zusammengeschmolzen.  Nur  an  KELCHEN 

281 


ist  in  Norddeutschland  eine  aus- 
reichende Zahl  vorhanden,  um  die 
Vielfältigkeit  der  Ziermittel  dar- 
zustellen. Ein  glänzendes  Prunk- 
stück ist  der  Hildesheimer  Kelch 
der  Godehardkirche  [Abb.  219], 
aber  überladen  mit  dem  für  die- 
sen Zweck  schon  zu  plastisch  ge- 
wordenen Schneckenfiligran  des 
13.  Jahrhunderts.  Viel  klarer  und 
ruhiger  wirkt  der  Fritzlarer  Kelch 
mit  aus  der  Kelchwand  heraus- 
getriebenen Aposteln,  noch  ein- 
facher der  gravierte  Kelch  der 
Apostelkirche  zu  Köln,  der  das 
Filigran  auf  den  runden  Knauf 
begrenzt.  Gute  Beispiele  der 
standfesten  romanischen  Form 
mit  breit  ausladendem  Kreisfug, 
Kugelknauf  und  weiter  niedriger 
Schale  sind  die  Kelche  in  Osna- 
brück [Katharinenkirche]  und  in 
Bergen  auf  Rügen.  Auch  das 
Niello,  das  die  steigende  Verwen- 
dung des  Kupfers  in  den  Hinter- 
grund geschoben  hatte,  kommt 
mit  dem  Silber  wieder  zu  Ehren; 

Abb.  JIS:  Kelch  der  Godehardskirche  in  Hildesheim,  13.  Jahrh.    Reisniele    ein    Kelch    auS   Kloster 

Mariensee  bei  Hannover  im  Germanischen  Museum  und  namentlich  die  mit  Niello- 
bildern  dicht  bedeckte  Kelchschale  des  Erzbischöflichen  Museums  in  Köln,  das 
Werk  eines  geschickten  Zeichners,  von  dem  auch  Kupferschmelzplatten  in  Sieg- 
burg erhalten  sind.  D 
Der  reiche  Silberkelch  derNikolaikirche  inBerlin,  eine  Stiftung  der  Markgrafen 
Otto  und  Johann  von  Brandenburg  aus  der  zweiten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts, 
bezeichnet  mit  seinem  gestreckten  Schaft  schon  den  Übergang  zur  Gotik.  Die 
Naturalistik  der  letzteren  hat  auch  hier  das  FiHgran  in  dünne  Ranken  mit  an- 
gelöteten kleinen  Blättchen  umgewandelt,  ganz  ähnlich,  wie  es  ein  halbes  Jahr- 
hundert früher  in  der  vorgeschrittenen  Maaskunst  geschehen  war.  D 
SÜDDEUTSCHLAND.  D 
Hier  kann  man  aus  den  spärlichen  Resten  des  romanischen  Kunstgewerbes  ein 
BildbestimmterSchulen  oder  einer  sogeschlossenenEntwicklungwie  anderMaas, 
am  Rhein  und  in  Sachsen  nicht  gewinnen.  Nur  Eines  ist  klar:  der  Süden  ist  alter- 
tümlicher wie  der  Westen.  Der  byzantinische  Geschmack  der  Klosterkunst,  der 
sich  im  Regensburger  Betrieb  zur  Zeit  Heinrichs  II.  so  glänzend  verkörperte,  hat 

282 


D  Abb.  220:  Grubenschmelzkasten  aus  Kloster  Gruol,  Sigmaringen.   12.  Jahrhundert  D 

noch  lange  im  12.  Jahrhundert  nachgewirkt.  Man  sieht  das  an  den  Ranken  des  Ring- 
kronleuchters des  Abts  Herwig  vonKOMBURG  in  Schwaben,  aus  der  ersten  Hälfte 
des  12.  Jahrhunderts,  Ornamente,  die  nach  ihrer  byzantinischenPalmettenbildung 
gut  hundert  Jahre  älter  sein  könnten.  Noch  deutlicher  spricht  die  Altartafel  der- 
selbenKlosterkirche,  das  einzige  große  Werk  des  Kupferschmelzes  inSüddeutsch- 
land.  Es  kann  kaum  vor  der  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  entstanden  sein  und  doch 
sind  die  ausKupfer  fein  undsichergetriebenenReliefbilderChristi  und  der  Apostel 
in  der  Kopfbildung  und  Gewandung  unverkennbare  Nachkommen  der  Goldfiguren 
auf  Kaiser  Heinrichs  Baseler  Altar.  Das  Rahmenwerk  bedecken  vortrefflich  ge- 
arbeitete Schmelzplatten  mit  ausschließlich  geometrischen  Mustern  und  unter 
diesen  überwiegen  die  Treppenmuster  des  griechischen  Zellenschmelzes.  Rück- 
ständig sind  die  Ranken  des  Scheibenkreuzes  inKremsmünster  und  sehr  altertüm- 
lich gezeichnet  die  Bilder  des  Lebens  Christi  auf  einem  Grubenschmelzkasten  aus 
Kloster  Gruol  bei  Haigerloch  in  Sigmaringen  [Abb.  220 1.  Die  Schmelztechnik  ist 
nicht  anders  als  bei  Eilbert  oder  in  Hildesheim  und  Westfalen;  stilistisch  aber  fügt 
sich  das  merkwürdige  Stück  in  keine  der  west-  und  norddeutschen  Gruppen  und 
ist  nach  dem  Fundort  wohl  als  schwäbisch  zu  betrachten.  Der  gehenkelte  Silber- 
kelch des  Stiftes  Wilten  in  Tirol,  ganz  mit  gravierten,  niellierten  und  teilvergoldeten 
Bildern  bedeckt,  steht  auf  derselben  Stufe.  Die  Form  erinnert  noch  an  den  Gunt- 
paldkelch  in  Oedenburg;  die  Figuren,  namentlich  die  auf  der  Fateiie  getriebene 
Passionsgruppe,  bleiben  im  Byzantinismus  befangen.  Erst  in  dem  großen,  in  kräf- 
tiger Treibarbeit  gebuckelten  Silberkelch  der  Peterskirche  von  Salzburg  aus  dem 
13.  Jahrhundert  ist  die  Freiheit  romanischer  Gestaltungskraft  erreicht.  Den  Ein- 
druck einer  allgemeinen  Rückständigkeit  verstärkt  der  kupferne  Luciussohrein 

283 


Abb.  221:    Silbernes   Ciborium 
D  in  Sens,  um  1200  D 


von  1252  in  CHUR.  Die  aufgelegte  Rundbogenstellung 
trägt  gravierte  Bandgeflechte  frühmittelalterlicher  Ab- 
kunft; die  auffällige  Roheit  der  getriebenen  Heiligen- 
figuren ist  aber  wohl  in  der  Unzulänglichkeit  örtlicher 
Kräfte  begründet.  Als  ein  unbeholfenes,  aber  kraftvolles 
und  urwüchsiges  Stück  alemannischer  Kunst  aus  dem 
Ende  des  12.  Jahrhunderts  ist  schließlich  das  68  cm  hohe 
Silberkreuz  von  Sankt  Trutpert  im  Schwarzwald,  ganz 
nielliert,  zu  erwähnen.  Diefortgeschrittensteromanische 
Silberarbeit  Süddeutschlands  besitzt  das  Schweizer 
Kloster  Engelberg:  ein  fast  meterhohes  Kreuz  mit  aus- 
gezeichnet getriebenen  Figuren,  darunter  das  Bildnis 
des  Stifters  Abt  Heinrich  [1197  bis  1223].  D 

FRANKREICH.  D 

In  der  romanischen  Metallkunst  Frankreichs  scheidet 
sich  die  aquitanische  Richtung  südUch  der  Loire  mit  dem  Mittelpunkt  in  Limoges 
scharf  von  der  nordfranzösischen.  Die  letztere  fliegt  mit  der  Goldschmiedekunst 
des  Maasgebietes  und  Westflanderns  in  eins  zusammen.  Zwischen  den  Werken 
der  Landsleute  des  Hugo  von  Oignies  und  den  französischen  Silberarbeiten  der 
ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  besteht  keine  nationale  Grenze.  Die  Ziermittel 
des  Filigrans  und  desNiello,  das  spätromanische  Blattwerk  sind  überall  dieselben, 
auch  die  Gerätformen  verwandt.  □ 

Die  filigranierten  Reliquienkreuze  [Kirchen  von  Rouvres,  Blanchefosse,  Dom 
zuAmiens]  halten  sich  hier  wie  dort  an  das  griechische  Vorbild  des  Doppelkreuzes, 
dieArmreliquiare  inRouen  undCrespin  finden  in  derKirche  vonBinche,  einOsten- 
sorium  des  Museums  von  Amiens  in  einem  gleichgestalteten  Gerät  aus  Itre  [Mu- 
seum zu  Brüssel]  ihre  flandrischen  Gegenstücke.  Die  wichtigsten  Stücke  dieser 
Richtung  birgt  der  Dom  von  Reims;  auch  das  schöne  Elisabethreliquiar  in  Peters- 
burg gehört  hierher.  Ausgezeichnete  Beispiele  der  echt  französischen  Kunst  ein- 
facher und  edler  Umrigbildung  sind  das  Silberciborium  in  Sens  [Abb.  221]  und  der 
goldene  Remigiuskelch  in  Reims.  d 

Auch  deutschen  Einwirkungen  stand  die  ostfranzösische  Metallkunst  offen; 
der  Juliaschrein  in  Jouarre  befolgt  in  der  Anlage  die  rheinische  Art  und  der  große 
Leuchterfug  in  Reims,  ein  ungewöhnliches  Meisterstück  des  romanischen  Erz- 
gusses, ist  in  der  Erfindung  der  verschlungenen,  mit  Drachen,  Kentauren  und 
Löwen  durchsetzten  Ranken  von  deutschen  Arbeiten,  wie  dem  Leuchterfug  in 
Prag,  nicht  wesentlich  verschieden.  □ 

Die  erste  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  vertreten  drei  bezeichnete  Gefäge  im 
Louvre,  die  der  Kunstpflege  Sugers  von  S.  Denis  ihre  heutige  Gestalt  verdan- 
ken. Bei  zwei  antiken  Gefägen  aus  Kristall  undSardonyx,  dieSuger  durch  silberne 
Füge  und  hohe,  mit  Filigran  und  Steinen  geschmückte  Hälse  zu  Kannen  umbilden 
lieg,  ist  das  Verhältnis  zwischen  dem  alten  Teil  und  der  romanischen  Fassung 
nicht  glücklich  ausgefallen.  Das  dritte  Stück  dagegen,  eine  ägyptische  Porphyr- 
urne, der  die  Zufügung  von  Fug,  Flügeln,  Hals  und  Kopf  die  Gestalt  eines  Adlers 


284 


verlieh  [Abb.  222],  ist  in  der  Erfin- 
dung und  grogzügigen  Durchfüh- 
rung ein  Meisterstück  ersten  Ranges 
geworden.  D 

Allen  diesenDenkmälern  ist  nur 
ein  wesentlicher  Unterschied  zwi- 
schen der  nordfranzösischen  Metall- 
kunst des  12.  und  13.  Jahrhunderts 
und  derjenigen  der  östlichen  Nach- 
barländer zu  entnehmen:  die  er- 
stere  scheint,  wenn  der  heutige 
Denkmälerbestand  nicht  trügt,  auf 
den  Kupferschmelz  fast  vollständig 
verzichtet  zu  haben.  Nur  eine  kleine 
Gruppe  von  Grubenschmelzwerken 
aus  der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jahr- 
hunderts lägt  sich  mit  einiger  Wahr- 
scheinlichkeit nach  Nordfrankreich 
verlegen.  Den  Namen  des  Meisters, 
eines  Klosterkünstlers,  gibt  die  in 
einem  Grabe  zu  Chartres  gefundene 
Krümme  eines  Bischofstabes  |im 
Bargello  zu  Florenz]  mit  der  Be- 
zeichnung: Frater  Willelmus  me 
fecit.  Die  ganze  Fläche  überzieht  ein  Netz  von  Bandranken,  dessen  Maschen  auf 
dem  Knauf  vier  Bilder  aus  der  Geschichte  Davids,  auf  der  Krümme  die  Sinnbilder 
der  Tugenden  und  Laster,  Blätter  und  Tiere  umschließen.  Die  größeren  Figuren 
haben  farbige  Gewänder,  die  kleineren  sind  vergoldet  auf  Schmelzgrund.  Dazu 
gehören  zwei  technisch  und  stilistisch  ganz  gleichartige  Ciborien  in  englischen 
Sammlungen  [Braikenridge  und  Bruce];  ein  Kästchen  mit  ähnlichen  Schmelz- 
bildern der  Tugenden  und  Laster  besitzt  der  Dom  von  Troyes.  Die  Form  der 
Ciborien  und  des  Bischofstabes  ist  ohne  Frage  rein  französisch  und  ebenso  das 
von  Limoges  stark  beeinflußte  Rankenwerk  des  Willelmus.  Als  Schmelzwirker 
aber  steht  er  zwischen  Limoges  und  der  Maas  in  der  Mitte  und  daher  ist  seine 
Heimat  im  Norden  oder  Osten  Frankreichs  zu  suchen.  D 

In  LIMOGES  hat  sich  der  Übergang  vom  Goldemail  zum  Kupferschmelz  unge- 
fähr gleichzeitig  wie  am  Rhein  und  an  der  Maas  während  der  ersten  Hälfte  des 
12.  Jahrhunderts,  aber  anfänglich  ganz  unabhängig  von  dort  vollzogen.  Der  grie- 
chische Einfluß  ist  in  Aquitanien  stärker  fühlbar  als  im  Norden.  Die  ältesten  noch 
der  Klosterkunst  von  Conques  angehörigen  Stücke,  wie  der  schon  genannte  Trag- 
altar daselbst,  ahmen  technisch  und  stilistisch  in  Kupfer  den  griechischen  Gold- 
schmelz nach.  Gegen  die  Mitte  des  Jahrhunderts  hebt  sich  Limoges  als  der  be- 
deutendste und  wie  es  scheint,  als  der  einzige  Sitz  des  französischen  Kupferemails 
hoch  empor.   Die  Ursachen  seiner  Alleinherrschaft  sind  nicht  klar;  die  Tatsache 


Abb.  222: 
D 


Porphyrvase  in  Silberfassung,  Sugeriusschule 
von  S.  Denis.   Paris,  Louvre  D 


285 


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aber,  daß  Limoges  diese  Stellung  bis  zum 
Ausgang  des  14.  Jahrhunderts  behalten 
hat,  ist  kaum  zu  bestreiten.  D 

Das  Gewerbe  lag  vorwiegend  in  Laien- 
händen, doch  waren  auch  noch  Kloster- 
leute, namentlich  der  Abteien  Grandmont 
und  S.  Martial  daran  beteiligt.  Es  erlangte 
bald  Weltruf  und  seine  Erzeugnisse  gingen 
durch  alle  Länder,  wofür  noch  heute  die 
Kirchenschätze  von  Island  bis  Italien  und 
von  Österreich  bis  Spanien  zeugen.  Das 
weite  Absatzgebiet  drängte  die  Limusiner 
Goldschmiede  auf  die  Herstellung  gang- 
barer Handelsware,  auf  die  massenhafte 
Wiederholung  einmal  eingeführter  For- 

Abb.  223:  Waschbecken,  Kupferschmelz  von  Li-     mCU,  Muster  UUd   allgemein  gültiger  Dar- 

moges,  13.  Jahrhundert.  Museum  Kopenhagen  Stellungen,  die  allerwärts  auf  Verständnis 
rechnen  konnten.  Die  Reliquienkästchen  mit  steilem  Satteldach,  auf  jeder  Fläche 
mit  einer  Schmelztafel  beschlagen,  die  Kreuze,  Buchdeckel,  Leuchter,  Bischof- 
stäbe, Ciborien  mit  und  ohne  Fug,  Weihrauchschiffchen  und  ähnliche  Kirchen- 
geräte zählen  nach  Hunderten,  so  dag  daneben  die  seltenen  grogen  Werke,  wie 
die  Altäre  in  Burgos  und  San  Miguel  in  Excelsis  [NavarraJ,  die  Schreine  von  Mozac 
und  Ambazac,  die  Grabplatte  des  Geoffroy  Plantagenet  in  Le  Mans,  aus  dem 
14.  Jahrhundert  die  Grabfiguren  der  Herzogin  Blanche  von  der  Bretagne  [im 
Louvre],  des  Grafen  William  Pembroke  in  der  Westminsterabtei  und  eines 
Bischofs  in  Burgos  fast  verschwinden.  Auch  weltliches  Gerät  ist  vielfach  er- 
halten: Truhen  mit  emaillierten  Wappen  beschlagen  [Louvre,  Domschatz  zu 
Aachen],  Kästchen  mit  profanen  Bildern  [British Museum],  Satteltaschen  [Museum 
in  Clermont-Ferrand]  und  Feldflaschen  [Museum  zu  Kassel],  Beschläge  von 
Pferdegeschirren  und  Gürtelschnallen,  am  häufigsten  die  paarweis  gefertigten 
Waschbecken  [Abb.  223].  □ 

Die  Masse  der  handwerksmägigen  Erzeugnisse  verführt  leicht  zu  einer  Unter- 
schätzung der  künstlerischen  Leistung  von  Limoges.  Sie  stand  in  der  Blütezeit 
während  der  zweiten  Hälfte  des  12.  und  der  ersten  des  13.  Jahrhunderts  hinter 
Rhein  und  Maas  keineswegs  zurück.  Es  gibt  keine  Art  des  Kupferschmelzes,  die 
in  Limoges  nicht  geübt  worden  wäre.  Ganz  oder  teilweis  emaillierte  Figuren  auf 
Goldgrund,  vergoldete  Figuren  aufSchmelzgrund,  farbigeBilder  aufFarbengrund, 
alle  diese  Möglichkeiten  haben  die  Limusiner  teils  nebeneinander,  teils  nachein- 
ander ausgenützt.  Sie  haben  die  Technik  sogar  bereichert,  indem  sie  auf  flach 
gravierte  Figuren  die  Köpfe  inRelief  aufnieteten  oder  auchganzeFigurenplastisch 
auf  den  Schmelzgrund  brachten.  Eine  ihrer  glücklichsten  Neuerungen  bestand 
darin,  dag  die  Gravierung  bis  zu  einer  flach  modellierenden  Wirkung  verstärkt 
und  vertieft  wurde,  ein  dem  gotischen  Tiefschnitt  ähnliches  Verfahren,  das  aller- 
dings nur  bei  wertvollen  Stücken  angewandt  werden  konnte.  D 

286 


D  Abb.  224:  Reliquiar  von  Limoges  mit  Arabeskeiigrund ;  Museum  München  D 

Die  engere  Datierung  der  Limusiner  Schmelzwerke  ist  schwierig,  weil  in  dem 
grogen  Betrieb  fortschrittliche  und  rückständige  Werkstätten  nebeneinander 
wirkten.  Die  Stilentwicklung  wurde  dadurch  schleppend;  noch  durch  die  zweite 
Hälfte  des  13.  Jahrhunderts,  als  in  Nordfrankreich  die  Metallkunst  schon  ins  go- 
tische Lager  übergegangen  war,  haftete  Limoges  an  romanischen  Formen.  Eine 
Scheidung  des  Bestandes  in  bestimmte  Werkstatt-  oder  Meistergruppen  ist  nicht 
durchführbar,  weil  bezeichnete  Stücke,  wie  das  Ciborium  des  Magister  Alpais  im 
Louvre  und  das  Kreuz  des  Johannes  Garnerius  Lemovicensis  ganz  vereinzelt  da- 
stehen, und  ferner,  weil  erfolgreiche  Meister  einer  Werkstatt  von  verschiedenen 
anderen  nachgeahmt  worden  sind.  Man  kann  daher  dieEntwicklung  nur  an  einigen 
hervorragenden  Gruppen  darstellen.  □ 

Die  Frühzeit  vor  1150  vertreten  nur  Grubenschmelzscheiben  mit  schablonen- 
haft gezeichneten  Tieren  orientalischen  Stils  auf  dem  Reliquiar  der  heiligen  Fides 
in  Conques  und  ein  ähnlicher  Kasten  in  Bellac.  Ganz  farbig  ausgeführte  Figuren 
auf  Schmelzgrund  sind  selten;  das  Hauptstück  der  Art  bleibt  die  grolle  Tafel  mit 
dem  Bilde  des  Geoffroy  Plantagenet,  die  vor  1 160  gesetzt  wird.  D 

Die  besten  Arbeiten  aus  der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  umfaf>t  die 
Gruppe  mit  farbigen  Figuren  auf  vergoldetem  Grund.  In  der  Regel  sind,  wie  bei 
Godefroid  de  Ciaire,  die  Gewänder  in  mehrfarbiger  Schattierung  emailliert,  die 
Köpfe  und  Hände  vergoldet  oder  in  Relief  aufgesetzt.  Der  glatte  Goldgrund  ist 
häufig  durch  eingetiefte  Rosetten  oder  durch  ein  zart  graviertes,  dichtes  Arabesken- 

287 


muster  belebt  [Abb.  224J.  Von  letzterer  Art  sind  durch  die  Bearbeitung  Marquet 
de  Vasselots  mehr  wie  sechzig  Stücke  bekannt,  darunter  die  zwei  grogen  Altäre 
in  Spanien.  Gute  Beispiele  besitzen  die  Kirchen  in  Apt,  Lyon,  Malval,  Auxerre, 
Gimel,  Moutiers,  Upsala,  Zell  an  der  Mosel;  die  Museen  in  München,  Darmstadt, 
Petersburg,  Kopenhagen,  Brüssel  und  allen  voran  das  British  Museum.  Während 
im  allgemeinen  das  Rankenornament  und  auch  die  Figuren  von  Limoges  byzanti- 
nischem Geschmack  zuneigen,  machen  sich  in  der  Gruppe  mit  Arabeskengrund 
Einwirkungen  von  der  Maas  her  geltend,  die  wohl,  wie  erwähnt,  durch  Gottfrieds 
mehrjährige  Arbeit  in  S.  Denis  übermittelt  worden  sind.  D 

Nach  1220  ungefähr  überwiegen  die  ausgesparten  Figuren  auf  Schmelzgrund. 
Er  ist  meist  lapisblau  und  durch  andersfarbige  Querstreifen,  Rosetten  in  Kreisen 
oder  auch  durch  ausgesparteRanken  mitbuntenBlatt-undBlütenendungen  belebt. 
Dieses  Rankenwerk  entfaltet  sich  am  schönsten  erst  um  1250  und  später;  die 
vollendetsten  Arbeiten  des  spätromanischen  Stils  vonLimoges  sind  damit  verziert. 
Als  Hauptstücke  kann  man  die  Grabplatte  eines  Sohnes  Ludwigs  des  Heiligen  in 
S.  Denis,  nach  1247,  das  Triptychon  in  Chartres,  den  Schrein  von  Ambazac  um 
1270,  eine  Tafel  mit  dem  Tod  Mariens  im  Louvre  und  Reliquienkästen  in  Prag, 
München,  Billom  und  im  Clunymuseum  anführen.  □ 

Die  Gotik  des  14.  Jahrhunderts  hält  an  den  ausgesparten  Figuren  auf  blauem 
Grund  fest,  aber  sie  verstärkt  und  bereichert  die  Wirkung,  indem  sie  die  model- 
lierende Innenzeichnung  mit  rotemSchmelz  ausfüllt.  In  dieserFormistderKupfer- 
schmelz  gleichzeitig  in  Spanien,  Italien  und  in  Wien  geübt  worden.  D 

Die  Meister  von  Limoges  waren  nicht  nur  Schmelzwirker,  sondern  auch  Gold- 
schmiede und  es  gibt  noch  genug  plastische  und  Silberarbeiten,  um  den  Eindruck 
eines  ganz  einseitigen  Schmelzbetriebes  zu  berichtigen.  Die  Treibarbeit  über- 
wiegt; zwei  filigraniertenOstensorien  inArnac  laPoste  undChateauponsac  stehen 
die  getriebenen  Schreine  in  Moissat-Bas  und  in  Toulouse  gegenüber,  beides  sehr 
derbe  Arbeiten,  dann  eine  silberne  Marienfigur  in  Beaulieu  und  das  steife  Brust- 
bild des  heiligen  Baudinus  in  S.  Nectaire  aus  dem  12.  Jahrhundert,  nach  altem 
Brauch  aus  vergoldetem  Blech  über  einen  Holzkern  geschlagen.  D 

In  das  französische  Kunstgebiet  fällt  noch  der  stattliche  Klosterschatz  von 
S.  Maurice  im  Kanton  Wallis.  Seine  zwei  aus  Silber  getriebenen  Schreine  stehen 
ungefähr  auf  der  Stilstufe  des  Schreines  in  Toulouse;  bei  einem  Kupferschrein 
von  1225  mit  gravierter  Zeichnung  mischen  sich  Nachklänge  frühmittelalterlicher 
Ornamentik  mit  den  Ranken  des  ostfranzösischen  Übergangsstils  und  ganz  deut- 
lich zeigen  den  Zusammenhang  mit  Frankreich  zwei  Ciborien  von  der  Form  des 
Ciboriums  in  Sens  und  zwei  silberne  Kreuze  aus  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahr- 
hunderts. □ 

ITALIEN.  □ 

Hier  hat  die  romanische  Goldschmiedekunst,  wenn  man  aus  den  vereinzelten 
Denkmälern  allgemeine  Schlüsse  ziehen  darf,  mit  den  technischen  und  stilistischen 
Neuerungen  des  Nordens  nicht  Schritt  gehalten.  Die  getriebenen  Silberaltäre  von 
Citta  di  Castello  und  Cividale,  ziemlich  nachlässige  Arbeiten,  sind  noch  unfrei  in 
der  Erfindung.  Die  venetianischen  Filigranfassungen  von  Halbedelsteingefäljen 

288 


r 


im  Markusschatz,  zumeist  nach  1231  als  Ersatz  älterer  durch  einen  Brand  zerstör- 
ter Fassungen  ausgeführt,  folgen  zwar  dem  allgemeinen  Streben  nach  plastischer 
rankenartiger  Bildung.  Aber  trotz  des  großen  Rufes  des  Opus  veneticum  reichen 
sie  doch  nicht  ganz  an  die  gleichzeitigenFiligranarbeiten  von  Aachen  oderOignies 
heran.  D 

Auch  der  Erzgug  hat  die  Fesseln  byzantinischer  Überlieferung  kaum  vor  der 
Wende  des  12.  Jahrhunderts  gesprengt.  Die  Erztüren  des  Roger  von  Melfi  in 
Canosa  [nach  1111],  des  Oderisius  von  Benevent  in  Troia,  des  Barisano  von  Trani 
in  Trani  [1160J,  in  Ravello  |1179|  und  in  Monreale  [nach  1186]  halten  teils  in  der 
Technik,  teils  im  Stil  sich  an  griechische  Vorbilder.  Auch  die  zwei  Türen  des  Pi- 
saners Bonanno,  am  Dom  von  Pisa  [1180]  und  in  Monreale  [1186]  sind  trotz  ihrer 
derberen  Plastik  davon  nicht  frei.  Das  erste  rein  romanische  Werk  dieser  Gattung 
ist  die  um  1200  entstandene  Erztür  von  Benevent.  Hier  erst  haben  die  überliefer- 
ten Darstellungen  des  Neuen  Testaments  durch  Selbständigkeit  der  Erfindung, 
Unmittelbarkeit  der  Beobachtung  und  Freiheit  des  Ausdrucks  neues  Leben  ge- 
wonnen. Diesem  Denkmal  stellt  Norditalien  den  siebenarmigen  Erzleuchter  aus 
der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  im  Dom  von  Mailand,  genannt  der  Baum 
der  Jungfrau,  zur  Seite.  Das  von  zahlreichen  Figuren  durchzogene  Rankenwerk 
und  die  Drachen  des  Fuges  sind  ganz  im  Geiste  der  romanischen  Kunst  Deutsch- 
lands erfunden.  Aber  das  schwungvolle  Wachstum  der  Äste,  die  Schönheit  der 
Figuren  und  die  edle  Linienführung  der  Ranken  stellt  alle  verwandten  deutschen 
Arbeiten,  wie  die  Leuchter  in  Braunschweig  und  Klosterneuburg,  tief  in  Schatten. 

2.  DIE  GLASMALEREL  D 

In  derPflege  dieser  stärksten  unter  allenKünsten.  die  dem  Schmuck  der  Kirche 
dienen,  stehtFRANKREICH  während  des  12.  und  13.  Jahrhunderts  an  erster  Stelle. 
Die  romanische  Glasmalerei  verdankt  ihren  um  1200  vollzogenen  Aufstieg  zur 
Monumentalität  der  gotischen  Baukunst.  Deren  Anfänge  und  Frühzeit  haben  sich 
aber  ausschließlich  auf  französischem  Boden  abgespielt.  Je  folgerichtiger  die 
Gotik  ihre  Baugedanken  durchführt,  je  mehr  sie  die  Kirchenwand  in  Pfeiler  und 
Fenster  auflöst  und  der  Wandmalerei  den  Raum  entzieht,  um  so  mehr  bedurfte  sie 
der  Glasgemälde,  um  den  Innenraum  abzuschließen  und  die  Überfülle  des  Tages- 
lichts durch  die  tiefen  Farben  der  Fenster  zu  bändigen.  D 

Trotz  der  innigen  Verbindung  mit  der  neuen  Baukunst  bedient  sich  die  Glas- 
malerei auch  in  Frankreich  nicht  nur  während  der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jahr- 
hunderts, sondern  darüber  hinaus  noch  bis  gegen  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts 
der  romanischen  Formensprache.  Sie  ist  also  stilistisch  dem  übrigen  Kunstgewerbe 
nicht  voraus,  sondern  hält  mit  der  Goldschmiedekunst  gleichen  Schritt.  D 

Die  ältesten  datierten  Glasmalereien  in  Frankreich  sind  die  Überreste  der 
Fenster  in  SAINT  DENIS,  die  Abt  Suger  von  1140  bis  1144  daselbst  machen  ließ; 
einige  Rundfelder  und  Bruchstücke,  bescheiden  an  Zahl  und  Umfang,  aber  wichtig 
als  ein  sicherer  Ausgangspunkt  der  Forschung.  Das  Studium  dieser  Kunst  leidet 
unter  der  vom  Beschauer  oft  sehr  entfernten  Aufstellung  und  der  Verwitterung 
der  Denkmäler,  die  eine  genaue  Untersuchung  und  getreue  Wiedergabe  sehr  er- 
schweren oder  verhindern.    Dazu  kommen  die  Entstellungen,  welche  die  mittel- 

19  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  289 


alterlichen  Glasbilder  durch  die  fast  unvermeidlichen  und  oft  gewalttätigen  Er- 
gänzungen erfahren  haben.  Trotz  dieser  Schwierigkeiten  hat  Emile  Male  fest- 
stellen können,  dag  die  meisten  französischen  Glasgemälde  des  12.  Jahrhunderts 
mit  S.  Denis  in  einem  Schulzusammenhang  stehen.  D 

Nach  der  Erledigung  der  Aufträge  Sugers  haben  dieselben  Glasmaler  die  drei 
großen  Fenster  in  der  Westseite  der  Kathedrale  von  CHARTRES,  dieHauptwerke 
dieserZeit,  geschaffen.  Das  mittlere  zeigt  als  einheitliche  Darstellung  den  Stamm- 
baum Mariens,  genannt  die  WurzelJesse,  die  beiden  anderen  in  wechselnd  runden 
und  viereckigen  Feldern  Bilder  aus  dem  Leben  Christi.  Daran  schließen  sich  zwei 
Fenster  in  Vendome  und  die  ältesten  Scheiben  der  Kathedrale  von  Le  Mans.  Man 
kann  die  Spuren  der  Schule  von  S.  Denis,  wenn  auch  abgeschwächt,  noch  weiter 
verfolgen  in  einigen  Fenstern  von  Angers  mit  der  thronenden  Muttergottes,  dem 
Tode  Mariens  und  den  Legenden  der  Heiligen  Katharina  und  Vincenz  und  schließ- 
lich in  dem  Rundbogenfenster  mit  der  Kreuzigung  und  Himmelfahrt  Christi  in 
Poitiers,  aus  dem  Ende  des  12.  Jahrhunderts.  Auch  nach  England  hat  die  Glas- 
malerei von  S.  Denis  hinübergegriffen;  ein  Fenster  mit  der  Wurzel  Jesse  in  York 
[nach  1159J  ähnelt,  auch  im  Randmuster,  den  gleichen  Darstellungen  in  Chartres 
und  S.  Denis.  England  hat  späterhin  noch  wiederholt  die  französischen  Glasmaler 
in  Anspruch  genommen,  obwohl  es  dem  Lande  selbst  an  einheimischen  Werk- 
stätten, so  in  Westminster  um  1350,  nicht  gefehlt  hat.  D 
Daß  in  REIMS  die  Glasmalerei  im  12.  Jahrhundert  und  schon  früher  gepflegt 
wurde,  ist  urkundlich  und  durch  einige  Scheiben  im  Chor  der  Remigiuskirche  er- 
wiesen. DieserSchule  werden  auch  die  unvollständigen  Scheiben  aus  Chalons  sur 
Marne  [Kunstgewerbemuseum  Paris]  aus  der  zweiten  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts 
zugeschrieben.                                                                                                            D 

Bei  allen  diesen  Werken  ist  das  Rankenornament,  das  namentlich  in  den 
breiten  Rändern  der  Fenster  und  in  den  schmäleren  Rahmen  der  Bildfelder  sich 
reich  und  kunstvoll  entfaltet,  noch  durchaus  strengromanisch  aus  Band-  undBlatt- 
werk  gebildet.  Und  auf  derselben  Stufe  stehen  die  Figuren;  ihre  Gewänder  um- 
hüllen fest  anliegend  mit  steifen,  harten  Faltenlagen  die  Glieder.  Die  Zeichnung 
ist  zuweilen,  besonders  auffallend  andemKreuzigungsfenster  inPoitiers,  so  alter- 
tümlich, daß  die  Glasmaler  im  Vergleich  mit  der  gleichzeitigen  Goldschmiede- 
kunst fast  rückständig  erscheinen.  D 

Erst  im  13.  Jahrhundert  meldet  sich  allmählich  der  Stil  des  Übergangs  an.  Seine 
Kennzeichen  liegen  in  der  freieren  und  natürlichen  Bewegung  und  Haltung  der 
Figuren,  dem  fließenden,  leicht  bewegten  Faltenwurf  und  dem  der  Pflanze  sich 
wieder  nähernden,  zierlichen  Rankenwerk  [siehe  Tafel].  Es  sind  genau  dieselben 
Vorzüge,  die  in  der  Goldschmiedekunst  zuerst  mit  Nicolaus  von  Verdun  auftauch- 
ten, aber  erst  unter  seinen  Nachfolgern,  Hugo  von  Oignies,  dem  Meister  derKreuz- 
reliquiare  von  Trier  und  Mettlach  und  deren  Zeitgenossen  nach  1220  Gemeingut 
wurden.  □ 

In  dieserZeit,  welche  die  großenKathedralenderFrühgotik vollendete,  wächst 
die  Zahl  der  französischenDenkmäler  gewaltig  an.  InChartres,  wo  an  200Fenster 
und  Rosen  zu  verglasen  waren,  wurde  diese  Aufgabe  zum  großen  Teil  gleich- 

290 


GLASGEMÄLDE.  FRANKREICH  •  ERSTE  HÄLFTE  DES 
13   JAHRH.  •  KAISER  FRIEDRICH- MUSEUM  BERLI> 


laufend  mit  dem  Neubau  zwischen  1210  und  1260  bewältigt.  Hier  war  daher  auch 
der  Mittelpunkt  und  Hauptsitz  der  französischen  Glasmalerei  während  der  ersten 
Hälfte  des  13.  Jahrhunderts.  Die  Schule  von  Chartres  übernahm  die  Führung  wie 
vorher  S.  Denis.  Ihre  Anordnung  der  Glasbilder  wurde  für  das  ganze  13.  Jahr- 
hundert vorbildlich.  Die  hochgelegenen  Fenster  des  Mittelschiffs  und  des  Licht- 
gadens  im  Chor  füllten  groge  Einzelfiguren,  Propheten  und  Heilige  von  weit- 
reichender Wirkung,  die  dem  Auge  näheren  Fenster  der  Seitenschiffe  und  Chor- 
kapellen Heiligenlegenden  und  biblische  Bilder  kleineren  Magstabs  in  Kreisen, 
Rauten  und  sonstigen  Feldern  zusammengefaßt  [siehe  Tafel].  Nur  selten  und  nicht 
ohne  Schädigung  der  Deutlichkeit  ist  man,  wie  in  Tours  und  LeMans  um  1260,  von 
dieser  zweckmäßigen  Verteilung  der  großfigurigen  Fenster  und  der  'Medaillon- 
fenster' abgegangen.  □ 

Der  Einfluß  von  Chartres  ist  bei  den  hervorragendsten  französischen  Glasge- 
mälden dieser  Zeit  in  Sens  und  Bourges,  dann  in  Tours,  LeMans,  Laon  und  außer- 
halb Frankreichs  in  Canterbury  und  Lincoln  nachzuweisen.  In  Rouen  ist  er  auch 
inschriftlichbeglaubigt,  denn  das  Josephsfenster  derKathedrale  trägt  die  Bezeich- 
nung eines  Meisters  aus  Chartres:  Clemens  vitrarius  Carnotensis.  D 

Um  1250  tritt  PARIS  in  den  Vordergrund,  und  seine  Hauptwerke,  die  15  großen 
Medaillonfenster  mit  biblischen  Bildern  in  der  Sainte  Chapelle  von  1248  und  die 
zwei  Rosenfenster  des  Querschiffes  von  Notre  Dame  von  1257,  wirkten  weiter  auf 
die  Rose  in  Soissons,  auf  die  Chorkapellenfenster  in  Clermont-Ferrand  [um  1260], 
die  Hochfenster  in  Tours  und  die  Chorfenster  in  Le  Mans  und  Angers  [nach  1274]. 

Das  ganze  13.  Jahrhundert  arbeitete  nach  alter  Überlieferung  nur  mit  vollge- 
färbten Gläsern  in  den  Grundfarben  blau,  rot,  grün,  gelb  und  wenig  weiß,  wobei 
das  Blau  als  ruhiger  Hintergrund  namentlich  bei  großfigurigen  Fenstern  vor- 
herrscht. Die  Wirkung  ist  nach  dem  zeichnerischen  Vermögen  der  Zeit  durchaus 
flächenmägig,  eine  räumliche  Vertiefung  der  Bilder  lag  noch  außerhalb  des  Könnens. 
Einen  wesentlichentechnischenFortschrittbringt  das  13.  Jahrhundertnur  in  der  Ge- 
staltung der  eisernen  Gerüste,  die  an  der  Außenseite  der  Fenster  und  in  der  Mauer 
befestigt  die  Last  der  Verbleiung  aufnehmen  und  dieFenster  so  versteifen,  daß  sie 
dem  Winddruck  standhalten.  Das  12.  Jahrhundert  hatte  die  Sturmstangen  recht- 
winklig und  gradlinig  gekreuzt,  so  daß  sie  die  Bildfelder  mit  breiten  schwarzen 
Strichen  durchschneiden.  Diesen  Fehler  vermieden  die  Schule  von  Chartres  und  ihre 
Ableger,  indem  sie  die  Windeisen  an  den  Umrissen  der  Bildfelder  entlang  führten. 
Das  14.  Jahrhundert  ließ,  durch  die  Menge  der  steinernen  Fensterpfosten  behin- 
dert, diese  Verbesserung  wieder  fallen.  D 

Die  Pariser  Fenster  und  ihre  Nachfolger  aus  der  zweiten  Hälfte  des  13.  Jahr- 
hunderts zeigen  ein  Nachlassen  in  der  Sorgfalt  der  Ausführung.  Die  schönen  ro- 
manischen Ranken,  die  in  Chartres  und  Sens  nicht  nur  die  breiten  Fensterränder, 
sondern  auch  den  Grund  zwischen  den  Bildfeldern  zieren,  werden  durch  dürftigere 
Borten  und  durch  geometrische  Mosaikmuster  für  den  Hintergrund  ersetzt,  wobei 
ein  Rautennetz  aus  blauen  und  roten  Gläsern  am  häufigsten  wiederkehrt.  D 

Diese  geometrischen  Grundmuster  hat  die  Gotik  des  14.  Jahrhunderts  beibe- 
halten und  sehr  mannigfaltig  weitergebildet.  Man  bezeichnet  solche  Scheiben,  und 

19*  291 


die  vorwiegend  ornamentalen  Fenster 
überhaupt,  als  Teppichfenster,  um  damit 
auszudrücken,  dag  die  Glasmalerei,  da  sie 
in  ihren  erstenAnfängen Tücher  ersetzen 
sollte,  mit  welchen  man  die  Fenster  ver- 
hängte, Teppiche  oder  gewebte  Stoffe 
nachgeahmt  habe.  Diese  weit  verbreitete 
Anschauung  ist  in  keiner  Weise  begrün- 
det. In  den  ältesten  Glasgemälden,  die 
naturgemäß  den  Geweben  am  nächsten 
stehen  müßten,  überwiegt  die  Figur,  nicht 
das  Ornament.  Teppiche,  die  mit  einiger 
Wahrscheinlichkeit  als  Vorbilder  der  ro- 
manischen Glasgemälde  angesehen  wer- 
Abb.225:  Biankvergiasung  aus  Pontigny,  um"  den  könnten,  sind  nirgends  bekannt.  Die 
Glasmalerei  holte  ihre  Ornamente,  wie  andere  Kunstzweige  auch,  aus  der  Baukunst, 
nicht  aus  der  Weberei.  Die  monumentalen  Aufgaben,  die  Leuchtkraft  des  Werk- 
stoffes mit  seinen  durchsichtigen  Farben  und  die  schweren  Umrisse  der  Bleifassung 
zwangen  die  Glasmalerei  von  vornherein  zu  einer  selbständigen  Formensprache. 
Sie  ahmte  nicht  nach,  im  Gegenteil,  sie  wurde  nachgeahmt:  die  Buchmalerei  über- 
nahm nach  1200  dieMedailloneinteilung  der  Bilder  und  später  die  gerauteten  Hin- 
tergrundmuster; die  Wandmalerei  gerät,  wie  dieBilder  auf  den  Chorschranken  des 
Kölner  Doms  so  klar  wie  möglich  beweisen,  im  14.  Jahrhundert  in  ihre  Gefolgschaft 
und  auch  die  Goldschmiedekunst  und  die  Stickerei  folgen  gelegentlich  ihren  Spuren. 
Die  Abhängigkeit  von  der  Weberei  oder  Wirkerei  trifft  nicht  einmal  bei  den 
rein  ornamentalen  Fenstern  zu,  die  lediglich  durch  die  Formen  unbemalter,  farb- 
loser Glasstücke  und  deren  Verbleiung  eine  Musterung  erhalten  [Abb.  225J.  Die 
einfachsten  derartigen  Blankverglasungen  [Beispiele  in  Sitten  an  der  Rhone  aus 
dem  13.  Jahrhundert] entlehnen  ihreMuster  demFugenschnitt  desBacksteinbaues. 
Die  älteren,  aber  reicheren  Beispiele  Frankreichs  [in  Bonlieu,  Obazine,  Pontigny, 
Sens]  aus  dem  12.  Jahrhundert  geben  Ranken  und  Bandgeflechte,  die  mit  Webe- 
mustern nicht  das  geringste  zu  tun  haben.  Nicht  anders  sind  die  romanischen 
Blankverglasungen  in  Deutschland,  wo  die  Cistercienserkirche  von  Marienstatt  im 
Westerwald  [nach  1227 1  ein  besonders  schönes  Flechtwerkfenster  besitzt.  D 

Aus  diesen  unbemalten  Fenstern  entstanden  im  12.  Jahrhundert  die  ebenfalls 
rein  ornamentalen  Grauscheiben,  bei  welchen  die  Muster  der  Verbleiung  durch 
graue,  schwarze  und  bräunliche  Lotmalerei  weitergebildet  und  bereichert  sind. 
Die  farbenarmen  Grauscheiben  wurden  wie  die  farblosen  Blankverglasungen  von 
den  baueifrigen  Cisterciensern  für  ihre  Klosterkirchen  bevorzugt,  weil  dem  Orden 
farbenreiche  Fenster  im  12.  Jahrhundert  noch  untersagt  waren.  Sie  empfahlen 
sich  aber  ihrer  Billigkeit  wegen  auch  für  andere  Kirchen,  wenn  die  Mittel  für  die 
kostspieligen  Farbenfenster  versiegten.  Daher  finden  sich  Grauscheiben  des 
13.  Jahrhunderts  und  der  Folgezeit  neben  den  prächtigsten  Glasgemälden  in  den 
großen  französischen  Kathedralen,  in  Angers,  Soissons,Chartres,Chalons,Auxerre„ 

292 


m 


EUSTACHIUSFENSTER  ZU  SENS, 
ANFANG  DES  13.  JAHRHUNDERTS 


Bourges,  Rouen  und  Toul.  Die 
schwarz  umrissenen  Ranken  he- 
ben sich  hell  von  dem  durch  dichte 
schwarze  Strichlagen  dunkel  ge- 
tönten Grund  ab.  Sie  zeigen  bei 
den  ältesten  französischen  wie  bei 
den  ganz  gleichartigen  englischen 
Grauscheiben  [in  Salisbury]  die 
zierlichen  Formen  des  spätroma- 
nischen Übergangsstils  um  1230. 
Demgegenüber  stehen  die  äl- 
testen und  berühmtesten  deut- 
schen Grauscheiben  des  Cister- 
cienserklosters  Heiligenkreuz  in 
Österreich  auf  einerfrüherenStil- 
stufe,  obwohl  sie  nach  Ausweis 
einzelner  Blattformen  ebenfalls 
der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahr- 
hunderts angehören  [Abb.  226 1. 
Das  Malverfahren,  helle  Ranken 
und  Bandgeflechte  auf  dunkel 
schraffiertem  Grund,  ist  dasselbe 

wie    in   Frankreich.     Die    Ranken    Abb.  226:  Grauscheibe  in  Heiligenkreuz,  I.Hälfte  13.  Jahrh. 

selbst  aber  sind  bis  auf  einzelne  gotisierende  Blätter  noch  streng  romanisch,  un- 
gefähr den  Ranken  der  kölnischen  Schmelzarbeiten  um  1 180  gleichend.  D 

Dieser  Unterschied  ist  für  das  Verhältnis  der  ganzen  DEUTSCHEN  GLAS- 
MALEREI romanischen  Stils  zur  französischen  kennzeichnend.  D 

Die  glänzende  Entfaltung  in  Frankreich  hat  natürlich  den  Gedanken  nahegelegt, 
daf»  Deutschland  auf  diesem  Gebiet  wie  England  ein  Schüler  Frankreichs  gewesen 
sei.  Mancherlei  Verwandtschaften  schienen  das  zu  bestätigen,  aber  der  Stil  der 
deutschen  Denkmäler  spricht  dagegen.  D 

Die  hervorragendsten  romanischen  Glasgemälde  diesseits  des  Rheins  sind  fünf 
großfigurige  und  drei  Medaillonfenster  in  der  1248  geweihten  Kunibertskirche  in 
Köln  und  drei  Medaillonfenster  [4  m  hoch|  mit  Bildern  aus  dem  Leben  Christi  und 
den  Legenden  der  Heiligen  Maternian  und  Nikolaus  von  Myra  in  Bücken  an  der 
Weser.  Diese  Bilder,  die  trotz  einiger  Vorwitterung  und  Ergänzung  im  Gesamt- 
entwurf und  in  der  Zeichnung,  in  den  Farben  und  im  Ornament  den  besten  fran- 
zösischen Scheiben  ebenbürtig  zur  Seite  stohcMi,  sind  um  die  Mitte  des  13.  Jahr- 
hunderts entstanden.  Damals  herrschte  in  Frankreich  schon  seit  dreil^ig  oder 
vierzig  Jahren  der  spätromanische  Übergangsstil.  Die  Kölner  und  Bückener 
Fenster  zeigen  davon  keine  Spur;  namentlich  die  prachtvollen  Blatt-  und  Band- 
ranken der  Borten  in  S.  Kunibert  sind  noch  Muster  hociu'omanischer  Ornamentik. 
Und  ebenso  halten  fast  alle  deutschen  Glasmalereien,  die  noch  vor  1250  ungefähr 
fallen,  an  der  ungetrübten  romanischen  F'ormensprache  fest,  insbesondere  im 

293 


Marienfenster    der    Elisabethkirche 
Marburg,  13.  Jahrhundert 


Ornament.  Es  gehören  hierher  ein  Chor- 
fenster mit  dem  Stammbaum  Christi  zu 
Legden  in  Westfalen,  zwei  kleine  Rund- 
bogenfenster mit  der  Wurzel  Jesse  und 
Mosesbildern  in  Kappenberg  [früher  in 
Nassau],  auf  welchen  der  Glasmaler  Ger- 
lach sich  selbst  dargestellt  hat  [dazu  eine 
kleine  Kreuzigung  desselben  Meisters 
im  BerlinerKunstgewerbemuseum],  zwei 
Ingelheimer  Rundscheiben  im  Kaiser  Frie- 
drich Museum,  Scheibenreste  in  Metz  [Se- 
golena  Kirche],  in  Soest  [Patroklikirche], 
Heimersheim  an  der  Ahr,  Veitsberg  in 
Weimar  und  anderwärts.  Einen  reichen 
Bestand  romanischer  Fenster  des  13.  Jahr- 
hunderts, vorwiegend  mit  großen  Stand- 
bildern von  Heiligen  und  deutschen  Kö- 
nigen, birgt  der  Stragburger  Münster.  Ihr 
ursprünglicher  Zustand  ist  durch  wieder- 
holte Umarbeitung  sehr  entstellt,  aber 
das  Fortleben  der  romanischen  Zierfor- 
men bis  in  die  zweite  Hälfte  des  13.  Jahr- 
hunderts ist  auch  hier  zu  erkennen.  Wie 
lang  das  vorhielt,  ist  zwei  Fenstern  mit  ro- 
manischen Borten  und  Bandgeflechten  in 
der  Peter-Pauls-Kirche  von  Weigenburg 
im  Elsaß  zu  entnehmen,  die  Abt  Edelin 
zwischen  1262  und  1293  nebst  zwei  be- 
reits ausgesprochen  gotischen  Ornament- 
fenstern gestiftet  hat.  D 
Der  Abstand  in  der  Stilfolge  zwischen 
der  französischen  und  der  deutschen  Glas- 
malerei ist  mithin  so  beträchtlich,  dag  er 
den  Gedanken  an  eine  Abhängigkeit  der 
letzteren  ausschließt.  Wie  das  gesamte 
deutsche  Kunstgewerbe,  so  haftete  auch 
die  Glasmalerei  zäher  an  den  romani- 
schen Formen.  Ihr  Übergang  zur  Gotik 
vollzog  sich  demgemäß  unvermittelter, 
weil  die  neue  französische  Kunst  bereits 
ausgereift  nach  Deutschland  herüber 
kam.  Von  der  französischen  Glasmalerei 
unterscheidet  sich  die  deutsche  auch  dar- 
a  in,  daß  sie  schon  in  romanischer  Zeit  bis 


294 


in  abgelegene  Kirchen  kleiner  Orte  vorgedrungen  war,  gewig  ein  Zeichen  ur- 
wüchsiger Abkunft.  Auch  in  der  deutschen  Schweiz  fand  sich  das  älteste  roma- 
nische Glasgemälde  des  Landes,  ein  kleines  Rundbogenfenster  mit  thronender 
Muttergottes  [Museum  Zürich]  in  der  bescheidenen  Landkirche  von  Flums.  Die 
berühmtere  Fensterrose  in  Lausanne  ist  dagegen  ein  Werk  des  französischen 
Übergangsstils  um  1250.  D 

Gegen  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  zeitigt  auch  die  deutsche  Glasmalerei 
einen  spätromanischen  Übergangsstil,  der  in  der  Ornamentik  noch  ziemlich  alter- 
tümlich bleibt,  in  der  freieren  Haltung  und  Gewandung  der  Figuren  aber  die  Gotik 
ankündigt.  Diese  Richtung  vertritt  zuerst  die  ältere  Reihe  von  Glasgemälden  in 
der  um  1235  begonnenen  Elisabethkirche  zu  MARBURG,  einem  Ersthngsbau  der 
deutschenFrühgotik.  Sie  umfagt  zwei  Medaillonbahnen  mitBildern  aus  demLeben 
der  heiligen  Landgräfin  in  je  sechs  Vierpässen,  einige  Fenster  mit  Standbildern 
[Abb.  227],  dazu  mehrere  Magwerkrosen,  Einzelbilder  und  eine  Scheibe  mit  üppi- 
gem romanischen  Blattwerk.  Den  Marburger  Scheiben  verwandt  sind  die  orna- 
mentalen Fenster  der  Predigerkirche  in  Erfurt  und  zwei  kleine  Rundbogenfenster 
des  KölnerKunstgewerbemuseums  [Sammlung  Schnütgen]  mit  dem  Tode  und  der 
Krönung  Mariens  und  je  zwei  Stifterbildnissen.  Spätere  Werke  des  Übergangs 
finden  sich  noch  im  Kölner  Dom,  in  München-Gladbach,  Weigenburg,  Gelnhausen 
und  Heiligenkreuz. 

Diesem  Übergangsstil  war  keine  lange  Dauer  beschieden,  denn  im  letzten 
Viertel  des  13,  Jahrhunderts  hat  die  ausgesprochene  Gotik  allen  Ausläufern  und 
Nachklängen  der  romanischen  Kunst  ein  Ende  bereitet.  Eine  Zeitbestimmung  für 
den  Umschlag  in  der  Glasmalerei  geben  zwei  Chorfenster  mit  stehenden  Heiligen 
zu  Niederhaslach  im  Elsag.  Sie  vereinigen  die  augenfälligsten  äugerlichen  Merk- 
male der  neuen  Kunst:  die  Baldachine  in  gotischen  Bauformen  über  Figuren  mit 
stark  gewellten  Locken,  dazu  naturähnliche  Efeublätter  im  Ornament.  Die  Bau- 
geschichte der  Kirche  von  Niederhaslach  ergibt,  dag  die  Fenster  zwischen  1274 
und  1287  entstanden  sind.  D 

3.  STICKEREIEN,  TEPPICHE  UND  GEWEBE.  □ 

Trotz  der  Vergänglichkeit  textiler  Kunstwerke  besitzt  Deutschland  in  seinen 
Kirchenschätzen  noch  sehrbeträchtlicheÜberresteaus  romanischer  Zeit,  zahlreich 
und  vielseitig  genug,  um  die  Tatsache  zu  erhärten,  dag  dieser  Kunstzweig  den 
verschiedenen  Anforderungen  zur  künstlerischen  Ausstattung  der  Gewänder  und 
des  Altars,  der  Wände  und  desF'ugbodens  im  12.  und  13.  Jahrhundert  schon  vollauf 
gewachsen  war.  Die  erhaltenen  STICKEREIEN  sind  zwar  insgesamt  kirchlicher 
Bestimmung  und  wahrscheinlich  noch  in  Klöstern  entstanden,  aber  das  Schwinden 
des  byzantinischen  Geschmacks,  das  kräftige  Aufleben  heimischer,  selbständiger 
Art  treten  als  Zeichen  der  Zeit  auch  auf  diesem  Gebiete  klar  zutage.  D 

Die  griechische  Richtung,  als  deren  äugerliches  Merkmal  wir  die  Goldstickerei 
auf  farbigem  Seidenstoff  durch  die  Baniberger  Gewänder  des  11.  und  12.  Jahrhun- 
derts kennen  gelernt  haben  [vgl.  Seite  254J,  wird  allerdings  nicht  ganz  beseitigt. 
Der  mit  Löwen  und  Adlern  bestickte  Mantel  Kaiser  Ottos  IV.  in  Braunschweig,  einige 
Seidengewänder  des  Ilalberstädtcr  Doms  mit  goldenen  Tieren  in  Kreisen,  eine 

295 


ähnliche  Kasel  im  South  Kensington  Museum  aus  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts 
bezeugen  dasFortleben  durch  die  ganzeromanischeZeitbis  in  dieGotik.  Zu  einem 
hervorragenden  Meisterwerk  des  spätromanischen  Stils  erhebt  sich  die  Gold- 
stickerei in  dem  Altarbehang  aus  Rupertsberg  bei  Bingen  [Museum  Brüssel].  Auf 
rotem  Atlas  sind  in  goldenen  Umrissen  mit  silbernen  Fleischteilen  dargestellt  der 
thronende  Heiland,  verehrt  von  Maria,  Petrus  und  Johannes  einerseits,  den  Orts- 
heiUgen  Rupert  und  Hildegard  nebst  S.  Martin  andrerseits.  Zu  ihren  Fügen  beten 
die  Gönner  des  Klosters,  Erzbischof  Siegfried  von  Mainz  1 1201  bis  1230]  und  Her- 
zogin Agnes  von  Lothringen,  darunter  die  Äbtissin  mit  zahlreichen  Klosterfrauen. 
Bei  diesem  Werk  folgt  allein  die  Technik  dem  griechischen  Brauch;  als  Zeichnung 
gehört  es  durchaus  zur  lothringisch-rheinischen  Kunst.  D 

Auch  die  Abart  der  griechisch-sarazenischen  Stickkunst,  welche  dicht  gereihte 
Perlen  undEdelmetallplättchen  zurMusterbildung  verwendet,  wie  esandenHand- 
schuhen  und  Gewandborten  des  kaiserlichen  Krönungsornats  zu  sehen  ist,  fand  in 
Deutschland  noch  lange  Zeit  Nachahmung.  Als  wohlerhaltenes  spätromanisches 
Beispiel  ist  ein  mitPerlen  und  gestanztem  Silberzierrat  übersäter  Altarbehang  aus 
roter  Seide  im  Weifenmuseum  zu  Hannover  erwähnenswert.  D 

Neben  diesen  Arbeiten  entfaltet  sich,  vom  12.  Jahrhundert  ab  immer  mehr  über- 
handnehmend, eine  grundverschiedene  Art  der  Stickerei,  für  welche  Byzanz  keine 
Vorbilder  aufzuweisen  hat.  Nicht  Seide,  sondern  ein  lose  gewebtes  Leinen,  wie 
schon  bei  dem  Wandteppich  von  Bayeux,  dient  als  Grundstoff,  der  mit  bunten 
Seidenfäden,  in  derRegel  vollkommen  deckend, bildmägig  besticktwird.  Während 
die  griechische  Richtung  vielfach  nach  Art  gewebter  Seidenstoffe  regelmäßig  wie- 
derkehrende, also  inhaltlich  bedeutungslose  Muster  gibt,  ist  für  die  eigentlich  ro- 
manische Stickerei  der  bildliche  Inhalt  die  Hauptsache.  Bei  den  Priestergewän- 
dern sind  die  gestickten  Heiligenfiguren,  Legenden  und  biblischen  Geschichten 
meist  in  Vierecke,  Kreise  oder  Rundbogen  eingeteilt.  D 

Der  Süden  und  der  Norden  Deutschlands  sind  gleich  reich  an  Werken  dieser 
bodenständigen  Kunst.  In  den  Klöstern  Niedersachsens  ist  sie  mit  besonderem 
Eifer  betrieben  worden.  Das  Weifenmuseum  besitzt  drei  spätromanische  Altar- 
behänge aus  hannoverschen  Kirchen  [Heiningen],  der  Dom  von  Halberstadt  meh- 
rere Kaselstäbe,  die  mit  einerDeckedesBerlinerKunstgewerbemuseums[Abb.228| 
stilistisch  zusammenhängen.  Die  Elisabethkasel  des  Erfurter  Doms  ist  zwar  erst 
zu  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  gearbeitet,  wahrt  aber  im  Ornament  und  den  Rund- 
bogenstellungen noch  die  romanische  Überlieferung.  Aus  Sankt  Blasien  stammt 
eine  Kasel  des  12.  Jahrhunderts  mit  typologischen  Bildern  und  Heiligen  in  Vier- 
ecken, ferner  ein  bereits  gotisierender  Mantel  nebst  einer  zweiten  Kasel  mit  den 
Legenden  der  Klosterpatrone  Blasius  und  Vincenz.  Diese  drei  Gewänder  sind  mit 
anderen  Schätzen  des  Schwarzwaldklosters  nach  Sankt  Paul  in  Kärnten  gebracht 
worden.  Das  Nonnenstift  Goeg  in  Steiermark  besitzt  noch  eine  ganze  Kapelle,  aus 
einem  Altarbehang  und  vier  Gewändern  bestehend,  die  unter  der  Äbtissin  Kuni- 
gund  nach  der  Mitte  des  13.  Jahrhunderts,  aber  noch  in  sehr  rückständigen  For- 
men gearbeitet  sind.  Hier  wie  in  S.  Blasien  und  Halberstadt  ist  zur  Ausfüllung  des 
Grundes  und  der  Bilder  vorwiegend  Zopfstich  und  Kettenstich  verwendet.          D 

296 


2:  Q 
<  2: 

O  « 


ß    CO 

H  c 
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D  Abb.  22S:  Ausschnitt  einer  Seidenstickerei  um  1200.     Kunstgewerbemuseum,  Berlin  D 

In  Frankreich  und  England  sind  große  Stücke,  die  noch  in  die  romanische  Zeit 
zurückreichen,  nicht  bekannt.  In  Spanien  aber  bewahrt  der  Dom  von  Gerona  das 
umfangreichste  Werk  der  ganzen  Gattung  aus  dem  12.  Jahrhundert.  Auf  einer 
Decke  von  378  cm  Breite  und  annähernd  gleicher  Höhe  umschließt  ein  großer 
Kreis  die  auf  acht  Kreisausschnitte  verteilte  Darstellung  der  Schöpfung  in  ziem- 
lich barbarischer  Zeichnung.  Die  Zwickel  und  Randfelder  füllen  die  Paradieses- 
flüsse und  Monatsbilder.  D 

Der  Mehrzahl  dieser  von  Byzanz  unabhängigen  romanischen  Stickereien  ist 
ein  eigentümliches  Ornament  aus  Hakenkreuzen  und  Verästelungen  oder  Ver- 
schlingungen von  solchen  gemeinsam,  das  bald  als  zusammenhängende  Füllung 
des  Grundes  [in  Gerona,  Goeß],  bald  als  Randborte  [Rupertsberg,  S.  Paul,  Goeß], 
bald  als  Gewandmusterung  |  Altarbehang  in  Halberstadt  |,  bald  als  Einzelmotiv 
I  spätromanische  weißgestickte  Altardecke  aus  dem  Frauenkloster  Altenberg  in 
Braunfels;  Mitra  des  Thomas  Becket,  vor  1170,  in  Sens|  auftritt  | siehe  Tafelj.  Die 
Frühgotik  verwendet  es  ebenso  häufig,  und  zwar  in  denjenigen  Stickereien,  die 
nach  Technik  und  Herkunft  als  die  Nachkommen  solcher  romanischen  Arbeiten 
abendländischen  Charakters  zu  betrachten  sind  |  Mantel  aus  Hildesheim  im  South 
Kensington  Museum;  Altarbehänge  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum,  in  Hanno- 
ver; weißgestickte  Leinendecke  in  Soest].  In  der  griechisch-sarazenischen  Seiden- 
weberei findet  sich  dieses  etwas  barbarisch  annuitende  Ornament  nur  ganz  ver- 
einzelt [auf  sizilianischen  Stoffen  des  12.  Jahrhunderts  in  Regensburg  |,  um  so  öfter 
dagegen  in  der  Leinenweberei  des  Nordens.  Die  Entstehung  der  Hakenmuster  ist 
aus  verschiedenen  Übergangsformen,  namentlich  an  denGoeßer  Gewändern,  ganz 
deutlich  zu  erkennen.  Es  ist  eine  teils  unbeholfene,  teils  gewollte,  teils  durch  den 


297 


Abb.  229:  Teil  eines  Halberstädter  Wirkteppichs, 
O  um  1200  D 


Leinengrund  bedingte  Zerstückelung  und 
Umbildung  der  spätrömischen  Bandge- 
flechte und  Mäanderornamente.  Der  Vor- 
gang ist  der  Entstehungdes  germanischen 
Flechtwerks  in  den  frühmittelalterlichen 
Metallarbeiten  vollständig  analog,  nur  mit 
dem  Unterschied,  dag  die  Textilarbeit  zu 
eckigen  und  zackigenFormen  geführt  hat. 
Auch  auf  diesem  Gebiet  wird  also,  sobald 
der  griechische  Einfluß  schwindet,  der  Zu- 
sammenhang mit  der  germanischen  Früh- 
kunst wieder  offenkundig.  □ 
Dag  in  ITALIEN  der  Byzantinismus  auf 
festeren  Fügen  stand  als  im  Norden,  ist 
einem  Altarbehang  mit  den  Apostelmartyrien  in  Anagni  und  einem  anderen  mit 
Bildern  aus  dem  Leben  Christi  im  South  Kensington  Museum  zu  entnehmen.  Beide 
stammen  aus  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts,  und  doch  steht  ihre  ausgezeichnete, 
den  deutschen  Stickereien  sehr  überlegene  Zeichnung  der  griechischen  Kunst  viel 
näher  als  der  Gotik.  Und  eine  Kasel,  die  Bonifaz  VIII.  1294  nach  Anagni  schenkte, 
trägt  goldgestickt  in  Rankenkreisen  Greifen  und  Vogelpaare,  also  die  Wieder- 
holung eines  byzantinischen  Webemusters.  D 
Gewirkte  WANDTEPPICHE  sind  aus  romanischer  Zeit  fast  nur  im  Dom  von 
HALBERSTADT  erhalten.  Es  sind  zwei  nicht  ganz  vollständige  und  der  Borte  be- 
raubte Rücklaken  von  9  und  10  m  Länge  und  112  cm  Höhe.  Auf  dem  einen  thront 
Christus  zwischenErzengeln  und  denAposteln;  der  andere  enthält  in  dreiFeldern 
die  Erscheinung  der  Engel  bei  Abraham,  ihre  Bewirtung,  die  Opferung Isaaks  und 
schließt  mit  demErzengelMichael  [Abb.229j.  Ein  dritter  kleiner  Teppich  zeigtKarl 
den  Großen  zwischen  vier  Philosophen  sitzend.  Die  Teppiche  sind  aus  farbiger 
Wolle  gewirkt  in  jenem  uralten  Verfahren  f Gobelinwirkerei],  das  sich  von  der 
Weberei  durch  den  Verzicht  auf  durchlaufende  Schußfäden  und  durch  die  freie 
Musterbildung  unterscheidet.  Der  Stil  der  Figuren  und  des  Ornaments  weist  sie 
in  das  Ende  des  12.  Jahrhunderts  und  verbürgt  ihre  Hsrstellung  in  Sachsen,  sei  es 
in  Halberstadt  selbst,  wo  Wirkteppiche  ähnlicher  Größe  auch  aus  dem  15.  Jahr- 
hundert vorhanden  sind,  sei  es  in  Quedlinburg,  einem  Hauptsitz  der  sächsischen 
Textilkunst  um  1200.  "  D 
Aus  Süddeutschland  sind  nur  die  Namen  mehrerer 'Tapeciarii'  als  Angehöriger 
bayrischer  Klöster  in  Urkunden  des  12.  Jahrhunderts  überliefert.  Ein  rein  bürger- 
liches Gewerbe  wurde  die  Teppichwirkerei  erst  mit  derGotik;  daß  sie  aber  schon 
in  romanischer  Zeit  auch  der  weltlichen  Behausung  dienstbar  war,  lehrt  neben 
Schriftquellen  ein  norwegischer  Teppich  im  Museum  von  Christiania,  auf  dem  ein 
Reiter  in  ähnlicher  Rüstung  dargestellt  ist,  wie  sie  die  Krieger  auf  dem  Teppich 
von  Bayeux  tragen.  Ob  die  Wirktechnik  aus  dem  Osten  nach  Deutschland  kam,  ist 
den  Halberstädter  Teppichen  nicht  abzusehen.  Aber  dieBruchstücke  einer  erheb- 
lich älteren  Wirkerei  aus  der  Kölner  Gereonskirche  [in  den  Museen  von  Lyon  und 

298 


South  Kensington]  weisen  in  der 
Tat  nach  Byzanz,  denn  ihr  Mu- 
ster, Kreise  mit  Greifen  und  Lö- 
wen, ist  einem  sassanidischen 
oder  griechischen  Gewebe  nach- 
gebildet. □ 

Ganz  ohne  Vorläufer  und 
Nachfolger  ist  der  Fugboden- 
teppich, den  die  Äbtissin  Agnes 
von  QUEDLINBURG  [1186  bis 
1203]  in  einerGröge  von  7zu  6m 
aus  farbiger  Wolle  fertigen  lieg, 
das  einzige  Beispiel  eines  euro- 
päischen KNÜPFTEPPICHS  aus 
dem  Mittelalter.  Er  sollte  laut 
Inschrift  ein  Geschenk  für  den 
Papst  sein,  doch  verblieb  er  der 
Schlogkirche  von  Quedlinburg. 
Die  in  Streifen  geordneten  Bil- 
der stellten  die  Vereinigung  der 
weltlichen  undgeistlichen Macht 
und  als  allegorische  Ausführung 
desselben  Gedankens  die  Ver- 
mählung des  Merkurius  und  der 
Philologia  dar.  Vier  groge  Bruch- 
stücke zeugen  noch  für  die  auger- 
ordentUche  Schönheit  der  Ar- 
beit: sie  erzielt  unter  Überwin- 
dungallertechnischen  Hemmun- 
gen eine  Bildwirkung,  die  in 
Zeichnung  und  Farben  neben  den 
besten  Wandgemälden  der  Zeit 
sich  rühmlich  behauptet  [Abb. 
230 1.  Die  Knüpf technik  weicht 
von  der  im  Orient  üblichen  nicht 
wesentlich  ab,  doch  sind  keiner- 
lei Spuren  orientalischen  Ein- 
flusses zu  bemerken.  n 

Der  Ausgang  der  romani- 
schen Zeit  erbringt  noch  den 
sicheren    Beweis    für    die     in 

Schriftquellen     des     12.    und    13.     Abb.  230 :  Ten  eines  Knüpf teppid.s  in  Quedlinburg,  um  r.nx) 

Jahrhunderts  |bei  Bernhard  von  Clairvaux  und  Wolfram  von  Eschonbach]  berich- 
tete Tatsache,  dag  in  Deutschland,  und  zwar  im  kunstfertigen  Enuncramskloster 

299 


Abb.  231 
D 

2311. 


zu  REGENSBURG  auch  die  SEIDEN- 
WEBEREI betrieben  wurde.  DerDomda- 
selbst  besitzt  einen  Altarbehang  mit  der 
Kreuzigungsgruppe,  den  Kirchenpatro- 
nen und  dem  Bilde  des  Stifters  Bischof 
Heinrich  [1277  bis  1296],  das  ganze  Stück 
gewebt  aus  Seide  und  Goldfäden  auf  Lei- 
nenkette. Diese  beglaubigte  Regensbur- 
ger Bildweberei  stimmt  stofflich  genau 
überein  mit  einer  bereits  kurz  erwähnten 
vgl.  Seite  255J  Gattung  von  Halbseiden- 
stoffen des  12.  und  13.  Jahrhunderts,  die 
wegen  ihrer  derben  Textur,  noch  mehr 
aber  wegen  der  ausgesprochen  abend- 
ländischen Stilisierung  ihrer  Muster  von 
den  griechisch  -  sarazenischen  Seiden- 
stoffen sich  deutlich  abscheiden  [Abb. 
Die  Hauptstücke  befinden  sich  in  Siegburg,  in  Halberstadt  und  in  den 


Regensburger  Halbseidenstoff 
Stadt,  13.  Jahrhundert 


n  Halber- 
D 


Museen  von  Braunschweig  und  Berlin;  vollständige  Priestergewänderbesitzen 
ferner  die  Kirchen  in  S.  Rambert  sur  Loire  und  in  Ambazac.  Die  Muster,  meist 
paarweis  geordnete  Tiere,  ahmen  allerdings  sarazenische  Seidenstoffe  nach; 
eines  der  Vorbilder  ist  in  dem  Seidendamast  aus  dem  Bamberger  Grab  Hein- 
richs II.  [Museum  München[  erhalten.  Aber  die  heraldischen  Tiere  und  Ranken 
sind  in  rein  romanische  Formen  umgezeichnet.  Den  Beweis  für  die  Zusammen- 
gehörigkeit dieser  Stoffe  mit  demRegensburger Altarbehang  schliegteintechnisch 
völlig  gleichartiges  Gewebe  der  Kreuzkirche  in  Rostock  [Abb.  232].  Es  zeigt  Fi- 
guren mit  lateinischen  Inschriften,  Nicholaus  und  die  Mater  dei,  ganz  gleichen  Stils 
wie  die  Figuren  des  Altarbehangs,  aber  regelmäßig  wiederkehrend  wie  die  Muster 
der  übrigen  Stoffe.  D 

Von  diesem  fruchtbaren  Regensburger  Webereibetrieb  abgesehen,  ist  über 
abendländische  Ableger  der  griechisch-sarazenischen  Seidenweberei  aus  dieser 
Zeit  Sicheres  noch  nicht  bekannt.  D 

4.  HOLZ  UND  EISEN.  D 

Die  Schriftquellen  und  Bildwerke  romanischer  Zeit  gewähren  keine  ausrei- 
chende Vorstellung  der  Wohnräume  und  ihrer  Ausstattung.  Die  Malerei  hatte 
weder  das  Können  noch  die  Absicht,  getreue  Bilder  von  solchen  zu  liefern.  Eine 
sichere  Grundlage  bilden  nur  die  erhaltenen  Reste  des  Hausrats;  bei  ihrer  Spärlich- 
keit aber  sind  die  Aufschlüsse  lückenhaft.  D 

Die  am  weitesten  verbreitete  Gattung  romanischer  Möbel  aus  Rundpfosten 
ist  bereits  besprochen  [vgl.  Seite  256].  Sie  bot  der  Schnitzerei  keinen  Raum.  An- 
dere Denkmäler  zeigen  aber  zur  Genüge,  dali  die  HOLZSCHNITZEREI  genau  so 
gut  geübt  wurde,  wie  die  in  Elfenbein.  Im  Dienste  der  Kirche  löste  sie  bereits  mo- 
numentale Aufgaben,  wie  die  Tore  von  Maria  im  Kapitol  zu  Köln  und  am  Dom  von 
Spalato.  Das  letztere,  von  Andrea  Guvina  1214  vollendet,  ist  die  höchste  Leistung 

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Abb.  232; 

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Regensburger  Halbseidenstoff  in  Rostock, 
13.  Jahrhundert  □ 


der  romanischen  Holzplastik.  Die  mehr 
als  5  m  hohen  Türflügel  enthalten  28  Bil- 
der aus  dem  Leben  Christi  in  doppelter 
Umrahmung  aus  Bandgeflecht  und  wun- 
dervoll reichem  Rankenwerk.  Es  scheint 
nicht,  dag  eine  so  kräftige  Reliefschnit- 
zerei auch  den  Möbeln  zuteil  wurde.  Das 
beste  Bild  geschnitzter  Möbel  gibt  eine 
Gattung  norwegischer  Stühle  und  Bänke 
I  zumeist  in  den  Museen  von  Christiania, 
einzelne  Stücke  in  Kopenhagen  und  in 
der  Sammlung  Figdor,  Wien],  welche 
frühmittelalterliche  Formen  und  Ver- 
zierung bis  in  die  Zeit  der  Gotik  und  da- 
rüber hinaus  festgehalten  haben  [siehe 
Tafel].  D 

Die  vierkantigen  Eckpfosten  sind 
durch  Bretter  verbunden,  die  unter  dem 
Sitz  teils  geschlossene  Truhen  |  siehe 
Tafel]  bilden,  teils  in  Rundbogen  oder 
Dockenform  ausgeschnitten  sind.  Von 
derRücklehne,  die  zuweilen  seitlich  in  Tierköpfe  ausläuft,  ziehen  sich  geschweifte 
Bretter  nach  den  Vorderpfosten  herab.  Tier-  und  Bandverschlingungen,  roma- 
nische Ranken  und  Bilder  aus  der  germanischen  Heldensage  bedecken  alle  Brett- 
flächen in  ganz  flach  gehaltener  Schnitzerei.  Auch  auf  den  norwegischen  Kirchtür- 
umrahmungen [ein  ausgezeichnetes  Beispiel  ist  nach  Wang  in  Schlesien  verpflanzt 
worden]  geht  die  Schnitzerei  trotz  des  größeren  Maf^stabes  nicht  wesentlich  stär- 
ker ins  Relief.  Diese  Stühle  gewinnen  eine  erhöhte  Bedeutung  durch  den  Nachweis, 
dag  dieselben  Formen  mit  ähnlichen  Verzierungen  auch  außerhalb  der  nordischen 
Kunst  im  12.  Jahrhundert  gebräuchlich  waren.  Es  genügt,  zwei  Beispiele  aus  dem 
am  weitesten  entfernten  italienischen  Kunstbereich  anzuführen:  am  Hauptportal 
der  Markuskirche  in  Venedig  ist  auf  dem  Marmorbogen  mit  den  Monatsbildernein 
ganz  mit  Flachschnitzerei  bedeckter  Stuhl  der  nordischen  Form  in  allen  Einzel- 
heiten genau  dargestellt,  und  einfachere 
Wiederholungen,  mit  dem  geschlossenen 
und  dem  durchbrochenen  Unterteil,  sind 
auf  der  Domtür  in  Spalato  zu  sehen.  D 
Die  flache  Behandlung  der  Schnit- 
zerei findet  sich  in  Deutschland  bei  den 
romanischen  Bandrankon  des  Chorstuhls 
und  des  Holzschreines  in  Lokkum[1244] 
und  ferner  an  einer  Reihe  kleiner  Holz- 
kästchen in  Köln  [Kunstgewerbemuseum, 
Abb.  233],  Zürich  [Landesmuseum  |,  Wien 

301 


Abb 

a 


Holzkästchen,  um  1200,  Kunstgewerbe- 
museum Köln  D 


[Sammlungen  Figdor  und  Graf 
Wilczek],  Brescia  [Museo  cristi- 
ano]  und  im  Münsterschatz  von 
Essen.  Sie  gehörten  zum  welt- 
lichen Hausrat;  auf  einem  der 
Kölner  Kästchen  sind  tanzende 
Frauen  in  Ranken,  in  Brescia 
kämpfende  Ritter  dargestellt. 
Der  Essener  Kasten  ist  bemer- 
kenswert, weil  die  geschnitzten 
Felder  mit  einem  Furnier  aus 
Holzmosaik  umgeben  sind,  ein 
Beweis,  dag  der  romanischen 
Holzarbeit  für  zierliche  Aufgaben 
schon  eine  ausgebildete  Technik 
zu  Gebote  stand.  Diese  Kästchen 
waren  ursprünglich  auf  Kreide- 
grund bemalt  und  vergoldet,  und 
es  ist  wahrscheinlich,  dag  eine 
ähnliche  Farbigkeit  nicht  nur  bei 
vielen  romanischen  Kastenmö- 
beln, sondern  auch,  wie  aus  Buch- 
malereien zu  ersehen  ist,  bei  Sitz- 
möbeln üblich  war.  Ein  berühmtes 
Beispiel  dafür  ist  der  Faltstuhl  im 
Salzburger  Stift  Nonnberg,  der 
trotz  gotischer  Überarbeitung  in 
dem  roten  Holzwerk,  den  Elfen- 
beinknäufen und  vergoldeten 
Bronzefügen  die  romanische  Wir- 
kung doch  bewahrt  hat.  Seine 
Form  ist  noch  älterer  Abstam- 
mung;  auf  zahllosen  Buchmale- 

Abb.  234:   Tür  mit  Eisenbeschlag,  Lüttich.  13.  Jahrhundert    reicn  Und  Siegeln  ist  der  Faltstuhl 

mit  Löwenköpfen  von  der  Karolingerzeit  an  als  Ehrensitz  zu  sehen.  D 

In  der  Neigung  zur  Bemalung  der  Möbel  liegt  wohl  eine  Erklärung  für  die 
merkwürdige  Erscheinung,  dag  die  Schnitzerei  den  romanischen  Schrankmöbeln 
so  wenig  zugute  kam.  Das  hängt  auch  wesentlich  mit  dem  damaligen  Stand  der 
Schreinerei  zusammen.  Die  Truhen  und  Schränke  waren  nicht  aus  Rahmen  und 
Füllung  aufgebaut,  auch  an  den  Kanten  in  der  Regel  nicht  in  Falz  oder  Gehrung 
verbunden,  sondern  aus  starken  Brettern  stumpf  gefügt.  Ein  so  unbeholfenes 
Schreinerwerk  bedurfte  zur  Sicherung  eiserner  Beschläge,  die  in  langgestreckten 
oder  verästelten  Bändern  über  die  Flächen  sich  hinzogen  und  die  Schnitzerei  nicht 
aufkommen  liegen  [siehe  Tafel].  □ 


302 


Die  romanische  SCHMIEDE- 
KUNST verstand  aus  der  Not  eine 
Tugend  zu  machen  und  denEisen- 
beschlag  so  reich  und  kunstvoll 
zu  gestalten,  wie  es  keiner  Folge- 
zeit wieder  geglückt  ist.  D 

Die  frühe  Entwicklung  des 
Schmiedeisens  lägt  sich,  von  den 
Waffen  abgesehen,  an  zahlrei- 
chen Kirchentüren  Deutschlands, 
Frankreichs  und  Englands  verfol- 
gen. Vor  der  um  1200 anhebenden 
Blüte  war  die  Vielgestaltigkeit 
der  Beschläge  groß,  aber  die 
Kunst  eines  einheitlich  klaren 
Entwurfes  gering.  Die  Grundlage 
bilden  wagrechte,  an  beiden  En- 
den gespaltene  und  ausgeschweif- 
te Schienen,  welche  die  senkrecht 
aneinander  gefügten  Bohlen  der 
Türen  zusammenhalten.  Die  Zwi- 
schenräume füllen  als  Zierrat  und 
weitere  SicherungBeschläge  aller 
Art,  Hufeisen,  Kreuze,  Rauten, 
Kreise,  die  eines  festen  Zusam- 
menhanges in  der  Frühzeit  meist 
ermangeln  [Beispiele  in  Sindel- 
fingen, Angers].  WoeinurwÜchsi-    Abb.  235:  Bauernschrank,  14.  Jahrb.,  Schloß  Kreuzenstein 

ger  Volksgeschmack  zu  Worte  kam,  sind  sie  als  Tiere  [Beiersdorf,  Eisdorf,  beson- 
ders häufig  in  Skandinavien]  oder  als  Flechtwerk  [Hormead  in  England]  gestaltet. 
Zahlreich  sind  dieTüren,  bei  welchen  die  wagrechten  Bänder  beiderseits  von 
sichelförmigen  Beschlägen  mit  verzweigten  Enden  eingeklammert  werden.  Diese 
Form  ist  in  Frankreich  [Pontigny,  Vezelay,  Chablis]  im  12.  Jahrhundert  ausgebildet 
und  von  den  Cisterciensern  nach  Deutschland  [Maulbronn,  Eberbach,  Mittelheim, 
Alpirsbach  u.  a.  0.]  und  nach  England  |Eastwood|  übertragen  worden.  D 

Der  grol3e  Fortschritt  zu  einer  einheitlichen  Kunstform  vollzog  sich  in  FRANK- 
REICH während  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts.  Die  Querbänder,  von  nun 
an  zugleich  die  tragenden  Angelbänder  der  Türen,  werden  als  Ranken  gebildet, 
deren  seitliche  Abzweigungen  in  Schneckenwindungen  sich  ausbreiten.  Eine  kräf- 
tige Modellierung  steigerte  den  Eindruck  lebendigen  Wachstums.  Das  bildsame 
Rankenmotiv  ist  so  übersichtlich,  dali  es  auch  an  den  unübertrefflich  reichen  Wun- 
derwerken spätromanischer  Schmiedekunst,  den  Beschlägen  der  zwei  Nebentore 
von  NotreDamcin  Paris,  trotz  der  hundertfältigen  Verästelung  und  der  eingefloch- 
tenen Tiere  klar  hervortritt.  Einfachere  Beschläge  derselben  Richtung,  zum  Teil 

303 


Abb.  236:  Marienfigur  aus  Tirol, 
D    13.  Jahrhundert,  Nürnberg.  O 


schon  gotisierend,  besitzen  Sens,  Noyon,  Ronen.  Eng- 
land ging  wie  in  der  Glasmalerei  auch  in  der  Schmiede- 
kunst  dieser  Zeit  mit  Frankreich  Hand  in  Hand ;  der  Tür- 
beschlag des  Schmiedes  Thomas  in  Leighton-Buzzard 
steht  den  Pariser  Vorbildern  nahe  und  ebenso  ein  1294 
vollendetes  Gitter  desselben  Meisters  über  einem  Grabe 
der  Westminster  Abtei.  Andere  englische  Beschläge, 
wenn  auch  selbständiger  im  Entwurf,  behalten  doch  das 
Grundmotiv  der  romanischen  Ranke  bei  [Durham,  Nor- 
wich,  Colchester,  Radford].  Die  größte  Verwandtschaft 
mit  den  Pariser  Beschlägen  hat  eine  Tür  in  Lüttich  [Abb. 
234 1,  die  unter  dem  Eisen  noch  den  ursprünglichen  Tier- 
hautbezug des  Holzes  erhalten  hat.  In  Deutschland  ver- 
tritt die  französische  Richtung  nur  eine  Tür  im  Dom  zu 
Braunschweig.  D 

Die  besten  Möbel  mit  romanischem  Eisenbeschlag 
gehören  zur  Pariser  Schule.  Es  sind  dies  eine  Truhe  aus 
S.Denis  [Carnavaletmuseum]  und  zwei  etwas  einfachere 
im  South  Kensington  Museum  und  im  Kunstgewerbe- 
museum zu  Paris  [vgl.  Tafel |.  Auf  einer  vierten  Truhe  in  Noyon  sind  die  Eisen- 
ranken magerer,  straffer  und  mehr  zur  Gotik  neigend  behandelt.  Die  Heimat  sol- 
cher Möbel  war  nicht  auf  Frankreich  begrenzt.  Ihre  Art  lebt  nach  in  deutschen 
Bauernmöbeln  der  Kölner  undDürenerGegend  [zumeist  imKölner  Kunstgewerbe- 
museum] aus  dem  14.  und  15.  Jahrhundert,  deren  Eisenbeschlag  nur  durch  ro- 
manische Vorläufer  zu  erklären  ist  [siehe Tafel].  Die  im  ländlichen  Betrieb  bis  auf 
die  Grundlinien  vereinfachten  Bänder  greifen  wie  bei  den  Pariser  Truhen  des  13. 
Jahrhunderts  von  den  Seiten  und  von  unten  her  über  die  Schauseite.  Diese  Gat- 
tung hat  uns  auch  die  Gestalt  eines  romanischen  Schrankes  mit  Satteldach  sehr 
getreu  übermittelt  [Schlof;  Kreuzenstein,  Abb.  235 1.  Der  primitive  Bau  aus  stumpf 
gefügten  Bohlen  ist  hier  deutlich  zu  sehen.  Die  kreisrunden  Ohren  des  Schrankes 
sind  ein  Schmuck,  der  auch  an  nordischenMöbeln  frühmittelalterlichen  Stils  [Bett- 
stellen in  Lyngby  und  Christiania]  mehrfach  vorkommt.  D 
Bildliche  Darstellungen  romanischer  Möbel  zeigen  als  die  häufigste  Verzierung 
Rundbogenreihen,  teils  gemalt,  teils  als  Blendarkaden  aufgelegt.  Für  die  plastische 
Ausführung  sind  mehrere  Belagstücke  des  13.  Jahrhunderts  erhalten:  Truhen  im 
Museum  von  Sitten,  ein  Sakristeischrank  in  Obazine,  ein  anderer  im  Museum  von 
Bergen.  Die  Übertragung  der  Rundbogen  auf  die  Sitzmöbel  aus  gedrehten  Rund- 
hölzern veranschaulicht  der  Stuhl  einer  Tiroler  Marienfigur  des  13.  Jahrhunderts 
im  Germanischen  Museum  |  Abb.  236 1.  Von  bemalten  Schränken  des  12.  Jahrhunderts 
ist  nur  ein  wohlerhaltenes  Beispiel  im  Halberstädter  Dom  bekannt,  mit  Heiligen- 
bildern auch  auf  der  Innenseite  der  Türflügel.  Die  Türöffnung  ist  oben  rundbogig 
ausgeschnitten;  daneben  sind  unter  dem  graden  Gesims  Dreipässe  eingestochen 
und  in  Kreisen  ein  gedrehter  und  ein  sechsstrahliger  Stern,  die  alten  Motive  aus 
der  Zeit  der  Völkerwanderung.                                                            Otto  v.  Falke 

304 


FRANZOSISCHE  TRUHE  MIT  EISENBESCHLAG, 
13.   JAHRH.,   KUNSTGEWERBEMUSEUM,    PARIS 


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RHEINISCHE  BAUERNTRUHE,  15.  JAHRH., 
IM  KUNSTGEWERBEMUSEUM  ZU  KÖLN 


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KAPITEL  X  •  DAS  FRÜHGOTISCHE  KUNSTGE- 
WERBE IM  13.  UND  14.  JAHRHUNDERT  D 

Den  französischen  Kunststil,  der  im  14.  Jahrhundert  der  alleinherrschende  Stil 
des  ganzen  Abendlandes  geworden  war,  haben  die  ihrer  klassischen  Vergangen- 
heit sich  wieder  bewußt  gewordenen  Italiener  der  Renaissance  den  gotischen  ge- 
nannt, weil  er,  der  Gegensatz  der  Antike,  ihnen  als  eine  fremde  Schöpfung  nörd- 
licher Barbaren  erschien.  Das  19.  Jahrhundert  hat  das  Schmähwort  zu  Ehren  ge- 
bracht und  behalten,  auch  nachdem  die  französische  Abkunft  der  Gotik  klargestellt 
war.  Denn  in  dem  germanischen  Klang  des  Namens  liegt  immerhin  ein  richtiger 
Gedanke.  Die  Gotik  ist  zwar  nicht  im  Gegensatz  zur  romanischen  Kunst,  sondern 
in  schrittweiser  Neubildung  aus  dieser  entstanden,  Sie  hat  aber  die  antikisierenden 
Überbleibsel  mehr  und  mehr  abgestreift,  bis  sie  schließlich  die  erste  selbständige, 
der  Antike  entgegengesetzte  und  doch  ebenbürtige  Kunstform  der  germanischen 
Völker  des  Abendlandes  geworden  war.  D 

In  der  Ausgestaltung  der  neuen  Formensprache  hatte  die  Baukunst  so  ent- 
schieden die  Führerschaft  übernommen,  daß  das  Kunstgewerbe  viel  stärker  als 
vorher  in  Abhängigkeit  von  ihr  geriet.  Von  ihren  wesentlichsten  Errungenschaften 
konnte  das  Kunsthandwerk  seinen  Aufgaben  gemäß  allerdings  nur  mittelbar 
Nutzen  ziehen.  Es  übernahm  den  ganzen  Vorrat  an  Zierformen  des  Steinmetzen, 
von  den  Profilen  und  Spitzbogen  bis  zum  Maßwerk,  den  Fialen  und  Baldachinen. 
Alle  diese  Formen  aber,  die  das  Aussehen  der  gewerblichen  Erzeugnisse  gründ- 
lich veränderten,  verloren  als  Zierrat  ein  gut  Teil  jener  zweckmäßigen  Bedeutung 
und  Notwendigkeit,  die  ihnen  am  Steinbau  innewohnte.  Der  folgerichtige  Geist 
der  gotischen  Baukunst  war  aber  so  zwingend,  daß  er  auch  im  Kunstgewerbe 
durch  straffere  Bildung  der  Geräte  und  aufrichtige,  klare  Tektonik  zum  Ausdruck 
kam.  D 

Eine  andere  Neuschöpfung,  das  naturähnliche  Pflanzenornament,  konnten  die 
gewerblichen  Künste  ohne  jede  Abschwächung  aus  der  Baukunst  übernehmen  und 
mit  eigener  Erfindung  bereichern.  Die  Meister  der  Frühgotik  hatten  in  selbstän- 
diger Betätigung  des  schon  im  spätromanischen  Rankenwerk  sich  ankündenden 
Natursinnes  aus  der  heimischen  Pflanzenwelt  ihre  Vorbilder  geholt  und  Weinranke 
und  Efeu,  Eichenlaub  und  Ahorn,  Hopfen  und  Heckenrose  mit  sicherer  Stilisierungs- 
gabe in  neue  Kunstformen  umgewandelt  [vgl.  Abb.  254,  255,  256J.  Damit  war  der 
dauerhafteste  Überrest  der  Antike,  die  romanische  Ranke  mit  ihren  vom  Akanthus 
und  der  Palmette  abgeleiteten  Blattformen  beseitigt.  In  vollem  Maß  nahm  das 
Kunsthandwerk  an  der  außerordentlichen  Steigerung  des  zeichnerischen  und 
plastischen  Könnens  teil,  die  namentlich  in  den  figürlichen  Darstellungen  sich  gel- 
tend machte.  D 

Von  1250  bis  nach  1500  bleibt  das  Kunstgewerbe  in  den  Ländern  diesseits  der 
Alpen  gotisch.  Diese  zweieinhalb  Jahrhunderte  waren  keine  Zeit  des  Stillstands. 
Je  länger  die  neue  Kunst  außerhalb  ihres  Ursprungslands  heimisch  wurde,  desto 
deutlicher  treten  nationale  Abzweigungen  von  der  anfänglich  alloinherrschenden 
französischen  Richtung  hervor.  Einen  starken  Antrieb  zur  Fortbildung  empfing 
20  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  2Q5 


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O  Abb.  237:  Reliquiar  in  Jaucourt  □ 

das  Handwerk  ferner  aus  der  Erweiterung  seines  Arbeitgebiets:  die  weltlichen 
Ansprüche  waren  beständig  im  Wachsen  und  im  15.  Jahrhundert  hielten  sie  den 
kirchlichen  Aufgaben  zum  mindesten  die  Wage.  D 

Für  unser  Gebiet  genügt  es,  den  ganzen  Zeitraum  in  einen  frühgotischen  und 
einen  spätgotischen  Abschnitt  zu  gliedern,  deren  Scheidepunkt  ungefähr  mit  der 
Wende  des  14.  Jahrhunderts  zusammenfällt.  Wenn  es  angängig  wäre,  das  Wesen 
eines  Stils  in  ein  Schlagwort  zusammenzufassen,  so  könnte  man  die  Frühgotik  als 
eine  idealistisch-aristokratische  Kunst,  die  Spätgotik  als  eine  realistisch-bürger- 
liche bezeichnen.  Aber  dieser  Unterschied  ist  nur  in  dem  Teil  der  gewerblichen 
Erzeugnisse  augenfällig  ausgeprägt,  der  figürliche  Darstellungen  enthält.  D 

Das  Ziel  der  Frühgotik  in  der  Wiedergabe  der  menschlichen  Gestalt  ist  ein 
Schönheitsideal,  als  dessen  äufierliche  Merkmale  man  die  geschwungene  Haltung, 
den  anmutigen,  auch  lächelnden  Ausdruck,  die  stark  gewellten  Ringellocken  und 
die  anfänglich  grogzügig  einfache,  späterhin  gehäufte,  aber  noch  immer  fließend 
bewegte  Gewandung  anführen  kann.  Die  Spätgotik  dagegen  strebt,  nach  dem 
Vorgang  der  Malerei,  in  Ausdruck,  Bewegung  und  Gewandung  nach  der  Wirklich- 
keit. Beide  Richtungen  sind  der  Gefahr,  in  Übertreibung  und  Manier  zu  verfallen, 
nicht  entgangen.  D 

1.  DIE  GOLDSCHMIEDEKUNST  D 

Im  13.  Jahrhundert  wechselt  nicht  nur  die  Formensprache,  sondern  auch  der 
Werkstoff  der  Goldschmiedekunst.  Das  Kupfer,  welches  die  romanische  Kunst 
für  die  vornehmsten  Arbeiten  gelten  lielj»,  wird  bei  wachsendem  Aufwand  vom 

308 


D  Abb.  238:  Karlsreliquiar  in  Bologna 

Silber  verdrängt.  Wir  werden  später  sehen,  wie  dadurch  auch  das  Schmelzwerk 
verändert  und  in  seiner  Verwendbarkeit  eingeschränkt  wird.  Die  Goldschmiede 
bedurften  auch  des  Farbenschmuckes  weniger,  seit  sie  begonnen  hatten,  mit  der 
Baukunst  und  der  Plastik  zu  wetteifern  und  deren  Formenreichtum  zu  verwerten. 

FRANKREICH  hat  naturgemäß  die  ersten  Goldschmiedwerke  in  ausgesprochen 
gotischen  Formen  hervorgebracht.  Der  Umschlag  vollzog  sich  ziemlich  genau  um 
die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts.  Beweis  dessen  der  zwischen  1240  und  1255  ge- 
arbeitete Taurinusschrein  in  Evreux.  Seine  Grundform  gleicht  noch  den  spät- 
romanischen, mit  einem  Querschiff  versehenen  Schreinen  der  Aachener  Schule; 
die  Ausstattung  aber  macht  aus  dem  Schrein  einen  gotischenKirchenbau  in  Silber. 
Den  Wänden  sind  Spitzbogennischen  mit  Figuren  vorgelegt,  dazwischen  erheben 
sich  auf  Mauerpfeilern  acht  schlanke  Türme;  ein  Dachreiter  überragt  das  ganze. 
Wie  die  Bauformen  sich  auch  der  kleineren  Geräte  bemächtigen,  zeigt  dasPetrus- 
reliquiar  in  Reims;  ein  durchbrochenes  Dach,  von  vier  Säulenbündeln  getragen, 
birgt  das  wagrechte  Kristallgehäuse  der  Reliquie.  Darunter  steht  frei  vor  einem 
kleinen  Schrein  die  Figur  des  Heiligen.  D 

Mit  entschiedener  Vorliebe  und  großem  Erfolg  wandten  die  Goldschmiede  sich 
der  selbständigen  Plastik  in  Silber  zu,  mitgerissen  und  befruchtet  von  dem  unver- 
gleichlichen Aufschwung  der  monumentalen  Bildhauerei  in  Frankreich.  Ihre  ro- 
manischen Vorgänger  waren  über  getriebene  Silberreliefs  zur  Ausstattung  der 
Schreine  und  sonstigen  Geräte  nur  selten  hinausgegangen.  Vom  14.  Jahrhundert 
an  aber  mehren  sich  die  Marien-  und  Heiligenfiguren  in  Guß  und  Treibarbeit,  teils 

20*  307 


Andachtsbilder,  teils  Reliquiare,  teils  Altarschmuck,  ganz  außerordentlich,  nicht 
nur  in  Frankreich,  sondern  auch  in  Flandern  und  Deutschland.  Die  Überlegenheit 
Frankreichs  entfaltete  sich  glänzend  grade  auf  diesem  Gebiet.  Das  silberne  Ma- 
rienbild des  Louvre,  das  die  Königin  Jeanne  d'Evreux,  die  Witwe  Karls  IV.  1339 
nach  S.  Denis  geschenkt  hatte,  zählt  zu  den  ersten  Meisterwerken  der  Plastik  und 
eine  solcheHöhe  desKönnens  war  nicht  auf  Paris  oderNordfrankreichbeschränkt. 
Gleichwertig  stehtder  Madonna  von  S.Denis  die  thronende  Muttergottes  inRonce- 
vaux  zur  Seite,  die  zu  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  inToulouse  geschaffen  wurde. 
Der  große  Maßstab  dieser  Gruppe  [90  cm  Höhe]  bewog  den  Meister,  sich  eines 
sonst  veralteten  Verfahrens  zu  bedienen  und  die  silbernen  Teile  auf  einem  Holz- 
kern zu  befestigen.  D 

Bald  führte  das  plastische  Vermögen  der  Goldschmiede  zu  einer  freieren  Ge- 
staltung der  Reliquiare,  für  die  bis  ins  12.  Jahrhundert  die  einfache  Kastenform 
den  Ansprüchen  zumeist  genügt  hatte.  Schon  die  Meister  der  Übergangszeit,  wie 
Hugo  von  Gignies,  hatten  sich  um  einen  größeren  Formenreichtum  bemüht;  die 
Frühgotik  erfand  fürdiesenZweckdiefigürlicheGruppenbildung.  Ein  griechisches 
Kreuzreliquiar  der  Kirche  von  Jaucourt  wurde  im  14.  Jahrhundert  in  der  Weise 
gefaßt,  daß  zwei  auf  einer  ebenen  Fußplatte  knieende  Engel  die  Reliquie  empor- 
halten [Abb.  237].  Diese  glückliche  Lösung  ist  oft  und  mannigfaltig  in  Frankreich 
und  Flandern  ausgeführt  worden,  wobei  ein  kristallenes  Gehäuse  bald  wagrecht 
[Aldegundreliquiar  in  Maubeuge],  bald  senkrecht  als  gotischer  Turm  [Eligiusreli- 
quiar  der  Waudrukirche  in  Mons;  Frauenkirche  in  Tongern]  eingefügt  wurde. 
Auch  Italien  hat  sich  das  Motiv  zu  eigen  gemacht  und  imKarlsreliquiar  zuBologna 
[Abb.  238]  eins  der  einfachsten  und  edelsten  Beispiele  geschaffen.  Auch  solche 
Geräte,  die  nach  Zweck  und  Form  für  die  freie  Bildnerei  weniger  geeignet  waren, 
verfielen  doch  ihrem  Einfluß:  so  trägt  ein  silberner  Bucheinband  von  1379,  den 
König  Karl  V.  der  SainteChapelle  schenkte  [in  der  Nat.  Bibliothek  Paris],  vorn  die 
Kreuzigungsgruppe  in  runder  Bildung.  Dieser  Geschmacksrichtung  entspricht  die 
wachsende  Vorliebe  für  die  Kopfreliquiare,  die  dem  Goldschmied  Gelegenheit 
boten,  seine  Bildnerkunst  in  großem  Maßstab  zu  erproben.  Den  französischen 
Werken  dieser  Art,  in  Tours  [Adrianskopf  um  1300],  in  Nexon  [Kopf  des  heiligen 
Ferreol,  ausgeführt  1346  von  Aimery  Chretien  in  Limoges],  in  Soudeilles,  in  Tau- 
riac  ist  als  ein  Hauptstück  das  Brustbild  des  heiligen  Januarius  in  Neapel  zuzu- 
rechnen, das  französische  Meister  1305  für  Karl  II.  von  Anjou  gefertigt  hatten.    D 

Die  weltlichen  Arbeiten  französicher  Goldschmiede  des  14.  Jahrhunderts  sind 
bis  auf  wenige  Stücke  ganz  verschwunden.  Und  doch  war  der  Aufwand,  nament- 
lich des  Hofes,  ungeheuer.  Die  Schatzverzeichnisse  dieser  Zeit  geben  noch  eine 
Vorstellung  der  zahllosen  Kostbarkeiten,  die  König  Karl  V.  [1364  bis  1380]  und 
seine  Brüder  von  Berry,  Burgund  und  Anjou  angehäuft  hatten.  Neben  Kirchen- 
geräten und  goldenen  Heiligenfiguren  erscheinen  Becher,  Schalen  und  Kannen, 
Flaschen,  Becken  und  jene  als  Schiffe  gestaltenen  Tafelstücke,  von  denen  erst  das 
15.  Jahrhundert  uns  in  den  Domschätzen  von  Reims,  Saragossa,  Toledo  Beispiele 
hinterlassen  hat.  Diese  Schätze  hatten  zunächst  den  Zweck,  den  Besitz  an  Edel- 
metall und  Kleinodien  in  einer  übersichtlichen  und  zur  Schaustellung  geeigneten 

308 


Form  festzulegen,  bis  in  schlech- 
ten Zeiten  der  Schmelztiegel  seine 
Opfer  forderte.  Dag  die  Kunst  da- 
bei nicht  zu  kurz  kam.  zeigt  die 
goldene  Deckelschale  mit  der 
emaillierten  Legende  der  heili- 
gen Agnes  imBritischenMuseum, 
die  der  Herzog  von  Berry  1391 
Karl  VI.  geschenkt  hatte  und  auch 
das  dem  vielgenannten  Hofgold- 
schmied Hennequin  de  Vivier  zu- 
geschriebene Zepter  dieses  Kö- 
nigs im  Louvre,  auf  dessen  Gold- 
knauf eine  treffliche  Statuette 
Karls  des  Grogen  thront.  D 

Die  Goldschmiedekunst  WEST- 
FLANDERNS behielt  ihre  enge 
Fühlung  mit  Frankreich.  Ihre  Be- 
kehrung zur  Gotik  erfolgte  dem- 
gemäß gleichzeitig  wie  dort  um 
1250.  Dasselbe  Namurer  Gebiet, 
in    dem  Hugo  von  Oignies   den 

Übergangsstil  gepflegt  hatte, 
brachte  das  erste  und  zugleich 
vollendetste  Werk  der  Frühgotik 
hervor.  Es  ist  der  silberne  Flügel- 
altar der  Abtei  Floreffe  von  1254 
[im  Louvre],  dessen  mittlere  von 
zwei  Türmen  überragte  Spitz- 
bogennische ein  von  zwei  Engeln 
emporgehaltenes  Reliquienkreuz 
umschließt  [Abb.  239].  Die  Flügel 
tragen  innen  unter  Baldachinen 
freistehende  Figuren,  außen  in  ü 
flach  modellierender  Gravierung  die  Kreuzigung  und  Verkündigung.  Alle  Mittel 
des  neuen  Stils  sind  hier  zu  bestem  Erfolg  vereinigt:  die  Bauformen,  die  Plastik 
und  vor  allem  das  frühgotische  Pflanzenornament  aus  Eichen-  und  Ahornlaub, 
Efeuzweigen,  teils  graviert,  teils  nieliiert,  teils  gegossen  und  frei  aufgelegt.  Aus 
derselben  Werkstatt  sind  noch  drei  sehr  bedeutende  Arbeiten  erhalten:  ein  sil- 
bernes Doppelkreuz  von  132  cm  Höhe,  mit  Lilienendungen,  auf  turmförmigem 
Unterbau;  eine  mit  Reliquien,  Edelsteinen  und  Engeln  besetzte  Krone  und  schließ- 
lich der  monstranzförmige  Unterbau  eines  etwas  jüngeren  Kreuzes,  das  ein  Stück 
der  Dornenkrone  birgt.  Diesen  Dorn  hatte  Ludwig  der  Heilige  1267  den  Domini- 
kanern von  Lüttich  geschenkt  und  daraus  entstand  die  Überlieferung,  daß  auch 


Abb  239:  Mittelstück  des  Flügelaltars  aus  Floreffe  im  Louvre. 
Um  1254  O 


309 


die  drei  aus  dem  Lütticher  Do- 
minikanerkloster in  den  Besitz 
des  sächsischen  Königshauses 
übergegangenen  Silberarbeiten 
von  dem  französischen  König 
[gestorben  1271]  herrührten.  Das 
ist  nicht  erweislich,  wenn  auch 
zeitlich  nicht  unmöglich;  denn 
das  Pflanzenornament,  die  Bau- 
formen und  viele  Einzelheiten 
stellen  die  Zusammengehörig- 
keit mit  demFlügelaltärchenvon 
Floreffe  auger  Frage.  D 

Es  folgt  als  das  umfangreichste 
Werk  der  flandrischen  Frühgotik 
der  186  cm  lange  Silberschrein 
der  heiligen  Gertrud  in  Nivelles, 
den  Nicolas  von  Douai  und  Ja- 
quemon  von  Nivelles  nach  einer 
Zeichnung  des  Goldschmiedsund 
Mönchs  Jaquemon  von  Anchin 
1272  begannen  und  gegen  1298 
vollendeten  [siehe  Tafel].  Hier 
ist  der  Anschlug  an  die  Baukunst 
in  den  Portalbildungen,  Rosen- 
fenstern  und   Türmen    auf   die 

D    Abb.  240:  Kopfreliquiar  Karls  des  Großen  m  Aachen     D   SpitzC    getrieben,    Zugleich    aber 

in  den  Figuren,  die  ringsum  die  Nischen  füllen,  die  ganze  Anmut  der  französischen 
Silber-  und  Elfenbeinskulpturen  erreicht.  D 

Die  Arbeiten  des  vierzehnten  Jahrhunderts  haben  sich  nicht  auf  gleicher 
Höhe  gehalten,  namentlich  nicht  in  den  östlichen  Niederlanden,  wo  die  Be- 
ziehungen zu  Deutschland  wirksamer  waren,  als  die  zu  Frankreich.  Die  Nei- 
gung zu  plastischen  Arbeiten  kommt  auch  hier  in  Kopfreliquiaren  [Maastricht 
und  Tongern]  und  in  einer  Reihe  von  zwölf  silbernen  Heiligenfiguren  der  Lieb- 
frauenkirche von  Tongern  zum  Ausdruck,  die  durch  ihre  gedrungene  Formen 
sehr  merklich  vom  französischen  Geschmack  sich  entfernen.  In  den  Kirchen- 
schätzen von  Maastricht,  Löwen,  Lüttich,  Hasselt,  Herenthal,  Tongern.  Nivelles 
und  Tournai  ist  eine  in  die  Spätgotik  hineinreichende  Gattung  von  Reliquiaren 
zahlreich  vertreten,  bei  welchen  ein  auf  Kelchfug  und  schlankem  Schaft  wagrecht 
ruhendes  Kristallgehäus  von  leichten,  durchsichtigen  Turmbauten  eingefaßt  und 
überragt  wird.  Es  ist  eine  Vorstufe  und  Nebenform  der  Turmmonstranz,  die 
im  vierzehnten  Jahrhundert  entstand  und  während  der  Spätgotik  das  häufigste 
Erzeugnis  der  kirchlichen  Goldschmiedekunst  Deutschlands  und  der  Nieder- 
lande wurde.  D 


310 


I 


^ 


STIRNSEITE  DES  GERTRUDEN- 
SCHREINS IN  NIVELLES,  UM  1280 


Abb.  241:  Mantelschließe  im  Aachener  Münster- 
D  schätze  D 


.    In   DEUTSCHLAND    hat    die    Gold- 
schmiedekunst erst  im  letzten  Drittel  des 

13.  Jahrhunderts  den  romanischen  Stil  ver- 
abschiedet. Im  neuen  Fahrwasser  folgt 
sie  zunächst  den  Spuren  Frankreichs,  mit 
dem  Unterschied  jedoch,  dag  sie  die  Fi- 
guren in  der  Regel  kürzer  und  gedrunge- 
ner gestaltet.  Die  Aachener  Arbeiten  des 

14.  Jahrhunderts  im  Münsterschatz  wür- 
den für  sich  allein  schon  ausreichen,  die 
verschiedenen  Strömungen  der  Frühgotik 
mit  Beispielen  zu  belegen.  Die  freie  Sil- 
berplastik ist  durch  eine  Marienfigur  und 
das  Kopfreliquiar  Karls  des  Großen  ver- 
treten [Abb.  240J,  zu  dem  die  Cornelius- 
büste in  Cornelimünster  ein  ebenso  starr 
und  streng  stilisiertes  Gegenstück  [nach 
1355J  bildet.  Ein  gutes  Beispiel  für  die 
Verwendung  runder  Figuren  auf  flachen  Geräten  ist  die  Mantelschliefie  mit  der 
Verkündigung  [Abb.  241].  Um  eine  Armreliquie  des  heiligen  Simeon  zu  bergen, 
hat  der  Meister  der  Karlsbüste  in  freierGruppe  die  Darbringung  Christi  imTempel 
dargestellt  in  der  Art,  dag  das  eigentliche  Gehäuse  einen  mit  Steinen  und  Silber- 
schmelz reich  gezierten ^Altartisch  bildet,  an  dessen  Schmalseiten  Maria  und 
Simeon  mit  dem  Kind  sich  gegenüberstehen.  Die  besten  Leistungen  der  Aachener 
Schule  und  zugleich  die  stattlichsten  Hauptstücke  der  architektonischen  Richtung 
sind  zwei  große  Reliquiengehäuse  [nach  1361]  aus  jenen  schlanken,  leichten 
und  durchsichtigen  Turmbauten,  welche  die  deutschen  und  spanischen  Gold- 
schmiede in  unerreichter  Meisterschaft  zu  immer  neuen  Bildungen  zu  verarbeiten 
verstanden.  Bei  einem  dieser  Kapellenreliquiare  [Abb.  242,  hoch  125  cm]  erhebt 
sich  über  dem  von  Engeln  und  Heiligen  umstellten  durchbrochenen  Schrein  eine 
Halle  mit  den  Standbildern  der  Maria,  der  heiligen  Katharina  und  Karls  des  Großen. 
Die  Türme  des  Gegenstücks  sind  im  einzelnen  noch  reicher,  aber  als  Ganzes  ent- 
behrt der  Aufbau  der  Geschlossenheit.  D 

Den  durchsichtigen  Silberschmelz  haben  die  Aachener  Meister  an  diesen  und 
anderen  Werken  sehr  reichlich  angebracht,  recht  spärlich  aber  das  frühgotische 
Laubwerk,  das  in  der  zweiten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  hier  bereits  wieder  im 
Absterben  war.  Man  kann  dieses  Ornament  in  Deutschland  an  einer  Krone  der 
Münchener  Schatzkammer  und  am  häufigsten  an  frühgotischen  Kelchen  sehen,  wie 
solche  unter  anderen  die  Kirchen  zu  Limburg  an  der  Lahn,  Mainz,  Stahle,  Lippstadt. 
Dresden  [Hofkirche  |.  Braunschweig,  Stift  Admont  [1360 1,  Liesborn  [1366],  Stendal, 
Regensburg  und  das  Kölner  Kunstgewerbemuseum  besitzen.  Die  Mohrzahl  der 
frühgotischen  Kelche  kennzeichnet  noch  ein  runder  Fuß,  dem  bei  reicheren  Stücken 
Scheiben  mit  gravierten,  niellierten  oder  getriebenen  Bildern  aufgelegt  sind,  zwi- 
schen denen  die  naturalistischen  Blätter  Raum  finden.  D 


311 


Der  Patroklusschrein  des  Soester  Meisters  Rigefrid  von  1313  [Kaiser  Friedrich 
Museum]  ist  gleich  dem  Niveller  Schrein,  wenn  auch  weit  einfacher,  streng  und 
sachh'ch  als  Kirche  aufgebaut,  deren  Wänden  Heilige  und  Apostel  als  Standbilder 
auf  Sockeln  vorgestellt  sind.  Diese  etwas  nüchterne  Form  fand  in  Norddeutsch- 
land noch  mehrere  spätgotische  Nachfolger  im  15.  Jahrhundert  [Apollinarisschrein 
von  1446  in  Siegburg,  Reginaschrein  von  1457  in  Rhynern,  Schrein  in  Lippborg, 
je  zwei  Silberkapellen  im  Dom  und  in  der  Johanniskirche  zu  Osnabrück];  auch 
in  Bayern  ist  eine  Silberkapelle  in  Heiligenstadt  zu  erwähnen.  Alleinherrschend 
war  diese  Form  aber  nicht.  D 

Der  Markusschrein  auf  der  Reichenau,  der  älteste  und  beste  unter  den  fünf 
Schreinen  der  Kirche  vonMittelzell,  entbehrt  derBauformen  gänzlich.  SeinDeckel 
ist  wie  bei  anderen  süddeutschen  Reliquiaren  [vgl.  Abb.  220  und  247]  vierseitig  ab- 
geschrägt; die  etwas  weichlich,  aber  im  edelsten  Stil  der  Frühgotik  getriebenen 
Relief  bilder  aus  dem  Leben  Christi  an  den  Seiten  des  Kastens  sind  nur  durch 
flache  Bänder  mit  gestanzten  Eichenzweigen  und  Weinranken  von  einander  ge- 
trennt. Der  Schrein  gilt  als  französische  Arbeit,  weil  auf  den  Ecken  der  Bildfelder 
Grubenschmelzplatten  mit  denPropheten  auf  rotemundblauemGrundaufgestiftet 
sind.  Sie  haben  aber  mit  Limoges  gar  nichts  zu  tun.  Es  ist  vielmehr  erwiesen,  dali 
neben  dem  durchsichtigen  Silberschmelz  grade  solcher  Grubenschmelz  in  Süd- 
deutschland, namentlich  in  Wien,  während  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts 
in  hoher  Vollendung  gearbeitet  wurde.  Da  die  Prophetenbilder  und  die  Silber- 
reliefs des  Markusschreins  stilistisch  mit  den  Glasgemälden  der  Habsburger  in 
Königsfelden,  insbesondere  mit  dem  ältesten  Passionsfenster  daselbst  [um  1315] 
sowie  mit  einigen  Scheiben  im  Freiburger  Münster  zusammengehen,  so  ist  an  der 
Entstehung  des  Schreins  im  oberrheinischen  Kunstgebiet  [Konstanz,  Basel,  Frei- 
burg] nicht  zu  zweifeln.  D 

Die  Goldschmiedekunst  des  Oberrheins,  befruchtet  durch  die  Dombauten  zu 
Freiburg  und  Strasburg,  hat  sich  die  Gotik  sehr  frühzeitig  und  vollkommen  an- 
geeignet. Man  kann  als  ein  ausgezeichnetes  Beweisstück  dessen  die  Kugtafel 
in  S.  Paul  [siehe  Tafel]  anführen,  die  ursprünglich  wohl  als  Buchdeckel  diente. 
Sie  stammt  aus  dem  Schwarzwaldkloster  S.  Blasien,  dessen  Ortsheilige  Blasius 
und  Vincenz  neben  der  Marienkrönung  stehen.  In  das  frisch  sprießende  Ahorn- 
laub des  Rahmens  sind  Grubenschmelzrauten  eingefügt;  die  Evangelisten  stehen 
auf  nielliertem  Grund.  Keine  andere  deutsche  Silberarbeit  kommt  im  Stil  des 
Blattwerks,  der  Plastik  und  Bauformen  dem  Altärchen  von  Floreffe  und  dem 
Schrein  von  Nivelles  so  nahe,  wie  diese  Tafel,  die  über  alle  frühgotischen  Silber- 
einbände [in  Wienerneustadt,  Limburg,  Mainz,  Tongern,  Freiburg,  Köln,  München, 
Hamburg]  —  mit  Ausnahme  vielleicht  des  emaillierten  Buches  in  Beromünster  — 
hoch  emporragt.  Der  Entstehung  um  1270,  worauf  die  Stifterfigur  des  Blasianer 
Abtes  Arnold  [1247  bis  1276]  hinweist,  widerspricht  der  Stil  somit  nicht.  Eine 
Freiburger  Arbeit  von  1268  ist  das  im  Ornament  romanische,  in  den  Figuren 
frühgotische  Scheibenkreuz  von  Villingen  im  Scliwarzwald.  Als  ansehnliche 
Leistung  dieses  Kunstgebietes  ist  noch  der  frühgotische  Halbschrein  in  Chur  zu 
erwähnen.  D 

312 


r^K 


SILBEREINBAND  AUS 
ST.  BLASIEN,  um  1270 


Abb.  242:  Kapellenreliquiar.  Aachen  nach  1361 


Wenn  nicht  der  weite  Wirkungskreis  und  dieEinheitlichkeit  der  frühgotischen 
Formensprache  eine  Herkunftsbestimmung  von  Kunstwerken  bloß  aus  stilisti- 
schen Gründen  zu  einem  sehr  unsicheren  Unterfangen  machen  würden,  so  muffte 
man  auch  die  Kaiserschale  vonOsnabrückdieseroberrheinischenSchulezuweisen. 
Dafür  spricht  der  Stil  der  getriebenen  Rundbilder  der  Tugenden  und  Laster,  noch 
mehr  die  Grubenschmelzstücke  mit  ausgesparten  Eichen-  und  Rosenzweigen,  die 
als  Zwickelfüllung  dienen.  Die  durch  eine  spätere  Ergänzung  von  Schaft  und 
Deckelknauf  entstellte  Schale  ist,  auch  abgesehen  von  ihren  künstlerischen  Vor- 
zügen, höchst  bemerkenswert  als  eins  der  frühesten  Beispiele  weltlicher  Silber- 
gefäge.  Im  vorgotischen  Mittelalter  hatten  die  metallenen  Trinkgefäße,  nach  Buch- 
malereien zu  urteilen,  die  kirchliche  Kelchform.  Die  Aufgabe,  für  das  weltliche 
Silbergeschirr  eigene  Formen  zu  schaffen,  hat  erst  die  Spätgotik  vollkommen  ge- 
löst. Das  14.  Jahrhundert  war  die  Zeit  der  Versuche.  Seine  Trinkgefäge,  wie  die 
Schale  von  Osnabrück,  die  hochschaftigen  Emailbecher  des  Mainzer  Doms,  des 
Poldimuseums  in  Mailand  und  der  Kings  Lynn  Corporation  [Norfolk],  dazu  die 
emaillierte  Goldschale  Karls  VI.  im  British  Museum  sind  Übergangsformen  vom 
Kelch  und  Ciborium  zum  spätgotischenPokal,  die  dem  kirchlichen  Ausgangspunkt 
noch  näher  stehen,  als  dem  weltlichen  Ziel.  D 

Auch  in  ITALIEN  steht  das  Kunstgewerbe  des  14.  Jahrhunderts  unter  dem 
Zeichen  der  Gotik.  Nur  ist  dieser  Stil  jenseits  der  Alpen  ganz  etwas  anderes 
als  diesseits.  Der  italienischen  Baukunst  widerstrebte  die  Unterdrückung  der 
wagrechten  Gliederung;  sie  vermengte  spielend  die  gotischen  Elemente  mit 
romanischen  Rundbogen  und  gedrehten  Säulen,  mit  antikisierenden  Gesimsen  und 
Profilen.  Die  Grundlage  ihres  Pflanzenornaments  blieb  die  Akanthusranke.  In 
derPlastik  war,  als  die  Gotik  eindrang,  mit  derPisanerSchule  schon  eine  nationale 
Richtung  erstanden,  die  der  gotische  Geschmack  wohl  beeinflussen,  aber  nicht 
mehr  ganz  unterwerfen  konnte.  DasErgebnis  ist  eine  ziemlichäugerliche  Verwen- 
dung der  oft  sehr  selbständig  umgemodelten  gotischen  Formen,  wie  in  der  Bau- 
kunst so  auch  im  Kunstgewerbe.  D 

Aus  den  durch  Urkunden  und  bezeichnete  Gegenstände  zahlreich  überlieferten 
Meisternamen  ergibt  sich  mit  großer  Deutlichkeit,  daß  zuerst  SIENA  in  der  Gold- 
schmiedekunst des  14.  Jahrhunderts  die  Führung  hatte.  Hier  entstand  schon  im 
13.  Jahrhundert  die  gotische  Kelchform,  die  in  ganz  Italien  angenommen  und  bis 
zur  Renaissance  ohne  erhebliche  Änderungen  wiederholt  wurde.  Das  älteste  Bei- 
spiel ist  der  vor  1290  von  dem  Sieneser  Guccio  Manaia  gefertigte  Kelch  in  Assisi. 
Während  man  nördlich  der  Alpen  bis  über  die  Mitte  des  14.  Jahrhunderts  am  rund- 
füßigenKelch  mit  weiterSchale  festhielt,  sind  hier  die  gotischenMerkmale  bereits 
fertig  ausgebildet:  einvielpaßförmigerFuß  mit  eingelegten  Silberschmelzbildchen 
und  getriebenen  Blättern,  ein  kurzersechskantigerSchaft  mit  stark  betonten  wag- 
rechten Profilen,  ein  mit  Schmelzscheiben  abgeplatteter  Knauf  und  ein  meist  kleiner 
undenger,  unten  in  ausgezackterFassungruhenderGlockenbecher.  SolcheKelche 
lieferten  die  Werkstätten  von  Siena  in  Mengen  und  anderwärts  hielt  man  sich  an 
diese  Vorbilder,  so  daß  nur  die  Bezeichnung  eine  Unterscheidung  ermöglicht.  Gute 
Kelche  dieser  Art  finden  sich  inPerugia  |vonCataluzio  daTodi,  uml380|,  inBarga, 

314 


Pistoja  [von  Andrea  Braccini  1373],  Sul- 
mona  [von  Cicarello  di  Francesco  |,  Bo- 
logna, NoceraUmbra,  Montefiascone  und 
im  Poldi-Pezzolimuseum  zu  Mailand.  D 

Siena  war  auch  der  Ausgangspunkt 
für  den  in  Italien  eifriger  als  ander- 
wärts gepflegten  durchsichtigen  Silber- 
schmelz, der  in  den  Werken  des  Siene- 
ser  Meisters  Ugolino  di  Vieri,  auf  die  wir 
später  zurückkommen,  seinen  Höhe- 
punkt erreichte.  Es  spricht  ferner  für 
das  Ansehen  der  Schule,  dag  der  Gold- 
schmied Boninsegna  von  Siena  1345 
nach  Venedig  berufen  wurde,  um  durch 
eine  neue  Fassung  die  aus  verschiede- 
nen Zeiten  stammenden  Teile  des  grie- 
chischen Schmelzaltars  von  San  Marco 
[vgl.  Abb.  158]  zu  einem  einheitlichen 
Werk  zusammen  zu  richten.  D 

Sieneser  Meister  hatten  1287  den 
Silberaltar  des  Doms  von  Pistoja  be- 
gonnen, der  1316  von  Andrea  Ognabene 
mit  Benützung  der  alten  Teile  erneuert 
wurde  und  sich  durch  wiederholte  Er- 
weiterungen zu  der  umfangreichsten 
italienischen  Treibarbeit  des  14.  Jahr- 
hunderts auswuchs.  In  den  Altaraufsatz 
wurde  1349  als  Mittelstück  eine  Silber- 
figur des  Apostels  Jacobus  von  dem  Pi- 
saner Gilio  eingefügt;  die  Altarbeklci- 
dung  Ognabenes,  die  das  Leben  Christi 
in  15 Reliefplatten  schildert,  erhielt  1357 
durch  den  Florentiner  Pietro  di  Leo- 
nardo und  1371  durch  dessen  Landsmann 
Leonardo  di  Ser  Giovanni  Seitentafeln 
mit  getriebenen  Bildern  aus  dem  al- 
ten Testament  und  aus  dem  Leben  des 
Apostels.  Erst  im  Jahre  1399  wurden  die 
letzten  Zusätze  vollendet.  Die  fortge- 
schrittensten Teile  sind  die  Reliefbilder 
des  Leonardo  di  Ser  Giovanni.  Man  sieht 
daraus  und  aus  der  ganzen  Geschichte 
des  Altars,  wie  die  Florentiner  Gold- 
schmiede, gehoben  durch  ihre  engsten    D 


Abb.  LM;t: 


Kruinmstab   in   i.'itt;i   di  Casiello,   Silbci- 
schmelz  □ 


315 


Abb.  'J4t:  Ufliquiar  in  Orvicto  von  Ugolino  di  Vieri  und 
D  Viva  di  Lando  D 


Beziehungen  zu  der  hochstreben- 
den Kunst  ihrer  Vaterstadt,  schon 
in  der  zweiten  Hälfte  des  14.  Jahr- 
hunderts denSienesen  denRang  ab- 
liefen. Wie  weit  Toscana  auf  kunst- 
gewerblichem Gebiet  auch  Ober- 
italien voraus  war,  lehrt  ein  Ver- 
gleich des  Altars  von  Pistoja  mit  dem 
sehr  rückständigen  Silberaltar,  den 
der  Mailänder  Borgino  del  Pozzo 
1357  der  Kirche  in  Monza  geliefert 
hat.  D 

In  Florenz  begann  Leonardo  di  Ser 
Giovanni  mit  Berto  diGeri  1366  den 
silbernen  Johannesaltar  der  Tauf- 
kirche. Die  Arbeit  wurde  bald  un- 
terbrochen und  seit  1377  von  ande- 
ren Meistern,  Michele  di  Monte  und 
Cristofano  di  Paolo  bis  1402  fortge- 
führt. Damals  waren  acht  Bildfelder 
vollendet,  paarweis  getrennt  durch 
außerordentlich  reich,  aber  etwas 
kleinlich  durchgebildete  gotische 
Pfeiler.  Die  Relieftafeln,  bei  denen 
die  der  italienischen  Goldschmiede- 
kunst eigentümliche  plastische  Be- 
handlung des  Hintergrundes  auf- 
fällt, bezeichnen  in  der  übersicht- 
lichen Gruppierung  einen  merk- 
lichen Fortschritt  gegenüber  dem 
Altar  vonPistoja.  DenRuhm  des  be- 
deutendsten Silberwerks  in  Italien 
erwarb  sich  der  Johannesaltar  aber 
erst  später  im  15.  Jahrhundert,  als 
Michelozzo  1451  die  Statuette  des 
Täufers  und  Verrocchio,  Pollajuolo, 
Bernardo  Cenni,  Antonio  die  Salvi 
und  Francesco  di  Giovanni  1477  vier 
weitere  Relieftafeln,  wahre  Meister- 
werke der  Plastik,  hinzufügten.    D 

Die  Verwendung  gotischer  Bau- 
l'ormen,  sei  es  zur  Knauf  bildung  von 
Krummstäben  [Beispiele  in  Siena, 
Sulmona.  Domschatz  Köln.  Citta  di 


316 


Castello,  Abb.  243]  und  von  Kelchen 
[Monza].  sei  es  zur  Gestaltung  von 
turmförmigen  oder  kapellenartigen 
Reliquiaren,  haben  die  italienischen 
Goldschmiede  sich  nicht  entge- 
hen lassen.  Aber  die  durchsichtige, 
schlank  aufschießende  Silberarchi- 
tektur der  deutschen  Monstranzen 
oder  der  spanischen  Kustodien  ist 
in  Italien  nur  selten  [an  einer  drei- 
türmigen  Reliquienmonstranz  in 
Citta  di  Castello  und  an  einem  hoch- 
schaftigen  Reliquiar  der  Taufkirche 
in  Florenz]  zu  sehen.  Die  Italiener 
bevorzugten  mehr  gedrungene  Ka- 
pellen auf  breitem,  standfestem  Un- 
terbau und  mit  starker  Entwicklung 
der  Flächen,  die  dem  fast  nie  fehlen- 
den Silberschmelz  Raum  boten.  Die 
beste  Leistung  derart  ist  das  Sa- 
binusreliquiar  von  Ugolino  di  Vieri 
und  Viva  di  Lando  im  Dommuseum 
von  Orvieto  [Abb.  244 1,  verwandt  das 
Galganusreliquiar  der  Santuccio- 
kirche  in  Siena.  Bei  späteren  Ar- 
beiten, wie  dem  Kreuzreliquiar  von 
1379  und  dem  Jacobsreliquiar  von 
1407  im  Dom  von  Pistoja,  wird  die 
Grundform  von  der  Fülle  dichtge- 
drängter Zierraten  überwuchert. 
Das  gilt  auch  für  die  beiden  bezeich- 
neten Werke  des  Bologneser  Gold- 
schmieds Giacomo  Roseto,  das  Do- 
minicusreliquiar  von  1383  [Abb.  245 1 
und  das  etwas  einfachere  Petronius- 
reliquiar  von  1380.  D 

Ein  ähnlicher  Zug  zur  Überladung 
ist  an  vielen  italienischen  Kreuzen 
bemerklich,  die  schon  im  14.  Jahr- 
hundert, während  sich  die  Kreuze 
der  nördlichen  Länder  noch  durch 
strenge  Umrililinicn  auszeichneten, 
an  den  Kanten  ringsum  mit  schellen- 
artigen  Knäufen    besetzt  wurden. 


317 


Dem  Kreuzfug  entwachsen  nicht  selten  zwei  geschwungene  Äste,  auf  welchen 
Maria  und  Johannes  stehen;  ein  Motiv,  das  Pollajuolo  und  Betto  Betti  bei  ihrem 
großen  Kreuz  für  die  Florentiner  Taufkirche  |1456  bis  1459J  noch  in  die  Früh- 
renaissance hinübernahmen.  Das  üppigste  Beispiel  einer  die  Grundform  auf- 
lösenden Verzierung  ist  das  Pisanerkreuz  im  Dom  zu  Lucca,  aus  dem  Ende  des 
14.  Jahrhunderts.  Schaft  und  Arme  verschwinden  unter  emaillierten  Passions- 
blumen und  Blättern,  und  die  Kreuzenden  sind  zu  runden  Kapellen  ausgestaltet. 

Kopfreliquiare  sind  im  Dom  von  Florenz  |Zenobiusbüste  von  Andrea  Arditi] 
und  in  Catania  [Agathabüste  von  Giovanni  diBartolo  1371  ]  erhalten;  vonGruppen- 
reliquiaren  ist  das  Karlsreliquiar  in  Bologna  |vgl.  Abb.  238]  und  die  bereits  rea- 
listisch gebildete  Geißelung  Christi  in  Venedig  [Markusschatz,  1375J  zu  erwähnen. 
An  Reichtum  der  Formen  ist  die  italienische  Goldschmiedekunst  dem  Norden  zum 
mindesten  gewachsen,  wenn  nicht  überlegen.  Aber  die  klare,  einfache,  oft  auch 
strenge  Bildung  der  Gerätformen,  die  einen  wesentlichen  Vorzug  des  frühgotischen 
Kunsthandwerks  im  Norden  ausmacht,  war  in  Italien  weniger  zu  Hause.  Dafür 
muß  oft  die  Fruchtbarkeit  der  Erfindung  und  die  Vielfältigkeit  des  Zierrats  ent- 
schädigen. □ 

SPANIEN  hat  zwar  in  dem  silberbeschlagenen  Altar  des  Doms  von  Gerona  ein 
umfangreiches  Werk  der  Frühgotik,  von  Pedro  Bernec  aus  Valencia  [1320  bis 
1348]  aufzuweisen,  doch  genügen  die  sonstigen  Silberarbeiten  des  14.  Jahrhun- 
derts noch  nicht,  um  neben  dem  starken  Einfluß  Italiens  auch  die  Entwicklung  des 
heimischen  Elements  deutlich  zu  machen.  D 

2.  DER  SILBERSCHMELZ  D 

Den  Grubenschmelz  auf  Kupfer  hat  die  Gotik  nicht  gänzlich  beseitigt.  Seine 
Glanzzeit  ging  freilich  mit  der  romanischen  Kunst  zu  Ende.  Aber  als  unterge- 
ordnetes Ziermittel,  für  Beschlagstücke,  Wappen  und  dergleichen,  besonders 
häufig  am  Schaft  und  Knauf  italienischer  Kelche  hat  er  noch  bis  zum  Ausgang  des 
Mittelalters  vorgehalten.  Die  Frühgotik  hat  dem  entthronten  KUPFERSCHMELZ 
sogar  noch  sehr  beachtenswerte  künstlerische  Wirkungen  abgewonnen.  Das  Ver- 
fahren ist  überall  gleich:  vergoldete  Figuren  mit  kunstvoll  eingestochener  und 
meist  rot  ausgeschmolzener  Innenzeichnung  auf  blauem,  in  Italien  gelegentlich 
auf  schwarzem  Grund.  Diese  Technik  reicht  bis  zu  Nicolaus  von  Verdun  zurück; 
die  Frühgotik  hat  sie  aber  der  Höhe  ihres  zeichnerischen  Könnens  und  dem  meist 
kleinen  Magstab  entsprechend  außerordentlich  verfeinert.  D 

Von  solcher  Art  hat  LIMOGES  ausgezeichnete  Werke  geschaffen;  als  die  be- 
deutendsten sind  einReliquiar  im  Cluny  und  einKasten  mitLiebespaaren,  Wappen 
und  Zwittertieren  im  Louvre  zu  nennen.  Auf  deutschem  Boden  ragt  als  Meister 
ersten  Ranges  ein  Goldschmied  in  WIEN  hervor,  der  zwischen  1322  und  1329  den 
Altar  des  Nicolaus  von  Verdun  ergänzt  hat.  Gleichzeitig  lieferte  er  nach  Kloster- 
neuburgseinHauptwerk,  ein  silbernes Ciborium,  in  dessenSchale,  Fuß  undDeckel 
Kupferschmelzplatten  mit  biblischen  Bildern  von  der  besten  frühgotischen  Zeich- 
nung eingelassen  sind.  Dazu  gehören  einfachere  Ciborien  in  der  Sammlung 
P.  Morgan  [aus  dem  Klosterneuburger  Schatz  stammend]  und  in  Köln  [Kunstge- 
werbemuseum!, Reliquienkästchen  mit  eingelegten  Schmelzscheiben  in  Hannover 

318 


und  München,  Kreuze  in  Köln  und  Frauenchiemsee.  Nah  verwandt  erscheint  das 
schöne  Kreuz  der  ehemaUgen  Sammlung  Basilewsky  in  Petersburg.  D 

Erst  in  dieser  frühgotischen  Art  ist  der  Kupferschmelz  in  ITALIEN  nachzu- 
weisen. Die  besten  Beispiele,  ein  Reliquienkasten  mit  Heiligen  auf  besterntem 
blauen  Grund  im  Clunymuseum,  Weihrauchschiffchen  ebendort  und  im  Brüsseler 
Museum,  Kreuze  in  Brüssel,  imBargello  undHannover[Kestnermuseum],  Schmelz- 
scheiben im  Louvre  und  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum,  sind  von  den  franzö- 
sischen und  deutschen  Stücken  nur  durch  den  breiteren,  freien  Stil  der  Zeichnung 
verschieden.  Dagegen  fallen  die  Grubenschmelzarbeiten  Spaniens,  meist  Vortrags- 
kreuze [Domschatz  Gerona,  Museum  Brüssel]  und  Ciborien  [ClunyJ,  durch  die  un- 
beholfene, ja  rohe  Ausführung  erheblich  ab.  D 

Sicherlich  sind  diese  gotischen  Ausläufer  der  romanischen  Schmelzkunst  nicht 
mehr  sehr  häufig  gewesen.  Denn  nachdem  die  Gotik  das  Silber  zumherrschenden 
Werkstoff  gemacht  hatte,  entstand  auch  bald,  noch  im  letzten  Viertel  des  13.  Jahr- 
hunderts, eine  diesem  Metall  angemessene  Schmelzart,  die  mit  ihren  durchsichtigen, 
gleich  Edelsteinen  funkelnden  Farben  den  Kupferschmelz  überstrahlte  und  ent- 
wertete. D 

Die  erste  Stufe  des  SILBERSCHMELZES  ist  nichts  anderes,  als  die  eben  be- 
schriebene Ausgangsform  des  Grubenschmelzes  auf  Silber  ausgeführt  statt  auf 
Kupfer.  Dem  Edelmetall  entsprechend  ist  der  blaue  Grund,  in  dem  die  Figuren  mit 
rot  emaillierter  Innenzeichnung  ausgespart  sind,  durchsichtig  geworden.  Dieser 
einfache,  sozusagen  unvermeidliche  Übergang  konnte  sich  an  verschiedenen,  von 
einander  ganz  unabhängigen  Orten  vollziehen,  überall  da,  wo  der  frühgotische 
Kupferschmelz  geübt  wurde,  also  in  Frankreich  wie  in  Italien,  am  Oberrhein  oder 
in  Wien  und  anderwärts.  Es  ist  daher  mügig,  nach  dem  einen  Ort  oder  Land  zu 
suchen,  wo  der  durchsichtige  Silberschmelz  erfunden  worden  sein  soll.  D 

Eine  wirkliche  Neuerung  der  Gotik,  zugleich  einen  Fortschritt,  bringt  erst  die 
zweite,  in  den  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  fallende  Entwicklungstufe,  die  an  die 
Fähigkeiten  des  Goldschmieds  viel  höhere  Ansprüche  stellt.  An  die  Stelle  der 
flach  ausgespartenFiguren  treten  nunversenkteRELIEFBILDER,  die  in  die  Silber- 
platte in  der  Weise  eingeschnitten  sind,  dag  nach  dem  Aufschmelzen  der  durch- 
sichtigen Glasflüsse  die  Höhen  des  Reliefs,  über  welchen  das  Email  in  dünnster 
Schicht  aufliegt,  durch  den  Metallglanz  als  Lichter  wirken,  die  Tiefen,  wo  die  Far- 
ben sich  dicker  sammeln,  alsSchatten  [Abb.246J.  Für  dieseForm  ist  auch  der  Aus- 
druck Tiefschnittschmelz  gebräuchlich.  Es  ist  ein  höchst  kunstvolles  Verfahren, 
bei  dem  die  flach  gehaltene  Modellierung,  der  Glanz  des  Edelmetalls  und  die 
durchsichtigen  Farben  sich  gegenseitig  heben  und  verstärken.  D 

Der  Silberschmelz  auf  Relief  tritt  in  mehreren  Abarten  auf,  die  nicht  selten  an 
einem  und  demselben  Gegenstand  vereinigt  sind.  D 

Bei  der  fertig  ausgereiften  Art  bedecken  die  Schniclzt'arben  -  immer  ohne 
trennende  Metallstege  —  die  ganze  Fläche  von  Rand  zu  Rand.  Bei  anderen  Stücken, 
die  zumeist  noch  der  erstenHälfte  des  14.  Jahrhunderts  angehören,  sind  dieKöpfe 
und  Hände  vergoldet  aus  dem  Schmclzgrund  ausgespart,  wie  bei  der  vorerwähn- 
ten Anfangsstufe  die  ganzen  Figuren.  Der  Silbergrund  ist.  namentlich  in  Italien, 

319 


k 


manchmal  glatt;  in  der  Regel  aber 
durch  Schraffierung  oder  eingra- 
vierte Rautenmuster  aufgerauht, 
um  das  Email  fester  haften  zu  las- 
sen. Dieses  Hilfsmittel  erhöht  den 
Spiegelglanz  des  Silbergrundes, 
aber  das  Abspringen  der  Glasfar- 
ben hat  es  nicht  immer  verhin- 
dern können.  D 
ITALIEN  hat  nicht  nur  in  dem 
Kelch  des  Sienesen  Guccio,  den 
Nicolaus  IV.  [1288  bis  1292]  nach 
Assisi  schenkte,  das  älteste  Bei- 
spiel des  gotischen  Silberschmel- 
zes aufzuweisen,  es  hat  auch  spä- 
terhin, im  14. undnochimlS. Jahr- 
hundert durch  die  Menge  und  den 
Umfang  der  Denkmäler  seinen 
Vorrang  auf  diesem  Gebiet  be- 
hauptet. □ 
Das  neue  Ziermittel  verbreitete 
sich  von  Siena  aus  mit  groger 
Schnelligkeit  und  war  um  1350 
schon  Gemeinbesitz  der  Gold- 
schmiedekunst des  ganzen  Lan- 
des. Nach  1316  schmückt  Ognabene  von  Pistoja  sein  Altarwerk  mitReliefschmelz- 
platten  bester  Art;  in  Florenz  ist  der  Silberschmelz  1331  durch  die  Arbeiten  des 
Andrea  Arditi,  in  Neapel  1337  durch  das  Armreliquiar  Roberts  von  Anjou  [im 
Louvre],  in  Venedig  durch  das  merkwürdig  geformte  Georgsreliquiar  im  Markus- 
schatz und  weiterhin  inBologna,  Perugia,  Sulmona  und  anderwärts  nachzuweisen. 
Das  grogartigste  Denkmal  hatUgoIino  di  Vieri  mit  Hilfe  sienesischer  Genossen 
1338  für  den  Dom  von  Orvieto  geschaffen:  das  silberne  Gehäuse  für  das  vom 
Wunder  von  Bolsena  herrührende  blutbefleckte  Kelchtuch.  Es  ist  als  eine  Tafel 
[hoch  180  cm]  mit  drei  Giebeln  und  vier  Türmen  ähnlich  der  Stirnseite  des  Doms 
von  Orvieto  gestaltet  und  auf  beiden  Seiten  mit  je  12  großen,  vollständig  email- 
lierten Flachreliefs  bekleidet,  welche  die  Geschichte  der  Reliquie  und  das  Leben 
Christi  in  bewundernswert  freier,  ganz  bildmägiger  Darstellung  vorführen.  Das 
Werk  hat  für  die  gotische  Schmelzkunst  dieselbe  Bedeutung,  wie  der  Kloster- 
neuburger  Altar  für  die  romanische.  D 
In  DEUTSCHLAND  geht  wieder  die  bereits  besprochene  oberrheinische  Gold- 
schmiedekunst voran.  Sie  beherrscht  schonimerstenViertel des  14.  Jahrhunderts, 
augenscheinlich  von  Italien  belehrt,  den  Silberschmelz  auf  Relief  in  seiner  reifsten 
Form.  Ein  wichtiges  Beweisstück  ist  der  Silberschrein  des  Grafen  Arco-Zinne- 
berg  [Abb.  247],  den  laut  Inschrift  Greta  Pfrumbom  aus  Speier  für  ihr  Kloster  Lich- 

320 


Abb.  246:  Silberschmelzplatte  im  South  Kensington  Museum. 
D  Vor  1400  D 


Gl  •  SILBERGRUPPE  AUS  BASEL  ■  ERSTE  HÄLFTE  DES 

-•-  Kl  14.  JAHRir      TAr  KT'XSTr.I-WFRBEMUSEUM  BERLIN 


D  Abb.  247:  Schrein  der  Greta  Pfrumbom  aus  Speier.    Silberschmelz  Q 

tenthal  bei  Baden  machen  lieg.  Alle  Flächen,  auch  die  des  nach  oberrheinischer 
Art  vierseitig  abgeschrägtenDeckels,  sind  mit  durchsichtigen  Schmelzbildern,  da- 
runter die  Anbetung  der  Könige,  Verkündigung.  Darbringung  im  Tempel,  Heilige 
und  die  Stifterin,  in  Spitzbogenrahmen  bekleidet.  Die  Glasfarben  decken  die 
ganze,  im  Hintergrund  gerautete  Bildfläche;  einzelne  Köpfe  verraten  deutlich 
sienesischen  Einflufi.  Die  Stifterin  ist  als  Nonne  von  Lichtenthai  schon  1305  ur- 
kundlich nachgewiesen.  Die  Schmelzart  mit  ausgesparten  Köpfen  vertritt  der 
aus  Konstanz  stammende  Kelch  des  Sigmaringer  Museums,  ebenfalls  vom  Anfang 
des  14.  Jahrhunderts.  Durch  die  äuf^erst  klare  und  anmutige  Zeichnung  bedeuten 
die  in  Fug,  Knauf  und  Patene  dieses  Kelches  eingefügten  13  Emailbilder  den 
Höhepunkt  der  oberrheinischen  Schmclzkunst.  Dag  BASEL  in  diesem  Kunstkreis 
erfolgreich  mitv^irkte,  ergibt  sich  aus  drei  ansehnlichen  Stücken  des  ehemaligen 
Baseler  Domschatzes,  einer  Kreuzigungsgruppe  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum 
[siehe  Tafel],  die  wiederum  den  Zusammenhang  mit  Italien  offenbart,  und  zwei 
Monstranzen  in  Petersburg  [früher  Sammlung  Basilewsky  |,  die  an  Fug.  Knauf  und 
Oberbau  mit  ganz  emaillierten  Bildern  und  mit  solchen  von  derArt  des  Konstanzer 
Kelches  reich  besetzt  sind.  Die  Bauformen  und  das  naturalistische  Eichen-  und 
Ahornlaub  weisen  sie  in  die  Zeit  um  1320.  Das  Reliquiengchäus  ist  bei  der  einen 
21  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  321 


Monstranz  als  Kristallwalze  un- 
ter einem  Turmdach,  bei  der 
anderen  als  Scheibe  unter  einem 
Magwerkgiebel  gestaltet.  Es  sind 
dies  die  ältesten  Beispiele  der 
eiden  Gerätformen,  welche  spä- 
ter für  die  Hostienmonstranzen  so 
\ielfältig  wiederholt  worden  sind. 
Die  drei  unter  sich  zusammenge- 
lörigen  Werke  sind  zweifellos 
Baseler  Arbeit;  denn  die  Mon- 
stranzen sind  Kaiser  Heinrich  II. 
und  der  heiligen  Kunigund  ge- 
weiht, die  in  Basel  als  Wieder- 
liersteller  des  Doms  hohe  Ver- 
ehrung genossen.  Die  Schmelz- 
ilder  stellen  auch  unter  anderem 
die  Legende  des  heiligen  Kaiser- 
paares dar.  □ 
Es  ist  wahrscheinlich,  dag  hier, 
in  Basel  oder  Konstanz,  die  Quelle 
der  frühgotischen  Schmelzkunst 
Wiens  zu  suchen  ist,  wo  der  Sil- 
berschmelz zuerst  1337  an  ei- 
nem Klosterneuburger  Kelch  ne- 
l3g]^  ^Qp^  besprochenen  Kupfer- 

Abb.  248:   Silberkaniie  mit    ri.-fschiiittschmelz.    Museum  zu  '^ 

a  Kopenhagen  o   schmclz  auftaucht.  Er  ist  in  Wien 

weiterhin  bis  ins  15.  Jahrhundert  mit  Glück  geübt  worden;  eins  der  schönsten 
Stücke,  der  mit  Tiefschnittbildern  ganz  überzogene  Fug  einer  Monstranz  inKloster- 
neuburg,  hat  aber  seine  Schmelzdecke  vollständig  verloren.  G 

Frühzeitig  schon  hat  die  Schule  des  Oberrheins,  was  sie  von  Italien  gelernt, 
rheinabwärts  weiter  gegeben.  Der  Dom  von  Mainz  besitzt  einen  für  die  dortige 
Stephanskirche  gearbeiteten,  leider  schonungslos  verneuerten  Kelch  mit  feinen 
Schmelzplatten,  der  demKonstanzer  Kelch  in  Sigmaringen  nahesteht.  Ein  anderer 
Mainzer  Emailkelch  dieser  Zeit  wird  im  Deutschordensschatz  zu  Wien  bewahrt. 
Noch  beachtenswerter  ist  ein  pokalartiges  Trinkgefäg  im  Mainzer  Domschatz, 
dessen  sechsseitiger,  auf  hohem  Schaft  ruhender  Becher  äugen  mit  frühgotischen 
Ranken  und  Zwittertieren  auf  blauem  und  grünem  Schmelzgrund  verziert  ist. 
Innen  sieht  man  auf  ganz  emaillierter  Platte  vier  Figuren  in  wildem  Reigentanz, 
auf  dem  Fug  Liebespaare.  ü 

Die  Aachener  Schule  hat  den  Silberschmelz  nicht  nur  als  untergeordneten 
Zierrat  [an  den  oben  genannten  Silberkapellen  und  dem  Simeonsreliquiar|  ver- 
wendet, sondern  auch  für  das  schöne  Scheibenreliquiar  und  für  die  Monstranz  des 
Mariengürtels  kunstvolle  Bildplatten  hergestellt.  Diese  Arbeiten  sind  wesentlich 

322 


Abb. 

n 


249: 


Schmelzplatte  im  Louvre,  Frankreich 
Ende  14.  Jahrhunderts  D 


jünger  wie  die  oberrheinischen;  ein  Zu- 
sammenhang mit  den  letzteren  ist  nicht 
erweislich.  Für  Köln  liegen  ganz  sicher 
beglaubigte  Arbeiten  nicht  vor;  denn  die 
prachtvolle  Marienplatte  im  South  Ken- 
sington Museum  [vgl.  Abb.  246]  aus  dem 
Ende  des  14.  Jahrhunderts  kann  nur  aus 
stilistischen  Gründen  für  Köln  bean- 
sprucht werden,  für  diese  Zeit  ein  schwa- 
ches Beweismittel.  Es  mag  ebensowohl 
Paris  der  Ursprungsort  sein.  Der  Bischofs- 
stab des  Kölner  Domschatzes  gleicht  so 
sehr  dem  italienischenKrummstab  inCitta 
di  Castello  [vgl.  Abb.  243],  dag  die  An- 
nahme italienischer  Arbeit  nicht  abzu- 
weisen ist.  n 

Die  deutschen  Kirchen  bewahren  noch 
manche  Stücke  [Kelche  in  Wipperfürth; 
Stockhausen  und  WöUmen  in  Thüringen;  die  Patene  in  Lübeck,  die  Ciborien  von 
Burghausen  in  Bayern  und  im  Besitz  des  Fürsten  Oettingen -Wallerstein,  das 
Klappaltärchen  in  Salzburg],  an  welchen  man  die  Ausbreitung  der  frühgotischen 
Schmelzkunst  verfolgen  kann.  Sogar  nach  Skandinavien  war  sie  vorgedrungen. 
Die  in  trefflichem  Reliefschnitt  gearbeitete  Patene  des  Kopenhagener  Museums 
aus  dem  Jahre  1333  muß  einer  nordischen  Werkstatt  zugeschrieben  werden. 
Denn  eine  Patene  ganz  gleicher  Art  besitzt  nebst  dem  zugehörigen  emaillierten 
Kelch  die  Klosterkirche  von  Vadstena  in  Schweden,  einen  anderen,  gleichfalls 
mit  Schmelzbildern  gezierten  Kelch  desselben  Stils  die  Sammlung  v.  Bauer  in  As 
|Ostergotland|.  D 

Für  die  Behauptung,  dag  FRANKREICH  den  Silberschmelz  gleichzeitig  wie 
Siena  oder  gar  früher  gekannt  habe,  gibt  es  keine  greifbaren  Beweisstücke.  Die 
Denkmäler  sprechen  dagegen.  Am  Schrein  von  Nivelles.  um  1295.  finden  sich  nur 
einige  Zellenschmelzstücke,  von  Silberschmelz  noch  keine  Spur.  Die  ersten  da- 
tierten Beispiele  sind  14  Platten  mit  Bildern  des  Lebens  Christi  auf  dem  Sockel 
der  Marienfigur  der  Jeanne  d'Evreux  von  1339,  Sie  sind  noch  nach  dem  ältesten 
Verfahren,  ausgesparte  Figuren  ohne  Relief,  gearbeitet.  Die  Pariser  Goldschmiede 
blieben  nicht  lange  auf  dieser  Stufe  stehen.  Ihre  volle  Beherrschung  des  Relief- 
schnitts zeigt  die  einst  allseitig  emaillierte  Silberkanne  im  Museum  von  Kopen- 
hagen [Abb.  248 1,  die  nur  wenig  jünger  sein  kann  und  den  Lilicnstempcl  von  Paris 
trägt.  Der  französischen  oder  westflandrischen  Goldschmiedekunst  darf  man  mit 
Wahrscheinlichkeit  eine  Reihe  kleiner  Flügelaltärchen  [Kirche  S.  Aubaine  zu 
Namur,  Sammlung  des  Grafen  Wolff-Mettcrnich  in  Gracht,  Domschatz  in  Sevilla, 
Poldimuseum  in  Mailand]  zuweisen,  die  zu  den  Meisterwerkendes  Silberschmelzes 
zählen.  Das  Ende  des  14.  Jahrhunderts  liefert  noch  einige  der  kostbarsten  Stücke: 
die  goldene  Schale  Karls  VI.  mit  der  Agneslegende  [vor  1391],  eine  Reihe  runder 

21*  323 


Bildplatten  aus  Gold  im  Louvre  [Abb.  249]  und  das  ebenfalls  goldene  Triptychon 
der  Sammlung  Gutmann  in  Berlin.  Dieses  hat  äugen  auf  den  Flügeln  ausgesparte 
Heiligenfiguren,  innen  Tief  schnittbilder  und  in  der  Mitte  eine  plastische  emaillierte 
Gruppe.  Die  schmelzfreien  Goldflächen  sind  hier,  wie  an  der  Agnesschale  und  der 
sogenannten  Kölnischen  Marienplatte  des  Kensingtonmuseums,  mit  zart  punk- 
tierter Musterung  versehen,  ein  Ziermittel,  das  um  1400  auch  an  rheinischen 
Silbergeräten  [Marsusbüste  in  Essen,  Monstranz  im  Kölner  Domschatz,  Kreuz  in 
Gräfrath]  mehrfach  auftritt.  D 

In  SPANIEN  ist  der  Silberschmelz  von  Italien  aus  eingeführt  worden.  Das  ist 
dem  reich  emaillierten  Sevillaner  Kelch  imLouvre  zu  entnehmen,  und  ebenso  dem 
Stil  der  Schmelzbilder  auf  einer  Reihe  von  Vortragskreuzen  und  Ciborien,  die  im 
Privatbesitz  verstreut  sind.  Mehrere  davon|Kreuze  der  Sammlungen  Graf  Valencia 
und  Martin  Le  Roy,  Ciborium  der  ehemaligen  Sammlung  Ch.  Stein]  tragen  den 
Stempel  von  Barcelona.  Ein  Kreuz  im  Dom  zu  Vieh  ist  von  Juan  Carbonell  1394 
bezeichnet;  andere  führen  bereits  ins  15.  Jahrhundert  hinüber.  Ein  namhaftes 
Werk  des  14.  Jahrhunderts  ist  die  Reliquientafel  in  Roncevaux  mit  schachbrett- 
artig geordneten  Schmelzbildern,  die  das  jüngste  Gericht  darstellen.  Auf  der 
Wende  zur  Spätgotik  stehen  vier  prachtvolle  Büstenreliquiare,  die  Pedro  de  Luna, 
von  1394  bis  1417  PapstBenedikt XIII.,  dem  Schatz  der Seo  von  Saragossa  gestiftet 
hatte.  Die  Gesichter  sind  bemalt,  die  vergoldetenGe  wänder,  ganz  ähnlich  wie  bei  der 
Florentiner  Zenobiusbüste  des  Andrea  Arditi,  mit  großen  emaillierten  Vierpässen 
geschmückt.  Spanienwarwohl  daseinzigeLand,  das  den  Silberschmelz  aufRelief- 
schnitt,  wie  ein  Renaissanceeinband  der  Nationalbibliothek  in  Madrid  lehrt,  bis  in 
das  16.  Jahrhundert  fortgeführt  hat.  □ 

3.  DER  ERZGUSS  D 

Die  Gliederung  des  bürgerlichen  Handwerks  in  Zünfte  brachte  es  mit  sich,  dag 
der  Erzguß  schon  im  13.  Jahrhundert  sich  als  selbständiges  Gewerbe  von  derGold- 
schmiedekunst  absonderte.  Ein  beträchtlicher  Teil  seiner  Werke  fällt  aus  dem 
Rahmen  des  Kunstgewerbes  heraus  und  schließt  sich  an  die  plastischen,  oder  wie 
die  gravierten  Grabplatten,  an  die  zeichnenden  Künste  an.  D 

Anderes  aber  kann  hier  nicht  ganz  unerwähnt  bleiben.  Schon  die  inNorddeutsch- 
land  übliche  Bezeichnung  der  Gelbgieger  als  Potgeiter,  Apengeter,  Grapengeter 
oderalsMessingschläger  |inDinantJundBeckenschläger zeigt,  daß  dieHerstellung 
der  Töpfe,  Hafen  und  Kessel  zu  gewöhnlichem  Gebrauch  die  Grundlage  des  Hand- 
werks bildete,  wenn  auch  manche  Meister  mit  kunstreichen  Taufbecken,  Chor- 
pulten, Kirchenleuchtern,  Glocken  höheren  Zielen  nachgingen.  D 

Die  Gießerei  war  in  gotischer  Zeit  wohl  allerwärts  verbreitet;  als  besonders 
fruchtbar  an  kunstgewerblichem  Gerät  treten  indessen  Norddeutschland  und  die 
Niederlande  hervor,  zwei  Gebiete,  die  den  Vorzug  alter  Überlieferung  in  diesem 
Kunstzweig  besaßen.  D 

In  Deutschland  sind  namentlich  Tauf  brunnen  zahlreich  erhalten.  Während  das 
Würzburger  Taufbecken  des  oberrheinischen  Meisters  Eckhard  von  Worms  aus 
dem  Jahre  1279  in  den  Pfeilern,  Spitzbogen  und  Figuren  bereits  ausgesprochen 
gotisch  gestaltet  ist,  wirkt  in  der  Form  der  älteren  Beispiele  des  Nordens  |Tauf- 

324 


becken  in  Rostock  1290,  Halberstadt, 
Wismar]  noch  das  romanische  Hildeshei- 
mer  Muster  nach.  Das  Becken  der  Gode- 
hardskirche  in  Brandenburg  aus  dem 
Ende  des  13.  Jahrhunderts  bringt  eine 
neue,  kelchartige  Grundform,  die  Stütz- 
figuren aber  und  das  Rankenwerk  sind 
von  der  Gotik  noch  kaum  berührt.  Die 
Menge  der  Taufbrunnen  in  Schleswig- 
Holstein  [inBüsum,  Kellinghusen,  Rends- 
burg, Bramstedtj  und  in  Nordhannover 
[Imsum,  Nordleda,Twistringen  ]  lägt  schon 
um  1300  auf  einen  an  verschiedenen  Or- 
ten blühenden  Betrieb  schließen.  D 
Aus  dem  14.  Jahrhundert  sind  durch 
bezeichnete  Taufkessel  mehrere  Meister- 
namen überliefert.    In  Wittenburg  [Meck-    °   Abb.  250 :  Türgriff  des  Lübecker  Rathauses   D 

lenburg]  MeisterWilkin|1342].  inParchimMeisterHermann  [1365],  in  Angermünde 
Johann  Justus  [1376|,  in  Frankfurt  an  der  Oder  Meister  Arnold  [1376J,  in  Elbing 
Meister  Bernhuser  |1387]  und  in  Münden  Meister  Nicolaus  von  Stettin  [1392], 
Manche  haben  ihre  Kunst  in  mehreren  Städten  geübt,  wie  Hans  Apengeter,  von 
dem  Kolberg  einen  siebenarmigen  Leuchter  [1327],  Lübeck  und  Kiel  Taufbecken 
von  1337  und  1344  besitzen.  Damit  ist  die  Reihe  frühgotischer  Becken  nicht  er- 
schöpft; in  Bardowiek  |1367]  und  Beetzendorf  [1368|,  in  Spandau  [1398]  und 
Schwerin  sind  ansehnliche  Beispiele  zu  nennen.  Die  Heiligenfiguren  und  bibli- 
schen Bilder,  die  in  bald  flachem,  bald  starkem  Relief,  meist  unter  Spitzbogen- 
reihen geordnet,  die  Wandung  umziehen,  sind  wie  die  mannigfaltigen  Tragfiguren 
der  Becken  als  Bildhauerwerk  in  der  Regel  sehr  anspruchslos.  Unter  den  großen 
Kirchenleuchtern  |  Halberstadt,  Gandersheim]  ragt  der  siebenarmige  Leuchter  in 
Frankfurt  ander  Oder  schon  durch  seine  Höhe  [4,68  m|  und  den  reichen  Bilder- 
schmuck hervor.  □ 

Die  Türgriffe,  wofür  die  romanische  Kunst  nur  den  Löwenkopf  als  Ringhalter 
kannte,  hat  die  norddeutsche  Gießerei  mit  glücklicher  Erfindung  ausgebildet.  Bei 
den  Griffen  der  Petrikirche  in  Hamburg  |1342|,  der  Schloßkirche  in  Stettin  und 
der  Marienkirche  in  Kolberg  umziehen  den  mittleren  Tierkopf  Weinranken,  deren 
Kreiswindungen  bibhsche  Figuren  einschließen.  Der  Beschlag  des  Lübecker  Rat- 
hauses [Abb.  250]  setzt  an  deren  Stelle  den  Kaiser  und  die  Kurfürsten.  D 

Für  die  Wasserkannen  behielt  die  Frühgotik  die  überlieferten  Tierformen  bei; 
als  eine  Neuerung  des  14.  Jahrhunderts  sind  nur  die  Kannen  in  Gestalt  gewappne- 
ter Reiter  zu  erwähnen,  wie  solche  im  Britischen  Museum,  im  Bargello  und  in  den 
Museen  von  Kopenhagen  und  Bologna  zu  sehen  sind.  D 

In  den  NIEDERLANDEN  stand  der  Erzguß  höher  als  in  Deutschland.  Flandern 
war  die  Heimat  der  schönsten  unter  den  gravierten  Grabplatten  des  14.  Jahrhun- 
derts, die  weithin  nach  England,  Dänemark  und  Deutschland  (Lübeck,  Schwerin, 


325 


Stralsund.  Thorn]  verschickt  wurden.  Für  das 
kunstgewerbliche  Gerät  war  DINANT  an  der 
Maas  der  Mittelpunkt.  Auch  hier  wurde  für 
ein  weites  Absatzgebiet  gearbeitet  und  außer- 
dem haben  auswandernde  Gießer  von  Dinant 
ihr  Gewerbe  nach  Frankreich  |  Lyon],  Tournai, 
Brüssel  verpflanzt.  Die  ansehnlichsten  Mes- 
singgüsse dieses  Gebiets  sind  die  Chorpulte 
mit  bekrönendem  Adler.  Die  große  Mehrzahl 
fällt  zwar  bereits  in  das  15.  Jahrhundert  [Pulte 
in  Tournai,  Freeren,  Brügge,  Leuze,  Chievres, 
S.  Ghislain,  Hai,  Tirlemont,  Andenne,  Bern], 
aber  die  Grundformen  hatte  die  Frühgotik 
ausgebildet.  Die  architektonische  Art  veran- 
schaulicht am  besten  das  Adlerpult  [Abb.  251], 
welches  Jehan  Joses  von  Dinant  nebst  einigen 
großen  Kirchenleuchtern  in  der  zweitenHälfte 
des  14.  Jahrhunderts  nach  Tongern  geliefert 
hat.  Die  Pulte  in  Aachen,  Erkelenz,  Düssel- 
dorf sind  im  Aufbau  verwandt  und.  wenn  nicht 
in  Dinant  selbst,  so  doch  jedenfalls  nach  nie- 
derländischen Vorbildern  geschaffen.  Auch 
die  einfachere  Art,  welche  die  Bauformen 
durch  einen  runden  Schaft  ersetzt,  [Beispiele 
in  Dortmund.  Corrermuseum  von  Venedig], 
reicht  mit  dem  Pult  von  Houffalize  an  der 
Abb.25i:AdierpuitvonJehan.Joses  in  Tongern  Maas  uoch  in  das  14.  Jahrhundert  zurück.  D 
4.  DIE  GLASMALEREI  D 

Der  Kirchenbau  der  reifen  Gotik  stellte  der  Glasmalerei  gewaltige  Aufgaben, 
aber  er  erleichterte  ihr  deren  Lösung  nicht.  Mit  dem  Wachsen  der  Fenster  tritt 
die  Notwendigkeit  ihrer  Gliederung  durch  die  steinernen  Pfosten  des  Stabwerks 
ein,  die  oben  das  bekrönende  Maßwerk  stützen.  Der  Glasmaler  hatte  nicht  wie 
früher  eine  einheitliche  Lichtöffnung  vor  sich,  sondern  eine  Reihe  getrennter 
schmaler  Streifen,  oft  zehnmal  so  hoch  wie  breit  und  durch  wagrechte  Eisen- 
schienen in  zahlreiche  Gefächer  zerlegt.  DieBewältigung  so  einseitig  überhöhter 
Bildfelder  war  um  so  schwieriger,  als  die  Glasmalerei  bis  gegen  den  Ausgang  des 
14.  Jahrhunderts  noch  eine  monumentale,  weitreichende  Wirkung  anstrebte.  D 
Das  einfache  Mittel,  kleine  Bildfelder,  die  sogenannten  Medaillons,  auf  Orna- 
mentgrund bis  oben  hinauf  über  einander  zu  reihen,  war  in  großen  Kirchen  wenig 
angebracht,  weil  nur  die  unteren  Bilder  erkennbar  blieben.  In  Frankreich  ver- 
schwinden daher  die  Medaillonfenster,  der  Stolz  des  spätromanischen  Stils,  schon 
im  Anfang  des  14.  Jahrhunderts.  Nur  der  rückständige  Süden  hat  in  den  Scheiben 
von  Carcassonne  1 1320  bis  1330]  noch  vortreffliche,  aber  altertümlich  anmutende 
Beispiele  aufzuweisen.    Deutschland  und  die  Schweiz  dagegen  haben  auf  die  Me- 

326 


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daillonfenster  mit  ihrem  erzählenden  Inhalt 
typologischer,  biblischer  Geschichten  und 
Heiligenlegenden  nicht  verzichtet.  So  lange 
die  romanische  Überlieferung  noch  wirksam 
war,  setzte  man  auch  in  ganz  hohen  Fenstern 
[Köln,  München-Gladbach,  Westhofen,  Wei- 
genburgl  die  Bildfelder  bahnweis  überein- 
ander. Die  Erkenntnis  der  Mängel  dieser  An- 
ordnung führte  dann  zuweilen  zu  sehr  kunst- 
vollen Lösungen,  um  einen  ausreichenden 
Durchmesser  zu  gewinnen.  So  erstrecken 
sich  in  Königsfelden  [nach  1315]  die  Rund- 
bilder über  drei  Fensterbahnen  in  der  Breite; 
in  Niederhaslach  ist  eine  ähnliche  Verteilung 
noch  zu  Ende  des  14.  Jahrhunderts  wieder- 
holt. In  Rosenweiler  [Elsaß]  hat  man  weniger 
glücklich  zwei  Bahnen  zusammen  gefaßt,  so 
daß  der  Steinpfosten  die  Ovalfelder  in  der 
Mitte  durchschneidet.  D 

Die  vorherrschende  Form  war  auch  in 
Deutschland,  obwohl  nicht  so  ausschließlich 
wie  in  Frankreich  und  England,  das  Fenster 
mit  großen  Standfiguren.  Die  Füllung  der 
Streifen  war  leicht,  wenn  man  |wie  in  den 
Hochfenstern  des  Straßburger  Münsters,  in 
MarburgundKönigsfelden|  zweiHeilige  über- 
einander stellte.  InderRegel  aber  enthält  jede 
Bahn  nur  eine  Figur.  Hier  tritt  nun  als  das  un- 
entbehrliche Hilfsmittel  der  Höhenfüllung  der 
Baldachin  aus  gotischen  Bauformen  auf.  Er 
beginnt  im  13.  Jahrhundert  ganz  bescheiden 
als  einfacher  Kielbogen  mit  Kreuzblume  und 
überläßt  das  obere  Drittel,  auch  die  Hälfte 
der  Fensterbahn,  den  farbigen  Mosaikmustern 
I Hochchorfenster  des  Kölner  Doms]  und 
den  grauen  oder  farbigen  Blattornamenten 
]  Abb.  252].  D 

Im  14.  Jahrhundert  steigt  er  erst  als  Wim- 
perg oder  Ziergiebel,  dann  als  leichter  Turm- 
bau hoch  empor,  in  weißem  oder  gelbem  Glas 
aus  dem  tiefer  gefärbten  Mosaikgrund  hell 
herausleuchtend.  Diese  schlanken,  durchsich- 
tigenBaldachinegleichenviel  mehrden  silber- 
nen Monstranzen  als  wirklicher  Steiiiarbeit. 


Abb.  25 J: 
D 


Konster  m   HluiiuMisti'iii  boi  norn, 
um  i:tO()  □ 


327 


lifi   ii 


Abb.  253:  Teil  eines 
Apostelfensters  inKöniors- 
D       felden,  vor  1327       D 


Die  erste  Zeit  der  Gotik  bildet  sie  vollständig  flach,  wie  ja 
auch  die  figürlichen  Darstellungen  noch  keine  Raumvertie- 
fung erreichen.  Bald  nach  1320  beginnt  die  perspektivische 
Zeichnung  der  Bauformen.  Das  berühmte  Dreikönigen- 
fenster  [vor  1322]  und  einige  Standbildscheiben  in  den  Chor- 
kapellen des  Kölner  Doms  bezeichnen  den  Übergang.  Ein 
sicheres  Datum  für  den  vollzogenen  Fortschritt  gibt  eins  der 
vor  1327  gestifteten  Apostelfenster  in  Königsfelden  [Kanton 
Aarau,  Abb.253J,  die  dem  oberrheinischenKunstgebiet  nahe- 
stehend, zu  den  vorgeschrittensten  Arbeiten  ihrer  Zeit  ge- 
hören. In  Strasburg  gehen  während  der  ersten  Hälfte  des 
14.  Jahrhunderts  flache  und  körperhafte  Baldachine  neben 
einander  her.  □ 

Das  naturalistische  Laub  und  Rankenwerk  der  Frühgotik 
hat  in  keinem  andern  Kunstzweig  sich  so  reich  entfaltet,  wie 
in  der  Glasmalerei  des  14.  Jahrhunderts  und  insbesondere 
in  der  deutschen.  Neben  den  landläufigen  Motiven  der  Wein- 
ranke, der  Rosen  und  Eichenzweige,  des  Ahorns  und  Efeus, 
hat  die  Glasmalerei  in  der  heimischen  Pflanzenwelt  noch 
mancherlei  dankbare  Vorbilder  gefunden,  wie  die  Stech- 
palme, den  wilden  Wein  und  den  Hopfen  [in  Marburg, 
Altenberg  bei  Köln,  BebenhausenJ,  welche  die  Baukunst 
unbeachtet  gelassen  hatte  [Abb.  254].  Die  Ranken  dienen 
bald  als  Randborte  [Beispiele  im  Münster  zu  Freiburg. 
Klosterneuburg,  Westhofen  im  Elsaß,  Münster  in  Straßburg, 
Rothenburg  an  der  Tauber],  bald  füllen  sie  das  Magwerk, 
bald  den  Grund  der  Medaillonfenster  [Königsfelden.  Frei- 
burg, Xanten,  Köln,  Löwenburg  bei  Kassel,  Fenster  aus 
Wimpfen  imTal  imDarmstädter Museum].  Bei  denMedaillon- 
fenstern  pflegt  der  Rankengrund  bahnweise  abzuwechseln 
mit  geometrischen  Rauten-und  Rosettenmustern,  die  wäh- 
rend des  14.  Jahrhunderts  den  vorherrschenden  Hintergrund 
auch  der  Standfiguren  bilden.  D 

Wenn  das  Pflanzenornament  selbständig  auftritt,  sei  es 
zur  Füllung  ganzer  Fenster,  wie  das  namentlich  bei  den 
Grauscheiben  der  Cistercienserkirchen  der  Fall  ist,  sei  es  in 
einzelnen  Gefächern  [vgl  Abb.  252 1,  so  wird  es  nicht  selten 
durch  farbige  Bänder  in  Kreise,  Rauten,  Pässe  und  ähnliche 
Felder  zusammengefaßt  (Beispiele  in  Blumenstein,  Könitz, 
Kappel,  Königsfelden;  in  Altenberg,  Hersfeld,  Eßlingen. 
Freiburg,  Weißenburg  im  Elsaß,  Steyr,  Heiligenkreuz].  Für 
die  freie  Rankenführung  bieten  unter  anderen  die  Scheiben 
aus  Seligental  im  Münchener  Museum,  aus  Mutzig  im  Straß- 
burger   Museum,    und    in    Altenberg.    Marburg,    Herford, 


328 


Münchenbuchsee  vortreffliche  Beispiele 
[Abb.  255  und  2561-  D 

Den  schon  von  Theophilus  beschrie- 
benen Gebrauch,  aus  schwarz  oder  grau 
bemalten  Flächen  Ornamente  vor  dem 
Brennen  blank  auszuradieren  oder  aus- 
zusparen, hatte  die  Frühgotik  von  der 
romanischen  Glasmalerei  [vgl.  Abb.  227] 
übernommen.  Für  solche  'Damastmuster' 
[Beispiele  in  Oberkirch  in  der  Schweiz, 
Hall  in  Württemberg,  Freiburg,  Rothen- 
burg, Heiligenkreuz,  Kunstgewerbe- 
museum Köln,  in  Stanford,  York,  S.  Ouen 
in  Rouen]  verwandte  das  14.  Jahrhundert 
sehr  zierliche,  oft  gefiederte  Ranken,  die 
ein  wirkliches  Naturvorbild  nur  selten  er- 
kennen lassen  und  die  der  Glasmalerei 
allein  zu  eigen  sind.  Erst  die  Spätgotik 

fügte  dann  den  eigentlichen  Damast- 
mustern auch  aus  der  Seidenweberei  ent- 
nommene Flachornamente,  wie  das  land- 
läufige Granatapfelmuster,  als  Glasmaler- 
damast hinzu.  □ 
In  die  Frühzeit  der  gotischen  Glas- 
malerei fällt  eine  wichtige  Erweiterung 
der  Technik,  die  Erfindung  einer  zweiten 
Malfarbe,  des  SILBERGELB  oder  Kunst- 
gelb. Schwefelsilber,  in  Ocker  oder  Lehm 
gemengt  und  auf  die  Rückseite  weiter 
Scheiben  aufgestrichen,  ergibt  nach  dem 
Brennen  und  nach  Entfernung  der  erdigen 
Kruste  eine  durchsichtig  goldgelbe  Fär- 
bung der  bestrichenen  Stellen.  Der  Gold- 
ton lägt  sich  je  nach  Silbergehalt,  Brand- 
stärke und  Empfänglichkeit  des  Glases 
von  zartem  Hellgelb  bis  zu  sattem  Orange 
steigern.  Man  konnte  damit  goldene  Kro- 
nen, Heiligenscheine,  blonde  Haare,  Ge- 
wandborten, kurz  Zierraten  aller  Art  auf 
weigem  Glas,  ohne  besondere  Bleifassung, 
erzielen.  D 
Das  Silbergelb  ist  zuerst  in  der  Schweiz 
an  einem  Fenster  in  Blumenstein  [vgl. 
Abb.  252 1  um  1300  nachzuweisen,  dann  in 


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Abb.  254  [obciil;  AusM-hmu  rii.,s  Mai-burtjcr 
Fensters  mit  nopfeiiranUcii  D  Abb.  iöö  [Mitie): 
Fensterausschiiitt  mit  Weinraiikon.  Museum  zu 
Straliburg  D  Abb. 'JöG  [unten]:  Fensterausschnitt 
O  mit  Efeu.    Aus  Seligenthal  D 

329 


Frankreich  und  England  ungefähr  von  1330  ab  an  zahlreichen  Grauscheiben  [in 
Chartres,  Ronen,  Evreux,  Stanford  und  York]  und  wenig  später  in  Deutschland 
an  einigen  kleinen  Grauscheibchen  mit  einzelnen  Heiligenfiguren  im  Kölner 
Kunstgewerbemuseum.  Die  Anwendung  hielt  sich  während  der  Frühgotik  auf 
deutschem  Boden  in  sehr  engen  Grenzen,  weil  die  vollfarbigen  Fenster  des  Monu- 
mentalstils nur  wenig  weiges  Glas  enthielten.  Man  konnte  das  Silbergelb  zwar 
auch  auf  farbige  Gläser  aufbrennen  und  damit  grünen  Baumschlag  in  blauer  Land- 
schaft erzielen.  Aber  diese  Künste  hat  das  14.  Jahrhundert  kaum  geübt.  Erst  der 
malerische  Stil  der  Spätgotik  hat  hier  alle  Möglichkeiten  des  Kunstgelbs  voll  aus- 
genützt. Der  französischen  und  englischen  Glasmalerei  dagegen,  die  schon  früher 
zu  hellen,  farbenarmen  Fenstern  überging,  war  das  neue  Verfahren  nach  der  Mitte 
des  14.  Jahrhunderts  ganz  geläufig.  D 

Die  ÜBERFANGGLÄSER,  aus  einer  hellen  Scheibe  mit  dünn  aufgeschmolzener 
Schicht  farbigen  Glases  bestehend,  mehren  sich  im  Verlauf  des  14.  Jahrhunderts, 
nachdem  die  romanische  Zeit  mit  rotem  Überfang-  oderDoppelglasvorangegangen 
war.  Auch  das  teilweise  Ausschleifen  des  Überfangs  war  der  Frühgotik  schon  be- 
kannt. Im  roten  Rand  einer  Grauscheibe  im  Kapitelsaal  des  Kölner  Doms,  die  der 
ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  angehört,  sind  weige,  durch  den  Überfang  ge- 
bohrte Perlen  zu  sehen.  Die  kunstvollere  Verwertung  dieses  Verfahrens,  nament- 
lich für  Wappen,  blieb  indessen  den  Kabinetscheiben  des  15.  und  16.  Jahrhunderts 
vorbehalten.  □ 

Das  14.  Jahrhundert  ist  für  die  DEUTSCHE  GLASMALEREI,  was  das  13.  Jahr- 
hundert für  die  französische  war:  die  Blütezeit  des  monumentalen  Stils.  Die  Zahl 
der  Denkmäler  ist  trotz  schwerer  Verluste  noch  so  groß,  dag  ein  kurzer  Hinweis 
auf  die  bedeutenderen  Gruppen  hier  genügen  mug.  D 

Im  Nordwesten,  am  Niederrhein,  steht  naturgemäß  Köln  mit  seinem  Dombau 
an  erster  Stelle.  Das  älteste  Fenster,  zwei  Bahnen  kreuzförmiger  Bilder  typo- 
logischen  Inhalts,  gehört  mit  seiner  spätromanischen  Ornamentik  noch  dem  Über- 
gangsstil an.  Dann  folgen  aus  dem  ersten  Drittel  des  14.  Jahrhunderts  in  langer 
Reihe  die  mächtigen  Standfiguren  biblischer  Könige  unter  Baldachinen,  dazu  graue 
und  farbige  Ornamentfelder  [Hochchorfenster],  auch  noch  frühgotische  Medaillon- 
scheiben und  Heiligenfiguren,  die  ursprünglich  wahrscheinlich  die  ehemalige 
Dominikanerkirche  zierten.  Die  Kölner  Werkstätten  griffen  über  die  Stadt  hinaus; 
an  das  eben  genannte  älteste  Domfenster  schließen  sich  als  nah  verwandt  ein 
Medaillonfenster  in  Weißenburg  im  Elsaß  [zwischen  1264  und  1293 1  mit  spätroma- 
nischem Ornament  und  ein  anderes  in  München-Gladbach  an,  beide  mit  ähnlicher 
Gegenüberstellung  alt-  und  neutestamentlicher  Bilder.  Mit  den  frühgotischen 
Kölner  Arbeiten  hängen  fünf  Gefächer  eines  Medaillonfensters  in  Xanten  und  die 
noch  immer  beträchtlichen  Überreste  der  Grauscheiben  in  der  früher  verwahr- 
losten Abteikirche  von  Altenberg  [Teile  davon  auch  im  Wiener  Kunstgewerbe- 
museum! zusammen.  Kölnischer  Einfluß,  aber  nicht  kölnische  Arbeit  ist  auch  an 
dem  Straßburger  Domfenster  mit  dem  Urteil  Salomonis  bemerkbar.  D 

Im  übrigen  ging  die  überaus  fruchtbare  Glasmalerei  Straßburgs  und  des  ELSASS 
ihre  eigenen  Wege,  wenn  sie  auch  gelegentlich  französische  Anregungen  aufnahm. 

330 


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JOHANNESFENSTER  IN 
NIEDERHASLACH,  um  1400 


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gotischen  Ideals  besonders  betont.  Ein  Einfluß  der  Stragburger  Schule  ist  wieder- 
holt bemerklich,  so  an  dem  spätromanischen  Rundbogenfenster  mit  der  heiligen 
Afra  und  um  die  Mitte  des  14.  Jahrhunderts  am  Fenster  der  Bäcker,  das  in  der 
Medaillonumrahmung  den  Stragburger  Fenstern  der  Laurentiuskapelle  und  der 
Wilhelmskirche  [vgl.  Abb.  257J  verwandt  ist.  □ 

Die  Kirchenfenster  der  SCHWEIZ  aus  dem  Ende  des  13.  und  der  ersten  Hälfte 
des  14.  Jahrhunderts  bilden  eine  ziemlich  geschlossene  Gruppe.  Der  Zusammen- 
hang der  schweizerischen  Denkmäler  untereinander  ist  jedenfalls  stärker,  als  der 
mit  der  Glasmalerei  des  Elsaß  und  des  Oberrheins,  obwohl  es  an  mancherlei  Ver- 
wandtschaft besonders  mit  der  Freiburger  Schule  nicht  fehlt.  □ 

DieFenster  ausRomont  um  1295  [MuseumFreiburg  in  der  Schweiz],  inBlumen- 
stein  bei  Thun,  Köniz  bei  Bern,  in  Kappel  und  Oberkirch  [Thurgau]  sind  alle  so 
entworfen,  dag  den  Ornamentfeldern  über  oder  unter  den  Einzelfiguren  ein  Drittel 
oder  mehr  jeder  Bahn  eingeräumt  ist  [vgl.  Abb.  252].  Reste  von  frühgotischen  Me- 
daillonfenstern aus  der  Zeit  um  1300  sind  in  Münchenbuchsee  erhalten.  Die  Ent- 
wicklung gipfelt  in  den  Fenstern  von  Königsfelden,  dem  bedeutendsten  Schatz 
frühgotischer  Glasgemälde,  den  die  Schweiz  aufzuweisen  hat.  Sie  schmücken  die 
Klosterkirche,  welche  die  Witwe  Albrechtsl.  und  seine  Tochter  Agnes  von  Ungarn 
auf  der  Stätte  errichteten,  wo  der  König  1308  ermordet  worden  war.  Die  heute 
wieder  instand  gesetzten  und  ergänzten  Fenster  waren  von  den  Kindern  König 
Albrechts  während  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  gestiftet  worden.  Im 
Chor  wechseln  Standfiguren  [vgl.  Abb. 253]  mit  grogen  Medaillonbildern  in  der  be- 
reits erwähnten  kunstvollen  Verteilung.  Aus  dem  Langhaus  sind  noch  zahlreiche 
Reste  von  Ornamentfeldern  vorhanden.  □ 

In  BAYERN  birgt  der  RegensburgerDom  eineFülle  von  Glasmalereien  vom  13. 
bis  zum  15.  Jahrhundert,  unterdenen  diefrühgotischenMedaillonfenster  des  Chors 
hervorragen,  die  Bischof  Nicolaus  vonStachowitz  und  Propst  Konrad  vonSchwar- 
zenberg  um  1335  gestiftet  haben.  Es  folgt  die  Sebaldskirche  in  Nürnberg  mit  dem 
Fürerfenster  von  1325,  dem  Tucherfenster  von  1365  und  dem  Schürstabfenster 
von  1379,  dann  die  Jakobskirche  in  Rothenburg  an  der  Tauber  und  der  Dom  in 
Augsburg.  □ 

Die  ersten  noch  recht  unbeholfenen  Anläufe  zur  Gotik  zeigen  in  ÖSTERREICH 
die  Heiligenkreuzer  Fenster  mit  den  Standbildern  der  Babenberger  in  langge- 
streckten Medaillons  aus  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts.  Zu  sicherer  Beherrschung 
der  neuen  Formensprache  sind  dann  die  Kreuzgangsscheiben  in  Klosterneuburg 
vorgeschritten,  nach  Ausweis  der  Stifterbildnisse  von  1291  an  bis  um  1335  ausge- 
führt. Füreinen  TeilderbiblischenBilder,  die  hierebenfalls  in  länglich  geschweifte 
Medaillonfelder  auf  meist  geometrisch  gemustertem  Rosettengrund  eingefaßt  sind, 
gab  der  Schmelzaltar  des  Nicolaus  von  Verdun  die  Vorlagen  her,  andere  stehen 
den  Wiener  Kupferschmelzarbeiten  dieser  Zeit  [vgl.Seite318]  nahe.  Die  inKloster- 
neuburger  Urkunden  zwischen  1291  und  1331  mehrfach  genannten  Glasmaler 
Meister  Eberhard  und  dessen  Sohn  Alhart  waren  an  der  Arbeit  wahrscheinlich  be- 
teiligt. Diese  Schule  ist  für  die  Ostmark  sichtlich  tonangebend  gewesen;  von  den 
österreichischen  Glasgemälden  der  Frühgotik  ( Hauptdenkmäler  in  Graz,  Herzogen- 

332 


bürg,  Gars,  Steyr,  Schloß  Laxenburg  und  anderwärts]  weisen  nicht  wenige  ihre 
Merkmale  auf.  So  sind  die  eigentümlich  gestreckten  Medaillons  auch  in  Friesach, 
in  Steyr,  Graz,  Krakau  und  in  den  Leobener  Scheiben  des  germanischen  Museums 
zu  sehen.  D 

SehransehnlicheBestände  bewahrennoch  dieKatharinenkirche  in  Oppenheim, 
Marburg,  Limburg  an  der  Lahn,  Schloß  Erbach,  Erfurt  und  Mühlhausen  in  Thüringen, 
Herford  und  Soest  [Wiesenkirche],  Halberstadt  undBrandenburg,  in  Württemberg 
Eglingen,  Hall  [1343]  und  Gundelsheim.  Bis  weit  in  den  Osten,  nach  Thorn  und 
Krakau  [Marienkirche],  erstreckte  sich  der  Wirkungskreis  deutscher  Glasmaler. 
Die  Eigenart  örtlicher  Schulen  und  der  Zusammenhang  einzelner  Denkmäler- 
gruppen werden  aber  erst  dann  klar  erkennbar  sein,  wenn  so  genaue  Aufnahmen, 
wie  sie  bisher  für  Elsaß,  Schweiz,  Marburg  und  zum  Teil  für  Österreich  erschienen 
sind,  auch  für  andere  Gebiete  vorliegen.  D 

Die  FRANZÖSISCHE  GLASMALEREI  ist  die  erste,  die  von  dem  vollfarbigen 
Stil  abgeht  und  mit  hell  und  kühl  gestimmten,  sogar  mit  farbenarmen  Bildern  sich 
begnügt.  Die  Grauscheiben,  gemustert  mit  mageren  Ranken  und  Bändern  oder  mit 
Blättern  in  Rauten,  werden  in  steigendem  Maß  verwendet,  sei  es  selbständig,  sei 
es  als  Hintergrund  und  als  Füllung  der  Bahnen  über  und  unter  den  Standfiguren. 
GroßefarbigeFigurenaufgraugemaltemGrundsind  in  derUrbanskirche  zuTroyes 
[um  1300]  und  in  Seez  zu  sehen.  Und  selbst  die  Graumalerei  schien  entbehrlich; 
bei  demHarcourtfenster  in  Evreux  [um  1325]  füllt  unbemaltes  weißes  Rautenglas, 
nur  mit  einer  Farbenrosette  in  derMitte  jedes  Gefachs,  dieBahnenüberdenFiguren 
aus.  Ähnlich  steht  es  mit  den  Standfigurenfenstern  inS.Ouen  zu  Ronen  und  ander- 
wärts. Im  Dom  von  Chartres  sind  die  farbigen  Figuren  einer  frühgotischen  Ver- 
kündigungunmittelbar auf  farblosenRautengrund  gesetzt  und  ein  voneinemDom- 
herrn  Thierry  1328  derselben  Kirche  geschenktes  Fenster  geht  noch  weiter:  hier 
ist  alles,  Heiligenfiguren  und  Hintergrundmuster,  ausschließlich  in  Graumalerei 
und  Silbergelb  auf  weißes  Glas  gemalt.  Das  ist  eine  Form,  die  am  Rhein  erst  im 
Beginne  des  15.  Jahrhunderts  aufkommt.  Man  sieht  aus  diesen  Beispielen,  daß 
Frankreich  die  einheitlich  geschlossene  Farbenwirkung  der  Fenster  als  Ganzes 
schon  aufgab,  lang  bevor  der  Fortschritt  von  der  flächenhaften  zur  perspektivi- 
schen Darstellungsweise  der  Spätgotik  dazu  technischen  Anlaß  gab.  D 

Der  Entwicklungsgang  ist  für  den  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  in  Chartres 
[Dom  und  S.  Peter],  dann  in  Carcassonne,  Clermont,  Narbonne,  Seez,  Coutances 
und  vor  allem  in  Evreux  und  Ronen  bis  in  die  Spätgotik  hinein  zu  verfolgen.        D 

Für  ENGLAND  ist  die  französische  Glasmalerei  wie  in  romanischer  Zeit  maß- 
gebend geblieben.  Die  Verwandtschaft,  namentlich  mit  der  Schule  von  Rouen, 
ist  von  Westlake  im  einzelnen  nachgewiesen  worden.  Als  die  bedeutendsten 
Denkmäler  der  Frühgotik  führt  er  die  F'enster  im  Dom  und  Kapitolhaus  von 
York,  in  Exeter,  Wells,  Gloucester,  Oxford  [Merton  College]  und  in  der  Abtei 
Tewkesbury  an.  D 

Es  ist  kein  Wunder,  daß  die  Glasmalerei  in  ITALIEN  nicht  vor  dorn  14.  Jahr- 
hundert nachzuweisen  ist  und  daß  sie  in  viel  beschränkterer  Verwendung  als  in 
Deutschland  auftritt,   denn  der  italienische  Kirchenbau  mit  seinen  ausgedehn- 

333 


Abb.  258:  Hintcrtihismal 


ten  Wandmalereien  bedurfte  der 
Glasbilder  nicht  in  dem  Maße, 
wie  die  fensterreiche  Gotik  des 
Nordens.  DieKirche S.Francesco 
in  Assisi  besitzt  die  ältesten  Glas- 
gemälde Italiens  aus  dem  Anfang 
des  14.  Jahrhunderts.  Dann  fol- 
gen 1334  ein  großes  Fenster  von 
Giovanni  di  Bonino  aus  Assisi  in 
Orvieto  und  weiterhin  zahlreiche 
Werke  in  Florenz  [Dom,  Orsan- 
michele,  S.  Maria  Novella  und 
S.  Crocej.  Auch  in  Pisa.  Mailand 
und  Arezzo  sind  noch  Scheiben 
des  14.  Jahrhunderts  erhalten. 
Die  teils  urkundlich,  teils  durch 
bezeichnete  Arbeiten  überliefer- 
ten Meisternamen  weisen  auf 
Assisi,  Siena,  Pisa,  Florenz  und 
Venedig  als  Betriebsorte.  Dag 
die  Glasmalerei  mit  der  Gotik 
von  Frankreich  oder  Deutschland 
her  eingeführt  wurde,  ist  ziem- 
lich sicher.  Aber  viel  mehr  als 
die  technische  Belehrung  hat  die 
selbstbewußte  Kunst  Italiens 
nicht  angenommen.    Es  ist  be- 


zeichnend, dag  schon  die  ersten  Denkmäler,  die  Fenster  in  Assisi,  im  Ornament 
und  im  Stil  der  Figuren  von  nördlichem  Einfluß  ganz  unberührt  erscheinen.  Sie 
schließen  sich  vielmehr  eng  an  diegleichzeitigen  Wandmalereien  dieserKirche  an. 
Mit  einer  anderen,  ungleich  bescheideneren  Art  der  Glasmalerei  ist  Italien  dem 
Norden  vorangegangen.  Es  ist  die  HINTERGLASMALEREI,  die  zur  Herstellung 
kleiner  Andachtsbildchen  und  Anhänger,  zu  Einlageplatten  in  Kreuzen,  Reliquien- 
kasten und  ähnlichem  diente.  Das  Verfahren  geht  auf  die  antiken  Goldgläser  |  vgl. 
S.  162,  Abb.  141,  142|  zurück.  Durch  Theophilus  wissen  wir,  daß  die  Griechen  zu 
seiner  Zeit  |um  1100|  noch  solche  Gläser  gemacht  haben.  Von  Byzanz  wurde  die 
Arbeit  wieder  nach  Italien  übertragen.  Die  ältesten  italienischen  Hinterglasmale- 
reien des  14.  Jahrhunderts  |  Beispiele  im  Bargello,  Louvre,  Cluny;  eine  große 
Sammlung,  besonders  der  späteren  Zeit,  im  Turiner  Museum]  sind  bereits  tech- 
nisch vereinfacht.  Eine  farblose  Glasplatte  wird  auf  der  Rückseite  mit  Blattgold 
beklebt,  aus  dem  dieZeichnung,  meistHeiligenbilder,  ausradiert  ist  |  Abb.258|.  Sie 
ist  anfänglich  schwarz  hinterlegt,  dann  auch  farbig  ausgemalt,  wobei  die  Lichter 
zuerst  aufgetragen  werden  müssen.  Die  Malerei  wurde  weder  gebrannt,  noch  mit 
Überfangglas  beschmolzen,  da  der  Rahmen  oder  die  Fassung  die  Rückseite  der 

334 


Platten  beschützte.  In  der  fol- 
genden Entwicklung  gewinnt  die 
farbige  Hintermalung  über  die 
radierte  Goldzeichnung  die  Über- 
hand. Von  der  Spätgotik  ab  war 
die  Gattung  auch  außerhalb  Ita- 
liens weit  verbreitet  und  wurde 
namentlich  in  Spanien  und  am 
Rhein  mitErfolg  geübt.  Zu  künst- 
lerischen Leistungen  hat  sie  sich 
nach  dem  16.  Jahrhundert  kaum 
mehr  erhoben.  D 

5.  DIE  KUNSTSTICKEREI  □ 

Das  Zeitalter  der  Gotik  führt 
die  Stickerei  zu  einer  Höhe  und 
Vollendung  der  Nadelmalerei,  die 
der  Neuzeit  künstlerische  Steige- 
rungen kaum  mehr  übrig  lieg,  ob- 
gleich das  Mittelalter  keineswegs 
alle  technischen  Möglichkeiten 
erschöpft  hatte.  D 

Eine  wesentliche  Ursache  des 
um  1300  sich  vollziehenden  ra- 
schen Aufschwungs  lag  in  der  Ent- 
stehung eines  bürgerlichen  Ge- 
werbes berufsmäfiiger  Sticker 
und  Stickerinnen,  die  in  Paris,  London,  Florenz,  in  Burgund,  Österreich,  Köln  und 
anderwärts  bei  großen  Aufgaben  die  Mitarbeit  namhafter  Künstler  sich  sichern 
konnten.  In  Paris  ist  ein  zunftmäßiger  Verband  von  Berufsstickern  und  Sticke- 
rinnen schon  am  Ausgang  des  13.  Jahrhunderts  verbürgt.  In  anderen  Gegenden, 
wo  urkundliche  Nachrichten  fehlen,  weisen  bezeichnete  Werke  auf  bürgerliche 
Meister.  So  hat  auf  einem  Altarbehang  in  Manresa  | Spanien],  der  in  19 Bildern  das 
Leben  Christi  schildert,  der  Verfertiger  seinem  Namen  den  Beruf  zugefügt:  Geri 
Lapi  Rachamatore  me  fecit  in  Florentia.  Und  auf  einem  Altarbehang  in  Salzburg 
[um  1300]  wird  Seidlinus  von  Pettau  als  Meister  genannt.  D 

Die  Ausbreitung  der  Berufsstickerei  hatte  durchaus  nicht  das  Ergebnis,  daß 
die  Pflege  der  Nadelarbeit  in  den  Nonnenklöstern  unterdrückt  wurde.  Aber  die 
Klosterarbeit  konnte  mit  der  bürgerlichen  Stickkunst  doch  nicht  ganz  Schritt 
halten.  In  Deutschland  wenigstens,  wo  Klosterarbeiten  des  14.  Jahrhunderts  noch 
reichlich  vorhanden  sind,  kaim  man  ziemlich  deutlich  merken,  daß  diese  nament- 
lich in  der  farbigen  Bildstickerei  auf  einer  tieferen  Stufe  stehen  blieben.  D 

Von  den  gestickten  Zimmerausstattungen  und  prunkvollen  Festgewändern, 
wie  sie  der  französische  und  burgundische  Hof  laut  urkundlichen  Berichten  aus- 
führen ließen,  ist  nichts  mehr  übrig.  Nur  ein  zurKasel  verschnittener  VVappcnrock 

335 


Abb.  259: 
D 


Kasel  in  Braunfels,  aus  einem  Wappenrock  ver- 
schnitten D 


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D  Abb.  260:  Englischer  Mantel  aus  dem  Syon-Kloster.    South  Kensington  Museum.    Um  1300  D 

mit  goldenen  Leoparden,  Ranken  und  Füllfigürchen  auf  rotem  Grund  im  Schloß 
Braunfels  [Abb.  259]  ist  als  Überrest  weltlicher  Tracht  aus  der  Mitte  des  14.  Jahr- 
hunderts zu  nennen.  D 

Den  Hochstand  der  frühgotischen  Kunststickerei  für  kirchliche  Zwecke  be- 
zeichnen die  in  beträchtlicher  Zahl  erhaltenen,  in  ganzer  Fläche  bestickten  Chor- 
mäntel und  die  selteneren,  künstlerisch  mindestens  ebenbürtigen  Altarbehänge. 
[Die  Hauptstücke  sind  zumeist  in  dem  großen  Tafelwerk  über  'die  Stickerei  vom 
11.  Jahrhundert  bis  zur  Neuzeit'  von  L.  de  Farcy  veröffentlicht.]  Die  Chormäntel 
[Cappa,  Pluviale]  sind  annähernd  halbkreisförmig  und  mit  einem  kleinen  Nacken- 
schild, dem  verkümmerten  Überrest  der  Kapuze,  versehen.  Die  Schließen  solcher 
Mäntel  kunstvoll  zu  gestalten,  war  eine  beliebte  Aufgabe  der  gotischen  Gold- 
schmiedekunst; ausgezeichnete  Silberschließen  des  14.  Jahrhunderts  bewahren 
die  Kirchenschätze  von  Aachen,  Tongern,  Elten  [vgl.  Abb.  241].  D 

Die  Frühzeit  der  Gotik,  nach  1250,  teilte  die  Fläche  der  Chormäntel,  wie  es 
schon  die  romanische  Stickerei  [Mantel  aus  S.  Blasien]  getan  hatte,  in  Kreise  ein, 
welche  biblische  Bilder  oder  Heiligenlegenden  umschließen.  Beispiele  dieser 
ältesten  Art  sind  derMantel  des  heiligen  Bischofs  Ludwig  in  S. Maximin  [Dep.  Var], 
das  berühmtere,  nach  1268  gearbeitete  Pluviale  mit  Bildern  von  Päpsten,  welches 
Nicolaus  IV.  1288  seiner  Vaterstadt  Ascoli  Piceno  geschenkt  hatte  und  ein  Mantel 
in  Anagni,  der  zur  Schenkung  Bonifaz  VIII.  von  1295  gehört.  D 

Bei  der  nächstfolgenden  Gruppe,  dienochvor  1300zurückreicht,  sinddieKreise 
durch  gotische  Vierpaßfelder  ersetzt,  die  aneinander  geschoben  oder  verschlungen 
die  Gruppenbilder  oder  Einzelfiguren  umrahmen  [Abb.  260 1.  Die  Chormäntel  aus 
Daroca  (Museum  Madrid],  aus  dem  englischen  Kloster  Syon  [South  Kensington 
Museum],  im  Museo  civico  zu  Pisa,  ein  französischer  Altarbehang  in  Toulouse  und 
ein  deutscher  inSalzburg  zeigen  dieVierpässein  strenggeschlossener  Anordnung. 

336 


G  Abb.  261:  Englischer  Mantel  in  Bologna,  14.  Jahrhundert 

Zwei  englische  Mäntel  in  Comminges  [Dep.  Haute  Garonne],  die  Papst  Clemens  V. 
1309  der  Kirche  S.  Bertrand  gab,  sind  bereits  als  freiere  Übergangsformen  zu  be- 
trachten. Vor  den  Kreisfeldern  hatte  die  Vierpagordnung  den  Vorzug  einer  zu- 
sammenhängenden Flächenmusterung  voraus,  aber  sie  teilte  den  Fehler  der 
ersteren,  dag  die  äußerste  Bilderreihe  durch  die  runde  Mantelform  beschnitten 
wurde.  CD 

Eine  befriedigende  Lösung  ergab  erst  die  dritte  Entwicklungstufe,  welche  die 
figürlichen  Darstellungen  in  drei  konzentrischen  Reihen  von  Spitzbogennischen 
unterbrachte  [Abb.  261J.  Diese  Gattung  wurde  im  14.  Jahrhundert  die  vorherr- 
schende und  sie  umfagt  die  vollendetsten  und  reichsten  Nadelmalereien  der  Früh- 
gotik. Hierher  gehören  die  wohlerhaltenen  Chormäntel  in  Bologna  [Museo  civicoj, 
in  Pienza,  in  der  Laterankirche,  im  Dom  von  Toledo  und  die  unvollständigen  in 
Vieh  und  inPleasington  [aus  Mount  S.Mary's  College].  Natürlich  wurden  die  Spitz- 
bogenstellungen, wie  vorher  die  Vierpagordnung,  in  Deutschland  und  Frankreich 
auch  für  die  Altarbekleidungen  angewendet;  ganz  hervorragende  Beispiele  dafür 
sind  in  Chateau  Thierry,  im  Berner  Museum,  in  Dresden  [Museum  des  Altertums- 
Vereins]  und  in  Kloster  Kamp  am  Niederrhein.  □ 

Es  ist  sicher,  dag  die  Stickkunst  ENGLANDS  in  der  Herstellung  solcher  früh- 
gotischen Nadelmalereien  Weltruf  besag  und  sowohl  Frankreich  wie  Deutschland 
zu  Ende  des  13.  und  während  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  überflügelte. 
Wiederholt  stögt  man  in  päpstlichen,  fürstlichen  und  kirchlichen  Schatzverzeich- 
nissen dieser  Zeit  bei  den  Beschreibungen  derartiger  Chormäntel  auf  den  Zusatz 
OPUS  ANGLICANUM.  Das  bedeutet  nicht,  wie  öfter  angenommen  worden  ist, 
eine  bestimmte,  der  Nadelkunst  Englands  eigentümliche  Technik,  sondern  nur  die 
Herkunft  des  Stückes  aus  England.  Denn  die  technische  Ausführung  ist,  auch  bei 
den  zweifellos  englischen  Stücken,  wie  den  Chormänteln  im  Kensington  Museum, 
inPleasington,  Comminges,  Pienza,  Vieh  und  im  Lateran  nicht  einheitlich,  sondern 
sehr  verschiedenartig.  Die  Figuren  sind,  um  eine  feine  Abschattierung  und  Mo- 

22  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  337 


dellierung  zu  ermöglichen,  in  farbiger  Seide  flach  gestickt,  einzelne  Gewänder 
zuweilen  auch  in  Gold  gearbeitet.  Nur  selten  haben  die  Sticker  sich  die  Arbeit  da- 
durch erleichtert,  dag  die  Gesichter  und  Hände  auf  weige  Seide  gemalt  wurden, 
wie  das  an  dem  englischen  Mantel  des  Laterans  und  an  dem  französischen  Altar- 
behang in  Chateau  Thierry  geschah.  Als  Unterlage  dient  in  der  Regel  starke  Lein- 
wand, ganz  gedeckt  durch  einen  gelegten  Goldgrund,  der  in  dichten  Zickzacklinien 
oder  in  Rautenmustern  von  leichtem  Relief  niedergenäht  ist.  Dieser  Regel  stehen 
viele  Ausnahmen  gegenüber:  bald  ist  der  Leinengrund  nicht  mit  Goldfäden,  son- 
dern mit  farbiger  Seide  zugedeckt  [Mantel  aus  Kloster  Syon],  bald  ist  statt  der 
Leinwand  ein  glatter  Seidenstoff  [Marienmantel  in  Comminges,  Kasel  mit  Vier- 
pässen im  Kensington  MuseumJ  oder  ein  Samtstoff  |  Mäntel  in  Pleasington  und 
Vieh,  Antependium  in  Kloster  KampJ  als  Grundlage  gewählt.  In  letzteren  Fällen 
ist  der  Goldgrund  fortgelassen.  □ 

Man  sieht  schon  aus  den  angeführten  Denkmälern,  dag  alle  diese  Spielarten 
der  Technik  den  englischen,  französischen  und  deutschen  Kunststickern  gleich- 
mäßig geläufig  waren,  wie  ja  auch  der  Wechsel  von  Kreisfeldern  zu  Vierpässen 
und  Spitzbogenreihen  sich  auf  demFestland  ebenso  wie  inEnglandvollzogenhatte. 

Imm  erhin  lassen  sich  aus  den  englischen  Mänteln  und  alten  Schriftquellen  einige 
augenfällige  Merkmale  des  Opus  anglicanum  entnehmen:  die  Vorliebe  für  natura- 
listisches Tierornament  und  die  ornamentale  Umbildung  der  Bauformen.  D 

Im  Schatzverzeichnis  des  heiligen  Stuhls  von  1295  hebt  die  Beschreibung  eines 
englischen  Mantels  mit  Heiligenbildern  auf  Goldgrund  die  Figuren  von  Vögeln  und 
anderen  Tieren  besonders  hervor.  Und  in  der  Tat  sind  an  den  Mänteln  in  Pienza, 
imLateran,  Bologna  und  Toledo  teils  dieBorten,  teils  dieBogenzwickel  mit  Vögeln 
von  merkwürdiger  Naturtreue  belebt;  der  Passionsmantel  in  Comminges  zeigt 
auger  den  Vögeln  noch  Eichhörnchen,  Katzen  und  andere  Tiere,  die  auf  den  Blatt- 
ranken herumklettern.  Ebenso  bezeichnend  für  die  englische  Arbeit  ist  bei  den 
Mänteln  mit  Spitzenbogenreihen  die  Auflösung  der  Säulen  bald  in  verschlungene 
Bänder  [Comminges].  bald  in  je  zwei  umeinander  gewundene  Blattranken  [Vieh], 
Eichenäste  | Pleasington]  oder  gedrehte  stabartige  Bildungen  [Lateran,  Pienza]. 
Auch  für  dieses  Merkmal  gibt  es  eine  schriftliche  Beglaubigung:  in  einem  Schatz- 
verzeichnis Philipps  des  Kühnen  von  1404  heigt  es  bei  der  Beschreibung  eines 
älteren  englischen  Mantels,  dag  die  Apostel  in  Tabernakeln  [d.  h.  Spitzbogen- 
nischen] stehen,  die  aus  zwei  Stämmen  von  Bäumchen  gebildet  sind.  Einfache, 
glatte  Säulen,  wie  an  den  Mänteln  in  Bologna  und  Toledo,  sind  seltener;  in  diesen 
Fällen  ist  die  englische  Arbeit  durch  den  Stil  der  Figuren  und  die  Vögel  gesichert. 

Aus  diesen  Kennzeichen,  die  auf  keiner  erweislich  festländischen  Stickerei 
vorkommen,  ergibt  sich  als  sichere  Tatsache,  dag  fast  alle  frühgotischen  Chor- 
mäntel mitBildern  in  Vierpässen  undSpitzbogen  wirklich  in  England  gemacht  sind. 
Die  Blütezeit  des  Opus  anglicanum  hat  das  1 4.  Jahrhundert  nicht  überdauert.  Später- 
hin wurde  die  Kunst  handwerksmägig  betrieben.  Die  zum  Schmuck  der  Kirchen- 
gewänder bestimmten  Stickereien,  Engel,  Sterne,  Adler,  heraldische  Lilien,  spät- 
gotische Blüten  und  dergleichen  wurden  als  lose  Teile  auf  Vorrat  gearbeitet  und 
nach  Bedarf  und  Bestellung  auf  Samtgrund  befestigt.  □ 

338 


D  Abb.  262:  Ausschnitt  aus  dem  Antependium  des  Jacopo  Canipi  in  Florenz,  1336  D 

In  Italien  war  FLORENZ  der  berühmteste  Sitz  der  Kunststickerei.  Das  Opus 
florentinum  war  namentlich  in  Frankreich  geschätzt  und  in  fürstlichem  Besitz  und 
Kirchen  reich  vertreten.  Die  kostbarste  und  umfangreichste  Nadelarbeit  des  14. 
Jahrhunderts,  vonderuns  Schriftquellenberichten,  eine  Altarbekleidung  desDoms 
in  Chartres,  hatte  der  Herzog  von  Berry  1378  in  Florenz  ausführen  lassen,  wahr- 
scheinlich nach  französischer  Vorlage,  da  die  Mitglieder  des  Königshauses  darauf 
dargestellt  waren.  Das  beste  erhaltene  Werk  ist  der  Altarbehang  mit  der  Marien- 
krönung, vierzehn  Heiligen  unter  Spitzbogen  und  dem  Marienleben  in  der  Borte, 
den  Jacopo  Campi  1336  gefertigt  und  bezeichnet  hat  [Arazzimuseum  in  Florenz; 
Abb.  262).  Er  rechtfertigt  vollauf  den  Ruhm  der  Florentiner  und  übertrifft  weit  das 
schon  genannte  Werk  des  Geri  Lapi  und  die  Antependien  in  Pisa  (Museo  civico|, 
Zara,  Veglia,  Tarragona  und  im  South  Kensington  Museum.  Die  italienischen  Sticker 
haben  ihren  englischen  Genossen  manches  abgelernt;  im  Stil  der  Bilder  aberfolgten 
sie  immer  der  heimischen  Malerei,  nicht  der  Gotik  des  Nordens.  D 

Mit  den  französischen  Stickereien  der  Frühgotik  hat  die  Nachwelt  gründlich 
aufgeräumt.  Trotzdem  lassen  sich  dieselben  p]ntwicklungstufen  wie  in  England 
feststellen.  Es  genügt,  drei  gröHiere  Stücke  als  Beweise  anzuführen:  Den  Mantel 
in  S.  Maximin  mit  Kreisbildern  aus  dem  13.  Jahrhundert,  das  Antependium  von 
Toulouse  mit  Vierpagfeldern  und  den  —  unvollständigen  —  Altarbehang  inChateau 

22*  339 


D  Abb.  263:  Absclinitt  des  Königsfeldener  Antependiums  in  Bern.   Vor  1357  D 

Thierry  mit  der  Marienkrönung  und  ein  paar  biblischen  Bildern  unter  Spitzbogen. 
Ein  Meisterwerk  bezeichnet  dann  denÜbergang  zurSpätgotik  und  denAnfang  der 
Relief  Stickerei:  es  ist  das  Triptychon  des  Museums  von  Chartres  mit  einer  Pietas 
zwischen  Johannes  dem  Täufer  und  der  heiligen  Katharina.  D 

So  weitreichenden  Ruf  wie  England  und  Florenz  hat  DEUTSCHLAND  mit  seinen 
Stickereien  nicht  errungen.  Und  doch  gibt  es  genug  deutsche  Nadelmalereien,  die 
den  Leistungen  der  anderen  Länder  vollkommen  gewachsen  sind.  DerSalzburger 
AltarbehangSeidlins  vonPettau  istden  englischen  Mänteln  technisch  gleichwertig, 
an  Bilderreichtum  überlegen.  Nur  etwas  überladen,  denn  der  Meister  hat  nicht 
nur  die  14  Vierpaljfelder,  sondern  auch  die  Zwischenräume  mit  den  Bildern  des 
Lebens  Christi  allzu  dicht  gefüllt.  Im  weiteren  Verlauf,  als  die  Einteilung  der  Bil- 
der in  Spitzbogenreihen  aufkommt,  streben  auch  die  deutschen  'Goldnater'  oder 
'Seidennater'  im  Wettbewerb  mit  der  Malerei  nach  vollkommen  bildmägiger  Wir- 
kung. Wie  weit  sie  es  darin  brachten,  zeigen  —  von  vielen  kleineren  Arbeiten  ab- 
gesehen —  die  Altarbehänge  aus  Pirna  und  Königsfelden.  Der  erstere  [Museum 
Dresden!  gleicht  in  der  Anordnung  dem  Antependium  Jacopo  Campis:  an  die 
Marienkrönung  in  der  Mitte  schließen  sich  seitlich  je  fünf  Heilige  unterBaldachinen 
auf  Goldgrund,  der  nach  Art  der  Glasmalerei  in  Rauten  mannigfach  gemustert  ist. 
Das  schöne  Werk  wird  mit  Prag  in  Verbindung  gebracht,  wo  in  der  Tat  hervor- 
ragende Stickereien  geschaffen  worden  sind.  Vier  Albenbesätze  des  PragerDoms 
und  ein  Kaselbesatz  im  Brünner  Gewerbemuseum  mit  den  trauernden  Frauen  am 
Kreuzfuß  sind  die  besten  Beispiele  der  Prager  Schule  aus  dem  späteren  14.  Jahr- 

340 


hundert.  Das  Antependium,  wel- 
ches Bischof  Albrecht  II.  von 
Österreich  [gestorben  1357 1  nach 
Königsfelden  stiftete  [Museum 
Bern],  ist  fortgeschrittener.  Es 
enthält  auf  Goldgrund  sieben 
Gruppenbilder  unter  Baldachi- 
nen, die  bereits  perspektivisch 
durchgeführt  sind  [Abb.  263 1.  Der 
Altarbehang  in  Kloster  Kamp 
wirkt  weniger  bildmäf^ig,  weil  die 
flach  behandelten  Bauformen  und 
die  paarweis  unter  sieben  Bogen 
eingestellten  Heiligen  sich  schär- 
fer von  dem  grünen  Samtgrund 
abheben.  Die  Vorzüge  des  Stückes 
liegen  in  der  klaren  Anordnung 
und  überaus  reizvollen  Zeichnung 
der  schlanken  Figuren  [  Abb.  264  [. 
Die  Erzeugnisse  der  NONNEN- 
KLÖSTER und  des  Hausfleiges 
geben  ein  ganz  anderes  Bild.  Voi  - 
banden  sind  aus  dem  H.Jahrhun- 
dert zumeist  Altarbekleidungen 
und  größere  Decken,  die  wohl 
als  Wandbehang  in  Kirchen  oder 
Wohnräumen  dienten.  Der  Grund- 
stoff ist  fast  immer  grobes  Leinen. 
Wenn  die  Stickerei  in  Seide  aus- 
geführt ist,  so  bleibt  der  Leinen-    Abb.  264:  Ausschnitt  aus  dem  Alturb.liantr  in  Kloster  Kamp 

grund  rings  um  die  Bilder  in  der  Regel  ungedeckt  sichtbar;  wurde  mit  farbiger 
Wolle  gestickt,  an  der  man  nicht  zu  sparen  brauchte,  so  sind  Bilder  und  Hinter- 
grund völlig  bedeckt,  so  dag  eine  teppichartige  Wirkung  entsteht.  Der  Goldfaden, 
der  bei  den  vorher  besprochenen  Kunststickereien  so  breiten  Raum  beansprucht, 
ist  bei  den  Klosterarbeiten  nur  selten  und  sehr  sparsam  verwendet.  D 

Eine  stattliche  Zahl  solcher  Seidenstickereien  aufNesseltuch,  teils  mit  biblischen 
Bildern  und  Heiligengeschichten,  teils  mit  heraldisch  stilisierten  Tieren,  Wappen 
oder  Figuren  in  Vierecken  und  Kreisen  besitzen  die  Museen  in  Hannover.  Braun- 
schweig, Wernigerode  und  Berlin,  das  Frauenstift  Marienberg  bei  Helmstedt,  der 
Dom  in  Halberstadt  und  die  Michaelskirche  in  Hildesheim.  Zu  dem  Altarbehang 
der  letzteren  gehört  der  Hildesheimer  Chormantel  des  South  Kensington  Museums 
mit  Marterbildern.  D 

Das  auffälligste  Merkmal  der  Klosterarbeit  liegt  in  der  Behandlung  der  Innen- 
zeichnung. Von  einer  kunstvollen  Schattierung  und  Modellierung  der  Gewänder, 

341 


wie  sie  die  Nadelmalereien  der 
Berufssticker  auszeichnet,  ist  hier 
keine  Spur.  Zuweilen  sind  die 
Gewandfalten  durch  schwarze 
Linien  in  die  unschattierten  Farb- 
flächen eingestickt.  Häufiger  aber 
sind  die  Gewänder  ohne  jegliche 
Gliederung  mit  einem  gerauteten 
oder  geschachten  Flachmuster 
aus  Sternen,Rosetten  oder  Haken- 
kreuzen [vgl.  Seite  297]  ausge- 
füllt [Abb.  265  und  266 1.  Figuren 
größeren  Magstabs  wirken  durch 
diese  ungegliederte  Musterung 
gradezu  unförmig.  Ein  sehr  lehr- 
reiches Beispiel  dafür  ist  der 
große  Altarbehang  des  Berliner 
Kunstgewerbemuseums,  dessen 
Mittelstück  den  Marientod  in  fi- 
gurenreicher Gruppe  darstellt. 
Auf  diesem  Werk  sind  die  beiden 
Arten    der    Gewandbehandlung, 

Abb.  2B5:  Ausschnitt  einer  Stickerei.  Museum  Braunschweig  mit  duukcl  eingCSticktcn  Umriß- 
linien und  Flachmustern,  neben  einander  angewandt.  Die  nadelkundigen  Nonnen 
füllten  mit  solchen  Mustern  nicht  nur  die  Gewänder,  sondern  auch  die  Säulen  und 
Baldachine,  ja  sogar  Tiere  aus  [Altardecken  in  Halberstadt  und  Hannover].         D 

Es  scheint,  daß  diese  anspruchslose  Art  der  Klosterstickerei  nicht  bloß  in 
Deutschland  geübt  worden  ist.  Auf  einem  Altarbehang  des  Clunymuseums  aus 
der  Zeit  um  1300  sind  die  Gewänder  ebenfalls  gestreift  und  gerautet,  obwohl  Stil 
und  Technik  des  aus  Mecheln  stammenden  Stückes  nicht  für  deutsche  Arbeit 
sprechen.  D 

Die  Fortschritte  der  Berufsstickerei  gingen  übrigens  an  den  Klöstern  nicht 
ganz  spurlos  vorüber.  Zuweilen  erhoben  sich  auch  die  Nonnen  zu  Nadelmalereien, 
die  an  die  Goldnaterwerke  wohl  heranreichen.  Als  Beweisstück  ist  der  Altar- 
behang des  Berner  Museums  anzuführen,  den  Agnes  von  Ungarn  im  ersten  Drittel 
des  14.  Jahrhunderts  für  ihr  Kloster  Königsfelden,  und  wahrscheinlich  an  Ort  und 
Stelle,  fertigen  ließ.  Hier  stehen  auf  rotem  Samtgrund  Figuren  mit  flach  geraute- 
ten Gewändern  neben  solchen  mit  tadellos  gezeichnetem  Faltenwurf  [Abb.  267]. 
Vermutlich  haben  in  diesem  Fall  die  in  Königsfelden  arbeitenden  Glasmaler  mit 
einer  Vorzeichnung  nachgeholfen.  D 

Die  Stickerei  mit  farbiger  WOLLE  auf  Leinen  ist,  wie  der  Wandteppich  von 
Bayeux[vgl.S.255|  lehrt,  in  den  germanischen  Ländern  uralt.  Aus  spätromanischer 
Zeit  besitzt  der  Louvre  einen  Altarbehang  mit  der  Martinslegende  in  Kreisfeldern. 
Das  14.  Jahrhundert  führt  uns  wieder  in  die  sächsisch-thürinijischen  Lande.    Das 


342 


ehemalige  Nonnenkloster  Wien-  jL^^. 
hausen  bei  Celle  bewahrtnichtwe-  är^». 
niger  als  sieben  Bildstickereien 
in  Wolle  aus  dem  14.  und  15.  Jahr- 
hundert. Die  Reihe  beginnt  mit 
dem  4  m  langen  Tristanteppich 
aus  der  ersten  Hälfte  des  H.Jahr- 
hunderts, dessen  drei  Bildreihen 
übereinander  geordnet  und  durch 
Wappen  getrennt  sind.  Daran 
schließen  sich  Decken  mit  Jagd- 
bildern [um  1390],  mit  Heiligen- 
geschichten und  verwandte 
Stücke  im  Weifenmuseum.  Das 
Fortleben  der  Gattung  ist  weiter- 
hin an  einer  Reihe  figürlich  ver- 
zierter Fugbodenteppiche  ähn- 
licher Arbeit  im  Kloster Lüne  |bei 
Lüneburg]  und  an  zwei  Decken 
mit  neutestamentlichen  Bildern 
[15.  und  16.  Jahrhundert]  im  Er- 
furter Ursulinerinnenkloster  zu 
verfolgen.  Die  Zeichnung  ist  alter- 
tümlich und  f lächenhaf t,  die  Kunst 
im  ganzen  gering.  D 

Aus  Süddeutschland  gibt  es 
einige  höherstehende  Wollsticke- 
reien,   So  eine  Decke  im  Erfurter    ^bb.  266:  Ausschnitt   einer  Stickerei  im  Stift  Marienberg 

Dom,  mit  26  Bildern  aus  der  Geschichte  Tristans  und  Isoldens  |um  1380],  die  aus 
einem  Würzburger  Kloster  stammt.  Hier  ist  der  Leinengrund  wie  bei  den  Seiden- 
stickereien ungedeckt.  Vollausgestickt  ist  ein  fast  5  m  langer,  aber  schmaler 
Wandbehang  aus  dem  Kloster  Adelhausen  im  Museum  von  Freiburg  in  Baden.  Er 
trägt  das  Wappen  des  Freiburger  Ratsherrn  Johannes  Malterer  [erste  Hälfte  des 
14.  Jahrhunderts]  und  schildert  in  neun  Vierpässen  die  List  und  Macht  der  Frauen 
an  Beispielen  aus  der  jüdischen,  griechischen,  römischen  und  deutschen  Sage.  D 
Eine  vornehmlich  deutsche  Gattung  bilden  die  WEISSSTICKEREIEN  auf  Lei- 
nen, die  in  mancher  Hinsicht,  wie  in  der  Flachmusterung  der  Gewänder,  den  säch- 
sischen Seidenstickereien  gleichen.  Auch  hier  bleibt  der  Hintergrund  ungedeckt 
mit  dem  Erfolg,  dag  das  in  stärker  gebleichtem  Garn  gestickte  Muster  sich  relief- 
artig abhebt.  Die  besten  Werke  der  Art  [in  Schlog  Braunfols[  haben  die  Nonnen 
des  Klosters  Altenberg  an  der  Lahn  geschaffen.  An  die  früher  erwähnte  spät- 
romanische Altardecke  reihen  sich  zwei  frühgotische,  ungefähr  4  m  lange  Decken 
mit  ungewöhnlich  gut  gezeichneten  Heiligenfiguren,  einmal  unter  Rundbogen,  das 
andere  Mal  auf  einem  von  Ahornzweigen  durchzogenen  Grund.  Die  Nonnen  Sophia, 

343 


Hadewigis  und  Lucardis  haben  die 
eine  Decke  bezeichnet.  Etwas  älter 
|vor  1300|  ist  das  Antependium  mit 
Maria  Magdalena  im  Museum  von 
Wernigerode  (Abb. 268 1.  Den  nieder- 
sächsischen Stil  vertritt  am  besten 
ein  Altarbehang  des  Klosters  Marien- 
berg bei  Helmstedt  [um  1300].  Eine 
rheinisch -westfälische  Gruppe  von 
Weigstickereien,  in  welche  die  mit 
biblischen  Bildern  und  Heiligen  in 
Vierpässen  auf  Rankengrund  ge- 
musterten Chorpultdecken  der  Wie- 
senkirche zu  Soest,  in  Xanten,  im 
Germanischen  Museum  und  Bruch- 
stücke in  Paderborn.  Laer  und  im 
Berliner  Kunstgewerbemuseum  ge- 
hören, fällt  bereits  in  den  Ausgang 
des  14.  Jahrhunderts.  D 

6.  WIRKTEPPICHE  UND  GEWEBE 
Im  romanischen  Zeitalter,  als  die 
Wirkerei  von  Wandteppichen  noch 
vornehmlich  der  Kirche  diente,  war 
sie  mitSicherheit  nur  inDeutschland  als  einZweig  der  Klosterkunst  nachzuweisen 
[vgl.  S.  298].  Während  der  Gotik  aber  verschiebt  sich  der  Schwerpunkt  dieses 
weltlich  gewordenen  Gewerbes  mehr  und  mehr  nach  Nordfrankreich,  Flandern 
und  Brabant.  Bald  nach  1300  werden  Teppichwirker  in  Paris  und  Arras  genannt, 
1340  besteht  eine  Körperschaft  der'Tapitewevers'  in  Brüssel,  dann  erscheinen  sie 
in  Tournai  |1352],  Valencienne,  Lille,  Douai.  Das  letzte  Viertel  des  14.  Jahr- 
hunderts sieht  in  Arras  und  Paris  schon  den  Beginn  jener  glänzenden  Entfaltung, 
welche  die  Bildwirkerei  der  Spätgotik  über  die  Grenzen  des  Kunstgewerbes  hin- 
aushebt und  der  Malerei  zur  Seite  stellt.  D 
Die  Verschiebung  nach  dem  Westen  hing  ohne  Zweifel  mit  der  außerordent- 
lichen Steigerung  des  künstlerischen  Aufwands  zusammen,  der  im  14.  Jahrhundert 
den  französischen  Hof,  im  15.  den  burgundischen  auszeichnete.  Durch  ihre  fürst- 
lichen Aufträge  entstanden  die  großen  Teppichfolgen  mit  dem  trojanischen  Krieg, 
den  Geschichten  des  Königs  Alexander,  des  Franken  Chlodwig  und  Karls  des 
Großen,  mit  mythologischen  und  Heldensagen,  mit  Allegorien  wie  den  Tugenden 
und  Lastern.  Die  französischen  und  burgundischen  Schatzverzeichnisse  geben 
Kunde  von  Hunderten  solcher  Teppiche,  die  im  15.  Jahrhundert  das  unentbehr- 
lichste Hilfsmittel  jeder  weltlichen  oder  kirchlichen  Schaustellung  und  Prachtent- 
faltung geworden  waren.  D 
ARRAS  verdankte  den  Aufstieg  zu  der  führenden  Stellung,  welche  die  Stadt 
bis  zu  ihrerZerstörung  im  Jahre  1477  sich  wahrte,  zumgutenTeilderGönnerschaft 

344 


Abb.  267 
□ 


Ausschnitt  aus  dem  Altarbehang  der  Agnes 
von  Ungarn  in  Bern  □ 


^^B^ 


?»»? 


i^ 


D  Abb.  2o8:  Weit3Stickerei  im  Museum  zu  Wernigerode,  vor  1300  D 

Philipps  des  Kühnen  vonBurgund,  der  1369  Flandern  erworben  hatte.  Der  Ruf  der 
Teppiche  vonArras,  die  nicht  nur  aus  Wolle,  sondern  auch  aus  Seide  und  Goldfaden 
gewirkt  waren,  ging  durch  die  Welt  und  der  Name  der  Stadt  wurde  im  Ausland 
die  Gattungsbezeichnung  für  Wirkteppiche  überhaupt.  Als  der  Sohn  Philipps  des 
Kühnen  1396  bei  Nikopolis  in  türkische  Gefangenschaft  gefallen  war,  da  bean- 
spruchte der  SultanBajazid  zum  Lösegeld  auch  Teppiche  vonArras  und  er  erhielt 
eine  Folge  mit  den  Taten  Alexanders  des  Großen.  D 

So  groß  noch  die  Menge  spätgotischer  Wirkteppiche  ist,  so  wenig  hat  sich  von 
flandrischer  und  französischer  Arbeit  aus  dem  14.  Jahrhundert  erhalten.  Nur  die 
Folge  des  Doms  von  Angers  mit  apokalyptischen  Bildern  enthält  einige  vor  1400 
entstandene  Stücke.  Sie  wurden  1376  im  Auftrag  Ludwigs  von  Anjou  begonnen; 
Hennequin  von  Brügge,  Hofmaler  Karls  V.  von  Frankreich,  lieferte  die  Vorlagen 
mitBenutzung  einer  alten  Bilderhandschrift  und  derberühmtestePariser  Teppich- 
wirker dieser  Zeit  Nicolas  Bataille  übernahm  die  Ausführung.  Im  Gegensatz  zu 
den  gleichzeitigen  deutschen  und  allen  späteren  Teppichen  heben  sich  hier  die 
Figuren  wie  bei  den  romanischen  Rücklaken  in  Halberstadt  von  ungemustertem 
Grunde  ab.  D 

DEUTSCHLAND  kann  so  weitberühmte  Betriebsorte  wie  Arras,  Brüssel.  Paris 
nicht  ins  Feld  führen.  Dafür  hat  es  den  Vorzug  eines  reichen  Bestandes  früh- 
gotischerDenkmäler.  Sie  sind  freilich  anspruchsloser  als  die  golddurchwirkton  Flr- 
zeugnisse  der  höfischen  Kunst  des  Westens,  denn  die  deutsche  Wirkerei  wurde 
nicht  in  gleichem  Maße  durch  großartige  Aufträge  prachtliebender  Herrscher  ge- 
fördert. Die  riesigen  Abmessungen  der  flandrischen  Tapis  de  salle'  waren  in 
Deutschland  nicht  üblich.  Man  blieb  hier  bis  zum  Ausgang  der  Gotik  bei  den  langen, 

345 


aber  ziemlich  schmalen  Rücklaken,  die  in  den  Kirchen  über  den  Chorstühlen  oder 
als  Antependien,  im  Wohnhaus  über  den  Möbeln  oder  dem  Getäfel  aufgehängt 
wurden.  Die  Gattung  ist  im  Regensburger  Rathaus,  in  den  Museen  von  Basel, 
Nürnberg,  Berlin,  Freiburg,  im  Dom  von  Mainz,  der  Marienkirche  in  Gelnhausen 
und  in  S.  Lorenz  zu  Nürnberg  am  reichsten  vertreten.  Auch  die  Museen  in  Sigma- 
ringen, Wien,  München,  South  Kensington,  Frankfurt  |  Kunstgewerbemuseum], 
Brüssel,  Mannheim,  Donau-Eschingen,  die  Kirchen  in  Villingen,  Wallerstein,  Mai- 
hingen, Halberstadt  besitzen  einzelne,  zum  Teil  hervorragende  Stücke.  D 

Aus  dem  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  stammt  nur  ein  ornamentaler  Wirk- 
teppich desFreiburger  Museums  mit  regelmäßig  wiederholtenDrachen  und  Vogel- 
paaren in  verschlungenen  Vierpagfeldern.  Der  Marienteppich  derselben  Samm- 
lung, mit  der  Verkündigung,  Heimsuchung  und  der  Anbetung  der  Könige,  ist  nach 
Tracht  und  Haltung  der  Figuren  um  1350  anzusetzen;  in  die  nächstfolgenden  Jahr- 
zehnte fallen  die  langen  Rücklaken  mit  Waldmenschen  im  Regensburger  Rathaus, 
der  Apostel-  und  der  Katharinenteppich  der  Lorenzkirche  in  Nürnberg  und  viel- 
leicht noch  die  groge  Bildwirkerei  des  Germanischen  Museums,  auf  der  Spiele  und 
Unterhaltungen  einer  vornehmen  Gesellschaft  in  burgenreicher  Landschaft  dar- 
gestellt sind.  □ 

Die  erste  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  war  die  Blütezeit,  welche  die  große  Mehr- 
zahl der  erhaltenenDenkmäler  geliefert  hat.  Danach  werden  die  deutschen  Wand- 
teppiche wieder  seltener,  wahrscheinlich  weil  die  Grogbetriebe  von  Flandern  und 
Brabant  mit  ihrer  Massenausfuhr  die  deutsche  Wirkerei  bedrängten  und  lahm 
legten.  Die  letztere  ist  aber  trotz  des  harten  Wettbewerbs  nicht  in  Nachahmung 
des  Westens  verfallen.  Ihre  Werke  blieben  rein  deutsch  und  selbständig  bis  zum 
Ende  des  Mittelalters,  echte  Zeugen  einer  alteinheimischen  und  bodenständigen 
Kunst.  D 

Wenn  man  von  den  Altarbehängen  (Gelnhausen,  Villingen,  München,  FreiburgJ 
absieht,  so  sind  weltliche  Darstellungen  viel  häufiger  als  kirchliche.  Wir  finden 
Liebespaare  beim  Impfen  und  Pfropfen  blühender  Hollerbäume  [Basel,  Kunst- 
gewerbemuseum Frankfurt.  ClunyJ  und  bei  geselligen  Spielen,  die  Frau  Venus 
und  den  getreuen  Eckart,  den  Kampf  der  Laster  gegen  die  Veste  der  Tugenden 
|RathausRegensburg],  dieBerennung  der  Minneburg  [Teppich  auf  der  Wartburg], 
Ackerbau  und  Jagden  |Dom  Mainz |,  auch  Nachklänge  der  ritterlichen  Dichtung 
ältererZeit.  Soenthält  ein  6m  langer WandbehanginSigmaringen,  deneinTeppich 
des  Kensingtonmuseums  ergänzt,  die  rührende  Liebesgeschichte  des  Wilhelm 
von  Orleans  und  der  englischen  Königstochter  Amelie  nach  einer  um  1241  ent- 
standenen Dichtung  Rudolfs  von  Ems.  D 

Die  Figuren  tragen  bald  die  reicheZattcl-  undSchellentracht  derZeit  um  1400, 
bald  sind  sie  als  behaarte  Waldmenschen  [siehe  Tafel]  gestaltet,  die  als  Vertreter 
des  Naturlebens  sich  damals  allgemeiner  Beliebtheit  erfreuten  |  Beispiele  in  Regens- 
burg, Brüssel,  Mainz,  Frankfurt,  Klagenfurt |.  Sie  stehen  in  der  Regel  auf  blumi- 
gen, von  Hasen  und  Hündchen  belebten  Wiesen;  der  Hintergrund  ist  mit  Blüten- 
zweigen I  Marienteppich  in  Freiburg  |,  stilisierten  Ranken  gleich  den  Damastmustern 
gotischer  Glasgemälde  | Sigmaringen,  Basel],  mit  Bäumen  [Mainz]  oder  mit  den 

346 


n.  M 

E-  W 

(V  W 


D  Abb.  269:  Gewirkter  Altarbehiiig  in  München.   Um  1500  D 

Flachornamenten  gewebter  Stoffe  [Cluny,  Frankfurt,  vgl.  die  Tafel]  gefüllt.  Der 
oben  erwähnte  Teppich  des  Germanischen  Museums  versucht  schon  um  1400  eine 
Landschaft  mit  Burgen  und  Wäldern  im  Hintergrund  wiederzugeben;  eine  richtig 
vertiefte  Raumwirkung  wird  aber  erst  um  1500  in  den  Altarbehängen  zu  Geln- 
hausen und  im  Münchener  Museum  erreicht.  Selten  fehlen  den  deutschen  Teppi- 
chen die  flatternden  Spruchbänder,  die  in  groljen  Bogen  die  Figuren  einrahmen. 

Über  die  Herstellungsorte  ist  genaues  nicht  überliefert.  Nur  das  ergibt  sich 
völlig  klar  aus  der  oberdeutschen  Sprache  der  Inschriften,  dag  SÜDDEUTSCH- 
LAND den  Norden  überflügelt  hatte.  Die  Gleichartigkeit  der  Trachten  und  der 
Spruchbänder,die  häuf  igeWiederholung  verwandter  Darstellungen  macht  zunächst 
den  Eindruck,  dag  die  meisten  deutschen  Wirkteppiche  der  Gotik  einen  gemein- 
samen Ursprung  haben.  Man  mug  aber  doch  eine  Mehrzahl  von  Betriebsorten  an- 
nehmen. Dag  Nürnberg  einer  davon  war,  ist  dem  Stil  der  Rücklaken  in  S.  Lorenz, 
den  Stifterwappen  derVolkamerund  Schürstab  auf  einemKirchenteppich  mit  dem 
jüngsten  Gericht  im  Germanischen  Museum  und  den  Stifterbildern  der  Geuder 
[vor  1407J  auf  einem  Teppich  des  Wiener  Kunstgewerbemuseums  zu  entnehmen. 
Dann  kann  das  Gebiet  desOber- undMittelrheins  [Basel  undMainz]  einen  beträcht- 
lichen Anteil  für  sich  beanspruchen.  In  Basel  sind  berufsmägige  Teppichwirke- 
rinnen durch  die  Steuerlisten  um  1450  nachgewiesen.  Es  scheint,  dag  neben  dem 
Gewerbe  sich  in  Deutschland  auch  die  Klosterkunst  auf  diesem  Feld  noch  lange 
betätigt  hat.  Darauf  deutet  ein  spätgotischer  Altarbehang  im  Bayrischen  National- 
museum mit  der  Anbetung  der  Könige!  Abb.  269],  auf  dem  zu  Fügen  der  Muttergottes 
in  kleinem  Magstab  eine  Nonne  vor  ihrem  aufrechten  Wirkstuhl  dargestellt  ist.  D 

An  der  Bildwirkerei  war  ITALIEN  im  Mittelalter  noch  nicht  beteiligt,  aber  es 
hat  durch  seine  SEIDENWEBEREI  dem  abendländischen  Kunstgewerbe  die  wich- 
tigste Gebietserweiterung  dieses  Zeitalters  verschafft.  D 

In  Sizilien  und  Süditalien  [  Salerno,  Amalfi  |  war  die  Seidenweberei  schon  längst 
ansässig;  sie  hatte  aber  hier  auch  unter  Normannen  undHohenstaufen  ihre  byzan- 
tinisch-sarazenische  Art  nicht  eingebügt.   Der  Zeitpunkt,  wann  sie  nach  Ober- 

347 


italien  vordrang,  ist  genau  nicht 
zu  begrenzen.  Von  der  Mitte  des 

13.  Jahrhunderts  ab  werden  zwar 
vereinzelt  Stoffe  von  Genua, 
Venedig  und  Lucca  erwähnt,  die 
Entwicklung  eines  abendländi- 
schen Stils  in  den  Seidenmustern 
beginnt   jedoch   kaum  vor   dem 

14.  Jahrhundert.  D 
Die  Stadt  Lucca,  der  der  Pisaner 

Levantehandel  den  Rohstoff  aus 
Persien  und  Vorderasien  be- 
sorgte, hatte  bis  in  das  15.  Jahr- 
hundert die  Führung.  In  den  Be- 
sitzverzeichnissen und  sonstigen 
Urkunden  des  14.  Jahrhunderts 
werden  die  Luccheser  Stoffe  am 
AKK  o-n  ,.      ,        .,         .      .^i,,..uj.      allerhäuf  igsten  genannt.  An  Ruf 

Abb.2iO    Kasel  aus  Italic  iiibclui  Seide  dts  14  Jahi  hundert ;.  °  = 

D  Dom  zu  Halberstadt  D  haben  sle  jedenfalls  die  gleich- 

zeitigen und  vielleicht  gleichwertigen  Gewebe  von  Venedig,  Florenz,  Mailand, 
Bologna,  Genua  übertroffen.  Die  Arbeiten  der  verschiedenen  Städte  von  ein- 
ander zu  unterscheiden,  ist  nicht  möglich.  Denn  bezeichnete  Stoffe  gibt  es  nicht 
und  die  Schriftquellen  geben  dafür  keinen  genügenden  Anhalt.  Die  Ansicht,  dag 
flandrische  Städte  wieBrügge  undGent  im  15.  Jahrhundert  an  der  abendländischen 
Seidenweberei  mitgeschaffen  hätten,  ist  aufgegeben,  da  keinerlei  Beweise  vor- 
liegen. Von  Spanien  abgesehen,  dessen  Kunstweberei  erst  gegen  Ende  des  Mittel- 
alters vom  sarazenischen  Stil  sich  lossagte,  hat  im  Abendland  Italien  allein  die 
ganze  Fülle  der  herrlichen  Brokate,  Samt-  und  Seidenstoffe  der  Gotik  und  der 
Frührenaissance  hervorgebracht.  D 

Vor  dem  Auftreten  der  Gotik  war  die  Selbständigkeit  der  italienischen  Muster- 
zeichner sehr  gering.  Sie  hielten  sich  zunächst  an  die  sarazenischen  Vorbilder,  so 
genau,  dag  die  ältesten  italienischen  Stoffe  von  den  orientalischen  kaum  abzu- 
sondern sind.  Die  byzantinische  Weberei  hatte  damals  ihre  alte  Bedeutung  für 
Europa  verloren;  nach  dem  Zusammenbruch  von  1204  war  sie  von  Vorderasien 
überholt  worden.  D 

Auch  im  14.  Jahrhundert,  als  die  italienischen  Webemuster  sich  allmählich  im 
Sinne  der  Frühgotik  wandelten  und  weiterhin  noch  in  den  Granatapfelmustern  der 
Spätgotik  blieb  ein  sehr  reichlicher  Zusatz  orientalischen  Geistes,  in  der  Muster- 
verteilung wie  in  denEinzelheiten,  gewahrt.  Diese  bereitwillige  und  langdauernde 
Hingabe  der  Italiener  an  das  Morgenland  hatte  ihre  guten  Gründe.  Die  Webekunst 
Vorderasiens  und  insbesondere  Persiens  hatte  im  13.  Jahrhundert,  zur  Zeit 
der  mongolischen  Eroberung  und  auch  späterhin  unter  Timur,  eine  Menge  chine- 
sischer Elemente  aufgenommen  und  mit  diesen  die  ostasiatische  Neigung  zu  natu- 
ralistischer Bildung  von  Tier-  und  Pflanzenornamenten.  Der  chinesische  Natura- 

348 


lismus,  abgeschwächt  durch  die 
muslimische  Verarbeitung,  be- 
gegnete in  Italien  einer  gleichge- 
stimmten Richtung,  dem  Natura- 
lismus der  Frühgotik.  Er  fand  da- 
her offene  Arme.  □ 

In  den  italienischen  Stoffen 
des  14.  Jahrhunderts  sind  chine- 
sische Motive,  wie  das  Khilin  [vgl. 
Abb.  270 1,  Drachen,  Wolkenbän- 
der, zumeist  mißverstanden,  oft 
genug  zu  finden.  Ihre  Häufigkeit 
darf  aber  nicht  zu  einer  Überschät- 
zung des  chinesischen  Einflusses 
auf  die  Ornamentik  des  Abend- 
landes verführen.  Der  Naturalis- 
mus der  Frühgotik  hatte  sich 
schon  vorher  in  der  Baukunst  des 
Nordens  und  in  den  von  ihr  abhän- 
gigen Gewerben  ganz  selbständig 
und  unbeeinflußt  vonOstasien  ent- 
wickelt. Die  Gotik,  nicht  China, 
gab  dann  die  stilbildende  Kraft, 
die  im  Laufe  des  14.  Jahrhunderts 
die  sarazenischenMuster  in  italie- 
nische verwandelte.  D 

Was  die  Seidenmuster  dieser  Zeit  von  den  älteren  der  byzantinisch-orienta- 
lischen Richtung  unterscheidet,  ist  neben  dem  Naturalismus  vor  allem  die  Auf- 
lösung der  festen,  in  Kreisfelder  gebundenen  Flächenteilung  (vgl.  Abb.  162,  163|. 
Die  freie  Anordnung  beherrscht  das  Feld  und  sie  versteigt  sich  gelegentlich  zu 
Zusammenstellungen,  die  fast  landschaftlich  wirken.  Der  offenen  Musterung 
kommt  nun  die  höchst  fruchtbare  Erfindung  der  Zeichner  fördernd  entgegen.  Keine 
Folgezeit  verfügte  in  der  Seidenweberei  wieder  über  einen  solchen  Reichtum  an 
Motiven,  wie  ihn  die  Vermählung  orientalischer  und  frühgotischer  Phantasie  im 
14.  Jahrhundert  erzeugte.  Die  Kasel  in  Halberstadt  [Abb.  270]  mit  der  von  See- 
pferdchen umspielten  Wasserburg,  dem  aus  dem  chinesischen  Khilin  entstandenen 
Fabeltier,  demAdler  imGehege  auf  derKrone  einesBaumes,  ist  ein  aus  derMenge 
herausgegriffenes  Beispiel.  Mit  Vorliebe  werden  die  Einzelheiten  des  Musters  zu 
einer  belebten  Handlung  mit  einander  verbunden.  Die  Löwen,  Adler  und  Falken, 
die  sich  auf  Rehe,  Hirsche  oder  Reiher  stürzen,  sind  als  Überbleibsel  der  alt- 
persischen Jagdbilder  ohne  weiteres  erklärlich.  Seltsamer  sind  die  Zusammen- 
stellungen von  Burgen  und  Segelschiffen,  Brunnenbecken  und  Bäumen  mit  aller- 
lei Tieren,  die  in  Gehegen  gehalten  oder  an  Halsbändern  gefesselt  sind.  Sehr  oft 
sieht  man  Sonnenstrahlen  hinter  einer  Wolke  hervorbrechen,  ein  merkwürdiges 

349 


Abb.  271:    Seidenstoff   des    U.Jahrhunderts.    In  Stralsund 


Beispiel,  wie  ein  für  Europa  unverständliciies  ostasiatisches  Symbol  eine  grund- 
verschiedene Bedeutung  erhalten  konnte.  Der  Sinn  dieser  wundervoll  gezeich- 
neten und  in  tadellos  reinen  Umrissen  gewebten  Muster  ist  noch  nicht  erklärt.  Es 
ist  sehr  bemerkenswert,  dag  auch  die  gleichzeitigen  Beschreibungen  der  Stoffe  in 
europäischen  Verzeichnissen  keinerlei  Erklärung,  sondern  nur  eine  Aufzählung 
der  Einzelheiten  zu  geben  wissen.  Man  darf  daraus  wohl  schließen,  dag  die  ursprüng- 
liche Erfindung  zumeist  dem  Morgenland  gebührt,  wofür  ja  auch  die  häufigen, 
noch  im  15.  Jahrhundert  wiederholten  Reste  arabischer  Inschriften  sprechen 
[Abb.  271J.  D 

Den  Italienern  verblieb  die  Aufgabe,  die  Einzelheiten  der  Muster  im  Sinne  des 
frühgotischen  Naturgefühls  umzuzeichnen.  Man  sieht  an  vielen  Stücken,  wie  aus 
der  sarazenischen  Palmette  Bäume  entstehen,  die  durch  ihre  Blätter  als  Eichen, 
durch  die  Früchte  als  Granatbäume  gekennzeichnet  sind;  wie  die  Blätter  und  Ran- 
ken der  Arabesken  mehr  und  mehr  die  abendländischen  Formen  der  Weinranke, 
der  Eichen  und  Rosen  annehmen,  die  gleichen  Formen,  die  in  der  frühgotischen 
Glasmalerei  undTeppichwirkereiDeutschlands  vorkommen.  Schon  um  ISOOfangen 
die  Italiener  an,  rein  frühgotische  Bildungen,  wieVierpässe  mit  heraldischen  Adlern, 
Zwitterfiguren  [Beispiele  im  Wiener  Kunstgewerbemuseum],  stilisierte  Lilien  [Mu- 
seum Lyon]  in  sonst  sarazenische  Muster  einzufügen.  Auf  einem  um  1380  geweb- 
ten Stoff  ist  die  Frau  Venus  zwischen  ihren  Verehrern  dargestellt,  ganz  ähnlich 
dem  Wirkteppich  des  Regensburger  Rathauses.  Der  Vorgang  der  Umbildung 
ist  bei  der  Masse  der  Denkmäler  gut  zu  verfolgen,  weil  diese  bilderreichen  Stoffe 
bis  in  die  zweite  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  gewebt  worden  sind,  obwohl  die  be- 
vorzugte Schöpfung  der  Spätgotik,  das  Granatapfelmuster,  schon  um  1420  in  reifer 
Form  einsetzt.  D 

Die  frühgotischen  Seidenstoffe  sind  zumeist  leichte  Gewebe,  die  auch  durch 
den  reichlich  verwendeten  Goldfaden  nicht  an  Schmiegsamkeit  verlieren.  Denn 
der  Goldfaden  dieser  Zeit  ist  noch  das  sogenannte  cyprische  Gold  oder  or  battu, 
das  heigt  Blattgold  auf  dünnstem  Pergament  um  einen  Seidenfaden  gewickelt. 
Erst  im  15.  Jahrhundert  überwiegen  die  schweren  prunkvollen  Samtgewebe  mit 
metallischem  Goldlahn.  □ 

7.  HOLZARBEITEN,  ELFENBEIN,  LEDER  D 

Die  Holzschnitzerei  für  kirchliche  Zwecke  und  die  Tischlerei  sind  im  Zeitalter 
der  Gotik  zwei  sehr  verschiedene  Dinge,  obschon  sie  beide  denselben  Werkstoff 
verarbeiten.  Die  erstere,  deren  Hauptaufgabe  in  immer  steigendem  Umfang  die 
Altäre  bilden,  ist  ein  Zweig  der  Bildhauerei  und  sie  streift  nur  mit  den  Chorstühlen 
das  kunstgewerbliche  Gebiet  der  Schreinerei.  Die  Chorstühle  schliegen  sich  zwar 
durch  Form  und  Verwendung  an  die  Sitzmöbel  an.  Ihre  künstlerische  Ausstattung 
aber  fiel  in  der  Regel  dem  Bildhauer  zu,  auch  wenn  die  figürliche  Verzierung 
hinter  der  ornamentalen  zurücktritt.  Das  gilt  sogar  noch  für  die  spätgotische 
Zeit,  in  der  auch  der  Schreiner  schon  ein  Schnitzer  geworden  war.  Beweis  das 
Gestühl  und  die  Türen  des  Doms  in  Konstanz,  die  einer  der  namhaftesten  Bild- 
hauer seiner  Zeit,  Niklas  Lerch  von  Leyden,  im  Verein  mit  Meister  Simon  Haider 
um  1465  ausgeführt  hat.  Andererseits  verschmähte  freilich  auch  ein  Bildschnitzer, 

350 


wie  der  Meister  des  Ulmer  Gestühls  Jörg  Syrlin,  ° 
die  Herstellung  eines  geschnitzten  Schrankes 
nicht.  D 

Auf  welche  Seite  die  frühgotischen  Kirchen- 
gestühle gehören,  darüber  lägt  die  rheinische 
Denkmälergruppe  in  Xanten,  Köln,  [Kunstge- 
werbemuseum, Severinskirche,  Apostelkirche, 
S.Gereon, Dom],  ausAltenberg  [Kunstgewerbe- 
museum Berlin],  in  Marienstatt,  Lorch  keinen 
Zweifel.  Alle  Formen,  das  Blattwerk  und  die 
Figuren,  wuchtig  und  grogzügig  aus  schweren 
Eichenbohlen  herausgemeigelt,  tragen  durch- 
aus den  Charakter  der  gleichzeitigen  Steinmetz- 
arbeit [Abb.  272].  Und  die  jeweilige  Stilstufe  des 
Ornaments  führt  zu  demselben  Ergebnis:  An 
den  im  zweiten  Viertel  des  14.  Jahrhunderts  ge- 
schaffenen Chorstühlen  des  Kölner  Doms,  einer 
wahren  Schatzkammer  frühgotischer  Erfin- 
dung, beginnt  das  Laubwerk  sich  zu  buckeln, 
zu  wellen  und  zu  schweifen,  wie  das  gleichzei- 
tig wohl  an  den  Krabben  und  Kreuzblumen  der 
Steinmetzen  zu  sehen  ist,  im  Kunstgewerbe 
aber  erst  ein  Menschenalter  später.  Die  öst- 
liche Gruppe  frühgotischer  Gestühle  [Haupt- 
werke in  Erfurt,  Doberan,  Magdeburg]  nähert 
sich  mit  ihren  brettförmig  hochgeführten  Wan- 
gen etwas  mehr  dem  Schreinerwerk,  aber  die 
künstlerischen  Kosten  tragen  auch  hier  der 
Bildschnitzer  und  Baumeister.  D 

Wenn  auch  am  Ausgang  des  Mittelalters, 
wie  die  Syrlinwerkstatt  und  manche  Kirchen- 
stühle mit  Flachschnittverzierung  zeigen,  die 
Grenzen  sich  verwischen,  so  bleiben  doch  ge- 
rade die  bedeutendsten  unter  den  spätgoti- 
schen Gestühlen  in  Deutschland  und  den  Nie- 
derlanden, in  Frankreich  und  Spanien  mit  ihren 
immer  reicher  gestalteten  Baldachinaufbauten 
und  Reliefbildern  die  echten  Geschwister  der 
Schnitzaltäre.  Mit  diesen,  und  nicht  mit  den 
Möbeln,  geht  ihre  Entwicklung  Hand  in  Hand 
und  sie  sind  voneinander  nicht  wohl  zu  tren- 
nen. Mit  den  Altären  müssen  deshalb  auch  die 
Chorstühle  aus  der  Darstellung  des  Kunstge- 
werbes ausscheiden.  D 


Abb.  21: 
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NVaiigo  dos  WasseiibortJiT  Chor- 
stuhles  um  i;niO  D 


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Für  die  KUNSTTISCHLEREI  bedeutete 
die  Frühgotik  nicht  den  gleichen  Auf- 
schwung, wie  für  die  Bildhauerei.  Wäh- 
rend die  letztere  im  13.  Jahrhundert  zu 
einer  seit  dem  Altertum  nicht  mehr  gekann- 
ten Höhe  aufsteigt,  steckt  die  erstere  noch 
in  den  Kinderschuhen.  D 

Im  Aufbau  der  Schränke  und  Truhen  ist 
die  Frühgotik  über  das  Können  der  roma- 
nischen Zeit  nicht  viel  hinausgekommen. 
Die  römische  Kaiserzeit  hatte  die  Kasten- 
möbel aus  fest  verbundenem  Rahmenwerk 
mit  eingefalzten  Flächenfüllungen  herge- 
stellt. In  Rom  hatte  sich  die  Erinnerung 
an  diese  dem  Schwinden  und  Werfen  des 
D  Abb.  273:  Herforder  Chorpult,  14.  Juhrh.  D  Holzes  entgegenwirkende  Bauart  lange  er- 
halten. Die  Zypressenholztüren  eines  j  üngst  entdeckten  Schrankes,  den  Leo  III.  [797 
bis816]  zur  Reliquienbergung  in  den  Altar  der  alten  Lateranskapelle  einfügen  lieg, 
legen  dafür  Zeugnis  ab.  Sonst  aber  ging  im  Mittelalter  diese  Kenntnis  verloren, 
und  erst  die  Spätgotik  hat  sie  im  Anfang  des  15.  Jahrhunderts  wieder  erworben. 
Die  wenigen  frühgotischen  Schränke,  die  sich  in  die  Gegenwart  herüber  ge- 
rettet haben,  waren  ausnahmslos  für  Kirchen  gemacht  und  von  den  Truhen  die 
Mehrzahl.  Daher  überwiegen  der  Baukunst  entnommene  Verzierungen.  D 

Die  romanische  Form  des  Giebelschrankes  [vgl.  Abb.  235]  hat  die  Gotik  in  das 
14.  Jahrhundert  weitergeführt.  Das  älteste  und  reichste  Beispiel  in  der  Silvester- 
kirche zu  Wernigerode  [siehe  Tafel]  ist  noch  vor  1300  entstanden.  Im  Giebelfeld 
sind  neben  einem  Rundbogentürchen  zwei  in  Blattranken  auslaufende  Drachen, 
mehr  romanisch  als  gotisch,  geschnitzt.  Nur  die  auf  der  kräftig  vorspringenden 
Schlagleiste  geschnittenen  Masken  und  Tiere  künden  die  Gotik  an.  Ein  groger 
Sakristeischrank  desBrandenburgerDoms  [um  1300]  trägt  vor  dem  querlaufenden 
Satteldach  drei  steile  Giebel,  die  bereits  mit  Krabben  besetzt  sind.  Noch  um  die 
Mitte  des  14.  Jahrhunderts  finden  sich  Satteldach  und  Giebel  an  dem  bemalten  und 
mit  Zinnen  bekrönten  Schrank  im  Dom  von  Noyon.  Viel  fortgeschrittener  ist  ein 
Schrank  derScrovegnikapelleinPadua.  Starke  Profilleisten  fassen  die  Vorderseite 
ein  und  zerteilen  sie  in  vier  Felder,  deren  jedes  mit  einer  Doppeltür  sich  öffnet. 
Auf  diesen  sind  nach  oben  und  unten  spitzbogig  abgeschlossene  Nischenreihen  tief 
eingeschnitten,  die  übrige  Fläche  belebt  flacher  geschnitztes  Weinlaub.  Eine  ähn- 
lich plastische  Wirkung  erreicht  in  Deutschland  nur  das  Herforder  Chorpult  des 
Berliner  Kunstgewerbemuseums  [Abb.  273],  dessen  Säulchen,  Wein-  und  Eichen- 
ranken ganz  im  Stil  der  Steinarbeit  und  der  Chorstühle  dieser  Zeit  |  Anfang 
des  14.  Jahrhunderts]  durchgeführt  sind.  D 

Die  TRUHEN  der  Frühgotik  sind  fast  ausnahmslos  in  der  Art  gebaut,  dag  jede 
Langseite  aus  zwei  aufrechtstehenden  schweren  Eichenbrettern  und  einer  da- 
zwischen mit  wagrechtem  Faserlauf  in  Nut  und  Feder  eingespannten  Wand  aus 


352 


KIRCHENSCHRANK  IN  WERNIGERODE   •   ENDE  DES 
13.  JAHRHUNDERTS  [VORDER-  UND  SEITENANSICHT] 


D  Abb.  274:  Osnabrücker  Truhe  um  1400,  Kunstgewerbemuseum  Köln  D 

zwei  oder  drei  Brettern  besteht.  Die  senkrechten  Eckbretter  reichen  als  Füße 
weiter  herab,  als  die  Wände.  Die  Schmalseiten  greifen,  zuweilen  schräg  geneigt, 
in  die  Eckpfosten  ein  und  sind  äugen  durch  dicke  gekreuzte  Latten  versteift.  Der 
Deckel  hängt  bei  den  ältesten  Stücken  mit  Ketten  an  den  Eisenbändern  der 
Rückwand.  D 

Die  Schnitzerei  geht  nur  selten  über  die  Vorderseite  hinaus.  Ihr  vorherrschendes 
Motiv  sind  Spitzbogenreihen.  Man  kann  die  Entwicklung  dieser  architektonischen 
Verzierung  an  den  Truhen  schrittweis  vom  13.  bis  zum  15.  Jahrhundert  verfolgen. 
England  ist  am  reichsten  an  frühen  und  altertümlichen  Beispielen,  die  in  den 
Kirchen  des  Landes  ein  ziemlich  verborgenes  Dasein  führen.  Auf  einer  Kirchen- 
truhe in  Graveney  [Kent]  sind  die  Spitzbogen  in  einfachen  Umrif>linien  flach  ein- 
gestochen. Dann  beginnt  noch  im  13.  Jahrhundert  mit  einer  Truhe  in  Climping 
I  Sussex]  die  Relief  arbeit  und  im  14.  Jahrhundert  tritt  über  denBogen  das  Maßwerk 
hinzu  und  entfaltet  sich  immer  reicher  bis  zu  den  verwickelten  Formen  der  Spät- 
gotik [Beispiele  des  14.  Jahrhunderts  in  Saltwood,  in  der  Maria  Magdalencnkirche 
von  Oxford,  in  Haconby,  Brancepeth.  Chevington,  in  der  Peterskirche  zu  Derby]. 
An  einigen  der  ältesten  Stücke  |Stoked'Abernon,Wilne,  Climping]  taucht  auch  der 
Kerbschnitt  auf  mit  dem  aus  der  Völkerwanderungszeit  stammenden  Allerwelts- 
motiv  des  sechsstrahligen  Sternes  und  der  gedrehten  Rosette  in  Kreisen  [vgl. 
auch  Abb.  309|.  D 

Die  aufrechten  Fugbretter  der  meisten  frühgotischen  Maßwerktruhen  in  Eng- 
land sind  durch  wagrechte  Streifen,  die  ursprünglich  für  p]isenbändcr  glatt  aus- 
gespart waren,  in  drei  Rechtecke  übereinander  geteilt,  deren  jedes  einen  geflü- 
gelten Drachen  oderLöwen  enthält.  Diese  Verzierung  ist  ein  Merkmal  ausschließ- 
lich englischer  Arbeit.  D 

Davon  abgesehen,  bestehen  zwischen  den  norddeutschen  Maßwerktrulien  und 
den  englischen  keine  wesentlichen  Unterschiede.  Das  beste  Beispiel  aus  der 
ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  ist  in  Wernigerode;  die  Zeit  um  1400  vortreten 


23  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes 


353 


D  Abb.  275:  Abschnitt  eines  französischen  Truhenbrettes  um  1400  D 

eine  Osnabrücker  Truhe  im  Kölner  Kunstgewerbemuseum  [Abb.  274],  einige  Stirn- 
bretter aus  der  Bremer  Gegend  [Gewerbemuseen  in  Bremen  und  Düsseldorf], 
eine  Dortmunder  Truhenvorderwand  im  Germanischen  Museum  und  die  Spätgotik 
zwei  Lüneburger  Truhen  im  Kunstgewerbemuseum  von  Hamburg.  D 

Eine  andere  niederdeutsche  Truhenart  ist  mit  flach  geschnitzten  Tierbildern 
in  Rundfeldern  verziert.  Aus  dem  14.  Jahrhundert  sind  davon  nur  zwei  Stirnseiten 
in  den  Kunstgewerbemuseen  von  Hamburg  und  Berlin  erhalten;  späte  Ausläufer 
der  Gattung  finden  sich  mehrfach  in  Hannover  [Kestner-  und  Weifenmuseum].  D 

In  Frankreich  setzt  die  gotische  Möbelschnitzerei  mit  der  berühmten,  aber 
aus  alten  und  neuen  Teilen  zusammengesetzten  Truhe  des  Clunymuseums  ein, 
deren  Spitzbogen  je  einen  Ritter  in  der  Tracht  des  frühen  14.  Jahrhunderts  um- 
schließen. Auch  diese  Art  lebte  noch  lange  fort,  wie  einem  um  1400  entstandenen 
Vorderbrett  der  Sammlung  Figdor  in  Wien  [Abb.  275]  und  einer  vollständigen 


Truhe  in  Schloft  Kreuzenstein  zu  entnehmen  ist. 


D 


In  die  Zeit  um  1400  fällt  die  Gruppe  der  S.  Georgstruhen,  die  alle  aus  einer 
Werkstatt  hervorgegangen  sind,  deren  Sitz  wahrscheinlich  in  Westflandern  zu 
suchen  ist,  obwohl  England  die  Mehrzahl  der  Denkmäler  besitzt.  Auf  einer  Truhe 
des  Doms  zu  York  und  einem  ganz  ähnlichen  Stirnbrett  im  South  Kensington 
Museum  ist  in  starkem  Relief  der  Kampf  S.  Georgs  mit  dem  Drachen  nebst  der 
Befreiung  der  Königstochter  geschnitzt.  Zwei  weitere  Truhen  [Kirche  in  Harty 
und  Kensington  Museum]  zeigen  ein  ritterliches  Lanzenstechen.  Das  besterhal- 
tene Stück,  wiederum  mit  dem  heiligen  Drachentöter,  steht  in  der  Martinskirche 
von  Ypern  [Abb.  276]  und  eine  schwächere  Wiederholung  dieser  Georgstruhe  be- 
wahrt das  Museum  der  Stadt.  Ypern  war  im  14.  Jahrhundert  noch  der  reichste 
Handelsplatz  Westflanderns  und  es  ist  bekannt,  daf,  flandrische  Möbel  im  späten 
Mittelalter  in  Mengen  nach  England  ausgeführt  worden  sind.  Die  Truhe  der 
Martinskirche  trägt  noch  reichliche  Spuren  alter  Bemalung  und  Vergoldung  und 
sie  bestätigt  die  auf  bildlichen  Darstellungen  und  auf  mancherlei  kleineren  be- 

354 


D  Abb.  276:  Georgstruhr  in  Vpern  um  1400  D 

malten  Kasten  [Beispiele  im  Kunstgewerbemuseum  Köln]  sich  stützende  Ver- 
mutung, dag  der  romanische  Brauch  der  Möbelbemalung  im  14.  Jahrhundert  noch 
nicht  abgekommen  war.  Erst  die  Spätgotik  hat,  abgesehen  von  rückständigen, 
altertümlichen  Betrieben,  damit  gründlich  gebrochen  und  die  Schnitzerei  allein 
zu  Worte  kommen  lassen.  D 

DAS  ELFENBEIN  D 

Die  Elfenbeinschnitzerei  fällt  wie  die  Bildwirkerei  oder  wie  die  Chorstühle  in 
das  Grenzgebiet  des  Kunstgewerbes.  Die  Arbeiten  des  vorgotischen  Mittelalters 
sind  hier  nach  dem  herrschenden  Brauch  übergangen  worden,  weil  ihre  Bedeutung 
für  die  Kunstgeschichte  der  denkmalsarmen  Frühzeit  viel  mehr  in  der  plastischen 
Leistungliegt,  als  in  der  gewerblichen  Verwendung.  Auch  die  gotischen  Elfenbein- 
werke kann  man  der  Bildhauerei  zurechnen,  denn  sie  stehen  zur  grofjen  Skulptur 
in  engster  Beziehung  oder  richtiger  in  Abhängigkeit.  Die  französischen  Meister 
dieser  Kunst  zählten  demgemäß  zu  der  Körperschaft  der  Bildschnitzer  und 
Maler.  Trotzdem  ist  eine  kurze  Erwähnung  an  dieser  Stelle  zulässig.  Die  Haupt- 
erzeugnisse der  Elfenbeinschnitzer  des  13.  und  14.  Jahrhunderts  waren  neben 
Statuetten,  zumeist  der  Muttergottes,  und  zu  Altaraufsätzen  gehörigen  Figuren- 
gruppen, die  in  großer  Zahl  noch  erhaltenen  Klappaltärchen  und  Diptychen  mit 
biblischen  Reliefbildern  in  Spitzbogenumrahmung  [Abb.  277 1.  Daneben  aber 
haben  sie  eine  Fülle  kunstgewerblichen  Kleingeräts,  wie  Spiegelkapseln,  Schreib- 
tafeln, Messergriffe,  Kämme,  Jagdhörner  und  Schmuckkästchen  mit  Darstellun- 
gen aus  dem  höfischen  Minneleben  und  der  weltlichen  Dichtung,  mit  Turnieren, 

23*  355 


Falkenjagden  und  geselligen  Spielen 

r-' — 7sr Nr- ~y\     — ^/       /\       T»        geschaffen  [siehe  die  TafelJ.  D 

Vir >/!l  V'fv''*r  ^?^il^/'Vr^^/  Die  Meister  haben  wohl  die  Mühe 

.v!.'^.'^.  1»   t^/:^^y        I    .^/v»/Nn     I   (-jgj,    Ei-findung,    insbesondere    der 

kirchlichen  Bilder,   den  Bildhauern 

und  Buchmalern  überlassen  und  auch 

j  '^r  J^y  L  '.    /^in    '■'S*  ■\// AB^Ih   ^   '•.    an  häufiger  Wiederholung  beliebter 

f    I/MK  y  im^  \     \^        Vm  >^^  Vorwürfe  keinen  Anstoß  genommen. 

Der  Mangel  an  Selbständigkeit  hin- 
dert aber  nicht,  dag  ihre  Werke,  die 
mit  einer  gewissen  Zähigkeit  dem 
idealistischen  Stil  der  Frühgotik  an- 
hängen, zu  den  liebenswürdigsten 
Denkmälern  dieses  Zeitalters  gehö- 
ren und  mit  einigen  Muttergottesbil- 
dern aus  dem  Anfang  des  14.  Jahr- 
hunderts [LouvreJ  an  die  Vollendung 
heranreichen.  Als  ein  handlicher  und 
unverwüstlicher  Formenschatz  der 
französischen  Plastik  haben  sie  den 
Geschmack  ihrer  Heimat  in  alle  Lande 
getragen  und  verbreitet.  D 

DieMehrzahl  dieser  kleinenKunst- 
werke  stammt  nach  Raymond  Koech- 
lin  aus  PARISER  WERKSTÄTTEN, 
deren  Blütezeit  das  14.  Jahrhundert 
nicht  viel  überdauerte.  Nur  wenig 
Stücke  sind  durch  die  besonderen  englischen  Spitzbogenformen  —  die  ja  auch 
die  gestickten  englischen  Chormäntel  kennzeichnen  —  und  durch  das  Wappen 
eines  Bischofs  von  Exeter  [Britisches  Museum]  als  englische  Arbeiten  erwiesen. 
Niederländische  und  deutsche  Werke  aus  den  Denkmälern  französischen  Stils 
abzusondern,  ist  bisher  in  nennenswertem  Umfang  nicht  gelungen,  obwohl  die 
Elfenbeinschnitzerei  hier  wie  in  romanischer  Zeit  geübt  worden  ist.  Das  bezeugt 
für  Deutschland  eine  Reihe  gotischer  Holzsättel  aus  dem  Ende  des  14.  und  aus 
dem  15.  Jahrhundert  [die  schönsten  Beispiele  im  Pester  Nationalmuseum],  die  mit 
figürlichen  Darstellungen  und  Ornamenten  aus  flach  geschnittenem  Elfenbein 
überreich  verziert  sind.  Die  süddeutsche  Herkunft  ist  bei  mehreren  Stücken  [im 
Bargello,  Museen  von  Pest,  Bologna,  Wien,  Kensington,  Braunschweig  und  im 
Tower]  durch  die  Sprache  der  Inschriften  beglaubigt.  Italienische  Prunksättel 
dieser  Art  sind  viel  seltener  [ein  Beispiel  mit  italienischem  Spruch  im  Bargello]. 
In  ITALIEN  haben  die  grofien  Bildhauer  der  Pisaner  Schule  die  Kleinplastik  in 
Elfenbein  nicht  verschmäht  [^Marienfiguren  im  Dom  von  Pisa  und  im  Museo  civico 
zu  Bologna]  und  auch  die  französischen  Flügelaltärchen  fanden  Nachahmung. 
Eine  dem  oberitalienischen  Kunstgewerbe  ganz  eigentümliche  Gattung  bilden  die 

356 


Abb.    Ti 


llnuil    iiiiis    französischen   Elfenbein- 
diptychons  in  Münster  D 


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D  Abb.  278:  Kasten  der  Embriachiwerkstatt  um  1400,  Kunstgewerbemuseum  Berlin  D 

Altäre,  Truhen,  Schmuckkasten  und  Spiegelrahmen  aus  Nußholz  und  geschnitzten 
Knochenstücken,  die  zumeist  aus  der  Venetianer  Werkstatt  der  Familie  Embriachi 
nach  1400  hervorgegangen  sind  [Abb.  278].  Wo  das  Holz  sichtbar  bleibt,  ist  es  mit 
Mosaikeinlagen  aus  Knochen  und  hellen  Hölzern  verziert,  deren  geometrische 
Muster  auf  die  im  Kunstgewerbe  Venedigs  so  häufig  bemerkbaren  Einwirkungen 
des  Morgenlandes  hinweisen.  Die  Knochenreliefs  aus  schmalen  aneinander  ge- 
reihten Streifen  geben  Bilder  aus  den  Sagen  und  Dichtungen  des  Altertums  und 
des  Mittelalters,  für  die  Altäre  [Louvre,  Cluny,  Sammlung  Pierpont  Morgan]  bibli- 
sche Geschichten.  Obwohl  die  Ausführung  nicht  selten  recht  handwerksmäßig 
und  einförmig  ist,  haben  die  Embriachiarbeiten  doch  überall  Beifall  gefunden, 
selbst  in  Frankreich  bei  den  kunstsinnigen  Mitgliedern  des  königlichen  Hauses. 
Noch  eine  Stufe  tiefer  stehen  die  nach  Ausweis  der  Ornamente  ebenfalls  ober- 
italienischen Kästchen  und  sonstigen  Kleingeräte  aus  geschnitzten  Knochen,  bei 
welchen  die  ganz  flach  und  flüchtig  gearbeiteten  Figuren  sich  von  schraffiertem 
Grund  abheben.  □ 

DIE  LEDERARBEITEN  D 

Das  Leder  ist  dank  seiner  Zähigkeit  und  Schmiegsamkeit  immer  der  gegebene 
Stoff  für  die  schützende  Umhüllung  von  allerlei  Handgeräten  gewesen.  In  den 
altenRechnungen  der  oben  erwähnten  französischen  Elfenbeinwerke  ist  mehrfach 
von  den  zugehörigen  Ledergehäusen  die  Rede.  Und  es  ist  in  der  Tat  das  14.  Jahr- 
hundert die  Zeit,  welche  die  künstlerische  Behandlung  des  Leders  durch  Ritzen, 
Schneiden,  Treiben  und  Punzen  zur  Blüte  gebracht  hat.  Es  scheint,  daß  damals 
der  Anstoß  weniger  von  der  Buchbinderei,  als  vielmehr  von  den  Verfertigern  der 
Kästchen,  Schachteln,  Futterale  für  Altargeräte,  Besteckscheiden,  Handspiegel 
und  dergleichen  ausgegangen  ist.   Denn  unter  diesen  finden  sich  die  reifsten 

358 


Lederarbeiten  der  Frühgotik, 
während  die  selteneren  geritzten 
Buchdeckel  des  14.  Jahrhunderts 
[Kunstgewerbemuseen  Berlin  und 
Köln,  Prag]  viel  einfacher  und  an- 
spruchsloser sind  [Abb.  279J.     D 

Über  die  Entwicklung  der  Le- 
derarbeit vom  frühen  Mittelalter 
herauf  geben  allerdings  vor- 
wiegend die  Bucheinbände  Auf- 
schlug. Am  Anfang  stehen  zwei 
Buchdeckel  der  Landesbibliothek 
in  Fulda  aus  dem  8.  und  9.  Jahr- 
hundert. Einer,  der  dem  heiligen 
Bonifaz  gehört  haben  soll,  zeigt 
in  braunem  Leder  ausgeschnitten 
die  sechsstrahligen  Sterne  der 
germanischen  Frühzeit  und  kleine 
Kreuzchen,  das  Ganze  mit  ver- 
goldetem Leder  unterlegt.  Den 
anderen  zieren  eingeritzte  Linien- 
verschlingungen  germanischen 
Stils.  Weiter  fortgeschritten  ist 
ein  ebenfalls  noch  frühmittelalter- 
licher roter  Lederband  aus  Dur- 
ham  im  Stonyhurst  College,  der  nicht  nur  eingeritzte  Linienverschlingungen 
irischer  Art,  sondern  auch  schon  in  leichtem  Relief  getriebene  Ranken  aufweist. 

Das  12.  und  13.  Jahrhundert  bringen  in  größerer  Zahl  englische  Einbände, 
meist  Klosterarbeiten  aus  Durham,  York,  Winchester,  London,  Oxford,  die  nicht 
geschnitten,  sondern  mittelst  einer  Unzahl  der  feinsten  und  schärfsten  Metall- 
stempel in  BLINDPRESSUNG  verziert  sind.  Die  Vielfältigkeit  der  Motive  an  Fi- 
guren, Tieren  und  Ornamenten  ist  ebenso  bemerkenswert  wie  die  vortreffliche 
Zeichnung.  Auch  in  Deutschland  und  Frankreich  ist  die  Blindpressung  im  13.  Jahr- 
hundert nachzuweisen;  doch  sind  die  Beispiele  selten  | Germanisches  Museum] 
und  an  die  englischen  Einbände  reichen  sie  nicht  heran.  Im  15.  Jahrhundert  ist 
die  Blindpressung  als  das  häufigste  Zierverfahren  der  Buchbinder  in  ganz  Europa 
allgemein  verbreitet.  Unter  den  spätgotischen  Mustern,  deren  Einzelheiten  — 
Rosen,  Lilien,  Tiere  -  vielfach  in  Rautenfelder  eingeordnet  sind,  waren  die  den 
Seidenstoffen  nachgeahmten  Granatapfelmuster  sehr  beliebt.  Auch  solche  fort- 
laufenden Muster  wurden  in  der  Regel  mit  Hilfe  kleiner,  scharf  aneinander  ge- 
druckter Stempel  erzielt.  In  den  Niederlanden  dagegen  und  unter  deren  Einfliil-i 
in  Frankreich,  England  und  am  Niederrhein,  hat  man  gegen  Ende  des  15.  Jahr- 
hunderts für  Blinddruckbände  auch  größere  Plattenstempel  mit  Heiligenfiguren, 
Inschriften  und  Ranken  verwendet.  D 


D    Abb.  279:  Geritzter  Ledereinband,  14.  Jahrh.   In  Köln    O 


359 


Zahlreiche  Meister  und  Betriebsorte 
|wie  Nürnberg,  Erfurt,  Augsburg,  Ulm, 
Eichstätt,  Strasburg,  Lübeck]  sind  durch 
bezeichnete  Einbände  bekannt  und  es  er- 
gibt sich,  dag  neben  den  bürgerlichen 
Buchbindern  noch  viele  Klosterwerkstät- 
ten [in  Erfurt,  Benediktbeuren,  Tegernsee, 
Melk,  Amorbach,  Bamberg,  Wien,  Nürn- 
berg] im  15.  Jahrhundert  tätig  waren.    G 

Das  von  den  Buchbindern  lange  ver- 
nachlässigte TREIBEN  des  Leders  hatte 
unterdessen  in  der  Herstellung  von  Gehäu- 
sen und  Schmuckkästchen  ein  ergiebiges 
Feld  der  Betätigung  gefunden.  Schon  im 
14.  Jahrhundert  war  das  Treibverfahren 
inDeutschland  und  Frankreich  figürlichen 

Ahli,  2SII:  Lederkastcn  aus  Basel,  U.Jahrhundert    Aufgaben    gewachsen.     Es    genügt,    ZWei 

ausgezeichnete  Arbeiten  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum  anzuführen:  eine 
große  achtseitige  Schachtel  aus  Basel  mit  der  Frau  Venus  auf  dem  Deckel  [Abb. 
280]  und  Liebespaaren  auf  den  Seiten  aus  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts, 
dann  ein  etwas  jüngeres  Kästchen,  auf  dessen  Deckel  eine  Dame,  die  ihren  Jagd- 
falken füttert  und  ein  Herr  zwischen  Rosenstauden  dargestellt  sind.  Die  Figuren 
wie  die  das  Bildfeld  und  die  Seiten  umziehenden  Weinranken  und  Eichenblätter 
heben  sich  in  kräftigem,  fest  umrissenem  Relief  von  dem  gepunzten  Grunde  ab. 
Um  so  plastischen  Lederarbeiten  Dauerhaftigkeit  zu  verleihen,  mußten  die  auf- 
getriebenen Erhöhungen  mit  Kitt  hinterlegt  werden;  Unterschneiden  und  Auf- 
drücken der  Ränder  half  die  Zeichnung  verstärken.  Die  große  Mehrzahl  der  deut- 
schen, französischen  und  spanischen  Lederkästen  des  15.  Jahrhunderts  begnügt 
sich  mit  flacherer  Arbeit,  welche  die  umschnittene  Zeichnung  blank  und  glatt  von 
dem  durch  Punzenschlag  gekörnten  Grund  absetzt.  In  Frankreich  trat  oft  Be- 
malung und  Vergoldung  hinzu,  um  die  Wirkung  zu  heben.  Nur  in  Italien,  wo  zur 
Zeit  des  Übergangs  von  der  Gotik  zur  Renaissance  lederbezogene  Gehäuse  für 
Kelche, Hostienbüchsen, Mörser, Handglocken  und  dergleichen  inMengengemacht 
wurden,  sind  die  Ranken-  und  Tiermuster  immer  durch  starke  Buckelung  belebt. 
Die  Buchbinderei  hat  von  den  Fortschritten  des  getriebenen  Lederschnittes 
erst  während  der  Spätgotik  und,  wie  es  scheint,  ausschließlich  in  Deutschland 
Nutzen  gezogen.  Es  gibt  aus  der  zweitenHälfte  des  15.  Jahrhunderts  eine  ansehn- 
liche Reihe  geschnittener  und  gepunzter  Lederbände  [Germanisches  Museum, 
Hofbibliothek  in  Wien,  Museen  in  Hamburg  und  Freiburg,  Bibliotheken  in  München, 
Marburg,  Darmstadt,  Oxford],  die  von  der  Reliefarbeit  einen  dem  Zweck  ent- 
sprechend gemäßigten,  aber  höchst  geschickten  Gebrauch  machen  [Abb. 281].  Sie 
zeigen  heilige  und  weltliche  Figuren,  zuweilen  nach  Kupferstichen  und  Holz- 
schnitten, Jagdstücke,  Tiere  und  Wappen,  oft  mit  sehr  reichem,  spätgotischem 
Rankenwerk  verbunden.  Den  Wappen  ist  zu  entnehmen,  daß  mehrere  von  diesen 

360 


schönsten  Erzeugnissen  der  go- 
tischen Lederarbeit  in  Nürnberg 
entstanden  sind;  einen  Wiener 
Band  von  1451  besitzt  das  Briti- 
sche Museum.  D 

Für  den  Schutz  des  Leders 
sorgen  bei  den  Bucheinbänden 
des  Mittelalters,  die  noch  liegend 
aufbewahrt  wurden,  Metallbe- 
schläge auf  den  Ecken  und  in  der 
Mitte,  für  schwere  Bücher  gegos- 
sen, für  kleinere  aus  Messing  ge- 
preßt. Die  Arbeit  ist  im  Durch- 
schnitt ziemlich  handwerksmäßig, 
doch  fehlt  es  nicht  ganz  an  vol- 
lendeten Leistungen.  Der  Erzbe- 
schlag eines  großen  Antiphonars 
im  Dom  zu  Raab  ist  dafür  das 
vornehmste  Beweisstück.  D 

DasMittelstückumschließtdie 
Himmelskönigin,  die  Ecken  die 
Evangelistenzeichen,  die  auch 
sonst  die  beliebtesten  Vorwürfe 
für  gotische  Buchbeschläge  ab- 
gaben. D 

D 


Abb.  2S1:  Ledereinband  um  1480;  in  Wien 


D 


KAPITEL  XI  *  DAS  SPÄTGOTISCHE  KUNSTGE- 
WERBE IM  15.  JAHRHUNDERT.  D 

Für  die  Scheidung  des  spätgotischen  Stils  von  derFrühgotik  im  Kunstgewerbe 
ist  nicht  mehr  die  Baukunst  in  erster  Linie  maßgebend  gewesen.  Die  Bauformen 
hatte  schon  das  Kunstgewerbe  des  14.  Jahrhunderts  ihrer  inneren  Bedeutung  ent- 
kleidet und  als  reinen  Zierrat  seinen  eigenen  Zwecken  anzupassen  gelernt.  Die 
Kunsthandwerker  des  15.  Jahrhunderts  sind  darin  auf  gewohnten  Wegen  weiter 
geschritten,  gefördert  von  der  gleichzeitigen  Baukunst,  die  selbst  im  spielenden 
Gebrauch  ihrer  reichen  Formensprache  ein  erstrebenswertes  Ziel  sah.  O 

Einschneidender  wirkten  um  die  Wende  des  14.  zum  15.  Jahrhundert  die  Fort- 
schritte und  Neuerungen  der  Malerei  und  Bildhauerei.  Schon  vor  140Ü  hatte  die 
idealistische  Überlieferung  der  Frühgotik  sich  ausgelebt.  Sie  war  in  Manier  ver- 
fallen und  ihr  Schönheitsideal  war  zur  inhaltsleeren  Form  herabgesunken.  In 
äußerlichen  Mitteln,  wie  der  Übertreibung  der  geschwungenen  Haltung  und  in 
üppig  gehäuftem  Faltenwurf  hatte  man  verstärkte  Wirkungen  gesucht.  Neues 
Leben  und  ein  neuer  Stil  regten  sich,  als  Maler  und  Bildhauer  sich  enger  an  die 

361 


Natur  anschlössen  und  in  ernstem  Bemühen  die  Fähigkeit  zur  Darstellung  der 
Wirklichkeit  errangen.  Aus  ihrer  Arbeit  entstand  der  Realismus  des  15.  Jahr- 
hunderts. □ 

Er  hat  auch  das  Aussehen  der  kunstgewerblichen  Erzeugnisse,  soweit  sie 
figürliche  Darstellungen  enthalten,  wesentlich  geändert.  Das  Kunsthandwerk 
kennt  freilich  nur  einen  Realismus  aus  zweiter  und  dritter  Hand,  den  es  als  ge- 
gebene Ausdrucksform  hinnahm.  D 

Das  spätgotische  ORNAMENT  ist  vom  Realismus  der  Zeit  nur  wenig  berührt 
worden.  Die  der  Baukunst  entnommenen  Zierformen  unterlagen  seiner  Ein- 
wirkung nicht  und  auch  für  die  verwelkte  Schöpfung  der  Frühgotik,  die  natur- 
ähnlichen Ornamente  aus  der  heimischen  Pflanzenwelt,  hat  er  einen  vollgültigen 
Ersatz  nicht  hervorgebracht.  An  ihrer  Stelle  drängt  sich  die  spätgotische,  band- 
artig gezogene  und  gewundene  Blattranke  in  den  Vordergrund,  mit  gezackten, 
geschlitzten  und  gekrausten  Endungen,  die  durch  die  weitestgehende  Stilisierung 
jedem  Raum  angepaßt  und  jeglichem  Zweck  als  plastisches  oder  als  Flächen- 
ornament dienstbar  gemacht  wird  [vgl.  Abb.  289,  312].  Wenn  sie  auch  gelegent- 
lich mit  ihrem  stacheligen  Blattwerk  und  in  ihren  Blütenformen  der  Distel  ähnelt, 
so  verliert  sie  in  anderen  Fällen  ganz  und  gar  das  Wesen  einer  Pflanze.  Ein  Bei- 
spiel aus  Hunderten:  Auf  dem  mit  Elfenbeinschnitzereien  bedeckten  Prunksattel 
des  Königs  Wenzel  im  Wiener  Hofmuseum  ist  die  Bandranke  in  flatternde 
Schärpen  umgewandelt,  die  nur  durch  die  Blattrippen  noch  die  Abstammung  aus 
der  Pflanzenform  verraten.  D 

Erst  gegen  Ausgang  des  15.  Jahrhunderts  zeigen  sich  wieder  naturalistische 
Neigungen  im  spätgotischen  Ornament.  Die  naturgetreu  wiedergegebenen  Streu- 
blumen der  gleichzeitigen  Buchmalerei  hat  das  Kunstgewerbe  zwar  nur  spärlich 
angenommen.  Aber  in  der  Schnitzerei,  Glasmalerei,  Silberarbeit,  Töpferkunst 
kommen  wieder  die  Weinranken.  Eichenzweige  und  dergleichen  zum  Vorschein, 
die  mit  realistischer  Absicht  in  der  oft  unsymmetrischen  Linienführung,  in  der 
Durchbildung  des  Astwerks  und  der  Zweigansätze  oder  im  Umschlag  der  Blätter 
die  Zufälligkeiten  der  natürlichen  Vorbilder  mit  einiger  Übertreibung  darstellen 
wollen  [vgl.  Abb.  306].  D 

Das  Gesamtbild  des  spätgotischen  Kunstgewerbes  ändert  sich  sehr  wesentlich 
gegen  die  Vorzeit  durch  die  Erweiterung  des  Arbeitsgebietes.  Der  Bürgerstand 
tritt  als  starker  und  maggebender  Auftraggeber  und  Abnehmer  auf  und  damit 
stellt  sich  die  Kunst  im  Hause  gleichberechtigt  neben  die  kirchliche  Kunst.  Wir 
können  das  Anwachsen  des  weltlichen  Geräts  in  derGoldschmiedekunstverfolgen, 
wir  sehen,  wie  die  Glasmalerei  schon  zu  Anfang  des  15.  Jahrhunderts  ihren  Platz 
nicht  nur  in  den  Rathäusern  [Lüneburg],  sondern  auch,  zunächst  als  bescheidene 
Wappenscheibe,  in  den  Fenstern  der  Wohnzimmer  findet,  wie  die  Kunsttischlerei 
in  raschestem  Aufstieg  eine  Zimmerausstattung  von  großem  Formenreichtum 
hervorbringt.  Die  Gewerbe,  die  im  frühen  Mittelalter  verschollen  waren,  weil  die 
Kirche  ihrer  nicht  bedurfte,  wie  die  Töpferei  und  Glasbläserei,  kommen  nach 
langer  Nacht  wieder  zum  Vorschein  und  beginnen  nach  künstlerischer  Gestaltung 
zu  streben.     Die  weltliche  Betätigung  regt  sich  und  gewinnt  Raum  auf  allen 

362 


7=-n  DAS    GOLDENE    ROESSEL 

rJK)  VON  ALTOETTING,  PARIS  1403 


Gebieten  und  was  während  der  Gotik  noch  Knospe  blieb,  das  entfaltet  sich  zur 
vollen  Blüte  durch  die  Sonne  der  Renaissance.  □ 

1.  DIE  GOLDSCHMIEDEKUNST  D 

Das  Vordringen  und  Anwachsen  des  weltlichen  Silbergeschirrs  auf  Kosten  der 
kirchlichen  Edelmetallarbeiten,  das  namentlich  in  Deutschland  während  der 
zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  ganz  deutlich  bemerkbar  wird,  ist  gelegentlich 
als  eine  zufällige,  durch  die  unberechenbaren  Umstände  derErhaltungverursachte 
Erscheinung  erklärt  worden.  Es  liegen  aber  doch  zweifellos  tiefere  Gründe  vor. 
Die  Ursachen,  welche  die  fürstlichen  Schätze  des  14.  Jahrhunderts  wieder  in  den 
Schmelztiegel  getrieben  haben.  Zeiten  des  Mangels  oder  der  Wechsel  des  Ge- 
schmacks, die  bestanden  im  15.  Jahrhundert  ungefähr  mit  der  gleichen  Wirkung 
ebenso  wie  vorher.  Dagegen  kann  man  bemerken,  dag  mit  der  Vermehrung  des 
weltlichen  Silbers  eine  gewisse  Vernachlässigung  des  kirchlichen  Hand  in  Hand 
geht.  Das  zeigt  sich  weniger  in  der  Anzahl  der  Arbeiten  für  die  Kirche,  als  in  der 
Wahl  der  Gegenstände.  Im  früheren  Mittelalter  waren  die  Hauptaufgaben  der 
Güldschmiedekunst  diejenigen,  welche  eine  standfeste  Gläubigkeit  zur  Voraus- 
setzung hatten,  die  Gegenstände  für  die  Reliquienverehrung.  Diese  verschwinden 
zwar  nicht  mit  der  Spätgotik,  aber  sie  werden  doch  seltener  und  zumeist  beschei- 
dener an  Umfang  und  Ausstattung.  Nur  wenige  der  spätgotischen  Reliquien- 
schreine, wie  etwa  der  Altbreisacher  Schrein  des  Peter  Berlyn  von  1496  oder  der 
Machabäerschrein  in  Köln,  können  sich  an  Kostbarkeit  und  Kunstaufwand  mit  den 
romanischen  Heiligensärgen  oder  mit  dem  frühgotischen  Gertrudenschrein  in  Ni- 
velles  messen.  Dafür  überwiegen  nun  in  ungezählter  Menge  die  eigentlichen 
Altargeräte,  die  Kelche,  Kreuze,  Monstranzen,  die  für  den  regelmäßigen  Gottes- 
dienst unentbehrlich  sind.  D 

Dag  hierfür  nicht  der  Zufall  allein  verantwortlich  ist,  sondern  dag  eine  welt- 
liche Strömung,  verbunden  mit  einer  Verflachung  der  kirchlichen  Gesinnung,  am 
Werke  war,  das  sieht  man  deutlicher,  wenn  man  der  Entwicklung  der  Gold- 
schmiedekunst über  das  15.  Jahrhundert  hinaus  in  das  Zeitalter  des  Humanismus 
und  der  Reformation  nachgeht:  Das  Schlugergebnis  ist  die  vollständige  Verschie- 
bung des  Schwerpunktes  vom  kirchlichen  auf  das  bürgerliche  Gebiet.  Das  Vor- 
dringen des  bürgerlichen  Elements  zu  Zeit  der  Spätgotik  ist  somit  der  Anfang 
einer  im  Geistesleben  des  ausgehenden  Mittelalters  begründeten  Erscheinung, 
die  unter  der  Renaissance  ihren  Höhepunkt  erreicht.  D 

Die  Goldschmiedekunst  FRANKREICHS  eröffnet  das  15.  Jahrhundert  mit  dem 
kostbaren,  halb  weltlichen,  halb  kirchlichen  Kleinod,  das  unter  dem  volkstümlichen 
Namen  des  'Goldenen  Roessels  von  Altoetting'  berühmt  geworden  ist  |  siehe  die 
Tafel |.  Als  das  bedeutendste  Denkmal  aus  dem  Schatz  König  Karls  VI.  bietet  es 
wertvolle  Aufschlüsse  über  die  Geschmacksrichtung  und  die  Technik  der  damaligen 
französischen  Hofkunst.  Die  tadellos  erhaltene  Gruppe  ist  62  cm  hoch,  oben  aus 
massivem  Gold,  der  Unterbau  aus  vergoldetem  Silber.  In  einer  Laube  mit  email- 
lierten Rosen  thront  die  Muttergottes,  vor  ihr  sitzt  die  heilige  Katharina,  die  sich 
dem  Christkinde  verlobt.  Wie  diese  sind  die  beiden  Johannes  zu  Fügen  der  Maria 
als  Kinder  gestaltet.    Eine  Stufe  tiefer  kniet  links  auf  goldenem  Kissen  König 

363 


Karl  VI.,  in  silbernem  Harnisch,  den  ein  schwarz  emaillierter  Mantel  mit  den 
Wappenlilien  umhüllt.  Hinter  ihm  steht  sein  Hund  und  rechts  trägt  ein  knieender 
Ritter  den  silbernen  Stechhelm  des  Königs,  während  unter  der  Säulenhalle  ein 
Knappe  das  reichgeschirrte  Pferd  am  Zaum  hält,  das  dem  ganzen  Kleinod  zu 
seinem  Namen  verholfen  hat.  D 

Das  Schmelzwerk  auf  runder  Plastik,  durchsichtig  und  undurchsichtig,  ist  in 
ausgedehntestem  Mage  zur  farbigen  Ausstattung  herangezogen.  Nur  die  Haare 
der  Figuren  und  die  Gewandborten  sind  in  Gold  belassen;  das  Fleisch  ist  weig 
emailliert,  Augen  und  Lippen  bemalt.  Zu  den  einfarbig  weißen  und  roten  Ge- 
wändern der  heiligen  P'iguren  steht  die  mehrfarbige  Zeittracht  des  Königs  und 
seinerBegleiter  in  lebhaftem  Gegensatz;  dieweißenRöcke  der  letzteren  sind  grün 
gefüttert  und  die  dunkelblauen,  lang  herabhängenden  Ärmel  mit  weißen  Klee- 
blättern auf  durchsichtigem  Grund  gemustert.  Das  ist  das  erste  Auftreten  des 
Malerschmelzes,  dem  wir  später  wieder  begegnen  werden.  D 

König  Karl  hatte  das  Kleinod  von  seiner  Gemahlin  Isabella  von  Bayern  am 
Neujahrstag  1404  als  Geschenk  erhalten.  Er  behielt  es  nicht  lange.  Schon  im  Juli 
1405  versetzte  er  es  seinem  Schwager  Herzog  Ludwig  von  Bayern  als  Pfand  für 
verschiedene  Schulden.  Spätestens  1413,  als  Herzog  Ludwig  Frankreich  verlieg, 
ist  es  nach  Bayern  gekommen  und  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  der  Kirche  zu 
Altoetting  überwiesen  worden.  D 

Das  realistische  Streben  der  Zeit  kommt  in  dem  Bildnis  des  Königs,  in  den 
Trachten,  in  der  Zugabe  von  Hund  und  Pferd  deutlich  genug  zum  Ausdruck.  Ob 
das  Goldene  Roessel  von  einem  der  am  Hofe  Karls  VI.  tätigen  deutschen  Gold- 
schmiede oder  von  einem  Franzosen  herrührt,  ist  unbekannt.  Die  Frage  ist  auch 
nicht  von  erheblicher  Bedeutung.  Denn  jedenfalls  ist  der  Gedanke  dieser  Gruppe 
echt  französisch,  durchaus  kennzeichnend  für  die  französische  Hofkunst  und  wohl 
ebensofür  die  burgundische,  die  damals  dieselben  Wege  ging.  Das  nächste  Gegen- 
stück des  Goldenen  Roessels  hatte  Karl  VI.  durch  denselben  Schuldbrief  von  1405 
dem  Herzog  Ludwig  überwiesen:  ein  goldenes  Marienbild  zwischen  den  Heiligen 
Georg  und  Elisabeth,  angebetet  vom  König  und  der  Königin  Isabella,  ein  Werk, 
das  bis  zu  seiner  Vernichtung  im  Jahr  1801  die  Kirche  von  Ingolstadt  bewahrte. 
Auch  eine  emaillierte  Goldfigur  des  Erzengels  Michael  hatte  der  Herzog  von 
Bayern  1404  als  Pfand  des  Königs  erhalten.  D 

Den  künstlerischen  Höhepunkt  dieser  Richtung  bezeichnet  der  sogenannte 
Kalvarienberg  im  Domschatz  von  Gran,  der  aus  stilistischen  Gründen  hier  anzu- 
reihen ist.  Der  gotische  Oberteil,  für  welchen  König  Mathias  Corvinus  vor  1490 
einenunvergleichlich  schönenRenaissancesockel  inItalien  anfertigen  ließ,  besteht 
aus  einem  offenen,  von  drei  Doppelpfeilern  getragenen  Baldachin,  unter  dem 
Christus  an  die  Säule  gefesselt  steht;  in  jeden  Pfeiler  ist  eine  Apostelfigur  einge- 
stellt. Darauf  ruht  der  Kalvarienberg:  ein  emaillierter  Felsen,  der  das  Kreuz  zwi- 
schen Maria  und  Johannes  trägt  [siehe  die  Tafel].  Der  ganze  Aufbau  | einschließ- 
lich des  italienischen  Unterteils  71  cm  hoch)  ist  aus  massivem  Gold  gearbeitet,  die 
höchst  ausdrucksvoll  gebildeten  Figuren  sind  bis  auf  die  Haare  und  die  goldenen 
Gewandsäume  ganz  mit  durchsichtigen  und  undurchsichtigen  Schmelzfarben  über- 

364 


TEIL  DES  -KALVARIENBKKGS' 
IM  DOMSCHATZ  ZU  GRAN 


zogen,  genau  in  der  Technik  des  Goldenen  Roessels.  An  dieses  Werk  erinnert 
auch  der  reiche  Besatz  von  Edelsteinen  und  Perlen.  Zur  selben  Gattung  gehört 
ferner  das  goldene  Reliquiar  für  ein  Stück  der  Dornenkrone  Christi  im  Britischen 
Museum  [30  cm  hoch].  Aus  einer  gotischen  Burg,  deren  Wände  wie  der  Untersatz 
des  Marienbildes  inAltoetting  mitLilien  auf  blauem  Schmelzgrund  gemustert  sind, 
erhebt  sich  ein  grüner  Hügel  mit  der  Auferstehung  der  Toten.  Er  trägt  einen  von 
gotischemLaubwerk  umsponnenen,mitPerlen  und  Rubinen  besetztenRahmen,  aus 
dem  die  Halbfiguren  der  Apostel  herausragen  und  der  die  ebenfalls  auf  runder 
Plastik  emaillierten  Gestalten  Christi,  Johannes  und  der  Jungfrau  umschließt.     □ 

Dem  Goldenen  Roessel  steht  ferner  eine  Reihe  von  siebzehn  Schmuckstücken 
im  Kirchenschatz  von  Essen  sehr  nahe.  Es  sind  Kränze  mit  genau  denselben  Blu- 
men und  Blättern  besetzt,  wie  die  Laube  in  Altoetting;  sie  umschließen  kleine 
Figürchen,  derenGewänder  wiederum  mit  weißen  Kleeblättern  in  Schmelzmalerei 
verziert  sind.  CD 

Die  Vorliebe  für  die  naturgetreueDarstellung  von  Stiftern  ist  der  französischen 
und  burgundischen  Goldschmiedekunst  noch  lange  treu  geblieben.  Auf  einem 
Kreuzreliquiar  der  Martinskirche  zu  Hai  in  Brabant,  das  Ludwig  XL  als  Dauphin 
zur  Erinnerung  an  seinen  Aufenthalt  daselbst  zwischen  1456  und  1461  gestiftet 
hatte,  ist  er  selbst  neben  seiner  Gemahlin  Charlotte  von  Savoyen  zu  sehen.  Am 
weitesten  ist  der  Realismus  getrieben  in  der  goldenen  Gruppe,  dieKarl  derKühne 
von  Burgund  zur  Sühne  für  die  bei  der  Eroberung  von  Dinant  und  Lüttich  be- 
gangenen Greueltaten  dem  Dom  von  Lüttich  1471  geschenkt  hat.  Der  Herzog  ist 
knieend  dargestellt,  ein  Reliquiar  in  den  Händen,  Helm  und  Handschuhe  neben 
sich  auf  dem  Boden.  Seine  blanke  Rüstung,  die  oben  ein  kurzer  Rock  mit  weiten 
Ärmeln  bedeckt,  ist  in  allenEinzelheiten  genau  ausgearbeitet,  noch  mehr  diejenige 
des  völlig  gewappneten  heiligen  Georg,  der  den  Helm  lüftend  hinter  dem  Herzog 
steht.  Daß  der  Verfertiger  Gerard  Loyet  aus  Lille  Siegelstecher  war,  kann  man 
an  der  peinlichen  Schärfe  erkennen,  mit  der  die  Bildnisähnlichkeit  Karls  heraus- 
gebracht ist.  D 

Die  Merkmale  der  vorerwähnten  höfisch  en  Werke,  nämlich  die  Schmelzmalerei 
auf  runder  Plastik  und  die  überreiche  Ausstattung  mit  Perlen  und  Edelsteinen, 
kehrt  auch  an  einigen  französischen  Denkmälern  kirchlicher  Bestimmung  wieder. 
Beispiele  sind  ein  als  Reliquiar  gefaßter  Kristallbecher  im  Dom  zu  Reims,  dessen 
Deckel  einen  Engel  trägt,  und  das  Reliquiengehäuse  aus  der  Kapelle  des  Heiligen 
Geistordens  im  Louvre.  □ 

Es  scheint,  daß  die  gotischen  Bauformen  in  der  französischen  Goldschmiede- 
kunst nicht  so  häufig  und  einseitig  ausgenützt  worden  sind,  wie  in  Deutschland, 
Spanien  und  den  Niederlanden.  Den  Hunderten  deutscher  Turmmonstranzen  steht 
nur  eine  geringe  Zahl  verwandter  Kirchengeräte  von  französischer  Arbeit  gegen- 
über. Wie  geschickt  trotzdem  die  französischen  Meister  mit  den  Bauformen  um- 
zugehen wußten,  zeigt  unter  anderem  das  kleine  goldene  Salzfaß  aus  dem  alten 
Kronschatz  im  Louvre,  das  in  der  Form  eines  Taufbeckens  entworfen  ist,  gestützt 
von  PfeilernmitStrebebogen,  Wasserspeiern  und  mit  rundum  emaillierten Kinder- 
figürchen.  D 

366 


Die  figürlichen  Silberarbeiten  des 
15.  Jahrhunderts  [in  Conques,  Luce- 
ram,  Amiens,  Clunymuseum;  die  Auf- 
erstehungsgruppe in  Reims]  stehen 
nicht  mehr  auf  der  Höhe  ihrer  früh- 
gotischen Vorgänger  und  auch  unter 
denKopfreliquiaren  [inGimel,  Cham- 
bon,  Yrieux,  Abtei  Grandmont]  sind 
nicht  grade  hervorragende  Werke 
überliefert.  ü 

Das  bedeutendste  Büstenreliqui- 
ar  ist  außerhalb  der  französischen 
Grenzen  geschaffen  worden.  Es  ist 
die  1,62  m  hohe  Lambertusbüste  im 
Dom  von  Lüttich,  die  der  Bischof  Er- 
hard von  der  Marck  durch  den  Lütti- 
cher  Goldschmied  Heinrich  Soete 
1505  bis  1512  ausführen  lieg.  Sie  ist 
noch  vollkommen  im  gotischen  Stil 
gehalten;  kaum  dag  in  den  nackten 
Engeln,  welche  die  Eckpfeiler  des 
Sockels  bekrönen,  die  ersten  Vorbo- 
ten der  Renaissance  bemerkbar  wer- 
den. Der  heilige  Lambert  ist  als  Halb- 
figur im  vollen  Bischofsornat  darge- 
stellt. Dem  Gesicht  ist  durch  die  Be- 
malung der  kalte  Silberglanz  genommen.  Die  größte  Sorgfalt  und  Arbeit  hat 
Soete  dem  sechsseitigenSockel  zugewendet,  dessen  Nischen  figurenreiche  Bilder 
aus  dem  Leben  des  Heiligen  einschließen.  Der  Meister  stand  dabei  in  der  Art, 
wie  er  freistehende  Figuren  mit  Reliefs  verbindet,  augenscheinlich  unter  dem  Ein- 
fluß der  flandrischen  Schnitzaltäre.  Das  ganze  Denkmal  ist  ein  würdiges  Schluß- 
stück der  kirchlichen  Goldschmiedekunst  des  Mittelalters,  das  die  gewaltige  Stei- 
gerung des  plastischen  Könnens  der  Gotik  vortrefflich  veranschaulicht.  D 

Auch  in  DEUTSCHLAND  hat  die  kirchliche  Silberarbeit  die  Neigung  zu  plasti- 
schen Werken  weiter  betätigt.  Die  Zahl  der  -  -  zumeist  getriebenen  —  Silber- 
figuren der  Spätgotik  ist  so  beträchtlich,  daß  man  sich  auf  die  Anführung  einiger 
kennzeichnenden  Stücke  beschränken  muß.  In  den  Beginn  des  15.  Jahrhunderts 
fallen  die  60  cm  hohen  Statuetten  der  Heiligen  Liborius  und  Kilian  im  Dom  von 
Paderborn,  in  deren  geschwungenerKörperhaltung die  Frühgotik  noclinachwirkt. 
Die  nächste  Stufe  vertreten  die  Silberapostel  des  Doms  in  Münster.  Die  fließend 
geordneten  Gewandfalten  folgen  noch  der  älteren  Überlieferung,  die  Köpfe  da- 
gegen sind  schon  realistisch  gebildet.  Die  Potrusi'igur  des  Aacliener  Münsters 
führt  in  die  zweite  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  hinüber.  Ihr  bereits  eckig  ge- 
brochener und  geknickter  Faltenwurf  bildet  den  Übergang  zu  den  unruhig  ge- 

367 


Abb.   282:    Silberfigur   der   Muttergottes    in  Augsburg 


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Abb.  283 :  Georgsreliquiar  aus  Elbing 


häuften,  weiten  Gewandmassen,  wie 
sie  an  der  Lüneburger  Muttergottes 
im  Berliner  Kunstgewerbemuseum, 
an  der  Marienfigur  des  Augsburger 
Goldschmieds  Heinrich  Hufnagel  von 
1482  im  Kaiser  Friedrich  -  Museum 
und  namentlich  an  der  Jungfrau  des 
Diözesanmuseums  inAugsburg  [Abb. 
282J  zu  sehen  sind.  Als  ein  Beispiel 
für  die  genaue  Wiedergabe  der  Zeit- 
tracht ist  der  gewappnete  Sankt  Georg 
des  Berliner  Kunstgewerbemuseums 
[Abb.  283],  eine  Elbinger  Arbeit,  zu 
nennen.  Die  Georgsbrüderschaft  in 
Elbing  besitzt  dieselbe  Gruppe  in  grö- 
ßerer Ausführung;  spätere  Wieder- 
holungen die  Schwarzhäuptergesell- 
schaft in  Riga  und  die  Kirche  in 
Hochelten  am  Rhein.  D 

Büstenreliquiare  sind  in  Deutsch- 
land, Österreich  und  der  Schweiz 
[Chur]  noch  in  stattlicher  Zahl  vor- 
handen und  darunter  manches  Stück, 
das  der  hohen  Fertigkeit  der  spät- 
gotischen Goldschmiede  in  der  Treib- 


arbeit das  beste  Zeugnis  ausstellt. 
Trotzdem  ist  die  Wirkung  dieser  Silberarbeiten  großen  Magstabes  nicht  immer 
erfreulich.  Denn  die  scharfen  Lichter  des  blanken  Metalls  werden  um  so  stören- 
der, je  mehr  die  Goldschmiede  sich  um  Naturtreue  und  Lebenswahrheit  be- 
mühen. Schon  die  kurz  nach  1400  geschaffene  Marsusbüste  in  Essen  verzichtet 
auf  jegliche  Idealisierung.  Der  Kopf  zeigt  derbe,  unedle  Züge  und  der  Meister  hat 
auch  die  kleinen  Hilfen  des  Realismus,  wie  das  Aufrauhen  der  rasierten  Gesichts- 
teile, nicht  verschmäht.  Höher  steht  der  liebliche  Mädchenkopf  der  heiligen 
Dorothea  in  Breslau,  wahrscheinlich  in  Ofen  um  1430  geschaffen,  der  durch  den 
Gegensatz  des  silbernen  Gesichtes  zu  den  vergoldeten  Locken  und  der  emaillierten 
Laubkrone  farbigen  Reiz  gewinnt.  Ansehnliche  Leistungen  von  sorgsamster 
Durchführungsind  dieBrustbilder  derHeiligenAlexanderundPetrus  in  Aschaffen- 
burg, letzteres  von  Hans  Dürmsteyn  aus  Frankfurt  1473  bezeichnet.  Ihre  prächtige 
Wirkung  verdanken  sie  hauptsächlich  demüberreichenZierrat  aus  krausemBlatt- 
werk  und  Schmuckstücken  auf  den  Tiaren  und  den  Gewändern.  D 

Für  den  Reliquienschrein  hat  die  Spätgotik  neue  Lösungen  nicht  gefunden. 
Unter  den  norddeutschen  Schreinen  in  Kirchenform  ragt  der  Machabäerschrein 
der  Andreaskirche  in  Köln  [Abb.  284]  durch  den  Reichtum  der  Relief bilder  hervor, 
welche  die  Bauformen  fast  verschwinden  lassen.  Gleichwertig  steht  ihm  im  Süden 


368 


der  Altbreisacher  Schrein  von  Peter 
Berlyn  aus  Wimpfen  [1496]  zur  Seite, 
der  an  der  alten  oberrheinisclien 
Form  des  vierseitig  abgeschrägten 
Walmdaches  festhält.  D 

Unentbehrlich  waren  dem  Gold- 
schmied die  Bauformen  für  die  Ho- 
stienmonstranz. Sie  ist  ein  Kind  der 
Gotik;  denn  die  Schaustellung  der 
Hostie  in  feierlichem  Umzug,  wofür 
die  Monstranz  in  erster  Linie  be- 
stimmt ist,  begann  erst  nach  der  Ein- 
richtung des  Fronleichnamsfestes 
[1316],  das  die  Erinnerung  an  das 
Wunder  vonBolsena  [1264]  erneuert. 
Die  gewöhnliche  Form  eines  leichten 
Turmbaues  auf  kelchartigem  Fuß  und 
Schaft,  die  bereits  das  14.  Jahrhun- 
dert erfunden  hatte  [vgl.  Seite  310 
und  322]  entspricht  dem  Zweck,  das 
äußerlich  unscheinbare  Sakrament 
mit  einer  weithin  sichtbaren  und  doch 
leicht  tragbaren  Fassung  zu  umge- 
ben, in  sehr  vollkommener  Weise.  Die 
Monstranz  wurde  neben  den  Kelchen 

und  Kreuzen  der  beliebteste  Gegen-    °     ^^^-  ^^*'-  Machabäerschrein  in  Köln.  Stirnseite     D 

stand  der  kirchlichen  Goldschmiedekunst  im  deutschen  Kunstbereich  und  in  den 
Niederlanden.  Der  Umstand,  daß  die  große  Wirkung  der  gotischen  Turmmon- 
stranzen mit  einem  im  Verhältnis  geringen  Aufwand  von  Edelmetall  erzielt  wurde, 
hat  jedenfalls  dazu  beigetragen,  daß  sie  in  so  bedeutender  Anzahl  erhalten  ge- 
blieben sind.  Man  kann  an  dem  vorhandenen  Bestand  mannigfache  Lösungen  der 
Aufgabe  und  auch  Gruppen  von  landschaftlicher  Eigenart  erkennen.  D 

Entscheidend  für  die  Gestalt  der  Monstranz  ist  die  Form  des  eigentlichen 
Hostiengehäuses  aus  Glas  oder  Kristall.  Die  der  Hostie  angemessenste  und  daher 
die  ältere  Form  des  Behälters  ist  eine  flache,  runde  Kapsel  oder  Linse  mit  zwei 
Scheiben.  Sie  veranlaßte  folgerichtig  eine  flaclie,  in  die  Breite  gehende  Entwick- 
lung der  Bauformen,  mehr  einer  Kirchenfront  als  einem  Turm  gleichend.  Es  erwies 
sich  aber  als  schwierig,  die  runde  Scheibe  in  die  senkrecht  aufstrebende  Pfeiler- 
ordnung der  Gotik  einzufügen.  Die  Scheibenmonstranz  blieb  daher  in  Norddoutsch- 
land  und  den  Niederlanden  selten  luul  die  erhaltenen  Beispiele,  im  Dom  und  im 
Erzbischöflichen  Museum  zu  Köln,  in  der  Burg  Eltz  [Abb.  285 1  reichen  über  das 
14.  Jahrhundert  nur  wenig  hinaus.  Die  österreichischen  Goldschmiede  haben  sich 
öfter  und  länger  mit  der  Scheibenmonstranz  befaßt,  was  den  Beispielen  in  den 
Kirchen  von  Seitenstetten,  Ybbs,  Wenzersdorf  in  Niederösterreich,  in  S.  Paul. 

24  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  ggg 


D  in  Agram  zu  entnehmen  ist.  Noch  aus  dem 
16.  Jahrhundert  gibt  es  rein  gotische  Schei- 
benmonstranzen in  böhmischen,  mährischen 
undgaHzischenKirchen.  VornehmHch  öster- 
reichisch ist  eine  Abart,  welche  die  Einfü- 
gung der  flachen  Hostienkapsel  in  die  Bau- 
formen dadurch  erleichtert,  dag  die  Kapsel 
rechteckig  wie  ein  Fenster  gestaltet  wird. 
Die  besten  Ergebnisse  dieses  Verfahrens 
sind  die  Monstranzen  der  Leonhardskirche 
in  Tamsweg  von  1412,  in  Waidhofen  und 
in  Klosterneuburg.  Auch  die  merkwürdige 
Monstranz  [im  Besitz  des  Fürsten  Oettingen- 
Wallerstein],  die  Kaiser  Maximilian  1513  von 
dem  Augsburger  Goldschmied  Lucas  von 
Antwerpen  für  das  Kloster  Donauwörth  an- 
fertigen lieg,  folgt  diesem  Plan.  Ihr  Aufbau 
ist  noch  gotisch,  aber  ganz  überwachsen  und 
durchschlungen  von  Ästen  mit  Figuren,  die 
die  Wurzel  Jesse  darstellen.  Den  Naturalis- 
mus, der  die  letzte  Stufe  der  spätgotischen 
Ornamentik  kennzeichnet,  vertritt  eine  süd- 
deutsche Monstranz  in  Sigmaringen,  die 
ganz  ohne  Bauformen  nur  aus  gewundenen 
knorrigen  Ästen  gebildet  ist  in  der  Art,  dag 
das  Hostiengehäuse  von  einer  offenen  Laube 
mit  der  Muttergottes  überragt  wird.  D 

Die  überwiegende  Mehrzahl  aller  spätgo- 
tischen Monstranzen  umschließt  die  Hostie 
mit  einer  senkrecht  stehenden  Glaswalze, 
die  dem  bekrönenden  Türmchen  als  Sockel 
dient.  Der  Aufbau  ist  auch  bei  den  Walzen- 
monstranzen in  der  Regel  fassadenartig  ge- 
staltet, so  dag  je  eine  Strebepfeüergruppe 
die  Walze  rechts  und  links  begleitet.  Viel 
seltener  finden  sich  ganz  zentrale  Anlagen, 
bei  welchen  drei  Strebepfeilergruppen  [Bei- 
spiele in  Bern,  Essen,  Brauweiler,  Löwen, 
Leau|  oder  sechs  Pfeiler  [Xanten]  um  die 
Walze  gestellt  sind.  Die  ältere  Art  der  Wal- 
zenmonstranz, in  welcher  noch  die  Über- 
lieferung der  geschlossenen  Ciborien  [Bei- 
Abb.  285:  Monstranz  in  Burg  Eitz  a.  d.  Mosel  Spiele  in  Buldem  [sichc  die  Tafel],  Hochcl- 
□  n   ten;  Johanneskirche  und  Maria  Lyskirchen  in 


370 


CIBORIUM,  15.  .lAHRH,  KIRCHK  ZU  HrLDK RX  (LINKS] 
SILBERMONSTRAN'Z  IN  TIKFKNBRONN  (RECHTSl 


D  D  Köln]  nachwirkt,  gipfelt  in  einem  festen 

Turm  mit  geschlossenem  Dachhelm.  Zu 
den  schönsten  Denkmälern  dieser  Gattung 
zählen  die  Monstranzen  von  Altenahr,  Fritz- 
lar, Klosterneuburg  und  Brixen  in  Tirol.   D 

Die  zweite  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts 
bevorzugt  dagegen  ein  leichtes,  offenes  Ge- 
bäude aus  Baldachinen  und  Fialen,  das  auch 
figürlichem  Schmuck  reichlichen  Raum  ge- 
währt. Aus  der  großen  Menge  solcher  Mon- 
stranzen mögen  alshervorragendeMeister- 
werke  diejenigen  von  Eltville,  Würzburg 
und  Tiefenbronn  [siehe  die  Tafel]  erwähnt 
werden.  Die  letztere,  über  einen  Meter  hoch, 
ist  vom  Knauf  bis  zur  Spitze  mit  Figuren  be- 
setzt; unmittelbar  über  dem  Glasgehäuse 
birgt  sie  das  letzte  Abendmahl  Christi  als 
freie  Gruppe.  D 

Das  WELTLICHE  SILBERGESCHIRR  ist 
das  Gebiet,  auf  dem  die  deutsche  Gold- 
schmiedekunst des  15.  Jahrhunderts  ihr 
Können  ganz  selbständig  und  ungebunden 
durch  die  Überlieferung  entfaltet  hat.  Für 
das  Trinkgefäg,  von  vornherein  das  Haupt- 
stück, hatte  die  Frühgotik  nur  halbkirchli- 
che Übergangsformen  hervorgebracht  [vgl. 
Seite  314|.  Die  spätgotischen  Gefägformen, 
wie  die  dreifügigen  Becher,  die  Buckel- 
pokale, die  Scheuren,  Hörner  und  Schalen 
sind  von  kirchlichen  Geräten  durchaus  un- 
abhängig. Auch  in  der  Technik  geht  die 
Goldschmiedekunst  für  weltliche  Zwecke 
ihre  eigenen  Wege,  indem  sie  die  Treibar- 
beit ganz  vorwiegend  verwendet,  die  älte- 
ren Ziermittel  aber  vernachlässigt.  Das 
hängt  wohl  auch  mit  dem  bürgerlichen  We- 
sen des  spätmittelalterlichen  Kunstgewer- 
bes zusammen.  Der  Bürgerstand  wird  der 
stärkste  Abnehmer  weltlicher  Silbergeräte. 
SeineAufträge  sind  bedeutend  in  der  Menge, 
sie  stellen  aber  geringere  Ansprüche  an 
die  Kostbarkeit  des  einzelnen  Gegenstan- 
Abb.  2sü:  corvinuspokai  von  14.J2  in  Wiener-  dcs,  als  die  fürstlichen  Besteller  der  voraus- 

neustadt  __  ,  ,  r,    ■,      t%    i  i       •      i 

□  D  gehenden  Zeit.   Daher  verschwmden  aus 

372 


D  Abb.  287:  Silberschale  aus  Lüneburg  1476,  Kunstgewerbemuseum  Berlin  D 

dem  weltlichen  Silber  bis  auf  geringe  Spuren  das  Schmelzwerk  und  die  schmük- 
kende  Zutat  der  Juwelen,  mit  welchen  die  Werke  der  französischen  Hofkunst  noch 
so  verschwenderisch  ausgestattet  waren.  Das  bringt  ohne  Zweifel  eine  gewisse 
Verarmung  der  Zierkünste  mit  sich.  Als  Ersatz  aber  wurde  das  Verfahren,  dem 
die  Herstellung  der  Hohlgefäge  obliegt,  die  Treibarbeit,  zu  solcher  Meisterschaft 
ausgebildet,  dag  ihr  keine  Aufgabe  zu  schwer  war.  Die  Folgezeit  hat  daraus 
Nutzen  gezogen;  denn  die  im  15.  Jahrhundert  erworbene  sichere  Beherrschung 
der  Treibarbeit  wurde  die  Grundlage  für  die  Vorherrschaft  der  deutschen  Gold- 
schmiedekunst im  Zeitalter  der  Renaissance.  D 
Das  Hauptstück  des  deutschen  Profansilbers,  der  Pokal,  ist  das  beste  Beispiel 
für  den  Einfluf;  der  Treibkunst  auf  die  Formengestaltung.  Man  kann  sagen,  daljj 
die  Form  des  gotischen  Pokals  nicht  aus  freier  Erfindung  der  Umrisse,  sondern  aus 
den  technischen  Bedingungen  des  Treibens  entstanden  ist.  Allen  gotischen  Po- 
kalen ist  gemeinsam,  dal3  die  Form  des  Körpers,  Fuf^es  und  Deckels  durch  die 
Buckelung  bedingt  wird,  also  durch  die  einfachste  Wirkung,  welche  die  Treibarbeit 
erzielt.  Die  Buckel  werden  um  den  Körper  des  Pokals  in  zwei  wagrechten  Reihen 
oder  in  zwei  Doppelreihen  angeordnet,  die  in  der  eingeschnürten  Mitte  mit  fisch- 
blasenartig geschwungenen,  langgestreckten  Spitzen  in  einander  greifen.  Der  Aus- 
weitung des  Pokals  entsprechend  sind  die  Buckel  der  oberen  Reihen  immer  grö|>er 
als  die  der  unteren.  Die  Buckel  der  FuP^platte  schicken  ihre  Ausläufer  als  schlanken 
Schaft  nach  oben,  so  dafi  kein  Raum  bleibt  für  einen  Knauf,  der  dem  Schaft  kirch- 
licher Geräte  niemals  fehlt.  Ebensowenig  bietet  die  in  sich  geschlossene  Bucke- 
lung Gelegenheit  zu  ornamentalen  Zutaten.  Die  Stelle,  wo  Schaft  und  Körper  zu- 
sammenstoßen, umhüllen  in  der  Regel  krause  Blnttkränze,  die  auch  an  derDeckel- 

373 


spitze  angebracht  werden,  wo  sie  einer 
bekrönenden  Figur  oder  Kreuzblume 
als  Untersatz  dienen.  D 

Die  Spätgotik  hat  mit  dem  Buckel- 
pokal noch  einmal  ein  vollwertiges 
Zeugnis  für  ihren  tektonischen  Geist 
abgelegt.  Die  Buckel  verstärken  die 
Widerstandskraft  des  getriebenen  Ge- 
fäßes und  erzeugen,  blank  vergoldet, 
durch  die  vielfältige  Spiegelung  des 
Lichtes  außen  und  innen  eine  reizvolle 
Wirkung.  Sie  bringen  somit  die  dem 
Silber  eigentümlichen  Vorzüge,  seinen 
Glanz,  seine  Dehnbarkeit  und  Festig- 
keit zur  vorteilhaftesten  Geltung.  Es 
ist  daher  nicht  zu  verwundern,  dag  diese 
gesunde  Form  sich  als  höchst  lebens- 
fähig erwies  und  neben  den  Renais- 
sancepokalen bis  in  das  18.  Jahrhundert 
hinein  sich  im  Gebrauch  erhielt.         D 

Echte  Pokale  des  15.  Jahrhunderts 
sind  nicht  grade  häufig.  Der  beste  Ver- 
treter der  Gattung  ist  der  82  cm  hohe 
Pokal,  den  König  Mathias  von  Ungarn 
1462  zum  Gedächtnis  des  in  Wienerneu- 
stadt mit  Kaiser  Friedrich  III.  abge- 
schlossenen Friedens  dieser  Stadt  ge- 
schenkt hat  I  Abb. 286].  Er  ist  sicherlich 
ungarische  Arbeit,  denn  die  Blumen- 
ranken an  seinen  Rändern  sind  in  Fili- 
granschmelz ausgeführt,  einer  Schmelz- 
art, die  nach  italienischem  Vorgang  in 
Ungarn  heimisch  geworden  war.  Mit 
einer  ähnlichen  emaillierten  Randborte 
ist  einer  der  beiden  deutschen  Buckel- 
pokale ausgestattet,  welche  die  Kirche 
von  Rieti  in  Umbrien  als  Reliquienbe- 
hälter bewahrt.  Der  ungewöhnlichen 
Größe  des  Corvinuspokals  nähern  sich 
zwei  67  cm  und  60  cm  hohe  Pokale  des 
Lüneburger  Silberschatzes  im  Berliner 
Kunstgewerbemuseum,  beide  in  schräg 
gewundener  Buckelung  getrieben  und 
von   Wappcnhaltcrn    bekrönt.    Durch 


Übereinanderstülpen  von  zwei  deckel- 
losen Pokalen  entstand  der  Doppelpo- 
kal; ein  gutes  Beispiel  aus  dem  städti- 
schen Ratssilber  besitzt  das  Kunstge- 
werbemuseum in  Leipzig,  ein  anderes 
das  Museum  von  Bern.  D 

In  einigen  seltenen  Fällen  hat  der 
Naturalismus  der  Spätgotik  sich  der 
einer  Ornamentierung  widerstrebenden 
Buckel  bemächtigt;  so  sind  am  Pokal 
Kaiser  Maximilians  [gest.  1519]  im  Wie- 
ner Hofmuseum  und  an  einer  Siebenbür- 
gener Silberkanne  des  Pester  Museums 
die  Buckel  zu  Birnen  umgewandelt.    D 

Den  einfachen  fuglosen  Becher  hat 
die  Goldschmiedekunst  des  15.  Jahr- 
hunderts zu  einer  Kunstform  von  fei- 
nen Umrissen  ausgestaltet.  Der  Körper 

wurde  in  leichter  SchwingUngnach  oben    °  Abb.  289:  Ziegenhainer  Silberkanne  D 

erweitert,  mit  gewölbtem  Deckel  abgeschlossen  und  unten  in  einen  Ringfug  ein- 
gepaßt, den  drei  Stützen  tragen  [vgl.  Abb.  301].  Für  diese  Gefäße  mäßigen  Um- 
fangs  haben  die  Goldschmiede  mit  richtigem  Gefühl  die  plastische  Buckelung 
in  der  Regel  vermieden,  oder  es  wurden  langgestreckte  Buckel  nach  innen  ge- 
trieben [Becher  des  Fürsten  Oettingen- Wallerstein].  Zumeist  wählte  man  die 
flachen  Ziermittel  der  Gravierung,  des  Niello  oder  des  Schmelzwerks,  welche 
die  Umrißlinien  nicht  störten.  Die  jedem  Goldschmied  geläufige  Gravierung 
kommt  am  häufigsten  vor;  ausgezeichnete  Beispiele  besitzen  der  Dom  in  Lüttich, 
die  Kirche  in  Kempen  und  das  Museum  in  München.  Das  Niello  in  schönster  Aus- 
führung auf  weißsilbernem  Grund  zeigt  ein  wahrscheinlich  flandrischer  Becher 
im  Kupferstichkabinett  des  Britischen  Museums.  Die  Gruppe  der  emaillierten 
Becher,  auf  die  wir  später  zurückkommen  werden,  enthält  berühmte  Stücke:  den 
burgundischen  Affenbecher  der  Sammlung  P.  Morgan,  den  mit  durchsichtigen 
Schmelzfenstern  geschmückten  Becher  des  South  Kensington  Museums  und  die 
österreichischen  Becher  des  Wiener  Hofmuseums.  D 

Von  den  als  Tafelaufsatz  dienenden  großen  Silbcrschalen  oder  Becken  sind 
echte  Stücke  des  15.  Jahrhunderts  außerhalb  des  Berliner  Kunstgewerbemuseums 
kaum  vorhanden.  Im  Lüneburger  Ratssilber,  einem  unvergleichlichen  Schatz 
bürgerlichen  Silbergeräts,  sind  zwei  Arten,  jode  in  niehroron  Beispielen,  über- 
liefert. Die  älteren  Becken  aus  dem  Jahr  1476  sind  glatt  und  ruhen  auf  vier  Füßen, 
die  unten  wieder  mit  einander  verbunden  sind  [Abb.  287 1.  Im  Aufbau  der  Stützen, 
gotische  Throne  mit  den  Kirchenvätern  undEvangolistenzcichen,  konunt  noch  die 
kirchliche  Überlieferung  zum  Ausdruck.  Die  anderen  Schalen  nähern  sicli  dem 
Pokal:  die  Becken  sind  gebuckelt  und  sie  werden  von  einem  einzelnen  Fuß  ge- 
tragen, der  den  Pokalfüßen  gleichartig  gestaltet  ist.  D 


375 


So  häufig  gotische  Kannen  aus  Mes- 
sing erhalten  sind,  so  selten  sind  sie  in 
Silber.  Ein  ganz  einfaches  frühgotisches 
Stück  von  edelster  Umrigbildung  ist  aus 
dem  Nonnenkloster  Altenberg  an  der 
Lahn  nach  Schlog  Braunfels  gekommen. 
Das  15.  Jahrhundert  hat  an  derGrundform 
nicht  viel  geändert.  Bei  einem  Paar  groger 
Silberkannen  von  Innsbrucker  Arbeit  im 
Schatz  des  Deutschen  Ordens  zu  Wien  ist 
der  Bauch  mit  dem  hochansteigenden  Hals 
D  Abb.  290:  Trinkhorn  um  14Ü0  D   glatt  gclasscu  Und  die  aus  langgestreck- 

ten Tieren  gebildeten  Henkel  erinnern  noch  an  romanische  Formen.  Nur  die  be- 
haarten Waldmenschen  auf  den  Deckeln  verraten  die  spätgotische  Entstehung. 
Weniger  vornehm  in  der  Form,  aber  weit  reicher  in  der  Ausstattung  ist  die  im 
Jahr  1477  für  die  Genossenschaft  der  Bergleute  gefertigte  Bergkanne  im  Rathaus 
von  Goslar  [Abb.  288J.  Fug,  Hals  und  Bauch  sind  schräg  gebuckelt,  die  mittlere 
Einschnürung  deckt  ein  aufgelegter  Kranz,  aus  dessen  Blüten  die  Halbfiguren 
musizierender  Engel  herauswachsen.  Auf  dem  Deckel  ist  in  kleinen  Figürchen 
der  Silberbergbau  des  Ortes  dargestellt,  in  der  Mitte  des  Hügels  Sankt  Georg. 
Die  Kanne  von  74  cm  Höhe  zählt  zu  den  Hauptwerken  des  gotischen  Profansilbers 
in  Deutschland  und  sie  lehrt  imVerein  mit  dem  Lüneburger  Schatz,  bis  zu  welcher 
Höhe  auch  in  kleinen  Städten  die  Goldschmiedekunst  schon  im  15.  Jahrhundert 
sich  emporgearbeitet  hatte.  Die  Kanne  der  Grafen  von  Ziegenhain  im  Museum  zu 
Kassel  lAbb.289|  ist  ein  merkwürdigesBeispiel  für  die  selten  vorkommendeÜber- 
tragung  einer  außerhalb  der  Metallarbeit  entstandenen  Form  in  das  Silber.  Sie 
gibt  ein  hölzernes,  mit  Reifen  gebundenes  Gefäg  von  der  für  Thüringer  Bier  noch 
heute  gebräuchlichen  Form  wieder,  dem  der  Goldschmied  einen  prachtvoll  ge- 
arbeiteten Ausgug  und  drei  Turmfüge  zugefügt  hat.  □ 
Auch  eine  gedrängte  und  kurze  Übersicht  des  gotischen  Silbers  kann  die  Ge- 
fäge  aus  Kristall,  Halbedelsteinen  oder  seltenen  Naturerzeugnissen  in  Edelmetall- 
fassung nicht  ganz  unerwähnt  lassen.  In  dieses  Gebiet  fallen  die  Trinkhörner, 
eine  uralte  Gefägform,  die  das  15.  Jahrhundert  wieder  zu  Ehren  gebracht  hat. 
Der  Lüneburger  Schatz  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum  enthält  das  grog- 
artigste Beispiel:  einen  Elfenbeinzahn,  den  zwei  silberne  Elefanten  mit  hochauf- 
strebenden Turmbauten  auf  dem  Rücken  stützen  [i486).  Unter  den  häufigeren 
Büffelhörnern,  die  man  früher  Greifenklauen  nannte,  sind  durch  die  Schönheit  der 
Silberfassung  die  Hörner  im  Grünen  Gewölbe  zu  Dresden,  im  Besitz  des  Grog- 
herzogs von  Baden  [Abb.  290J  und  im  Graner  Dom  ausgezeichnet.  Von  den  letzte- 
ren stammt  ein  Hörn  aus  dem  Besitz  Kaiser  Sigismunds,  zwei  andere  hat  Mathias 
Corvinus  nach  Gran  gestiftet.  Sie  gehören  alle  noch  in  die  ersteHälfte  des  15.  Jahr- 
hunderts; jünger  ist  das  von  einem  silbernen  Greifen  getragene  Hörn  des  Wiener 
Hofmuseums.  Nur  ein  einziges  Trinkhorn  dieser  Zeit  ist  ganz  aus  vergoldetem 
Silber  gearbeitet,  das  sogenannte  Oldenburger  Hörn  im  Schlog  Rosenborg  zu 

376 


Kopenhagen,  angefertigt  1464  von 
dem  westfälischen  Goldschmied 
Daniel  Aretaeus  für  König  Chri- 
stian I.  von  Dänemark.  Es  ist  mit 
einer  unendlichen  Menge  orna- 
mentaler und  figürlicher  Einzel- 
heiten übersäet;  die  Füge,  der 
Deckel  und  die  Spitze  sind  als  ma- 
lerische Burgen  gestaltet,  die  mit 
Rittern,  Frauen  und  Wappenhal- 
tern dicht  besetzt  sind.  D 

Die  Kunst,  den  Bergkristall  im 
Gemmenschnitt  zu  verzieren,  war 
im  lö.Jahrhundert  in  Deutschland 
noch  nicht  gebräuchlich.  Wohl 
aber  wurden  ganze  Gefäße  glatt- 
wandig  aus  Kristall  geschliffen. 
Solche  Stücke  waren  ihrer  Kost- 
barkeit halber  nur  fürstlichem  Ge- 
brauch zugänglich.  Der  goldge- 
faßte Becher  Karls  des  Kühnen 
von  Burgund,  ein  Doppelpokal, 
den  die  Stadt  Nürnberg  1484  dem 
Kaiser  Friedrich  III.  verehrte  [bei- 
de im  Wiener  Hofmuseum],  ein 
kannenartiges  Gefäß  im  Deutsch- 
ordensschatz zu  Wien,  ein  Pokal  in  der  Würzburger  Veste  Marienberg  und  eine 
Kristallschale,  von  einem  silbernen  Schäfer  getragen,  im  Dom  von  Gran,  sind 
als  die  vornehmsten  Beispiele  der  Gattung  anzuführen.  Hieran  reiht  sich  der 
für  den  Mainzer  Kurfürsten  Dietrich  von  Erbach  |1435  bis  1459|  aus  zwei  halb- 
kugeligen Achatschalen  |Abb.  291)  gearbeitete  Pokal  in  der  Form  einer  Doppel- 
scheuer, n 

Silbergefaßtes  Porzellan  wird  in  alten  Schatzverzeichnissen  zwar  mehrfach 
erwähnt,  erhalten  ist  aber  aus  dem  15.  Jahrhundert  nur  ein  einziges  Stück,  eine 
chinesische  Schale  mit  seladongrüner  Glasur  im  Museum  von  Kassel,  die  um  14^5 
eine  glatte,  den  weichen  Umrissen  der  Porzellanschale  mit  sicherem  Geschmack 
angepaßte  Silberfassung  aus  Fuß  und  Deckel  erhalten  hat.  Einfacher  noch  sind 
die  Fassungen  der  sarazenischen  Glasbecher  im  grünen  Gewölbe  zu  Dresden.    D 

Monstranzartig  gefaßte  Straußeneier  besitzen  die  Kirchenschätze  in  Halber- 
stadt, Quedlinburgund Fritzlar.  Eine  eigenartige  undglücklicheLösungdieser  Auf- 
gabe bietet  das  zur  Pilgerflasche  ausgestaltete  Straußenei  in  München  [Abb.  292 [. 

In  ITALIEN  ist  das  Kunstgewerbe  nur  während  der  ersten  Hälfte  des  15.  Jahr- 
hunderts noch  ungeteilt  der  mittelalterlichen  Überlieferung  treu  geblieben.  Nach 
1450  war  die  Gotik  zwar  noch  nicht  allerwärts  beseitigt,  aber  ihre  Alleinherrschaft 


Abb. 

D 


291:    Erbachpokal,    Achat    und    SilbiT,    .Mainz. 
15.  Jahrhunderts 


Mitte 
D 


war  gebrochen.  Die  Goldschmiede- 
kunst Toscanas  war  naturgemäß 
zuerst  in  der  Lage,  die  gotischen 

Formen  abzustreifen  und  fast 
gleichzeitig  mit  der  Baukunst  und 
Bildhauerei  das  gelobte  Land  der 
Renaissance  zu  betreten.  War  doch 
die  Mehrzahl  der  Künstler,  welche 
hier  die  Frührenaissance  schufen, 
aus  der  Goldschmiedswerkstatt 
hervorgegangen  und  führende  Mei- 
ster wie  Ghiberti,  Verrocchio,  PoUa- 
juolo  haben  es  nicht  verschmäht, 
auf  der  Höhe  ihres  Ruhmes  ange- 
langt, gelegentlich  wieder  zu  ihrem 
ersten  Handwerk  zurückzukehren. 
Die  Silberfigur  Johannes  des  Täu- 
fers, welche  Michelozzo  1451  für 
den  Altar  der  Taufkirche  von  Flo- 
renz [im  Dommuseum]  als  Mittel- 
stück lieferte,  mußte  der  Mitarbei- 
ter Donatellos  und  Ghibertis  noch 
in  eine  gotische  Nische  einbauen, 
weil  er  durch  die  älteren  Teile  des 
Altars  [vgl.  Seite  316]  an  diese  Formen  gebunden  war.  Die  vier  Reliefbilder  da- 
gegen, mit  welchen  zwischen  1477  und  1480  die  hundertjährige  Arbeitszeit  des 
Silberaltars  abschloß,  stehen  bereits  vollständig  auf  dem  Boden  der  neuen  Kunst. 
Der  Umschlag  hatte  sich  schon  früher  vollzogen.  Das  zweite  Hauptwerk  der 
florentinischen  Goldschmiedekunst  bezeichnet  die  Zeit  des  Übergangs  genauer. 
Esist  das  großeKreuz,  welchesPollajuologemeinsammitBettoBetti  fürdenselben 
Altar  der  Taufkirche  in  den  Jahren  1456  bis  1459  geschaffen  hat.  Pollajuolos 
Anteil,  der  Unterbau,  ist  reine  Frührenaissance,  während  Betto  Bettis  Kreuz  noch 
stark  an  der  Überlieferung  des  Mittelalters  haftet.  D 

Man  würde  ein  unrichtiges  Bild  der  Entwicklung  der  gesamten  italienischen 
Goldschmiedekunst  erhalten,  wenn  man  sie  nur  nach  den  hervorragenden  Werken 
der  fortgeschrittensten  Meister  von  Florenz  beurteilen  wollte.  Denn  die  große 
Masse  des  kirchlichen  Silbers  —  von  weltlichem  ist  nicht  viel  bekannt  —  bleibt  bis 
tief  in  die  zweite  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  durchaus  im  gotischen  Formenkreis 
befangen.  Dasbezeugenunteranderem  dieArbeiten  derWerkstättenvonSulmona, 
Teramo,  Guardiagrele  in  den  Abruzzen,  auch  die  des  namhaftesten  und  frucht- 
barsten Meisters  dieser  Gegend,  des  Nicolo  Gallucci  von  Guardiagrele.  Seine 
Tätigkeit  reichte  allerdings  nur  wenig  über  die  Mitte  des  Jahrhunderts  hinaus  und 
die  Abruzzenkunst  lag  überhaupt  etwas  abseits  vom  Weg  der  Renaissance.  Aber 
wir  finden  ein  gleiches  Festhalten  an  der  Gotik  auch  in  anderen,  der  neuen  Kunst- 


Abb.  292:   Straußenei  in  Silberfassung.  K.  Schatzkammer, 
D  München  D 


378 


Strömung  leichter  zugänglichen 
Gebieten,  so  bei  verschiedenen 
Venetianer  Arbeiten  im  Schatz  von 
San  Marco  und  im  Santo  zu  Padua. 
Aus  den  reichen  Schätzen  des 
Santo  sei  nur  das  große  silberne 
Rauchfaß  in  Form  einer  gotischen 
Kapelle  erwähnt,  das  Kardinal 
Francesco  della  Rovere  um  1464 
gestiftet  hatte,  als  ein  Beweis,  wie 
langsam  und  widerstrebenddie  ita- 
lienischen Goldschmiede  die  doch 
schon  in  Mißachtung  gefallenen 
Bauformen  der  Gotik  aufgegeben 
haben.  □ 

In  SPANIEN  begann  der  ita- 
lienische Einfluß,  dem  die  Gold- 
schmiedekunst des  14.  Jahrhun- 
derts so  viel  zu  verdanken  hatte,  im 
Zeitalter  der  Spätgotik  allmählich 
zu  versiegen.  Im  späteren  15.  Jahr- 
hundert kommt  eine  Stilrichtung 
zur  Herrschaft,  die  mehr  dem  deut- 
schen und  niederländischen  Ge- 
schmack sich  nähert.  Auch  die 
spanische  Goldschmiedekunst  ver- 
wendet als  ihr  gangbarstes  Aus- 
drucksmittel die  gotischen  Baufor- 
men in  einer  freien,  über  die  Mög- 
lichkeiten der  Steinmetzarbeit  weit 
hinausgehenden  Umbildung.  Sie 
braucht  sie  nicht  nur  für  das  klei- 
nere Kirchengerät  der  Monstran- 
zen, Ciborien  und  Vortragekreuze, 
sondern  vor  allem  für  die  Kusto- 
die,  ein  ausschließlich  spanisches 
Gerät.  D 

Die  Kustodie  ist  ein  offenes,  in 
mehreren  Geschossen  sich  verjün- 
gendes Gehäuse,  in  das  die  Hostien-  °  Abb.  293:  Kustodie  des  Doms  zu  Cadiz  D 
monstranz  eingestellt  wird.  Sie  dient  zur  Schaustellung  dos  Sakraments  währerd 
der  Fronleichnamswoche.  Wm  den  Monstranzen  unterscheidet  sie  sich  darin,  daß 
sie  nicht  fassadenartig  in  einer  Ebene,  sondern  inuner  als  Turm  sechsseitig  oder 
achtseitig  aufgebaut  ist;  außerdem  durch  die  mäclitigon  Abmessungen,  die  statt 

379 


des  schlanken  Schafts  der  trag- 
baren Monstranzen  einen  niedri- 
gen, breiten  Sockel  beanspruchen. 
Die  älteste Kustodie  inTurmform, 
von  185  cm  Höhe,  besitzt  derDom 
vonGerona,vonFrancisco  deAsis 
Artau  1458  vollendet.  Sie  über- 
trifft an  Schönheit  und  Klarheit  des 
Baues  die  bekanntere  Kustodie 
von  Barcelona.  Weniger  schlank, 
aber  übersichtlich  und  durch  ge- 
naue Durcharbeitung  der  goti- 
schen Bauglieder  ausgezeichnet, 
ist  eine  Kustodie  des  Doms  von 
Cadiz  [Abb.  293],  der  später  ein 
barocker  Sockel  zugefügt  wor- 
den ist.  D 
Die  berühmtesten  Stücke  der 
Gattung  in  den  Kathedralen  von 
Cordoba  und  Toledo,  Arbeiten 
des  aus  Deutschland  eingewan- 
derten Enrique  de  Arphe,  fallen 

D  Abb.  294:  Englischer  Maserbecher  um  1480  D   zwar    SChon   in    daS    erste  Viertel 

des  16.  Jahrhunderts,  sind  aber  noch  gotischen  Stils.  Die  Toledaner  Kustodie 
birgt  die  kostbare  Monstranz,  welche  die  Königin  Isabella  die  Katholische  aus 
dem  ersten  von  Amerika  herübergebrachten  Gold  hatte  anfertigen  lassen.  D 

Die  spanischen  Monstranzen  wiederholen  im  allgemeinen  die  in  Deutschland 
und  den  Niederlanden  ausgebildeten  Formen,  nur  mit  dem  Unterschied,  dag  die 
Bauformen  dichter  gedrängt,  unruhiger  und  nicht  selten  auch  überladen  sind. 
Bemerkenswerte  Beispiele  dieses  Stils  sind  eine  Scheibenmonstranz  im  Dom  von 
Palencia,  ein  Kelch  derselben  Werkstatt  in  Segovia  und  die  überreichen  Vortrage- 
kreuze in  Osuna  und  Astorga.  Zuweilen  reicht  die  Monstranz  selbst  an  die  Ab- 
messungen der  Kustodien  heran;  so  das  von  drei  Türmen  bekrönte,  155  cm  hohe 
Beispiel  der  Collegiatkirche  in  Jativa,  das  als  Geschenk  des  Papstes  Calixt  VII. 
vor  1458  entstanden  sein  muß.  D 

Von  den  seltenen  Denkmälern  des  spanischen  Tafelsilbers  sind  zwei  spät- 
gotische Schiffe  in  den  Kathedralen  von  Saragossa  und  Toledo  zu  erwähnen.  Das 
letztere,  aus  Bergkristall  und  Silber  auf  vier  Rädern  ruhend,  weist  auf  denEinilufi 
der  Niederlande  hin;  denn  ganz  gleichartige  Schiffe  sind  auf  einem  der  flandri- 
schen Wandteppiche  mit  der  Geschichte  der  Esther  im  Dom  von  Saragossa  als 
Tafelaufsätze  dargestellt.  D 

Der  Bestand  an  gotischen  Silberarbeiten  in  ENGLAND  ist  so  bescheiden,  daß 
der  Schlug  auf  eine  gewisse  Rückständigkeit  des  englischen  Kunstgewerbes  im 
Vergleich  mit  dem  Festland  kaum  abzuweisen  ist.     Von  kirchlichem  Silber,  mit 

380 


Abb.  295:  Silberbecher  der  Mercers  Hall,  London  um  1500  D  Abb.  296:  Salzfag  im  New  College,  Oxford 

dem  wohl  schon  die  Reformation  Heinrichs  VIII.  gründlich  aufgeräumt  hat,  gibt 
es  nur  einige  einfache  Kelche  |in  Nettlecombe  und  Combe  Keynes],  wie  sie  auf 
dem  Festlande  noch  in  Mengen  vorkommen.  Etwas  besser  steht  es  mit  dem  welt- 
lichen Gerät,  da  die  Colleges  der  Hochschulen  Oxford  und  Cambridge  sich  als 
sorgsame  Hüter  ihres  alten  Besitzes  bewährt  haben.  Der  Aufwand  ist  freilich 
auch  auf  diesem  Gebiet  nicht  sehr  groli  gewesen.  Die  häufigste  Art  der  Trink- 
gefäf^e  sind  Holzschalen  in  schlichter  Silberfassung,  meist  mit  gravierten  Inschrif- 
ten, die  an  die  süddeutschen  Maserholzgefäf^e  erinnern  und  auch  Mazer  genannt 
werden.  Die  Mehrzahl  davon,  im  All  Souls  College  und  im  Oricl  College  von 
Oxford  sind  flache,  niedrige  Schalen;  nur  ein  Stück  im  Pembroke  College  von 
Cambridge  ist  mit  hohem,  kegelförmig  aufsteigendem  Silberful^  versehen 
|Abb.  294].  Diese  an  frühgotische  Ciborien  erinnernde  Becherform  ist  für  die 
englische  Goldschmiedekunst  bezeichnend.  Wir  treffen  sie  wieder  in  einem  ganz 
aus  Silber  gefertigten  Gefäli  mit  hohem  Deckel  im  Christ's  College  von  Cambridge, 
das  die  Heiratswappen  des  Herzogs  vonGloucester  und  der  EleanorCobham  dem 


381 


Jahre  1440  zuweisen.  Schräge  Streifen 
mit  ganz  flach  getriebenen  Rosenranken 
bilden  die  Verzierung.  Einen  reicher  aus- 
gestatteten Becher  derselben  Form  be- 
sitzt die  Mercers  Hall  von  London  [Abb. 
295 1.  Eine  ähnliche  Vorliebe  für  schlichte 
Formen  und  etwas  nüchterne  Ornamen- 
tik verraten  die  Deckelbecher  des  Oriel 
College  |1462J  und  des  Christ's  College, 
letzterer  ein  Geschenk  der  Gräfin  Marga- 
rete von  Richmond  aus  dem  Jahre  1507. 
Eine  wichtige  Rolle  spielte  in  England 
das  Salzfaß,  das  als  Schaustück  der  Tafel 
die  verschiedensten  Formen,  auch  die 
Gestalt  von  Tieren  erhielt,  so  dag  der 
Zweck  des  Geräts  aus  der  Form  nicht 
ohne  weiteres  ersichtlich  ist.    Ein  goti- 

Abb.  297:  Silberschnielzplatte,  Italien.  15.  Jahrh.  SCheS  Salzfag  dcS  All  Souls  College  be- 
steht aus  einem  Bergkristallgefäg,  das  ein  silberner  Riese  auf  dem  Haupte  trägt. 
Einem  schräg  gebuckeltenBecher  gleicht  das  Salzfaß  des  New  College  von  Oxford 
aus  dem  Jahre  1493  [Abb.  296].  In  dem  zähen  Festhalten  an  den  strengen  und 
einfachen  Formen  der  Frühgotik  liegt  entschieden  nationale  Eigenart;  erst  im 
16.  Jahrhundert  ist  mit  dem  Erscheinen  Hans  Holbeins  diese  Selbständigkeit  der 
englischen  Goldschmiedekunst  verloren  gegangen.  D 

2.  DIE  SCHMELZKUNST  D 

Man  kann  nicht  behaupten,  daß  das  15.  Jahrhundert  für  das  Schmelzwerk  eine 
Zeit  der  Blüte  gewesen  ist,  obwohl  damals  der  Silberschmelz,  der  Goldschmelz 
auf  runder  Plastik  fvgl.  Seite  364 ),  der  Malerschmelz  und  sogar  der  Zellenschmelz 
nebeneinander  und  nacheinander  geübt  worden  sind.  D 

Der  frühgotische  Silberschmelz,  wenn  er  auch  stellenweis,  wie  in  Spanien,  bis 
ins  16.  Jahrhundert  fortgelebt  hat,  neigte  sich  im  15.  Jahrhundert  seinem  Ende  zu 
und  die  neue  Kunst  des  Malerschmelzes  erreichte  ihre  Höhe  erst  nach  dem  Aus- 
gang des  Mittelalters.  So  ist  das  15.  Jahrhundert  eine  Zeit  des  Übergangs,  deren 
wichtigste  Leistung  für  die  Entwicklung  des  Schmelzwerks  darin  besteht,  daß  sie 
eine  Verbindung  zwischen  den  beiden  genannten  Schmelzgattungen  herge- 
stellt hat.  D 

Wir  sind  noch  nicht  so  weit,  diesen  Übergang  Schritt  für  Schritt  im  Zusam- 
menhangverfolgen zu  können,  denn  die  Zahl  der  Arbeiten,  die  eine  Brücke  zwischen 
dem  alten  und  dem  neuen  Verfahren  bilden,  ist  recht  gering.  Wir  sind  ebenso- 
wenig imstande,  die  Orte,  wo  aus  dem  Silberschmelz  die  Vorstufen  des  Maler- 
schmelzes entstanden,  so  genau  zu  bestimmen,  wie  das  für  den  romanischen 
Kupferschmelz  möglich  war.  Es  scheint,  daß  die  Umwandlung  der  Schmelzkunst 
sich  in  verschiedenen  Ländern  durch  das  Bestreben  vollzog,  die  mühevolle  Arbeit 
des  Tiefschnitts  zu  umgehen  und  dafür  einen  leichteren  Ersatz  zu  schaffen.        D 


382 


In  ITALIEN  gehörte  die  erste 
Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  noch 
unbestritten  dem  gotischen  Sil- 
berschmelz, der  in  diesem  seinem 
Heimatsland  mehr  als  anderwärts 
Gemeingut  der  gesamten  Gold- 
schmiedekunst   geworden    war. 

Wie  ausgiebig  die  gotische 
Schmelztechnik  noch  angewandt 
worden  ist,  zeigt  die  silberne  Al- 
tartafel des  Nicolo  Gallucci  im 
Dom  vonTeramo,  1448  vollendet. 
Und  wie  lange  die  Goldschmiede 
selbst  im  fortschrittlichen  Florenz 
daran  festhielten,  ersieht  man  aus 
den  1480  vollendeten  Silberpfei- 
lern des  Altars  der  Taufkirche, 
die  wie  die  älteren  Teile  noch  mit 
Schmelzbildern  geziert  sind.      D 

Damals  hatten  aber  in  Ober- 
italien die  Versuche  der  Neue- 
rung, der  SCHMELZMALEREI, 
bereits  begonnen,  die,  wie  es 
scheint,  auf  die  Lombardei  und  Ve- 
netien  begrenzt  geblieben  sind. 

Die  italienischen  Schmelzwer- 
ke des  Übergangs  verteilen  sich 
auf  zwei  stofflich  scharf  getrennte 

GrUDDCn       Die     eine    verwendet    '■'       ^^^'  ~^^''  KupferschmelzbUd,  Lombardei  um  1510       D 

durchsichtige  Glasflüsse  auf  Silber,  die  jüngere  nur  undurchsichtige  auf  Kupfer. 
Ein  Hauptwerk  der  älteren  Gattung  ist  eine  Reliquienkapsel  von  10  cm  Durch- 
messer in  der  ehemaligen  Sammlung  Graf  Valencia  zu  Madrid.  Die  Vorderseite 
füllt  eine  Darstellung  der  Kreuzigung,  aus  Perlmutter  geschnitten;  und  auf  der 
Rückseite  sind  drei  Schmelzscheiben  mit  der  Gefangennahme,  Geiliclung  und 
Kreuzabnahme  Christi  eingefügt.  Die  figurenreichen  Bilder  sind  in  einem  an  die 
Schule  Mantegnas  erinnernden  Stil  ganz  ohne  die  Vorarbeit  des  Tief  schnittes  aus- 
geführt, nur  der  Hintergrund  ist  mit  eingeschnittenen  Furchen  versehen,  um  die 
Glasflüsse  besser  haften  zu  lassen.  Auf  durchsichtig  blauem  Grund  sind  die  Ge- 
wänder in  grün,  violett  und  blau  aufgetragen;  die  eigentliche  Zeichnung,  die 
Modellierung  und  Abschattierung  der  Falten  und  alle  Fleischteile  sind  in  undurch- 
sichtigem Weif;  gemalt  und  schließlich  mit  Gold  gehöht.  Augenscheinlich  von  der- 
selben Hand  ist  eine  wenig  gröf^cre  Kapsel  dos  Wiener  Hofmuseums  |Abb.  297J 
mit  der  Geburt  Christi  und  der  Anbetung  der  Könige.  Dieselben  Darstellungen 
wiederholen  sich  ferner  in  genau  derselben  Technik  auf  zwei  Schiiielzplatten  in 

383 


englischem  Besitz  [Sammlung  J.  E.  Tailor]. 
Auch  hier  sind  von  dem  Reliefschnitt  des 
älteren  Silberschmelzes  nur  gravierte 
Rautenmuster  im  Hintergrund  übrig  ge- 
blieben. D 
In  Oberitalien  ging  diese  Schmelzma- 
lerei auf  Silber  noch  in  die  Renaissance 
hinüber  [Beispiele  zweiKugtafelnmit  klei- 
nen Schmelzplättchen  im  Louvre];  doch 
hat  sie  das  erste  Viertel  des  16.  Jahr- 
hunderts kaum  überlebt.  Es  scheint,  dag 
Italiener  noch  im  späten  15.  Jahrhundert 
den  gemalten  Silberschmelz  nach  Spanien 
übertragen  haben.  Denn  es  finden  sich 
verwandte  Schmelzbilder  an  dem  Spiegel 
der  Königin  Isabella  im  Dom  von  Granada, 
D    Abb.  299:  Schmelzbild  von  Jean  Fouquet    D    der  im  16.  Jahrhundert  ZU  einer  Moustrauz 

umgearbeitet  worden  ist  und  auch  auf  demFonsecakelch  desselben  Domschatzes. 

Häufiger  sind  die  jüngeren  Schmelzmalereien  Oberitaliens,  bei  welchen  die 
Zeichnung  mit  spitzem  Pinsel  in  Weiß,  Gold  und  mattem  Rotbraun  auf  undurch- 
sichtig dunkelblauem  Grund  ausgeführt  ist.  In  diese  Gruppe  gehören  zwei  Kug- 
tafeln der  Sammlung  Martin  Le  Roy  in  Paris,  eine  im  Britischen  Museum;  je  ein 
Ciborium  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum  und  im  South  Kensington  Museum; 
dann  zehn  Platten  mit  dem  Leben  Christi  ebendort  und  andere  aus  dem  ursprüng- 
lichen Zusammenhang  losgelöste  Stücke  im  Louvre  und  in  der  Sammlung  Salting. 
Unter  den  letzteren  findet  sich  die  einzige  weltliche  Darstellung:  Der  Tod  des 
Achilles  im  Tempel  des  Apollo  [Abb.  298].  Den  Namen  eines  Meisters  nennt  nur 
ein  mitsolchenKupferschmelzen  verziertes  Kreuz  inDongo  aus  dem  Jahr  1513,  be- 
zeichnet von  Francesco  di  Ser  Gregorio  di  Gravedona  [am  Corner  See].  Auch  die 
ältesten  Stücke  reichen  nur  wenig  vor  1500  zurück;  sie  sind  also  in  einer  Zeit  ent- 
standen, als  der  Malerschmelz  von  Limoges  bereits  in  Betrieb  stand.  Doch  ist  von 
französischem  Einfluß  weder  im  Stil  noch  in  der  Technik  eine  Spur  zu  entdecken. 

Eine  Abart  des  gemalten  Kupferschmelzes,  wobei  die  Zeichnung  bloß  in  Gold 
aufgetragen  ist,  lägt  sich  in  Italien  nur  an  einem  einzigen  Denkmal  nachweisen: 
Die  BronzefigurMarcAurels  [imAlbertinum  zuDresden],  die  laut  Inschrift  Antonio 
Filarete  1465  für  Piero  di  Cosimo  Medici  gemacht  hat,  trägt  im  Zaumzeug  des 
Pferdes  eingelegt  einige  ganz  kleine  blaue  Schmelzplättchen  mit  goldenen  Orna- 
menten. Sie  sind  sehr  unscheinbar,  erhalten  aber  einige  Bedeutung  durch  die  ge- 
naue Zeitbestimmung  und  durch  die  Goldmalerei.  ü 

Die  letztere  ist  —  in  unvergleichlich  kunstvollerer  Ausführung  —  auch  zwei 
schwarzen  Kupferschmelzscheiben  eigentümlich,  auf  welchen  der  französische 
Maler  Jean  Fouquet  [gestorben  vor  1481]  sein  Selbstbildnis  [im  Louvre]  und  die 
Aufnahme  des  heiligen  Geistes  bei  Christen  und  Heiden  [im  Berliner  Kunstgewerbe- 
museum, Abb.  299  [  dargestellt  hat.  Es  sind  dies  die  wichtigsten  Übergangsstücke 

384 


der  französischen  Schmelzkunst  aus 
dem  15.  Jahrhundert.  Rein  technisch 
betrachtet,  sind  die  ersten  Anfänge 
der  Schmelzmalerei  zwar  schon  am 
Goldenen  Rössel  von  1403  in  den  weiß 
auf  blau  gemalten  Kleeblattmustern 
der  Gewänder  festzustellen.  Aber  von 
diesem  Goldschmiedeschmelz  führt 
keine  für  uns  sichtbare  Verbindung  zu 
dem  selbständigen  Malerschmelz  Fou- 
quets  und  späterhin  der  Monvaerni 
und  Penicaud  von  Limoges.  D 

Man  hat  vermutet,  dag  Fouquet 
die  Anregung  zur  Goldmalerei  auf 
Schmelzgrund  vonFilarete  empfangen 
hat,  mit  dem  er  inRom  in  Verkehr  stand. 
Es  ist  aber  viel  wahrscheinlicher,  dag 
er  von  einer  flandrischen  Werkstatt 
beeinflußt  war,  die  nachweislich  schon 
vor  Filarete  die  Schmelzmalerei  in 
Gold  und  Weig  auf  schwarzem  Grund 
mit  der  größten  Vollendung  geübt  hat. 
Ihr  Hauptwerk  ist  ein  innen  und  äugen 
schwarz  emaillierter  Silberbecher  [frü- 
her Sammlung Thewalt,  jetzt  Morgan  |, 
auf  dem  in  schwungvollen  Ranken 
Affen  dargestellt  sind,  die  einen  schla- 
fenden Krämer  geplündert  haben  und 
sich  an  seiner  Habe  ergötzen.  Der  Stil 
der  Zeichnung  ist  ausgesprochen  nie- 
derländisch; auch  war  derselbe  Ge- 
genstand schon  1375  im  Schloß  von 
Valencienne  als  Wandmalerei  verar- 
beitet. Von  derselben  Hand  besitzt  das 
Düsseldorfer  Gewerbemuseum  einen 
Silberlöffel  mit  nielliertem  Griff  und 
emaillierter  Schale.  Ein  drittes  Werk, 
ehemals  im  Mainzer  Domschatz,  ist  nur 
durch  eine  sehr  getreue  Abbildung  in 
einer  Handschrift  zu  Aschaffenburg  be- 
kannt: Ein  Kristallpokal,  dessen  Fug, 
Hals  und  Griff  genau  in  Stil  und  Tech- 
nik des  Affenbechers  und  des  Löffels 
mit  Waldmenschen,   Affen    uiul   Hir- 

25  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes 


n 


D 


sehen  bemalt  sind  [Abb.  300].  Die  Herstellungszeit  der  Gattung  ergibt  sich  aus 
einem  Schatzverzeichnis  des  Piero  de  Medici  von  1464,  in  dem  der  Affenbecher 
oder  ein  ganz  ähnliches  Stück  beschrieben  ist:  'ein  Becher  mit  dem  Markt  der 
Affen,  in  weiß  emailliert,  hundert  Gulden'.  Limoges  kann  auf  diese  ersten  Meister- 
werke der  Schmelzmalerei,  die  wohl  der  burgundischen  Hofkunst  zuzurechnen 
sind,  keinerlei  Anspruch  erheben,  denn  die  Limusiner  Schmelzwirker  haben  die 
Graumalerei  auf  schwarzem  Grund  erst  ein  halbes  Jahrhundert  später  mit  ähn- 
lichem Geschick  zu  handhaben  gelernt.  D 

Lang  bevor  Limoges  mit  seinen  Kupferschmelzbildern  hervortrat,  fand  der 
flandrische  Malerschmelz  in  Wien  eine  allerdings  ziemlich  unvollkommene  Nach- 
ahmung. Das  Wiener  Hofmuseum  bewahrt  zwei  Paare  silberner  Deckelbecher, 
die  augenscheinlich  alle  aus  einer  Werkstatt  herrühren.  Sie  gelten  als  burgundische 
Arbeit,  obwohl  dafür  keinerlei  Beweis  vorliegt.  Augen  und  innen  bedecken  den 
gerippten  Grund  durchsichtig  blaue  und  grüne  Glasflüsse,  die  in  Gold  mit  Sternchen 
und  strahlenden  Halbmonden  gemustert  sind.  Bei  einem  Paar  ist  die  Außenseite 
überdies  mit  allerlei  Getier,  Löwen,  Hirschen,  Pferden,  Adlern,  Steinböcken, 
Greifen,  in  weißem  Schmelz  bemalt  in  einer  Art,  die  sehr  deutlich  an  den  Affen- 
becher erinnert,  ohne  aber  die  Sicherheit  und  Feinheit  der  flandrischen  Werke  zu 
erreichen  [Abb.  301 J.  Die  Wappen,  welche  das  zweite  Becherpaar  zieren,  beziehen 
sich  alle  auf  Österreich  und  es  steht  fest,  daß  einer  dieser  Becher  für  Kaiser 
Friedrich  III.  [1440  bis  1493 1  angefertigt  worden  ist.  Man  darf  daher  Wien  als  ihre 
Heimat  betrachten,  zumal  hier  nach  Ausweis  einer  Monstranz  in  Klosterneuburg 
der  Silberschmelz  noch  nach  1485  gepflegt  worden  ist.  D 

In  Ungarn,  wo  im  15.  Jahrhundert  deutsche  und  italienische  Künstler  tätig 
waren,  ist  der  Filigranschmelz  einseitig  bevorzugt  worden.  Seine  Muster,  meist 
wellig  bewegte  Ranken  mit  seitlich  abzweigenden  Blüten,  werden  gebildet  durch 
auf  den  Silbergrund  gelöteten  Draht,  der  zugleich  die  Grenzen  der  farbigen 
Schmelzflächenbildet.  DieFarben  blau,  grün,  rot  und  weiß  herrschen  im  15.  Jahr- 
hundert vor.  Zu  den  frühesten  ungarischen  Denkmälern  zählen  das  sächsische 
Kurschwert  [in  Dresden],  um  1425  in  Ofen  entstanden  und  das  wenig  jüngereKopf- 
reliquiar  der  heiligen  Dorothea  in  Breslau.  Dann  folgen  der  Corvinuspokal  [vgl. 
Abb.  286]  und  gotische  Kelche  in  Pest,  Klosterneuburg,  Breslau,  Berlin  [Kunst- 
gewerbemuseum], um  nur  einige  Beispiele  aus  dem  15.  Jahrhundert  zu  nennen. 
Der  Filigranschmelz  ist  diesseits  der  Alpen  außerhalb  Ungarns  kaum  gearbeitet 
worden;  entstanden  aber  ist  er  in  Ungarn  nicht.  Er  findet  sich  mit  gleichen 
Ornamenten  an  italienischem  Silbergerät  der  Spätgotik,  namentlich  in  den 
Abruzzen,  so  an  dem  Ostensorium  des  Nicolo  Gallucci  in  S.  Lucio  Atessa  und  an 
dessen  Altar  in  Teramo.  Auch  Sieneser  Goldschmiede  bedienten  sich  desselben 
Verfahrens  und  genau  derselben  Blumenmuster,  wie  das  einem  Reliquiar  von 
Francesco  d'Antonio  in  der  Kirche  der  Osservanza  bei  Siena  zu  entnehmen  ist. 
Von  Italien  ist  jedenfalls  der  Drahtschmelz  zur  Zeit  als  Kaiser  Sigismund  in  Ofen 
Hof  hielt,  nach  Ungarn  verpflanzt  worden.  D 

In  Spanien  hat  nicht  nur  der  gotische  Silberschmelz  italienischer  Art,  wie 
früher  berichtet  |  siehe  Seite  324],  länger  als  anderwärts  fortgelebt,  es  kommt 

386 


hier  auch  das  viel  ältere  Verfah- 
ren des  Zellenschmelzes  auf  Gold 
und  Kupfer  im  15.  Jahrhundert 
wieder  zum  Vorschein.  Die  mus- 
limische Kunst,  reich  an  byzan- 
tinischen Erinnerungen  und  dem 
Wechsel  abgeneigt,  hielt  am  Zel- 
lenschmelz noch  fest,  nachdem  er 
im  christlichen  Abendland  längst 
ersetzt  und  vergessen  war.  Die 
kostbaren  Meisterwerke  der  sa- 
razenischen Goldschmiede  Gra- 
nadas, die  sogenannten  Boabdil- 
schwerter  in  Kassel,  Paris  fNatio- 
nalbibliothek].  Madrid  [Armeria, 
Museum  und  in  den  Sammlungen 
Villaseca,  Viana,  Campotejar, 
Vega  deArmijo]  sind  zugleich  die 
schönsten  Denkmäler  des  Zellen- 
schmelzes aus  dem  15.  Jahrhun- 
dert. Im  Griff  und  den  Scheiden- 
beschlägen tragen  sie  ornamen- 
tale Schmelzstücke,  die  ihren  by- 
zantinischen Vorläufern  kaum 
nachstehen.  Von  diesen  Lehr- 
meistern haben  die  christlichen  ^  Abb.  301. •  wiener  Schmelzbecher,  15.  Jahrhundert  D 
Goldschmiede  Spaniens  die  alte  Kunst  wieder  übernommen.  Eine  Silberfigur  des 
heiligen  Vincenz  aus  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  [Besitz  der  Herzogin  von 
Ballen]  ist  am  Heiligenschein  und  Sockel  mit  Schmelzplatten  in  der  Art  der 
Boabdilschwerter  ausgestattet.  Das  späteste  Beispiel  ist  der  für  die  katholischen 
Könige  Ferdinand  und  Isabella  angefertigte  Einband  des  Gesetzbuches  in  der 
Bibliothek  von  Madrid.  Auf  rotem  Samt  sind  die  Anfangsbuchstaben  ihrer  Namen 
aus  Goldschmelz  aufgelegt,  mit  Blütenranken  gefüllt,  die  sich  vom  rein  muslimi- 
schen Stil  schon  merklich  entfernt  haben.  So  steht  hier  im  Westen  Europas  am 
Ende  der  mittelalterlichen  Schmelzkunst  dasselbe  Zellenverfahren,  von  dem  sie 
im  Osten  ausgegangen  war.  □ 

3.  DIE  MÖBEL  D 

Die  Zahl  der  heute  noch  vorhandenen  echten  gotischen  Möbel  ist  nicht  ganz  so 
groll,  und  namentlich  ihr  Erhaltungszustand  bei  weitem  nicht  so  tadellos,  wie  es 
dank  der  ergänzenden  und  erneuernden  Tätigkeit  des  19.  Jahrhunderts  den  An- 
schein hat.  In  Mengen  sind  alte,  aber  einfaclie  oder  verfallene  Möbel  durch 
schmückende  Zutaten  bereichert  und  überladen  worden,  mit  Benutzung  echter 
Bruchstücke  hat  man  neue  und  oft  absonderliche  Formen  zusammengebaut  und 
mit  vielfältigen   Mitteln   der  Verschönerung   trügerische   Bilder  vorgetäuscht. 

25*  387 


k 


Gegen  diese  Verschleierung  und 
Trübung  der  Wahrheit  haben  wir 
ein  wertvolles  Mittel  der  Aufklä- 
rung und  Berichtigung  in  zahl- 
reichen Gemälden  des  15.  Jahr- 
hunderts, auf  welchen  niederlän- 
dische und  deutsche  Maler,  dem 
realistischen  Zug  der  Spätgotik 
folgend,  die  Zimmereinrichtung 
ihrer  Zeit  und  ihres  Standes  in 
allen  Einzelheiten  gewissenhaft 
und  liebevoll  festgehalten  haben 
[siehe  die  TafelJ.  D 

Wir  sehen  die  weißgetünchten 
oder  holzgetäfelten  Wände  und 
die  braunen  Balkendecken,  den 
mit  Fliesen  gepflasterten  oder 
gedielten  Fugboden,  die  Fenster 
mit  verbleiten  Butzen  oder  Rau- 
tenglas und  gelegentlich  ein  paar 
bunten  Wappenscheibchen,  die 
Wandnischen  für  die  messingenen 
Wasserkessel  und  Waschbecken, 
den  Handtuchhalter  daneben; 
andere  Nischen  mit  Handleuch- 
tern, Flaschen,  Kannen  und  Glä- 
sern; die  Kamine  mit  ihren  Feu- 
erböcken,   Kronleuchter,   Wand- 

D       Abb.  302:  Niederländisches  Schlafzimmer  um  1450       D    leuchtcr     Und      kleine      gewÖlbtC 

Wandspiegel;  die  Bordbretter  mit  Zinnkrügen,  Büchern.  Spahnschachteln  und 
Kästchen,  vor  allem  die  Holzmöbel  in  ihrer  ursprünglichen  Form  und  Farbe.       D 

Der  bürgerliche  Hausrat,  den  die  rasch  aufblühende  Kunsttischlerei  der  Spät- 
gotik geschaffen  hat,  war  vielgestaltig  und  formenreich.  Aber  die  Besetzung  des 
einzelnen  Wohnraums  mit  Möbeln  war  doch  von  Überfüllung  weit  entfernt.         D 

Als  Sitz  dienen  vornehmlich  an  der  Wand  befestigte  Bänke,  die  im  Norden 
gleichzeitig  als  Truhen  gebraucht  wurden,  während  in  Süddeutschland  die  offene 
Bretterbank  vorherrscht.  Dazukommen,  recht  spärlich  verteilt,  Dreipfostenstühle 
[vgl.  Seite  256,  Abb.204J,  Brettschemel  oder  Scherenstühle,  ein  Tisch  und  im  Norden 
der  Stollenschrank.  An  großen  Schränken  war  zwar  im  süddeutschen  Haus  kein 
Mangel,  aber  ihr  Platz  war,  wie  für  die  größeren  Truhen,  in  den  Vorräumen  und 
im  Hausflur.  In  den  Zimmern  mußten  Wandnischen  mit  und  ohneTüren  undBord- 
bretter  einen  Ersatz  bieten.  D 

Ein  reicheres  Bild  gewährte  das  Wohnzimmer,  wenn  es  zugleich  als  Schlaf- 
stube benutzt  wurde.   Denn  das  spätgotische  Bett  entbehrte  selten  der  farbigen 

388 


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1^' 


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NIEDERLÄNDISCHES  ZIMMER  VON  1488   •   FLÜGEL 
DES  WERL  ALT  ARS  DES  MEISTERS  VON  FL£MALLE 


Vorhänge,  die  von  einem  an  der 
Decke  befestigten,  stoffbespann- 
ten Rahmen  herabhingen  und 
tagsüber  am  Fußend  des  Balda- 
chins aufgeknüpft  wurden  [Abb. 
302 1.  Dicht  an  den  Langseiten 
des  Bettes  standen,  in  Itahen  und 
Süddeutschland  fast  immer,  im 
Norden  seltener,  niedrige  Sitz- 
truhen für  das  Leinenzeug  und  die 
Decken.  Neben  dem  Köpfend  des 
Bettes  war  der  feste  Platz  jener 
stattlichen  Lehnstühle  mit  hoher 
Rückwand,  die  den  kirchlichen  Bi- 
schofstühlen gleichen  [Abb.  303]. 
Von  dem  Moment  an,  wo  der 
Denkmälerbestand  und  die  Bilder 
einen  tieferen  Einblick  in  den  go- 
tischen Hausrat  gewähren,  das 
heigt  schon  von  der  Frühzeit  des 
15.  Jahrhunderts  an,  erkennt  man 
deutlich  in  den  Ländern  diesseits  

der  Aloen  das Nebeneinanderwir-    '-'   Abb.  303 :  westfälisches  Schlafzimmer  15.  Jahrhundert   D 

ken  einer  nördlichen  und  einer  südlichen  Richtung  in  der  Kunsttischlerei  und  in 
der  Zimmereinrichtung  überhaupt.  □ 

Frankreich,  die  Niederlande  und  Nordwestdeutschland  bilden  das  nördliche 
Gebiet,  das  ganz  vorwiegend  EICHENHOLZ,  in  Frankreich  auch  Nufiholz  ver- 
wendet und  trotzmancher  nationalen  Unterschiede  imwesentlichen  doch  dieselben 
Möbelformen  herstellt.  DerNordostenDeutschlands  folgt  dem  Westen  langsamen 
Schrittes  nach.  Und  dasselbe  gilt  wohl  auch  für  England,  das  mit  den  Nieder- 
landen Fühlung  hält.  Die  Führung  hatten  die  Niederlande,  wo  der  Aufwand  des 
burgundischen  Hofes  und  der  selbstbewußten  Bürgerschaft  in  dengewerbreichen 
Handelsstädten  Flanderns  und  Brabants  zur  Förderung  der  Kunst  im  Hause 
mächtig  zusammenwirkten.  ü 

Das  Gebiet  der  südlichen  Richtung  umfaßt  Oberdeutschland  im  weitesten 
Sinne,  einschließlich  der  Alpenländer  und  der  Ostmark.  Hier  saß  die  Erinnerung 
an  das  Holzhaus  fester  und  ihr  verdankt  der  Süden  die  größere  Häufigkeit  der 
völlig  getäfelten  Zimmer.  Auf  die  Gestaltung  der  Möbel  und  namentlich  auf  die 
Art  ihrer  Verzierung  übten  die  im  Süden  mit  Vorliebe  verarbeiteten  NADEL- 
HÖLZER einen  entscheidenden  Einfluß  aus.  Dem  süddeutschen  Wohnraum  ist 
der  farbig  glasierteKachelofen  eigentümlich,  neben  dem  derSteinkamin  trotz  der 
Nähe  Italiens  nicht  reclit  aufkommen  konnte.  □ 

Italien,  ärmer  an  mittelalterlichen  Hausmöbeln  als  die  Länder  diesseits  der 
Alpen,  nimmt  schon  durch  die  frühzeitige  Verabschiedung  der  Gotik  eine  Sonder- 


389 


Stellung  ein,  obwohl  es  an  Berüh- 
rung und  Austausch  mit  den  Al- 
penländern nicht  gefehlt  hat.    D 

DIE  MÖBEL  DER  NÖRDLI- 
CHEN RICHTUNG  D 

Der  groge  Fortschritt  gegen 
die  Frühgotik  liegt  in  der  Einfüh- 
rung des  Möbelbaues  aus  Rah- 
menwerk und  Füllung,  der  für 
alle  Kastenmöbel  einschließlich 
der  Truhenbänke,  Lehnstühle, 
Kastentische,  zum.  Teil  auch  für 
die  Bettstellen  und  die  Wandver- 
täfelung die  Regel  wurde.  Eine 
Vorbedingung  dafür  war  die  um 
1320  angesetzte  Erfindung  der 
Sägemühlen,  welche  die  Herstel- 
lung dünner  Füllbretter  erleich- 
terte. Doch  ist  die  neue  Schrei- 
nertechnik vor  dem  ersten  Viertel 
des  15.  Jahrhunderts  nicht  nach- 
zuweisen. Sie  hatte  den  Vorzug, 

Abb.  304:  Englischer  Speiseschrank  um  1500  D    die  VOrhcr  allzU  WUChtigeU  Möbel 

leichter  und  doch  dauerhaft  zu  gestalten,  die  Schauseiten  durch  das  vorspringende 
Rahmenwerk  klar  unddeutHch  zu  gliedern,  durch  den  Wechsel  von  Licht  und 
Schatten  zu  beleben  und  schließlich  die  Schnitzerei  zu  feineren  und  plastischeren 
Leistungen  anzuregen.  Denn  auf  den  vertieft  in  die  Rahmen  eingefalzten  Füllun- 
gen fand  das  Schnitzwerk  einen  geschützten  und  auch  vom  Eisenbeschlag  nicht 
beengten  Platz.  D 

Die  verbesserte  Bauart  hat  die  ältere  schwerfällige  Brettarbeit  keineswegs 
überall  beiseite  geschoben.  Nur  in  den  Niederlanden,  ihrem  Ursprungsgebiet, 
und  im  Rheinland  scheint  ihr  Sieg  durchgreifend  gewesen  zu  sein.  In  Westfalen 
dagegen  und  weiter  nach  dem  Osten  werden  nicht  nur  bäuerliche  Möbel,  sondern 
auch  kunstvoll  geschnitzte  Schränke  und  Truhen  für  Kirchen,  Schlösser  und  Stadt- 
häuser nach  wie  vor  aus  dicken  Bohlen  mit  Brettfügen  das  ganze  15.  Jahrhundert 
hindurch  bis  in  dieRenaissance  hinein  hergestellt  jBeispiele  in  denKunstgewerbe- 
museen  von  Köln,  Hamburg,  Flensburg;  vgl.  Abb.  307].  Dazu  gehört  auch  eine  in 
den  Kunstgewerbemuseen  von  Köln,  Berlin.  Frankfurt  vertretene  Gattung  groger 
westfälischer  Truhen,  deren  Deckel  und  Seiten  mit  nebeneinander  gereihten  Eisen- 
bändern dicht  beschlagen  sind,  so  dag  für  die  Schnitzerei  nur  die  Fugenden  der 
Wangenbretter  frei  bleiben.  D 

In  England  lebte  der  Bretterbau  in  Kirchenschränken  |Dom  zu  York]  und  in 
einer  diesem  Land  allein  eigentümlichen  Schrankart  mit  durchbrochenen  Mag- 
werkfenstern jAbb.  304 1  bis  zum  Ausgang  der  Gotik  fort.  D 

390 


Die  französische  Kunsttisch- 
lerei hielt  zwar  im  allgemeinen  mit 
der  flandrischen  gleichen  Schritt, 
doch  gibt  es  auch  hier  spätgoti- 
sche Magwerktruhen  |  Beispiele  in 
den  Kunstgewerbemuseen  von 
Paris,  Köln,  Brunn],  deren  Seiten 
vier  starke  Nugholzbretter  ohne 
Rahmen  und  Füllung  bilden.  Die 
Bretter  sind,  wie  das  auch  bei 
italienischen  und  süddeutschen 
Truhen  von  1 400  an  vorkommt,  im 
Schwalbenschwanzverband  in- 
einander eingezinkt,  so  dag  die 
den  frühgotischen  Kastenmöbeln 
noch  unentbehrlichen  Fugbretter 
fortfallen.  D 

Sobald  die  Schnitzerei  das  ge- 
gebene Ziermittel  der  Kunsttisch- 
ler wurde,  gewann  ihr  ORNAMEN- 
TENSCHATZ an  Vielseitigkeit. 
Die  herkömmlichen  Spitzbogen- 
und  Magwerkmotive  hat  auch  das 
15.  Jahrhundert  in  den  verwickei- 
teren, oft  schon  gequälten  Formen 
der  Spätgotik  aufs  ausgiebigste 
ausgenützt.  Truhen  und  Schränke,  Banklehnen,  Bettstellen  und  Getäfel  zeigen  in 
ihren  Füllungen  ungezählte  Spielarten  in  flacher,  tiefer  oder  auch  durchbrochener 
Arbeit.  Dabei  sind  landschaftliche  Unterschiede  wohl  zu  bemerken,  aber  es  ist 
schwer,  sie  genau  zu  umschreiben,  denn  viele  Formen  hatten  im  ganzen  ^hlcht- 
bereich  der  Gotik  bis  nach  Italien  Geltung.  Im  allgemeinen  bevorzugt  der  Süden 
die  scharfen,  streng  steinmetzmägigen  Bildungen  [vgl.  Tafelbild:  Steyr. Schrank], 
während  der  Norden  neben  den  reinen  Bauformen  auch  eine  Vermischung  des 
Magwerks  mit  stilisiertem  Laub  und  Ranken  liebt  [vgl.  Abb.  274,  308 1.  □ 

Durch  Auflösung  und  Zergliederung  des  Magwerks  entstand  ein  der  rheinischen 
und  niederländischen  Kunsttischlerei  eigentümliches  Ornament  aus  Hohlkehlen 
mit  bandartig  aufgerollten  Enden  [Abb.  305 1.  Die  Hohlkehlen,  immer  von  zwei 
Rundstäben  begleitet,  berühren,  kreuzen  und  verschlingen  sich  in  vielfältigen 
Windungen.  Blätter,  Blüten  und  Magwerkmotive  entwachsen  ihnen  in  den  noch 
übrigen  Raum  der  Füllbretter.  Dag  das  Hohlkelilenornament  aus  dem  Magwerk 
sich  ableitet,  ist  aus  einigen  Übergangsformen  an  dem  berühmten  dreisitzigen 
Kirchenstuhl  von  1446  in  Kempen  zu  sehen.  Selbständig  geworden,  hat  es  an  den 
spätgotischen  Möbeln  des  Rheinlandes  dem  eigentlichen  Magwerk  den  Rang  ab- 
gelaufen.  Es  ist  im  Kölner  Kunstgewerbemuseum  durch  Schränke,  Truhen,  Bänke 

391 


Abb.  305:  Schrank  aus  Jülich,  Kunstgewerbemuseum  Köln 


und  Einzelfüllungen  in  den  ver- 
schiedensten Spielarten  vertre- 
ten. Über  seine  Heimat  hinaus 
ist  es  nach  England  und  gegen 
Osten  zu  bis  nach  Lüneburg  vor- 
gedrungen. D 
An  Häufigkeit,  weiter  Verbrei- 
tung und  Lebensdauer  wird  es  von 
dem  schlichteren  FALTWERK 
noch  übertroffen  |vgl.  Abb.  305 
und  311].  Seine  Entstehung  ist 
ganz  richtig  aus  einem  rein  tech- 
nischen Vorgang  erklärt  worden. 
Der  Schreiner  suchte  die  Füllun- 
gen für  einfache  Möbel  oder  un- 
tergeordnete Stellen  durch  eine 
Reihe  in  der  Faserrichtung  geho- 
belter Profile  —  Hohlkehlen  und 
Rundstäbe  —  zu  beleben.  Um 
die  Füllung  mit  glattem,  dünnem 
Brettrand  in  die  Nut  des  Rahmen- 
holzes einfalzen  zu  können, 
mußte  man  die  Profile  oben  und 
unten  umstechen  und  abschnei- 
den.   Ihre  Schwellungen  führten 

O        Abb.  306:  Schränk  aus  Oldenburg,  Museum  Köln        D    ^u  gewellten  UmrisseU,  die  dann 

Geschmack  und  Erfindung  der  Schnitzer  mannigfach  abzuwandeln  wußten,  häufig 
so,  daß  sie  den  Falten  zusammengelegter  Stoffe  gleichen.  Das  Faltwerk  tritt  als 
Hobelarbeit  zunächst  dem  Schnitzwerk  untergeordnet  auf,  an  den  Schmalseiten 
von  Schränken  und  Truhen,  unter  dem  Sitz  der  Bänke,  an  Bettstellen  und  Stuben- 
türen. Mit  steigender  Beliebtheit  wird  es  auch  als  alleiniger  Schmuck  großer 
Schränke,  namentlich  in  Flandern,  verwendet  [Beispiele  Kunstgewerbemuseen 
Paris  und  Köln,  Sammlung  Figdor;  drei  Schränke  im  Hospital  von  Aalst,  zwei  im 
Spitalmuseum  von  Brügge,  der  größte  in  der  Domsakristei  zu  Lüttich).  Es  war 
im  ganzen  Gebiet  der  nördlichen  Kunsttischlerei  von  Frankreich  bis  Skandinavien 
und  auch  in  Spanien  jTüren  im  Dom  vonGranadaJbis zur Mittedes  16.  Jahrhunderts 
heimisch  und  sendet  entartete  Ausläufer  noch  in  das  17.  Jahrhundert  hinein.  D 
Das  PFLANZENORNAMENT  erscheint  an  französischen,  niederländischen  und 
englischen  Möbeln  nur  sparsam  verwendet.  In  Deutschland  dagegen,  und  insbe- 
sondere im  Süden,  boten  die  kirchlichen  Gestühle  und  Umrahmungen  der  Schnitz- 
altäre so  viele  und  vollendete  Vorbilder  sowohl  des  riemenartig  gezogenen  und 
gewundenen  Blattwerks  [man  braucht  nur  an  die  Gestühle  in  Konstanz  und  Maul- 
bronn und  an  den  Hauptaltar  in  Kaikar  zu  erinnern],  als  auch  der  naturähnlichen 
Formen  der  Eichenzweige,  Weinranken  und  des  dürren  Astwerks,  daß  die  Haus- 

392 


möbel  sich  ihrem  Einfluß  nicht 
entziehen  konnten.  Auf  diesem 
Feld  haben  die  deutschen  Möbel- 
schnitzer des  15.  Jahrhunderts 
ihr  eigenes  Können  am  besten  er- 
wiesen. Um  die  plastische  Wir- 
kung zu  erhöhen,  wurde  das  Ran- 
kenwerk häufig,  namentlich  an 
Stollenschränken,  durchbrochen 
geschnitzt  [Abb.  306]  und  mit  rot 
oder  blau  gestrichenenHolztafeln 
hinterlegt,  wie  das  auch  bei  Mafv 
werkfüllungen  und  den  Durch- 
brechungen der  Eisenbeschläge 
oft  geschah.  D 

Das  Schnitzwerk  selbst  und 
der  Rahmenbau  blieben  durchge- 
hends  unbemalt.  Die  landläufige 
Annahme,  dag  die  spätgotischen 
Schnitzmöbel  bemalt  waren,  ist 
durch  Anstrichreste  hervorgeru- 
fen, die  den  Möbeln  erst  in  viel 
späterer  Zeit  zuteil  wurden,  be- 
sonders dann,  wenn  der  Wechsel 
des  Geschmacks  sie  in  bäuer- 
lichen Besitz  verschlagen  hatte. 
Die  einzigen  einwandfreien  Zeugen  für  den  ursprünglichen  Zustand  der  Schnitz- 
möbel sind  die  Bilder  dieser  Zeit.  Und  sie  zeigen  die  Eichen-  und  Nufiholzmöbel 
der  nördlichen  Richtung  regelmäf^ig  in  der  natürlichen  braunen  Farbe  des  Holzes. 
Ausnahmen  kommen  vor  bei  solchen  westfälischen  und  nordostdeutschen  Schrän- 
ken, die  auch  in  ihrem  einfachen  Bretterbau  auf  einer  älteren  Stufe  stehen  ge- 
blieben sind.  Das  beste  Beispiel  besitzt  das  Hamburger  Kunstgewerbemuseum  in 
dem  farbigen  Schränkchen  von  1425  aus  HaPibergen  bei  Osnabrück  [Abb.  307 1.  D 

Für  die  FIGÜRLICHE  SCHNITZEREI  blieb  im  gotischen  Möbel  neben  Maf^werk, 
Ranken  und  Faltwerk  nur  ein  sehr  bescheidener  Raum  übrig.  Am  ehesten  lockte 
noch  die  breite,  ungeteilte  Schauseite  norddeutscher  Brettertruhen  zuzusammen- 
hängendenDarstellungen,  wie  derWurzelJesse  [Kunstgewerbemuseen  in  Bremen 
und  Hamburg],  oder  die  Spitzbogenreihen  gaben  Gelegenheit,  Figuren  darunter 
anzubringen.  So  sind  auf  einer  Lüneburger  Hochzeitstruhe  ] Museum  Hamburg] 
die  Lebensalter  eines  Ehepaares  dargestellt.  Bei  den  Stollen-  und  Vollschränken 
des  Westens  dagegen  geht  das  figürliche  Element,  von  Wapponhaltern  abgesehen, 
über  die  oberen  Türchen  kaum  hinaus.  Mehrfach  sind  an  diosei'  Stolle,  oder  auch 
zwischen  den  Türen,  einzelne  Heiligenfiguren  angebracht  |Stollcnschränke  im 
Hospitalmuseum  von  Brügge,  Kensingtoii  Museum,  Kunstgewerbemuseum  Berlin, 


D  Abb.  307:  Westfälischer  Schrank  von  1425  in  Hamburg  D 


393 


D  Abb.  308:  Rheinischer  Stollenschrank  15.  Jahrhundert,  Kunstgewerbemuseum  Berlin  O 

Schrank  im  Lütticher  Museum]  oder  die  Verkündigung  [Schrank  im  Hospiz  de  la 
Potterie  in  Brügge].  Jene  Prachtschränke  aber,  bei  welchen  Reliefbilder  alle 
Füllungen  bis  unten  herab  schmücken,  sind  in  ganz  echtem  Zustand  nicht  nach- 
weisbar. □ 
DieTruhe  bleibt  zurBergung  des  Leinens  und  derKleider  das  unentbehrlichste 
Kastenmöbel,  doch  macht  ihr  in  der  Zimmereinrichtung  des  Nordens  schon  in  der 
ersten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  der  schmuckere  STOLLENSCHRANK,  richtiger 
die  Kredenz,  den  Rang  streitig.  Er  besteht  aus  einem  Kasten  von  den  Höhen-  und 
Breitenverhältnissen  einer  Truhe,  aber  meist  kleineren  Abmessungen,  der  durch 
Verlängerung  der  Fufspfosten  bis  zu  einer  Oberkantenhöhe  von  etwa  l'/.>  Meter 
emporgehoben  wird.  Die  Höhe  bedingt  es,  dag  er  nicht  mehr  durch  einen  Deckel, 
sondern  mit  einer  oder  zwei  kleinen  Türen  sich  öffnet  und  somit  aus  einer  Truhe 
in  einen  Schrank  sich  verwandelt.  Die  Füge  sind  unten  durch  einen  [bei  gotischen 
Stollenschränken  meist  ergänzten]  Boden  verbunden  |  Abb. 308 1.  Schon  die  älteste 
datierte  Darstellung  dieses  Möbels  auf  dem  Werlaltar  von  1438  |vgl.  die  Tafel  | 

394 


D  Abb.  309:  Truhentisch  um  1500,  im  Flensburger  Kunstgewerbemuseum  D 

zeigt  unter  dem  Kasten  die  Schubladen,  die  damit  zuerst  in  der  Schreinerei  auf- 
treten. Nur  die  französischen  Stollenschränke  haben  auf  die  Schubladen  oft  ver- 
zichtet. Sie  hatten  einen  anderen  Vorzug:  der  Raum  zwischen  den  rückwärtigen 
Pfosten  wurde  in  Frankreich,  sehr  zum  Vorteil  einer  geschlossenen  Wirkung  des 
Möbels,  oft  mit  glatten  oder  Faltwerkbrettern  ausgefüllt,  in  den  Niederlanden  und 
am  Rhein  —  viel  weiter  reichte  das  Gebiet  des  gotischen  Stollenschrankes  nicht  — 
nur  ausnahmsweise.  Der  verschließbare  Fassungsraum  dieses  Ziermöbels  ist  mit- 
samt denSchubladen  gering;  seineHauptaufgabe  war  auch,  denBesitz  desHauses 
an  blinkenden  Kannen  und  Becken  aus  Messing,  Zinn  und  Silber  über  und  unter 
dem  Kasten  zur  Schau  zu  stellen.  Daher  erhielt  er  manchmal  einen  Stufenaufbau 
oder  Baldachin.  Dergleichen  ist  auf  Bildern,  wo  die  Kredenz  meist  mit  einer  ge- 
stickten Leinendecke  behängt  erscheint,  oft  genug  zu  sehen;  erhalten  ist  aber 
davon  wenig  Unanfechtbares.  D 

Daf5  man  in  Frankreich  das  sonst  schlichte  Rahmenwerk  mit  vorgelegten 
Pfeilern  und  Fialen  schmückte,  ist  durch  echte  Beispiele  |  Kunstgewerbemuseum 
Paris  und  Kensington  Museum]  erwiesen.  In  Deutschland  sind  solche  Bauformen 
meist  Zutaten  der  Gegenwart,  wenn  es  sich  nicht  um  kirchliche  Stücke  von  un- 
gewöhnlicher Größe  handelt.  Gegen  den  Ausgang  des  15.  Jahrhunderts  wird  die 
Erinnerung  an  die  Abstammung  von  der  Truhe  völlig  verwischt  in  einer  Abart 
des  Stollenschrankes,  welche  sich  erkerartig  über  einem  halben  Achteck  aufbaut, 
[vgl.  Abb.  308|.  D 

Zwischen  der  Truhe  und  dem  Stollenschrank  gibt  es  verschiedene  Übergangs- 
formen, die  gewissermaßen  auf  dem  hall)en  Weg  der  Entwicklung  stehen  ge- 
blieben sind.  Dazu  gehört  die  englische  Kredenz,  die  sich  zwar  mit  Türen  öffnet, 
sich  aber  nur  bis  zu  Tischhöhe  erhebt  [ein  gutes  Beispiel  in  der  Kirche  zu  Louth|. 
Sie  gleicht  daher  einem  Stollenschrank  mit  verkürzten  Füßen.  Ähnlich  ist  der 
Truhentisch  von  Schleswig-Holstein  |Abb.  309 1.  Hier  hat  sich  iler  Truhendeckel  zu 
einer  breiten  Tischplatte  ausgewachsen,  so  daß  er  nicht  mehr  als  Klappdeckel 

395 


brauchbar  bleibt  und  die  Truhe  durch  Tü- 
ren zugänglich  gemacht  werden  mug.  Das 
Rheinland  fand  für  den  Kastentisch  eine 
andere  Lösung:  die  Truhe  behält  ge- 
schlossene Wände,  aber  die  Tischplatte 
lägt  sich  verschieben  und  öffnet  dadurch 
den  Innenraum  von  oben  her  [Beispiele  im 
Kunstgewerbemuseum  Köln  und  Aachen]. 
Da  solche  Tische  gelegentlich  eine  Ein- 
richtung von  vielen  kleinen  Gefächern  ent- 
halten, wie  sie  dem  Kaufmann  dienlich 
o  Abb.  310:  Kastentisch  um  1500.  in  Paris  D  waren,  bezeichnet  man  sie  wohl  auch  als 
Zahltische.  Es  gibt  mancherlei  Abarten,  so  ein  zugleich  als  Betpult  eingerichtetes 
Kastentischchen  im  ehemaligen  Hospiz  S.  Josse  in  Brügge,  und  Zutaten,  wie  die 
kleinen  Pulte,  die  zum  Lesen  und  Schreiben  auf  die  Tische  gestellt  wurden 
[Nationalmuseum  München,  Sammlung  Figdor,  Kunstgewerbemuseum  Köln, 
Museum  Kempen].  □ 

Überhaupt  hat  die  Spätgotik  die  Tische  viel  mannigfaltiger  gestaltet  als  die 
Gegenwart.  Von  der  einfachsten  Form  des  Eßtisches,  einer  über  Böcke  oder 
Schrägen  gelegten  Tafel,  bewahrt  das  Hospiz  de  la  Potterie  in  Brügge  ein  wohl- 
erhaltenes Beispiel  von  1424.  Kunstvoller  und  daher  häufiger  erhalten  ist  die 
den  süddeutschen  Tischen  sich  nähernde  feste  Form:  eine  zusammengeklappte 
Doppelplatte  mit  flachem  Kasten  darunter  ruht  auf  zwei  starken,  durch  ein  Quer- 
holz verbundenen  Brettstützen,  die  ein  von  oben  her  zugängliches,  nach  unten  ab- 
geschrägtes Behältnis  einschließen  [Abb.  310J.  '  □ 
Die  SCHRÄNKE  der  nördlichen  Richtung  sind  unabhängig  von  der  Truhe  ent- 
standen. Sie  scheiden  sich  in  eine  flandrische  Art,  die  auch  am  Niederrhein  und  in 
Frankreich  vorkommt,  und  in  eine  norddeutsche.  □ 
Der  flandrische  Schrank  öffnet  seine  ganze  Vorderseite  mit  zwei  großen,  von 
oben  bis  unten  reichenden  Türen,  die  an  langgestreckten  Eisenbändern  hängen 
und  je  vier,  sechs  oder  neun  Füllungen  mit  Faltwerk  oder  Hohlkehlenornament 
enthalten.  Der  Rahmenbau  bleibt  ganz  schlicht,  nur  ausiiahmsweis  findet  sich  eine 
pfeilerartig  geschnitzte  Schlagleiste.  Die  Seitenwände  umschließen  eben  solche 
Füllungen,  wie  die  Türen.  Hierher  gehören  die  oben  erwähnten  Faltwerkschränke 
in  Aalst,  Brügge,  Köln,  Paris  und  Wien;  ferner  die  Schränke  mit  Hohlkehlen- 
mustern im  Johanneshospital  von  Brügge,  in  der  Martinskirche  zu  Lüttich  und  im 
Spital  der  Unheilbaren  daselbst. 

Der  schmälere  norddeutsche  Schrank  ist  aus  dem  in  eine  Mauernische  ein- 
gelassenen Wandschrank  entstanden.  Daher  sind  seine  Seitenwände  aus  glatten 
Brettern  —  ohne  Füllungen  —  gebildet  und  das  Kopfgesims  der  Schauseite  ist 
nicht  immer  über  die  Schmalseiten  weitergeführt.  Der  Rahmenbau  gliedert  die 
Vorderseite  in  Felder  von  verschiedener  Größe,  die  ungefähr  den  Gefächern  des 
Inneren  entsprechen  |vgl.  Abb.  306).  Im  Rheinland  gleicht  die  Schauseite  etwa 
einem  Stollenschrank,  dessen  offener  Raum  unter  den  Schubladen  durch  zwei 


396 


Türen  verschlossen  wird.  Diese  Art 
findet  sich  ebenso  in  den  Niederlan- 
den [Museum  Lüttich,  Hospiz  de  la 
Potterie  Brügge).  Anders  im  Osten, 
wo  man  den  Stollenschrank  nicht 
kannte.  Hier  fehlen  die  Schubladen 
und  die  Mitte  nimmt  eine  von  oben 
nach  unten  aufschlagende  Klappe  mit 
eisernen  Stützen  ein.  Diese  Art  war 
an  der  Unterelbe  und  Nordsee,  wei- 
terhin bis  nach  Dänemark  heimisch 
[Beispiele  im  Museum  Hamburg  und 
Kopenhagen;  dazu  die  Wandschrän- 
ke im  Lüneburger  Rathaus].  D 

Die  Bettstellen  waren  nach  Aus- 
weis vieler  Bilder  ziemlich  einfach, 
nur  die  Kopf  wand  erhöht  und  mit 
Schnitzwerk  verziert.  Das  Pariser 
Kunstgewerbemuseum  besitzt  zwar 
ein  spätgotisches  Bett  mit  hölzernem 
Himmel  aus  Schloß  Villeneuve;  all- 
gemeine Aufnahme  fand  diese  Form 
aber  erst  mit  der  Renaissance.        n 

Mit  den  leichteren  Stühlen  und 
Schemeln   des  Mittelalters    hat  die 

Folgezeit  bis  auf  wenige  Reste,   wie   °  Abb.  311:  Französischer  LehnsUihl.  15.  Jahrhundert  D 

den  schönen  Limburger  Faltstuhl  [um  1400]  des  Wiesbadener  Museums,  stark  auf- 
geräumt. Immerhin  kann  man  feststellen,  daf3  auf  diesem  Gebiet,  für  welches  nur 
die  dem  Norden  und  Süden  gemeinsamen  Harthölzer  Nuf^  und  Eiche  in  Betracht 
kommen,  die  Unterschiede  zwischen  nördlicher  und  südlicher  Richtung  ziemlich 
verschwinden.  Ein  Faltstuhl  im  Hospiz  de  la  Potterie  in  Brügge  gleicht  in  der 
Form  genau  den  italienischen  sogenannten  Certosinastühlen,  und  die  im  Süden  ge- 
bräuchlichen Scherenstühle  gab  es  auch  in  den  Niederlanden.  Die  hochlehnigen 
schweren  Stühle  mit  Kastensitz  [Abb.  311 1,  die  gleicherweise  in  Kirche  und  Haus 
Verwendung  fanden,  sind  der  Zerstörung  öfter  entgangen.  Das  Pariser  Kunstge- 
werbemuseum ist  reich  anfranzösischenBeispielen.  Bilder  undStiche  zeigen  aber, 
dag  sie  ganz  ähnlich  in  den  Niederlanden  und  am  Rhein  zu  Hause  waren  [vgl. 
Abb.  303].  Die  an  den  Wänden  aufgestellten  Bänke  waren  am  Rhein  ganz  gleich- 
artig gebaut;  das  größte  und  besterhaltcne  Stück,  mit  Ilohlkehlenmustern  oben 
und  Faltwerkfüllungen  unten,  besitzt  das  Kunstgewerbemuseum  in  Köln.  Die  Ver- 
wendung der  von  zwei  Seiten  als  Kaminsitz  benützten  Bänke  mit  umlegbarer 
Rückenlehne  veranschaulicht  der  Werlaltar  des  Meisters  von  Flemalle  |vgl.  die 
TafelJ  aufs  beste.  Erhalten  haben  sich  gotische  Beispiele  vorwiegend  in  Süd- 
deutschland [Germanisches  Museum,  Sammlung  Figdor,  Wien  |.  D 

397 


DIE  SÜDDEUTSCHEN  MÖBEL  D 
Die  Mehrzahl  der  oberdeutschen 
Möbel  ist  unseren  Sammlungen  aus 
den  Alpenländern,  der  Schweiz, 
Oberbayern  und  Tirol  überkommen, 
die  bis  tief  in  das  16.  Jahrhundert  der 
Spätgotik  treu  blieben.  Hier  wirk- 
ten die  ländlichen,  am  Althergebrach- 
ten hängenden  Lebensformen,  die 
am  Holzbau  geübte  Zimmermanns- 
arbeit und  die  Verwendung  der  hei- 
mischen Nadelhölzer,  der  Fichte, 
Föhre,  Lärche,  Arve  oder  Zirbelkie- 
fer, zusammen,  um  den  Möbeln  einen 
brettmägigen  Aufbau  zu  wahren.  Das 
Weichholz  drängte  notwendig  auf 
eine  flächenhafte  Verzierung.  Denn 
die  langfaserigen,  spaltigen  Nadel- 
hölzer widerstreben  der  plastischen 
Schnitzerei.  Als  das  angemessenste 
Ziermittel  ergab  sich  der  FLACH- 
SCHNITT. Die  Umrisse  der  Orna- 
mente wurden  scharf  umschnitten 
und  der  Grund  flach  ausgesprengt, 
so  daß  er  vertieft  mit  rauher  Fläche 
das  glatt  gehobelte  Muster  umgibt 
[Abb.  312].  Eine  dunkle  Bemalung  des  Grundes  und  lebhaftere  Farben  auf  dem  Orna- 
ment halfen  oft  die  Wirkung  des  Flachschnittes  zu  verstärken.  Für  diese  Aufgaben 
war  die  bandartig  dehnbare,  jeglicher  Fläche,  ob  breit  oder  schmal,  sich  schmieg- 
sam anpassende  spätgotische  Ranke  das  dankbarste  Motiv.  Wappen  und  Tiere 
fügen  sich  ein,  auch  naturähnliche  Pflanzenmuster  fehlen  nicht.  Der  Flachschnitt  be- 
mächtigt sich  nicht  nur  aller  Brettmöbel,  derTruhen  undSchränke,  Betten,  Tische 
undBänke,  sondern  auch  der  Stubentüren,  derDeckleisten  undFriese  des  Getäfels, 
der  Tragbalken  an  den  Zimmerdecken.  Die  Alpenländer  pflegten  ihn  als  volkstüm- 
liche Kunst  mit  einer  gewissen  Einseitigkeit;  sein  Gebiet  aber  erstreckte  sich 
weiter  über  Bayern,  Österreich,  Schwaben,  Franken  und  den  Rhein  herab  über 
Baden  und  Hessen.  VonFranken  her  kam  er  nach  Sachsen  [Tisch  und  Chorgestühl 
im  Altertumsmuseum  Dresden  |  und  auch  in  Norddeutschland  trat  er  auf.  Die  Kir- 
chengestühle in  Salzwedel,  Stendal  und  Halberstadt,  ein  Lüneburger  Tisch  im 
Hamburger  Museum  sind  als  Beispiele  zu  nennen.  In  Westfalen  und  im  Rheinland 
ist  der  Flachschnitt  auf  das  landesübliche  F]ichenholz  übertragen  worden,  wobei 
man  ebenfalls  mit  Bemalung  nachhalf  |  Beispiele  im  Kunstgewerbemuseum  Köln|; 
in  Spanien  hat  man  ihn  auf  Nuf^holz  geübt  [Füllbretter  mit  Granatapfelmustern  am 
Chorstuhl  von  Toledo  1.  D 


Abb.  312:  Flachschnittschrank  aus  Tirol,  Museum  Wien 


398 


^ 


SCHRANK  VON  J.  SYRLIX 
VON  ULM  •    1465    D    □    D 


Seine  Denkmäler  sind  in  vielen  ober- 
deutschen Kirchen  und  Sammlungen 
verstreut;  die  reichsten  Bestände  ber- 
gen die  Museen  von  Zürich,  Basel, 
München,  Nürnberg  und  Wien,  die 
Burg  Meran  und  Schloß  Tratzberg,  die 
Sammlungen  Figdor  in  Wien  und  Graf 
Wilczek  in  Schloß  Kreuzenstein.  D 
Die  große  Menge  der  Flachschnitt- 
möbel erweckt  leicht  den  Eindruck, 
als  ob  die  süddeutschen  Kunsttischler 
das  plastische  Schnitzwerk  vernach- 
lässigt hätten.  Die  großen  Schränke 
aber  [siehe  die  Tafel]  und  die  Türum- 
rahmungen reicher  Zimmerausstattun- 
gen [Hohensalzburg,  Rathaus  Überlin- 
gen. Schloß  Tratzberg]  bezeugen  das 
Gegenteil,  von  den  Kirchenstühlen  und 
Schnitzaltären  ganz  zu  schweigen.  Wo 
statt  der  Nadelhölzer  hartes  oder  kurz- 
faseriges Holz,  wie  Birnbaum,  Nuß  und 
Linde,  verwandt  wurde,  da  übt  auch 
der  Süden  die  plastische  Schnitzerei 
der  Ranken  und  des  Maßwerks  mit 
einer  Meisterschaft,  die  im  Norden 
vor  1500  nur  ganz  selten  erreicht  wor- 
den ist.  D 
Die  FORMEN  der  oberdeutschen  Möbel  berühren  sich  nur  wenig  mit  denen  des 
Nordens.  Die  Truhe  ist  eine  über  Eck  zusammengezinkte  Kiste,  deren  Kanten 
Zierleisten  vorgelegt  sind.  Sie  ruht  lose  in  einem  um  die  Holzdicke  vorspringenden 
Unterbau  aus  vier  Brettern  [vgl.  Abb.  321].  Der  große  viertürige  Schrank,  das 
Prachtstück  des  süddeutschen  Schreiners  und  Schnitzers,  ist  aus  zwei  überein- 
ander gestellten  Truhen  gebildet,  die  sich  mit  je  zwei  Türen  öffnen.  Dem  Sockel 
der  unteren  Truhe  entspricht  auf  der  oberen,  lose  aufgesetzt,  ein  hohes,  meist 
zinnengekröntes  Hauptgesims.  Den  Zusammenstoß  der  beiden  Kasten  verdeckt 
ein  umlaufender  Leistenkranz.  Auf  den  Kanten  liegen  Zierlatten  auf  wie  bei  den 
Truhen  [siehe  die  Tafel [.  In  der  Verteilung  des  Schnitzwerks  sind  diese  Schränke 
das  grade  Gegenteil  der  nördlichen.  Sie  drängt  sich  auf  den  umrahmenden  Teilen 
üppig  zusammen,  dieTürflächen  läßt  sie  im  wesentlichen  glatt  und  leer.  Hier  kann 
das  beliebte  Ahorn-  und  Eschenmaserholz  als  Belag  zur  Wirkung  kommen, 
außerdem  die  eisernen  Griffe  und  Beschläge,  die  nirgends  zierlicher  geschmiedet 
wurden,  als  in  den  deutschen  Alpenländern.  Außer  den  oben  genannten  Samm- 
lungen besitzt  das  Museum  in  Karlsruhe  einen  trefflichen  Schrank  dieser  Art; 
das  glänzendste  Hauptstück  der  Gattung  ist  aus  einer  Sakristei  in  Brixen  nach 

400 


Abb.  313:  Nürnberger  Zimmer  mit  Waschkasten, 
15.  Jahrhundert 


Abb.  314:   Uraubündener  Tisch.  Museum  zu  Köln  Abb.  315:  Gotischer  Tisch   in  Dresden,   15.  Jahrh. 

Schlog  Kreuzenstein  gekommen.  Auch  der  Schrank  mit  den  Wappen  der  Lupin- 
Gieng  in  Illerfeld  verdient  wegen  der  Bezeichnung  des  Jörg  Syrlin  von  1465  be- 
sondere Erwähnung.  D 

Es  hängt  mit  der  Häufigkeit  der  Vertäfelung  zusammen,  dag  der  Süden  für  die 
Wassergefäge  nebst  Waschbecken,  die  der  Norden  in  einer  Mauernische  unter- 
zubringen pflegte,  ein  eigenes  Schränkchen  von  schmaler,  hochragender  Form 
[Abb.  313J  mit  einer  Nische  in  der  Mitte  geschaffen  hat  [Sammlung  Figdor,  Burg 
Meran,  Tratzberg,  Kreuzenstein].  D 

Wenn  man  aus  den  erhaltenen  Bettstellen,  die  zum  Teil  arg  ergänzt  sind,  einen 
allgemeinen  Schlug  ziehen  darf,  so  war  der  hölzerne  Betthimmel  im  Süden  ziemlich 
verbreitet.  Es  gibt  Betten  mit  halbem  Baldachin,  der  nur  die  Kopfseite  überragt 
[Museum  Basel,  München  1470,  Kreuzenstein]  und  mit  ganzer  Decke,  die  flach 
oder  leicht  gewölbt  auf  den  geschlossen  hochgeführten  Kopf-  und  Fugseiten 
auf  ruht  [Burg  Meran,  Kreuzenstein  [.  Der  harte  Winter  der  Berge  mochte  solche 
Formen  veranlagt  haben,  die  späterhin  zu  förmlichen  Kastenbetten  sich  ent- 
wickelten. □ 

In  der  Mannigfaltigkeit  der  Tischformen  ist  der  Süden  dem  Norden  wohl  über- 
legen gewesen.  Die  gangbarste  Art  zeigt  zwei  geschweifte,  durch  ein  kantiges 
Querholz  verbundene  Brettstützen,  darauf  einen  niedrigen  rechteckigen  Kasten, 
den  die  aufliegende  Tischplatte  durch  Verschieben  öffnet  und  schliegt  [Abb.  314|. 
Diese  einfache  Grundform  wurde  —  wie  im  Norden  —  erweitert  durch  ein  nach 
unten  spitz  zulaufendes  Behältnis  unter  dem  Zargenkasten  [Abb.  315|;  oder  der 
letztere  erhielt  innen  an  drei  Seiten  eine  Einrichtung  von  kleinen  Schubfächern. 
In  diesem  Fall  war  die  Tischplatte  nicht  zum  Schieben,  sondern  zum  Hochklappen 
eingerichtet  [Museum  Basel;  Lindauer  Tisch  im  Kölner  Kunstgewerbemuseum [. 
Die  im  Norden  vorherrschenden  Doppelplatten  zum  Aufschlagen  waren  in  Ober- 
deutschland nicht  üblich.  Seltener  sind  achteckige  oder  runde  Tische  mit  einer 
Mittelstütze.  Ein  Prachtstück,  das  mit  den  eigentlichen  Gebrauchsformen  wenig 
gemein  hat,  ist  der  dem  Tilinan  Kieinenschneider  zugeschriebene  Tisch  in  Würz- 
burg, mit  runder  Steintafel  auf  sechsseitigem,  aus  Streben  und  Bogen  sehr  künst- 
lich, aber  völlig  in  Steinformen  gebildetem  Holzgestell.  In  Tirol  [Burg  Meran, 
Sammlung  Figdor  [  taucht  der  schon  in  romanischen  Buchmalereion  nachweisbare 

26  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  4Q2 


l 


vierbeinige   Tisch   auf,   der   später  alle 
Kastentische  aus  demFelde  schlug.  Seine 
Füge  sind  nach  oben  gegeneinander  ge- 
neigt, unten  durch  Fugbretter  verbunden 
und  gleich  gedrehten  Ästen  geschnitzt; 
man  sieht,  die  Drechselarbeit  stand  bei 
den  Tischlern  der  Gotik  nicht  mehr  in  An- 
sehen. D 
ITALIEN  D 
Der  Bestand  gotischer  Möbel  italieni- 
scher Herkunft  ist  gering.   Die  Lebens- 
Abb.  316:  Norditalienische  Truhe,  15.  Jahrhundert  gcwohnheiten  der  Südländer  waren  einer 

so  vielgestaltigen  Einrichtung  der  Wohn- 
zimmer, wie  die  häuslicheren  Völker  der 
rauheren  Länder  diesseits  der  Alpen  sie 
"^^^m^^m^^  liebten,  nicht  günstig.  Bei  festlichen  An- 

lässen mußte  ein  Behangkostbarer  Seiden- 
stoffe die  Einfachheit  des  mittelalterlichen 
Hausrats  verhüllen.  Das  ist  auf  bildlichen 
Darstellungen  von  Gastmälern  deutlich  zu 
sehen.  Auch  in  Italien  pflegte  man  dann 
Prunkgeschirre  zur  Schau  zu  stellen,  aber 
das  Holzwerk  der  Kredenzen  ist  nicht 
sichtbar;  ihr  Stufenaufbau  verschwindet 
vöUig  unter  dem  Stoffbehang.  Dazu  kam, 
dag  in  Florenz,  dem  maggebenden  Mittel- 
punkt derKunsttischlerei,  die  Renaissance 


Abb.317:  Norditalienischer  stuhl,  15.  Jahrhundert   schon  frühzeitig  die  bemaltenodermitver- 

-|  goldeten  Stuckreliefs  verzierten  Truhen 
in  ihre  Kreise  zog.  D 

Ausgesprochen  gotische  Möbel  sind  da- 
her vornehmlich  aus  dem  welschen  Süd- 
abhang der  Alpen  erhalten,  wo  italieni- 
sche und  deutsche  Art  sich  berührten  und 
durchdrangen.  Sehr  altertümlich  im  Auf- 
bau erscheint  eine  Truhengattung  aus 
schweren  Nugholzbohlen,  in  welche  Mag- 
werkrosen, Kerbschnittmuster  und  stern- 
förmige Bandgeflechte  bald  flach,  bald 
steil  und  tief  eingestochen  sind  [Abb.  316]. 
Sie  ist  in  der  Terra  ferma  Venedigs  hei- 
misch und  um  die  Mitte  des  15.  Jahrhun- 
derts entstanden.  Aus  denselben  Betrie- 

Abb.  318:  Norditalienische  Truhe,  15.  Jahrhundert    bcu    stammen    einige    Stühle    VOU    mcrk- 


402 


l 


O  Abb.  319:  Flachschnittruhe,  Norditalien,  15.  Jahrhundert,  Sammlung  Figdor,  Wien  D 

würdig  losem  Aufbau  in  der  Sammlung  Figdor  [Abb.  317].  Hier  treten  zu  den  ge- 
schnittenen Verzierungen  auch  kleine  mit  dem  Punzen  eingeschlagene  Muster. 
Dieses  Verfahren  wiederholt  sich  bei  einer  in  vielen  Sammlungen  vertretenen 
Gattung  von  Truhen  und  kleineren  Kästchen  aus  Nuß-  und  Zedernholz,  deren 
hauptsächliche  Verzierung  durch  Flachschnitt  mit  ausgestochenem  Grund  erzielt 
ist.  Es  ist  wohl  möglich,  daß  der  Flachschnitt  durch  das  Etschtal  aus  Tirol  in  das 
Venetianer  Gebiet  vorgedrungen  ist;  die  Wirkung  des  italienischen  Flachschnitts 
ist  aber,  ganz  abgesehen  vom  Hartholz,  vom  deutschen  sehr  verschieden  und  noch 
mehr  die  Zeichnung.  Der  Grund  wird  nicht  rauh  belassen,  sondern  durch  dich- 
ten und  regelmäßigen  Punzenschlag  geebnet  und  auch  die  Muster  selbst  haben 
durch  dasselbe  Mittel  eine  reiche  Innenzeichnung  erhalten.  Sie  geben  teils  Blatt- 
ranken der  Venetianer  Gotik  mit  eingeordneten  Tieren  [Truhenbretter  im  Berliner 
Kunstgewerbemuseum!,  teils  figurenreiche  Bilder,  festliche  Aufzüge,  Allegorien 
oder  biblische  Geschichten  |Abb.319|.  Die  Entstehungszeit  der  ältesten  Stücke  ist 
durch  die  Trachten  bestimmt ;  sie  reichen  nicht  viel  vor  die  Mitte  des  15.  Jalir- 
hunderts  zurück.  Die  kleineren,  innen  und  außen  verzierten  Zedernholzkästchen 
sind  noch  spät  im  16.  Jahrhundert  mit  altertümlicher  Ornamentik,  aber  schwacher 
und  verflachter  P'igurenzciclmung  hergestellt  worden.  D 

Der  Tiroler  Einfluß  ist  sichtbar  ausgeprägt  an  einer  Art  kleiner  Nußholztruhen. 

26*  403 


D  Abb.  320:  Mag  werkschrank,  Italien,  15.  Jahrhundert  D 

die  infolge  ihres  besonders  festen  Baues  noch  in  groger  Zahl  erhalten  sind  [Abb. 
318].  Den  äußeren  Schmuck  bilden  reich  durchbrochene  Beschläge  aus  verzinntem 
Eisen,  die  sich  offenbar  aus  der  Tiroler  Schmiedekunst  ableiten,  obwohl  sie  nach 
italienischem  Brauch  in  das  Holz  eingesenkt  sind.  Auch  die  Innenseite  des  Deckels 
wird  mit  solchen  Eisenzierstücken  auf  roter  Samtunterlage  ausgestattet.  Dazu 
kommen  innen  auf  dem  Deckel,  auf  der  Oberkante  der  Wände  und  auf  der  Schub- 
fächereinrichtung, welche  diese  Truhen  mit  den  vorgenannten  Flachschnittkasten 
gemein  haben,  eingelegte  Bandverschlingungen  aus  gelbem  und  schwarzem  Holz 
und  mit  demPunzen  eingeschlageneMuster.  Dievier  Wände  sind  durch  ganz  dicht 
gereihte,  schmale  Schwalbenschwänze  verbunden.  Das  Fortleben  der  Gattung 
in  das  16.  Jahrhundert  bezeugt  ein  Beispiel  des  Grazer  Landesmuseums  mit  ge- 
schnitzten Renaissanceranken.  D 
Einem  viel  größeren  Ursprungsgebiet  entstammen  die  großen  und  vornehmen 
italienischen  Truhen,  deren  Vorderwand  regelmäßig  vier  schön  geschnitzte  Maß- 
werkfüllungen mit  reichen  Fischblasenformen  in  tiefgelegten  Vierecken  enthält. 
Die  umrahmenden  Flächen  und  die  Deckelkanten  ziert  geometrisch  gemustertes 
Holzmosaik,  seltener  eingelegtes  Rankenwerk.  Nur  ausnahmsweise  bemächtigt 

404 


1 


%1 


STEYRISCHER  SCHRANK 
AUS  DEM  15.  JAHRHUNDERT 


O  Abb.  321 :  Tiroler  Truhe,  15.  Jahrhundert,  Germanisches  Museum  D 

sich  das  Mosaik  der  Füllungen  und  drängt  die  Magwerkschnitzerei  in  die  Umrah- 
mung [Truhe  im  Pariser  Kunstgewerbemuseum].  Eine  Truhe  im  Bargello  mit  den 
Wappen  der  Piccolomini  und  anderer  sienesischer  Geschlechter  lehrt,  dal3  diese 
Möbel  nicht  nur  in  Norditalien,  sondern  ebenso  in  Toscana  zu  Hause  waren.  Für 
kirchliche  Zwecke  hat  man  auch  Schränke  gleichen  Stils  gebaut;  ein  wohlerhaltenes 
Beispiel  besag  die  Sammlung  Bardini  in  Florenz  [Abb.  320|.  D 

Wenn  die  italienische  Kunsttischlerei  denFlachschnitt  und  die  oben  erwähnten 
Eisenbeschläge  deutschtiroler Anregungen  verdankte,  so  hatsiemitdenMagwerk- 
truhen  die  Schuld  reichlich  wett  gemacht.  Denn  sie  sind  in  den  österreichischen 
Alpenländern  oft  und  mit  Geschick  nachgebildet  worden.  Eine  Truhe  des  Germa- 
nischen Museums  [Abb.  321]  gibt  ihre  Heimat  schon  durch  die  deutsche  Sockelform 
und  nebenbei  durch  die  ungefügeren  Deckelprofile  zu  erkennen.  Als  ein  Pracht- 
stück dieser  Richtung  ist  ein  steyrischer  Schrank  [Graf  Wimpffen.  Graz|  anzu- 
führen, nach  Form  und  Bau  rein  oberdeutsch,  in  den  Füllungen  gradezu  ein  For- 
menschatz des  italienischen  Magwerks  [siehe  die  Tafel].  Die  Mosaikmuster  dieses 
Schrankes  und  der  spätgotischen  Meraner  Möbel  [in  der  Burg  daselbst |  zeigen 
klar,  dag  dieses  der  Holzeinlage  verwandte  Zierverfahren  durch  italienische  Vor- 
bilderdes  15.  Jahrhunderts  in  den  deutschen  Alpen,  wenn  nicht  eingeführt,  so  doch 
veredelt  und  verbreitet  wurde.  In  einfacherer  Form  war  es  der  deutschen  Kunst- 
tischlerei schon  vorher  bekannt  und  im  Norden  und  Süden  bereits  im  1 3.  und  1 4.  Jahr- 
hundert geübt  worden.  □ 
4.  EISEN,  ERZ,  ZINN  D 
Die  selbständige  Verwendung  des  Eisens  liegt  augcrhalb  unserer  Grenzen  auf 
dem  Gebiet  des  Waffenwesens.  Von  diesem  abgesehen,  bleibt  die  Schmiedekunst 

405 


wie  bisher  vorwiegend  ein  die- 
nendes Gewerbe,  das  die  Werke 
des  Baumeisters  mit  Gittern,  des 
Zimmermanns  und  Tischlers  mit 
Beschlägen  und  Schlössern  si- 
chert und  schmückt.  D 

Die  Entwicklung  war  keine 
gleichmäßig  ansteigende.  Auf  den 

Hochstand  der  romanischen 
Schmiedekunst  [vgl.  Seite  303] 
folgt  mit  der  Frühgotik  ein  Nach- 
lassen der  künstlerischen  Lei- 
stung während  des  14.  Jahrhun- 
derts, wenigstens  in  den  Ländern 
nördlich  der  Alpen.  D 

Die  gotischen  Türbeschläge 
werden  wohl  freier  und  lebendi- 
ger in  der  Linienführung  der  An- 
gelbänder und  ihrer  Verzweigun- 
gen, aber  zugleich  magerer  und 
flacher.  Die  Blattendungen,  früher 
plastisch  in  Gesenken  gearbeitet, 

Abb.  322:  Tür  im  .Münchener  Rathaus  um  1475  D    werden  dünn  aUSgeSChmicdet  Und 

mit  Durchbrechungen,  später  mit  Buckelungen  belebt.  Was  damit  zu  erreichen 
war,  veranschaulicht  die  Tür  des  alten  Münchener  Rathaussaales  [Abb.  322].       D 

Von  frühgotischen  Gittern  besitzt  Italien  eine  ansehnliche  Reihe  bezeichneter 
Arbeiten  aus  dem  14.  Jahrhundert,  die  alle  ein  und  dasselbe  Grundmotiv  —  anein- 
ander gebundene  Vierpässe  —  abwandeln  [Beispiele  in  San  Marco,  Venedig,  im 
Dom  von  Orvieto  1337  und  von  Prato  1348,  an  den  Scaligergräbern  in  Verona  1380J. 
Das  Meisterstück  der  Gattung  ist  das  Gitter  in  S.  Croce  zu  Florenz  von  1371,  bei 
dem  ein  kräftiges  Stabwerk  das  Vierpagnetz  versteift  und  in  Rechtecke  gliedert. 
Die  Tür  dieses  vornehmen  Werkes  holt  ihr  Vorbild  bereits  aus  der  Baukunst:  sie 
ist  als  Magwerkfenster  gestaltet.  Das  Vierpagmuster  geht  mit  den  Gittern  in 
S.  Trinita  zu  Florenz,  am  Rathaus  von  Siena  [1436  bis  1445]  und  im  Dom  zu  Lucca 
ohne  wesentliche  Änderung  noch  in  das  15.  Jahrhundert  hinüber.  D 

Außerhalb  Italiens  wurden  die  Gitter  der  Gotik  zumeist  aus  vierkantigem,  auch 
gewundenem  Stabeisen  geschmiedet.  Für  größere  Aufgaben,  wie  die  Kapellen- 
abschlüsse, herrschen  in  Frankreich,  Spanien  und  Westdeutschland  die  schlichten 
Gitter  aus  senkrecht  gereihten  Stäben  mit  sparsamer  Querverbindung  vor;  Mag- 
werkformen, aus  Eisenblech  flach  geschlagen  oder  aus  Bandeisen  an  die  Stäbe 
genietet,  obenauf  auch  frei  geschmiedete  Kreuzblumen,  dienen  als  Zierrat  [Bei- 
spiele in  Puy  en  Velay,  Toulouse;  im  Dom  von  Barcelona,  die  Fensterkörbe  der 
Casa  de  las  Conchas  von  1512  in  Salamanca;  das  Gitter  in  Kempen  von  Peter  von 
Straelen  1463;  Grabeinfassungen  in  Canterbury).  D 

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Für  kleinere  Verschlüsse,  un- 
ter denen  die  von  der  spätgoti- 
schen Schmiedekunst  besonders 
reich  ausgestatteten  Türen  der  Sa 
kramentshäuschen  hervorragen, 
waren  die  Rautengitter  aus  schräg 
gekreuzten  und  durchsteckten 
Vierkanteisen  bevorzugt  [eins  der 
zierlichstenBeispiele  ist  diePreg- 
burger  Tabernakeltür  des  Wiener 
Schlossers  Sigmund  Fischer],  und 
wenn  die  Ansprüche  höher  gin- 
gen, so  füllte  man  den  mitRanken- 
werk  belegten  Rahmen  mit  durch- 
brochenen Magwerkmustern  aus, 
die  aus  mehreren  übereinander 
genieteten  Blechschichten  her- 
ausgehauen wurden.  In  dieser 
Kunst  hatte  Deutschland  keinen 
Vorrang.  Auch  Frankreich,  Eng- 
land und  namentlich  Spanien 
haben  darin  Ausgezeichnetes  ge- 
leistet  [Sakristeitür   im  Dom  von    D      Abb.  323:  Türgriff  in  Dinkelsbühl,  15.  Jahrhundert      D 

Ronen;  Kanzel  inAvila  und  ein  spanisches  Gitter  imLouvre;  Gitter  von  1428  in  der 
Westminsterabtei,  inCanterbury  und  in  der  Georgskapelle  zu  Windsor].  Von  deut- 
schen Magwerkgittern  stehen  ein  Tiroler  Gehäuse  im  Kensington  Museum,  eine 
Tür  in Vordernberg [Steiermark)  und  dieKanzel  inFeldberg[Tirolj  in  ersterReihe, 

Im  Osten  Deutschlands  sind  die  Gitter  aus  gekreuzten  Stäben  auch  für  Ver- 
schlüsse grogenUmfanges  [Kapellengitter  von  1498  imDom  von  Magdeburg,  Gitter 
in  Schloß  Karlstein  bei  Prag]  herangezogen  worden.  Die  Vierpaggitter,  die  in 
Frankreich  schon  üblich  waren,  bevor  sie  in  Italien  aufkamen,  hat  französischer 
Einflug  auch  nach  England  verpflanzt,  wo  sie  neben  den  Magwerkmustern  und 
schlichten  Stabgittern  weite  Verbreitung  fanden  [Gitter  aus  Chichester  im  Kensing- 
ton Museum,  andere  in  Salisbury,  Wells  u.  a.  O.j.  In  Deutschland  steht  nur  ein  um 
1470  entstandener  Kapellenabschlug  der  Ulrichskirche  von  Augsburg  der  italie- 
nischen Art  der  Vierpagnetze  nahe.  □ 

Gegen  Ausgang  des  Mittelalters  hob  sich  die  Schmiedekunst  wieder  zu  be- 
wundernswerter Höhe  empor.  Damals  waren  es  aber  weniger  die  monumentalen 
Werke,  in  denen  sie  ihr  Bestes  gab,  als  vielmehr  die  Kleinarbeiten  der  Tür-  und 
Möbelbeschläge  und  der  Schlosserei.  Für  diese  Zwecke  wurde  in  Süddeutschland, 
insbesondere  in  den  österreichischen  Alpenländern,  dann  in  Frankreich  und 
Spanien  dem  Eisen  eine  so  feine,  auf  das  Zierliche  ausgehende  Behandlung  zu 
teil,  dag  der  Schlosser  mit  dem  Goldschmied  zu  wetteifern  scheint.  □ 


407 


Die  Hauptstücke  dieser  spät- 
gotischen Eisenkunst  sind  die 
Schlofiplatten,  in  Deutschland 
meist  beilförmig  geschweift,  mit 

aufgelegter  Schlüsselführung 
oder  Ranken  [vgl.  Abb,  324J,  die 
Türbänder,  die  Klopfer  und  die 
herzförmigen  Griffe  an  durchbro- 
chenen Anschlagsplatten  [Abb. 
323 1.  Das  Ornament  setzt  sich, 
wie  der  Dinkelsbühler  Griff  zeigt, 
aus  dem  Fischblasenmagwerk 
und  der  Bandranke  zusammen. 
Als  eine  Musterkarte  dieser  For- 
men kann  man,  aus  ungezählten 
Arbeiten  der  Gattung  herausge- 
griffen, eine  Sakristeitür  in  Brück 
an  der  Mur  anführen,  deren  Flä- 
che mit  durchbrochenen  Zierra- 
ten beider  Arten  in  Rautenfeldern 
ganz  bedeckt  ist.  Daneben  kommt 
auch  der  spätgotische  Naturalis- 
mus in  Süddeutschland  ausrei- 
chend zu  Wort.  Ein  Tiroler  Tür- 
beschlag im  Germanischen  Muse- 
um, der  Griff  aus  knorrigenÄsten 
gewunden  und  die  Bänder  als 
Blütenzweige  geformt,  gibt  ein 
anschauliches  Bild  dieser  Rich- 
tung [Abb.  324J.  D 
Mit  größerem  Können  hat  ein 
Meister  aus  der  Schlosserfamilie 

Abb.  324:  Tür  mit  Eisenbeschlag,  Germanisches  Museum  MaSSyS,  der  aUCh  der  Maler  Quin- 
ten Massys  angehörte,  aus  naturalistischen  Zweigen  und  verschlungenen  Ästen 
1470  die  Brunnenlaube  am  Antwerpener  Dom  geschaffen.  Sie  zählt  nebst  dem  eben- 
falls einem  Massys  zugeschriebenen  Tragarm  des  Taufbeckendeckels  in  S.  Peter 
zu  Löwen  zu  den  bedeutendsten  Schmiedewerken  der  Niederlande.  D 

Grundverschieden  von  der  deutschen  ist  die  französische  Kunstschlosserei  des 
15.  Jahrhunderts.  Sie  vermeidet  die  geschweiften  und  lebhaft  bewegten  Formen. 
Die  Schlösser  und  selbst  die  Angelbänder  bestehen  in  der  Regel  aus  rechteckigen 
Platten,  die  mit  Maßwerk,  Giebeln,  Baldachinen  und  sonstigen  Steinformen  voll- 
ständig bedeckt  sind.  Das  Rankenwerk  kommt  kaum  zum  Vorschein;  dafür  haben 
die  französischen  Schlosser  sich  an  figürliche  Darstellungen  gewagt  und  ihre  Ar- 
chitekturen vielfach  mit  Heiligengestalten  besetzt  [Abb.325J.  Alles  das  ist  nicht  in 

408 


dünnen  Schichten  flach  geschlagen,  son- 
dern in  kräftigem  Relief,  Figuren  und  Bal- 
dachine oft  in  runder  Plastik  aus  dem  vollen 
Eisen  herausgemeigelt.  Bei  der  Schwierig- 
keit des  mühsamen  Verfahrens  sind  die 
Erfolge  aller  Ehren  wert  und  selbst  die  Fi- 
guren trotz  mancher  Schwächen  ganz  an- 
nehmbar [Abb.  326].  □ 
Es  ist  begreiflich,  dag  eine  Schmiede- 
kunst, die  den  Werkstoff  so  zu  meistern 
verstand,  auch  in  selbständigen  Eisenge- 
räten sich  versuchte.  Es  gibt  gotische 
Eisenkästchen  mit  durchbrochenem  Mag- 
werkmantel, die  in  der  Art  der  französi- 
schen Schlösser  gearbeitet  sind;  vor  allem 
bot  das  Beleuchtungsgerät  für  Kirche  und 
Haus  dankbare  Aufgaben.  Deutschland 
steht  durch  die  Menge  der  Denkmäler  im 
Vordergrund  und  zwar  ist  derNorden  hier- 
in dem  Süden  überlegen.                                      D     Abb.  325:  Französisches  Truhenschlog,  15.  Jahrh. 

Die  Mehrzahl  der  spätgotischen  Eisenkronleuchter  ist  in  der  Form  noch  von 
der  romanischen  Ringkrone  mit  angesetzten  Türmchen  und  kurz  abstehenden 
Kerzentellern  abhängig  [Dom  von  Magdeburg  1494,  Halberstadt,  Merseburg];  das 
bedeutendste  Stück  dieser  Art  ist  als  Geschenk  der  Schmiedezunft  für  die  Kirche 
in  Vreden  vonGertBulsink  1489  geschaffen  worden.  Bei  anderen  Kirchenleuchtern 
sind  kühn  geschwungene  Zweige  als  Lichtarme  strahlig  um  den  Fug  einer  ge- 
schnitzten Marienfigur  geordnet  [Kaikar  1508  bis  1511,  Osnabrück,  Kempen,  Bre- 
men] oder  laternenähnliche  Gehäuse  aus  Bandeisen  zusammengenietet  [Dortmund, 
Museum  München,  Bartfeld  in  Ungarn].  Seltener  sind  die  Wandleuchter  aus  einem 
geschwungenen  Arm  und  breitem,  von  Zinnen  oder  Ranken  umzogenem  Kerzen- 
teller [Kunstgewerbemuseum  Köln  |.  Auch  von  freistehendenKerzenständern  und 
Leuchtern  ist  das  Meiste  in  norddeutschen  Kirchen  [Köln, Xanten, Osnabrück]  und 
in  den  Niederlanden  zu  finden;  das  beste  Werk  aber  ist  einOsterleuchterinNoyon, 
der  als  Gegenstück  des  ausgezeichneten  romanischen  Leuchters  daselbst  gear- 
beitet worden  ist.  D 

Mit  ihren  Beleuchtungsgeräten  war  die  Schmiedekunst  in  einen  Wettbewerb 
mit  dem  GELBGUSS  getreten,  dem  sie  nicht  gewachsen  war.  Denn  für  solche 
Gegenstände,  bei  denen  es  weniger  auf  die  Zähigkeit  des  Metalls,  als  auf  Glanz 
und  klare,  saubere  Formen  ankam,  war  das  blanke  Messing  geeigneter.  Zudem 
hatte  der  Erzgug  die  ältere  Überlieferung  voraus.  D 

Für  die  kirchlichen  Messinggeräte  größeren  Umfangs,  wie  die  Taufkessel, 
Adlerpulte,  Standleuchter,  wugten  die  niederländischen  Gieger  ihren  alten  Vor- 
rang zu  behaupten.  Sie  blieben  namentlich  in  den  figürlichen  Zutaten  unerreicht, 
bis  in  Deutschland  die  Nürnberger  Gielihütte  der  V^ischer  auftrat.    Den  figuren- 

409 


reichen  Taufbecken  in  Herzogenbusch'  [1492  von  Aert 
aus  Maastricht  gemacht,  der  auch  den  Gitterleuchter  in 
Xanten  1501  goß]  und  in  Hai  [von  Wil.  Lefebvre  aus 
Tournai  1446J,  dem  fast  6  m  hohen,  von  einer  Kreuzi- 
gung überragten  Standleuchter  in  Leau  [von  Reiner  van 
Thienen  aus  Brüssel  um  1480]  hat  Deutschland  völlig 
Gleichwertiges  kaum  an  die  Seite  zu  stellen,  obwohl  na- 
mentlich der  Norden  von  tüchtigen  Meistern  eine  Menge 
spätgotischer  Taufbecken  [in  Braunschweig,  Lübeck, 
Halle,  Hannover,  Brandenburg,  Wittenberg,  Breslau, 
Dortmund  und  anderwärts]  und  stattlicher  Kandelaber 
[in  Mölln,  Halberstadt,  Kappenberg.  Köln,  Münster]  be- 
sitzt. Derartige  deutsche  Gugwerke,  von  den  Grabmälern 
ganz  abgesehen,  gingen  auch  im  15.  Jahrhundert  noch 
vielfach  ins  Ausland  [Lübecker  Leuchter  in  Viborg  und 
Lund;  Taufbecken  in  Krakau  und  Schägburg].  Die  Gie- 
ßerei stand  damals  in  voller  Blüte  und  konnte  sich  auch 
schwieriger  Aufgaben  unterfangen.  Zeugnis  dessen  das 
Sakramentshaus  der  Lübecker  Marienkirche,  1476  bis 
1479  von  einem  Goldschmied  N.  Rughesee  und  dem 
Gießer  Nie.  Gruden  als  schlanker,  über  9  m  aufragender 
Turmbau  mit  vielen  Figuren  ausgeführt.  D 

Zu  den  erfreulichsten  Leistungen  der  deutschen  Gelb- 
gieger  zählen  die  Kronleuchter,  die  nach  Ausweis  von  Gemälden  [wie  dem  Arnol- 
finibildnis  Jan  van  Eycks  von  1434]  schon  in  der  ersten  Hälfte  des  15.  Jahrhun- 
derts auch  die  Wohnräume  schmückten.  Das  Meisterstück  der  Gattung,  ein  offener 
Turm  mit  Gewappneten,  von  zwölf  schwungvollen  Rankenarmen  umstellt,  ist 
zwar  wiederum  niederländisch;  es  wurde  den  Bürgern  von  Herzogenbusch  1424 
für  tapfere  Waffentat  gewidmet.  Der  größere  Reichtum  der  Erfindung  aber  ist  auf 
Seite  der  Deutschen.  Wie  bei  den  eisernen  Leuchtern  lebt  die  Erinnerung  an  die 
alten  Ringkronen  mit  ihren  Türmen  noch  fort;  die  Kirchen  in  Einbeck  [1429], 
Halberstadt  und  Münster  besitzen  die  besten,  in  allen  Einzelheiten  rein  gotischen 
Beispiele.  Viel  häufiger  sind  in  Kirchen.  Rathäusern  [Breslau,  Goslar,  Regens- 
burg, München]  und  Museen  die  Armkronleuchter,  eine  Neuschöpfung  der  Spät- 
gotik. DieBildung  des  Mittelschaftes  ist  für  dieverschiedenenFormenmaßgebend. 
Die  älteste  Lösung  ist  wohl  der  kapellenförmige  Schaft,  von  dessen  Fuß  die  Kerzen- 
arme abzweigen.  Aus  dieser  Gruppe  steht  die  Seckauer  Krone  derjenigen  in 
Herzogenbusch  am  nächsten.  Beim  Kronleuchter  in  Goslar  [Abb.  326 1  sind  aus 
den  Pfeilern  dünne  Stäbe  geworden,  welche  die  Mittelfigur  der  Maria  weniger 
verdecken  und  die  zugleich  den  Ansatz  einer  oberen  Reihe  von  Lichtarmen  erleich- 
tern. Ganz  ohne  Bauformen  sind  dann  die  ostdeutschen  Messingkronen  in  Kol- 
berg, Danzig,  Braunsberg  gestaltet.  Hier  bilden  senkrecht  gestellte,  gebogene 
Äste,  von  deren  Mitte  die  Kerzenteller  wagrecht  abzweigen,  eine  ovale  Laube  für 
die  Muttergottes  [Abb.  327].  D 

410 


Abb.  325:    Französischer   Tür- 
D    klopfer,  Museum  zu  Köln    O 


Dem  häuslichen  Bedarf  dien- 
te der  Gelbguß  mit  mancherlei 
Kleingerät,  Mörsern,  Handleuch- 
tern, Kaminböcken  und  Waschge- 
fägen.  Den  Waschbecken  hatte 
schon  das  romanische  Kunstge- 
werbe einige  Sorgfalt  zugewen- 
det. Bei  Ausgrabungen  sind  in 
ganz  Deutschland  von  Westen 
bis  Osten  und  darüber  hinaus  in 
Schweden  und  Rußland  Becken 
aus  einst  vergoldetem  Kupfer- 
oder Bronzeblech  mit  flüchtig 
graviertenBildern,  meist  den  Tu- 
genden und  Sünden,  zutage  ge- 
fördert worden,  die  wahrschein- 
lich in  einem  westdeutschen  Ort 
als  gangbare  Handelsware  im  12. 
und  13.  Jahrhundert  gefertigt 
worden  sind.  Ein  in  Aachen  ge- 
fundenes Becken  mit  der  Ursula- 
legende lägt  auf  Köln  schließen. 

Die  Spätcrotik    ersetzte    die  Gra-     Abb.   326:   Messingkronleuchter  in   Goslar,   15.  Jahrhundert 

vierung  durch  die  wirksamere  Reliefarbeit  der  Beckenschläger.  Die  Messing- 
becken des  15.  Jahrhunderts,  die  wohl  auch  als  Tauf  schüsseln  dienten,  sind  größer 
geworden,  oft  mit  flachem  Rand  versehen  und  in  der  Mitte  mit  derb  geschlagenen 
Heiligenfiguren,  der  Verkündigung,  dem  Sündenfall,  mit  gotischen  Ranken,  Rosen, 
Blättern  ausgestattet.  Zu  den  Becken  gehörten,  wie  das  auf  Bildern  zu  sehen  ist, 
an  beweglichen  Bügelgriffen  aufgehängte  Wasserkessel  mit  zwei  kurzen  Ausguß- 
röhren und  die  nicht  ganz  so  häufig  wie  die  Schüsseln  erhaltenen  schlanken 
Deckelkannen  [vgl.  die  Tafel  mit  der  Abbildung  des  Werlaltars  von  1438J,  deren 
Henkel  und  Ausgußröhren  oft  als  Tiere  geformt  sind  [Abb.  328  und  330].  D 

Das  ZINN  ist  für  kirchliche  Geräte  schon  seit  romanischer  Zeit  verwendet  wor- 
den, in  ausgedehnterem  Maße  namentlich  im  Osten  des  Reiches  und  in  Böhmen, 
seit  die  Zinngruben  des  Erzgebirges  erschlossen  waren.  Erhalten  sind  vornehm- 
lich Taufkessel  |in  Rostock,  Liegnitz,  Mainz  1323,  Raigern,  Karlstein,  Prag  1406 
und  1414,  Mies,  Tabor  und  anderwärts],  die  sich  in  Form  und  Reliefschmuck  an  die 
Vorbilder  des  Erzgusses  anlehnen.  Nur  die  böhmischen  Taufbecken  des  15.  Jahr- 
hunderts sind  eigenartig  gestaltet,  als  glockenförmige  Kessel  auf  drei  hohen, 
schlanken  Füßen.  Am  Hraunschweigcr  Marktbrunnen  von  1408,  der  sich  aus  drei 
übereinander  gestellten  Becken  und  einem  Turmhelm  aufbaut,  ist  das  Zinn  auch 
einer  monumentalen  Aufgabe  dienstbar  gemacht.  Erst  in  den  letzten  Jahren  des 
15.  Jahrhunderts  haben  die  Zinngießer  das  Tafelgeschirr  veredelt.  Es  sind  zumal 
die  großen  walzenförmigen  Zunftkanncn,  in  deren  glatte  Wandung  Heiligenfigu- 

411 


ren  unter  Spitzbogen  eingraviert 
wurden.  Die  Mehrzahl  solcher  In- 
iiungskannen  stammt  aus  Schle- 
sien [Abb.  329],  das  Hauptstück  ist 
der  70  cm  hohe  Krug  der  Bäcker- 
zunft in  Breslau  von  1497.  D 
5.  DIE  GLASMALEREI  D 
Da  die  Glasmalerei  jederzeit 
auf  allen  Stufen  ihrer  Entwick- 
lung den  anderen  Zweigen  der 
Malerei  gleichen  Schrittes  folgte, 
so  haben  auch  die  gewaltigen 
Fortschritte  der  Tafelmalerei  des 
15.  Jahrhunderts  ihr  Können  und 
ihre  Erscheinung  auf  das  stärkste 
beeinflufit.  Obwohl  das  ganze 
Zeltalter  der  Gotik  sich  einer  im 
wesentlichen  einheitlichen  For- 
mensprache bediente,  obwohl 
ferner  die  Aufgaben,  die  der  Kir- 
chenbau dem  Glasmaler  zuwies, 
in  dieser  Zeit  dieselben  blieben, 

D  Abb.  327:  Messingkronleuchter  in  Kolberg  um  1424.  D  SO  ist  doch  der  Unterschied  zwi- 
schen der  spätgotischen  und  der  frühgotischen  Glasmalerei  größer,  als  der 
zwischen  der  letzteren  und  der  romanischen.  Das  Darstellungsvermögen  war 
gereift  und  die  neue  Art,  die  Natur  zu  sehen  und  wiederzugeben,  drängte  zu  neuen 
höheren  Zielen.  Wie  die  Tafelmalerei,  so  mühte  sich  auch  die  Glasmalerei  der 
Spätgotik,  innerhalb  ihrer  technischen  Grenzen  der  Wirklichkeit  näher  zu  kom- 
men, alle  Einzelheiten  körperhafter  durchzubilden,  die  Figuren  zu  vermehren  und 
in  lebendiger  Handlung  miteinander  zu  verketten,  die  Innenräume  und  die  Land- 
schaft perspektivisch  zu  vertiefen.  Um  den  Unterschied  in  kurze  Schlagworte  zu 
pressen,  kann  man  die  fortgeschrittenen  Glasgemälde  des  15.  Jahrhunderts  als 
bildmäßig  im  Sinne  ihrer  Zeit,  die  der  Vorzeit  als  flächenhaft  bezeichnen.  D 

Da  die  flächenhaften  Scheiben  vor  1400,  die  ihre  Bilder  in  der  Ebene  der  Wand 
hielten,  die  raumabschließende  Aufgabe  in  der  Kirche  strenger  erfüllen,  als  die 
perspektivisch  entworfenen  Glasbilder  des  15.  Jahrhunderts,  hat  man  die  letzteren 
als  eine Verirrung  und  als  denAnfang  desNiederganges  bezeichnet.  Es  kann  aber 
von  einem  Verfall  der  Glasmalerei  nicht  wohl  die  Rede  sein,  wenn  sie,  statt  still- 
zustehen in  einer  Zeit  des  allgemeinen  Fortschrittes,  an  dem  Aufschwung  der  Ma- 
lerei ihrer  Zeit  mit  allen  Kräften  teilnimmt  und  die  neuen  Errungenschaften  mit 
ihren  Mitteln  zum  Ausdruck  bringt.  D 

Leider  ist  die  spätgotische  Glasmalerei,  abgesehen  von  der  Schweiz  und  dem 
an  herrlichen  Denkmälern  reichen  Elsaß,  von  der  Kunstgeschichte  noch  nicht  ge- 
nügend beachtet  worden.  D 

412 


Abi).    :)J>::     Mf-Miiäkanne    aus 
D       dem  15.  Jahrhundert.       D 


Abb.    :iL';i;     Schlcsischf    Zunft- 
D    kanne,  Zinngut5  um  löOÜ.   D 


Abb.    330:    Gotische    Messing- 
kanne,  Kunstgew.  Mus.  Berlin 

Das  Ziel  der  bildmägigen  Glasmalerei  ist  nicht  mit  einem  Schlag,  sondern  in 
mancherlei  Übergängen  erreicht  worden.  Zunächst  verschwand,  um  1430  ungefähr, 
der  Mosaikhintergrund  mit  seiner  regelmäßigen  Rauten-  und  Rosenmusterung 
[vgl.  Abb.  257],  der  so  wesentlich  zur  Wahrung  des  Flächenstils  beigetragen  hatte. 
Er  wird  verdrängt  von  den  leichteren  Damastmustern,  die  schwarz  gemalt  auf 
rotem  oder  blauem  Glas  wie  ein  Vorhang  hinter  den  figürlichen  Vorgängen  aufge- 
spannt sind.  Der  Damast  wird  gleichmäfiig  hinter  Vorgängen,  die  sich  im  Freien 
und  in  Innenräumen  abspielen,  angebracht.  Er  wird  sogar  als  letzter  Abschlufi  im 
Durchblick  von  Gebäuden  [Dreikönigenfenster  im  Berner  Münster]  und  hinter 
offenen  Baldachinen  | Ulmer  Chorfenster,  Volkamerfenster  in  Nürnberg]  sichtbar. 
Er  bleibt  bis  in  das  16.  Jahrhundert  [Fenster  in  Zabern,  Neuötting,  Oberehnheim] 
die  häufigste  Form  des  Hintergrundes  und  noch  die  Frührenaissance  [Baseler  Wid- 
mannfenster von  1528  im  Kölner  Kunstgewerbemuseum]  hat  die  von  derSpätgotik 
bevorzugten  Granatapfelmuster  übernommen.  □ 

Neben  dem  Damast  erscheint  die  perspektivische  Raumvertiefung,  in  steigen- 
der Vollendung  seit  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts.  Zuerst  werden  die  ein  Bild- 
feld umrahmenden  oder  bekrönenden  Bauformen,  die  schon  das  14.  Jahrhundert 
körperhaft  dargestellt  hatte,  hallenartig  vertieft  und  erweitert  [frühe  Beispiele  in 
Thann im Elsaf^,  vor  1425 ;  Georgskirche  in Schlettstadt  um  1430 ;  Bopparder  Fenster 
im  Kunstgewerbemuseum  Köln;  spätere  Beispiele  im  Berner  Dom,  Dreikönigen- 
fensterj.  Dann  kommen,  wo  die  Darstellung  es  brauclit,  wie  bei  derVerkündigung, 
Geburt  und  Tod  Mariens,  Abendmahl  und  ähnlichem,  umbaute  Zimmer  mit  ihrem 
Hausrat  und  Fenstern  |  Walburg  im  Elsalj;  1461;  Verkündigungscheibe  Kunstge- 
werbemuseum Berlin;  Ulmer  Münster  1480|;  schlief^lich  die  freie  Landschaft  mit 
weiter  Fernsicht  [Kreuzigungsfenster  in  Maria  iinKapitol,  Kunstgewerbemuseum, 

413 


S.Georg  undS.Severin  in  Köln].  Nicht  selten  sind  die  verschiedenenDarstellungs- 
weisen  in  einem  Werke  vereinigt,  wie  bei  den  Riesenfenstern  des  Kölner  Doms 
aus  den  Jahren  1508  und  1509,  oder  am  Volkamerfenster  von  1493  in  der  Lorenz- 
kirche von  Nürnberg.  Hier  entfaltet  sich  der  Jessebaum  auf  Damastgrund,  die  Ge- 
schichten der  Heiligen  Georg  und  Sebastian  spielen  in  offener  Landschaft  mit 
Burgen  im  Hintergrund,  die  Stifter  knien  in  umbauten  Räumen.  D 

Die  Umbildung  der  Bauformen  ist  besonders  in  Süddeutschland  bemerkens- 
wert. Als  Neuerung  erscheinen  erkerartig  gezeichnete  Baldachine,  die  zum  Zweck 
einerwagrechtenFensterteilungüber'mehrereBahnen  oder  über  das  ganze  Fenster 
gelegt  werden.  Die  Fialen,  Giebel,  Bogen  und  das  Magwerk  verbinden  sich  und 
verwachsen  mit  knorrigen  Ästen,  Zweigen  und  Blattwerk  zu  einem  naturalistischen 
Ornament  von  üppigster  Wirkung.  Hauptwerke  dieses  Spätstils  sind  die  Ulmer 
Fenster  von  Hans  Wild  1480  [siehe  die  Tafel],  die  augenscheinlich  von  demselben 
Meister  gezeichneten  sechs  Fenster  der  StragburgerMagdalenenkirche  von  1481  [im 
Jahre  1904  durch  einenBrand  vernichtet]  und  das  damit  eng  verwandte  Volkamer- 
fenster von  1493  in  Nürnberg.  Sie  bedeuten  im  Verein  mit  den  Nordschifffenstern 
des  Kölner  Doms  die  letzten  Grogtaten  der  deutschen  Glasmalerei  des  Mittelalters. 
Für  die  feierliche  Würde  der  großen  Standfiguren  hatte  das  15.  Jahrhundert, 
das  auf  Handlung  und  Bewegung  ausging,  keinen  Sinn  mehr.  Erst  zu  Anfang  des 
16.  Jahi'hunderts  [Kölner  Dom]  kamen  sie  wieder  zu  Ehren.  Die  Spätgotikwandte 
alles  Können  an  die  figurenreichen  erzählenden  Bilder.  Und  je  feiner  sie  diese 
malerisch  durcharbeitete,  um  so  mehr  schrumpfte  die  ornamentale  Umrahmung 
zusammen.  Oft  genug  |in  Walburg,  in  der  Wilhelmskirche  zu  Strasburg]  hat  man 
je  ein  Fensterfach  füllende  Bilder  ohne  Borte  aneinandergefügt,  so  dag  nur  die 
Eisenschienen  sie  scheiden.  Schon  vor  1500  sind  die  Glasmaler  so  weit,  dag  sie 
eine  zusammenhängende  Darstellung  über  die  ganze  Fensterbreite  legen,  unbe- 
kümmert um  die  trennenden  Steinpfeiler.  Sie  entwerfen  über  die  Pfosten  hinweg 
oder  richtiger  dahinter  her,  denn  die  Wirkung  ist  die,  das  der  Vorgang  sich  hinter 
den  Pfeilern,  außerhalb  der  Kirchenwand  abspielt.  D 

Die  hohen  Ansprüche,  die  an  die  Bildmägigkeit  der  Glasgemälde  gestellt  wur- 
den, hatten  zur  Folge,  dag  gelegentlich  für  den  Entwurf,  ungefähr  seit  1500,  nam- 
hafte Maler  herangezogen  wurden.  So  sind  in  Köln  die  spätgotischen  Altenberger 
Scheiben  [im  Kunstgewerbemuseum]  nach  Vorlagen  des  Severinsmeisters  ausge- 
führt und  die  Domfenster  von  1508  und  1509  vom  Sippenmeister  entworfen.  Diese 
Arbeitsteilung,  die  mit  der  Renaissance  auch  auf  anderen  Gebieten  zunimmt,  war 
vorher  im  Kunstgewerbe  —  abgesehen  von  derTeppichwirkerei  —  mit  Sicherheit 
nicht  nachzuweisen.  D 

Der  malerische  Stil  führte  notwendig  zu  einer  gesteigerten  Ausnützung  der 
eigentlichen  Malmittel,  des  Schwarzlots,  des  Silbergelb  und  auch  der  ausgeschlif- 
fenen Doppelgläser.  Und  damit  steht  eine  stark  zunehmende  Verwendung  des 
weigen  Glases  in  Verbindung,  die  am  Niederrhein  wie  in  Frankreich  und  England 
dieFarbenwirkung  erkältend  und  verblassendbeeinflugt.  In  Süddeutschland  weni- 
ger; hier  bleibt  die  Farbigkeit  stark  und  feurig,  nur  die  Ruhe  der  Vorzeit  ist  im 
Schwinden.  D 

414 


M 


AUSSCHNITT  AUS  DEM  ULMER 
FENSTER  VON  HANS  WILD  1480 


Wenn  die  Steigerung  des  malerischen  Vermögens  für  die  Fernwirkung  der 
spätgotischen  Kirclienfenster  nicht  immer  günstig  war,  so  kam  sie  dafür  den  welt- 
lichen Aufgaben  zugute,  die  sich  dem  Auge  aus  der  Nähe  darboten.  Die  Glasmale- 
rei war  schon  im  14.  Jahrhundert,  wenn  nicht  früher,  in  das  Wohnhaus  eingezogen, 
zuerst  wohl  in  die  erkerartigen  Hauskapellen,  wie  in  Köln  noch  eine  mit  kleinen 
Scheiben  aus  der  Zeit  um  1350  erhalten  ist.  Dann  tauchen  auf  niederländischen 
Bildern  der  ersten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  die  ersten  Wappenscheibchen  in 
den  Wohnzimmerfenstern  auf.  Diese  Form  wurde  fortgebildet,  aber  weniger  im 
Norden,  als  im  Süden.  Noch  vor  1500  hatte  die  Schweiz  auf  diesem  Feld  die  erste 
Stelle  errungen,  weil  die  Sitte  der  Scheibenstiftung  nirgendwo  sonst  so  verbreitet 
und  volkstümlich  geworden  war.  D 

Die  gotische  Schweizerscheibe  ist  trotz  ihres  kleinen  Umfangs  noch  in  alter 
Weise  aus  wenigen,  vollgefärbten  Gläsern  mit  kräftiger  Schwarzlotmalerei 
zusammengebleit.  Die  gangbarste  Darstellungsart  war  in  den  Stifterscheiben, 
welche  die  untersten  Felder  groger  Kirchenfenster  füllen,  schon  vorgebildet: 
Schildhalter  mit  den  Wappen  der  Schenker  auf  Damastgrund,  umrahmt  von  einer 
schlichten  Bogenstellung  oder  von  Ästen  und  Ranken  [siehe  die  Tafel].  Zürich, 
Basel,  Bern,  dann  Luzern,  S.  Gallen  und  Freiburg  waren  wohl  die  ersten  Sitze 
dieser  Kunst,  von  wo  sie  sich  über  das  ganze  Land  verbreitete.  Die  meisten  und 
besten  Denkmäler  hat  die  Schweiz  sich  gesichert;  neben  ihren  Sammlungen,  allen 
voran  das  Landesmuseum  in  Zürich,  gewährt  der  Kreuzgang  in  Wettingen  ein  un- 
vergleichliches Bild  der  Entwicklung.  D 

6.  WIRKTEPPICHE,  STICKEREI  UND  GEWEBE  D 

Man  kann  die  Bildwirkerei  Flanderns  und  Brabants  wohl  das  erfolgreichste 
Kunstgewerbe  des  15.  Jahrhunderts  nennen.  Das  ganze  Abendland  war  ihr  tribut- 
pflichtig, denn  kein  Fürstenhof  mochte  der  beweglichen  Wandgemälde  entbehren. 
Die  Wirkerei  wuchs  nicht  nur  an  Ruhm  und  Absatz,  sondern  ebenso  an  techni- 
schem Können  und  künstlerischem  Vermögen.  Den  Wettbewerb  Frankreichs  lieg 
sie  weit  hinter  sich  zurück,  von  Deutschland  nicht  zu  reden,  dessen  anspruchslose 
Arbeiten  schon  besprochen  wurden  [vgl.  Seite  346 1.  Auch  Italien  mußte  der  Über- 
legenheit des  Nordens  sich  beugen.  Alle  die  Teppichwerkstätten,  die  seit  1420 
und  später  am  Hof  der  Gonzaga  in  Mantua  und  der  Este  in  Ferrara,  in  Venedig, 
Urbino,  Siena,  Perugia  und  anderwärts  teils  für  Jahrzehnte,  teils  vorübergehend 
bestanden,  waren  von  niederländischen  Meistern  aus  Arras,  Brügge,  Lille,  Brüssel 
eingerichtet  und  geleitet.  Und  daneben  gingen  die  Aufträge  der  Mediceer  nach 
Arras  und  Brügge,  und  schon  lange  bevor  Peter  von  Aelst  in  Brüssel  die  Rafael- 
teppiche  wirkte,  waren  italienische  Vorlagen  zur  Ausführung  nach  dem  Norden 
geschickt  worden.  □ 

Die  Zerstörung  von  Arras  hielt  den  Aufschwung  nicht  auf;  als  Arras  sank, 
stieg  Brügge  empor  und  dann,  noch  vor  dem  Anbruch  der  Renaissance,  übernahm 
Brüssel  die  Führung.  □ 

Was  die  Bildwirkerei  von  Flandern  und  Brabant  trug  und  hob,  war  die  Blüte 
der  heimischen  Malerei.  Kunst  und  Handwerk  standen  in  engster  Verbindung.  Die 
Zunftordnung  der  Brüsseler  Wirker  bestimmte,  daij  die  Meister  ornamentale  und 

416 


i5-:)*Vuiy*-. 


% 


LUZERNER  WAPPENSCHEIBE,  ENDE  DES  15.  JAHR- 
HUNDERTS •  KUNSTGEWERBEMUSEUM  ZU  BERLIN 


i 


D  Abb.  331:    Wirkteppieh,  Marienlehun,  Brüssel  vor  lödd    Im   Schloß  zu   Madrid  D 

landschaftliche  Zeichnungen  selbst  fertigen  durften,  für  andere  Vorlagen  hatten 
sie  sich  an  die  Maler  von  Beruf  zu  wenden.  Für  alle  figürlichen  Teppiche,  die  weit- 
aus überwiegen,  ist  daher  das  Zusammenarbeiten  von  Maler  und  Wirker  als  Regel 
anzunehmen.  [Eine  Folge  von  Teppichentwürfen  mit  dem  trojanischen  Krieg  aus 
der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  besitzt  derLouvre.J  Trotzdem  vollzog  sich  die  Stil- 
entwicklung der  Bildteppiche  nicht  gleichen  Schrittes  mit  der  Tafelmalerei,  sondern 
viel  zögernder.  Die  übersichtliche  Raumvertiefung,  die  klare  Gruppierung,  das 
Herausarbeiten  des  Wesentlichen  und  das  Unterordnen  des  Beiwerks,  alle  diese 
Errungenschaften  der  Tafelmalerei  haben  die  Wandteppiche  des  15.  Jahrhunderts 
sich  erst  sehr  spät  und  nur  unvollkommen  angeeignet.  Noch  zur  Zeit  Karls  des 
Kühnen  vonBurgund|  1467  bis  1477 1  ist  eine  gedrängte,  überhäufte  Zeichnung,  wel- 
che die  verschiedenen  Vorgänge  nicht  hintereinander,  sondern  übereinander  vor- 
führt, gradezu  kennzeichnend  für  den  Teppichstil.  An  den  Gewändern  tritt  die  far- 
bige Musterung  der  Stoffe  so  auffällig  hervor,  dalj  die  Körperhaftigkeit  der  Figuren 
darunter  leidet  (Beispiele  die  Tei)pichfolgen  mit  Esther  und  Ahasver  im  Dom  von 
Saragossa,  mitderEroberungTrojas  inZamora].  Die  in  wunderbarer  Farbenfrische 
erhaltenen  Teppiche  mit  der  Geschichte  Julius  Cäsars  und  mit  den  gerechten  Rich- 
tern Trajan  und  Herkenbald  im  Berncr  Museum,  die  aus  dem  Besitz  Karls  des 
Kühnen  den  Schweizern  als  Beute  zufielen,  gehören  sicherlich  zu  den  besten  Lcis- 


27  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes 


411 


tungen  ihrer  Zeit.  Ihre  Vorlagen 
gehen  zum  Teil  auf  die  verlorenen 
Wandgemälde  Rogers  von  der 
Weyden  im  Brüsseler  Rathaus 
zurück.  Und  doch  hat  das  Auge 
einige  Mühe,  die  einzelnen  Grup- 
pen und  Vorgänge  voneinander 
zu  lösen  und  durch  die  Überfülle 
der  Einzelheiten  sich  hindurch- 
zufinden.  D 

An  dem  Stand  der  technischen 
Arbeit  lag  das  nicht.  Gegen  Aus- 
gang des  Mittelalters  war  die  Wir- 
kerei der  feinsten  Wiedergabe 
gemalter  Vorlagen  schon  vollauf 
gewachsen,  so  dag  eine  Steige- 
rung nicht  mehr  denkbar  ist.  Aber 
auch  in  den  voUendetstenMeister- 
werken  der  Zeit  um  1500,  reinen 
Malereien  aus  Seide  und  Gold,  wie 
die  spanische  Krone  sie  in  den 
Folgen  mit  David  und  Bathseba 

Abb.  332:  Kasel  aus  dem  Ornat  des  goldenen  Vlieges  in  Wien  oder  mit  dem  Marienleben  [Abb. 

331,  auch  in  Saragossa  vertreten]  besitzt,  ist  der  steile  und  gedrängte  Aufbau  der 
Bilder  noch  nicht  ganz  überwunden.  Wurden  mehrere  Vorgänge  auf  einem  Tep- 
pich vereinigt,  so  suchte  man  durch  den  künstlichen  Notbehelf  gebogener  Säulchen 
die  großen  Flächen  zu  gliedern  [Beispiele  das  Marienleben  in  Madrid,  die  Ilias  in 
Saragossa,  Christus  alsKönig  imBrüsseler  Museum  und  in  derSammlungMorgan]. 
Die  Befreiung  von  dem  letzten  Rest  mittelalterlicher  Befangenheit  brachte  erst 
das  16.  Jahrhundert  und  die  Kunst  Italiens  war  es,  welche  der  niederländischen 
Teppichwirkerei  diesen  Dienst  erwies.  D 

Die  STICKEREI  der  Spätgotik  steht  unter  ähnlichem  Antrieb  wie  die  Glas- 
malerei. Wie  diese  wird  sie  in  ihren  anspruchsvolleren  Werken  beherrscht  von 
dem  Streben  nach  vollkommener  Bildwirkung.  Sie  nimmt  die  Hilfe  der  Maler  in 
Anspruch  und  durch  ihre  stofflichen  und  technischen  Mittel  ist  ihr  die  Möglichkeit 
der  engsten  Annäherung  an  die  Malerei  gegeben.  Wieder  ist  es  Burgund,  das  die 
hervorragendsten  Meisterstücke  der  Nadelmalerei  hervorgebracht  hat.  Die  flan- 
drischen Kirchengewänder  im  Wiener  Hofmuseum,  genannt  der  Ornat  des  Gol- 
denen Vlieges,  sind  unübertroffen  geblieben  in  der  technischen  Nadelarbeit  wie 
in  der  figürlichen  Zeichnung.  Auf  den  Mänteln  und  Dalmatiken  umschließt  ein 
starres,  gradliniges  Netz  goldener  Sechsecke  die  imLasurstich  auf  Goldgrund  und 
im  Plattstich  farbig  gestickten  Figuren,  deren  Vorlagen  mit  gutem  Grund  keinem 
Geringeren  als  Jan  van  Eyck  zugeschrieben  werden  [Abb.  332].  Die  Bildstickerei 
ist  noch  weiter  getrieben  in  sieben  Darstellungen  der  Sakramente  auf  der  breiten 

418 


Borte  eines  Mantels  im  Museum 
von  Bern,  den  einst  JacobvonRo- 
mont  dem  Dom  zu  Lausanne  ver- 
ehrt hatte.  Auch  hier  liegen  Vor- 
zeichnungen einesburgundischen 
Malers  zugrunde.  In  gleichenBah- 
nen  bewegte  sich  die  Kunststicke- 
rei auch  außerhalb  der  Nieder- 
lande. Ein  Kaselkreuz  der  Lam- 
bertskirche in  Düsseldorf  mit  der 
Verkündigung  und  dem  Tempel- 
gang Mariens  mag  als  eins  der 
schönsten  rheinischen  Beispiele 
Erwähnung  finden.  D 

In  der  zweiten  Hälfte  des  15. 
Jahrhunderts  führte  der  Realis- 
mus zur  Übertreibung  der  Relief- 
stickerei. Sie  hatte  schon  früher 
begonnen,  die  architektonische 
Umrahmung  der  Figuren  greifbar 
herauszuarbeiten  [Beispiele  das 
Triptychon  von  Chartres  und  die 

Kasel  CalixtS  III.  in  Valencia]  und  n    Abb.  333:  Kasel  aus  Granatapfelsamt  mit  Kölner  Borte    D 

sie  verstieg  sich  nun  zu  völlig  plastischer  Modellierung  auch  der  Figuren.  Kasel- 
stäbe  mit  der  Kreuzigung  und  Dalmatikenbesätze  von  ausgezeichneter  Arbeit  be- 
wahren der  Dom  in  Minden,  S.  Peter  in  Salzburg,  das  Museum  in  Breslau  und  die 
Stephanskirche  inMainz;  den  Höhepunkt  bedeutet  eine  Kasel  im  Dom  vonKrakau, 
auf  deren  Kreuz  das  Leben  des  heiligen  Stanislaus  in  sieben  perspektivisch  be- 
handelten Reliefbildern  dargestellt  ist.  □ 

Einen  Übergang  von  der  Stickerei  zur  Weberei  bilden  die  als  Besätze  von 
Kirchengewändern  gewirkten  KölnerBorten,  die  im  15.  Jahrhundert  weit  über  die 
deutschen  Grenzen  hinaus  Abnehmer  fanden.  Von  Gold-  oder  Seidengrund  heben 
sich  streng  stilisierte  Ornamente,  Rosen,  Wappen,  Inschriften,  Ranken  und  blü- 
hende Bäumchen  von  bemerkenswerter  Selbständigkeit  der  Erfindung  ab  |vgl. 
Abb.  333 1,  dazu  freistehende  oder  von  Spitzbogen  umrahmte  Heiligenfiguren.  Letz- 
tere sind  in  derRegel  nur  soweit  ausgeführt,  daij  ihre  Vollendung  der  Nadelmalerei 
zufiel.  Die  Kölner  Herkunft  der  Borten  wird  durch  Wappen  und  Namen  von  Be- 
stellern erwiesen  und  ist  auf^erdem  urkundlich  beglaubigt.  D 

Der  SEIDENWEBEREI  Italiens  bringt  die  Spätgotik  zwei  Gaben,  das  Granat- 
apfelmuster nebst  seinen  Verwandten  und  die  reichen  Bindungen  der  schweren 
Brokatstoffe,  bei  welchen  in  zwei  Höhen  geschnittener  Samt.  Atlasbindung  und 
blanker  Goldfaden  zur  prächtigsten  Wirkung  sicli  veroinigon.  D 

Wohl  sind  die  Elemente  des  Granatapfelmusters  in  sarazenischen  Seidenstoffen 
des  14.  Jahrhunderts  vorgebildet  und  von  dortlier  entnommen.  Aber  die  wesent- 


27* 


419 


liehe  Eigensehaft,  die  das  fertige 
Muster  von  der  ungebundenen, 

freien  Weberornamentik  des 
14.  Jahrhunderts  am  schärfsten 
unterscheidet,  die  feste  grogzü- 
gige Flächengliederung  durch  die 
Spitzovalfelder  und  durch  die  in 
Wellenlinien  aufsteigenden  Äste, 
die  ist  ein  echter  Ausdruck  abend- 
ländischen, am  Magwerk  geschul- 
ten Geistes.  Die  einfachste  Form 
zeigt  den  Granatapfel  frei  in  blatt- 
förmigen gotischen  Umrahmun- 
gen liegend,  die  untereinander 
verbunden  sind  [Abb.  333].  Da- 
ran reihen  sich  in  hundertfältigem 
Wechsel  blühende  Spielarten,  die 
ebenso  oft  in  wohlerhaltenen  Stof- 
fen [einige  der  prachtvollstenBei- 
spiele  aus  der  Burgunder  Beute 
im  Berner  Museum],  wie  in  Ge- 
mälden überliefert  sind.  Die  aus- 
gesprochen gotische  Form  ent- 
stand im  Anfang  des  15.  Jahrhun- 
derts, ein  datiertes  Gewebe  mit 
dem  ausgereiften  Muster  ist  der 
italienische  Seidendamast  des  Zü- 

Abb.  334:    Willkomm   aus    Dreihausener   Steinzeug,   Anfang     richer  BaUUerS  VOU  1437  [LaudcS- 
D  15.  Jahrhundert.    Museum  Kassel  D    museum  Zürich].  IH 

7.  DIE  TÖPFERKUNST  UND  DAS  HOHLGLAS  D 

Die  mittelalterliche  Töpferei  des  christlichen  Abendlandes  hat  gleich  manchen 
anderen  Gewerben  den  ersten  Ansporn  zu  künstlerischer  Betätigung  durch  den 
Bedarf  des  Kirchenbaues  empfangen.  In  romanischer  Zeit,  als  die  Gefägtöpferei, 
deren  der  Gottesdienst  nicht  bedurfte,  tiefer  stand  als  im  frühesten  Mittelalter, 
das  noch  von  spätrömischer  Überlieferung  zehren  konnte,  wurden  in  Nordfrank- 
reich und  England  in  den  Klöstern  der  Cistercienser  bereits  Tonfliesen  für  den 
Fugbodenbelag  mit  kunstvollen  ornamentalen,  heraldischen  und  figürlichen 
Mustern  hergestellt.  In  den  weichen  Ton  eingepreßt,  mit  weiger  Pfeifenerde  aus- 
gefüllt und  mit  gelber  Bleiglasur  überdeckt,  heben  sich  die  Zeichnungen  hell  von 
rotbraunem  Grund  ab.  Mit  den  Fliesen  von  S.  Omer  in  der  Normandie  und  aus 
der  Chertsey- Abtei  [Britisches  Museum  |,  auf  denen  neben  feinem  Rankenwerk 
Tiere,  Ritter  und  Bilder  aus  der  Geschichte  Tristans  und  Isoldens  dargestellt  sind, 
erreicht  diese  Kunst  noch  im  13.  Jahrhundert  ihre  Höhe.  Sie  wurde  weiterhin,  am 
ausgiebigsten  im  burgundischen  Machtbereich,  als  bürgerliches  Gewerbe  betrie- 

420 


ben.  Auch  in  Deutschland  sind  die 
gepreßten  Fliesen  weit  verbrei- 
tet, am  häufigsten  im  Rheinland; 
hier  überwiegen  aber  noch  wäh- 
rend der  Frühgotik  die  unglasier- 
ten Platten  mit  vertiefter  oder  in 
Flachrelief  gehaltener  Zeichnung. 
Nur  in  der  Schweiz  [spätromani- 
sche Backsteine  aus  dem  Kloster 
S.  Urban  bei  ZofingenJ  hat  man 
die  Flachreliefpressung  von  den 
Fliesen  auch  auf  andere  Bau- 
teile, wie  Fensterumrahmungen 
und  Gesimse,  mit  Geschick  über- 
tragen. D 

Zur  Zeit  der  Gotik  steigt  die 
Of  enhaf  nerei,  ein  auf  das  deutsche 
Sprachbereich  begrenzter  Zweig 
der  Töpferei,  zum  Kunstgewerbe 
empor,  indem  sie  die  Kacheln  mit 
grüner  Bleiglasur  und  mit  Relief- 
schmuck versieht.  Ofenkacheln 
des  14,  Jahrhunderts  sind  in  der 
Schweiz,  am  Rhein  und  auch  in 
Österreich  zutage  gekommen.  Die 
Spätgotik  schuf  die  Ofenform,  die 
für  die  Folge  maßgebend  blieb, 
einen  vierseitigen  Unterbau  mit 
kleinerem,  turmartigem  Aufsatz. 
Das  Meisterstück  der  gotischen 
Hafnerei  ist  der  aus  mehrfarbig  glasierten,  ornamentalen  und  bilderreichen  Relief- 
kacheln aufgebaute  Salzburger  Ofen  von  1501.  □ 

Die  Gefäßtöpferei  hat  zwar  seit  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts  farbige  Blei- 
glasuren verwendet  |  Beispiele  im  Britischen  Museum  und  im  Cluny],  ist  aber  dies- 
seits der  Alpen  doch  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters  auf  niedriger  Stufe  stehen 
geblieben.  Anders  in  Spanien,  wo  die  hochstehende  muslimische  Töpferkunst  auch 
unter  christlicher  Herrschaft  weiterging,  und  inItalien,  wo  spanischerEinfluß  eine 
schnellere  Entwicklung  anbahnte.  Die  spanische  Majolika  und  die  Anfänge  der 
italienischen  sollen  indessen  hier  noch  nicht  besprochen  werden;  sie  bleiben  der 
zusammenhängenden  Darstellung  in  späteren  Abschnitten  vorbehalten.  Das  gilt 
auch  für  das  deutsche  Steinzeug,  dessen  Kunstgeschiclite  erst  mit  dem  16.  Jahr- 
hundert beginnt.  Nur  eine  Gattung  hebt  sich  schon  ein  Jahrlunuiert  frülier  über 
die  Maße  der  einfachsten  Gebrauchsgeschirre  durch  bewußte  Kunstforin  und  ver- 
edelte Arbeit  hoch  empor,  das  gotische  Steiir/.eug  von  Dreihausen  in  Hessen.    Es 

421 


Abb.  335:  Dreihausener  Steinzeugpokal.     I.  Hälfte  15.  Jahr- 
D  hundert.     Museum  Kopenhagen  □ 


sind  davon  nur  wenig  Stücke  bekannt,  im  Dom  zu  Limburg,  in  den  Museen  von 
Kassel  und  Kopenhagen  und  der  Sammlung  Figdor,  die  alle  einer  Werkstatt  der 
ersten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  angehören  [Abb.  334  und  335].  Diese  seltenen 
Gefäße  aus  dunkler,  steinhart  gebrannter  Masse  mit  eigentümlich  violettbrauner 
Färbung,  die  auch  an  den  späteren  Dreihausener  Ringelkrügen  der  Renaissance 
noch  wiederkehrt,  haben  durch  dicht  nebeneinander  eingedrückte  Stempel  eine 
schachbrettartige  Flächenmusterung  erhalten,  eine  Verzierung,  in  der  offenbar 
noch  frühmittelalterliche  Erinnerungen  nachleben.  D 

Wie  stark  imMittelalter  die  kirchlichen  Ansprüche  auf  dasBlühenundGedeihen 
eines  Gewerbes  einwirkten,  kann  man  besonders  deutlich  an  der  auffälligen  Un- 
gleichheit in  der  Entwicklung  der  Glasmalerei  und  des  HOHLGLASES  sehen.  Das 
letztere  scheint  im  Abendland,  ganz  im  Gegensatz  zum  muslimischen  Orient,  vor 
dem  Ausgang  des  Mittelalters  zu  erheblichen  Kunstleistungen  kaum  emporge- 
stiegen zu  sein,  obwohl  der  Bedarf  der  Glasmalerei  allerwärts  Glashütten  genug 
im  Betrieb  erhielt.  Über  die  Glasbläserei  von  Venedig  berichten  seit  dem  13.  Jahr- 
hundert viele  urkundliche  Quellen.  Aber  weder  aus  Murano  noch  aus  den  Ländern 
nördlich  der  Alpen  sind  vor  das  15.  Jahrhundert  nachweislich  zurückreichende 
Glasgefäge  in  ausreichender  Menge  erhalten,  um  ein  anschauliches  Bild  von  dem 
Stand  des  Gewerbes  zu  gewähren.  D 

In  Venedig  treten  die  für  die  Blütezeit  kennzeichnenden  Zierkünste  derFaden- 
muster,  der  Schmelzmalerei,  Vergoldung  und  Hinterglasmalerei  erst  mit  der  Früh- 
renaissance in  die  Erscheinung;  die  Gotik  suchte  noch  durch  kräftige  Formen  und 
auch  durch  farbige  Massen  zu  wirken.  Unter  den  ausgesprochen  gotischen  Vene- 
zianer Glasgefäßen  ist  wohl  das  bedeutendste  Stück  eine  Kanne  im  Besitz  des 
Fürsten  Salm  auf  Schloß  Dyck,  mit  einer  Silberfassung  aus  der  Mitte  des  15.  Jahr- 
hunderts versehen.  Das  Glas  ist  gelb,  blau,  grün  und  braun  gewölkt  von  geringer 
Durchsichtigkeit.  Die  Form  ähnelt  den  gleichzeitigen  Messingkannen,  nur  sind 
Fuß,  Bauch  und  Deckel  durch  senkrechte  Rippen  belebt,  die  auch  sonst  auf  Vene- 
zianer Kelchgläsern  des  15.  Jahrhunderts  vorkommen.  Im  Norden  geben  zuerst 
niederländische  Gemälde,  von  Dirk  Bouts  und  anderen,  über  die  spätgotischen 
Hohlgläser  Aufschluß.  Man  sieht  ziemlich  kunstlos  gestaltete  Becher  und  Schalen 
aus  grünem  Glas,  in  der  Regel  mit  spitzen  Noppen  besetzt.  Wie  viel  von  solchen 
Gefäßen  in  unseren  Sammlungen  wirklich  noch  dem  Mittelalter  angehört,  ist 
schwer  zu  entscheiden,  denn  für  die  nördliche  Glasmacherei  brachte  das  erste 
Auftreten  der  Renaissance  keinen  so  durchgreifenden  Stilwechsel  oder  Fortschritt 
wie  für  Venedig.  Das  trifft  auch  für  Spanien  zu.  Die  dem  spanischen  Hohlglas  des 
16.  Jahrhunderts  und  der  Folgezeit  eigentümlichen  Formen  sind  schon  im  15.  Jahr- 
hundert nachzuweisen.  Die  Kannen  mit  Kegelbauch,  gewellter  Halskrause  und 
weit  abstehendem,  dünn  zugespitztem  Ausgußrohr  sind  bereits  1475  auf  einem 
Bild  des  Pedro  de  Cordoba,  der  Verkündigung  in  der  Moschee  daselbst,  dargestellt. 
Ähnliche  Formen  kennt  auch  das  persische  Glas;  man  sieht  daraus,  daß  das  spa- 
nische Hühlglas  nicht  aus  Venedig,  sondern  aus  dem  muslimischen  Gewerbe  des 
Landes  sich  ableitet.  Otto  v.  Falke 


422 


DAS  KUNSTGEWERBE 
IN  DER  RENAISSANCE 


I 


KAPITEL  XII  ♦  DAS  KUNSTGEWERBE  DER  RE- 
NAISSANCE IN  ITALIEN  D 

In  dem  Begriff  RENAISSANCE  verbinden  sich  Vorstellungen  bestimmter 
künstlerischer  Formenkomplexe  mit  Eindrücken,  die  nachdrücklich  auf  die  aus- 
geprägte Sonderart  menschlicher  Charaktere,  Existenzen  und  Lebensformen  hin- 
weisen. Zwar  wird  die  Betrachtung  eines  jeden  ausgeprägten  Stils  Vorstellungen 
vermitteln,  die  über  das  rein  Künstlerische  herausgehend  auf  die  Kultur  der  be- 
treffenden Epoche,  auf  das  Sein  undWollen  der  betreffenden  Menschen  schließen 
lassen;  aberman  darf  wohl  sagen,  dag  dies  für  dieitalienischeRenaissance  in  einem 
besonders  gesteigerten  Sinn  gilt.  Deshalb  soll  auch  hier,  wo  es  sich  darum  han- 
delt, auf  kurzem  Raum  einen  Überblick  über  das  kunstgewerbliche  Schaffen  zu 
geben,  wenigstens  daran  erinnert  werden,  dag  die  italienische  Renaissance  nicht 
nur  in  der  Geschichte  der  Kunst,  sondern  in  der  Geschichte  der  Menschheit  eine 
epochale  Bedeutung  hat.  Diese  allgemein-geschichtliche  Bedeutung  der  Renais- 
sance sieht  man  vornehmlich  in  der  Befreiung  des  Individuums,  —  in  einem  sieg- 
haften Durchbrechen  des  individuellen  Wollens  und  Könnens,  wie  es  dem  Mittel- 
alter fremd  war.  Dies  äußert  sich  auf  den  verschiedensten  Gebieten,  wie  in  der 
bildenden  Kunst,  so  auch  im  Kunstgewerbe.  G 

Der  Individualismus  der  italienischenRenaissance,  dem  in  der  darstellerischen 
Kunst  ein  unendlich  differenzierter  Wirklichkeitssinn  entspricht,  kommt  auf  dem 
Gebiet  der  kunstgewerblichen  Tätigkeit  zunächst  in  mittelbarer  Weise  zum  Aus- 
druck: indem  nämlich  das  neuzeitliche  Studium  der  Natur  und  des  Menschen, 
das  bald  zu  einer  ungeheuren  Vergrößerung  der  Darstellungsstoffe  führte,  auf 
dem  Wege  der  Dekoration  und  Ornamentik  in  das  Kunstgewerbe  eindringt  und 
diesem  zugute  kommt.  Dag  dieser  Prozeg  sich  so  rasch  und  durchgreifend  voll- 
zog, erklärt  sich  daraus,  dag  in  der  italienischen  Renaissancekunst  von  vorn- 
herein dekorative  Zwecke  und  Absichten  eine  grogeRolle  spielten  und  dag  gerade 
unter  den  führenden  Künstlern  eine  groge  Reihe  unmittelbar  für  das  Kunstgewerbe 
tätig  waren.  Das  Entscheidende  liegt  hierbei  aber  weniger  darin,  dag  groge 
Meister  hier  oft  als  entwerfende  Künstler  auf  das  kunstgewerbliche  Gebiet  über- 
griffen, dagdieVerbreitung  vonVorlagen  durch  den  Ornamentstich  die  Produktion 
beeinflußte,  sondern  in  einem  unmittelbaren  Zusammenhang  der  'großen  Kunst' 
mit  derPraxis  und  denTechniken  des  Kunstgewerbes.  So  haben  wir  die  Majoliken 
der  Robbia,  die  Bronzen  der  Donatelloschüler,  die  bemalten  Truhenbretter  eines 
Pesellino,  Botticelli,  Piero  di  Cosimo;  ganze  Gruppen  der  größten  F'lorentiner 
Maler  und  Bildhauer  waren  aus  den  Werkstätten  der  Goldschmiede  hervorge- 
gangen und  Zeit  ihres  Lebens  als  Goldschmiede  tätig;  eines  der  wichtigsten  Pro- 
bleme der  Renaissancekunst,  die  Perspektive,  wargleichsameineSpczialität  der  — 
Intarsiatoren!  Daß  hier  die  größten  Architekten,  Maler  und  Bildhauer  unter  ihren 
Hauptwerken  Arbeiten  zählen,  die  man  hout  als  Aufgaben  der  'Innendekoration' 
zu  einer  Spezialkunst  gemacht  hat.  drängt  sich  schon  bei  der  cM-stcnBokaimtschaft 
mit  der  italienischen  Renaissancekunst  auf.  Werke  eines  DonateUo.  Mantegna, 
Rafael  wären  hier  zu  nennen.  Dag  hier  auch  die  kurzlobigon  Aufgaben  der  F'est- 

425 


dekoration  auf  Stragen,  Plätzen  undGärten  in  dieTätigkeit  groger  Künstler  fielen, 
sei  in  diesem  Zusammenhang  wenigstens  erwähnt.  D 

Dieser  unmittelbare  ZUSAMMENHANG  des  Kunstgewerbes  und  der  Deko- 
ration mit  der  'GROSSEN  KUNST',  wie  er  bei  gleicherintensität  derindividuellen, 
künstlerischen  Schöpferkraft  wohl  ohnegleichen  steht,  gibt  dem  italienischen 
Kunsthandwerk  der  Renaissance  etwas  Hochgespanntes,  Anspruchsvolles,  welches 
dem  gesteigerten  Lebensgefühl  jener  Epoche  wohl  entsprochen  hat.  Und  es  ist 
grade  dieser  Zusammenhang  des  Kunstgewerbes  mit  der  Lebensart,  Lebens- 
führung, Lebensanschauung  der  Menschen  jener  Zeit,  der  den  kunstgewerb- 
lichen Erzeugnissen  der  italienischen  Renaissance  Mhre  originale  Daseinskraft 
gibt,  während  eine  äußerliche  Nachahmung  ihres  Stils  unter  anderen  Voraus- 
setzungen, unter  anderen  Kultur-  und  Produktionsbedingungen  ohne  weiteres 
bedenklich  erscheinen  wird.  Denn  wenn  mit  dem  Beginn  der  Renaissance  die 
kunstgewerbhche  Arbeit  in  Italien  so  bewußt  in  die  Sphäre  des  individuellen, 
künstlerischen  Wollens  tritt,  so  liegt  dies  nicht  etwa  in  einer  Veränderung  der 
Organisation  der  künstlerischen  und  gewerblichen  Arbeitsweise  —  das  Zunft- 
wesen z.  B.  war  wenigstens  bis  zur  Hochrenaissance  dasselbe  geblieben,  wie  im 
Mittelalter  — ,  sondern  darin,  daß  mit  der  Steigerung  des  Künstlerbewußtseins 
eine  denkbar  hohe  Steigerung  der  künstlerischen  Interessen  und  Ansprüche  des 
Publikums  Schritt  hielt.  Eine  Autobiographie,  wie  die  des  Benvenuto  Cellini,  hätte 
gewiß  kein  deutscher  oder  französischer  Künstler  oder  Handwerker  schreiben 
können;  aber  nirgends  auch  sind  selbst  in  Erzeugnissen  bescheidener,  handwerk- 
licher Manufakturen  Beziehungen  PERSÖNLICHER  ART  so  häufig,  so  konstant 
anzutreffen,  wie  im  italienischen  Kunstgewerbe  der  Renaissance.  Immer  und 
wieder  findet  man  Beziehungen  zu  der  Persönlichkeit  eines  Bestellers  oder  Be- 
ziehungen zu  bestimmten  Ereignissen  des  Lebens,  wie  Verlobung,  Hochzeit,  Ge- 
burt. So  drückt  sich  hier  in  den  großen  Aufgaben  der  Innendekoration  nicht  anders 
als  in  dem  Mobiliar  und  Gerät  eben  jener  'Kultus  der  Persönlichkeit'  aus,  der  auch 
sonst  die  Kultur  der  Renaissance,  die  politische  und  gesellschaftliche  Geschichte 
Italiens  so  entscheidend  bestimmt,  undmancheDinge,  wie  das  Aufkommen  und  die 
Blüte  der  Medaille,  erscheinen  ganz  unmittelbar  als  eineÄußerung  dieses  Geistes. 

Man  mag  es  allerdings  als  selbstverständlich  hinnehmen.,  daß,  wenn  ein  Volk 
in  der  Blüte  seiner  wirtschaftlichen  und  geistigen  Kultur  steht.  —  daß  dann  die 
künstlerische  Ausgestaltung  alles  dessen,  was  zum  öffentlichen  und  privaten 
Leben  gehört,  ganz  allgemein  zu  beobachten  ist,  und  es  mag  ausdrücklich  daran 
erinnert  sein,  daß  auch  in  den  Ländern  nördlich  der  Alpen,  vor  allem  in  Frank- 
reich und  Burgund,  in  den  Zeiten  der  Gotik,  eine  künstlerische  Kultur  bestan- 
den hat,  von  deren  Feinheit  man  sich  kaum  eine  genügend  große  Vorstellung 
machen  kann,  und  die  bis  zum  Beginn  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  die  künst- 
lerische Kultur  in  Italien  nicht  nur  übertroffen,  sondern  entschieden  auch  beeinflußt 
hat.  Man  darf  ohne  weiteres  annehmen,  daß  ein  vornehmer  spätgotischer  Innen- 
raum etwa  in  einem  französischen  Schlosse  nicht  nur  in  dem  Raffinement  der 
künstlerischen  Durchführung,  sondern  auch  in  dem  ihm  eigenen  Komfort  einen 
gleichzeitigen  italienischen  Frührenaissanceraum  übertroffen  hat.  Aber  nun  stelle 
426 


man  demgegenüber  —  um  gleich  ein  Beispiel  aus  dem  ersten  Stadium  der  Renais- 
sance zu  nennen  —  einen  Innenraum,  wie  die  alte  Sakristei  von  San  Lorenzo  in 
Florenz  [Abb.  337].  Hier  hat  eine  eminente  Persönlichkeit  —  Donatello  —  die  ge- 
samte Innenausstattung  des  Raumes  nach  seiner  Weise  gestaltet,  bis  auf  die 
Türen,  den  Schmuck  derDecke,  die  Schranken  an  der  Seite,  den  Tisch  in  der  Mitte. 
Dies  ist  der  grundsätzliche  Unterschied  gegenüber  der  freilich  außerordentlich 
stilvollen,  aber  ihrem  Wesen  nach  unpersönlichen  Zusammenarbeit,  die  den  Ein- 
druck eines  nordisch-gotischen  Innenraums  bestimmt,  und  etwas  ungemein  be- 
zeichnendes für  die  subjektive  Art,  die  die  künstlerischeninteressen  in  dieserZeit 
in  Italien  annehmen.  Dieselbe  eigentümliche  Bewußtheit,  dieselbe  an  die  PER- 
SÖNLICHKEIT geknüpfte,  oft  geradezu  gedankliche  KLARHEIT,  mit  der  die 
italienische  Kunst  der  Renaissance  auch  sonst  ihre  Interessen  und  Absichten  ver- 
folgt, bestimmt  auch  den  Charakter  und  die  Entwicklung  des  italienischen  Kunst- 
gewerbes dieser  Zeit.  D 

Für  den  Künstler  wird  der  Unterschied  italienischer  und  nordisch-gotischer 
Kunst  vor  allem  auf  der  Seite  der  Formengebung  liegen,  und  auch  der  unschein- 
barste Gegenstand  wird  ihm  oft  zeigen,  daß  es  sich  hier  nichtnur  um  verschiedene 
Arten  und  Nuancen  der  Formengebung  handelt,  sondern  um  einen  Gegensatz  der 
künstlerischen  Empfindungsweise  von  so  tiefgehender  Bedeutung,  daß  ihm  not- 
wendig auch  eine  grundverschiedeneAnschauungsweise,  ein  grundverschiedenes 
Verhältnis  zur  Welt  und  zu  den  Dingen  zugrunde  liegen  muß.  Ein  Urteil  über  das 
Formengefühl  der  italienischen  Renaissance  ist  aber  undenkbar  ohne  eine  Beur- 
teilung des  Verhältnisses  dieser  Kunst  zur  ANTIKE.  □ 

Die  ursprüngliche  Bedeutung  des  Wortes  Renaissance  [WIEDERGEBURT]  für 
einen  künstlerischen  Stil  wollte  in  erster  Linie  auf  das  für  die  betreffende  Kunst 
charakteristische  Wiederaufleben  Antiker  Formen  hinweisen.  Und  wenn  heute 
dieses  Wort  als  Bezeichnung  für  eine  der  größten  Epochen  der  Menschheitsge- 
schichte mit  Recht  in  einem  allgemeineren  Sinne  genommen  wird,  so  wird  das 
Wort  als  Bezeichnung  für  einen  bestimmten  Stil  nur  dann  eine  klare,  praktisch- 
terminologische Bedeutung  haben,  wenn  man  es  in  jenem  ursprünglichen  Sinne 
nimmt  als  Bezeichnung  der  mit  dem  Anfang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  ein- 
setzenden Epoche  der  italienischen  Kunst,  deren  Gestalten  wesentlich  durch  das 
Studium  und  Verarbeiten  antiker  Formen  bestimmt  wurde.  In  der  Tat  wird  jeder 
Laie  die  Verwendung  eines  gewissen  antiken  Formenapparates  als  das  faßlichste 
Kriterium  einer  jeden  Renaissancearbeit  ansehen.  Aber  es  ist  grundfalsch,  wenn 
man  meint,  daß  es  sich  bei  der  Renaissance  nur  um  ein  'äußerliches  Nachahmen' 
antikerFormen  undTypen  handelt.  Wäre  dies  derFall,  so  hätte  dieseKunst  gewiß 
nicht  das  künstlerische  Denken  und  FJmpfinden  eines  halben  Jahrtausends  be- 
stimmt, und  niemand  würde  es  der  Mühe  für  Wert  halten,  sich  mit  ihr  zu  beschäf- 
tigen. Das  italienische  Kunstgewerbe  ist  trotz  aller  bewußten  Anlehnung  an  antike 
Vorbilder  eine  durchaus  SCHÖPFERISCHE  und  ORIGINELLE  ÄUSSERUNG  des 
künstlerischen  Genius  dieses  Volkes.  D 

Um  diesen  scheinbaren  Gegensatz  zu  begreifen,  muß  man  sich  vor  allem  ver- 
gegenwärtigen,  daß   dem  Kunstem[ifindcn   der  italienischen  Renaissance  eine 

427 


D  Abb.  337:  Alte  Sakristei  in  San  Lorenzo,  Florenz.   Innenansicht  O 

ÄSTHETISCHE  GRUNDSTIMMUNG  innewohnt,  die  eine  weitgehende  innere  Ver- 
wandtschaft hat  mit  dem  Kunstempfinden  der  antiken  Mittelmeervölker  in  ihrer 
klassischen  Zeit.  Diese  Wesensverwandtschaft  beruht  darauf,  dag  im  Mittelpunkt 
des  künstlerischen  Gestaltens  hier  und  dort  das  Interesse  für  die  PLASTISCHE 
FORM  steht,  wie  sie  als  klares  körperhaftes  Gebilde  sich  heraushebt  aus  der  Fülle 
der  Erscheinungen,  und  als  fest  umgrenzte  Einzelerscheinung  der  Unendlichkeit 
des  Raumes,  der  unendlichen  Vielheit  der  Dinge  mit  all  ihren  unerschöpflichen 
wechselnden  Beziehungen  gegenübersteht.  So  entwickelt  sich  hier  ein  enorm  ge- 
steigertes Interesse  für  die  Stabilität  der  Erscheinung,  für  den  ERSCHEINUNGS- 
WERT des  Objektes  in  diesem  plastischen  Sinne,  wie  er  sich  ähnlich  auch  noch 
heutigen  Tages  in  dem  Auftreten  des  Südländers,  in  seinem  sicheren  Gefühl  für 
Haltung,  Geste,  Pose  dokumentiert.  Aus  diesem  Interesse  für  die  plastisch-körper- 
hafte, stabile  Erscheinung  des  Obj  ektes  erhalten  vor  allem  die  Begrenzungsflächen, 
die  seine  körperhafte  Erscheinung  bestimmen,  eine  Bedeutung,  die  in  direktem 
Gegensatz  steht  zu  der  flächenauflösenden  Tendenz  der  Gotik.  Im  Gegensatz  zur 
Gotik  beruht  also  die  Tektonik  der  italienischen  Renaissance  vor  allem  auf  der 
WIRKUNG  der  FLÄCHEN  und  KONTUREN,  die  von  vornherein  die  Tendenz  er- 
halten, die  Erscheinung  des  Objekts  in  diesem  plastisch-körperlichen  Sinne  zu  be- 
stimmen, seine  Form  möglichst  klar  und  faßlich  festzulegen.  Daher  auch  ein  be- 
wußtes Streben  nach  möglichst  bestimmter  räumlicher  Orientierung  des  Objektes, 

428 


D  Abb.  338:  Sakristei  in  Santo  Spirito,  Florenz.  Innenansicht 

nach  möglichster  Bestimmtheit  in  der  Art  seines  Stehens  oder  Sichlagerns.  [Geo- 
metrische Einfachheit  des  Grundrisses.]  In  diesem  Sinne  erhalten  hier  dieFlächen, 
Formen  und  Linien  eine  besondere  funktionelle  Bedeutung,  die  notwendig  eine 
Individualisierung  und  Kontrastierung  der  Teile  zur  Folge  hatte,  wie  sie  der  Gotik 
fremd  war:  das  Herausarbeiten  der  'Gelenke',  der  Ausgleich  der  horizontalen  und 
vertikalen  Tendenzen.  Hier  die  Säule  —  mit  ihren  klaren  Einzelteilen  —  gegen 
das  Gebälk  gestellt;  dort  —  in  dem  gotischen  System  —  das  Ineinanderweben  der 
Teile,  im  Aufbau  die  überwiegende  Vertikaltendenz,  in  der  Flächenfüllung  die 
Richtungslosigkeit.  Eine  weitere  Konsequenz  der  plastischen  Grundempfindung 
und  ihres  Strebens  nach  sicherer  Statik,  welches  die  Tektonik  der  italienischen 
Renaissance  mit  der  klassischen  Antike  teilt,  ist  schlieljlich  die  Symmetrie.  D 
Wer  das  Wesentliche  eines  Stils  nicht  in  diesem  oder  jenem  ornamentalen 
Detail  sucht,  sondern  in  einer  bestimmten  Konstitution  des  künstlerischen  Emp- 
findens, wird  es  ohne  weiteres  verstehen,  daf^  die  italienische  Renaissance  in 
einem  anderen  Verhältnis  zur  Antike  stand,  als  in  dem  des  Kopisten  oder  Imi- 
tators. Es  handelt  sich  hier  vielmehr  um  selbständige  Aufierungen  einer  ver- 
wandten künstlerischen  Gesinninig,  und  es  ist  selbstverständlich,  dafi  verwandte 
Probleme  zu  verwandten  Lösungen  führen  und  dat-^  andererseits  eine  Kunst  von 
dem,  was  ihr  adäquat  ist,  sich  nicht  nur  beeinflussen  lassen  darf,  sondern  not- 
wendig von  ihm  beeinflufit  werden  muf^,        etwa  wie  die  modernen  Künste  in 

429 


einem  bestimmten  Stadium  ilirer  Entwicklung  von  der  ostasiatischen  Kunst  be- 
einflußt wurden.  Im  übrigen  ist  zu  beachten,  dag  ein  Streben  nach  etwas  absolut 
Neuem  und  Originellem  jenerZeit  durchaus  nicht  —  auf  keinem  Gebiete  geistigen 
Schaffens  —  als  ein  Postulat  schöpferischer  Kraft  galt,  wie  heutzutage.  Ein  Auf- 
nehmen und  Verarbeiten  älterer,  bekannter  Formen  galt  keineswegs  als  degra- 
dierend, und  kein  Künstler  oder  Handwerker  der  Renaissance  hätte  es  überhaupt 
verstanden,  wenn  man  ihm  eine  Nachahmung  der  Antike  als  Vorwurf  nachgesagt 
hätte.  D 

Aber  was  konnte  denn  tatsächlich  ein  Künstler  oder  Handwerker  der  Renais- 
sance aus  einem  antiken  Vorbild  'kopieren'?  Es  liegt  hier  im  Kunsthandwerk 
nicht  anders,  als  in  der  Architektur.  Wie  für  die  wichtigsten  Aufgaben  der  Re- 
naissancearchitektur, die  Kirche  und  das  Haus  [Palast  und  Villa],  die  antiken  Bau- 
reste niemals  ein  unmittelbares  Vorbild  boten,  so  mußten  auch  die  Möbel  und  das 
Gerät  der  Zeit  aus  dem  Bedürfnis  heraus  gestaltet  und  erfunden  werden.  Daß 
gelegentlich  ein  Prachtgerät  unmittelbar  nach  einem  berühmten  antiken  Vorbild 
gearbeitet  wurde,  hat  demgegenüber  kaum  etwas  zu  bedeuten,  und  ist  mehr  für 
die  Liebhabereien  der  Zeit  als  für  ihr  Gestaltungsvermögen  charakteristisch.  Daß 
man  freilich  die  antiken  Vorbilder  studierte  und  aus  ihrem  Studium  für  jede  Auf- 
gabe lernte,  ist  nach  dem  Gesagten  selbstverständlich.  In  diesem  Sinne  ist  es  zu 
verstehen,  wenn  man  sagt,  daß  die  italienische  Renaissance  auf  der  Antike  beruht. 

Ähnlich  wie  bei  Aufbau  und  Tektonik  liegt  das  Verhältnis  zur  Antike  auch  bei 
einer  Betrachtung  der  Renaissance-DEKORATION  und  -ORNAMENTIK.  Gewiß 
waren  viele  Motive  zumal  aus  der  antiken  Monumentaldekoration  ohne  weiteres 
übernommen  worden;  viele  auch  waren  als  antikes  Erbteil  während  des  ganzen 
Mittelalters  in  Übung  geblieben  und  andere  wenigstens  seit  dem  zwölften  Jahr- 
hundert schon  wieder  in  Aufnahme  gekommen.  So  zahlreich  aber  der  antike 
Motivenschatz  in  der  Ornamentik  und  Dekoration  der  Renaissance  ist,  so  zeigt 
diese  Kunst  doch  auch  hier  immer  und  wieder  ihre  schöpferische  Kraft.  Zu- 
nächst sind  unmittelbar  naturalische  Motive  in  der  Renaissancedekoration  durch- 
aus häufig  anzutreffen  [vgl.  die  Türumrahmungen  Ghibertis].  Aber  das  verfeinerte 
Naturgefühl  und  das  intensive  Naturstudium  gibt  auch  den  übernommenen  Formen, 
wie  der  Ranke,  dem  Fruchtkranz  usw.,  wenigstens  in  guten  Arbeiten  ein  neues 
eigenes  Leben.  Das  gleiche  gilt  auch  für  die  figuralen  Dekorationsmotive,  ob- 
wohl die  große  Vorliebe  für  sie  unmittelbar  aus  der  Antike  übernommen  war.  Im 
übrigen  wechseln  natürlich  strengere  klassizistische  Neigungen  mit  freieren 
Bildungen,  je  nach  der  Art  der  einzelnen  Schulen,  Meister  und  Werkstätten; 
und  wenn  diese  Zeit  immer  wieder  auf  die  Antike  zurückgriff,  wenn  z.  B.  in  Rom 
um  das  Jahr  1500  die  antike  Groteskendekoration  neu  entdeckt  wird,  so  hat 
dies  immer  wieder  die  Folge,  daß  auf  ihrer  Grundlage  —  neue  Formen  geschaffen 
werden.  D 

Zeigt  sich  die  schöpferische  Selbständigkeit  der  italienischen  Renaissance 
nicht  nur  in  der  lebendigen  Durchführung  und  Behandlung,  sondern  auch  in  der 
phantasievollen  Erfindung  und  Kombination  der  Dekorationsmotive,  so  beweist 
diese  Kunst  trotz  aller  Beziehungen  zur  Antike  die  gleiche  Gestaltungskraft  auch 

430 


in  dem  ihr  eigenen  Verhältnis  der  Dekoration  zum  Objekt,  in  der  Rolle,  die  sie 
Dekoration  und  Ornamentik  in  der  Gesamterscheinung  des  zu  schmückenden 
Gegenstandes  spielen  lägt.  Vielleicht  lägt  sich  sogar  unter  keinem  Gesichts- 
punkte die  Summe  von  künstlerischer  Kraft,  die  das  italienische  Volk  in  dieser 
Zeit  leistete,  so  deutlich  verfolgen,  wie  unter  diesem:  Die  Mannigfaltigkeit  der  Be- 
strebungen in  den  einzelnen  Schulen,  die  Energie  und  Konsequenz  der  Entwick- 
lung, die  von  der  Frührenaissance  zum  Barock  führte.  In  den  ersten,  imponie- 
rendsten  Werken  der  Florentiner  Frührenaissance  ein  fast  völliges  Zurück- 
dämmen derOrnamentik  und  Dekoration,  alleKraft  konzentriert  auf  denAusdruck 
der  körperhaften,  plastischen,  ruhenden  Form  in  jenem  Sinne,  wie  er  oben  ange- 
deutet wurde,  —  ganz  entsprechend  dem  Rustikastil  der  florentinischen  Archi- 
tektur. Von  diesen  florentinischen  Arbeiten  —  besonders  gut  zu  verfolgen  im 
Mobiliar  —  gilt  allerdings,  was  man  für  die  ganze  italienische  Renaissance  als 
charakteristisch  zu  bezeichnen  pflegt:  dag  ihre  stärkste  künstlerische  Tendenz 
in  dem  Herausarbeiten  der  kubischen  Grundgestalt  des  Objektes  zu  einer  mög- 
lichst faglichen,  einfachen  Form  liegt.  Hier  bedeuten  tatsächlich  die  Begren- 
zungsflächen und  derUmrig  alles.  Dementsprechend  konnte  hier  alle  Ornamentik 
leicht  als  etwas  Störendes,  Überflüssiges  empfunden  werden,  und  das,  worauf 
die  dekorative  Durchführung  vor  allem  ausgehen  mugte,  war  die  Profilierung 
und  Teilung,  die  die  Wirkung  des  Umrisses  und  der  Flächen  steigern  soll.  Die 
schattigen  Kehlungen  der  gotischen  Profile,  wie  man  sie  etwa  an  den  Floren- 
tiner Domportalen  verfolgen  mag,  machen  knapperen  Bildungen  Platz,  die  eine 
nachdrückliche  lineare  Bedeutung  erhalten,  und  die  Wirkung  der  Flächen  wird 
durch  eine  Teilung  nach  dem  Prinzip  von  Füllung  und  Rahmung  betont.  Seit  der 
Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  macht  sich  dann  eine  immer  wachsende 
ORNAMENTFREUDIGKEIT  undDEKORATIONSLUST  geltend,  die  schlieglich  zu 
einem  allgemeinen  Streben  nach  Zierlichkeit  führt  —  in  Florenz  nicht  anders  als 
in  Oberitalien,  Rom,  Venedig  —  oft  durch  Feinheit  des  Details,  Eleganz  und  künst- 
lerischen Takt  überraschend,  oft  aber  auch  spielerisch  und  schematisch.  Im  übri- 
gen gelten  für  diese  viel  gerühmte  und  auch  viel  gerügte  Blütezeit  der  italienischen 
Ornamentik  all  jene  Merkmale,  die  alsKonsequenzen  derTektonik  dieses  Stils  be- 
reits oben  angedeutet  wurden.  So  vor  allem  die  symmetrische  Anordnung  und 
die  Konzentration  auf  eine  Achse;  ferner  die  Wahrung  der  Selbständigkeit  der 
Fläche,  auf  der  das  Ornament  —  als  ein  selbständiges  Glied  —  erscheint,  ohne 
die  Bedeutung  der  Grundfläche  aufzulösen;  daher  auch  bei  plastischem  Ornament 
die  feste  Einstellung  in  eine  bestimmte  Reliefschicht.  Gegen  die  Ornamentfreudig- 
keit der  Frührenaissance  bringt  schlieglich  das  beginnende  sechzehnte  Jahrhundert 
durch  die  Tendenzen  der  Hochrenaissance  eine  durchgreifende,  wenn  auch  in 
ihren  Äugerungen  höchst  verschiedenartige  Reaktion.  Führte  jetzt  einerseits  die 
Vernachlässigung  des  Details  zur  Vergröberung,  das  Streben  nach  imposanter 
Wirkung  zur  Überladung  —  merkwürdigerweise  gelten  gerade  derartige  Arbeiten 
noch  heute  als  typisch  für  die  italienische  Renaissance !  — ,  so  entwickeln  sich  ande- 
rerseits, vor  allem  unter  dem  Einflug  Michelangelos,  der  schon  in  der  sixtinisclien 
Decke  alle  Ornamentik  und  alle  naturalistische  Dekoration  abgelehnt  hatte,  jene 

431 


Abb.  339: 
D 


Andrea  del  Sarto,  Geburtsszene. 
Maria  Annunciata. 


Florenz,  Santa 
D 


neuen  Wirkungsmittel,  die  zur 
Kunst  der  Barocke  überleiten:  die 
ruhende  Form  wird  umgesetzt  in 
bewegte  Form,  die  klaren  Flächen, 
die  einfachen  Silhouetten  werden 
kompliziert;  aller  Ausdruck,  alle 
Kraft  und  Größe  in  die  BEWE- 
GUNG der  GESAMTFORM  ver- 
legt, und  Hand  in  Hand  mit  dem 
Zurücktreten  dereigentlichenDe- 
koration  entwickelt  sich  ein  Ge- 
fühl für  Unterordnung  und  Über- 
ordnung, das  sich  bald  zu  einem 
unerhört  sicheren  Hinzielen  auf 
einen  großen  Totaleindruck  stei- 
gert und  schließlich  —  im  Barock 
—  zu  einem  bewußten  Ausgehen 
auf  einen  bestimmten  Effekt  führt. 
So  spiegelt  sich  in  dem  italieni- 
schen Kunstgewerbe  der  Renais- 
sance die  Entwicklungsgeschichte 
der  Kunst  dieser  Zeit  und  dieses 
Volkes,  das  Schaffen  ihrer  großen  Meister  und  das  Verarbeiten  all  der  Anre- 
gungen und  Entdeckungen,  die  von  ihnen  ausgingen,  mit  einer  wunderbaren 
Gesetzmäßigkeit.  Deshalb  gehören  die  entscheidenden  entwicklungsgeschicht- 
lichen Tatsachen,  die  das  italienische  Kunstgewerbe  lehrt,  der  allgemeinen  Kunst- 
geschichte an  und  sind  nur  zu  begreifen  und  zu  erklären  aus  einem  Studium  der 
'großen  Kunst'.  Aber  bei  dem  ständigen  Übergreifen  der  Architekten,  Maler,  Bild- 
hauer auf  das  Gebiet  der  dekorativen  und  gewerblichen  Arbeit  wird  man  auch  die 
speziellen  Entwicklungszüge  des  Kunstgewerbes,  die  Filiationen  und  Nuancen 
seines  Stiles  hier  zumeist  aus  der  allgemeinen  Kunstgeschichte  Italiens  ableiten 
können  und  müssen.  D 

Dieser  Zusammenhang  mit  der  großen  Kunst  bestimmt  vor  allem  die  chrono- 
logische Entwicklung  und  topographische  Verzweigung.  So  ist  auch  für  das 
Kunstgewerbe  FLORENZ  die  eigentliche  Heimat,  der  Ursprungsort  des  neuen 
Stiles;  von  hier  vollzog  sich  seine  Übertragung  nach  den  übrigen  Schulen  in  sehr 
verschiedenartiger  Weise  und  zu  verschiedenen  Zeitpunkten,  je  nach  dem  Gange 
derallgemeinen  künstlerischenEntwicklung.  War  in  Toskana  —  wo  nebenFlorenz 
vor  allem  SIENA  für  das  Kunstgewerbe  wichtig  ist  —  selbst  in  kleineren  Städten 
die  neue  Formensprache  um  1450  auf  fast  allen  Kunstzweigen  schon  zur  Allein- 
herrschaft gelangt,  so  wird  sie  in  OBERITALIEN,  in  der  LOMBARDEI,  in  UM- 
BRIEN,  in  ROM  erst  während  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  allgemein 
gültig,  und  in  VENEDIG,  in  Süditalien  und  in  Genua  sind  gotische  Formen  noch 
um  1500  häufig  anzutreffen.  Vollzog  sich  in  manchen  Schulen  die  Rezeption  des 

432 


neuen  Stils  mit  ganz  radikaler 
Bestimmtheit,  so  halten  andere 
Schulen  mit  mehr  oder  minder 
grogerZähigkeit  andengotischen 
Formen  fest  und  gehen  mit  ihnen 
verschiedenartige  Kompromisse 
ein.  Bald  ist  es  die  Gesamtempfin- 
dung, die  etwas  Gotisches  behält, 
bald  eine  Vorliebe  für  einzelne  be- 
stimmte gotische  Formenmotive, 
die  neben  den  neuen  Prinzipien 
und  Formen  sicherhalten.  In  man- 
chen Orten  räumt  erst  die  Hoch- 
renaissance mit  allen  traditionel- 
len gotischen  Motiven  auf.  Auch 
ist  eine  Verschiedenheit  dieses 
Prozesses  auf  den  einzelnen 
kunstgewerblichen  Gebieten  in- 

1     lu  •  j       j  iu  D  Abb.  340:  Carpaccio,  Ursulas  Traum.     Venedig  D 

nerhalb     emer    und     derselben  ^ 

Schule  zu  konstatieren;  z.  B.  hält  im  allgemeinen  die  Goldschmiedekunst  [abgese- 
hen von  Florenz  und  Siena]  länger  an  den  gotischen  Formen  fest,  als  dasMobiUar. 

MÖBEL  UND  HOLZARBEITEN 

DAS  HAUSMOBILIAR  D 

Vor  der  Betrachtung  des  Mobiliars  empfiehlt  es  sich,  wenigstens  in  Kürze  die 
Bedingungen  sich  zu  vergegenwärtigen,  die  für  die  Ausgestaltung  eines  italie- 
nischen INNENRAUMS  vor  allem  maggebend  waren.  Der  Italiener  sucht  und 
suchte  in  seinem  Hause  etwas  anderes  als  wir  und  unsere  Vorfahren.  Die  Ver- 
schiedenheiten und  Gegensätze  des  Klimas,  der  Lebensweise,  derTemperamente 
im  Süden  und  Norden  erklären  dies  hinreichend.  Das  Leben  spielt  sich  mehr  in 
der  Öffentlichkeit  ab,  das  Zusammensein  auf  der  Strafte  und  auf  den  Plätzen  ab- 
sorbiert ein  gut  Teil  der  häuslichen  Geselligkeit.  Man  sucht  im  Hause  nicht  die 
Behaglichkeit  und  Wärme,  sondern  Kühle,  Schutz  vor  der  Hitze.  Das  italienische 
Wohnhaus  ist  das  STEINHAUS  im  spezifischsten  Sinne  des  Wortes;  als  solches 
bietet  es  sich  schon  dem  Betrachter  von  äugen  dar,  und  dem  entspricht  auch  die 
Ausgestaltung  im  Innern:  die  Fugböden  sind  aus  Stein-  oder  Majolikafliesen,  die 
Wände  geben  sich  unverblümt  als  Steinmauern,  d.  h.  sie  werden  nur  ganz  aus- 
nahmsweise mit  Holz,  Stoffen,  Tapeten  verkleidet.  Die  heut  ja  nur  wenig  ge- 
schätzten Künste  des  Tapezierers  konnten  sich  hier  nicht  entfalten!  Dem  prak- 
tischen Bedürfnis,  dem  Bedürfnis  nach  Kühle,  entspricht  nun  aber  die  der  italie- 
nischen Kunst  eigene  Tendenz  nach  MONUMENTALITÄT,  das  Streben  nachGröge 
und  Weiträumigkeit.  So  kommt  es,  dag  italienische  Innenräume  dem  deutschen 
Besucher  zumeist  als  kahl,  frostig,  nackt  erscheinen.  Der  Begriff  der  'Gemüt- 
lichkeit' fehlt.  □ 


28  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes 


433 


Italienische  Wohnräume  mit  ihrer  vollständigen  Ausstattung  sind  uns  natur- 
gemäß nicht  mehr  erhalten.  Aber  durch  verschiedene  Hilfsmittel  kann  man  sich 
eine  richtige  Vorstellung  von  ihnen  bilden.  So  bieten  die  vorhandenen  Neben- 
räume der  Kirchen  und  Klöster  [vgl.  Abb.  338],  vor  allem  Sakristeien,  Privat- 
kapellen und  Refektorien,  ferner  die  Säle  und  Zimmer  der  Ratshäuser  ein  Ma- 
terial, welches  bestimmte  Schlüsse  auf  die  Ausgestaltung  der  Wohnräume  zu 
schließen  erlaubt.  Dazu  kommen  dann  als  wichtigste  Hilfsmittel  die  bildlichen 
Darstellungen  von  Wohnräumen  auf  den  Gemälden  und  in  den  Holzschnitten  der 
illustrierten  Bücher.  Unter  den  Gemälden  sind  hierfür  besonders  wichtig  die 
Darstellungen  der  Geburt  [Abbildung  339  und  341]  und  der  Verkündigung,  die 
sowohl  die  Typen  als  die  Art  der  Aufstellung  und  Gruppierung  der  wichtigsten 
Möbel  erkennen  lassen.  Aber  auch  für  unsere  Vorstellungen  von  der  Behandlung 
der  Wand,  Decke  und  des  Fugbodens  bieten  derartige  bildliche  Darstellungen 
der  damaligen  Innenräume  eine  erwünschte  Korrektur;  denn  was  uns  in  dieser 
Hinsicht  im  Original  erhalten  ist,  dankt  seine  Erhaltung  zumeist  dem  Umstand, 
dag  es  sich  bei  ihnen  um  besonders  wertvolle,  hervorragende  Leistungen  han- 
delte, deren  Pracht  und  Reichtum  aber  nicht  als  allgemein  gültig  angesehen  wer- 
den darf.  Tatsächlich  hat  die  italienische  Renaissance  in  bewundernswerter  Weise 
den  ZUSAMMENKLANG  von  MOBILIAR  und  ZIMMER  erstrebt,  und  der  Vorwurf 
desPrunkens  und  derÜberladung,  zudemdieBetrachtungdesausdemZusammen- 
hang  gerissenen  Einzelstücks  oft  verführt,  beruht  auf  Unkenntnis.  Die  reichen 
Prachtmöbel  dürfen  wir  uns  nur  denken  in  Räumen  nüt  entsprechend  reicher 
Decke,  Wand  und  Boden,  während  wir  für  einfache  Möbel  eine  ganz  anders  ge- 
staltete Umgebung  annehmen  müssen,  als  sie  uns  nach  den  erhaltenen  berühmten 
Beispielen  der  Innendekoration  in  Kirchen  und  Palästen  als  typisch  erscheint. 
Amhäufigsten  erhalten  sind  uns  italienische  DECKEN  [Soffitto]  aus  allenEpochen 
der  Renaissance,  und  ihr  Studium  bildet  eine  wichtige  Aufgabe  der  Architektur- 
geschichte. Malerei  und  Plastik,  Schnitzerei  und  Stukkatur,  große  Künstler  und 
simple  Handwerker,  waren  an  ihrer  Ausgestaltung  beschäftigt.  Wesentlich  war 
für  ihre  Wirkung  stets  die  Farbigkeit  oder  Vergoldung,  entsprechend  dem  Mobi- 
liar und  demGesamtcharakter  desRaumes.  Zu  beachten  ist,  daß  neben  der  bevor- 
zugtenForm  der  Kassettengliederung  bei  schlichtenRäumendie  einfache,  strenge, 
aus  der  Gotik  stammende  Balkendecke  bis  in  die  Hochrenaissance  beliebt  war. 
Auch  FUSSBODEN  [Pavimento]  sind  in  stattlicher  Zahl  erhalten.  In  großen, 
zumal  öffentlichen  Räumen  bildet  das  Steinfliesenpaviment  die  Regel,  zumeist  aus 
quadratischen  Marmorplatten  bestehend,  die  in  wenigen  Farben  wechseln  und 
eine  große  flächige  Wirkung  ergeben.  Ein  eigentliches  Plattenmosaik  mit  figür- 
lichen Darstellungen,  wie  man  es  in  den  Domen  vonSiena  und  Lucca  findet,  scheint 
nur  ganz  ausnahmsweise  verwendet  worden  zu  sein.  Dagegen  war  besonders  in 
Rom,  wenigstens  während  der  ganzen  Frührenaissance,  das  Würfelmosaik  aus 
kleinen  bunten  Steinen  nach  Art  des  mittelalterlichen  'Cosmatenmosaiks'  ent- 
schieden beliebt.  Die  übliche  und  typische  Art  des  Fußbodens  in  Privaträumen 
bildet  der  Ziegelfußboden,  in  den  einfachsten  Fällen  unglasiert,  in  besseren  Woh- 
nungen glasiert,  und  zwar  die  einzelnen  Fliesen  in  je  einer  Farbe  |grün,  rot,  weiß 

434 


und  gelb],  so  dag  ihre  Zusammensetzung  einfache  geometrische  Muster  ergab. 
GuteBeispiele  hierfürfindet  man  in  den  Seitenkapellen  einigerKirchen,  besonders 
in  Rom  [Santa  Maria  del  popolo].  Auf  die  vornehmere  Art  des  Paviments  durch 
eigentliche  Majolikafliesen  wird  bei  Betrachtung  der  Keramik  zurückzukommen 
sein.  —  Am  schwierigsten  ist  es,  sich  ein  richtiges  Bild  von  der  Behandlung  der 
Wand  in  einem  einfachen  Wohnraum  zu  machen.  Wie  gesagt,  bildet  in  Italien  die 
Verkleidung  der  Wand  durch  Textilien,  Ledertapeten  oder  gar  Holzwerk  immer 
nur  eine  vereinzelte  Ausnahme.  Sondern  man  wollte  die  Wand  als  solche  zeigen 
und  zur  Geltung  bringen.  Das  gegebene  Dekorationsmittel  war  daher  die  Malerei. 
Die  Blüte  der  italienischen  Freskokunst  erklärt  sich  hierdurch.  Aber  es  ist  natür- 
lich, dag  jene  berühmten  Beispiele  profaner  Monumentalmalerei,  die  die  italieni- 
sche Kunst  bietet,  nicht  als  das  typischeDekorationsmittel  anzusehen  sindl  Selbst 
handwerkliche  figürliche  Wandmalereien,  zumeist  mit  Darstellungen  von  Gesell- 
schaftsspielen und  aus  dem  Ritterleben,  wie  wir  sie  schon  aus  dem  Beginn  der 
Renaissance  besonders  in  oberitalienischen  Villen  und  Schlössern  kennen,  dürften 
als  Luxus  anzusehen  sein,  der  selbst  in  sehr  vornehmen  Häusern  wohl  nur  in  fest- 
lichen Räumen  die  Regel  war.  Das  Übliche  war  vielmehr  der  einfache  farbige  An- 
strich, der  natürlich  als  wertlos  erachtet,  immer  wieder  dem  Geschmack  der  Zeit 
entsprechend  überstrichen  und  dadurch  vernichtet  wurde.  Als  unvergleichlich 
wertvolles  Beispiel  sind  die  aus  dem  Centro  antico  in  Florenz  geretteten  Reste 
von  Wandmalereien  aus  einfachen  Wohnräumen  zu  nennen,  die  im  Museo  von  San 
Marco  daselbst  bewahrt  werden.  Die  zumeist  auf  tiefes  Grün  gestimmte  Wand  ist 
hier  besonders  durch  Bäume  und  Pflanzen  in  eigenartigster  Weise  belebt.  Gegen- 
über der  aus  der  Gotik  überkommenen  starken  FARBIGKEIT  der  Wand  scheint 
gerade  die  florentinische  Renaissance  wenigstens  bei  monumentalen  Innenräumen 
dieWirkungdurch  farblose  Wandflächen  gerne  betont  zu  haben,  besonders  indem 
sie  die  weiß  oder  hellgrau  getünchten  glatten  Wände  in  Gegensatz  stellt  zu  den 
fein  durchgearbeiteten  architektonischen  Gliederungen  der  matt  dunklen  pietra 
serena.  Im  übrigen  sei  gegenüber  der  bei  Künstlern  und  Laien  so  verbreiteten 
Meinung,  die  einen  Renaissanceraum  sich  nicht  überladen  genug  vorstellen  kann, 
nochmals  betont,  daß  die  Wirkung  der  glatten,  für  unsere  Begriffe  geradezu 
kahlen  Wandfläche  in  der  zentralitalienischen  Kunst  absolut  typisch  ist.  Die  Wand 
wirkt  durch  die  ihr  eigene  Behandlung,  und  auch  ihre  Verzierung  durch  eigent- 
lichen Wandschmuck  | selbst  durch  Bilder!]  war  auf  ein  Mindestmalj;  beschränkt. 
Den  'Wandschmuck'  bildeten,  abgesehen  vom  Kamin,  die  architektonischen  Glie- 
derungen |in  großen,  vornehmen  Räumen],  die  Türeinfassungen,  und  vor  allem 
die  Möbel  selbst,  die  den  Wänden  entlang  standen  und  zugleich  entsprechend  dem 
Streben  nach  Weiträumigkeit  die  Mitte  frei  ließen.  Einen  wesentlich  abweichen- 
den Charakter  hat  nur  das  venezianische  Zimmer,  dessen  behaglichere,  intimere 
Ausstattung  dem  nordischen  Geschmack  mehr  entgegenkommt.  Für  die  Zeit  um 
1500  können  wir  eine  Vorstellung  hiervon  besoiulers  gewiimen  aus  den  Bildern 
Carpaccios  |  vergleiche  die  Abbikkmg  ;}40  und  die  Abbildung  342,  dazu  noch  die 
Verkündigung  in  der  Wiener  Akademie].  Hier  wurde  vor  allem  die  kahle  Flächen- 
wirkung der  Wand  durchbrochen  und  belebt  durch  ein  etwa  in  Kopfhöhe  durch- 

28^=^  435 


D  Abb.  341:  Ghirlandajo,  Geburt  Johannis  des  Täufers.    Florenz,  S.  Maria  Novella  D 

laufendes  Bordbrett  [scanzia],  auf  welchem  Bronzen  und  anderes  Kleingerät 
standen.  Sodann  war  hier  regelmäßig  nur  der  obere  Teil  der  Wand  grauweiß 
gestrichen,  während  die  Wand  unterhalb  des  Bordbretts  mit  Stoff,  gelegentlich 
auch  mit  Teppichen  oder  Leder  verkleidet  war.  In  der  Frührenaissance  scheint 
hierfür  ein  saftig  grüner,  in  der  Hochrenaissance  roter  Stoff  bevorzugt  gewesen 
zu  sein.  Q 

Für  das  MOBILIAR  selbst  lassen  sich  für  ganz  Italien  bestimmte  TYPEN  fest- 
stellen, die,  abgesehen  von  den  Grenzgebieten, imwesentlichen  einheitliche  Grund- 
formen erkennen  lassen.  Die  maßgebende  Entwicklung  vollzog  sich  natürlich  in 
FLORENZ,  dessen  Produktion  gerade  auch  auf  dem  Gebiet  der  Möbeltischlerei 
maßgebend  für  den  Geschmack  war.  Auch  ist  das  erhaltene  Material  aus  Florenz 
und  den  Nachbarstädten  das  reichhaltigste.  Für  die  eigentliche  Typenentwicklung 
scheinen  die  übrigen  Kunstzentren,  abgesehen  von  VENEDIG,  nicht  allzuviel  bei- 
getragen zu  haben,  und  da  die  Provenienz  der  meisten,  in  den  Sammlungen  befind- 
lichen Möbel  nicht  bekannt  ist,  ist  eine  örtliche  Festlegung  aller  Nuancen,  die  man 
für  die  einzelnen  Möbeltypen  feststellen  kann,  nur  selten  möglich.  Deutlicher  er- 
scheinen die  Unterschiede  der  einzelnen  SCHULEN  bei  einer  gewissenhaften 
Untersuchung  der  Ornamentik  und  Dekoration,  da  hier  die  an  den  betreffenden 
Orten  erhaltenen  Marmor-  und  Steindekorationen  ein  maßgebendes  Vergleichs- 
material für  die  örtliche  Fixierung  auch  der  Möbel  geben:  So  kann  man  auf  Grund 
der  Ornamentik  in  Möbeln,  die  in  der  Form  und  Technik  sich  kaum  von  den  floren- 


436 


D  Abb.  342:  Carpaccio,  Heiliger  Hieronymus.    Venedig  O 

tinischen  unterscheiden,  denvenezianischenStil  derLombardi,  denbolognesischen 
des  Formigine,  den  sienesischen  des  Marinna  oft  leicht  erkennen  D 

Das  typische  Material  der  italienischen  Möbel  ist  das  NUSSHOLZ,  dessen  Wir- 
kung aber  stets  durch  eine  kunstvolle  TÖNUNG  mittelst  einer  Wachspolitur  mit 
zugesetztem  Farbstoff  erhöht  wird.  Selbst  bei  den  Möbeln,  die  nicht  eigentlich 
polychrom  behandelt  sind,  spielt  die  teilweise  Vergoldung  eineRolle.  Bis  zum  Be- 
ginn derHochrenaissance  war  derCharakter  des  vornehmenHausmobiliars  durch- 
aus auf  FARBIGKEIT  gerichtet.  □ 

Das  wichtigste  Möbel  der  italienischenRenaissance  ist  dieTRUHE  |CASSONE, 
Cassa;  venezianisch:  forzier|.  Es  ist  das  unentbehrliche  Universalmöbel,  welches 
nicht  nur  als  Behälter  für  Wäsche,  Kleider,  Schmuck,  Waffen  diente,  sondern  zu- 
gleich als  Tisch  oder  Bank  benutzt  werden  konnte  und  auch  auf  der  Reise,  im 
Kriege,  auf  der  Jagd,  beim  Umzug  vom  Stadthaus  nach  der  Villa,  als  Koffer  [daher 
französischcoffret|  verwendet  wurde.  DieTruhe  war  auch  der  gegebene  Gewahr- 
sam für  die  Aussteuer  eines  jungen  Paares.  In  solchen  Fällen  wird  sie  oft  deutlich 
als  HOCHZEITSTRUHE  charakterisiert,  besonders  gerne  durch  die  Wappen  der 
Neiivermählten,  Darstellungen  von  Liebesabenteuern  aus  der  Mythologie  und 
den  Ritterromanen  oder  aus  dem  gesellschaftlichen  Leben  der  Zeit.  Jedenfalls 
beweist  allein  schon  die  gewaltige  Anzahl  der  erhaltenen  Truhen,  welche  grolle 
Rolle  dieses  Möbel  in  dem  italienischen  Hause  der  Renaissance  spielte.  Selbst  in 
einem  einfachen  Haushalt  waren  stets  mehrere  Truhen  vorhanden,  und  besonders 

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O  Abb.  343:  Truhe  mit  bemaltem  Stuckrelief,  15.  Jahrhundert,  London  O 

auf  venezianischenBildern  findenwirsie  gelegentlich  in  langenReihen,  eine  neben 
der  anderen,  die  Wände  entlang  stehen  [besonders  instruktiv  z.  B.  auf  der  Ver- 
kündigung desGirolamo  da  Santa  Croce  in  Breslau].  Als  die  Truhe  durch  den  Klei- 
derschrank und  die  Kommode  ersetzt  wurde,  war  die  Epoche  der  Renaissance 
schon  vorbei.  D 

In  ihrer  Normalform  bietet  sich  die  Truhe  als  ein  langgestreckter,  vierecki- 
ger Kasten  dar,  dessen  körperhafte  Durchbildung  im  Laufe  der  Zeit  all  die 
Wandlungen  erfuhr,  die  die  verschiedenen  Stadien  des  Renaissancegeschmacks 
charakterisieren.  Neben  dieser  geradwandigenKastenform  bildet  den  wichtigsten 
Nebentypus  die  besonders  inOberitalien  beliebte  Truhe  mitgewölbter  nach  unten 
eingezogener  Wandung.  Der  untere  Abschlug  war  zumeist  durch  eine  profilierte, 
ausladende  Basis,  durch  ein  einfaches  Standbrett  oder  durch  Löwenklauen  ge- 
bildet. Für  besonders  wertvolle  Truhen  wurden  auch  eigene  Untersätze  gearbeitet. 
Der  Deckel  ist  regelmäßig  ein  flaches  Brett,  wird  aber  im  Laufe  der  Entwicklung 
durch  starke  Profilierung  oft  so  stark  erhöht,  daß  er  die  Funktion  eines  bekrö- 
nenden Aufsatzes  annimmt.  An  den  Seitenwänden  findet  man  eiserne  oder  bron- 
zene Traggriffe,  das  Schloß  ist  im  Gegensatz  zu  den  französischen  und  deutschen 
Truhen  niemals  kunstvollmontiert,  sondernselbst  bei  denkostbarstenExemplaren 
roh  —  und  zumeist  wohl  in  späterer  Zeit  —  eingeschnitten.  Die  durchschnittliche 
Länge  einer  italienischen  Truhe  ist  größer  als  bei  denen  der  nördlichen  Nachbar- 
länder. D 

Die  ältesten  erhaltenen  italienischen  Renaissancetruhen  stammen  aus  FLO- 
RENZ und  lassen  sich  durch  ihre  Dekoration  als  Arbeiten  aus  dem  Ende  des  vier- 
zehnten und  Anfang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  bestimmen.  Große,  hohe  Kästen 
von  einfachster  Schreinerarbeit,  zum  Teil  mit  leicht  gewölbtem  Deckel,  die  noch 
entsprechend  dem  gotischen  Geschmack  vollständig  FARBIG  gehalten  sind.  Sie 
zeigen  auf  einfarbigem,  oft  felderweis  wechselndem  Grunde  bunte  schablonierte 
oder  aufgelegte,  in  Stuck  gepreßte  Darstellungen:  Herren  und  Damen  in  Zeittracht, 

438 


FLORENTINER  TRUHEN  MIT  STUCKDEKOR 
IM    KUNSTGEWERBEMUSEUM   ZU  BERLIN 


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D  Abb.  344:  Venezianische  Truhe  mit  vergoldetem  Pastigliareliefornament,  London  D 

Reiter,  Tiere,  Pflanzen.  Die  maßgebenden  Exemplare  stammen  zumeist  aus  dem 
Hospital  von  Santa  Maria  nuova  in  Florenz  und  befinden  sich  im  dortigen  Museo 
Nazionale  und  imSouthKensington  Museum.  Einfache  Truhen,  geradwandig  oder 
gewölbt,  die  durch  das  Zurücktreten  der  eigentlichen  Schreinerarbeit,  das  Fehlen 
von  Schnitzerei  und  selbst  von  Profilierungen  charakterisiert  sind  und  ihren  ein- 
zigen Schmuck  durch  primitive  Malerei,  zumeist  nur  Wappen  oder  Devisen,  erhal- 
ten, wurden  für  anspruchslose  Einrichtungen  bis  in  das  sechzehnte  Jahrhundert 
gearbeitet  und  sind  an  den  verschiedensten  Orten  nachweisbar.  In  gleich  frühe  Zeit, 
wie  die  oben  genannten  bemalten  Truhen,  geht  eine  besonders  prächtige  und  vor- 
nehme Gattung  zurück,die  gleichfalls  in  Florenz  heimisch  ist:  Es  sind  die  Truhen, 
deren  Wandungen  mit  VERGOLDETER  STUCKMASSE  versehen  sind.  Die  Vor- 
derwand dieser  Goldtruhen  zeigt  Reliefschmuck,  wobei  aber  die  Hebungen  und 
Senkungen  des  Reliefs  höchstens  im  groben  aus  dem  Holz  geschnitten  waren,  und 
erst  in  dem  Stuckauftrag  freihändig  oder  mit  Formen  modelliert  wurde;  die  Seiten 
und  der  Deckel  haben  zumeist  nur  gepunzte  Muster.  Vollständige  Truhen  dieser  Art 
aus  früher  Zeit  sind  ziemlich  selten,  häufiger  sind  die  durch  ihren  Schmuck  ausge- 
zeichneten Vorderbretter  allein  erhalten.  Da(3  auch  diesePrachttruhen  in  die  erste 
Frühzeit  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  zurückgehen,  ergibt  sich  sowohl  aus  den 
Mustern,  wie  aus  dem  Umstand,  daß  bei  einigen  Exemplaren  die  Basis  noch  nach 
gotischer  Art  mit  ausgeschnittenen  Bogen  verziert  ist.  Als  Dekorationsmotiv  wird 
bei  den  frühenflorentinischenGoldtriihen  frei  angeordnetes  Pflanzcnwerk  mit  stau- 
denartigen Bildungen  noch  gotischen  Charakters  bevorzugt.  Daneben  fallen  beson- 
ders Übertragungen  von  Stoffmustern  in  das  Goldrelief  auf.  Als  hervorragend  wich- 
tige Beispiele  hierfür  seien  ein  Truhenbrett  mit  heraldischen  Tieren  in  Kreisen  im 
Rathaus  zu  Gubbio  und  ein  solches  mit  einem  Muster  nacli  Art  der  italienisch-goti- 
schen |sog.  'arabo-italischen'l  Seidenstoffe  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum  ge- 
nannt [siehe  Tafel].  Da  eine  grof^e  Anzahl  derartiger  früher  ornamentaler  Gold- 
truhen aus  LUCCA  stammt,  dürfte  dieser  Ort,  der  schon  in  der  spätinittolalterlichen 
Textilkunst  Italiens  eine  so  große  Rolle  spielt,  als  Herstellungszentrum  neben  Flo- 
renz für  diese  Truhengattung  in  Betracht  kommen.  Seit  der  Mitte  des  fünfzehnten 

439 


D  Abb.  345:  Florentinische  Truhe  mit  Intarsia,  London  D 

Jahrhunderts  bevorzugen  die  Florentiner  Goldstucktruhen  das  figürliche  Relief: 
allegorische  Figuren,  mythologische  Darstellungen,  wie  z.  B.  das  Urteil  des  Paris 
auf  einer  der  schönsten  Arbeiten  dieser  Art  in  Berlin  LSieheTafelj.  Rein  ornamen- 
tale Goldtruhen  von  ganz  anderer  Art  im  späten  Frührenaissancegeschmack  lernen 
wir  dann  um  und  bald  nach  1500  in  VENEDIG  kennen.  Abgesehen  von  der  reiche- 
ren architektonischen  Durchbildung  des  Truhenkörpers  zeigt  hier  die  Ranken- 
ornamentik die  feinste,  detaillierende  Durchziselierung;  der  Stil  des  etwas  sche- 
matischen Ornaments  läftt  bei  einer  ganzen  Anzahl  dieser  Truhen  Venedig  als 
Entstehungsort  ohne  weiteres  erkennen  [Abb.  344].  Den  Hauptschmuck  bildet 
regelmäßig  ein  kompliziertes,  streng  symmetrisch  komponiertes,  aber  ungemein 
zierliches  Ornamentmotiv,  das  durch  Reihung  wiederholt  wird;  bei  größerer  Glie- 
derung wird  die  Dreiteilung  bevorzugt.  □ 
Um  die  Weiterentwicklung  zu  verfolgen,  ist  es  nötig,  wieder  nach  Florenz  zu- 
rückzukehren. Zeigten  die  ältesten  bemalten  und  Goldstücktruhen  aus  Florenz 
die  Kastenform  noch  ungegliedert,  so  wird  seit  etwa  1430— 1440  ein  immer  größe- 
res Gewicht  auf  die  ARCHITEKTONISCHE  Durchbildung  des  Truhenkörpers  im 
Sinne  der  Tektonik  der  Frührenaissance  gelegt.  Basis  und  Deckel  erhalten  durch 
Profilierungen  ein  ausdrucksvolles  Gepräge,  und  vor  allem  wird  die  Wandung 
nach  dem  Prinzip  von  FÜLLUNG  und  RAHMUNG  gegliedert.  Seit  der  Mitte  des 
Jahrhunderts  macht  sich  bei  den  besonders  kunstvollen  Truhen  auch  das  Be- 
streben geltend,  die  Ecken  zu  betonen,  indem  das  Füllbrett  der  Schauseite  an  den 
Seiten  gerahmt  wird  durch  Pilaster  oder  ein  geschnitztes  plastisches  Motiv 
[Abb. 346].  Im  übrigen  beschränkt  sich  die  Schnitzerei  der  Florentinischen Truhen 
der  Frührenaissance  auf  die  einfachen  antikischen  Ornamentmotive  der  Gliede- 
rungen [am  häufigsten  nur  Eierstab,  Zahnschnitt.  Pfeifen-  und  Schuppenwerk]. 
Entwicklungsgeschichtlich  dürften  an  den  Anfang  dieser  auf  architektonische 
Durchbildung  des  Truhenkörpers  gerichteten  Gattung  einige  Truhen  zu  setzen 
sein,  deren  einzige  Dekoration  in  einfachen  geometrischen  Mustern  besteht,  die 

440 


D  Abb.  346:  Strozzitruhe  von  1513,  Kunstgewerbemuseum,  Berlin  O 

durch  Einlegearbeit  in  verschiedenfarbigen  Hölzern  | Intarsia]  gebildet  werden; 
im  übrigen  sprechen  bei  diesen  Truhen  nur  die  ungemein  feinen  Profile  und  Tei- 
lungen. Ein  charakteristisches,  bereits  voll  entwickeltes  Beispiel  dieser  Gattung 
veranschaulicht  Abb.  345.  Das  Streben  nach  möglichst  klarem,  architektonischem 
Aufbau  mit  dem  Prinzip  von  Füllung  und  Rahmung  führte  dazu,  dafi  nun  auch  bei 
sehr  kostbaren,  kunstvollen  Truhen  die  Dekoration  in  anderer  Weise  zur  Geltung 
kam  als  am  Anfang  des  Jahrhunderts,  wo  die  Dekoration  sich  gleichmäßig  über 
den  ganzen  Truhenkörper  hinzog.  Der  wertvollste  Schmuck  konzentriert  sich 
nämlich  aufdie'Füllung',d.h.  auf  das  Hauptbrett  der  Wandung,  während  der  übrige, 
sie  umgebende  Teil  des  Truhenkörpers  mit  seiner  architektonischen  Durcharbei- 
tung eine  Art  monumentalen  Rahmens  bildet.  Da  dieser  aber  vor  allem  durch  die 
plastische  Durcharbeitung  der  Profile  wirkte,  war  für  die  eigentliche  Füllung  als 
Kontrast  ein  flächenhaft  malerischer  Dekor  das  gegebene.  Der  vornehmste 
Schmuck  hierfür  war  der  durch  Malerei.  Als  Maler  derartiger  CASSONEBILDER, 
die  zumeist  schon  durch  ihr  Format  erkenntlich  sind,  waren  die  größten  Meister 
tätig:  Uccello,  Pesellino,  Botticelli,  Filippino  Lippi,  Signorelli,  aus  derHochrenais- 
sance:  Piero  di  Cosimo,  Franciabigio,  Bacchiacca,  Andrea  del  Sarto,  Pontormo.  - 
Auch  außerhalb  von  Florenz  waren  große  Maler  für  die  Ausschmückung  von  Möbeln 
tätig,  z.  B.  Tura  und  Dosso  Dossi  in  Ferrara,  Giorgione  in  Venedig.  —  Durch  ihren 
profanenDarstellungsinhalt  bilden  dicCassonebilder  die  wichtigsteErgänzung  für 
unsere  Kenntnis  der  italienischen  Malerei,  da  diese  im  übrigen  ja  fast  nur  auf  den 
religiösen  Kirchenbildern  beruht.  Der  hohe  Bildwert  der  Tnihengemälde  erklärt 

441 


es,  dag  diese  zwar  in  den  Galerien  zahlreich  erhalten  sind,  die  Truhen  selbst  aber 
zumeist  zugrunde  gegangen  sind,  oder  jedenfalls  derbemaltenFüllwändeberaubt 
wurden.  Dies  ist  z.  B.  der  Fall  bei  der  berühmten  Truhe  von  1513  im  Berliner 
Kunstgewerbemuseum,  wo  die  bemalten  Wände  herausgenommen  sind  und  durch 
unbemalte  ersetzt  sind  |  Abb.  346].  Laut  dem  Ausweis  der  Wappen,  die  die  Putten 
der  Eckfelder  tragen,  ist  diese  Truhe  für  die  Vermählung  eines  Strozzi  mit  einer 
Medici  gearbeitet  worden;  man  beachte  die  geistvolle  Verwendung  des  Strozzi- 
wappens  [drei  Mondsicheln]  als  sternförmig  gestelltes  Ornament  auf  dem  über- 
greifenden Gesims.  Seltener  als  die  gemalten  Truhenbretter  sind  solche  mit  BILD- 
MÄSSIGER  INTARSIA;  in  dieser  Technik  war  besonders  die  Darstellung  von 
Straßen  und  Plätzen,  die  die  neue  Kunst  der  Perspektive  zur  Geltung  bringen 
sollten,  typisch.  Eine  Ausschmückung  des  Truhenbretts  durch  plastische  Relief- 
darstellungen in  Schnitzerei  war,  wie  gesagt,  der  Frührenaissance  fremd.  Da- 
gegen ist  in  Florenz  in  früher  Zeit  noch  eine  dritte  bildmägige  Technik  für  die 
Truhen  verwertet  worden,"  die  eine  Art  Zwischenstellung  zwischen  Malerei  und 
Relief  bedeutet:  die  Truhenwand  ist  wie  bei  den  Goldtruhen  mit  einer  Masse  be- 
zogen, in  welcher  in  ganz  FLACHEM,  fast  graviertem  RELIEF  die  Darstellung  ge- 
geben ist,  die  dann  ganz  nach  Art  eines  Gemäldes  malerisch  farbig  behandelt  ist. 
DieDarstellungen  —  aus  dem  gesellschaftlichenLeben  der  Zeit  —  sind  von  größter 
Eleganz  und  in  der  Zeichnung  undfarbigenDurchführungvon  gleich  grogemReize 
[Abb.  343].  Da  dem  Stile  nach  die  erhaltenen  Arbeiten  dieser  Art  zumeist  noch 
dem  Übergangsstil  angehören,  dürften  diese  Reliefmalereien  seit  der  Mitte  des 
fünfzehnten  Jahrhunderts  durch  die  eigentlichen  Truhengemälde  verdrängt  wor- 
den sein,  während  Truhen  mit  vergoldeten  Stuckreliefs  bis  gegen  Ende  des  Jahr- 
hunderts gearbeitet  wurden.  Wie  die  Truhen  mit  ornamentalem  Stuckdekor  nicht 
nur  auf  Florenz  beschränkt  waren,  so  sind  auch  solche  mit  eigentlichen  figürlichen 
Stuckreliefs  auch  in  anderen  Orten  hergestellt  worden.  Das  wichtigste  Denkmal 
sind  die  aus  MANTUA  stammenden,  jetzt  als  Reliquienschrein  dienenden  Truhen 
in  Klagenfurt,  deren  Reliefs  mantegnesken  Charakter  tragen.  D 

War  durch  das  Streben  nach  architektonischer  Durchbildung  des  Truhenkör- 
pers die  eigentliche  SCHREINERARBEIT  immer  mehr  zur  Geltung  gekommen,  so 
trat  sie  —  und  mit  ihr  die  kunstvolle  SCHNITZEREI  —  in  den  Vordergrund,  als 
gegen  Ende  der  Frührenaissance  dieTruhe  eine  kompliziertereForm  erhielt.  Vor 
allem  unter  dem  Einfluß  dekorativer  Marmorarbeiten  nimmt  jetzt  die  Truhe  die 
bewegtere  FORM  des  SARKOPHAGES  an.  Die  gerade  Wandung  bleibt  zwar  zu- 
nächst bestehen,  aber  statt  von  der  ausladenden  Basis  wird  die  Wandung  nun  ge- 
tragen von  einem  eingezogenen,  kräftig  gewölbten  Wulst,  der  zumeistmitPfeifen- 
werk  oderSchuppen  belebt  ist  und  auf  Löwenklauen  ruht.  Am  reinsten  wird  dieser 
Typus  repräsentiert  durch  einfache  florentinische  Truhen  aus  dem  Anfang  des 
sechzehnten  Jahrhunderts,  die  zumeist  relativ  niedrig,  aber  sehr  langgestreckt 
sind.  Die  Wandung  ist  in  Felder  von  verschiedener  Länge  geteilt,  die  von  einem 
Perlstab  eingefaßt  sind.  Im  übrigen  finden  sich  auf  den  Gliederungen  nur  die  ty- 
pischen architektonischen  Dekorationsmotive:  Flechtband,  Eierstab,  und  auf  der 
Zarge  des  übergreifenden  Deckels  Pfeifenwerk.  Fast  identisch  findet  sich  diese 

442 


Abb.  347:  Truhe  mit  l'igQrlichem  Hochrelief,  16.  Jahrhundert,  London 


Truhenform  auch  inSIENA,  wo  jedoch  dieFelder  der  Wandung  häufiger  als  in  Flo- 
renz ornamentale  Schnitzereien  zeigen.  Im  übrigen  hat  sich  dieser  klassische  Sar- 
kophagtypus der  Truhe  wohl  rasch  über  ganz  Italien  verbreitet.  So  hält  er  sich  in 
besonderer  Reinheit  bis  in  die  Barockzeit  hinein  in  BOLOGNA.  Diese  Bologneser 
Sarkophagtruhen  sind  besonders  charakterisiert  durch  die  reiche,  stark  unterar- 
beitete Rankenornamentik,  die  regelmäßig  ohne  architektonische  Teilung  durch 
die  ganze  Länge  der  eigentlichen  Wandung  hindurchgeht.  In  Bologna  wurden 
auch  in  dieser  Zeit  und  später  Truhen  von  ähnlicher  Form  hergestellt,  deren  Wan- 
dungen mit  figürlichen  Intarsiadarstellungen  zumeist  recht  flüchtiger  Ausführung 
geschmückt  sind.  In  VENEDIG  und  den  abhängigen  Nachbarstädten  war  am  An- 
fang des  sechzehnten  Jahrhunderts  für  Truhen  der  noch  strengen,  aber  voll  ent- 
wickelten Sarkophag-  und  Kastenform  nach  dem  Ausweis  der  bildlichen  Dar- 
stellungen die  Dekoration  durch  bewegtes  Rankenwerk,  das  in  weißer  Masse  ein- 
gelegt war,  bei  hellem  gelblichen  Ton  des  Holzes  beliebt.  Eine  Anzahl  solcher 
Truhen  sind  in  den  größeren  Museen  zu  finden.  Als  von  Venedig  abhängig  erweist 
sich  eine  bestimmte  Gruppe  Veronesischer  Truhen  aus  dem  Anfang  des  sechzehn- 
ten Jahrhunderts;  die  Ausschmückung  der  Vorderwand  durch  Medaillons  mit  ge- 
malten Darstellungen  scheint  für  sie  besonders  charakteristisch  zu  sein.  D 
Den  Abschluß  der  Entwicklung  bildet  eine  Gattung  von  Truhen,  die  früher  zu- 
meist als  venezianisch  angesehen  wurden,  aber  dem  Stile  und  dem  Ausweis  der 
Wappen  nach  besonders  in  FLORENZ  und  ROM  beliebt  waren  und  dort  auch  — 
allerdings  unter  Beteiligung  F'lorcntiner  Künstler  und  Handwerker  hergestellt 
wurden.  Diese  Truhen,  aus  dunklem  Nußholz,  das  ursprünglich  stets  durch  \'er- 
goldung  an  geeigneten  Stellen  gehöht  war,  sind  vor  allem  charakterisiert  durch 
ihre  bewegtere  ausladende  Gesaintform  und  die  holie  Reliefschnitzerei |.\bb. 347 1. 
Auf  den  Wandungen  findet  man  regelmäßig  figürliche  Darstellungen  in  Hochrelief 
mit  allgemein-antiken  Darstellungen,  die  oft  direkte  Kopien  berühmter  antiker 
Bildwerke  zeigen.    Die  Darstellung  läuft  zumeist  durch  dit»  Länge  der  Wandung 

443 


D  Abb.  348:    J'ruhenliank  mit  Intarsia  auf  geschweiftem  Grundrii,  Berlin  D 

durch,  unterbrochen  durch  einWappenfeld  in  der  Mitte.  Oft  sind  die  Darstellungen 
auch  auf  einzelne  Felder  verteilt,  die  durch  Pilaster  oder  Karyatiden  gerahmt,  ge- 
legentlich auch  in  Kartuschen  gestellt  sind.  Auf  den  Ecken  findet  man  oft  Figuren 
gefangenerBarbaren,  bei  mehr  geschweifterFormVoluten  mitfantastischenfigür- 
lichen  Gebilden,  wie  sie  für  das  beginnende  Barock  charakteristisch  sind.  Unter 
der  eigentlichenWandung,  zwischen  den  Löwenklauen,  regelmäßig  ein  nach  unten 
bewegt  ausgeschnittenes  Zargenbrett  mit  ornamentaler  Schnitzerei.  Derartige 
Truhen  bildeten  den  vornehmsten  Schmuck  der  grogen  Sammlungen  der  zweiten 
Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts;  dem  heutigen  Geschmack  liegen  sie  weniger. 
Ihr  künstlerischerWert  liegt  aber  nicht  nur  in  der  virtuosenTechnik  derSchnitze- 
rei,  sondern  in  der  schwungvollen  Komposition,  die  bei  guten  Exemplaren  sowohl 
das  Relief  wie  die  Gesamtform  mit  ihren  ausdrucksvollen  Konturen  auszeichnet. 
Auf  einem  analogen  Entwicklungsstadium  steht  eine  Gattung  geschnitzter  Truhen, 
die  wohl  besonders  in  MAILAND  [und  GENUA]  gearbeitet  wurden.  Charakte- 
ristisch ist  die  nach  innen  gewölbte  Einbuchtung  derWandung,  auf  welche  Frucht- 
kränze in  hohem  Relief  herabhängen.  D 
Nur  beiläufig  seien  einige  italienische  Truhengattungen  genannt,  die  sich  in 
die  oben  charakterisierte  Gesamtentwicklung  nicht  leicht  einordnen  liegen,  da  sie 
an  der  einfachen,  wenig  belebten  Kastenform  festhalten,  ohne  sie  im  Sinne  des 
fortschreitenden  Zeitgeschmacks  zu  modifizieren.  Besonders  bemerkenswert 
sind  hier  bestimmte,  leicht  erkenntliche  Typen,  die  auf  gewisse  Gegenden  Italiens 
bestimmt  werden  können.  Die  häufigsten  Möbel  derart  —  Truhen  und  kleinere 
Kästen  aus  hellem  Holz  —  einfachster  Form,  fast  ohne  Profile,  sind  charakteri- 
siert durch  ihren  Dekor  auf  AUSGEHOBENEM  und  GEÄTZTEM  GRUNDE.  Die 
Ornamentik  bildet  stets  krauses  Blattwerk;  doch  sind  diese  Stücke  besonders 
interessant  durch  ihre  figürlichen  Darstellungen  —  auch  auf  den  Innenseiten  — , 
die  zumeist  mythologische,  allegorische  und  gesellschaftliche  Gegenstände  zeigen 
und  durch  die  Eleganz  der  Bewegungen  und  Kostüme  von  größtem  kulturge- 
schichtlichen Werte  sind.  Bei  gut  erhaltenen  Exemplaren  ist  noch  die  Ausfüllung 
des  ausgehobenen  Grundes  durch  farbige  —  zumeist  grüne  und  rote  —  Masse  er- 

444 


D  Abb.  349:  Kästchen  mit  Malerei,  London  D 

kennbar,  die  für  die  Wirkung  dieser  Arbeiten  wesentlich  war.  Durch  ihren  Stil 
sind  sie  etwa  auf  die  Zeit  Pisanellos  zu  datieren.  Ihre  örtliche  Entstehung  ist  auf 
das  Gebiet  zwischen  PADUA,  VERONA,  BRESCIA  und  TRIENT  zu  bestimmen. 
Es  sei  bemerkt,  dag  in  derTechnik  undStruktur  dieserMöbel  eine  enge  Verwandt- 
schaft mit  tirolischen  gotischenMöbeln  besteht.  —  Eine  andere,  seltenere  Gattung 
altertümlicher  italienischer  Truhen  stammt  aus  dem  nördlichen  APPENIN;  sie 
zeigen  in  einer  Art  Kerbschnitt  geometrische  Ornamente  gotischen  Charakters. 
Häufiger  ist  eine  andere  Gruppe  von  Truhen,  die  anscheinend  in  den  MARKEN 
heimisch  ist:  hohe,  nicht  sehr  breite  Kisten  aus  Nugholz,  deren  einziger  Schmuck 
im  Gegensatz  zu  den  übrigen  italienischen  Truhen  in  durchbrochenen  eisernen 
BESCHLÄGEN  und  dem  SCHLOSSE  besteht  [Abb.  336 1.  Das  Innere  zeigt  gele- 
gentlich einfache  Einlegearbeit  und  kleine  Fächer  mit  besonderem  Verschlug.  Ist 
bei  all  diesen  provinziellen  Möbeln  eine  Verwandtschaft  mit  eigentlich  gotischen, 
nicht  spezifisch  italienischenFormen  undTypen  erkennbar,  so  hat  für  eine  andere 
Truhengattung  der  Orient  das  Vorbild  geliefert;  es  sind  die  Truhen  und  Kästen, 
die  ihren  Schmuck  durch  feine  EINLEGEARBEIT  mit  Ellfenbeinplättchen  und  ge- 
gefärbten Knochen  und  Hölzern,  die  geometrische  Muster  bilden,  erhalten.  Die 
ursprüngliche  Heimat  dieser  Möbel  ist  sicherlich  VENEDIG,  dessen  Kunsthand- 
werk auf  so  vielen  Gebieten  vom  Orient  abhängig  ist.  Gemeinhin  bezeichnet  man 
sie  aber  als  CERTOSINA-MÖBEL,  nach  der  Certosa  bei  Pavia,  nahe  von  Mailand. 
Es  ist  möglich,  aber  nicht  erwiesen,  dag  die  Technik  dieser  Möbel  frühzeitig  von 
Venedig  nach  Mailand  übertragen  wurde.  D 

Fast  alle  Formen  und  Dekorationsarten  mit  ihren  charakteristischen  Stilwand- 
lungen, die  wir  an  der  Truhe  verfolgen  können,  lassen  sich  an  kleineren,  oft  sehr 
zierlichen  KÄSTCHt]N  und  KASSETTEIN  beobachten,  die  ziemlich  zahlreich  erhal- 
ten sind.  Als  Behälter  für  kleinere  Wertgegenstände,  Schmuck  und  andere  Toi- 
lettengegenstände waren  sie  neben  den  unifangreiclien  Truhen  unentbehrlich,  zu- 
mal diese,  wie  gesagt,  regelmäßig  keinerlei  Fächer  und  Abteile  enthielten.    Die 

445 


n  Abb.  C50:  Kästchen  mit  Reliefdekor,  London  D 

frühesten  Kästchen  dieser  Art  zeigen  noch  keine  architektonische  Gliederung  und 
geben  dem  Deckel  eine  hohe,  geschweifte  Dachform.  Ein  reizendes  toskanisches 
Beispiel,  welches  mit  seiner  Malerei  und  Punzierung  ein  verkleinertes  Gegen- 
stück zu  den  frühen  Florentiner  Truhen  bildet,  veranschaulicht  Abb.  349.  Neben 
den  langgestreckten,  den  Truhen  entsprechenden  Kästchen,  waren  auch  runde, 
schachteiförmige  Kassetten  in  Gebrauch.  Ein  entzückendes  Exemplar  mit  alle- 
gorischer Malerei  besitzt  der  Louvre  (Kollektion  Charles  Stein).  Es  sei  auch  be- 
merkt, dag  eine  Anzahl  der  frühesten  Florentiner  Kupferstiche  zum  Schmucke 
derartiger  Schachteln,  auf  die  sie  geklebt  wurden,  dienten.  D 

Ungemein  selten  sind  die  dem  Stile  nach  oberitalienischen  Kassetten,  mit  Dar- 
stellungen aus  dem  Ritterleben  in  Reliefschnitzerei  mit  sorgfältiger  Bemalung 
und  Vergoldung  [Abb.  350].  Eine  große  Anzahl  von  Schmuckkästchen,  zumeist 
kleinen  Formats,  die  in  ganz  frühe  Zeit  zurückgehen,  sind  in  Venedig  in  der  Werk- 
statt der  Embriacchi  entstanden  und  schon  bei  Betrachtung  des  gotischen  Kunst- 
gewerbes |S.358J  besprochenworden.  Charakteristischfür Venedigsindnochzwei 
andere  Kassettengattungen;  zunächst  die  besonders  häufigen,  aus  der  zweiten 
Hälfte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts,  die  auf  vergoldetem  Grunde  kleinfigurige 
Reliefs  in  sogenanntem  PASTIGLIADEKOR  zeigen,  d.  h.  in  einer  hellen,  grauen 
Masse  [Pasta],  die  in  Formen  geprefit  und  nachziseliert  wurde  [siehe  Tafel].  Zu- 
meist gelten  diese  Arbeiten  als  florentinisch,  sie  sind  aber  dem  Stile  nach  venezia- 
nisch. Die  Darstellungen  zeigen  regelmägigBegebenheiten  aus  der  römischen  Ge- 
schichte, Trionfi  usw.  Bereits  aus  dem  sechzehnten  Jahrhundert  stammen  dann  die 
recht  seltenen  venezianischen  Kästchen  mit  LACKMALEREI,  die  besonders  inter- 
essant sind,  weil  sie  wiederum  den  Einfluß  des  Orients  auf  Venedig  zeigen  [Abb.  35 1]. 
Ihr  typischer  Dekor  besteht  in  feinen  Goldarabesken  auf  schwarzem  Grunde  mit 
zumeist  roten  und  dunkelgrünen  Feldern.  — Auch  aus  der  Blütezeit  der  florentini- 
schen  Kunst  sind  uns  schöne  Kassetten  erhalten,  im  Aufbau  den  Truhen  ganz  ent- 
sprechend, wie  diese  aus  Nufjiolz  mit  diskreter  Vergoldung,  bei  sparsamer,  aber 

446 


D  Abb.  351:  Venezianischer  Kasten  mit  Malerei,  Berlin,  Kunstgewerbemuseum  D 

kräftiger  architektonischer  Dekoration.  Für  den  ornamentalen  Geschmack  Sienas 
ist  die  Kassette  von  ANTONIO  BARILE  im  Rathaus  daselbst  ein  hervorragendes 
Beispiel  [siehe  die  Tafel].  D 

Neben  der  Truhe  wäre  das  BETT,  besonders  das  große  Ehebett,  als  das  wich- 
tigste Möbel  einer  italienischen  Renaissance-Einrichtung  zu  nennen;  auf  seine  Aus- 
stattung mugte  um  so  größerer  Wert  gelegt  werden,  als  das  Schlafzimmer  bis  zum 
Ausgang  dieser  Epoche  als  Wohnzimmer  diente.  Aber  italienische  Betten  sind  uns 
aus  dieser  Zeit,  von  ganz  wenigen  Ausnahmen  abgesehen,  nicht  erhalten,  so  daß 
wir  auf  die  bildliche  Darstellung  in  zeitgenössischen  Gemälden  angewiesen  sind 
[vgl.  Abb.  337— 339,  353J.  Den  eigentlichen  Körper  des  Bettes  bildet  ein  wuchtiger, 
hoher  Kasten,  der  von  einer  Stufe  umgeben  war,  die  zugleich  als  Bank,  wie  als 
truhenartiger  Behälter  dienen  konnte.  In  Venedig  trat  seit  der  Mitte  des  16.  Jahrh. 
an  Stelle  des  schweren  Bettkastens  ein  geschnitztes  Gerüst,  welches  den  Überzug 
und  die  Decken  des  eigentlichen  Lagers  zur  Wirkung  kommen  ließ,  wie  in  Venedig 
überhaupt  die  mit  der  Wirkung  der  Stoffe  arbeitende  Tapeziererkunst  mehr  zur 
Geltung  kam,  als  im  übrigen  Italien.  In  vornehmen  Einrichtungen  scheint  das  Bett 
wenigstens  in  der  Hochrenaissance  stets  einen  Baldachin  gehabt  zu  haben,  in  Ve- 
nedig häufiger  und  früher  als  in  Florenz.  In  dem  erhaltenen  venezianischen  Pa- 
radebett der  Sammlung  Piot  im  Louvre  tragen  vier  Pfosten  den  Baldachin,  der  als 
Kassettendecke  gebildet  ist  mit  gemaltem  Mittelfeld ;  das  Holz  ist  gold  und  blau  be- 
malt. Häufiger,  wenn  auch  selten,  sind  italienische  WIEGEN  erhalten.  Der  eigent- 
licheKörper  ist  nach  Art  der  Truhen  gebildet,  derUnterteil  wird  analog  denStand- 
brettern  der  Tische  behandelt.  Die  beiden  bekanntesten  Exemplare  italienischer 
Renaissancewiegen  befinden  sich  in  den  Kunstgewerbemuseen  zu  Köln  und  Paris. 


447 


D  Abb.  352:  Florentiner  Cassapanca.   Berlin,  Kunstgewerbemuseum  D 

In  engstem  sachlichen  und  formalen  Zusammenhang  mit  der  Truhe  stehen  drei 
Gattungen  Florentiner  Möbel,  die  in  der  Einrichtung  des  Renaiseancehauses  eine 
Rolle  spielten:  die  einfache  Sitzbank,  die  Cassapanca  und  der  Thron.  Obgleich  die 
Mehrzahl  derTruhen,  zugleich  alsBÄNKE  dienen  konnten,  gibtesgewisseFloren- 
tiner  Kastenmöbel  des  fünfzehnten  Jahrhunderts,  in  denen  ihre  Zweckbestimmung 
als  Bank  derartig  zum  Ausdruck  gebracht  ist,  dag  sie  als  besondere  Gruppe  den 
eigentlichen  Truhen  gegenübergestellt  werden  dürfen,  —  trotzdem  auch  sie  zu- 
gleich alsTruhen  dienten,  da  ihrSitzbrett  oder  wenigstens  einTeil  desselben  nach 
Art  eines  Deckels  aufzuklappen  ist.  Im  Aufbau  lassen  diese  —  stets  ohne  Lehnen 
gearbeiteten  —  Bänke  vor  allem  folgende  Unterschiede  gegenüber  den  eigent- 
lichen Truhen  erkennen:  es  ist  bei  ihnen  z.B.  der  Grundriß  oft  nicht  viereckig, 
sondern  geschweift,  indem  dieWandung  in  gebogenerLinie  an  die  breitere  gerade 
Rückseite  ansetzt,  [vgl.  Abb.  348].  Eine  andere  Gruppe  hat  die  Form  einer  auf  ein 
vorspringendes  Trittbrett  gestellten  Truhe  mit  gewölbter,  nach  unten  eingezogener 
Vorderwand.  Die  Dekoration  dieser  ungemein  vornehmen  Möbel  ist  eine  denk- 
bar einfache  und  besteht  fast  ausschließlich  in  den  Profilen  und  geometrischen  In- 
tarsiaornamenten, die  die  künstlerische  Wirkung  des  Aufbaues  und  der  Teilungen 
diskret  betonen.  D 

Zu  denklassischenSchöpfungenderFlorentinerMöbelkunstgehört  die  CASSA- 
PANCA, wie  der  Name  sagt  gleichfalls  eine  Verbindung  von  Truhe  undBank,  aber 
durch  die  Ausstattung  mit  Rück-  und  Seitenlehnen,  und  zumeist  auch  schon  durch 
ihren  bedeutenden  Umfang,  von  stärkerer  Monumentalität,  als  die  eben  besproche- 
nen Bänke  |Abb.  352|.  Die  Cassapanca,  die  in  der  zweiten  Hälfte  des  fünfzehnten 
Jahrhunderts  aufkommt,  zeigt  rechtwinkeligen,  truhenförmigen  Körper,  dessen  Ba- 
sis unmittelbar  auf  einem  vorstehenden  Trittbrett  aufliegt.  Die  kräftig  gegliederten, 
nach  Art  einer  Brüstung  gebildeten  Lehnen  stehen  rechtwinklig  zu  einander  und 
senkrecht  auf  dem  Sitzbrett;  nur  die  Seitenlehnen  sind  gelegentlich  geschweift. 
Nach  oben  schließen  die  Lehnen,  entsprechend  der  Gesamtform  des  Möbels,  zu- 
meist in  einer  kräftigen  Horizontale  ab;  nur  an  besonders  reich  geschnitzten  Exem- 

448 


1-- 


ff 


s 


(OBEN)  PASTIGLIAKASTKN  ■  HKKLIN,  KGL.  Kr\S'rilK\VI{RHHMrSEUM 
[UNTEN]  GESCHNITZTE  KASSETTE  •  SIENA,  PALEAZZO  COMUNALE 


a  Abb.  353:  Predellenbild,  Schlafzimmer  mit  Thron  in  Casa  Buonarotti,  Florenz  D 

plaren  der  Hochrenaissance  findet  sich  auf  der  Rücklehne  ein  bekrönender  Auf- 
satz, wie  die  Hochrenaissance  ja  auch  in  dieses  ursprünglich  besonders  strenge 
Möbel  eine  größere  Bewegung  gebracht  hat.  Ihrer  ganzenBeschaffenheit  nach  ist 
die  Cassapanca  der  Vorläufer  des  modernen  Sophas;  den  Mangel,  den  sie  diesem 
gegenüber  hat,  die  fehlende  Polsterung,  wurde  beim  Gebrauch  durch  Auflage  be- 
weglicher Kissen  gemildert.  Erwähnt  sei  hier  auch  eine  bestimmte  Gattung  von 
Bänken,  obwohl  sie  nichts  mit  derTruhenbank  zu  tun  hat.  Sie  sind  doppelseitig  zu 
benutzen  mit  beweglicher  Lehne.  Da  die  wenigen  erhaltenen  Exemplare  sich  nur 
in  kirchlichen  Nebenräumen  befinden,  scheinen  diese  Bänke  in  Italien  nicht  im 
Hause  gebraucht  worden  zu  sein,  obwohl  ein  ganz  entsprechendes  Möbel  bereits 
in  gotischer  Zeit  in  Frankreich,  Spanien  und  den  Niederlanden  als  beliebtes  Ein- 
richtungsstück nachweisbar  ist.  □ 
Das  dritte,  mit  der  Truhe  zusammenhängende  Möbel,  der  THRON,  ist  gleich- 
falls eine  florentinische  Schöpfung  der  Frührenaissance:  eine  Steigerung  der 
Cassapanca  zu  einem  erhöhten  Wandsitz,  der  nur  in  den  vornehmsten  Familien 
in  Gebrauch  war  und  vermutlich  auch  dort  nur  bei  offiziellen  Empfängen  großen 
Stiles  benutzt  wurde.  Von  der  Cassapanca  unterscheidet  sich  der  Thron  dadurch, 
dag  die  Rücklehne  durch  eine  hohe  Täfelung  erhöht  wird,  die  oben  durch  ein 
reiches  Gesims  abgeschlossen  ist.  Aus  bildlichen  Darstellungen  können  wir  ent- 
nehmen, dag  der  Gebrauch  des  Thronsitzes  schon  der  gotischen  Zeit  bekannt  war; 
doch  sind  selbst  aus  späterer  Zeit  nur  ganz  wenige  Exemplare,  und  diese  nicht  in 
bestem  Zustand,  erhalten.  Das  wichtigste  Beispiel,  der  Thron  des  Filippo  Strozzi, 
befindet'sich  in  Pariser  Privatbesitz.  Auf  unseren  Abbildungen  florentinischer 
Innenräume  [vgl.  Abb.  337,  353 1  ist  der  Thronsitz  in  verschiedenen  Stadien  seiner 

450 


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D  Abb.  354—356;  Geschnilzte  Schemel,  Florenz,  16.  Jahrhundert 

Entwicklung  deutlich  erkennbar.  Die  Gesamterscheinung  des  florentinischen  Thro- 
nes dürfte  vor  allem  durch  die  Thronsitze  der  hohen  Geistlichkeit  in  den  Kirchen 
und  die  Wandbänke  in  den  vornehmen  Amtsräumen  der  Rathäuser  und  anderer 
öffentlicher  Bauten  bestimmt  worden  sein.  D 

Im  Anschlug  an  die  monumentalen  Wandsitze  seien  zunächst  die  dem  täglichen 
Gebrauch  dienenden,  beweglichen  Sitzmöbel  besprochen.  Es  liegt  in  der  Natur 
der  Sache,  dag  diese  im  allgemeinen  nicht  in  der  Weise  Gegenstand  künstlerischer 
Bearbeitung  wurden,  wie  jene  monumentalen  Sitzmöbel,  die  schon  durch  ihren 
Umfang  in  der  dekorativen  Anlage  eines  jeden  Zimmers  eine  große  Rolle  spielen 
müssen.  Daher  sind  hier  auch  die  landschaftlichen  Sonderheiten  in  der  künstle- 
rischen Behandlung  nicht  so  deutlich  zu  erkennen,  wie  bei  der  Truhe  und  Bank, 
und  wenigstens  ihre  eigentlichen  Formtypen  waren  über  ganz  Italien  verbreitet. 

Im  wesentlichen  kann  man  drei  Gattungen  stuhlartiger  Möbel  in  der  italie- 
nischen Renaissance  unterscheiden:  den  SCHEMEL  |SCABELLO|,  den  STUHL 
ISEDIAj  und  den  SESSEL  |POLTRONE|.  Den  SCHEMEL  kennen  wir  sowohl  ohne 
Lehne,  als  Hocker,  wie  mit  Lehne.  Das  Sitzbrett  ist  regelmäßig  polygonal  und  ein- 
fach profiliert.  Der  Unterteil,  der  das  Sitzbrett  trägt,  besteht  bei  einfachen  Ge- 
brauchsstücken aus  drei  bis  vier  sperrig  gestellten  Beinen,  in  welcher  Form  der 
Schemel  abseits  von  den  großen  Zentren  sich  jahrhundertelang  erhalten  hat  und 
auch  schon  der  Gotik  bekannt  war.  Bei  künstlerisch  reicher  durchgeführten 
Exemplaren  wurde  jedoch  der  Unterteil  aus  eigentlichen  Standbrettern  gebildet, 
die  breiten  Raum  für  eine  künstlerische  Bearbeitung  boten.  Die  Standbre\ter  sind 
regelmäßig  etwas  schräg  zu  einander  gestellt,  so  daß  sie  nach  unten  hervortreten 
und  die  Standfläche  vergrößern.  Die  italienischen  Schemel  zeigen  entweder  zwei 
29='=  451 


O      Abb.  357:  Klappstuhl  mit  Certosinaraosaik,  London      D 


oder  vier  Standbretter.  Letztere 
Form  scheint  besonders  im  Quat- 
trocento beliebt  gewesen  zu  sein; 
wir  finden  sie  auf  bildlichen  Dar- 
stellungen schon  im  Anfang  des 
Jahrhunderts,  noch  mit  gotischen 
Reminiscenzen.  In  der  Hochrenais- 
sance war  dagegen  die  Schemel- 
form mit  zwei  Standbrettern,  die 
zugleich  den  Schmuck  der  Vor- 
der- und  Rückseite  bilden,  bevor- 
zugt. Derartige  Schemel  sind  uns 
besonders  in  florentinischen  Ex- 
emplaren aus  der  Mitte  des  sech- 
zehnten Jahrhunderts  zahlreich 
erhalten,  wenigstens  in  reichge- 
schnitzten Prachtexemplaren, 
während  einfachere  Stücke  sehr 
selten  sind.  Entsprechend  dem  be- 
wegten dekorativen  Geschmack, 
den  auch  die  Gestaltung  der  Tru- 
hen in  dieser  Zeit  bestimmte,  zei- 
gen die  Standbretter  einen  beweg- 


ten Umriß,  der  volutenförmig  gebildet  ist,  und  tragen  zumeist  eine  Maske  oder 
eine  Wappenkartusche  auf  den  Schauseiten;  den  unteren  Abschlug  bilden  Löwen- 
klauen: all  dies  in  virtuoserSchnitzerei,  die  durch  Vergoldung  belebt  ist.  Zwischen 
den  Standbrettern  und  dem  Sitze  ist  ein  zargenartiges  Zwischenstück  eingefügt, 
das  zumeist  mit  Pfeifenwerk  besetzt  ist.  Erhielt  der  Schemel  eine  Lehne,  so  ist 
diese  als  Rückenbrett  gebildet  und  in  der  Form  und  Dekoration  dem  vorderen 
Standbrett  konform  behandelt  [Abb.  354 — 356].  Aus  dem  fünfzehnten  Jahrhun- 
dert ist  nur  ein  einziger  Schemel  bekannt,  der  Strozzischemel  bei  Dr.  Figdor  in 
Wien;  das  achteckige,  zart  profilierte  Sitzbrett  ruht  auf  drei  kantigen  Beinen;  das 
Rückenbrett  ist  sehr  hoch  und  schmal  und  trägt  als  Bekrönung  ein  geschnitztes 
Medaillon  mit  dem  Strozziwappen.  D 

Eigentliche  Stühle,  mit  vierBeinen  undRückenlehne,  sind  uns  nur  aus  dem  Aus- 
gang unserer  Epoche  erhalten.  Doch  kann  man  annehmen,  daf)  gerade  gewisse 
Typen  einfacher  italienischer  Stühle  des  siebzehnten  Jahrhunderts,  die  recht 
häufig  vorkommen,  aber  von  den  Sammlern  bisher  wenig  beachtet  wurden,  eigent- 
licheRenaissanceformen  getreu  bewahrt  haben.  DieBeine  sind  zumeist  vierkantig 
und  durch  Querhölzer  verbunden;  die  Vorderbeine  oft  auch  balusterförmig  ge- 
dreht. Die  Hinterbeine  setzen  sich  nach  oben  fort,  um  die  Steifen  der  Lehne  zu 
bilden,  undwerden  oben  durch  ein  geschnitztes  Akanthusblatt  auf  der  Vorderseite 
abgeschlossen.  Die  Lehne  besteht  aus  einem  oder  zwei  einfachen,  geschnitzten 
Rückenbrettern,  die  die  Steifen  verbinden  und  mit  den  Querhölzern  zwischen  den 

452 


Vorderbeinen  korrespondieren.  Seit  der 
Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  wird 
die  Lehne  bei  leichten,  zierlichen  Stühlen 
auch  alsBalustergallerie  gebildet.  Der  Sitz 
bestand  bei  einfachen  Stühlen,  wenn  nicht 
aus  Holz,  aus  einfachem  Rohrgeflecht,  auf 
das  ein  Kissen  gelegt  wurde.  Waren  die 
Stühle  gepolstert,  so  bildete  Leder  oder 
Samt  den  Überzug,  und  in  gleicher  Weise 
wurde  dann  zumeist  auch  die  Rücken- 
fläche zwischen  den  Steifen  der  Lehne 
bespannt.  Die  Reihen  der  Nägel  mit  ihren 
großen  runden  oder  langgestreckten  glän- 
zenden Bronzekuppen  geben  dem  Bezug 
seinen  wirkungsvollen  Abschlug.  Eine  An- 
zahl niedriger  Stühle  aus  der  zweiten 
Hälfte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  sind 
durch  ihre  Polychromie  bemerkenswert. 
[vgl.  Abb.  364.]  D 

Dem    Polsterstuhl,   wie    er    eben    SUm-    a  Abb.  358:  Klappstuhl  mit  Schnitzerei.  London  D 

mansch  beschrieben  wurde,  entspricht  in  den  Grundzügen  des  Aufbaus  und  der 
Dekoration  der  größere  WANDSESSEL  mit  Armlehnen:  ein  klassisches  Möbel  der 
italienischen  Hochrenaissance,  welches  von  dort  seinen  Siegeszug  durch  ganz 
Europa  antrat.  Da  der  Sitz  des  Wandsessels  regelmäßig  gepolstert  war  und  Rück- 
lehne und  Sitz  stets  konform  behandelt  wurden,  befinden  sich  die  geschnitzten 
Querhölzer  hier  nur  zwischen  den  Beinen,  während  die  Rücklehne  mit  Stoff  oder 
Leder  bespannt  ist.  Die  Armlehnen  sind  wagerecht  und  ruhen  vorne  auf  geraden 
Stützen,  die  glatt  oder  auf  der  Vorderseite  mit  einem  Akanthusblatt  verziert, 
später  balusterförmig  behandelt  sind.  Die  Beine  ruhen  häufig  auf  Schienen.  Bei 
gut  erhaltenen  Exemplaren  ist  noch  die  Vergoldung  auf  den  Bekrönungen  der 
Steifen,  den  Stützen  der  Armlehnen  und  dem  Querholz  der  Vorderseite  erkennbar. 
Die  spanischen  Wandsessel  dieser  Art  sind  besonders  durch  die  kunstvolle  Be- 
handlung des  Leders  bemerkenswert.  D 
In  früliere  Zeit  als  der  monumentale  Wandsessel  läßt  sich  der  bewegliche 
KLAPPSESSEL  zurückverfolgen,  der  besonders  als  Ruhe- undArbeitssessel  diente. 
Er  war  bereits  dem  Mittelalter  |als  Faldistorium,  daher  Fautcuil]  bekannt.  Die 
italienische  Renaissance  kennt  ihn  in  zwei  Typen.  Die  eine,  aus  einer  ganzen  Reihe 
kreuzweise  ineinandergreifender  Latten  bestehend,  die  oben  in  die  Armlehnen, 
unten  in  je  eine  Schiene  auslaufen,  ist  unmittelbar  aus  der  Gotik  übernommen  und 
gleichzeitig  wie  in  Italien  und  Spanien  auch  in  der  Schweiz  und  in  Tirol  nachweis- 
bar. Die  Rücklehne  bildet  ein  bewegliches,  ausgeschweiftes  Brett,  den  Sitz  bildet 
gleichfalls  bewegliches  Lattenwerk,  auf  welches  beim  Gebrauch  ein  Kissen  gelegt 
wurde.  Die  Dekoration  beschränkt  sich  auf  einfache  kerbschnittartige  Motive  auf 
dem  Rückenbrott  und  der  Schauseite  dos  vordersten  Lattenpaares;  echte  Exem- 

453 


plare  mit  reicherer  ornamentaler  Schnitzerei  sind  ungemein  selten  [Abb.  358].  Im 
Handel  wird  diese  Form  des  Klappsessels  SAVONAROLASTUHL  genannt.  Bei 
der  zweiten  Form  des  italienischen  Klappsessels,  mit  ebenso  wenig  Berechtigung 
'Dantesca',  DANTESTUHL,  genannt,  besteht  das  Gestell  aus  nur  zwei  sich  durch- 
kreuzenden Paaren,  die  nur  durch  die  Standschienen  und  die  leicht  geschweiften 
Armlehnen  zusammengehalten  sind  [Abb.  357].  Sitz  und  Rückenlehne  sind  beweg- 
lich, aus  Samt  oder  Leder,  und  wurden  wohl  erst  im  sechzehnten  Jahrhundert,  als 
der  ursprüngliche  Sinn  der  Konstruktion  vergessen  war,  fest  gepolstert.  Im  übri- 
gen beschränkt  sich  die  Dekoration  vor  allem  auf  die  wirkungsvolle  Ausgestal- 
tung der  Konturen  des  massiven,  aber  elegant  bewegten  Gestelles,  und  sparsame 
Schnitzerei  auf  den  Armlehnen.  In  Oberitalien  waren  derartige  Klappsessel  mit 
Certosinamosaik  [s.  o.]  beliebt.  D 

Zu  erwähnen  sind  hier  auch  die  nur  in  wenigen  Beispielen  erhaltenen  KLAPP- 
SESSEL aus  METALL,  bei  denen  das  Kreuzgestell  aus  Eisen  oderBronze  besteht. 
Die  beiden  Systeme  des  einfachen,  fast  schmucklosen  Gerüstes  sind  durch  Quer- 
stäbe verbunden,  den  oberen  Abschlug  bilden  aufgesetzte,  vergoldete  Kugeln,  den 
Sitz  ein  loses  Kissen.  Obwohl  der  Gebrauch  derartiger  Metallsessel  in  bildlichen 
Darstellungen  gelegentlich  auch  im  Hause  nachweisbar  ist,  scheinen  sie  doch  vor- 
nehmlich als  kirchliche  Möbel  für  die  Geistlichkeit  gedient  zu  haben,  im  Anschlug 
an  die  mittelalterlichen Faldistorien,  wie  ein  solches  mit  noch  romanischen  Formen, 
aber  schon  aus  gotischer  Zeit,  das  Domkapitel  zu  Perugia  bewahrt.  Tatsächlich 
befinden  sich  noch  heute  —  resp.  vor  einigen  Jahren  —  mehrere  derartiger  eiser- 
ner Klappsessel  im  Besitz  der  Kirche  Santa  Trinitä  in  Florenz.  Im  übrigen  sind  sie 
nicht  nur  in  Florenz  und  Venedig,  sondern  in  ganz  Mittel-  und  Oberitalien  wenig- 
stens in  bildlichen  Darstellungen  [z.  B.  auf  einem  Fresko  Costas  in  Bologna]  nach- 
weisbar. Häufiger  erhalten  sind  entsprechende  spanische  Sessel,  zumeist  schon 
aus  dem  siebzehnten  Jahrhundert.  D 

Eine  Gattung  von  Möbeln,  die  diesen  Metallsesseln  durch  die  Betonung  des 
konstruktiven  Gerippes  im  Charakter  verwandt  ist,  mug  gegen  Ausgang  der  Früh- 
renaissance in  Venedig  beliebt  gewesen  sein.  Besonders  auf  den  Bildern  Car- 
paccios  finden  sich  solche  Möbel,  deren  einfaches  Gerüst  mit  Stoff  verkleidet  und 
darauf  mit  dicht  aneinandergereihten  metallenen  Nägelkuppen  besetzt  ist  [vgl. 
Abb.  342].  D 

Nach  moderner  Vorstellung  betrachtet  man  TISCH  UND  STUHL  als  etwas  Zu- 
sammengehöriges. Die  Einrichtung  des  Speisezimmers,  die  Notwendigkeit  von 
Arrangements  mit  Sitzgelegenheiten,  die  sich  um  einen  Tisch  als  Mittelpunkt 
gruppieren,  als  Forderung  einer  intimeren  häuslichen  Geselligkeit,  wie  sie  sich 
erst  im  siebzehnten  Jahrhundert  entwickelte,  war  der  italienischen  Renaissance 
so  gut  wie  fremd  und  spielte  in  der  Einrichtung  des  italienischen  Hauses  keine 
Rolle.  Jedenfalls  wurden  die  erhaltenen  italienischen  TISCHE  des  fünfzehnten 
und  sechzehnten  Jahrhunderts  nicht  als  Speisetische  benutzt,  sondern  dienten 
einer  allgemeineren  dekorativen  Bestimmung  in  der  Ausgestaltung  der  großen 
Räume  jener  Zeit  [für  dieTafel  brauchte  man  zumeist  Böcke  oder  ähnliche  'ambu- 
lante'Gestelle,  die  für  die  Mahlzeit  aufgestellt  und  nach  ihrer  Beendigung  entfernt 

454 


D  Abb.  359:  Kredenz,  Berlin,  Kunstgewerbemuseum  ü 

wurden.  Ihre  Ausstattung  war  denkbar  einfach,  da  sie  durch  die  lang  herab- 
hängendenTafeltücher  ganz  bedeckt  waren  -  -  vergl.  die  bildlichen  Darstellungen 
des  Abendmahls],  Die  erhaltenen  italienischenRenaissancetische  lassen  vor  allem 
zwei  Typen  unterscheiden:  den  großen  langgestreckten,  schmalen  Tisch  und  den 
kleineren  runden  oder  polygonalen  Tisch.  Der  langgestreckte  Tisch,  zumeist  von 
großen  Dimensionen,  ist  in  ähnlicher  Weise  in  Florenz,  Rom  und  Venedig  nach- 
weisbar. Das  Prinzip  seiner  Konstruktion  lägt  sich  bis  in  gotische  Zeit  zurück- 
verfolgen: dieTischplatto  ruhtaufzwei,  gelegentlich  auf  dreihohen.  breitenStand- 
brettern,  die  durch  ein  Querholz  |traversaj  verbunden  sind.  Das  Querholz  ist  ur- 
sprünglich durch  die  Standbretter  durchgesteckt  und  durch  Riegel  festgehalten. 
Die  künstlerische  Behandlung  der  Standbretter  sorgt  für  eine  wirkungsvolle  Seiten- 
ansicht, während  das  hochkant  stehende  Querholz  die  Wirkung  der  Vorderansicht 
bestimmt.  Standbretter  und  Querholz  sind  in  energischer  Weise  geschweift,  bei  vor- 
nehmen Exemplaren,  ebenso  wie  der  Rand  der  Tischplatte,  geschnitzt.  Bei  beson- 
ders großen  Tischen  wurde  das  Querholz  flach  auf  den  Boden,  als  breite  Schiene, 
gelegt.  Seltener  ist  in  der  zentralitalienischen  Kunst  eine  andere  Form  des  langge- 
streckten Tisches  nachweisbar,  wo  zwischen  den  Standbrettern  eine  Balusterga- 
lerie mit  Rundbögen,  der  die  ticfgestellte  Traverse  als  Basis  dient,  die  Tischplatte 
trägt.  In  anderer  Weise  war  das  Motiv  der  Balustergalerie  bei  Tischen  von  gerin- 
gerer Monumentalität  im  westlichen  Obcritalion,  besonders  Genua,  und  in  Spanien 

455 


beliebt  Von  Genua  wanderte  dann 
dieser  Typus  in  die  französische, 
besonders  die  Lyoner  Renais- 
sancetischlerei. —  Groger  Erfin- 
dungsreichtum in  der  Dekoration 
und  klare  Tektonik  im  Aufbau 
zeichnet  auch  die  kleineren  Tische 
aus,  deren  Platte  rund,  häufiger 
sechs-  oder  achteckig  gebildet 
ist.  Den  Fuß  bildet  zumeist  ein 
vasen-  oder  balusterförmiger  Trä- 
ger, der  auf  vier  kurzen,  kreuzför- 
mig gestellten,  kantigen  Hölzern 
ruht,  die  in  Löwenklauen  oder 
Palmetten  endigen.  Bei  einfachen 
Tischen  ruht  die  Platte  oft  auf 
einem  eigentlichen  Gestell,  des- 
sen gerade  Beine  durch  Querhöl- 
zer verbunden  und  zumeist  mit 
einem  Flechtband  dekoriert  sind. 
Bei  reichen  Exemplaren  besteht 
der  Fug  oft  aus  drei  bis  vier  präch- 


J  tig    geschnitzten    Standbrettern, 


D  Abb.  360:  Schreibschrank  mit  Intarsia,  London  ü    die  im  Winkel  gegeneinander  ge- 

stellt sind  und  außen  volutenförmig  geschweift  sind.  Die  Tischplatte  erhält  zu- 
meist eine  mit  Pfeifenwerk  besetze  Zarge  oder  ruht  auf  einem  Zwischenstück  mit 
Schubladen.  Die  Mehrzahl  derartigerTische  stammt  aus  Florenz  und  Rom.  —  Aus 
bildlichen  Darstellungen  können  wir  entnehmen,  dag  die  italienische  Renaissance 
auch  für  den  SCHREIBTISCH  eine  besondere,  entwicklungsfähige  Form  gefunden 
hatte;  doch  sind  solche  im  Original  nicht  erhalten.  Ein  klassisches  Beispiel  bietet 
z.  B.  ein  Gemälde  Bronzinos  in  der  National  Gallery  zu  London,  wo  die  viereckige 
Schreibplatte  von  geschnitzten  Putten  getragen  wird.  D 

In  diesem  Zusammenhang  seien  auch  die  monumentalen  Pultbänke  der  Lau- 
rentiana  genannt,  auf  deren  schrägen  Platten  die  Handschriften  und  Bücher  der 
Bibliothek  bewahrt  werden;  auf  den  Dreieckfeldern  der  Wandungen  sind  sie  mit 
geschnitzten  Ornamenten,  analog  den  Schreibpulten  geschmückt.  D 

Zu  den  wichtigsten  und  charaktervollsten  Möbeln  des  italienischen  Hauses  ge- 
hört die  KREDENZ  |CREDENZONE].  Ihrer  Form  nach  ist  sie  ein  Mittelding 
zwischen  Truhe  und  Schrank:  ein  Wandmöbel,  mehr  breit  als  hoch,  mit  zwei  bis 
vier  Türen,  dessen  Inneres  als  Behälter  diente,  während  auf  der  Platte  das  kost- 
bare Tafelgerät  aufgestellt  wurde,  bei  großen  Festlichkeiten  oft  in  wirkungs- 
vollem dekorativen  Aufbau  nach  Art  eines  Schaubüfett.  Das  Möbel  ist  nach  oben 
und  unten  durch  starke  Horizontalgliederungen  abgeschlossen;  oben  gesimsartig, 
unten  durch  eine  stark  ausladende  Basis,  die  zumeist  auf  Löwenfügen  ruht.   Der 


456 


gesimsartige,  obere  Abschluf;  ent- 
hält unter  der  Zarge  der  vortre- 
tenden, übergreifenden  Deck- 
platte zumeist  Schubläden,  ent- 
sprechend den  Türen  der  eigent- 
lichen Wandung.  Gegenüber  den 
stark  betonten  Horizontalen  der 
Basis  und  des  oberen  Abschlusses 
ist  derAufbau  der  Wandung  durch 
die  energischen  Vertikalteilun- 
gen bestimmt,  die  die  Türen  rah- 
men. Die  Gliederungen  sind  bei 
einfachen  Möbeln  profiliert,  bei 
reicheren  geschnitzt,  zumeist  nur 
mit  strengen  architektonischen 
Dekorationsmotiven,  so  dag  die 
ruhigen  Flächen  der  Türen  einen 
wirkungsvollen  Kontrast  bilden. 
Diese  zeigen,  abgesehen  von  ih- 
rer feinen  Profilierung  zumeist 
nur  eine  Rosette  in  der  Mitte  mit 
einem  Bronzeknopf  als  Griff.  Ihre 
einfache  Tektonik  hat  die  Kre- 
denz bis  in  die  Mitte  des  sechzehn- 
ten Jahrhunderts  mit  besonderer 
Strenge  bewahrt,  so  dag  derar-  °  ^^''-  '''■■  schreibschrank,  London  d 

tige  Möbel  mit  reicheren  ornamentalen  Formen  im  Stile  Sansovinos  und  Michel- 
angelos äußerst  selten  sind  |Abb.  359 1.  Typisch  scheint  dagegen  dieVorliebe  für 
ornamentale  reiche  Schnitzerei  bei  Kredenzen  aus  dem  westlichen  Oberitalien  zu 
sein,  wo  nicht  nur  die  Gliederungen,  sondern  auch  die  Türflächen  und  Seitenwan- 
dungen mit  Ornamentik  bedeckt  sind.  Im  Gebiet  von  Bologna,  dessen  Schreiner- 
kunst auch  sonst  besonders  konservativ  ist,  wurden  noch  im  siebzehnten  Jahrhun- 
dert Kredenzen  und  ähnliche  schrankartige  Möbel  gearbeitet,  die  den  strengen 
Charakter  der  Renaissance  in  ihrem  Aufbau  treu  bewahren.  Diese  wirkungsvollen 
Möbel  zeigen  zumeist  keine  Ornamentik,  dieF'lächen  sind  weniger  durch  Profile  als 
durch  erhöht  ausgehobene,  wie  aufgelegt  wirkende,  glatte  Füllungen  belebt,  und 
statt  Schnitzerei  war  der  Beschlag  durch  polierte  Nägelkuppen  beliebt.  D 

Eigentliche  SCHRÄNKE  haben  in  der  italienischen  Hauseinrichtung  vor  dem 
siebzehnten  Jahrhundert  eine  nur  geringe  Rolle  gespielt,  da  sie  neben  der  Truhe 
und  der  Kredenz  kaum  benötigt  wurden.  Immerhin  dürften  Schränke,  die  ja  in 
den  Sakristeien  der  Kirchen  und  den  Rathäusern  stets  in  Gebrauch  waren,  schon 
frühzeitig  gelegentlich  in  den  Wohnungen  eingeführt  wtirden  sein.  Die  Mehr- 
zahl der  nicht  gerade  häufig  vorkonunendon  italienischen  Renaissanceschränke 
ist  zweigeschossig  und  zeigt  eine  I'\)rni,  di(^  etwa  zwei  übcreinandergestellten 


457 


doppeltürigen  Kredenzen,  deren  obere  durch  ein  kräftiges  Kranzgesims  abge- 
schlossen ist,  entsprechen  würde.  Häufiger  und  früher  als  im  übrigen  Italien  war 
der  Schrank  im  genuesischen  Gebiet,  vermutlich  durch  die  engen  Beziehungen 
mit  Frankreich,  in  häuslichem  Gebrauch.  Ganz  ausnahmsweise  nur  sind  einge- 
schossige, hohe  Schränke  nachweisbar;  das  schönste  Exemplar,  inPariserPrivat- 
besitz,  mit  truhenartigem  Sockel  und  Pilastergliederung,  stammt  aus  einer  Syna- 
goge in  Modena.  Da  die  Schränke,  soweit  sie  sich  überhaupt  in  den  italienischen 
Wohnungen  einbürgerten,  zunächst  wohl  hauptsächlich  als  BÜCHERSCHRÄNKE 
verwertet  wurden,  sei  wenigstens  bemerkt,  dag  auch  eigentliche  BIBLIOTHEKEN, 
d.h.  größere  Wandmöbel  mit  Regalen  in  architektonischer  Gliederung  in  den  vor- 
nehmen Famihen,  deren  Bücherliebhaberei  ja  genugsam  bekannt  ist,  gebraucht 
wurden.  Eine  solche  Bibliothek,  mit  Regalen  zwischen  einfachen  Pilastern,  auf 
einer  mit  Türen  geschlossenen  Basis,  im  Besitz  der  Fürsten  Liechtenstein,  gehört 
zu  den  vornehmsten  Erzeugnissen  Florentiner  Schreinerkunst.  D 

Das  einzige  schrankartige  Möbel,  das  in  Italien  allgemein  verbreitet  war,  ist 
der  SCHREIBSCHRANK.  Er  hat  zumeist  nur  mäßige  Dimensionen  und  ist  regel- 
mäßig zweigeschossig.  Der  untere  Teil,  oft  etwas  vorspringend,  ist  zumeist  nach 
Art  einerniedrigen,  zweitürigen  Kredenz  gebildet;  der  obere  Teil,  mit  einem  Kranz- 
gesims versehen,  enthält  Fächer,  die  die  zum  Schreiben  nötigen  Utensilien,  vor 
allem  die  Skripturen  selbst  aufnehmen  konnten,  und  ist  durch  eine  Platte  ge- 
schlossen, die  nach  unten  aufgeklappt  wird  und  dann  als  Schreibfläche  dient,  ganz 
wie  bei  den  späteren  Sekretären.  Abbildung  [Tafelbild:  Schreibschrank,  Kunst- 
gewerbe-Museum, Berlin]  veranschaulicht  einen  besonders  vornehmen  Schreib- 
schrank dieser  Art,  den  das  Berliner  Kunstgewerbemuseum  besitzt,  zwar  aus 
den  Marken  stammend,  aber  offenbar  ein  charakteristisches  Beispiel  Florentiner 
Möbelkunst,  Abbildung  361  zeigt  einen  solchen  mit  der  typischen  genuesischen 
Ornamentschnitzerei.  Mit  den  feinsten  Intarsien  ist  der  Mantuaner  Schreib- 
schrank in  London  [Abb.  360,  in  geöffnetem  Zustand]  versehen,  der  vermutlich 
für  die  Gonzaga  gearbeitet  ist.  In  der  zweiten  Hälfte  des  sechzehnten  Jahrhun- 
derts wurde  eine  besondere  Gattung  solcher  Schreibschränke  in  Florenz  fabri- 
ziert; hier  sind  die  pfostenartigen  Rahmungen,  das  Gesims  und  selbst  die  Griffe 
der  Ausziehhölzer,  auf  denen  beim  Gebrauch  die  Schreibplatte  ruht,  mit  zu- 
sammenhanglosen, figürlichen,  fast  vollrunden  Schnitzereien  bedeckt,  zumeist 
flüchtiger  Ausführung.  So  unerfreulich  diese  Möbel  sind,  sie  werden  doch  noch 
heute  zum  Zwecke  der  Fälschung  in  zahllosen  Exemplaren  hergestellt.  —  Häufig 
ruht  der  eigentliche,  zum  Schreiben  dienende  Oberteil  nicht  auf  einem  schrank- 
artigen Untersatz,  sondern  [vergl.  Abb.360J  auf  einem  offenen  Tische  oder  konsol- 
artigen Gestell.  Hierdurch  wird  der  italienische  Schreibschrank  mit  seinen  zahl- 
reichen Fächern  im  Oberteil  zum  Vorläufer  der  sogenannten  KABINETTE,  die  in 
der  zweiten  Hälfte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  inItalien  und  Spanien  vor  allem 
als  Gegenstand  fürstlicher  Liebhaberei  in  Mode  kamen  und  bald  in  Frankreich  und 
Deutschland  nachgeahmt  wurden.  Bei  derartigen  Möbeln  entwickelte  sich  be- 
sonders die  Vorliebe  für  die  Ausschmückung  mit  buntfarbigen  Marmorstücken, 
Halbedelsteinen  usw.,  in  Spanien  sogar  für  eine  flitterhafte  Verzierung  mit  Perl- 

458 


Gl  •  SCHREIBSCHRANK,  NUSSHOLZ  MIT  VERGOLDUNG 

~N  KÖNIGLICHES  KUNSTGEWERBEMUSEUM,  BERLIN 


O  Abb.  362  und  363:  Florentinische  Kleiderrechen  aus  Nugholz  ü 

Stickerei  [Wien,  Hofmuseum].  Von  iiöherem  künstlerisciien  Wert  sind  die  mit 
prachtvoller  Eisenarbeit  belegten  Möbel  dieser  Art  aus  Mailand,  auf  die  später  zu- 
rückzukommen ist.  Als  kleines  schrankartiges  Möbel  ist  schließlich  dasBETPULT 
zu  erwähnen,  das  im  Schlafzimmer  zustehen  pflegte.  Man  findet  es  häufig  auf  bild- 
lichen Darstellungen,  doch  sind  die  erhaltenen  Exemplare  nur  selten  als  Originale 
anzusehen.  □ 

Im  Zusamenhang  mit  der  Schreinerkunst  und  Holzschnitzerei  wären  noch  eine 
ganze  Reihe  erhaltener  Ausstattungsstücke  zu  nennen,  die  das  Bild  des  italieni- 
schen Hausmobiliars  vervollständigen.  Hierher  gehören  zunächst  einige  Geräte 
und  Dekorationsstücke,  die  als  WANDSCHMUCK  dienten.  So  besitzen  wir  eine 
Anzahl  geschnitzter  Florentinischer  KLEIDERRECHEN  [attaccapannOjCapellinaro, 
ristello],  die  deutlich  bekunden,  dag  auf  die  Ausstattung  dieses  Möbels  groger 
Wert  gelegt  wurde;  sie  zeigen  zumeist  die  Form  eines  langgestreckten  Hänge- 
bretts, aufdessenPeldern  die  kurzen  gedrehtenHölzer  zum  Aufhängen  derKleider 
und  Hüte  hervorragen,  mit  einem  geschnitzten  Ablauf  und  Aufsatz  [Abb.  362  und 
363 1.  Sie  waren  häufig  auch  durch  Malerei  belebt.  Das  einzige  noch  aus  dem 
Quattrocento  bekannteExemplar  ist  mitornamentaler  Intarsia  geziert,  die,  wie  bei 
anderen  Möbelgattungen,  so  auch  hier,  während  der  Frührenaissance  vor  der 
Schnitzerei  bevorzugt  wurde.  D 

Obwohl  in  der  Ausschmückung  der  Wände  mit  Bildern  im  Hause  der  italieni- 
schen Renaissance  die  größte  Zurückhaltung  herrschte,  müssen  hier  doch  die 
kunstvollen  BILDERRAHMEN  wenigstens  erwähnt  werden,  in  denen  dieverschie- 
denen  Kunstzentren  Italiens  hervorragendes  leisteten.  Alle  die  verschiedenen 
Techniken  plastischer  und  malerischer  Art,  die  wir  besonders  bei  derBetrachtung 
der  Truhen  kennen  gelernt  haben,  wurden  auch  zur  Ausschmückung  der  Rahmen 
verwendet,  -  vor  allem  Schnitzerei,  Pastiglia,  Vergoldung  und  Malerei.  In  Auf- 
bau und  Ornamentik  lassen  sich  fast  alle  Stilvvandlungen  der  Zeit  verfolgen,  und 
zwar  in  besonderer  Reinheit  und  Klarheit.  Auf  die  großartigen  Beispiele  erhalte- 
ner monumentaler  Rahmen  für  die  Altarbilder  ist  hier  nicht  einzugehen,  da  sie  zu 
eng  mit  der  architektonischen  Dekoration  verwachsen  sind.  Aber  da  die  große 
Mehrzahl  der  in  den  Privathäusern  befindlichen  Bilder  [und  Reliefs]  der  Andacht 
dienten  —  in  deninvcntarien  selbst  einfacher  Häuser  werden  regelmäßig  mehrere 

459 


Heiligen-  und  Madonnenbilder  genannt  — ,  war  es  natür- 
lich, daß  die  monumentalen  Altarrahmen  die  Rahmen- 
gebung  überhaupt  beeinflußten.  So  entstand  die  Taber- 
nakelform des  Rahmens,  die  besonders  durch  die  floren- 
tinische  Frührenaissance  zur  höchsten  Vollendung 
getrieben  wurde,  während  in  Venedig  bis  gegen  1480 
allgemein  an  den  reiche  a  gotischen  Formen  festgehalten 
wurde.  Der  venezianisch-gotische  Tabernakelrahmen 
des  Quattrocento  zeigt  den  Aufbau  und  die  filigranartige 
Dekoration  der  venezianischen  Gotik,  wie  wir  sie  be- 
sonders aus  den  monumentalen  Altarrahmen  der  Mura- 
nesen  kennen.  An  der  Basis  durchbrochenes  Magwerk, 
Fialen,  Eselsrücken-  und  gekröpfte  Spitzbogen,  oft 
kombiniert  mit  einer  renaissancemägigen  halbrunden 
Muschel.  Den  denkbar  größten  Gegensatz  hierzu  bildet 
der  florentinische  Tabernakelrahmen,  der  dort  schon 
vor  der  Mitte  des  Jahrhunderts  ganz  allgemein  ist  und 
sich  bald  über  ganz  Italien  verbreitete.  Seine  einfache, 
klare,  architektonische  Konstruktion  wird  bestimmt 
durch  die  Basis,  die  rahmenden  Pilaster,  das  Gesims, 
eventuell  den  bekrönenden  Giebel  oder  Bogen.  Bei  den 
einfachsten  Exemplaren  wird  die  Dekoration  nur  durch 
die  farbige  Bemalung  und  Vergoldung  bestritten  und  zu- 
meist auch  auf  Ornamentik  verzichtet.  Auf  der  Basis  fin- 
det man  eine  Inschrift,  oft  von  feinen  Arabesken  durch- 
Maierei  und  Vergoldung.  Berlin,  flochten,  odcr  die  Wappen  der  Besitzer,  die  gern  auch 

D  Privatbesitz  D  ,     ,         t^    ,  ,  ,  i  T        r>,    ^^     , 

auf  den  seitlichenRahmungen  angebracht  wurden.  Selbst 
die  reicheren  Tabernakelrahmen  kleinen  Formats,  die  für  den  häuslichen  Ge- 
brauchdienten, sind  in  Florenz  in  ihrer  Ornamentik  sehr  zurückhaltend  und  unter- 
scheiden sich  gerade  hierin  von  den  venezianischen  Rahmen  dieser  Art.  Die 
Pilaster  z.  B.,  die  bei  den  vorbildlichen  großen  kirchlichen  Altarrahmen  mit  Vor- 
liebe ornamentiert  wurden,  sind  hier  zumeist  nur  kanneliiert ;  regelmäßig  ist  dage- 
gen bei  reichen  Exemplaren  das  Gesims  ornamentiert.  Selbstverständlich  lockert 
sich  die  Strenge  der  konstruktiven  Form  sehr  bald;  statt  der  Pilaster  werden  vor 
das  eigentliche  Rahmengerüst  freistehende  Säulchen  gestellt,  der  Giebel  durch- 
brochen, das  Gesims  verkröpft,  und  schließlich  findet  man  eine  spielerische,  wenn 
auch  elegante,  Auflösung  und  Häufung  der  architektonischen  Formen  besonders 
bei  den  kleinen  Zierrahmen  des  beginnenden  Barocks,  die  statt  dessen  durch  den 
Wert  des  Materials,  Elfenbeineinlagen  und  Bronzebeschläge,  zu  interessieren 
suchen.  Eine  besondere  venezianische  Abart  des  Tabernakelrahmens  |  vornehm- 
lich wohl  kirchlicher  Bestimmung]  ist  für  die  dort  beliebten  Querformate  ent- 
standen und  in  guten  Exemplaren  seit  dem  Beginn  des  sechzehnten  Jahrhunderts 
erhalten;  er  zeigt  Basis  und  Gesims  kräftig  entwickelt  und  als  seitliche  Stützen 
balusterförmiee  Ziersäulen.  D 


Abb.  364:     Niedriger    Miihl   mit 


460 


(JESCHNITZTER  SIENESISCHER  BILDERRAHMEN,  LONDON 
[IM    RAHMEN]    CARPACCIO,   VVOCHENSTUBE       BERGAMO 


'1  ;■/ );■'!>•  ••(, 


Neben  dem  tabernakelförmigen  Rahmen  erfährt  seit 
der  Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  auch  der  ein- 
fache, rechteckige  Bilderrahmen,  dessen  vier  Seiten 
gleichmäßig  behandelt  sind,  seine  Ausbildung.  Selbst 
die  einfachsten  Rahmen  dieser  Art,  die  zwischen  den 
profilierten  Rändern  die  Fläche  der  Rahmenleiste  nur 
durch  gemalte  Ornamente  [in  Gold  auf  farbigem  Grund 
oder  umgekehrt]  beleben,  sind  zumeist  von  trefflicher 
Wirkung.  Florenz  leistet  dann  auch  auf  diesem  Gebiet 
sein  bestes  in  jenen  strengen,  ernsten,  goldgehöhten 
Schnitzrahmen,  die  vor  allem  durch  die  Kraft  ihrer  Pro- 
filierung und  die  Sicherheit  der  Verhältnisse  bei  bewußt 
klassischer  Ornamentik  wirken.  Bei  flachen  Rahmen 
liegt  auf  der  Leiste  zumeist  nur  ein  Ornamentband,  das 
oft  durch  Eckfelder  unterbrochen  wird;  bei  breiteren 
Rahmungen  laufen  auf  den  Kehlungen  mehrere  Orna- 
mentbänder, besonders  ßlattkranz  und  Pfeifenwerk  pa- 
rallel nebeneinander,  die  durch  Zahnschnitt,  Eierstab, 
Perlschnur  abgeschlossen  werden.  Gegenüber  der  stren- 
gen architektonischen  Ornamentik  dieser  f  lorentinischen 
Rahmen  spielt  in  den  anderen  Kunstzentren  —  abge- 
sehen von  Rom  —  die  zierliche  Pflanzen-  und  Ranken 
Ornamentik  zunächst  eine  größere  Rolle.  Hier  sind  vor 
allem  die  venezianischen  Rahmen  mit  Stuckdekor  zu 
nennen.  Sie  sind  entweder  ganz  vergoldet  oder  stellen  ''^^^-  ^^^-  Blasebalg,  London 
die  vergoldeten  Teile  gegen  Blau,  Weiß  oder  Rot.  Der  Stuckgrund  ist  regelmäßig 
punziert.  □ 

Die  feinsten,  technisch  am  höchsten  stehenden  Schnitzrahmen  mit  vielgestalti- 
ger ornamentaler  Reliefschnitzerei  hat  entschieden  Siena  geliefert  |siehe  TafelJ, 
wo  vor  allem  die  Tätigkeit  des  Barile  und  der  ornamentale  Stil  des  Marinna 
schulbildend  wirkte.  Geringer  in  der  Qualität  sind  die  geschnitzten  oberitalieni- 
schen Rahmen,  zumeist  im  Geschmack  des  Formigine.  Im  Laufe  des  sechzehnten 
Jahrhunderts  machte  auch  der  einfache  viereckige  Bilderrahmen  die  charakteristi- 
schen Wandlungen  des  Zeitgeschmacks  durch,  vor  allem  indem  man  die  gerade, 
abschließende  Kontur  des  Rahmens  durch  bewegtere  Linienführung  ersetzte,  am 
einfachsten  durch  seitliche  Anfügung  vclutenförmiger  oder  sonstwie  geschweif- 
ter Zierstücke  an  die  eigentliche  Leiste.  Neben  dem  viereckigen  Rahmen  ist  be- 
sonders der  kreisrunde  Tondorahmen  wichtig,  der  vor  allem  in  Florenz  unter  dem 
Einfluß  der  Robbia  ausgebildet  wurde.  Als  besonders  wichtige  Beispiele  seien  die 
Rahmen  zu  Botticellis  Rundbildern  und  zu  Michelangelos  Madonna  Doni  in  den 
Uffizien  genannt.  Als  besondere  Gattung  sind  die  kleinen  tellerförmigen  Rahmen 
für  Medaillen  zu  nennen.  □ 

Von  dem  Bilderrahmen  verschieden  ist  der  SPIFGKLRAHMKN.  Der  Hohl- 
spiegel mit  seinem  einfachen  runden  Rahmen,  wie  wir  ihn  in  Frankreich,  Deutsch- 


461 


land  und  den  Niederlanden  als  ty- 
pisch finden,  ist  zwar  auch  in  Italien, 
nachweisbar  [z.  B.  auf  einem  Bilde 
Luinis  in  Mailand];  aber  das  übliche 
war  hier  entschieden  die  flache  Spie- 
gelplatte, die  noch  während  der  Hoch- 
renaissance zumeist  aus  poliertem 
Metall  hergestellt  wurde,  obwohl  die 
'specchiai'  schon  wesentlich  früher 
als  besondere  Zunft  innerhalb  der  ve- 
nezianischen Glasarbeiter  nachweis- 
bar sind.  Für  das  eigentümliche  Stil- 
gefühl der  italienischen  Renaissance 
ist  es  nun  ungemein  bezeichnend,  dag 
selbst  diese  kleine  spiegelnde  Fläche 
an  der  Wand  entschieden  als  unan- 
genehm empfunden  wurde;  sie  war 
daher  durch  einen  bemalten  Schiebe- 
deckel verdeckt,  der  nur  beim  Ge- 
brauch geöffnet  wurde.  Da  somit  der 
Spiegel  als  solcher  gar  nicht  wirkte, 
wurde    er   erst   durch   seinen   Rah- 

Abb.   366:    Spiegelrahmen.    Florenz,    16.    Jahrhundert.    mCU  ZU  einem  wirkungsvollen  Waud- 

schmuck  erhoben.  Daher  unterscheiden  sich  die  Spiegelrahmen  schon  durch 
ihre  freiere  und  reichere  Ausgestaltung  von  den  gleichzeitigen  Bilderrahmen,  die 
ja  niemals  als  eigentliche  Zierstücke  gedacht  waren.  Als  besonderes  Merkmal  der 
Spiegelrahmen  ist  die  Anfügung  einer  breiteren  Basis  und  besonders  in  Florenz 
auch  eines  gesimsartigen  Aufsatzes  an  die  untere  resp.  obere  Leiste  des  eigent- 
lichenRahmens  anzusehen;  sodann  aber  dieBereicherung  durch  eine  bewegteBe- 
krönung,  Ablauf  und  Seitendekorationen  |  Abb.  366J.  In  dieser  freienFormbotbeson- 
ders  der  florentinische  Spiegelrahmen  der  Hochrenaissance  den  phantasievollen 
Erfindungen  speziell  des  sansovinesken  und  frühbarocken  Stiles  ein  denkbar  er- 
wünschtes Betätigungsfeld,  und  man  darf  wohl  behaupten,  dag  geradedieserphan- 
tastische  Dekorationsstil  sich  nirgends  mit  gleicher  Feinheit  und  gleich  befriedi- 
gend in  der  Erfindung  ornamentaler  Einfälle  und  der  technischen  Qualität  der 
Schnitzerei  geäußert  hat,  wie  auf  diesem  Gebiete.  Die  eigentliche  Spiegelplatte 
war  in  Florenz  zumeist  viereckig,  in  Venedig  zumeist  rund,  wodurch  sich  hier  bei 
der  breiteren  Form  des  Rahmens  Gelegenheit  zu  feiner  Rankenornamentik  auf  den 
entstehenden  Zwickelflächen  bot.  Besonders  charakteristisch  für  Venedig  sind 
auch  die  dreieckigen  Spiegelrahmen,  gleichfalls  mit  rundem  Spiegelfeld  und  ver- 
goldet. Auch  STANDSPIEGEL,  kleinen  Formats,  zumeist  viereckig  auf  einem 
balusterförmigen  Fug  mit  breiter  Basis,  sind  in  hervorragenden  Beispielen  erhal- 
ten, während  wir  italienische  HANDSPIEGEL  nur  in  bildlichen  Darstellungen  der 
Zeit  nachweisen  können.  D 


462 


Ein  dem  venezianischen  Zimmer 
eigener  Wandschmuck  ist  der  RES- 
TELLO  [restello  da  camera],  eine  Kom- 
bination des  kleinen  Wandspiegels  mit 
einem  Rechen,  dessen  Zinken  zum 
Aufhängen  von  Toilettengegenständen 
dienten.  Leider  ist  kein  einziges  derar- 
tiges Möbel  erhalten.  Wie  hervorragend 
aber  seine  künstlerische  Ausgestal- 
tung war,  ergibt  sich  daraus,  dag  die  be- 
rühmte allegorische  Bilderserie  Bellinis 
in  den  Uffizien  als  Teil  eines  solchen 
restelllo  nachgewiesen  worden  ist.  Wie 
die  florentinischen  Truhen  ihrer  kost- 
baren Gemälde,  so  wurden  auch  diese 

venezianischen  Luxusgeräte   ihres  vor-   Abb.  367:    Bemalte   Holzschüssel    [Desco  da  partoi 

nehmsten  Schmuckes  beraubt,  um  dann  □  in  Turin  □ 

zerstört  zu  werden,  und  vermutlich  sind  auch  andere  venezianische  Profangemälde 
kleinen  Formates,  wie  z.B.  die  mythologischenTondiCimas  inParma.  alsBestand- 
teile  derartiger  Möbel  anzusehen.  D 

Im  Anschlug  an  diese  Mobiliarstücke,  die  als  Wandschmuck  dienten,  seien 
schließlich  die  wichtigsten  erhaltenen  Gattungen  beweglicher  Geräte  und  Deko- 
rationsstücke genannt,  die  in  das  Bereich  des  Kunstschreiners  und  Holzschnitzers 
fielen.  Hierher  gehören  die  BÜSTENSTÄNDER  |sgabelloni|,  die  seit  dem  Beginn 
der  Frührenaissance  besonders  in  vornehmen  florentinisch-römischen  Einrich- 
tungen gebraucht  wurden.  Ihre  Form  ist  am  besten  dem  Hocker  der  Hochrenais- 
sance zu  vergleichen.  Auf  zwei  hohen,  schräg  gegeneinander  gestellten,  unten 
ausladenden  Standbrettern  ein  durch  Profile  gefaßter  Aufsatz  mit  der  übergreifen- 
den Platte,  auf  die  die  Büste  zu  stehen  kam.  Hierher  gehören  ferner  die  kleinen, 
massiven  SCHREIBPULTE,  viereckig,  die  oberePlatte  schräg  gestellt,  so  dag  die 
Seitenflächen  Dreiecke  bilden,  die  gern  mit  Schnitzerei  belebt  wurden.  Im  übri- 
gen wird  ihre  Dekoration  zumeist  nur  durch  ornamentale  Intarsien  und  Profile 
bestritten.  D 

Häufiger  erhalten,  aber  nur  oft  von  geringer  Qualität  der  Arbeit,  sind  die  ge- 
schnitzten BLASEBÄLGE  |Abb.  365],  die  seit  Beginn  der  Hochrenaissance  sehr 
reich  ausgestattet  wurden.  Bei  den  ältesten,  noch  dem  Ausgang  der  Frührenais- 
sance angehörigen  Exemplaren  ist  die  Schnitzfläche  noch  medaillonförmig  kreis- 
rund gebildet  und  zeigt  eine  gewisse  Festigkeit  der  Teilung  und  Rahmung.  Später 
werden  die  Wangen  geschweift  und  nehmen  die  freiesten  Formen  von  Kar- 
tuschen und  Voluten  an,  die  unmittelbar  in  den  bekrönenden  Griff  übergehen.  Den 
unteren  Abschlug  bildet  eine  Maske,  deren  Maul  dasMetallrohr  hält.  Entsprechend 
der  vorgeschrittenen  Stilstufe,  der  die  groge  Mehrzahl  der  erhaltenen  Blasebälge 
angehören,  spielen  figuralc  Dekorationsmotive  eine  groge  Rolle.  Gelegentlich 
findet  man  auch  Darstellungen  erzählenden  Inhalts,  die  dann  zumeist  auf  den 

463 


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D  Abb.  368:  Geflochtener  Korb  mit  Glasboden  von  oben  und  seitlich  gesehen  D 

Zweck  des  Gerätes  anspielen,  z  B.  die  Schmiede  des  Vulkan  auf  einem  Exemplar 
in  London.  Im  Anschlug  an  das  Hausmobiliar  ist  noch  ein  eigenartiges  Gerät  zu 
nennen,  welches  in  der  Frührenaissance  die  kostbarste  Ausstattung  erhält:  Der 
DESCO  DA  PARTO,  ein  rundes  oder  polygonales  Tablett  [Abb.  367],  auf  wel- 
chem der  Wöchnerin  die  Geschenke  dargebracht  wurden.  Sie  sind  weniger  für 
die  Geschichte  des  Kunstgewerbes  als  für  die  Geschichte  der  Malerei  von  Bedeu- 
tung, da  ihre  typische  Dekoration  in  einem  Gemälde  bestand,  welches  die  ganze 
Schauseite  füllte.  Wie  bei  den  Truhengemälden  finden  wir  hier  regelmäßig  pro- 
fane, mythologische  Stoffe,  oft  von  den  ersten  Meistern,  so  daß  derartige  Bilder 
jetzt  zu  den  größten  Schätzen  der  Gallerien  gehören.  Im  sechzehnten  Jahrhun- 
dert wurde  der  desco  da  parto  durch  entsprechende  Majolikagefäße  verdrängt. 
Zu  erwähnen  sind  hier  schließlich  die  MUSIKINSTRUMENTE,  besonders  die 
venezianischen  Klaviere  mit  gemalter  Maureskendekoration,  wie  sie  vor  allem  im 
South  Kensington  Museum  vertreten  sind,  und  die  BRETTSPIELE,  zumeist  ober- 
italienischer Herkunft  mit  Intersiaschmuck.  D 
Häufig  findet  man  auf  bildlichen  Darstellungen  (zumeist  als  Nähkörbe  die- 
nende] Flechtarbeiten.  Einige  wenige  Exemplare  GEFLOCHTENER  KÖRBE  sind 
erhalten,  die  vermutlich  jedoch  eine  kirchlicheBestimmung  hatten,  da  sie  auf  dem 
Boden  regelmäßig  ein  verre  eglomise  |s.  u.J  mit  einem  Madonnen-  oder  Heiligen- 
bild zeigen.  Es  ist  so  interessant  zu  beobachten,  wie  auch  bei  diesen  kleinen  Ar- 
beiten mit  ihrer  zierlichen  Technik  das  monumentale  Stilgefühl  der  italienischen 
Renaissance  zum  Ausdruck  kommt,  daß  wir  ein  Beispiel,  vermutlich  venezianisch, 
um  1500,  durch  die  Abb.  368  veranschaulichen.  D 
DAS  KIRCHENMOBILIAR.  D 
Wie  seit  dem  Beginn  der  christlichen  Aera,  wurden  auch  in  der  italienischen 
Kirche  der  Renaissance  die  monumentalen  Ausstattungsstücke  des  Kirchenge- 
bäudes mit  besonderer  Vorliebe  aus  Marmor  hergestellt.  Trotzdem  bildet  bei  ge- 
wissen kirchlichen  Mobiliarstücken  die  Ausführung  in  Holz  die  Regel;  vor  allem 
bei  den  Chorstühlen,  den  Thronen  der  Äbte  und  Bischöfe,  den  Sakristeischränken, 
Bei  anderen  Dekorations-  und  Gebrauchsstücken  suchte  der  Kunstschreiner  we- 


-164 


D  Abb.  :)69:  Stuhlwtik  mit  Intarsia  [Kinzelheiten].   Perugia,  Cambio  D 

nigstens  zu  konkurrieren  mit  den  Marmor-  und  Bronzekünstlern;  dies  gilt  z.  B.  für 
die  Kandelaber,  Lesepulte,  Kanzeln,  Orgelgehäuse,  Balustraden  usw.  D 

Das  italienische  Kirchenmobiliar  der  Renaissance,  soweit  es  in  das  Bereich  der 
Schreinerkunst  fällt,  zeigt  nicht  die  Mannigfaltigkeit  der  Typen,  die  das  Haus- 
mobiliar dieser  Epoche  so  interessant  macht.  Dafür  bietet  sein  Studium  den  Vor- 
teil, daß  die  Mehrzahl  der  Denkmäler  noch  an  Ort  und  Stelle  erhalten  sind  und  dali 
wir  über  Zeit  und  Ort  ihrer  Entstehung  durch  Urkunden  und  Inschriften  besonders 
gut  informiert  sind.  So  haben  wir  auch  über  die  Namen  und  Persönlichkeiten  der 
bei  ihrer  Ausführung  beteiligten  Künstler  und  Handwerker  so  zuverlässige  Nach- 
richten, wie  kaum  auf  einem  anderen  Gebiete  des  Kunsthandwerks,  so  dalj;  man 
hier  einen  besonders  deutlichen  Einblick  bekommt  in  die  Organisation  der  künst- 
lerischen Arbeitsweise,  die  komplizierte  Art  des  Zusammenarbeitens  der  künst- 
lerischen Kräfte,  das  Verhältnis  von  entwerfenden  und  ausführenden  Meistern. 

30  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  465 


Bei  dem  monumentalen  Charakter  derartiger  Arbeiten  lag  es  vor  allem  nahe,  daf^ 
[besonders  bei  den  grofien  Stuhlwerken]  Architekten,  die  ja  zumeist  auch  als 
Bildhauer  speziell  für  dekorative  Arbeiten  tätig  waren,  zum  mindesten  an  dem 
Entwurf  des  Ganzen  beteiligt  wurden;  so  haben  wir  z.B.  aus  dem  Florentiner 
Kunstkreis  derartige  Arbeiten  von  GIULIANO  und  BENEDETTO  DE  MAJANO 
und  BACCIO  D'AGNOLO,  in  Lucca  von  CIVITALI.  in  Neapel  von  GIOVANNI  DA 
NOLA;  in  Siena  kennen  wir  z.  B.  den  Meister  des  Chorgestühls  der  Scala,  VEN- 
TURA DI  SER  GIULIANO,  zugleich  als  Architekten  von  San  Bernardino.  Da  zu- 
gleich aber  auch  an  die  künstlerische  Gestaltung  der  dekorativen  Ausstattung 
dieser  Arbeiten  die  höchsten  Ansprüche  gestellt  wurden,  lag  es  nahe,  dag  in  ge- 
wissen Fällen  für  die  einzelnen  dekorativen  Teile  besondere  Künstler  verpflichtet 
wurden.  Dies  gilt  vor  allem  für  die  bildmägigen  Intarsien,  zu  denen  Künstler  wie 
BOTTICELLI  [Türen  in  Urbino],  BORGOGNONE  [Gestühl  der  Certosa  in  Pavia], 
ZENALE,BRAMANTINO,LOTTO  [Chorgestühl  inBergamoJdieEntwürfe  lieferten. 
Auf  Grund  dieser  Tatsachen  schreibt  die  Lokaltradition  zumeist  die  besten  Werke 
des  betreffenden  Ortes  den  größten  Meistern,  die  dort  tätig  waren,  oft  ohne  jede 
Berechtigung  zu,  z.  B.  in  Siena  dem  Peruzzi,  in  Perugia  dem  Perugino  und  Rafael. 
Derartige  unbegründete  Zuschreibungen,  die  das  Werk  ehren  sollten,  bedeuten 
jedoch,  wie  schon  Burckhardt  bemerkt  hat,  eine  Unterschätzung  des  'Kunstver- 
mögens, welches  in  gesunderenZeitenüber  das  ganzeVolk  verbreitet  ist',  und  tat- 
sächlich darf  man  annehmen,  dag  in  der  Regel  auch  bei  hervorragenden  Werken 
die  ausführenden  Meister  denEntwurf  des  ganzen  und  seiner  Teile  lieferten.  Auch 
von  diesen  eigentlichen  Kunsthandwerkern  Holzschnitzern  und  Intarsiatoren  ~ 
die  als  wirkliche  Virtuosen  ihres  Faches  anzusehen  sind,  ist  uns  eine  große  Zahl 
dem  Namen  und  ihren  Werken  nach  bekannt.  Aus  diesen  zahlreich  erhaltenen 
Nachrichten  über  die  hier  beschäftigten  Kunsthandwerker  ergeben  sich  manche 
interessante  Schlüsse.  So  erfahren  wir  vor  allem,  dag  grade  auf  diesem  Gebiete 
die  Ausübung  des  Handwerks  sich  zumeist  vom  Vater  auf  den  Sohn  vererbte;  wir 
können  oft  ganze  Familien  und  Generationen  derartiger  Künstler  verfolgen  und 
werden  ohne  weiteres  die  unvergleichliche  Virtuosität  derTechnik  hiermit  in  Ver- 
bindung bringen.  Wir  erfahren  durch  die  überlieferten  Meisternamen  weiter,  da(^ 
neben  den  blühenden  Ateliers  von  FLORENZ  und  SIENA,  deren  Meister  vor  allem 
auch  in  ROM  Beschäftigung  fanden  und  deren  Leistungsfähigkeit  wir  auf  dem  Ge- 
biete des  Hausmobiliars  schon  kennen  lernten,  dag  neben  diesen  seit  dem  letz- 
ten Drittel  des  Quattrocento  die  Tätigkeit  OBERITALIENISCHER  KÜNSTLER- 
FAMILIEN eine  große  Rolle  spielte  und  besonders  auf  dem  Gebiet  der  Intarsia  die 
florentinische  Tradition  ablöste.  Ähnlich  wie  die  Bauhandwerker  und  Steinmetzen 
des  oberitalienischen  Seengebietes  wanderten  diese  Meister  durch  ganz  Italien 
undwerden  sovon  grogerWichtigkeit  für  die  Übertragung  undFiliation  derLokal- 
stile;  gewisse  Erscheinungen,  wie  der  konservative  Cliarakter  des  Ornaments  und 
der  Dekorationsprinzipien,  den  die  hervorragenden  Arbeiten  dieser  Gattung  in 
UMBRIEN  bis  zur  Mitte  des  sechszehnten  Jahrhunderts  bewahren,  ist  unmittelbar 
durch  ihre  Tätigkeit  zu  erklären.  Die  wichtigsten  dieser  Meister  seien  kurz  ge- 
nannt: Aus  der  Familie  der  Canozzi  aus  Lendinara  bei  Rovigo  kennen  wir  LO- 

466 


RENZO  DA  LENDINARA  [Venedig,  Padua  1476],  CRISTOFORO  DA  LENDINARA 
[Modena  1465,  Parma  1473,  Lucca  1484-1488],  seinen  Sohn  BERNARDO  [Parma 
1494,  Ferraral505  ff.].  Lorenzoist  derSchüler  [und  Gehilfe]  des  inVenedig  tätigen 
FRA  SEBASTIANO  SCHIAVONE  [1420—1505],  ebenso  wie  zweiderberühmtesten 
Meister  dieser  Art:  FRA  GIOVANNI  DA  VERONA  [1457—1525;  Arbeiten  in  Santa 
Maria  in  Organo  in  Verona  um  1499,  in  Lodi,  in  Monteoliveto  bei  Siena  1502  1503, 
in  den  Stanzen  des  Vatikans,  in  Neapel]  und  FRA  DAMIANO  ZAMBELLI  DA  BER- 
GAMO [ca.  1480—1549;  Arbeiten  in  Bergamo,  Mailand,  Bologna  1528  ff.,  Perugia 
1536,  Genua  1546).  Gemeinsame  Arbeiten  von  Fra  Damiano  und  seinem  Bruder 
STEFANO  finden  sich  in  Perugia  [vgl.  Abb.  369,  370,  371  und  372]  und  Bologna; 
derselben  Familie  gehört  auch  FRANCESCO  an,  der  1540  in  Genua  arbeitet.  Aus 
Bergamo  stammt  auch  ALESSANDRO  DE'BIGNI,  der  Meister  des  schönen  Chor- 
gestühls in  Forli  von  1532;  aus  Verona  u.  a.  VINCENZO  DA  VERONA,  den  wir  als 
Mitarbeiter  an  dem  Sakristeigetäfel  von  San  Marco  kennen;  aus  dem  benachbar- 
ten Vicenza  kam  schon  bald  nach  der  Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  MARCO 
COZZI  nach  Venedig  [Chorstühle  in  der  Frari  1468  und  in  San  Stefano  1456  ff.], 
später  ROCCO  DA  VICENZA  nach  Perugia  [1524];  aus  Padua  wurde  ELIA 
DE'ROCCHI  nach  Genua  und  Savona  berufen.  Eine  groge  Reihe  von  Künstlern 
dieses  Schlages  stammt  aus  Brescia:  Der  berühmteste  von  ihnen  FRA  RAFAELE 
DA  BRESCIA  [I477bis  1537;  Arbeiten  in  Bologna  und  Monteoliveto  bei  Siena],  aus 
der  Übergangszeit  zum  Barock  BENVENUTO  TORELLI  DA  BRESCIA,  von  dem 
wir  Arbeiten  in  Perugia,  Neapel,  Montecassino  erhalten  haben.  Als  tüchtige  Künst- 
lerfamilien sind  dann  vor  allem  die  in  Bologna  tätigen  DE  MARCHIS  bekannt 
[Agostino  und  die  jüngeren  Brüder  Giacomo,  Pantaleone  und  Biagio]  und  PAOLO 
SACCA,  der  ebenda  und  mit  seinem  Sohne  Giuseppe  in  Cremona  tätig  ist.  Neben 
den  gesuchten  wandernden  Künstlern  sind  natürlich  in  den  meisten  kleinen  ober- 
italienischen Kunstzentren  noch  zahlreiche  Namen  lokaler  Meister  überliefert, 
z.B.  ausPiacenza,  Parma.  Mantua,  Cremona,  wie  auch  in  Umbrien  neben  den  dort 
vorübergehend  tätigen  oberitalienischen  Künstlern  heimische  Künstler  und  Künst- 
lerfamilien |z.  B.  die  Bencivieni  aus  Mercatello,  Bastone  aus  Perugia,  Maffei  da 
Gubbio,  Domenico  Antonio  da  Assisi],  die  unter  deren  Einfluf;  arbeiteten,  nacl;- 
weisbar  sind.  —  Bei  der  Verschiedenheit  der  Techniken  und  dem  hohen  Raffine- 
ment ihrer  Ausführung  ist  es  erklärlich,  dag  gerade  bei  den  vornehmsten  und  an- 
spruchvollsten Arbeiten  die  beteiligten  Meister  sich  spezialisierten;  so  wissen  wir 
z.  B.,  dag,  als  Fra  Giovanni  und  Barile  gemeinsam  für  Leo  X.  in  den  Stanzen  ar- 
beiteten, dieser  die  Schnitzerei,  jener  die  Intarsien  zu  liefern  hatte.  D 
Die  wichtigsten  Denkmäler  dieser  Gattung  bilden  die  CHORSTÜHLE  und  ähn- 
lichen Stuhlwerke  in  den  Kirchen  und  Kapellen,  die  schon  im  Mittelalter  mit  be- 
sonderer Vorliebe  künstlerisch  ausgestattet  wurden  und  deren  Grundform,  soweit 
sie  durch  den  Gebrauchszweck  bestimmt  war,  die  Renaissance  übernahm.  Auf 
die  nur  in  geringen  Beispielen  erhaltenen  gotischen  Stuhlwerke  der  Gattung  vor 
dem  fünfzehnten  Jahrhundert  ist  hier  nicht  einzugehen.  Doch  sei  bemerkt,  dag 
gerade  für  diese  monumentalen  Kircliennu')l)el  gotische  Formen  in  gewissen 
Zentren  während  des  ganzen  Quattrocento  sich  crliieltcn.   Dies  gilt  vor  allem  für 

30*  4G7 


die  stuhlwerke  in  VENEDIG,  die  dieselbe  reicheFormensprache  mit  durchbroche- 
nem Maßwerk  etc.  zeigen,  wie  wir  sie  bei  den  venezianischen  Rahmen  der  Zeit 
kennen  lernten.  Die  wichtigsten  Beispiele  in  der  Frari,  S.  Zaccaria,  S.  Stefano.    D 

Da  bei  der  Ausführung  dieser  Arbeiten  vielfach  Künstler  und  Handwerker  der 
TERRA  FERMA  des  Veneto  beteiligt  waren,  ist  es  nicht  zu  verwundern,  dag  ein 
den  venezianischen  Gestühlen  verwandter  Typus  in  den  Hauptorten  dieser  Gegend, 
vor  allem  in  Verona  und  Padua,  beliebt  war,  —  mit  gotischer  Ornamentik,  aber 
ohne  die  überwiegende,  flächenauflösende  Durchbrucharbeit.  In  Toskana  hat  be- 
sonders SIENA  längere  Zeit  die  gotische  Formengebung  bei  derartigen  Arbeiten 
beibehalten,  da  sienesische  Meister  als  Verfertiger  der  wichtigsten  Werke  dieser 
Gattung  bekannt  sind;  so  ist  das  von  Antonio  und  Pietro  de  Minella  aus  Siena 
[1431/41]  vollendete  Chorgestühl  in  Orvieto  von  Domenico  di  Niccolo  de  Senis  be- 
gonnen, der  auch  das  Stuhlwerk  einer  Kapelle  des  Paiazzo  Publico  in  Siena  arbei- 
tete. Nach  der  Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  sind  gotisierende  Stuhlwerke 
in  Mittelitalien  aber  alsAusnahmen  anzusehen,  wie  z.B.  das  erst  [1491  — 1501]  ent- 
standene Chorgestühl  von  Domenico  Indivino  in  San  Francesco  zu  Assisi.  D 

Obgleich  auch  in  Florenz  einige  altertümliche  Beispiele  beweisen,  dag  man 
gerade  bei  dieser  Gattung  von  Kirchenmöbeln  mit  einer  gewissen  Zähigkeit  an 
gotischen  Elementen  derFormensprache  festhielt  [Chorgestühl  inSanMiniato  und 
im  Paiazzo  Medici],  hat  hier  doch  derEinflug  Bunelleschis  und  Donatellos  zu  einer 
radikalenUmformung  desKirchenmobiliars  imSinne  derRenaissance  geführt,  wie 
vor  allem  die  Holzarbeiten  in  der  alten  Sakristei  von  San  Lorenzo  [Abb.  337]  be- 
weisen. Aus  der  vorgeschrittenen  Frührenaissance  sind  dann  vor  allem  die  Chor- 
stühle derBadia,  z.T.  von  MARCO  DI  DOMENICO  DEL  TASSO.  und  die  alten  Teile 
des  Stuhlwerks  in  Santa  Maria  Novella,  ein  Frühwerk  des  BACCIO  D'AGNOLO, 
zu  nennen,  aus  den  benachbarten  toskanischen  Städten  das  Stuhlwerk  des  Doms 
in  Pistoia  und  das  zusammengebaute  im  Dom  zu  Pisa.  Der  Stil  der  Florentiner 
Frührenaissance  bestimmte  dann  vor  allem  den  Aufbau  und  die  Durchführung  der 
besonders  schönen  und  zahlreich  erhaltenen  Stuhlwerke  der  umbrischen  Städte, 
wie  tatsächlich  Florentiner  Meister  hier  mit  derartigen  Aufträgen  beschäftigt 
waren:  Giuliano  da  Majano  und  Domenico  del  Tasso  arbeiten  an  dem  Chorgestühl 
des  Doms  in  Perugia,  Giuliano  und  Antonio  da  San  Gallo  an  einem  Stuhlwerk  in 
S.Pietro  [Abb. 370 — 372]  und  später  Bacciod'Agnolo  an  dem  vonSanAgostino  da- 
selbst. Trotz  der  reinen  Renaissanceformen  im  Aufbau  macht  sich  bei  den  mittel- 
italienischen Chorgestühlen  doch  der  Einschlag  der  hier  so  stark  beschäftigten 
oberitalienischen  Kunsthandwerker  deutlich  fühlbar,  besonders  in  der  Durch- 
führung der  Ornamentik  und  Details,  während  der  Aufbau  von  den  oberitalieni- 
schen Stuhlwerken  verschieden  ist.  Es  ist  naturgemäß,  daß  diese  oberitalienischen 
Stuhlwerke,  die  wir  besonders  in  der  Lombardei  und  Emilia  finden,  von  dem  noch 
halbgotischen  Typus  Venedigs  und  vor  allem  der  terra  ferma  beinflußt  sind.  Was 
sie  besonders  charakterisiert,  ist  die  Vorliebe  für  rundbogige  Bedachungen,  die 
baldachinartig  über  den  Rücklehnen  hervorragen;  die  durchbrochenen,  aufstei- 
genden Ranken  auf  den  Lehnen,  bei  den  Exemplaren  mit  reinerRenaissancearchi- 
tektonik  die  geschnitzten  Aufsätze  mit  Kandelabern,  symmetrisch  gestelltenMeer- 

468 


D  Abb.  370:  Armstütze  eines  Chorsiuhls.   Perugia,  San  Pietro  D 

wesen  in  venezianisch-lombardischem  Geschmack.  Der  aus  der  Zusammenarbeit 
oberitalienischer  und  heimischer  oder  toskanischer  Meister  bestimmte  Typus  der 
umbrischen  Stuhlwerke  zeigt  dagegen  einen  abweichenden,  bewulit  renaissance- 
mägigen  Aufbau.  Vor  allem  ist  die  Rücktäfelung  an  Stelle  der  Rundbogen  horizon- 
tal durch  ein  kräftiges  Gesims  abgeschlossen,  die  einzelnen  Felder  durch  Pilaster 
oder  Säulen  mit  einfacher  Canellierung  oder  ornamentaler  Schnitzerei.  Auf  den 
Klappsitzen  Intarsia,  den  Rücklehnen  gleichfalls  Intarsia  oder  reiche  Schnitzerei, 
vor  allem  mit  Groteskenornamentik,  zumeist  in  einheitlicher  Durchführung  durch 
das  ganze  Gestühl.  Nur  gelegentlich  wechseln  Säulen  mit  Pilastern,  oder  es  ist 
ein  felderweiser  Wechsel  geschnitzter  und  intarsiierterDekoration  auf  dem  Rück- 
getäfel [Perugia,  San  Agostino]  zu  beobachten.  Der  Aufban  und  die  Ornamentik 
hält  hier  bis  nach  der  Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  an  den  reichen  Frührenais- 
sanceformen fest  und  läßt  zumeist  nur  im  Detail,  in  eingeschobenen  Kartuschen 
und  Volutenrahmungen  die  späte  Entstehung  erkennen  fz.B.Todi,  SanFortunato]. 
Selbst  in  Siena  zeigt  das  späte  reiche  Stuhlwerk  im  Chor  des  Domes  [von  Barto- 
lomeoNeroni,  seit  1567 1  durchaus  strenge  Formen;  die  Stützen  bilden  mitPilastern 
gekoppelte  Säulen,  auf  dem  eigentlichen  Gesims  ein  hoher  Fries  mitvolutenförmig 
gerahmten  Feldern,  die  Rückwände  sind  nischenartig  ausgebildet.  Der  bewegte 
Stil,  der  sich  unter  dem  Einfluf>  Sansovinos  und  Michelangelos  in  Florenz  ent- 
wickelte, hat  dagegen  auf  diesem  Gebiete  weder  in  Florenz  noch  in  Rom  hervor- 
ragende Denkmäler  hinterlassen;  doch  sei  als  Beispiel  das  ziemlich  anspruchslose 
Gestühl  in  Santo  Spirito,  etwa  im  Stile  Vasaris  genannt,  aus  dem  Ende  des  Jahr- 
hundertsdasStuhlwcrkdcrCcrtosabei  Florenz.  Dagegenfinden  sich  die  reichsten 
Spätrenaissancewerke  dieser  Galtung  in  Venedig:  das  Chorgestühl  in  San  Giorgio 
maggiore  [von  Alberto  di  Brule|  daselbst,  und  in  Santa  Giustina  in  Padua  [von 

469 


□  Abb.  371:   Detail  eines  Chorstuhles.    Perugia,  San  Fietro  D 

Taurino  und  Andrea  Campagnola]  mit  ihren  Reliefdarstellungen  auf  den  Rück- 
wänden dürften  als  Hauptwerke  angesehen  werden.  Es  sei  bemerkt,  daß  ent- 
sprechend der  allgemeinen  Entwicklungstendenz  in  der  Frührenaissance  figürliche 
Darstellungen  in  Relief  bei  derartigen  Arbeiten  nur  ganz  ausnahmsweise  [Chor- 
gestühl der  Frari  in  Venedig]  vorkommen,  sondern  der  malerischen  Intersia  vor- 
behalten waren.  Gelegentlich  findet  sich  auch  eine  Verbindung  des  Reliefs  mit 
dar  farbigen  Wirkung  der  Intarsia,  indem  die  durchbrochen  geschnitzten  Teile  in 
andersfarbigem  Holz  aufgelegt  werden  [z.B.  Buchs  aufNugholz  bei  dem  vorderen 
Stuhlwerk  in  Bergamo],  eine  Technik,  die  besonders  im  westlichen  Oberitalien  und 
Spanien  auch  bei  weltlichenLuxusmöbeln  [Kabinetten]  seit  der  Mitte  des  sechzehn- 
ten Jahrhunderts  beliebt  war.  G 

Zusammen  mit  den  Chorstühlen  sind  in  den  Hauptkirchen  oft  besondere  Sitze 
für  die  hohe  Geistlichkeit  erhalten,  BISCHOFSSITZE  und  THRONE,  ganz  in  der 
Art,  wie  wir  den  Thron  in  florentinischen  Palästen  gefunden  haben.  Besonders 
hervorragende  Beispiele  finden  sich  in  Savona  [1509],  Perugia  [Dom  1524],  Lodi, 
Gubbio,  in  vorgeschrittener  Form  im  Dom  zu  Pisa.  Den  Stuhlwerken  und  Thron- 
sitzen der  Geistlichkeit  schließen  sich  analoge  Arbeiten  zum  Schmucke  und  Ge- 
brauch in  öffentlichen  weltlichen  Gebäuden,  Rathäusern  und  Behörden  an.  Als 
Beispiel  dieser  Art  in  noch  gotischem  Charakter  seien  das  Stuhlwerk  im  CoUegio 
dei  mercanti  in  Perugia  genannt.  Als  das  Wichtigste  aus  der  Blütezeit  die  Bänke 
in  Palazzo  comunale  zu  Pistoia  und  vor  allem  die  Ausstattung  des  'Cambio'  in 
Perugia,  des  Amtslokales  der  Wechselrichter,  eines  der  schönsten  erhaltenen  Bei- 
spiele für  die  Zusammenwirkung  des  monumentalen  Mobiliars  mit  der  Gesamt- 
dekoration desRaumes  [Abb.373|.  Ein  weltliches  Gegenstück  zu  denBischofssitzen 
bildet  der  Dogenthron  im  Schatz  von  San  Marco.  Als  einzigartig  sei  hier  auch  auf 
das  Holzwerk  eines  Zimmers  aus  dem  Kloster  San  Paolo  in  Parma  hingewiesen, 
wo  prachtvolle  holzgeschnitzte  Pfeiler  mit  Sitznischen  kombiniert  sind,  mit  In- 
tarsien und  Schnitzereien  im  Stile  der  Lendinara.  D 

Die  hervorragendsten  kirchlichen  Ausstattungsmöbel  neben  den  Chorgestühlen 
sind  die  SAKRISTEISCHRÄNKE,  sowohl  eigentliche  Schränke  [z.  B.  im  Kloster 
Monte  Oliveto  bei  Siena;  ein  besonders  hervorragendes  Stück  in  Parma],  als  vor 
allem  die  mit  einem  GETÄFEL  verbundenen  Schrank  werke,  in  Form  ganzer  Reihen 

470 


D  Abb.  372:  Detail  eines  Chorstuhles.   Perugia,  San  Fietro 

nebeneinander  befindlicher  Fächer,  die  durch  Klapptüren  verschlossen  sind,  und 
in  den  einzelnen  Reihen  oft  verschiedene  Tiefe  haben,  so  dag  die  unterste  Reihe 
kredenzartig  vorsteht  und  eine  benutzbare  Standfläche  bietet.  Die  hervorragend- 
sten Beispiele  befinden  sich  in  Florenz  und  Oberitalien.  Als  das  Hauptwerk  der 
ganzen  Gattung  sei  das  Schrankgetäfel  der  neuen  Sakristei  im  Florentiner  Dom 
besonders  erwähnt  mit  seiner  Bekrönung  durch  holzgeschnitzte  Knabenfiguren, 
die  Kränze  tragen  [Giuliano  da  Majano].  Den  Hauptschmuck  bildet  bei  diesen  Ar- 
beiten regelmäßig  nicht  die  Schnitzerei,  sondern  die  Intarsia  \s.  u.],  gelegentlich 
auch  Malerei.  Als  ein  Hauptbeispiel  derartiger  malerischer  Dekoration  wäre  hier 
schon  das  unvergleichlich  feine  Getäfel  in  der  Sakristei  von  Santa  Croce  in  Florenz 
zu  nennen,  welches  Giovanni  di  Michele  für  die  bekannte  Bilderserie  fertigte,  die 
in  der  Werkstatt  Giottos  als  Schmuck  der  dortigen  Sakristeischränke  gemalt 
waren;  sodann  aus  dem  sechzehnten  Jahrhundert  ein  Schrankgetäfel  in  Santa 
Maria  in  Organo  in  Verona,  dessen  Malereien  [von  Caroto  und  Brusasorci]  wohl 
das  älteste  Beispiel  reiner  Landschaftsbilder  in  der  italienischen  Kunst  darstellen. 
Den  seltenen  Fall  einer  Nachahmung  der  Intarsia  durch  Malerei  zeigt  das  feine  Sa- 
kristeigeschränk  von  Santa  Maria  delle  grazie  in  Mailand.  Im  übrigen  spielt  die 
Malerei  in  der  Dekoration  derartiger  Möbel  eine  geringere  Rolle  als  beim  Haus- 
mobiliar; in  diesem  Sinne  wären  vor  allem  die  gemalten  Orgeltüren  Sebastianos 
del  Piombo  und  Veroneses  zu  nennen.  D 

Im  Zusammenhang  mit  den  Chorstühlen  und  oft  von  denselben  Künstlern  wur- 
den die  großen  CHORPULTE  gearbeitet,  aufdenen  beim  Gottesdienste  das  weithin 
sichtbare  Chorbuch  lag.  Ihre  typische  Form  setzt  sich  in  der  Weise  zusammen, 
daß  auf  einer  kastenförmigen  Basis,  drei-,  vier-  oder  sechseckig,  eine  zumeist 
baluster-  oder  kandelaberförinige  Stütze  das  eigentliche  Pult  trägt.  Das  Pult  hat 
zwei  bis  vierSchrägen,  auf  denen  je  einExemplar  desChorbuchs  stehen  kann;  die 
Basis  mit  Klapptüren  diente  zur  Aufbewahrung  dieser  oft  kostbar  geschmückten 
Bücher.  Ein  noch  halbgotischcs  Chorpult  dieser  Art,  welches  den  eigentlichen 
Pultträger  über  dem  würfelförmigen  Sockclkasten  noch  nicht  klar  entwickelt  zeigt, 
findet  sich  in  San  Zeno  zu  Verona:  Die  Dekoration  besteht  hier  in  geometrisch 
gemusterten  Intarsien  und  quadratischer  Felderteilung  mit  Beschlägen.  Gute 
Frührenaissancebeispiele  mit  überwiegondcMU  Intai-siadokor  in  Santa  Maria  in 

471 


Organo  in  Verona,  in  Savona,  im  Bargello,  im  Kaiser  Friedrich-Museum  und  der 
Unterteil  [mit  Stütze]  eines  solchen  in  derBadia  zuFlorenz.  In  der  Hochrenaissance 
wird  der  Unterteil  breiter  und  nimmt  eine  mehr  truhen-  oder  altarartige  Form  an, 
bei  überwiegender,  oft  überladener  Schnitzerei.  Ein  noch  relativ  strengesBeispiel 
dieser  Art  in  San  Pietro  zu  Perugia,  ein  späteres  bereits  unter  dem  Einfluß  des 
michelangelesken  Barocko,  im  Dom  zu  Siena.  Den  venezianischen  Spätrenais- 
sancegeschmack repräsentiert  ein  Chorpult  in  San  Giorgio  maggiore.  Daneben 
entwickelt  sich  seit  dem  Beginn  der  Hochrenaissance  —  unter  dem  Einfluß  der 
marmornenLesepulte  —  ein  anderer  Typus,  der  statt  des  kastenförmigen  Sockels 
das  Pult  auf  eine  hohe  geschnitzte  Stütze  in  Kandelaberform  stellt.  D 

Neben  diesen  monumentalen  Chorpulten  sind  die  leichteren,  beweglichenPulte 
in  Form  hoher  Klappständer  nur  selten  erhalten.  Die  kreuzweis  gestellten  Beine 
sind  zumeist  kantig  und  durch  gedrehte  Querhölzer  verbunden;  auf  der  Durch- 
kreuzung eine  Rosette;  als  obere  Endigung  des  Gestells  oft  eine  geschnitzte 
Volute.  Wohl  das  schönste,  noch  an  Ort  und  Stelle  bewahrte  Exemplar,  in  einfach- 
stem toskanischen  Frührenaissancestil,  befindet  sich  in  San  Gimignano.  d 

Bei  den  drei  Hauptgattungen  des  italienischen  Kirchenmobiliars,  den  Stuhl- 
und  Schrankwerken  und  den  Chorpulten,  spielt  die  INTARSIA  eine  solche  Rolle, 
dag  über  die  Art  ihrer  Verwendung  noch  einiges  bemerkt  sei.  Am  häufigsten  sind 
natürlich  die  ornamentalen  Intarsien,  zuerst  im  Anschluß  an  die  Tradition  des 
Trecento  in  geometrischen  Mustern,  in  zumeist  bandförmiger  oder  rahmender 
Anordnung,  dann  aber  in  den  köstlichen,  freien,  vegetabilischen  und  grotesken 
Mustern  der  Zeit  als  lebendigster  Flächenschmuck.  Daneben  beginnen  seit  der 
Mitte  des  Quattrocento  bildliche  Intarsien  eine  groge  Rolle  zu  spielen,  und  zwar 
in  zwei  spezifischen  Gattungen,  die  eine  besondere  kunstgeschichtliche  Bedeu- 
tung haben.  In  erster  Linie  sind  es  die  eigentümlichen  Intarsien,  die  nichts  an- 
deres als  perspektivische  Ansichten  von  Straßen,  Plätzen,  Gassen,  einzelnen  Ge- 
bäuden und  Höfen  geben  [wie  wir  es  schon  gelegentlich  auch  bei  Florentiner 
Truhen  fanden],  z.B.  im  Baptisterium  zu  Parma,  in  San  Petronio  und  San  Giovanni 
in  monte  in  Bologna,  im  Kapitelsaal  des  Doms  zu  Padua,  im  Chorgestühl  von  Santa 
Maria  in  Organo  zu  Verona,  in  der  Sakristei  von  San  Marco  —  hier  mit  figürlichen 
Darstellungen  aus  dem  Leben  des  heiligenMarcus  innerhalb  der  perspektivischen 
Stadtbilder!  — ,  im  Dom  zu  Pisa,  in  Monteoliveto.  Nicht  minder  interessant  ist  die 
zweite  Gattung  derartiger  Intarsiadarstellungen:  hier  wird  gleichsam  das  Innere 
des  Schrankes,  Pultes  oder  Faches  mit  dem  in  ihm  aufgestellten  Gerät  in  ge- 
suchter perspektivischer  Darstellung  gezeigt,  —  stehende  und  liegende  Bücher, 
Kelche,  liturgische  Geräte,  Musikinstrumente,  Blumenvasen.  Diese  Darstellungen 
sind  nicht  nur  ein  weiterer  Beleg  für  das  in  ihnen  sich  äußernde  Interesse  für 
die  Kunst  und  Wissenschaft  der  Perspektive,  sondern  vor  allem  auch  wichtig  als 
die  einzigen  Stilleben,  die  die  italienische  Kunst  kennt!  Derartige  Intarsiastilleben 
finden  sich  regelmäßig  an  den  Chorpulten  und  an  mehreren  der  oben  genannten 
Stuhl- und  Schrankwerke  neben  solchen  mit  Straßenveduten  [außerdem  an  dem 
Schrankwerk  der  Domsakristei  zu  Florenz,  in  San  Giovanni  in  monte  zu  Bologna, 
im  Herzogspalast  zu  Urbino  u.  a.  m.).  Daneben  spielen  Intarsien  mit  figürlichen 

472 


ITALIENISCHES  CHORGESTÜIIL  MIT  INTARSIA 
IM    KAISER   FRIEDRICH -MUSEUM    ZU  BERLIN 


D  Abb.  373:  Perugia,  Cambio.  Innenansicht  Q 

Bilddarstellungen  eine  geringere  Rolle,  zunächst  nur  Einzelfiguren  oder  Halbfi- 
guren von  Heiligen  oder  allegorischen  Gestalten  [Siena,  Kapelle  des  Palazzo  pu- 
blico;  Pisa,  Dom;  Orvieto;  Certosa  bei  Pavia],  während  eigentliche  Intarsiabilder 
erzählenden  Charakters,  aus  dem  alten  und  neuen  Testament,  dem  Leben  der 
Heiligen,  erst  im  sechzehnten  Jahrhundert  bei  den  Rückwänden  der  Chorstühle 
beliebt  zu  werden  scheinen;  die  hervorragendsten  Leistungen  dieser  Art  bieten 
die  Chorstühle  in  San  Domenico  zu  Bologna,  im  Dom  zu  Bergamo  und  Genua. 
Dagegen  wurden  schon  früher  größere  Intarsiagemälde,  die  im  Zusammenhang 
mit  einem  Getäfel  ihre  dekorative  Bestimmung  fanden,  gearbeitet  —  z.  B.  in  der 
neuen  Sakristei  des  Florentiner  Domes  [nach  Entwurf  von  Baldovinetti),  in  der 
Domopera  zu  Orvieto  [Krönung  Maria].  D 

Die  Intarsia  fand  noch  besonders  gerne  Verwendung  in  der  Dekoration  der 
TÜREN.  Derartige  Intarsiatüren  aus  dem  leider  arg  geplünderten  herzoglichen 
Palast  zu  Urbino  sind  bereits  oben  erwähnt  worden;  als  besonders  hervorragen- 
des Stück  sei  die  Intarsiatür  des  Giuliano  da  Majano  mit  den  Gestalten  Dantes 
und  Petrarcas  und  der  Marmorumfassung  von  Benedetto  im  palazzo  vecchio  zu 
Florenz  zugefügt.  D 

Noch  eine  ganze  Reihe  anderer  kirchlicher  Ausstattungsstücke  fielen  gelegent- 
lich in  das  Bereich  der  kunstvollen  Schreinerarbeit;  so  finden  wir  prachtvolle 
ORGELGEHÄUSE  in  P'lorenz  |  Santa  Maria  Maddalena  dei  Pazzi  mit  der  alten 


473 


Polychromie  in  Weiß  und  GoldJ,  Lucca,  Siena  [Scala,  Dom  und  Palazzo  publicoj, 
Bologna,  Lodi  u.a.m.  Wie  die  großen  Altarrahmen  haben  derartige  Werke,  denen 
vor  allem  noch  einige  holzgeschnitzte  KANZELN  zuzufügen  wären  [z.  B.  in  Pisa, 
Genua]  eine  mehr  architektonische  als  kunstgewerbliche  Bedeutung.  Ebenso  die 
BEICHTSTÜHLE,  die  ziemlich  häufig  aus  der  Spätrenaissance  erhalten  sind,  aber 
nur  geringen  künstlerischen  Wert  haben.  Das  einzige  bedeutende  frühere  Stück 
dieser  Gattung  besitzt  Bologna  in  San  Michele  in  Bosco.  Von  den  beweglichen 
Kirchengeräten  wurden  besonders  häufig  die  KANDELABER  in  Holz  geschnitzt 
und  vergoldet.  Sie  sind  zahlreich  erhalten,  haben  aber  neben  den  Bronzekande- 
labern geringe  Bedeutung  Besonders  hervorragende  Beispiele  in  Monteoliveto 
und  die  großen  Osterleuchter  in  Bologna  von  Agostino  de  Marchis  und  in  Verona 
von  Fra  Giovanni.  □ 

LEDERARBEITEN  □ 

Im  Anschluß  an  das  Mobiliar  und  die  Holzarbeiten  sei  auf  die  kunstgewerb- 
lichen Ledererzeugnisse  der  Renaissance  hingewiesen,  die  zwar  zahlreich  er- 
halten, aber  kunstgeschichtlich  noch  nicht  so  erforscht  sind,  wie  es  ihrer  Bedeu- 
tung nach  ihnen  wohl  zukäme.  Denn  abgesehen  von  der  Textilkunst  und  Keramik 
ist  wohl  kein  Gebiet  der  kunstgewerblichen  Arbeit  in  gleich  bedeutungsvoller 
Weise  zum  Träger  internationaler  künstlerischer  Beziehungen  geworden,  und  der 
Einfluß  des  Orients  auf  die  Ornamentik  der  Renaissance,  die  Bedeutung  der  spa- 
nischen Kunst  für  die  Entstehung  des  Barock  in  Frankreich  und  den  Niederlanden 
ließe  sich  besonders  ergiebig  grade  auf  diesem  Gebiete  verfolgen.  Unter  dem 
engeren  kunstgewerblichen  Gesichtspunkt,  im  Hinblick  auf  die  Erfindung  und  Ent- 
wicklung neuer  Techniken  und  Typen  sind  die  Lederarbeiten  der  Renaissance 
allerdings  von  geringerer  Bedeutung.  D 

Die  Geschichte  dieses  Kunstzweiges  spielt  sich  vor  allem  im  Orient  und  in 
Spanien  ab,  und  die  Erinnerung  hieran  drückt  sich  noch  heute  in  Bezeichnungen 
wie  Maroquin  und  Korduan  für  vornehme  Ledergattungen  aus.  Wie  auf  anderen 
Gebieten  des  Kunstgewerbes  waren  es  die  Araber  in  Spanien,  die  diese  Kunst  in 
Europa  einbürgerten,  und  ähnlich  wie  dieKeramik  und  Textilkunst  geriet  auch  die 
spanisch-arabische  Lederindustrie  seit  dem  Ende  des  fünfzehnten,  und  vor  allem 
im  Laufe  des  sechzehnten  Jahrhunderts  unter  den  Einfluß  der  italienischen  Re- 
naissance. Die  Hauptzentren  der  spanischen  Lederindustrie,  die  mit  der  Vertrei- 
bung der  Moriskos  —  1609  —  ihre  Bedeutung  verlor,  waren  CORDOVA,  das  im 
sechzehnten  Jahrhundert  bis  nach  Amerika  exportierte.  SEVILLA,  BARCELONA. 
In  Italien  gelangte  vor  allem  VENEDIG  zu  einer  großen  Bedeutung  auf  diesem 
Gebiete,  —  leicht  erklärlich,  da  hier  der  Einfluß  importierter  orientalischer  Leder- 
arbeiten, der  schon  im  fünfzehnten  Jahrhundert  nachweisbar  ist,  eine  große  Rolle 
spielte.  Abgesehen  von  arabischen  und  spanischen  Vorbildern  waren  für  die  vene- 
zianische Lederproduktion  auch  persische  und  türkische  Arbeiten  von  Einfluß.  D 

Unter  den  erhaltenen  Lederarbeiten  der  Renaissance  kann  man  zwei  Gattungen 
unterscheiden:  Eigentliche  Geräte  aus  Leder  und  die  Verwendung  kunstvoll  be- 
arbeiteten Leders  zur  Applikation.  Unter  den  Geräten  sind  besonders  zu  nennen : 
SCHACHTELN,  TOILETTENKÄSTEN,  FUTTERALE  I  für  Urkunden,  Schriftstücke 

474 


ITALIENISCHE  LEDERTAPETE,  UM  1500 
KUNSTGEWERBEMUSEUM  ZU  BERLIN 


usw.,  aber  auch  in  eigens  gebildeten  Formen  für  kostbares  Gerät,  Kelche  usw.], 
Behälter  für  BESTECKE,  WAFFEN,  vor  allem  SCHILDE  und  SCHWERTSCHEI- 
DEN. Eine  besondere  Gattung  bilden  die  BUCHEINBÄNDE,  auf  die  noch  zurück- 
zukommen ist.  Als  dekorative  Applikation  spielt  das  Leder  vor  allem  eine  Rolle 
als  LEDERTAPETE.  Die  Verwendung  von  Ledertapeten  als  vornehmer  Wand- 
schmuck hat  sich  zuerst  in  Spanien  eingebürgert  [GUADAMACIL],  wo  die  Zunft 
der  'guadamacileros'  schon  im  vierzehnten  Jahrhundert  nachweisbar  ist,  und  von 
wo  derartige  Tapeten  nach  Italien,  Frankreich,  den  Niederlanden  und  Deutschland 
exportiert  wurden.  Obwohl  ihre  Einführung  in  Italien  eigentlich  erst  in  der  Barock- 
zeit allgemein  wurde,  sind  in  Venedig  doch  schon  im  fünfzehnten  Jahrhundert 
Ledertapeten  [cuoioder  coramid'oro]  gelegentlich  nachweisbar.  Die  Verwendung 
des  Leders  besonders  bei  spanischen  Sitzmöbeln  ist  schon  oben  erwähnt  worden; 
bei  eigentlichen  Ziermöbeln,  wie  Kabinetten,  Kassetten  usw.,  wurde  in  Spanien 
seit  dem  sechzehnten  Jahrhundert  die  Dekoration  durch  aufgezogenes,  besticktes 
Leder  beliebt.  D 

Die  verschiedenen  kunstgewerblichen  Techniken  der  Lederbearbeitung  in  der 
Renaissance  stammen  teils  direkt  aus  dem  Orient,  teils  schließen  sie  sich  an  Tra- 
ditionen an,  die  schon  im  Mittelalter  im  Abendland  allgemein  verbreitet  waren. 
Ihrer  künstlerischen  Wirkung  nach  überwiegt  bald  die  farbig-malerische,  bald  die 
plastische  Reliefdekoration.  Die  farbig-malerische  Behandlung  spielt  vor  der 
Barockzeit  die  Hauptrolle  bei  den  Ledertapeten,  deren  Ornamente  und  sonstige 
Dekorationsmotive  mit  Eisen-  oder  Holzmodeln  in  rapportierendem  oder  gereih- 
tem Muster  aufgedruckt  werden ;  neben  derVergoldung  oder  Versilberung  erhöhen 
Blau,  Rot,  Grün  die  farbige  Wirkung.  Häufiger  als  Teile  ganzer  Wandflächen  [siehe 
Tafelj  sind  friesartige  Stücke  derartiger  Ledertapeten  erhalten.  Auch  die  frei- 
händige, figürliche  Bemalung  von  Ledertapeten  durch  Künstlerhand  ist  seit  dem 
Anfang  des  16.  Jahrhunderts  nachweisbar.  Ungemein  selten  und  wenig  beachtet 
sind  eigentliche  Geräte  mit  BEMALTEM  LEDER  aus  der  italienischen  Frührenais- 
sance, die  besonders  in  Oberitalien  beliebt  gewesen  sein  dürften.  Wir  wissen  z.B., 
daJ3  ein  derartiges  venezianisches  Toilettenkästchen  aus  Leder  mit  Malereien  von 
keinem  geringeren,  als  Lorenzo  Lotto  geziert  war.  Unter  den  seltenen  erhaltenen 
Arbeiten  derart  sei  besonders  erwähnt  ein  lederbezogenes  Kästchen  mit  gewölb- 
tem Deckel  im  Palazzo  Borromeo  zu  Mailand,  wo  auf  rotem  Grunde  in  wenigen, 
goldgehöhten  [lummegiato  d'oro]  Farben  profane  Darstellungen  im  Zeitkostüm 
gegeben  sind,  und  ein  Händewärmer  [scaldamano]  inHamburg,  dessen  Holzkasten 
[mit  dem  Metalleinsatz  für  die  Kohlen]  mit  Leder  bezogen  ist,  welches  eine  Me- 
daillonbüste zwischen  Ornamenten  in  flotter  Malerei  zeigt.  Häufig  erhalten  sind 
dagegen  Waffen,  besonders  Schilde  aus  bemaltem  Leder.  D 

Die  wichtigste  und  häufigste  Art  der  Lederbehandlung  bei  Geräten  ist  aber 
auch  in  der  Renaissance  der  schon  im  Mittelalter  im  Abondhuul  weit  verbreitete 
LEDERSCHNITT.  Hier  wird  das  durch  Sieden  aufgeweichte  Leder  |  daher  CUIR 
BOUILLIJ,  welches  getrocknet  eine  widerstandsfähige  Härte  gewinnt,  zumeist 
durch  eine  Kombination  verschiedener  Techniken  reliefmäfiig  behandelt  durch 
Schneiden  und  Unterlegen.  Treibarbeit.  Punzierung  und  Stempelpressung.   Bei 

475 


der  dunklen,  schwarzen  Färbung 
des  Leders  ist  die  künstlerische 
Wirkung  derartiger  Arbeiten  oft 
der  Bronze  vergleichbar.  Die  De- 
koration wird  zumeist  durch  Or- 
namente bestritten,  doch  finden 
sich  auch  figürliche  Darstellungen 
von  höchster  Feinheit.  Als  das 
vielleicht  hervorragendste  Bei- 
spiel aus  der  Frührenaissance  sei 
die  Schwertscheide  des  Cesare 
Borgia  im  South  Kensington-Mu- 
seum genannt  mit  derDarstellung 
eines  Venusopfers  auf  der  Vor- 
derseite und  der  schönen,  für  das 
KünstlerbewuP>tsein  der  Renais- 
sance bezeichnenden  Inschrift: 
materiam  superabit  opus.  Trotz 
der  hohen  technischen  Vollen- 
dung, die  der  Lederschnitt  er- 
reichte, scheint  er  nur  ausnahms- 
weise für  selbständige,  bildmägi- 
ge  Reliefdarstellungen  verwen- 
det worden  zu  sein.  Das  hervor- 
ragendste Beispiel  ist  ein  Madon- 

Abb.  374:  Medici-Einband  in  venezianischer  Art.  15.  Jahrh.  nenrelief  im  MuseC  Cluny,  offen- 
bar eine  florentinische  Arbeit  vom  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts.  D 
Unter  den  italienischen  Lederarbeiten  verdienen  besondere  Beachtung  die 
BUCHEINBÄNDE.  Zwar  sind  auch  unter  den  italienischen  Renaissanceeinbänden 
einige  wenige  Prunkstücke,  die  als  Schaustücke  nach  Art  mittelalterlicher  Pracht- 
einbände anzusehen  sind,  erhalten,  mit  reicher  Goldschmiedearbeit,  Niello  und 
Email  [z.  B.  die  Grimani-Einbände  in  Venedig  und  Berlin],  und  auch  Einbände 
aus  farbigem  Samt  mit  Silberbeschlägen  waren  beliebt;  aber  von  größerer  Be- 
deutung ist  die  Ausgestaltung,  die  der  übliche  Ledereinband  seit  dem  Ende  des 
fünfzehnten  Jahrhunderts  erfuhr,  um  den  mittelalterlichen  Einband  mit  seinen 
schwerfälligen  Holzdeckeln  völlig  zu  verdrängen.  Das  Zusammentreffen  der 
privaten  Bücherliebhaberei  und  der  Verlegertätigkeit  führte  dazu,  dag  der 
Ledereinband,  ohne  seine  praktische,  handliche  Brauchbarkeit  zu  verlieren  und 
ohne  zu  einem  eigentlichen  Prunkstück  zu  werden,  zu  einem  Gegenstand  be- 
wuljter  künstlerischer  Pflege  wurde,  deren  Ziel  eine  bisher  unbekannte  Ver- 
einigung des  Gebrauchszwecks  mit  höchster  Eleganz  ist.  Der  künstlerische  Cha- 
rakter des  italienischen  Ledereinbandes  der  Frührenaissance  wird  vor  allem 
durch  zwei  Elemente  bestimmt:  die  Übersiedelung  deutscher  Buchdrucker  nach 
Italien,  die  mit  der  neuen  Erfindung  zugleich  die  in  Deutschland  beidenEinbänden 

476 


üblichen  Dekorationstech- 
niken einführten,  —  vor 
allem  die  Musterung  mit  or- 
namentalen Teilstempeln. 
Von  größerer  Wichtigkeit 
wurde  jedoch  das  Vorbild 
der  kostbaren  orientali- 
schen Bucheinbände  und 
verwandter  Lederarbei- 
ten. So  sind  uns  unter  den 
italienischen  Ledereinbän- 
den eine  Reihe  hervorra- 
gender Beispiele  erhalten, 
die  offenbar  als  Arbeiten 
orientalischer  Lederarbei- 
ter, die  in  Venedig  ansäs- 
sig waren,  anzusehen  sind: 
Ziereinbände  in  sarazeni- 
scher Technik  von  wunder- 
barer Feinheit,  mit  ver- 
schiedenfarbigem, durch- 
brochen ausgeschnittenem 
Leder  das  auf  den  Grund 
aufgeklebt  ist  |  Einbände 
aus  der  Bibliothek  des 
Königs  Mathias  Corvinus, 
1458—1490  —  sog.  'Corvi- 
nen'  —  und  des  Verlegers 

Ugelheimer,  gest.   1489,  in     Abb.  375:  Einband  für  Demetrio  Canevari.    Paris,  Nationalbibliothek 

Gotha].  Auch  die  Vergoldung  mit  Blattgold  bei  heißen  Stempeln,  für  die  sich  die 
ältesten  europäischen  Beispiele  unter  den  'Corvinen'  finden,  und  die  Dekoration 
durch  Lackmalerei  ist  aus  dem  Orient  zuerst  nach  Venedig  verpflanzt  worden. 
Stilistisch  äußert  sich  der  orientalische  Einfluß  in  den  Ornamentmotiven:  dem 
etwas  schweren  Flechtwerk,  das  besonders  für  das  fünfzehnte  Jahrhundert  cha- 
rakteristisch ist,  und  den  verschiedenen  Formen  des  mauresken  Rankenwerks. 
Man  sieht  die  italienischen  Einbände  mit  überwiegenden  orientalischen  Ornament- 
motiven zumeist  als  venezianische  Arbeiten  an;  doch  dürften  die  orientalischen 
Motive  sich  bald  allgemein  verbreitet  haben.  Z.  B.  sind  derartige  Einbände  auch 
aus  mediceischem  Besitz  nachweisbar,  deren  Entstehung  in  Florenz  anzunehmen 
ist  [siehe  Abb.  374 1.  Seit  dem  Anfang  des  sechzehnten  Jahrhunderts  wird  —  auch 
wieder  unter  orientalischem  Einfluß,  aber  entsprechend  dem  allgemeinen  Stil- 
gefühl —  die  Teilung  des  Spiegels,  die  Herausarbeitung  des  Mittelfeldes  immer 
bewußter,  wobei  die  Ornamentik,  die  auch  hier  seit  der  Mitte  des  Jahrhunderts  die 
'sansovinesken'  Formen  annimmt,  eine  mehr  oliedernde  Funktion  erhält  und  das 


477 


D  Abb.  376:  Futtenfries  von  dem  Bronzegitter  Abb.  377 

Material  selbst  mehr  zur  Wirkung  kommt.  Figurale  Motive  spielen  gerade  bei  den 
italienischen  Ledereinbänden  nur  ausnahmsweise  eine  Rolle.  Doch  findet  sich  in 
Blindpressung  schon  unter  den  Corvinen  das  Porträt  des  Königs  nach  einer  Me- 
daille, unter  den  Einbänden  Ugelheimers  Abdrücke  römischer  Kaisermünzen. 
Hierher  gehören  dann  im  sechzehnten  Jahrhundert  die  sog.  CAMEO-BÄNDE,  die 
auf  der  Mitte  der  Spiegel  ein  eingepreßtes  Medaillon  mit  mythologischer  Dar- 
stellung nach  antiken  Kameen  oder  Renaissanceplaketten  zeigen.  Diese  Dekora- 
tion zeigen  u.a.  die  Einbände  aus  der  Bibliothek  des  Arztes  Canevari  [CANEVARI- 
EINBÄNDE].  [Abb.  375].  Die  Entwicklung  des  kunstvollen  italienischen  Buchein 
bandes  knüpft  im  wesentlichen  an  die  Einbände  an,  die  der  Verleger  Aldus  Manu- 
tius  denBüchern,  besonders  den  Klassikerausgaben,  seiner  Offizin  gab.  In  ihrer 
typischen  Form  bleibt  bei  diesen  sog.  ALDINEN  der  Spiegel  frei,  um  das  Titel- 
schild klar  hervortreten  zu  lassen,  und  wird  gerahmt  durch  klare  Goldlinien,  zu 
denen  besonders  in  den  Ecken  diskrete  Blätter-  und  Blütenstempel  treten.  Die 
Linien,  die  die  Rahmung  und  Teilung  bestimmen,  ergeben  allmählich  ein  kom- 
pliziertes System  von  sich  durchflechtenden  geraden  und  geschwungenen  Bän- 
dern [entrelacsl,  die  gern  durch  Farben  hervorgehoben  werden.  Da  man  die 
Namen  der  Meister  dieser  Einbände  nicht  kennt,  bezeichnet  man  sie  nach  dem 
Namen  ihrer  Besitzer.  So  sind  besonders  berühmt  die  Einbände  aus  der  Bi- 
bliothek des  JEAN  GROLIER,  eines  französischen  Diplomaten  und  Finanzmannes 
[1479 — 1565],  der  1510 — 1530  in  Mailand  ansässig  war,  und  die  etwas  jüngeren 
aus  dem  Besitz  des  Bibliophilen  THOMAS  MAIOLI.  Kunstgeschichtlich  kann  man 
weder  die  Grolier-  noch  die  Maioli-Einbände  als  eine  einheitliche  Gruppe  be- 
trachten, und  nur  ein  kleiner  Teil  dieser  Einbände  ist  als  italienische  Arbeit  an- 
zusehen, während  sie  der  Mehrzahl  nach  französisch  sind  und  darum  erst  später 
besprochen  werden  sollen.  □ 

DIE  METALLARBEITEN  □ 

Die  hervorragendste  Stellung  unter  den  kunstgewerblichen  Metallarbeiten 
der  italienischen  Renaissance  gebührt  der  BRONZE.  Allerdings  dürfte  auch  kein 
zweites  Gebiet  des  italienischen  Kunstgewerbes  so  schwer  zu  trennen  sein  von 
der  allgemeinen  Geschichte  der  italienischen  Kunst  wie  dieses.  Nicht  nur,  daf^ 
fast  alle  grollen  italienischen  Bildhauer,  die  die  Bronze  bevorzugten,  neben  ihren 
plastischen  Arbeiten  kunstgewerbliche  Werke  schufen,  und  es  oft  gar  nicht  zu 

-178 


entscheiden   ist,    inwieweit  die 
erhaltenen  Werke  der  Bronze- 
kleinplastik als  Teile   kunstge- 
werblicher   Geräte     anzusehen 
sind,  —  ein  systematischer,  kur- 
zer Überblick  wird   besonders 
noch    dadurch    erschwert,    dai^ 
auch    die   kleineren,    eigentlich 
kunstgewerblich  tätigen  Meister 
vielfach  zugleich  als  Goldschmie- 
de, Stempel-  und  Gemmenschnei- 
der usw.  tätig  waren.  D 
Da^  der  monumentale  Cha- 
rakter der  Bronze  dem  Stilge- 
fühl   der    italienischen   Renais- 
sance besonders  entgegenkam, 
ist  ohne  weiteres  erklärlich,  und 
bei  dem  gegebenen  Zusammen- 
hang mit  dem  Kunstschaffen  der 
grol5en  Meister  bedarf  es  kaum 
eines  Beweises,  dag  auch  die  Ent- 
wicklung dieses  Kunstzweiges 
von  FLORENZ  ihren  Ausgang 
nahm.   Hier  mutete  die  langjäh- 
rige Tätigkeit  der  beiden  Mei- 
ster, die  die  Begründer  der  Renaissanceplastik  sind,  LORENZO  GHIBERTI  und 
DONATELLO,  auch  die  kunstgewerbliche  Tätigkeit  der  Gieljihütten,  mit  denen  sie 
in  Verbindung  standen,  notwendig  beeinflussen.  Von  Ghiberti  wären  in  diesem 
Zusammenhange,  abgesehenvon  den  Türumrahmungen  seinerBaptisteriumstüren. 
zwei  große  Reliquienkästen  im  Dom  und  Nationalmuseum  in  Florenz  zu  nennen, 
während  von  Donatello  wenigstens   eine   eigentlich  kunstgewerbliche  Bronze- 
arbeit erhalten  ist:  die  Spiegelkapsel  derMartelli  im  South  Kensington-Museum 
mit  den  Halbfiguren  eines  Satyr  und  einer  Bacchantin.    Das  Relief  mit  seiner 
wunderbar  scharfen  Ziselierung  ist  hier  belebt  durch  Einlagen  von  Gold  und 
Silber.    Als  die  wichtigsten  Meister  der  jüngeren  Generation   der  Florentiner 
Bronzcbildner  in  der  Frührenaissance  sind  vor  allem  BERTOLDO,  Donatollos 
Schüler  und  eigentlicher  Nachfolger.  ANTONIO   POLLAIUOLO   und  ANDREA 
VERROCCHIO  zu  nennen.  Während  der  Bronzeguli  in  SIENA,  trotz  der  Arbeiten 
eines  Vecchietta,  Francesco  di  Giorgio,  Cozzarelli,  der  Familie  Turini,  für  die  Ge- 
schichte des  Kunstgewerbes  nur  geringe  Bedeutung  hat,  gewinnt  in  der  zweiten 
Hälfte  des  Fünfzehnten  Jahrhunderts  neben  Florenz  die  Führerrolle  auf  diesem 
Gebiete:  PADUA.   Hier  hatte  Donatello  zehn  Jahre  lang  gearbeitet  |1443     1453| 
und  eine  Schule  begründet,  deren  HauptmeistcrBELLANO  und  dessen  Nachfolger 
ANDREA  BRIOSCO.  gen.  RICCIO.  sind.  Das  wichtigste  Absatzgebiet  der  pa- 

479 


Abb.  3 


10,  Dom 


duanischen  Bronzearbeiten  war 
natürlich  VENEDIG;  doch  ent- 
wickelt sich  hier  seit  dem  Anfang 
des  sechzehnten  Jahrhunderts 
eine  selbständige,  heimischePro- 
duktion,  die  in  der  Hochrenais- 
sance die  grögte  Bedeutung  ge- 
winnt. (Die  bekanntesten  vene- 
zianischen Gießer  sind  Simone, 
Pietro  Campanato  und  Alber- 
ghetti.  ]  Die  Hauptwerke  der  deko- 
rativen venezianischen  Bronze- 
plastik der  Frührenaissance  sind 
die  drei  Flaggenhalter  auf  dem 
Markusplatz  von  ALESSANDRO 
LEOPARDI  [gest.  1522  3J;  für  die 
kunstgewerbliche  Bronzearbeit 
Venedigs  in  der  Hoch-  und  Spät- 
renaissance wurde  vor  allem  die 
Tätigkeit  SANSOVINOS  und  VIT- 
TORIAS  bedeutungsvoll,  wäh- 
rend in  Florenz  und  Mittelitalien, 
abgesehen  von  Sansovino,  der 
Einflug  des  GIOVANNI  DA  BO- 
LOGNA, BENVENUTO  CELLINI, 
VINCENZO  DANTI  den  Stil  be- 
stimmt. D 
Vor  der  Betrachtung  des  beweglichen  Bronzegeräts  seien  wenigstens  die 
wichtigsten  Gattungen  monumentaler  Dekorations-  und  Gebrauchsstücke  genannt, 
deren  Herstellung  aus  Bronze  beliebt  war.  Die  berühmten  BRONZETÜREN  [von 
Ghiberti  und  Luca  dellaRobbia  in  Florenz,  Filarete  inRom,  Giovanni  daBologna  in 
Pisa,  Sansovino  in  Venedig]  gehören  so  unmittelbar  der  Geschichte  der  Plastik  an, 
dag  an  sie  hier  nur  erinnert  werden  sollte;  und  das  gleiche  gilt  für  die  eigentlich 
monumentalen  kirchlichen  Inventarstücke,  vor  allem  Tauf-  und  Weihwasser- 
becken, die  übrigens  gegenüber  den  marmornen  und  steinernen  Arbeiten  dieser 
Gattung  der  Zahl  nach  wesentlich  zurücktreten.  Zu  erwähnen  sind  hier  aber  die 
KAPELLENGITTER,  obwohl  auch  sie  wenigstens  im  fünfzehnten  Jahrhundert  nur 
ausnahmsweise  aus  Bronze,  sondern  zumeist  aus  Eisen  hergestellt  wurden.  Das 
hervorragendste  Bronzegitter  dieser  Art  befindet  sich  im  Dom  zu  Prato  |  Abb.  376 
und  377]  —  eine  Arbeit  des  florentinischen  Goldschmiedes  BRUNO  DI  SER  LAPO 
MAZZEI  |T444|  mit  den  etwas  jüngeren  reizvollen  Puttenfriesen  von  PASQUINO 
DI  MATTEO  [um  1460|.  Auch  die  Fackel-  und  Standartenhalter,  die  an  den  tos- 
kanischen  Palästen  noch  erhalten  sind,  wurden  zumeist  aus  Eisen  gearbeitet,  doch 
sind  besonders  in  Sicna  auch  einige  Bronzeexemplare  erhalten.  Von  größter  Be- 

480 


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Abb. 
D 


378:    Türklopfer  von  Giovanni  da  Bologna  im  Kunst- 
gewerbemuseum zu  Berlin  D 


Abb.  379:  Bronzeleuchter  von  1468 


D    D 


Abb.  380:  Bronzeleuchter  um  1550 


deutung  sind  dagegen  die  bronzenen  TÜRKLOPFER,  die  im  sechzehnten  Jalir- 
hundert  die  freiesten  Formen  annahmen  und  in  der  Kombination  figuraler  und  de- 
korativerElemente  zu  den  erfindungsreichsten,  künstlerisch  wertvollsten  Erzeug- 
nissen der  Bronzeplastik  gehören.  Die  mittelalterliche  Ringform  wird  durch  einen 
bewegten,  volutenförmigenllmrif^  ersetzt;  danebenbleibt  aber  auch  die  anspruch- 
losere Kolbenform  in  Gebrauch.  Die  hervorragendsten  venezianischen  Werke 
dieser  Gattung  gehören  in  den  Kreis  des  Sansovino,  die  florentinischen  in  den  des 
Giovanni  da  Bologna  und  Cellini  |vgl.  Abb.  378 1.  D 

Unter  den  selbständigen  Bronzegeräten  stehen  an  erster  Stelle  die  großen 
KANDELABER  für  kirchlichen  Gebrauch.  Die  antike  Grundform  wird  durch  eine 
phantasievolle  Verbindung  von  Baluster-  und  X'ascnformen,  die  den  Lichttcller 
tragen,  variiert.   Die  ausladende  Basis  mit  drei-  oder  viereckigem  GrunilrilJ;,  am 

31  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  481 


Anfang  der  Entwicklung  glattwandig,  wird 
seit  dem  16.  Jahrhundert  volutenförmig  ge- 
schweift und  gern  auf  Löwenklauen  gestellt. 
Der  künstlerische  Reiz  dieser  italienischen 
Kandelaber,  die  schließlich  selbst  ein  Be- 
standteil der  Renaissanceornamentik,  be- 
sonders bei  Hochfüllungen,  wurden,  beruht 
oft  weniger  in  einer  klaren  Tektonik,  als  in 
der  geistvollen  Eleganz  des  Aufbaues,  dem 
guten  Verhältnis,  in  dem  die  plastische  Masse 
der  einzelnen  Teile  zu  ihrem  aufstrebenden, 
nach  oben  sich  verjüngenden  Umrig  steht. 
Kleine  Zierfiguren,  Reliefs,  Fruchtgehänge, 
Puttenköpfe  bereichern  bei  besonders  vor- 
nehmen Exemplaren  die  Wirkung  und  die- 
nen vor  allem  zurBelebung  undVermittlung 
der  einzelnen  Teile,  aus  denen  der  Aufbau 
sich  zusammensetzt.  Ein  besonders  frühes, 
noch  einfaches  Exemplar  veranschaulicht 
Abbildung  379  —  eine  florentinische  Arbeit 
vom  Jahre  1468  im  Berliner  Kunstgewerbe- 
museum, denHochrenaissancetypus  einBei- 
spiel aus  London  [Abb.  380|.  Der  berühm- 
teste Kandelaber  der  paduanischen  Schule 
ist  Riccios  Meisterwerk  [Abb.  381]  im  Santo 
zu  Padua  |1507 — 16],  so  vielgliedrig  und 
reichhaltig  in  den  Dekorationsmotiven,  daß 
es  sich  empfiehlt,  als  Gegenbeispiel  wenig- 
stens einen  strengeren  paduanischen  Kan- 
delaber aus  früherer  Zeit  zu  nennen,  den 
das  Ashmolean-Museum  zu  Oxford  in  der  an 
Bronzen  besonders  reichen Fortnum-Samm- 
lung  besitzt.  Besonders  schöne  Bronzekan- 
delaber aus  der  Hochrenaissance,  die  sich 
noch  an  Ort  und  Stelle  befinden,  sind  vor 
allem  in  Venedig  (Andrea  Bresciano]  und  in 
der  Certosa  zu  Pavia  erhalten.  Aus  Padua 
und  Venedig  stammen  auch  die  meisten  der 
kleineren  Leuchter,  die  auf  einem  breiten 
Ringfuji  einen  verhältnismäfiig  kurzen  Ba- 
lusterschaft mit  zylinderförmiger  Tülle  tra- 
gen, die  einzelnen  Teile  mit  Blattwerk,  Ran- 
ken und  Gehängen  belebt.  Dieser  Typus,  den  Abbildung  382  veranschaulicht,  ist 
nicht  nur  in  der  Kirche,  sondern  auch  im  häuslichen  Gebrauch  nachweisbar. 

482 


Abb.  382:  Bronzeleuchter,  Florenz 


D  D       Abb.  383:  Bronzeampel  im  Dom  zu  Pisa       O 


Neben  den  Kandelabern  sind  unter  dem  kirchlichen  Bronzegerät  vor  allem  die 
Postamente  für  die  Altarkreuze  zu  nennen,  deren  Form  etwa  der  Basis  eines 
Kandelabers  entspricht.  Die  großen  italienischen  Kirchenschätze  besitzen  noch 
hervorragende  Beispiele  dieser  Gattung;  aus  augeritalienischen  Sammlungen  sei 
besonders  der  venezianische  Kreuzfuft  im  Wiener  Hofmuseum  von  1567  genannt. 
Gegenüber  den  zahlreich  erhaltenen  Kandelabern  sind  BRONZEAMPELN  nur  in 
ganz  wenigen  Exemplaren  nachzuweisen;  das  bedeutendste  Stück  derart  befindet 
sich  im  Dom  zu  Pisa  mit  vier  lebendig  bewegten  Putten  als  Stützfiguren,  offenbar 
eine  florentinische  Arbeit  unter  dem  Einfluß  des  Giovanni  da  Bologna  (Abb.  383 1. 
Im  übrigen  spielt  für  das  kirchliche  Gerät  die  Bronze  vor  allem  die  Rolle  des  Er- 
satzmaterials für  die  kostbarere  Gold-  und  Silberarbeit,  deren  Wirkungen  sie 
durch  Vergoldung  und  Überwiegen  derTreibarbeit  an  Stelle  des  Gusses  in  solchen 
Fällen  unmittelbar  nachahmt.  Das  bedeutendste  Stück  dieser  Art  aus  der  Früh- 
renaissance veranschaulicht  das  Ciborium  von  Giovanni  delle  Bombarde  in  der 
Kirche  Fontegiusta  zu  Siena  |Abb.  384 1.  D 

Neben  den  weltberühmten  Werken  der  figürlichen  Großplastik  bildet  den  Haupt- 
ruhm der  italienischen  Bronzekunst  die  Herstellung  dekorativer  Gebrauchsstücke 
für  das  Haus.  Die  vollendete  Beherrschung  des  Figürlichen  und  Dekorativen,  die 
Sicherheit  der  Technik,  vor  allem  die  ungemein  reiche,  oft  kapriziöse  und  sogar 
gewagte  Erfindung,  die  von  einer  stets  lebendigen  Phantasie  getragen  ist,  intcr- 
essanteBeziehungen  zur  Antike,  dazu  die  Schönheit  des  Materials,  dessen  Wirkung 
durch  schwarzen  Lacküberzug,  Vergoldung  und  andere  Mittel  in  verschiedenster 
Weise  nuanciert  wird,  reihen  dieseArbeiten  heute  unter  die  gesuchtesten  und  am 

31*  483 


höchsten  bezahlten  Erzeugnisse  des  al- 
ten Kunstgewerbes.  Der  künstlerische 
Charakter  des  italienischen  Bronzege- 
rätes lägt  die  große  Masse  der  Produk- 
tion auf  die  Florentiner  und  vor  allem 
Paduaner  Werkstätten  unter  dem  Ein- 
fluß Donatellos  und  seiner  Schüler  be- 
stimmen;  dazu  treten  im  sechzehnten 
Jahrhundert  Arbeiten  von   ausgespro- 
chenem venezianischen  Charakter.  Die 
wichtigsten  Gattungen  des  Bronzege- 
räts sind  KÄSTCHEN,  HANDGLOCKEN, 
MÖRSER  Imortaio,  Abb.  385],  LEUCH- 
TER (Abb.  386],  LAMPEN  nach  antiker 
Art,   und  vor  allem  TINTENFÄSSER, 
bei   denen   der  feste    architektonische 
Aufbau  besonders  oft  aufgegeben  wird 
zu  gunsten  freierer  Erfindungen,    wo 
menschliche  Figuren,  Fabelwesen  oder 
Tiere  in  phantastischer  Weise  den  Tin- 
tenbehälter tragen.    Häufig  überwiegt 
bei  diesen  Arbeiten  das  Interesse  ander 
figürlichenDarstellung  derartig,  dag  sie 
mit  besserem  Rechte  als  Erzeugnisse 
der  Kleinplastik,   als   des   eigentlichen 
Kunstgewerbes  angesehen  werden  dür- 
fen. Satyre  oder  Nymphen  ruhen  an  ei- 
ner Schale  oder  Muschel,  die  als  Tinten- 
behälter dient,  oder  tragen  in  den  Armen 
den  Behälter  für  das  Öl  oder  die  Tülle 
für  die  Kerze  [siehe  Tafel],  und  vor  al- 
lem sind  es  die  naturalistischen  Erzeug- 
nisse der  Tierplastik,  unter  deren  bizar- 
rer Erscheinung  derartige  Gebrauchs- 
zwecke verborgen  sind;  ein  hockender 
Frosch  mit  offenem  Maule,  ein  Fabel- 
wesen mit  weitaufgerissenem  Rachen 
dient  als  Tintenfaß.  Auger  den  genann- 
ten Gerättypen  sind  noch  besonders  va- 
sen-   und    schalenförmige  Behälter  zu 

Abb.  384:   Ciborium  von  Giovanni  delle  Bombarde,    nennen,  VOr    allem    die  Seltenen  grogeu 

G  siena,  Fontegiusta  °  krcisrundcn  HENKELSCHALEN  auf  er- 

höhtem Fug,  die  als  Kühlgefäge  [rinfrescatoio]  dienten  [siehe  Tafel].    Ferner 
BRONZERAHMEN  für  Kugtafeln,  Hausaltärchen,  kleine  WEIHWASSERBECKEN 

484 


D  Abb.  385:  Mörser  aus  Bronze,  Siena  D 

D   Abb.  386  :  Doppelleuchter  aus  Bronze,  Florenz   D 


[ein  besonders  schönes,  florentinisches  Beispiel  aus  der  Hochrenaissance  im  Ber- 
liner Kunstgewerbemuseum  veranschaulicht  Abb.  390  ],  Bekrönungen  und  Teile  von 
Zimmerfontänen  u.  a.  m.  Unter  den  BRONZESPIEGELN  ist  der  berühmteste  als 
ArbeitDonatellos  bereits  genanntworden,  dem  aisweiteres  Beispiel  aus  derFrüh- 
renaissance  der  schildförmige  Strozzispiegel  in  Oxford  [aus  der  an  Bronzen  be- 
sonders reichen  Sammlung  Fortnum]  mit  der  Profilbüste  des  Besitzers  auf  der 
Rückseite  zugefügtsei,  eine  hervorragende florentinische  Arbeit  um  1460.  Häu- 
figer, wenn  auch  selten,  sind  bronzene  Standspiegel  aus  dem  sechzehnten  Jahr- 
hundert erhalten.  Die  vornehmsten  und  umfangreichsten  Bronzegeräte  des  italieni- 
schen Haushaltes  sind  die  stets  paarweise  gearbeiteten  KAMINBÖCKE  |  ALARI|, 
deren  typischer  Aufbau  kandelaberartig  gehalten  ist,  mit  figürlichen  Gestalten  am 
Sockel  und  als  Bekrönung.  Die  hervorragendsten  Beispiele  besitzt  das  National- 
museum in  Florenz  |  vgl.  Abb.  387  und  388 1,  ein  durch  die  Künstlerbezeichnung  |.lo- 
sepho  de  Levi  in  Verona  mi  fece|  merkwürdiges  Paar  aus  der  Spätrenaissance  das 
South  Kensington  Museum.  D 

Da(^  abgesehen  von  den  BronzegerätcMi  aui-h  die  erhaltenen  BRONZESTATU- 
ETTEN ursprünglich  vielfach  eine  kunstgewerbliche  Bestimmung  hatten,  ist  bereits 
gesagt  worden.  Doch  gewinnt  die  Bronzestatuette  noch  in  der  zweiton  Hälfte  des 
fünfzehnten  Jahrhunderts  durch  die  Tätigkeit  Bertoldos  eine  selbständige  Be- 
deutung als  dekorativer  Zimmerschmuck,  vor  allem  im  Gefolge  des  beginnenden 
Sammlerwesens  und  des  wachsenden  Interesses  an  der  Antike,  als  handliche  und 
verhältnismäßig  wohlfeile  Reproduktion  berühmter  antiker  Bildwerke.  Wie  die 
italienische  Bronzestatuette  auf  ein  Grenzgebiet  zwischen  Plastik  uiul  Kunstge- 

485 


werbe  führt,  so  überwiegt  auch 
bei  denErzeugnissen  der  RELIEF- 
KLEINPLASTIK der  Renaissance 
das  allgemeine  künstlerische  In- 
teresse über  das  kunstgewerb- 
liche. Dies  gilt  zunächst  für  die 
sog.  PLAKETTEN,  d.  h.  kleine 
Bronzereliefs  mit  zumeist  antiki- 
schen, mythologischen  und  allego- 
rischen Darstellungen,  aber  auch 
biblischen  und  legendarischen  In- 
halts, die  als  Beschläge  und  Be- 
standteile von  Geräten,  Möbeln, 
Waffen  [Degenknöpfe]  dienten, 
ferner  als  kostümliche  Schmuck- 
stücke, die  besonders  an  den  Hü- 
ten. Gürteln  und  Mänteln  getra- 
genwurden. Die  Plaketten  mit  an- 
tikischen Motiven  bilden  vielfach 
antike  Gemmen  und  Kameen  in 
freier  Weise  nach;  die  Plaketten 
mit  religiösenDarstellungen  dien- 
ten   zumeist   als   KUSSTAFELN 

C         Abb.  387:  Kaminbock.  Florenz,  Xationalmuseum        D    [pace]  Und  WUrdeU  als  SOlchc  oft 

mit  dem  zugehörigen  Rahmen  zusammengegossen.  Die  bekanntesten  Meister  der 
italienischen  Plakette,  die  zumeist  auch  als  Goldschmiede,  Stempel-,  Münzen-  und 
Gemmenschneider  tätig  waren,  sind  RICCIO,  ULOCRINO,  E.NZOLA,  GIOVANNI 
FIORENTINO,  Cristoforo  Foppa,  gen.  CARADOSSO  [gest.  1527],  ANTONIO  DA 
BRESCIA,  GIOVANNI  DELLE  CARNIOLE,  der  sog.  Meister  der  Orpheussage, 
MODERNO,  P.  J.  Alari,  gen.  ANTICO,  VALERIO  BELLI  VICENTINO,  GIOVANNI 
BERNARDI.  D 

Noch  geringer  als  bei  den  Plaketten  ist  der  Zusammenhang  mit  dem  Kunstge- 
werbe bei  dem  berühmtesten  Zweige  der  italienischen  Kleinplastik,  der  MEDAILLE. 
Die  italienische  Medaille  der  Frührenaissance  gehört  zu  den  eigenartigsten  und 
vollendetsten  Äugerungen  der  italienischen  Kunst,  und  hat  als  solche  ein  so  ein- 
gehendes Studium  gefunden,  dag  ihre  Geschichte  in  diesem  Zusammenhange  kaum 
erwartet  werden  dürfte  und  als  wichtiges  Kapitel  aus  der  Geschichte  der  italie- 
nischen Plastik  an  dieser  Stelle  nur  gestreift  werden  kann.  Die  italienische  Me- 
daille, soweit  sie  eine  selbständige  künstlerische  Bedeutung  hat,  ist  nicht  mit 
Stempeln  geprägt,  sondern  GEGOSSEN,  regelmäßig  in  Bronze,  nur  ausnahms- 
weise in  Gold  und  Silber;  gelegentlich  kommen  auch  Bleiabgüsse  vor.  Durch  das 
Gugverfahren,  die  Herstellung  desModellsindembildsamen  Wachsoder  Ton,  nach 
dem  die  Sandform  hergestellt  wurde,  sind  der  gegossenen  Medaille  viel  größere 
und  feinere  Ausdrucksmöglichkeiten  gegeben,  als  der  geprägten  Medaille,  der 
486 


etwas  Mechanisches  anhaftet,  da 
die  Technik  des  Stempelschnitts 
einer  freien  künstlerischen  Aus- 
drucksweise die  größten  Schwie- 
rigkeiten entgegensetzt.  Der  her- 
vorragende Wert  der  gegosse- 
nen Frührenaissancemedaillen, 
die  Gröge  und  Sicherheit  der 
Charakteristik  in  den  Profilpor- 
träts der  Schauseite,  die  sinnige, 
gelstreiche  und  poetische  Erfin- 
dung des  Revers,  das  Geschick 
der  Komposition,  die  Klarheit  in 
der  Durchbildung  der  Typen  und 
ihre  Anordnung  in  der  die  Darstel- 
lung begleitenden  Schrift,  —  das 
ist  so  oft  gerühmt  worden,  dag 
hier  nicht  besonders  darauf  hin- 
gewiesen zu  werden  braucht.  Die 
gegossene,  italienische  Medaille 
ist  bald  nach  1440  entstanden  und 
als  Schöpfung  eines  der  bedeu- 
tendsten Künstler  der  Frührenais- 

Sänce  anzusehen,  des  Malers  VIT-    °         Abb.  388:  Kaminbock.  Florenz,  Nationalmuseum         D 

TORE  PISANO,  genannt  PISANELLO  Igest.  1451].  Im  Gegensatz  zu  fast  allen 
anderen  Kunstzweigen  spielt  in  der  Geschichte  der  Medaille,  die  ja  ein  rechtes 
Produkt  der  Ruhmliebe  ist,  das  republikanische  Florenz  nicht  die  Rolle,  wie  die 
kleineren  Herrschersitze,  vor  allem  Oberitaliens  |Ferrara.  mit  dem  Hof  der  Este, 
Mantua  mit  den  Gonzaga,  Mailand  mit  den  Sforza],  ferner  Rimini,  Urbino,  Faenza, 
und  schon  in  früher  Zeit  Neapel  mit  der  Dynastie  der  Anjou.  Die  wichtigsten, 
hauptsächlich  für  diese  Fürstengeschlechter  tätigen  Nachfolger  Pisanellos  sind 
MATTEO  DEI  PASTI,  ANTONIO  MARESCOTO,  SPERANDIO  MANTOVANO.  In 
Bologna  waren  FRANCESCO  FRANCIA,  in  Venedig  neben  den  beiden  grötUen 
Malern  der  Stadt,  GIOVANNI  und  GENTILE  BELLINI,  GIOVANNI  BOLDU,  PAOLO 
DA  RAGUSA,  GUIDIZZANI  als  Medailleure  tätig ;  in  Florenz  vor  allem  BERTOLDO, 
der  Meister  der  früher  fälschlich  dem  Pollajuolo/.ugeschriebenen  Medaillen,  BENE- 
DETTO  DA  MAJANO,  NICCOLO  DI  FORZORE  SPINELLL  Im  sechzehnten  Jahr- 
hundert verdrängte  die  Prägung  die  gegossene  Medaille,  und  nahm  ihr  hierdurcli 
den  hervorragenden  künstlerischen  Wert,  den  sie  im  fünfzehnten  Jahrhundert  be- 
ansprucht. Die  Prägung  der  Medaillen  wurde  auger  in  Rom  zuerst  in  Venedig  durch 
die  Tätigkeit  des  Stempelschneiders  Vittore  Gambello,  gen.CAMELIO,  allgemein. 
EISEN  D 

Werke  von  geringerer  künstlerischer  Eigenart  und  Freiheit,  aber  von  hoher 
Technik  und  kräftigem  Charakter  sind  uns  unter  den  KISENARBEITEN  erhalten. 

487 


Abb  389—391:  [Links  und  rechts]  Zwei  eiserne  Fackelhalter  vom  Palazzo  Magnifico  in  Siena.  [Mitte] 
□  Weihwasserbecken  in  Bronze  aus  dem  Palazzo  Strozzi,  Florenz  D 

Da  Beschläge  in  dem  ilalienischen  Mobiliar,  abgesehen  von  einigen  Truhen  aus 
der  Übergangszeit,  keine  Rolle  spielen,  konnte  dieser  Zweig  der  Eisenarbeit,  der 
indenLändern  nördlich  derAlpenzuso  hoherBlüte  kam,  sich  hier  nicht  entwickeln. 
Auch  die  eisernen  GITTER,  die  besonders  in  florentinischen,  sienesischen  und 
lombardischenKirchenalsKapellengittervorkommen,  haben  keine  hervorragende 
Bedeutung,  sondern  reproduzieren  zumeist  die  üblichenFormen  desTrecento  mit 
aneinander  gereihten  pagförmigen  Gliedern  zwischen  den  Stäben,  die  das  Gerüst 
des  Gitters  bilden.  Die  hervorragendsten  undeigenartigstenEisenarbeiten  derRe- 
naissance  findet  man  dagegen  als  Augendekoration  der  toskanischen  Paläste:  die 
Glockenzüge  und  vor  allem  die  wuchtigen,  phantastisch  bewegten  Arme,  die  einen 
Ring  halten,  und  zumeist  als  FACKEL-  und  ST  AND  ARTENHALTER  dienten  [vgl. 
Abb.  389,391],  aber  auch  in  anderer  Weise,  besonders  bei  festlichen  Gelegenheits- 
dekorationen, benutzt  wurden.  Zum  Beispiel  tragen  sie  auf  einem  Truhenbild  aus 
der  Werkstatt  Botticellis  grüne  Zweige  und  Bäumchen  nach  Art  unserer  Pfingst- 
bäume!  Für  diese  Arme  war  ebenso  wie  für  die  selteneren  ECKLATERNEN  das 
Schmiedeeisen  vor  der  Bronze  bevorzugt.  Die  schönsten  derartigen  Ecklaternen 
befinden  sich  am  Palazzo  Strozzi  in  Florenz  [vgl.  Abb.  392J,  nach  dem  Modell  von 
Benedetto  da  Majano,  ausgeführt  von  Niccolo  Grosso,  genannt  CAPARRA.  Es  ist 
zu  bewundern,  wie  bei  aller  Eleganz  und  Leichtigkeit  der  monumentale,  einfache 
Charakter,  der  für  derartige  Arbeiten,  die  zum  Schmuck  der  gewaltigen  Rustika- 
architektur dienten,  notwendig  war,  stets  gewahrt  wurde.  'Es  ist,  als  ginge  aus 
der  Ecke  des  Gebäudes  ein  Strahl  von  Strebekraft  in  das  Eisenwerk  hinein',  so 
charakterisiert  Burckhardt  die  Wirkung  dieser  Arbeiten.  In  der  inneren  Aus- 
stattung des  italienischen  Hauses  spielt  das  Eisen  nur  eine  Rolle  als  Kamingerät, 
Feuerzangen  usw.,  obgleich  es  natürlich  auch  sonst  für  unmittelbar  praktisches 
Gerät  gebraucht  wurde;  z.  B.  besitzt  das  South  Kensington  Museum  zwei  floren- 

488 


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[OBEN]  SCHRKIBZKUGE  AUS  BKONZE 
[UNTEN]  BRONZEKÜHLER- FLORENZ 


Abb.  392:    Laterne    am    Palazzo   Strozzi,   Florenz 


tinische  Eisenständer  aus  dem  fünfzehn- 
ten Jahrhundert,  die  als  Träger  für  die 
üblichen  großen  Wasserbecken  dienten. 
Bei  all  diesen  Eisenarbeiten  bewegt  sich 
die  künstlerische  Ausstattung  aber  nur  in 
den  bescheidensten  Grenzen.  D 

Den  eigentlichen  Schmiedearbeiten 
stehen  gegenüber  die  Zierarbeiten  aus 
Eisen,  bei  denen  TREIBARBEIT,  ÄT- 
ZUNG, und  vor  allem  die  TAUSCHIE- 
KUNG  mit  Gold-  und  Silbereinlagen  die 
Wirkung  bestimmt.  Diese  Techniken  wur- 
den durch  die  spanischen  und  mailändi- 
schen  WAFFENSCHMIEDE,  in  den  fürst- 
lichen Prunkrüstungen  und  Schilden,  die 
die  großen  Waffensammlungen  besitzen 
I  häufiger  erhalten  einzelne  Teile,  Schild- 
buckel usw.],  zur  höchsten  Entfaltung  ge- 
l)racht  und  seit  der  Mitte  des  sechzehnten 
Jahrhunderts  auch  auf  das  häusliche 
PRUNKMOBILIAR  übertragen.   Vor  al- 


lem sind  hier  die  mit-  derartigen  Eisenreliefs  beschlagenen  MAILÄNDISCHEN 
KABINETTSCHRÄNKE  zu  nennen,  die  besonders  die  Londoner  und  Mailänder 
Sammlungen  und  das  Hofmuseum  in  Wien  besitzen.  Als  schönstes  Stück  sei  der 
Wiener  Kabinettschrank  von  GIUSEPPE  DE  VICIS  [1567]  genannt;  als  Beispiel 
anderer  Möbelgattungen  der  prächtige  Spieltisch  aus  der  Soltykoff-Hamilton- 
Sammlung  und  ein  groger  Standspiegel  im  South  Kensington  Museum,  von  klei- 
neren Geräten  eine  Paxtafel  mit  der  Darstellung  der  Pieta  im  Poldi-Pezzoli  Museum 
zu  Mailand.  Kleinere  tauschierte  Eisenarbeiten  ohne  Reliefschmuck,  zumeist  nur 
mit  feinen  Ranken  und  Arabesken,  wurden  auger  in  Spanien  und  Mailand  beson- 
ders in  Venedig  gearbeitet.  Als  charakteristisch  wäre  neben  einigen  Messergriffen 
ein  eleganter  Bügel  nebstSchlogvon  einer  verlorenen  Leder[?|-Tasche  zu  nennen, 
der  im  Kastell  zu  Mailand  aufbewahrt  wird.  Erwähnt  sei  hier  auch  die  elegante 
tauschierte  Schere  aus  der  Sammlung  Spitzer  im  Österreichischen  Museum.  D 
Durch  dieBeziehungen  zum  Orient.  dieKünstlerbezeichnungen  und  dieWappen 
der  Besitzer  lägt  sich  noch  für  eine  besondere  Gattung  von  Metallarbeiten  VENE- 
DIG als  Heimat  feststellen.  Das  VENEZIANISCH- ORIENTALISCHE  METALL- 
GERÄT spielte  in  dem  venezianischen  Haushalt  eine  groge  Rolle,  wie  man  sowohl 
aus  den  Denkmälern,  wie  aus  den  Inventaren  belegen  kann.  Es  sind  Arbeiten  aus 
vergoldetemKupfer  und  messing-  oder  bronzeartigenLegierungen  |rame,stagno|, 
die  durch  Gravierung  und  Silbereinlagen  [die  heute  meist  ausgefallen  sind]  in 
sarazenischem  Geschmack  dekoriert  wurden.  Die  häufigsten  Geräte  derart  sind 
SCHALEN  und  BECKEN,  zumeist  kleinen  Formats,  RÄUCHERBECKEN  |PRO- 
FUMEGO],  halbkugelförmig  mit  durchbrochenem  flachem  Scheibendeckel,  oder 

490 


Abb.  393:  Venezianische  Metallschüssel.  15.  Jahr- 
D  hundert  D 


Abb.  394:  Venezianische  Messingschüssel,  16.  Jahr- 
D  hundert  D 


in  Form  einer  durchlochten  Kugel  zum  Aufhängen,  BISAMÄPFEL  [OLDANO]. 
ferner  SCHWENKKÜBEL,  LEUCHTER,  in  der  bereits  erwähnten  Form  mit  nie- 
drigem Schaft  und  breitem  Ringfug,  KANNEN  und  flache,  große  SCHÜSSELN.  An 
diesen  Schüsseln,  die  vor  allem  das  Britische  Museum  in  einer  charakteristischen 
Auswahl  besitzt,  lägt  sich  die  Entwicklung  dieser  Gattung  von  Metallarbeiten  in 
Venedig  besonders  gut  verfolgen.  Die  ältesten  Stücke,  aus  dem  fünfzehnten 
Jahrhundert,  sind  rein  orientalisch  in  Stil  und  Technik  und  offenbar  von  sarazeni- 
schen Handwerkern  selbst,  die  in  Venedig  ansässig  waren,  gearbeitet  [Abb.  393]. 
Eine  solche  Schüssel  mit  [ursprünglich  eingelegtem  |  Flechtwerk  im  British  Mu- 
seum ist  z.  B.  von  einem  auch  sonst  nachweisbaren  Mahmud  ihn  el-Kurdi  bezeich- 
net, eine  andere  im  South  Kensington  Museum  mit  erhaltener  Tauschierung  für 
eine  Veroneser  Familie  gearbeitet.  Neben  den  orientalischen  Handwerkern  kom- 
men dann  besonders  griechische  Meister  von  den  Inseln  und  der  Ostküste  der  Adria 
in  Betracht,  die  neben  den  heimischen  Meistern,  die  die  Zunft  der  'Peltri'  bildeten, 
tätig  waren.  Gegen  Ausgang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  dringen  immer  be- 
stimmter abendländische,  speziell  gotische  Motive  in  das  orientalische  Dekora- 
tionssystem ein.  zum  Beispiel:  die  Schüssel  mit  dem  Wappen  der  Zen  [British 
Museum],  woneben  das  orientalische  F'lechtwerk,  wie  wir  esähnliclian  den  Leder- 
arbeiten finden,  die  gotische  Buckelung  tritt.  Im  sechzehnten  Jahrhundert  wird 
dann  die  Gliederung  ganz  im  Sinne  der  Renaissance  gehalten  [Schüssel  mit  Allianz- 
wappen der  Capello  und  Michel  in  London],  die  Pflanzenornamentik  verdrängt 
das  Flechtwerk,  die  Gravierimg  die  Einlegearbeit  [Abb. 394].  und  schliefjich  über- 
wiegen figürliche  Motive :  Bilder  der  römisclien  Kaiser  ]  Querini-Schüssel  in  London, 
eine  ähnliche  in  der  Liechtenstein-Sammlung]  und  aus  der  Mythologie.  Als 
Künstlernamen  aus  der  Mitte  des  sechzehnten  .hihrluinderts,  die  wir  aus  bezeich- 
neten Exemplaren  kennen,  seien  ORAZIO  FORTELEZZA  ausSebenico-Dalmatien 
[London]  und  NICCOLO  RUGINA,  ein  Grieche  aus  Korfu[  London  und  Östcrreichi- 

491 


sches  Museum,  Wien]  genannt. 
Im  Zusammenhang  mit  diesen 
Arbeiten  steht  eine  Gruppe  spe- 
zifisch venezianischer  Metallge- 
räte für  weltlichen  Gebrauch, 
die  sich  im  Charakter  der  Gold- 
schmiedekunst nähern,  zumeist 
leicht  gearbeitet,  vergoldet,  mit 
flacher  Arabeskenornamentik. 
Als  das  interessanteste  Stück  die- 
ser Gattung  sei  eine  Nachtlampe 
im  Louvre  genannt,  zylinderför- 
mig, die  Wandungen  durchbro- 
chen und  durch  Pilaster  geteilt. 
GOLDSCHMIEDEKUNST  D 
Gegenüber  den  italienischen 
Silberarbeiten  der  Gotik  und  de- 
nen der  deutschen  Renaissance 
tritt  die  Goldschmiedekunst  der 
Renaissance  in  Italien  an  Bedeu- 
tung wesentlich  zurück,  abgese- 
hen von  jener  berühmten  Gat- 

D  Abb.  395:  Kreuzfug  aus  vergoldeter  Bronze  D    fy^g  VOU  Prachtgcfägen  aUS  der 

Hoch-  und  Spätrenaissance,  die  ihrem  Wesen  nach  mehr  in  das  Bereich  des 
Juweliers  als  des  Goldschmiedes  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  fallen.  Aller- 
dings besitzen  wir  über  die  Namen  der  Meister  in  den  einzelnen  Schulen  aus 
Urkunden  und  literarischen  Quellen  mehr  Nachrichten  als  für  irgendein  anderes 
Gebiet  des  Kunstgewerbes;  aber  auch  auf  keinem  anderen  Gebiet  ist  gerade  von 
den  hervorragenden  Werken  soviel  zugrunde  gegangen  als  auf  diesem.  Da  gerade 
die  bedeutenderen  Persönlichkeiten  unter  den  bekannten  Meistern  zugleich  als 
Bronzegießer,  Medailleure  usw.  tätig  waren,  sind  ihre  Namen  zum  Teil  schon  in 
den  vorhergehenden  Abschnitten  genannt.  Was  wir  aus  den  Quellennachrichten 
entnehmen  können,  ist  vor  allem  der  aui^erordentlich  große  Umfang  der  Produk- 
tion —  es  sind  etwa  tausend  Meisternamen  bekannt!  —  und  das  Hervortreten  all 
der  Lokalschulen,  die  wir  auch  sonst  aus  der  Geschichte  der  italienischen  Kunst 
kennen,  —  vor  allem  FLORENZ,  SIENA,  BOLOGNA,  ferner  Perugia,  Venedig, 
Padua,  Mailand,  dazu  die  Schule  in  denAbbruzzen  und  das  Zusammenströmen  von 
Meistern  aus  ganz  Italien  in  Rom  für  die  päpstlichen  Aufträge.  Um  sich  von  dem 
Durchschnitt  der  Produktion,  der  in  der  Qualität  entschieden  die  Höhe  der  Quan- 
tität nicht  erreicht,  eine  Vorstellung  zu  machen,  genügt  immerhin  noch  das  be- 
sonders in  den  Kirchenschätzen  verstreute,  aber  nicht  gut  zugängliche  Material. 
Da  es,  abgesehen  von  einigen  Schmucksachen,  ausschließlich  Kirchengeräte  sind, 
die  uns  aus  der  Frührenaissance  erhalten  sind,  ist  es  nicht  zu  verwundern,  daß 
der  Charakter  der  italienischen  Goldschmiedekunst  im  fünfzehnten  Jahrhundert 


492 


besonders  konservativ  erscheint. 
Dies  gilt  besonders  für  die  am 
häufigsten  erhaltenen  Kelche  und 
Kreuze,  die  in  den  Typen  und 
Techniken  so  eng  mit  der  goti- 
schen Tradition  verwachsen  sind, 
dag  das  wichtigste  hierüber  be- 
reits in  dem  vorhergehenden 
Kapitel  über  die  gotische  Gold- 
schmiedekunst gesagt  ist  [vgl. 
S.  316  u.  ff.].  Die  Umformung  der 
typischen  Gerätformen  des  Kir- 
chengeräts im  Sinne  der  Renais- 
sance macht  sich  besonders  gel- 
tend in  den  Knauf-  und  Schaftbil- 
dungen, die  die  Formen  des  Zen- 
tralbaues mit  Kuppel,  Laterne  und 
Nischen  mit  eingestellten  Figür- 
chen  annehmen;  ferner  —  aber 
nur  sehr  allmählich  —  in  der  Er- 
setzung der  Pagformen  durch  das 
Kreisrund  und  Voluten.  Ganz  kon- 
sequent werden  die  Renaissance- 
formen in  der  kirchlichen  Gold-  Abb.  396:  silbernes  Reliqular  des  heiligen  Bernhard  in  Siena 
Schmiedekunst,  sowohl  in  Italienwie  inSpanien  und  Portugal,  erst  im  sechzehnten 
Jahrhundert  durchgeführt,  aber  man  vermißt  durchweg  die  Freiheit  und  Schwung- 
kraft, die  auf  anderen  Gebieten  den  dekorativen  Stil  der  Hochrenaissance  genieß- 
bar und  erziehend  macht.  Dem  Eindringen  der  Renaissanceformen,  dem  Streben 
nach  architektonischer  Strenge  und  Klarheit  im  Aufbau  war  es  günstig,  dag  ge- 
rade in  Italien  die  Kirchengeräte  vielfach  anstatt  aus  echtem  Material  aus  vergol- 
deter und  versilberter  Bronze  hergestellt  wurden  |  vgl.  Abb.  395),  wobei  die  hoch- 
entwickelten Ziertechniken  derGotik  schon  frühzeitig  beiseite  geschoben  wurden 
und  eine  gewisse  Gröge  und  Einfachheit  der  Behandlung  Voraussetzung  war.  Be- 
stimmter als  bei  den  übrigen  Kirchengeräten,  besonders  den  Kreuzen  und  Kel- 
chen, setzt  der  neue  Stil  sich  naturgemäg  bei  den  Reliquienbehältern,  Monstran- 
zen usw.  mit  rein  architektonischem  Aufbau  durch.  D 
Der  ungünstige  Eindruck,  den  der  Durchschnitt  des  erhaltenen  italienischen 
Kirchengeräts  der  Renaissance  erweckt,  der  Eindruck  des  konservativ-zähen  und 
rückständigen,  bedarf  der  Korrektur  durch  die  Erwägung,  dag  tatsächlich  die 
führenden  Meister  der  italienischen  Kunst,  die  grögten  Maler  und  Hihiluuier  auf 
diesem  Gebiete  tätig  waren  und  aus  den  Ateliers  der  Goldschmiede  luM-vorgingcn. 
Aber  es  ist  eine  der  empfindlichsten  Lücken  der  italienischen  Kunstgeschichte, 
dag  derartige  Arbeiten  von  der  Hand  führender  Künstler,  die  als  scluipt'orischc 
Kunstwerke  ersten  Ranges  anzusehen  wären,  so  gut  wie  nicht  erhalten  siiul.  Am 

493 


schmerzlichsten  ist  hierbei  naturgemäß  der  Verlust  der  Arbeiten  der  großen  flo- 
rentinischen  Künstler,  die  die  Möglichkeit  geben  würden,  die  eigentliche  Ent- 
stehungsgeschichte des  neuen  Stils  in  derGoldschmiedekunst  zu  verfolgen.  Zwar 
haben  wir  hier  die  Silberstatuette  des  Täufers  von  MICHELOZZO,  das  herrliche 
Silberrelief  der  Enthauptung  von  VERROCCHIO,  und  derGeburt  des  Johannes  von 
ANTONIO  POLLAIUOLO  an  dem  Silberdossale  des  Florentiner  Baptisteriums  im 
dortigen  Dommuseum  [vgl.  Seite  378J,  —  Arbeiten,  die  zu  den  bekanntesten  Wer- 
ken Florentiner  Plastik  gehören;  aber  von  eigentlich  kunstgewerblichen  Arbeiten 
dieser  Meister  wäre  nur  das  große  Standkreuz  zu  nennen,  welches  auf  jenem 
Dossale  steht.  Dieses  leider  nicht  ganz  intakt  erhaltene  Silberkreuz  mit  Emails 
und  getriebenen  und  gegossenen  Figuren  ist  1456 — 1459  entstanden;  trotz  dieses 
Datums  —  und  trotz  Florenz!  —  ist  das  eigentliche  Kreuz  [von  Betto  di  Francesco 
Betti]  noch  halbgotisch  in  der  Formengebung;  dagegen  zeigt  der  Untersatz  von 
Antonio  Pollajuolo  [und  Miliano  di  Domenico  Deij  bei  geschweifter  Basis  reine 
Renaissanceformen  mit  einem  kuppelgekrönten  Nischenbau  am  Schafte.  Die  auf- 
gelegten Emailplatten,  deren  Schmelzwerk  ausgefallen  ist,  zeigen  nur  noch  das 
zarte  Relief  des  Grundes  und  lassen  zum  größten  Teile  die  Hand  Pollajuolos  er- 
kennen, während  andere  Teile  einem  der  genannten  Mitarbeiter  gehören,  dessen 
Stil  von FraFilippo  beeinflußt  ist.  Einen  weiteren  Mitarbeiter  desPollajuolo  lernen 
wir  in  Francesco  di  Giovanni  kennen,  der  das  Relief  mit  dem  Gastmahl  des  He- 
rodes  am  Dossale  gearbeitet  hat.  Die  originelle  und  bestimmte  Art,  wie  die  tos- 
kanischenMeister  der  Frührenaissance  die  Aufgaben  derGoldschmiedekunst  auch 
auf  dem  Gebiet  des  Geräts  zu  bewältigen  verstanden,  kann  man  besser  als  in 
Florenz  in  Siena  verfolgen,  wo  besonders  das  Reliquiar  des  heiligen  Bernhardin 
in  der  Osservanza,  von  dem  bekannten  Bronzebildner  Giovanni  Turino  begonnen, 
von  Francesco  d'Antonio  vollendet  —  der  Aufsatz  später  —  [vgl.  Abb.  396 1  und 
das  Reliquiar  für  den  Arm  Johannes  d.  T.  im  Dom,  von  demselben  Francesco 
d'Antonio  1466  gearbeitet  [siehe  Tafel],  zu  nennen  sind.  D 

In  der  Hochrenaissance  liegen  die  hervorragendsten  Leistungen  der  italieni- 
schen Goldschmiedekunst  bezeichnenderweise  nicht  auf  selten  desKirchengeräts, 
sondern  des  profanen  Luxus-  und  Prunkgeräts.  Allerdings  spielen  reine  Gold- 
schmiedearbeiten hier  nicht  die  größte  Rolle,  was  allerdings  wohl  mit  daran  liegt, 
daß  sie  in  viel  ergiebigerer  Weise,  als  die  anderen  Gattungen  der  Goldschmiede- 
kunst, von  späteren  Geschlechtern  eingeschmolzen  und  zu  Geld  gemacht  wurden. 
Den  wichtigsten  Typus  derartiger  Arbeiten  stellen  die  Prunkkannen  und  Schüsseln 
mit  kräftigem  Reliefschmuck  unter  dem  Einfluß  Sansovinos  und  Michelangelos  dar. 
Ein  hervorragendes  Beispiel  bietet  die  kürzlich  für  das  Berliner  Kunstgewerbe- 
museum erworbene  Kanne  mit  Schüssel,  für  die  Grafen  Citadella  Vigodarcere  in 
Padua  gearbeitet  [Abb.  397|.  Ähnliche  Arbeiten,  mit  oft  feiner  Umrißform,  aber 
kleinlicher,  unreiner  im  Ornament  und  überladen  in  der  Wirkung,  wurden  in  Por- 
tugal gearbeitet ;  ein  charakteristisches  Beispiel  besitzt  u.  a.  die  Wallace-Collection 
[siehe  Tafel  |.  Im  übrigen  ist  an  eigentlichem  Tafelsilber  wenig  erhalten,  trotz  des 
großen  Luxus,  der  im  sechzehnten  Jahrhundert  bei  den  Fürsten  und  der  römischen 
Geistlichkeit  hiermit  getrieben  wurde.  Künstler,  deren  Tätigkeit  grade  auf  diesem 

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D  Abb.  397:  Goldene  Kanne  und  Schüssel  aus  Padua,  im  Kunstgewerbemuseum  zu  Berlin  O 

Gebiete  überliefert  ist,  sind  Giovanni  Firenzuola  aus  Mailand  und  Giovanni  de 
Prato,  die  für  die  Päpste,  Lorenzo  della  Nera  und  die  Brüder  Poggini,  die  für  den 
toskanischen  Hof  um  die  Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  arbeiteten.  D 

Die  kostbarste  und  originellste  Leistung  der  italienischen  Goldschmiedekunst 
der  Hochrenaissance  bilden  die  PRUNKGERÄTE,  in  denen  sich  die  Künste  des 
Steinschneiders,  Juweliers  und  Emailleurs  vereinigen.  Das  Hauptmotiv  dieser 
Arbeiten  bildet  regelmäßig  ein  farbiger  HALBEDELSTEIN,  wie  Achat,  Jaspis, 
Lapis  lazuli,  ein  Kristall  oder  Glasflug,  der  mit  einer  zumeist  emaillierten  oder  mit 
Edelsteinen  besetzten  Fassung  versehen  und  so  zum  Gerät  gemacht  wird.  Mit  der 
Vorliebe  für  antike  Steinschnittarbeiten  kam  diese  Gattung  von  Prunkstücken  be- 
reits im  Quattrocentro,  besonders  in  Florenz  und  Rom  auf;  doch  sind  aus  dieser 
Zeit  nur  sehr  wenige  Arbeiten  der  Art  erhalten  [Palazzo  Pitti,  aus  mediceischem 
Besitz].  Diese  frühen  Stücke  unterscheiden  sich  von  den  späteren  durch  ihre  Ein- 
fachheit undGröge;  ein  dunkler,  in  der  Farbe  einheitlicher  Steinkörper  mit  klaren, 
breitenFlächen  wird  bevorzugt;  dieFassung.  die  sich  eng  dem  Körper  anschmiegt, 
besteht  aus  einfachen  Metallbändern,  mit  strenger,  oft  noch  gotisierender  Orna- 
mentik. Die  Kombinationsmöglichkeiten,  die  die  Arbeiten  dieser  Gattung  boten, 
wurden  aber  erst  von  der  Hoch- und  Spätrenaissance  voll  ausgenützt.  Erst  jetzt 
entsprach  die  phantastische,  bewegliche  Art,  die  das  Ornament  unter  dem  Einfluß 
Sansovinos  und  Michelangelos  gewann,  der  schillernden,  gleißenden  Farbigkeit, 
zu  der  die  verschiedenen  Materialien  und  Techniken  hier  einluden.  Wenn  der  mo- 
derne Geschmack,  der  nach  Einfachheit  drängt,  geneigt  ist,  den  künstlerischen 
Wert  dieser  Erzeugnisse  zu  unterschätzen  und  vielleicht  nur  den  Materialwert 
anzuerkennen,  so  vergegenwärtige  man  sich  nur,  was  diese  Arbeiten  in  der  Ge- 

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D     Abb.  398 :  Farnesisches  Kästchen  von  Manno  di  Bastiano  Sbarri  und  Giovanni  Bernardi,  Neapel     O 

schichte  des  Geschmacks  bedeuten,  welch  gesteigertes  Feingefühl  sie  voraus- 
setzen, welche  Phantastik  der  Konzeption,  wieviel  Erfindungsreichtum  und  Ele- 
ganz in  den  Fassungen,  welches  Raffinement  in  ihrer  koloristischen  Erscheinung 
sich  ausspricht.  □ 

Der  Künstlernamen,  unter  dem  die  besten  dieser  Arbeiten  wie  unter  einem 
Gattungsbegriffe  gehen,  ist  der  des  BENVENUTO  CELLINI  [1500—1571].  Cellini. 
vor  allem  in  seiner  Geburtsstadt  Florenz,  aber  auch  in  Rom  für  die  Päpste.  1540 
bis  1545  inFrankreich  fürFranz  I.  tätig,  gehört  tatsächlich  nicht  zu  den  führenden, 
wohl  aber  zu  den  geschicktesten  und  vielseitigsten  Künstlern  seiner  Zeit.  Er  war 
Bildhauer  in  Marmor  und  Bronze,  und  beherrschte  wie  viele  Künstler  seiner  Zeit 
all  die  Techniken  des  Goldschmiedes,  Juweliers,  Emailleurs,  des  Stein-  und  Stem- 
pelschnitts und  der  Tauschierung.  Stilistisch  gehört  er  zu  den  manierierten  Nach- 
folgern Michelangelos.  Seinen  unvergleichlichen  Ruhm  bei  der  Nachwelt  hat  er 
sich  vor  allem  durch  seine  Selbstbiographie  |1558],  die  kein  geringerer  als  Goethe 
des  Übersetzens  wert  hielt,  verschafft,  —  eines  der  merkwürdigsten  Bücher  aller 

32  •    Geschichte  des  Kunstgewerbes  497 


Zeiten,  nicht  nur  als  'documentum  ad  hominem',  sondern  voll  von  Schlaglichtern 
auf  die  Kultur  der  Zeit  und  auch  durch  sachliche  Angaben  über  Werke  und  Persön- 
lichkeiten für  die  Geschichte  der  damaligen  Kunst  von  unschätzbarem  Wert.  Von 
seinen  zahlreichen  kunstgewerblichen  Arbeiten  ist  nur  eine  einzige  mit  Sicherheit 
erhalten  und  zu  identifizieren:  das  berühmte  Salzfaß  im  Wiener  Hofmuseum 
[sieheTafel].  Auf  einem  Sockel  mit  den  michelangelesken  Liegefiguren  der  Tages- 
zeiten und  bewegten  Medaillonbüsten  der  Winde,  sind  die  Wellen  des  Meeres  und 
das  bergige  Terrain  der  Erde  —  als  Quellen  des  Salzes  und  der  Gewürze  —  dar- 
gestellt und  durch  die  Figuren  des  Oceanus  und  der  Tellus  personifiziert,  die  zu 
Seiten  der  Behälter  für  Salz  und  Gewürz  hingelagert  sind.  Neben  der  Treib-  und 
Ziselierarbeit  nimmt  die  Emaillierung  großen  Raum  ein.  Obwohl  die  Figuren  im 
Grunde  genommen  öde  und  in  vieler  Beziehung  auch  flüchtig  gearbeitet  sind,  ist 
das  Ganze  entschieden  von  prächtiger,  und  besonders  in  der  Zusammenstimmung 
des  Goldes  und  der  Emaillen  von  vornehmer  Wirkung.  D 

Die  Zahl  der  Künstler,  die  neben  Cellini  tätig  waren  und  für  die  Herstellung  von 
Arbeiten  dieser  Gattung  in  Betracht  kommen,  ist  eine  ungeheuer  große,  —  ent- 
sprechend der  besonderen  Vorliebe  der  Zeit  für  derartige  Prachterzeugnisse.  Ab- 
gesehen von  Künstlern,  deren  Namen  schon  früher  genannt  wurden,  abgesehen 
von  der  Tätigkeit  bekannter  Bildhauer,  wieLeoneLeoni  [1509 — 1590|  undVincenzo 
Danti  [1530  — 1576J  als  Goldschmiede,  haben  wir  ganze  Reihen  vonKünstlernamen 
aus  der  Zeit  Cellinis,  die  uns  aus  literarischen  Quellen  als  Verfertiger  derartiger 
Arbeiten  bekannt  sind.  Unter  vielen  anderen  seien  nur  genannt  in  Rom:  Antonio 
di  San  Marino,  Gasparo  Galli,  Giacomo  Gianotti,  Bartolomeo  Bulgaro,  Gasparo 
Romanesco,  Ottaviano  da  Orvieto;  in  Neapel  die  Familie  Romanelli,  in  Florenz 
neben  den  genannten  Poggini,  Giacomo  Marini  und  Niccolo  Santini,  in  Mailand  die 
Brüder  Saracchi,  in  Venedig  Miliano  Targhetta.  D 

Die  hervorragendste  Sammlung  italienischer  Prachtgeräte  aus  farbigem  Halb- 
edelstein mitkostbarerMontierung  aus  dem  sechzehnten  Jahrhundert  besitztneben 
Florenz  das  Wiener  Hofmuseum.  Als  die  wichtigsten  Gerättypen  sind  außer  den 
eigentlichen  Schauvasen  Deckelschalen,  Kannen,  Schüsseln,  Schwenkkübel,  Par- 
fümbüchsen zu  nennen.  Häufiger,  und  in  hervorragenden  Beispielen  auch  in  andern 
Sammlungen  [z.B.Paris,  London,  Berlin,  Dresden, München]  anzutreffen  sind  der- 
artige Arbeiten  mit  KRISTALLSCHNITT.  Als  die  hervorragendsten  Stücke,  die 
Italien  selbst  noch  besitzt,  sind  die  nur  ornamental  dekorierte  Schale  Heinrichs  II. 
und  derDiana  vonPoitiers  in  den  Offizien,  das  Kästchen  Clemens  VIL  mitPassions- 
darstellungen  von  VALERIO  BELLI  Vicentino,  ebenda,  und  das  Farnesische  Käst- 
cheninNeapelvonManno  diBastianoSbarri  und  dem  bekannten  Gemmenschneider 
GIOVANNI  BERNARDI  da  Castel  Bolognese  zu  nennen  [vgl.  Abb.  398].  Zumeist 
zeigen  die  Kristallschnitte  freie  antikische  Kompositionen,  Bacchanten,  Nereiden, 
mythologische  Stoffe,  wie  die  Taten  desHerkules  |  Neapel],  die  Jasonsage  [Berlin] 
usw.  Naturgemäß  macht  sich  auch  im  Kirchengerät  der  Einfluß  dieser  weltlichen 
Prachtgeräte  geltend;  so  finden  wir  vor  allem  eine  Reihe  von  Kruzifixen,  die  in 
diesem  reichen,  in  der  Farbenpracht  des  Materials  schwelgenden  Geschmack  ge- 
haltensind. Ein  besonders  schönes,  mitLapis  lazuli  z.B.  in  Wien.  |  Vgl.  die  Kußtafel 

498 


KUSSTAFEL  AUS   MONTE  CASSINO 
BERLIN,  KUNSTGEWERBE  MUSEUM 


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Abb.  399-401:  [Links]  Anhänger  mit  Perle  in  Schwanenform.  Sammlung  Pierpont  Morgan  G  [Mitte]  An- 
D  bänger  mit  Kamee  D  [Rechts]  Anhänger  in  Form  eines  Schiffes  D 

aus  Monte  Cassino  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum  auf  Tafel. J  Aufierordentlich 
gerühmt  werden  in  den  Quellen  die  Schmuckteile  der  liturgischen  Gewandung,  vor 
allem  die  Schließen,  sog.  Monilien;  doch  sind  besonders  erwähnenswerte  Stücke 
aus  diesem  Kreise  nicht  erhalten.  Auf  dem  Gebiet  des  weltlichen  Schmuckes  sind 
es  in  erster  Linie  die  kostbaren  ANHÄNGER,  die  so  energisch  von  dieser  Ge- 
schmacksrichtung bestimmt  werden,  dag  eine  ganze  Reihe  von  Exemplaren  |z.  B. 
im  Cabinet  des  medailles  zu  Paris;  vieles  in  Privatbesitz]  ohne  besonderen  Grund 
als  Arbeiten  Cellinis  angesehen  werden.  Das  zentrale  Motiv  bildet  zumeist  eine 
Kamee  oder  Perle  [Abb.  399—401 1.  die  häufig  durch  ein  phantastisches  System 
von  emaillierten  Voluten  und  figuralen  Motiven,  bei  größeren  Stücken  mit  reicher 
Entwicklung  des  Ablaufs,  der  Bekrönung.  derseitlichen  Ansätze  gerahmt  wird.  Im 
folgenden  Kapitel  wird  auf  Arbeiten  dieser  Gattung  noch  zurückzukommen  sein. 
Die  große  Vorliebe  für  die  koloristische  Wirkung  der  Materialien  selbst,  die  all 
diese  Arbeiten  verraten,  erklärt  es,  daß  derartige  Prunkgeräte,  deren  ganzer  Kör- 
per aus  Metall  gebildet  ist,  verhältnismäßig  selten  sind.  Besonders  hervorragende 
Stücke  dieserArt  mit  emailliertenSpätgrotesken  veranschaulichen  die  Flasche  und 
Henkelschale  in  Florenz  |  siehe  die  Tafel  |.  D 

Die  verschiedenen  Techniken,  die  neben  der  eigentlichen  Metallarbeit  das  Zu- 
standekommen der  Goldschmiedewerke  der  Renaissance  bestimmen,  sind  äußerst 
mannigfaltige.  So  ist  über  die  verschiedenen  Arten  des  EMAIL,  vor  allem  den 
Tiefschnittschmelz  und  das  oberitalienische  Maleremail  |  besonders  merkwürdig 
sind  Medaillons  mit  leonardesken  Profilköpfen  auf  tranluzidem  Fond  im  British 
Museum],  das  Wesentliche  schon  in  dem  vorhergehenden  Kapitel  über  die  italieni- 
schen Silberarbeiten  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  gesagt  worden  |  vgl.  Seite  320, 
382 1.  Zu  diesen  Techniken  des  Emails  tritt  (las  eigentliche  SrHMKLZRKLIEFI  Email 
de  ronde  bosse|,  welclies  plastische  Teile,  Figürchen  wie  Ornamente,  in  ihrer  gan- 
zen Oberfläche  mit  farbigem  Schmelz  überzieht.  Allgemein  wurde  diese  Technik 

32-i=  499 


erst  im  hohen  sechzehnten  Jahrhundert, 
besonders  bei  den  Anhängern.  Das  frü- 
heste Beispiel  dürfte  ein  Schmuckstück 
in  Tondoform  der  Sammlung  Salting  in 
London  sein;  es  zeigt  die  Anbetung  der 
Könige  unter  einer  Architektur  in  reinen 
Frührenaissanceformen,  —  offenbar  eine 
venezianische  Arbeit  um  15C0.  D 

Eine  besondere  Gattung  bilden  die  in 
großen  Massen  erhaltenen  Metallwaren, 
deren  Emailüberzug  man  als  VENEZIA- 
NISCHES EMAIL  bezeichnet,  da  ihre 
Herstellung  in  Venedig  so  gut  wie  sicher 
angenommen  werden  darf.  Es  sind  dies 
getriebene  Kupf ergefäge  in  konventionel- 
Abb.402:  Schüssel  in  venezianischem  Email.  Kunst-  len  Formen,  in  deren  opakes  Email  aller- 
a  gewerbemuseum  Berlin  D  ]^^^^  Streumuster,  Sterne,  Rosetten,  Blät- 

ter in  Gold  eingedrückt  sind.  Unter  den  Emailfarben  überwiegt  das  Dunkelblau, 
daneben  wei§  und  grün.  Die  häufigsten  Gerätformen  sind  Kannen  und  Schüsseln, 
mit  zumeist  gebuckeltem  Grunde  [Abb.  402],  seltener  Kandelaber,  Leuchter,  Käst- 
chen, Ciborien,  kleine  Tabernakelrahmen  [Louvre]  u.  a.  Das  'venezianische  Email' 
muß  um  1500  aufgekommen  sein  und  hat  sich  etwa  ein  halbes  Jahrhundert  lang 
erhalten.  □ 

Neben  dem  Email  spielt  in  der  italienischen  Goldschmiedekunst  allerdings  nur 
bis  zum  Ausgang  der  Frührenaissance  eine  besondere  Rolle  das  NIELLO.  Diese 
Technik,  die  bereits  aus  der  Geschichte  des  mittelalterlichen  Kunsthandwerks 
bekannt  ist,  hat  früher  besonderes  Interesse  erweckt,  weil  man  meinte,  dag  die 
'Erfindung'  des  Kupferstichs  in  Italien  im  Zusammenhang  stünde  mit  diesem  Zweige 
der  Goldschmiedekunst.  Tatsächlich  existieren  Papierabdrücke  von  italienischen 
Niellen  und  von  Schwefelabgüssen  nach  solchen,  und  auch  unter  den  eigentlichen 
Stichen  hebt  sich  eine  besondere  Gruppe  als  'nielloartig'  heraus.  Trotzdem  ist  der 
Kupferstich  in  Italien  wie  inDeutschland  unabhängig  von  der  Kunst  desNiello  ent- 
standen. Das  Interesse,  das  die  italienischen  Silberarbeiten  mit  Niello  verdienen, 
ist  aber  darum  kein  geringeres.  Besonders  verwendet  wurde  das  Niello  für  Kug- 
tafeln und  ähnliche  Miniaturtabernakel,  für  Griffe  von  Messern  und  Gabeln,  Be- 
schläge auf  größeren  Silberarbeiten,  für  Anhänger  [z.B.  mit  dem  Profilporträt  des 
Besitzers].  Um  von  geringeren  und  provinziellen  Arbeiten  der  Art  zu  schweigen, 
lassen  sich  unter  den  Niellen  vor  allem  die  FLORENTINISCHEN  und  BOLOGNE- 
SISCHEN  unterscheiden.  Von  den  florentinischen  Niellen  besitzt  das  Hauptstück 
das  dortige  Museo  Nazionale  in  der  Pax  mit  der  Krönung  Mariae,  die  früher  als 
Arbeit  des  angeblichen  Erfinders  des  Kupferstichs,  des  florentinischen  Gold- 
schmiedes MASO  FINIGUERRA  galt,  später  ohne  Grund  dem  MATTEO  DEI  zuge- 
schrieben wurde.  Stilistisch  steht  diese  Pax  unter  dem  Einfluß  FRA  FILIPPOS, 
dessen  Einfluß  auf  die  florentinische  Goldschmiedekunst  wir  schon  bei  der  Be- 


500 


VERGOLDETE   FLASCHE   UND 
SCHALE  MIT  EMAIL  •  FLORENZ 


trachtung  des  Emails  kennen  ge- 
lernt haben. Wie  die  Emails,  lassen 
auch  die  florentinischen  Niellen 
gegenüber  den  durch  FraFilippos 
Kunstweise  bestimmten  Exem- 
plaren [vgl.  Abb.  403]  eine  zweite 
Gruppe  unterscheiden,  die  von 
ANT.  POLLAIUOLO  beeinflußt 
ist.  In  analoger  Beziehung,  wie 
die  florentinischen  Niellen  zu  die- 
sen Meistern,  stehen  die  bolog- 
nesischen  zu  der  Tätigkeit  des 
berühmtesten  Goldschmiedes  der 

Frührenaissance  in  Bologna, 
FRANCESCO  FRANCIA.  Aber 
auch  die  bekanntesten  Stücke  die- 
ser Art,  die  beiden  'Maiestates' 
im  Museo  Civico  zu  Bologna  [be- 
sonders bemerkenswert  auch  der 
emaillierte  Rahmen],  tragen  die- 
sen Namen  nicht  mit  Recht.  D 
Silberarbeiten  mit  rein  orna- 
mentaler Niellierung  waren  be- 
sonders in  Venedig  für  Toiletten- 
gegenstände beliebt.  Als  Bei- 
spiel diene  ein  Bisamapfel  aus 
dem  South  Kensington  Museum  auf  Abb.  404.  D 

In  der  italienischen  Goldschmiedekunst  der  Hochrenaissance  beansprucht  das 
Hauptinteresse  neben  dem  Email  der  STEINSCHNITT  —  und  zwar  außer  dem 
Kristallschnitt  vor  allem  die  Herstellung  von  GEMMEN  und  KAMEEN.  Es  ist  ohne 
weiteres  anzunehmen,  daß  das  Aufblühen  der  Renaissance-Glyptik  in  Italien  eine 
unmittelbare  Folge  ist  des  in  dieser  Zeit  erwachten  antiquarischen  und  künst- 
lerischenlnteresses  an  antikenGemmen  undKameen.  Nachdem  schon  im  H.Jahr- 
hundert Petrarca  sein  Interesse  auf  diese  Meisterwerke  der  antiken  Kleinkunst 
hingewandt  hatte  und  im  Quattrocento  vor  allem  LorenzoMagnifico  sie  im  großen 
Stile  sammelte,  ist  es  nicht  zu  verwundern,  daß  schon  der  Frührenaissance  das 
Verdienst  der  Wiederbelebung  der  antiken  Steinschneidekunst  gebührt.  Tatsäch- 
lich scheint  Vittore  Pisano,  der  Begründer  der  italienischen  Medaille,  auch  als  der 
erste  Meister  des  Steinschnitts  in  Italien  anzusehen  zu  sein,  obwohl  derartigeWerke 
seiner  Hand  nicht  nachweisbar  sind.  Die  Darstellungen  auf  den  glyptischen  Ar- 
beiten der  Renaissance  geben  zumeist  antikische  und  mythologische  Figuren  und 
Szenen  |  sie  wurden  oft  unmittelbar  zum  Zwecke  der  Fälschung  in  Nachahmung  an- 
tiker Gemmen  gearbeitet  |,  Porträts,  aber  auch  religiöse  Motive.  Die  Hauptzentren 
der  Herstellung  waren  Florenz,  Mailaiui,  Honi.   Unter  den  hervorragenden  Glyp- 

502 


Abb. 
D 


403:    Paxtafel    in   Niello,    angeblich    von    Finiguerra; 
Papierabdruck  in  der  Albertina,  Wien  D 


tikern  der  Renaissance  sind  uns  Meister  wie 
CARADOSSO.  GIOVANNI  DELLE  CAR- 
NIOLE,  VALERIO  VICENTINO,  GIOVANNI 
BERNARDI  bereits  begegnet.  Es  seien  noch 
erwähnt  unter  den  in  Rom  tätigen  Meistern 
die  beiden  MARMITTA,  PIERMARIA  DA 
PESCIA,  Nicolo  AVANZI  und  vor  allem 
Matteo  del  NASSARO  und  Alessandro 
CESATI,  genannt  il  Greco;  in  Florenz:  die 
-Brüder  CARRIONI,  Giov.  Ant.  de'ROSSI, 
DOMENICO  ROMANO;  in  Venedig:  die  bei 
den  MONDELLA  und  Luigi  ANICHINI.  Die 
Mehrzahl  dieser  Künstler  stammt  aus  Mai- 
land, wo  schon  im  fünfzehnten  Jahrhundert 
Domenico  COMPAGNI  tätig  war.  Von  hier 
aus  auch  wird  diese  Kunst  nach  Deutschland 
durch  die  Familie  MISERONI  und  nach 
Spanien  durch dieBerufung  des  CLEMENTE 
BIRAGO  und  GIACOMO  DE  TREZZO  [Ta- 
bernakel im  Eskurial|  an  den  Hof  Philipp  II. 
nach  Madrid  verpflanzt.  D 

Im  Anschlug  an  die  Steinschneidekunst 
sei  auch  ein  Wort  über  die  ELFEINBEIN- 
SCHNITZEREI der  Renaissance  gesagt. 
Gegenüber  den  gotischen  Elfenbeinen,  die 
zwar  in  Italien  nicht  so  häufig  wie  in  Frank- 
reich. England  und  Deutschland,  aber  doch 
in  so  stattlicher  Anzahl  und  so  hervorragen- 
der Qualität  erhalten  sind,  dag  man  eine 
grolle  Blüte  voraussetzen  muli,  ist  die  Sel- 
tenheit von  eigentlichen  Renaissance-Elfen- 
beinen überraschend.  Um  so  mehr  als  die 
Beinschnitzereien  der  Embriacchi,  die  oben 
besprochen  wurden  |  Seite  358 1  und  die  spät 
gotischen,  norditalienischen  Beinsättel  eine 
vollkommene  Vertrautheit  und  Routine  in 
dieser  Technik  bis  weit  ins  fünfzehnte  -lahi- 
hundert  hinein  ohne  weiteres  aiuiehmen 
lassen.  Auf  die  eigentlich  figurale  Elfenbein- 
schnitzerei der  Renaissance,  die  besoiulers 
in  Spanien  unter  deiuZusainnientreffeu  italienischer  mit  vlämischen  und  fran/.i'>si- 
schen  Einflüssen  /.alilreii'lu>  Werke  liinteiiassen  iiat,  ist  \ucv  nicht  einzugehen. 
Unter  den  kunstgewerblichen  I''ll'enbeingi'räten  simi  vor  allem  zu  nomien:  Kas- 
setten, Altärchen,  Sclunuck.stücke,  Kännne,  Bischofsstäbe,  Griffe  von  Bestecken 

503 


■■■■litfi 

D    Abb. -»dl:  Ni.Uuiiii  Hisamapfi'l,  I.ondDii    D 


Abb.  405:  Elfenbeinschnitzerei  mit  Trionfo 


und  Waffen  [eine  größere  Reihe 
u.  a.  im  Museo  Civico  zu  Bologna], 
dazu  kommen  im  sechzehnten 
Jahrhundert  kameenartige  Me- 
daillons, Pulverflaschen  und  be- 
sonders in  Spanien  auch  orna- 
mentale Beschlagstücke  von  Mö- 
beln. Auffallend  ist  zunächst  die 
Seltenheit  von  Elfenbeinarbeiten, 
die  im  Zusammenhang  mit  der 
Werkstatt  derEmbriacchi  stehen, 
d.  h.  an  den  dekorativen  Typus 
anschließen,  den  diese  handwerk- 
lichen Arbeiten  vertreten.  Zu 
nennen  ist  hier  vor  allem  ein  grö- 
ßerer Kasten  im  Kensington- 
Museum  mit  durchbrochenen 
Schnitzereien,  die  auf  die  ä  la 
Certosina  gezierten  [siehe  S.358] 
Wandungen  aufgelegt  sind,  eine  venezianische  Arbeit  um  1450,  ferner  in  der  glei- 
chen Sammlung  aus  dem  Anfang  des  sechzehnten  Jahrhunderts  ein  Altärchen  mit 
der  Figur  eines  heiligen  Sebastian  in  bestem,  venezianisch-mailändischem  Stil  in 
einem  Rahmen  mit  üblicher  Marketteriearbeit.  Unter  den  übrigen  italienischen 
Elfenbeinarbeiten  der  Frührenaissance  —  die  so  selten  sind,  daß  wenigstens 
jedes  bedeutende  Stück  fast  als  Unikum  anzusehen  ist  —  lassen  sich  zwei  Orte 
als  Herstellungszentren  erweisen:  FLORENZ  und  MANTUA.  So  ist  durch  den  Stil 
als  gesicherte  florentinische  Arbeit  bald  nach  der  Mitte  des  fünfzehnten  Jahr- 
hunderts anzusehen  das  schöne  Klappaltärchen  im  Louvre  mit  noch  gotischer 
Rahmengebung  und  ein  kleines  als  Anhänger  dienendes  Diptychon  mit  der  Ver- 
kündigung im  South  Kensington  Museum.  Auf  Mantua  läßt  sich  durch  die  Wappen 
und  Devisen  der  Gonzaga  ein  Kästchen  mit  Trionfi  im  Domschatz  zu  Graz  be- 
stimmen, dem  sich  einige  Tafeln  im  Louvre  und  in  den  Sammlungen  Carrand 
[Abb.  405]  und  Malcolm  anschließen.  Der  Stil  dieser  Arbeiten  ist  mantegnesk.  D 
KERAMIK  D 

Es  sind  zwei  Gebiete  der  Keramik,  die  in  der  italienischen  Renaissance  zur 
höchsten  Blüte  kommen :  FAYENCE  und  GLAS.  D 

Unter  FAYENCE  versteht  man  im  weiteren  Sinne  Waren  aus  gebranntem  Ton 
[Terrakotta],  die  mit  einer  Glasur  überzogen  sind,  die  den  porösen  Ton  undurch- 
lässig macht  und  eine  dauerhafte  farbige  Dekoration  ermöglicht.  Die  Glasur  ist 
entweder  eine  durchsichtige  Bleiglasur,  oder,  bei  der  'echten  Fayence',  eine  un- 
durchsichtige Zinnglasur.  Aus  der  Verschiedenheit  der  Glasur  ergaben  sich 
verschiedene  Dekorationsweisen.  Bei  den  Tonwaren  mit  durchsichtiger  Blei- 
glasur sind  folgende  Möglichkeiten  einer  mehr  oder  minder  künstlerischen  Aus- 
schmückung gegeben.  Das  einfachste,  und  wohl  zu  allen  Zeiten  und  auch  in  primi- 


504 


D  Abb.  406  und  407:  Sgraffitoteller,  London  D 

tiven  Betrieben  geübte  Verfahren  besteht  darin,  daß  man  die  Glasur  durch  und 
durch  mittelst  Zusätzen  von  Metalloxyden  färbt,  so  dag  der  betreffende  Gegen- 
stand nun  farbig  erscheint.  Da  aber  diese  Glasur  durchsichtig  ist,  empfahl  es  sich, 
den  gewöhnlichen  Ton  vor  dem  Auftrag  der  Glasur  mit  einer  dünnen  Zwischen- 
schicht aus  einer  feineren  weißen  Tonmasse  zu  überziehen.  Dieser  Überguß  [AN- 
GUSS,  ENGOBEJ  wurde  dann  dekoriert  entweder  durch  farbige  Malerei  oder 
reliefmäßig;  letzteres  in  der  Weise,  daß  entweder  nur  die  Verzierungen  in  der 
feineren  Masse  aufgetragen  wurden  |  SCHLICKERAUFTRAG  |  oder  durch  Aus- 
kratzen der  Zeichnung  aus  der  deckenden  Schicht  |SGRAFFITO|.  Bei  der  undurch- 
sichtigen Zinnglasur  gestaltet  sich  das  Dekorationsverfahren  anders.  Entweder 
wird  auch  sie  gefärbt,  so  daß  sie  den  Gegenstand  mit  einem  undurchsichtigen  far- 
bigen Schmelz  bedeckt,  oder  aber  es  wird  auf  die  Glasur  gemalt,  so  daß  die  Malerei 
die  Glasurschicht  durchdringt,  im  Brande  mit  ihr  verschmilzt  und  deren  Glanz  an- 
nimmt I  SCHARFFEUERMALEREI  |.  Da  die  Farben  der  Malerei  sofort  beim  Auf- 
trag von  der  Glasurmasse  aufgesogen  werden,  ist  beim  Malen  die  höchste  Siclier- 
heit  notwendig.  Um  diese  Schwierigkeit  zu  mindern,  gebrauchte  man  seit  dem 
sechzehnten  Jahrhundert  als  Malgrund  zumeist  eine  andere  Glasurmasse,  die  zwar 
weniger  rasch  die  Farben  aufsog,  aber  keinen  rechten  Glanz  ermöglichte.  Dieser 
Mangel  wurde  dadurch  wctt  gemacht,  daß  man  den  Gegenstand  mit  einer  zweiten, 
nun  aber  durchsichtigen,  farblosen  Bleiglasur  überzog  [COPERTA],  so  daß  nach 
dem  Hraiule  ein  noch  höherer  Glanz  erreicht  wurde,  als  bei  der  reinen  Zinnglasur. 
Für  die  hohe  künstlerische  Ambition,  die  auch  die  gewerblichen  Betriebe  der  italie- 
nischen Renaissance  charakterisiert,  ist  es  bezeichnend,  daß  die  eigentliche 
Fayencemalerei  auf  ungebrannter  Glasur  erst  durch  die  italienische  Kunst  des  fünf- 
zehnten Jahrhunderts  aufgebracht  wurde.  Hierdurch  erst  stellte  sich  die  evu'o- 
päische  Keramik  als  eine  selbständige  Sclu)i)fung  neben  die  orientalische.  D 

Die  italienische  Fayence  der  Renaissance  bezeichnet  man  als  MAJOLIK.V.  In 
diesem  Worte  liegt  bereits  ein  Hinweis,  der  für  die  Geschiciite  dieses  Kunst- 

505 


Zweiges  wichtig  ist.  Denn  Majolika  ist  gleichbedeutend  mit  Majorka,  der  spani- 
schen Insel,  welche  den  Export  spanischer  Fayencen  nach  Italien  vermittelte.  Um 
welche  Gattung  spanischer  Fayencen  es  sich  hierbei  vor  allem  handelte,  kann  nicht 
zweifelhaft  sein:  Es  sind  die  berühmten  spanisch-maurischen  Erzeugnisse,  die 
sog.  HISPANO-MORESKEN  mit  ihrem  Goldlüster,  die  so  eng  mit  der  sarazeni- 
schen Keramik  zusammenhängen,  dag  sie  erst  im  Zusammenhang  mit  dem  orien- 
talischen Kunstgewerbe  besprochen  werden  können.  Tatsächlich  befinden  sich 
unter  diesen  Erzeugnissen  viele,  deren  Bestimmung  für  den  Export  nach  Italien 
durch  die  Wappen  italienischer  Familien,  die  sie  tragen,  ohne  weiteres  erwiesen 
ist.  Ihren  Einfluß  auf  die  italienische  Keramik  werden  wir  bald  kennen  lernen.   D 

Abgesehen  von  ihrer  Beziehung  zur  spanisch-maurischen  Fayence  liegt  die 
Anfangsgeschichte  der  italienischen  Majolika  in  tiefem  Dunkel.  Zwar  fehlt  es  in 
Italien  nicht  an  keramischen  Denkmälern,  deren  Entstehung  vor  der  Renaissance 
liegt;  aber  ihrer  Untersuchung  stehen  so  große  Schwierigkeiten  entgegen,  dag  die 
wertvollen  Aufschlüsse,  die  hierdurch  gewonnen  werden  könnten,  sobald  nicht  zu 
erwarten  sind.  Denn  bei  diesen  mittelalterlichen  Tonwaren  in  Italien,  die  bis  ins 
zwölfte  Jahrhundert  zurückgehen,  handelt  es  sich  ausschließlich  um  Teller  und 
Scheiben  |bacini],  die  in  beträchtlicher  Höhe  an  den  Kampanilen  und  Fassaden 
mittelalterlicher  Backsteinkirchen,  besonders  im  Gebiet  von  Bologna,  Pisa  und 
in  Unteritalien,  als  farbiger  Außenschmuck  zumeist  unter  den  Rundbogenfriesen 
eingelassen  sind.  Inwieweit  es  sich  hierbei  um  orientalische  Importwaren  oder 
einheimische  Produkte,  um  wirkliche  Fayence  oder  um  andere  Techniken  han- 
delt, ist  vorderhand  nicht  festgestellt.  D 

Tatsächlich  besitzen  wir  weiter  unter  den  erhaltenen  italienischen  Fayence- 
waren eine  bestimmte  Gruppe  von  Erzeugnissen,  von  denen  eine  ganze  Anzahl 
durch  ihren  halbgotischen  Dekor  zu  einer  so  frühen  Datierung  nötigt,  daß  man  be- 
rechtigt ist,  die  ganze  Gruppe  als  die  Vorstufe  der  eigentlichen  Majolika  anzu- 
sehen. Es  handelt  sich  hier  nicht  um  echte  Fayence,  sondern  um  Arbeiten  mit  An- 
guß und  Bleiglasur,  die  man  im  Gegensatz  zur  wirklichen  Majolika  als  Halbfayence 
oder  MEZZAMAJOLIKA  bezeichnet.  Die  ältesten  dieser  Mezzamajoliken,  wie  wir 
sie,  abgesehen  von  den  Fassaden  mittelalterlicher  Kirchen,  vor  allem  aus  dem 
kyprischen  Funde  im  British  Museum  kennen,  gehören  noch  dem  Trecento  an  und 
zeigen  bereits  das  Sgraffitoverfahren.  Daneben  sind  aber,  wenigstens  aus  dem 
Ausgang  des  Trecento,  zahlreiche  Stücke  mit  bloßer  Malerei  erhalten.  Es  handelt 
sich  hier  vor  allem  um  bauchige  Kannen  und  Näpfe  mit  primitiver  Zeichnung  in 
Grün  und  Manganviolett  [Faenza,  Pinakothek]  oder  häufiger  in  Grün  und  Gelb, 
wozu  Braun,  Schwarz  und  gelegentlich  Blau  tritt.  Die  Zeichnung  besteht  nur  aus 
einfachen  geometrischen  Mustern, Wappen,  Devisen.  Mit  der  Steigerung  der  künst- 
lerischen Ansprüche  wird  seit  etwa  1440  bei  dieser  Ware  die  Zeichnung  kunst- 
voller und  fast  ausschließlich  durch  das  oben  kurz  charakterisierte  Sgraffitover- 
fahren hergestellt.  Die  eingekratzte  Zeichnung  dieser  SGRAPTITI  behält  den 
volkstümlichen  Charakter,  der  schon  den  ältesten  Stücken  eigen  ist;  zu  den  ge- 
nannten Motiven  treten  großlappiges  Blattwerk  und  vor  allem  Tiere  und  Profil- 
köpfe in  flotter,  stilistisch  ungemein  sicherer,  aber  durchaus  primitiver  Behand- 

.506 


lung.  Derartige  Arbeiten,  zumeist 
in  Scherben,  haben  sich  in  ganz  f^ 
Mittel-  und  Oberitalien  erhalten, 
und  wenn  die  Quellenschriftfn  des 
sechzehnten  Jahrhunderts  gerade 
CITTA  DI  CASTELLO  |wo  tat- 
sächlich schon  im  Jahre  1409  ein 
Meister,  Agostino  di  Francesco, 
nachweisbar  ist  |  und  LA  FRATTA 
—  unter  diesem  Namen  gehen  die 
Arbeiten  auch  heute  zumeist 
als  Produktionszentren  bezeich- 
nen, so  war  ihre  Herstellung  doch 
gewif^  nicht  auf  diese  toskanisch- 
umbrischen  Orte  beschränkt.  Ne- 
ben Faenza,  dem  Hauptzentrum 
der  italienischen  Majolika,  war 
sicherlich  auch  Oberitalien  an  der 
Produktion  beteiligt.  Abgesehen 
von  den  massenhaften  oberitalie- 
nischen Scherbenfunden  dieser 
primitiven  Art  wissen  wir  aus  be- 
zeichneten Stücken  und  dem  Stil    Abb.  4ü8:  Wickelkind  von  Andrea  della  Robbia  am  Spedal- 

D  degli  Innocenti,  Florenz  D 

der  betreftenden  Arbeiten,   daf» 

hier,  besonders  in  der  Terra  ferma  Venedigs  [PADUAI  und  im  Mailändischen 
|PAVIA|  die  Mezzamajolika  mit  Sgraffitotechnik  sich  zu  einer  höheren  Kunst  ent- 
wickelt hat  I  Abb.  40(5  und  407 1.  Dies  beweisen  vor  allem  einige  Teller  und  Scheiben 
mit  hervorragenden  figürlichen  Kompositionen  bei  tiefer  Farbenstimmung  aus 
der  Zeit  um  1500,  bei  denen  nicht  nur  die  Linien  der  Zeichnung  eingeritzt,  son- 
dern auch  gröf^ere Teile  der  Flächen  ausgekratzt  sind.  Die  wichtigsten  erhaltenen 
Stücke  befinden  sich  in  den  Londoner  und  Pariser  Sammlungen  und  in  Padua 
|nach  Nicolo  Pizzoloj.  In  diesen  Kreis  gehören  auch  einige  Geräte  mit  plastisch- 
figürlichen Teilen,  besonders  Tintenfässer.  Die  Mezzamajolika  hat  sich  in  volks- 
tümlichen Betrieben  der  verschiedensten  (icgentlen  Italiens  lange  erhalten  !  zu- 
meist Teller  und  Pilgerflaschcn|,  aber  ohne  besondere  Beachtung  beanspruchen 
zu  können.  Im  siebzehnten  Jahrhundert  greift  die  Werkstatt  der  Cuzio  in  Pavia 
noch  einmal  auf  die  besten  Vorbilder  zurück;  eine  Anzahl  bezeichneter  Schüsseln 
von  vcr.^chiedenen  Mitgliedern  dieser  Familie  besitzen  die  Museen  in  Maihnid, 
London,  Paris.  D 

Aus  dem  Dunkel  der  Entstehungsgeschichte  der  I'X'ÜTEN  M.\JOLIK.\  in  Italien 
treten  vor  allem  drei  Momente  als  feste  historisi-lie  Tatsachen  hervor:  die  Her- 
stellung von  Skulpturen  und  monunuMitalen  Dekorationsstücken  in  echter  Majo- 
lika durch  die  della  Robbia  in  Florenz  iu)cii  in  der  ersten  Hälfte  des  fünfzehnten 
Jahrhunderts  I  Abb.  408|;  die  Beziehiuigen  der  frühen  italienisdien  Majiiliken  zur 

ri07 


hispano-moresken  Fayence;  die 
Bedeutung  Faenzas  als  des  ver- 
mutlich ältesten  und  bedeutend- 
sten Zentrums,  welches  der  ge- 
samten europäischen  Keramik, 
soweit  sie  die  Herstellung  gla- 
sierter Tonwaren  umfaßt,  den 
Namen  gegeben  hat  [Fayence  von 
Faenza].  □ 

Bei  den  Majoliken  der  ROBBIA 
handelt  es  sich  allerdings  um 
echte  Fayence,  und  zwar  ist  zu- 
meist die  Zinnglasur  als  decken- 
der farbiger  Schmelz  in  wenigen 
Farben  [blau  und  weiß ;  dazu  grün, 
gelb  und  mangan]  aufgetragen. 
Aber  auch  die  eigentliche  Majo- 
likamalerei auf  ebenem  Grunde  ist 
bereits  von  dem  Begründer  der 
Robbiaschule,  von  LUCA  DELLA 

D  Abb.  409:  Robbiawerkstatt,  Tondo  mit  Malerei  D    RQBBIA  [1399— 1482  1    geübt  wor- 

den, wie  die  Umrahmungen  des  Grabmals  Federighi  in  Santa  Trinitä  zu  Florenz 
[1456]  beweisen.  Dazu  tritt  vor  allem  eine  Serie  von  Medaillons  mit  Monatsbildern 
im  South  Kensington  Museum,  die  als  Überrest  einer  Zimmerdekoration  für  Piero 
di  Cosimo  Medici  ebenso  merkwürdig  sind,  wie  durch  ihren  malerischen  Stil. 
Trotzdem  ist  es  ausgeschlossen,  dag  Luca  irgendwie  als  Erfinder  der  Majolika- 
technik in  Italien  in  Betracht  kommt;  es  ist  vielmehr  nur  natürlich,  dag  der  große 
Bildhauer  hier  eine  in  der  Gefägindustrie  bereits  übliche  Technik  auf  die  Plastik 
und  Monumentaldekoration  übertragen  hat.  Seit  demTrecento  war  die  Herstellung 
bemalter  Terrakotten  in  der  florentinischen  Kunst  ja  allgemein  üblich  und  der 
Wunsch  mußte  nahe  liegen,  derartige  Werke  mit  ihrer  farbigen  Wirkung  wasser- 
und  wetterbeständig  zu  machen  [Abb.  409].  Abgesehen  von  einigen  prachtvollen 
Altarvasen  und  Fliesen  sind  übrigens  eigentlich  kunstgewerbliche  Erzeugnisse  der 
Robbiawerkstatt  nicht  bekannt.  Ebensowenig  haben  die  Robbiaarbeiten  die  italie- 
nische Keramik  in  Stil  oder  Technik  beeinflußt.  D 
Die  Tatsache,  daß  Luca  della  Robbia  in  Florenz  die  echte  Fayencetechnik  auf 
so  große  Arbeiten  überträgt,  läßt  voraussetzen,  daß  in  Florenz,  oder  jedenfalls  in 
Toskana,  schon  in  der  ersten  Hälfte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  keramische 
Werkstätten  bestanden,  die  eigentliche  Majolikawaren  herstellten.  Tatsächlich 
ist  uns  eine  bestimmte  Gruppe  PRIMITIVER  TOSKANISCHER  MAJOLIKEN  er- 
halten, die  größtenteils  in  und  bei  Florenz  gefunden  sind  [siehe  die  Tafel).  Die 
typischsten  Arbeiten  dieser  Gruppe  sind  wuchtige,  breitschultrige,  urnenförmige 
Vasen  mit  kurzen,  flachen  Henkeln,  deren  Dekor  bestimmte  Muster  in  dickflüssi- 
gem, schwarzblauem  oder  violettem  Schmelz  auf  weißem  Grunde  zeigt.  Die  Muster 

508 


FLüK1:NTINISCHKR  MAJOLIKAKRUG  um  14Ö0 
BERLIN,  KÖNIGL.  KUNSTGEVN-ERBE  MUSEUM 


Il 


A>:^^ 


^A 


zeigen  eine  charakteristische  Mi- 
schung von  gotischer  und  orien- 
talischer Empfindungsweise  und 
sind  offenbar  von  spanisch-mau- 
rischen Importwaren  beeinflußt: 
Pflanzenwerk  mit  zackigen,  an 
Eichenblätter  erinnernden  Moti- 
ven, das  sich  richtungslos  ver- 
zweigt, in  der  Mitte  ein  oft  phan- 
tastisch bewegtes  Tier  oder  Fa- 
belwesen [zumeist  Raubtiere,  ge- 
legentlich auch  ein  FischJ  in 
derselben  pastosen  Malerei.  Als 
Herstellungsorte  kommtfürdiese 
Gefäße  neben  Florenz  und  dem 
benachbarten  Castelfiorentino 
auchSicnainBetracht.  (Blau-weiß 
dekorierte  Gefäße  anscheinend 
ähnlicher  Art  finden  sich  schon 
auf  Bildern  sienesischer  Trecen- 
tisten,  z.B.  bei  Pietro  Lorenzetti. 
Sicher  ist,  daß  ihre  Herstellung  Abb.4iü 
bis  in  die  erste  Hälfte  des  fünf-  ° 
zehnten  Jahrhunderts  zurückgeht.  Mancherlei  Verwandtschaft  mit  diesen  toska- 
nischen  Arbeiten  zeigen  einige  der  ältesten  italienischen  MAJOLIKAF'LIESEN, 
die  vor  allem  mit  ihnen  die  Abhängigkeit  von  spanisch-maurischen  Erzeugnissen 
teilen.  Die  wichtigsten  Beispiele  sind  die  noch  der  Mitte  des  Jahrhunderts  ange- 
hörigen  Pavimente  in  San  Giovanni  a  Carbonara  in  Neapel  und  San  Giacomo  mag- 
giore  in  Bologna.  Daß  die  italienische  Majolikatöpferei  schon  um  die  Mitte  des 
fünfzehnten  Jahrhunderts  eine  so  große  Bedeutung  hatte,  daß  sie  nach  dem  Aus- 
land exportierte,  ergibt  sich  vor  allem  aus  dorDarstellung  derartiger  Arbeiten  auf 
niederländischen  und  deutschen  Bildern  der  Zeit  |  Vasen  und  Pavimente],  sowie 
aus  frühen  Nachahmungen  italienischer  Majoliken,  die  wir  besonders  aus  nieder- 
ländischen |Rijksmuseum,  Amsterdam!  und  englischen  Funden  | British  Museum] 
kennen.  Einen  italienischen  Miesenboilen  vt)mluule  des  fünfzehnten. lahrluMulorts 
aus  einer  niederländischen  Kirche  besitzt  das  Brüsseler  Museum.  D 

Außer  den  florentinischen  Majoliken  sind  wenigstens  aus  der  zweiten  Hälfte 
des  fünfzehnten  Jahrhunderts  noch  eine  oan/e  Reihe  primitiver  Majoliken  erhalten, 
die  früher  kaum  beachtet,  heut  zu  den  größten  Kostbarkeiten  gehören.  Das  Haupt- 
zentrum war  entschieden  FAENZA.  Hier  ist  nicht  nur  das  älteste  datierte  italie- 
nische Majolikagefäß  ]ein  Henkelkrug  von  i;^93  1405]  erhalten;  sondern  diesen 
Ort  nennen  auch  Urkunden  schon  in  der  Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  als 
einen  Sitz  der  Töpferkunst,  und  von  den  frühen  Fliesenböden  sind  tatsächlich 
einige  als  Faentiner  Arbeit,  und  zwar  der  BICTINI,  gesichert.  ] Bezeichnetes  Pavi- 

509 


Grot3e  Schüssel  mit  Profilbild  eines  jungen  Mannes. 
15.  Jahrhundert,  Berlin  D 


ment  in  San Petronio, Bologna;  das  inhalt- 
lich reichste  Beispiel  in  der  Pinakothek 
zu  Parma,  mit  orientalisierenden  Tieren, 
mythologischen  Szenen,  Figuren  im  Zeit- 
kostüm usw.]  Abgesehen  von  Faenza  ist 
noch  SIENA  als  Heimat  einer  Reihe  der 
wirkungsvollsten  primitiven  Majoliken  an- 
zusehen.   Was    die    Arbeiten    als    frühe 
Erzeugnisse   erkenntlich   macht,    ist  vor 
allem  ihr  Stil.  Von  einer  konsequenten 
Renaissancedekoration  ist,  abgesehen  von 
einzelnen  Motiven  wie  dem   Flechtband 
und   Schuppenmuster,    der  Vorliebe  für 
Medaillons   mit  Profilbüsten  noch  keine 
Rede.    Statt   dessen   spielen    neben  den 
D  Abb.  411:  Majolikateller,  um  1500,  London   D  orientalischen  Motiven  gotische  Blatt-  und 
Blumenformen  mit  feinen  Spirallinien  als  Abzweigungen  eine  große  Rolle  [siehe 
Tafel].  Unter  den  übrigen  Motiven  ist  besonders  das  Pfauenaugenmuster  bemer- 
kenswert [siehe  Tafel].  Auch  die  Inschriften,  die  dekorativ  wirkungsvoll  angebracht 
werden,  zeigen  regelmäßig  gotische  und  nicht  Antiqua-Typen.  Die  Dekoration 
trägt  im  übrigen  durchweg  profanen  Charakter;  doch  sind  eigentlich  darstelleri- 
sche Bilder  nur  selten  anzutreffen.  Technisch  charakterisieren  sich  diese  Stücke 
durch  ihre  Schwere  undDicke,  die  unreine  Glasur,  und  vor  allem  durch  ihre  kräfti- 
gen Farben  ni't  überwiegendem  Blau,  zu  dem  Violett,  Grün,  Gelb,  Braun  treten. 
Eine  durchgeführte  Modellierung  durch  Licht-  und  Schattengebung  wird  nicht  er- 
strebt.  Unter  den  Gerättypen  überwiegen  die  Kannen,  Urnen,  Schüsseln,  vor 
allem  aber  die  APOTHEKERKRÜGE  |ALBARELLI|,  zylindrische  zumeist  noch 
niedrige  Gefäße  mit  weiter  Öffnung  und  platter  oder  eingebuchteter  Wandung. 
Eine  Reihe  charakteristischer  Stücke  dieser  primitiven  Majoliken  veranschau- 
lichen unsere  Tafel  und  Abb.  410  und  411.  D 
Erst  seit  dem  letzten  Jahrzehnt  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  wird  die  italieni- 
sche Majolikatöpferei  konsequent  in  die  Bahnen  des  Renaissancegeschmacks  ge- 
führt, und  es  beginnt  die  eigentliche  Blütezeit  dieses  Kunstzweiges.    FAENZA, 
CAFFAGGIOLO,  SIENA  und  die  Frühwerke  von  CASTEL  DURANTE  bezeichnen 
diesen  Höhepunkt.  Vollendete  Qualität  und  Sorgfalt  der  Zeichnung  und  Farben- 
gebung,  klare  Gerätformen  mit  bestimmter  Teilung,   ein  bewußter  Ausgleich 
zwischen  Ornamentik  und  figuralen  Kompositionen  charakterisiert  dieses  Stadium. 
Seit  1530  etwa  beginnt  dann  unter  dem  Vortritt  vonURBINO  die  figürliche  Malerei 
derart  zu  überwiegen,  daß  schließlich  die  Geräte  fast  nur  als  Vorwand  erscheinen 
für  gemalte  Begebenheiten  aus  der  Mythologie  und  der  römischen  Geschichte 
|sog.  ISTORIATI],  ohne  in  der  Gestaltungsweise  und  Ausführung  mit  den  früheren 
Figurenmalereien  wetteifern  zu  können.  Hiergegen  tritt  bald  nach  der  Mitte  des 
sechzehnten  Jahrhunderts  in  Urbino  selbst  die  Reaktion  ein,  die  zu  dem  Extrem 
der  rein  ornamentalen  Grotesk cnmalerei  führt.  Die  Produktion  war  eine  unge- 

510 


15 


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11^. 


heuer  groge.  Abgesehen  von 
den  genannten  Hauptzentren,  de- 
nen vor  allem  noch  DERUTA, 
GUBBIO,  VENEDIG  zuzuzählen 
sind,  sind  noch  eine  ganze  Reihe 
anderer  Manufakturen  von  mehr 
lokaler  Bedeutung  bekannt.  Der 
Austausch  zwischen  den  einzel- 
nen Zentren  mu^  ein  sehr  großer 
gewesen  sein.  Obwohl  man  durch 
Einfuhrverbote  vielfach  den  Im- 
port fremder  Manufakturen  im 
Interesse  der  heimischen  Pro- 
duktion zu  unterbinden  suchte, 
beweisen  sowohl  die  Scherben- 
funde, wie  erhaltene  Stücke  mit 
dem  Wappen  der  Besitzer,  dal3 
allgemein  für  den  Export  gear- 
beitet wurde.  Dazu  kommt  die  Be- 
rufung geschickter  Handwerker 
von  einem  Ort  nach  dem  andern, 
so  daf^  es  nicht  zu  verwundern  ist, 
wenn  vielfach  die  Erzeugnisse 
verschiedener  Manufakturen  ein-  '^''^^   ■»'■-=  Sc-hiidförmige  Majoiikatafei  mit  Anbetun?  der 

,  ,    •    1  1    ,.     ■       ,.,     •    1  ,    D  Köni(ji'.    15.  Jahrhundert,  Berlin  D 

ander  SO  gleichen,  daji  sie  ott  nicht 

zu  unterscheiden  sind.  Trotzdem  ist  es  durch  bezeichnete  Stücke  möglich,  charak- 
teristischeMerkmale  für  die  einzelnen  Zentren  und  ihre  Entwicklung  festzustellen. 
Vorher  seien  jedoch  noch  einige  allgemeine  Bemerkungen,  die  für  die  gesamte 
Produktion  gelten,  gemacht.  D 

Es  ist  vor  allem  zu  beachten,  daPi  das  erhalteiio  Majolikagerät  besonders  aus 
der  Hochrenaissance,  von  Ausnahmen  abgesi'hen,  schon  ursprünglich  als  Prunk- 
geschirr gedacht  war,  welches  bei  festlichen  (lelegenlieiten  auf  Schaubüffets  .Auf- 
stellung fand  und  höchstens  bei  besonderen  Gelegenheiten  zur  Tafel  benutzt 
wurde.  Dieser  Sitte  entspricht  es.  daf^  wir  schon  aus  früher  Zeit  eigentliche  Bild- 
tafeln aus  Majolika,  besonders  VVandschilde  |  vgl.  Abb.  412^1(1411^1,  erhalten  haben. 
In  rein  bildmäftiger Verwendung  finden  wirMajolikatafeln  auch  alsHaustabernake! 
mit  religiösen  Darstellungen.  Unter  den  eigentlichen  Geschirren  überwiegen  die 
Schüsseln  und  Teller  |piatti,  ton(li|.  Schalen  mit  tiefem  Boden  und  flachem  Kaiul 
|confettieri|,  Apothekerkrüge,  Vasen  und  Kannen,  die  am  Anfang  des  sechzehnten 
Jahrhunderts  die  einfachen,  bauchigen  Formen  bewahren,  aber  in  der  urbinati- 
schen  Periode  die  phantastischen  Ft^rmen  des  Frühbarock  annehmen  und  zu  reinen 
Dekorationsstücken  werden.  Grade  aus  der  urbinatiscIienSpät/.eit  sind  auch  zahl- 
reiche andere  Geräte  erhalten,  wie  Tintenfässer.  Kassetten,  Leuchter.  —  Die  I-]r- 
findungderMajolikamalercicn  ist  im  allgemeinen  zwar  keine  originelle,  aberdocli 

511 


selbständige  und  freie.  Trotzdem 
wurden  vielfach  Stiche,  Holz- 
schnitte, Buchillustrationen,  und 
zwar  nicht  nur  italienischer,  son- 
dern auch  deutscher  Meister,  wie 
Schongauer,  Cranach,  Dürer,  be- 
nutzt. Die  Hauptrolle  spielen  in 
der  Frühzeit  die  venezianischen 
Stecher,  später  natürlich  die 
Stecher  der  Raffaelschule,  Mark 
Anton, AgostinoVeneziano,  Marco 
Dente  u.  a.  —  Es  ist  merkwür- 
dig, dag  trotz  des  Vorbildes  der 
Robbia  eigentlich  plastische  Ar- 
beiten in  der  Produktion  der  Ma- 
jolikamanufakturen eine  nur  ge- 
ringe Rolle  spielen.  Abgesehen 
von  den  genrehaften  kleinplasti- 
schen Arbeiten  der  urbinatischen 
Spätzeit  sind  hier  nur  die  unge- 
mein   lebensvollen    Büsten    aus 

Abb.  414:  Majolikatafel  von  1489,  London  D   p^enza   und   Caffaggiolo   ZU  UCU- 

-  vor  allem  die  Büsten  junger  Damen  im  Louvre  und  in  London  [vgl. 
Abb.  415],  eines  Negers  im  Musee  Cluny,  des  Giovannino,  eines  lachenden,  zahn- 
losen Weibes  in  Londoner  Privatbesitz.  Häufiger,  aber  zumeist  von  geringerer 
Qualität,  sind  Relieftafeln,  besonders  mit  Heiligenfiguren.  D 

Leider  ist  es  grade  für  die  erste  Blütezeit  am  Anfang  des  sechzehnten  Jahr- 
hunderts besonders  schwierig  und  in  vielen  Fällen  unmöglich,  den  Anteil  der  be- 
teiligten Manufakturen  zu  bestimmen.  Aber  es  mögen  wenigstens  die  markante- 
sten Merkmale  der  einzelnen  Zentren  kurz  angegeben  werden'.  D 

An  erster  Stelle  ist  hier  FAENZA  zu  nennen.  Abgesehen  von  einfacheren  Ar- 
beiten, Apothekergefäßen,  Kannen,  Tellern  mit  Brustbildern  von  Damen,  die  durch 
die  Übereinstimmung  mit  zahllosen  an  Ort  und  Stelle  gefundenen  Scherben  für 
Faenza  gesichert  sind,  mit  einfacher  Ornamentik  und  lebhafter,  breiter  Farben- 
gebung,  sind  hier  in  erster  Linie  die  hervorragenden  Leistungen  der  faentiner 
Figurenmalerei  zu  beachten.  Charakteristisch  ist  hier  vor  allem  die  blaue  Unter- 
malung der  Zeichnung,  die  einen  kühlen  Gesamtton  gibt,  dem  die  Zartheit  der 
übrigen  Palette  mit  hellem  Gelb  und  Grün,  Violett  und  Gelbbraun  entspricht.  Die 
frühesten  Arbeiten  derart  gruppieren  sich  um  einen  Teller  mit  dem  Triumph  des 
David  in  der  Sammlung  Carrand  von  1507;  Abb.  417  mit  der  Darstellung  des  ver- 
lorenen Sohnes  nach  Dürer  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum  veranschaulicht 
die  Kunst  desselben  Meisters.  Eng  verwandt  sind  hiermit  die  Arbeiten  des  Meisters 
T.  B.,  der  besonders  bekannt  ist  durch  seine  Bildtafeln  mit  der  Auferstehung 
Christi  und  dem  Martyrium  des  heiligen  Sebastian  im  South  Kensington  Museum 

512 


nen, 


•Jk 


[UNTKNI  FIJKSKNTABLKAU  AUS  MANTIA 

I()ni:Xl    MA.IOMKASiMIl'SSKr,        TM    1500 


Abb.  415:  Weibliche  MajoliUabüste 


und  im  Nationalmuseum  zu  Flo- 
renz. Eine  dritte  Gruppe  bildet 
das  berühmte  Service  im  Museo 
civico  in  Venedig  [zugehörige 
Stücke  in  London,  Oxford  und  an- 
deren Sammlungen  I  mit  Darstel- 
lungen der  Metamorphosen  nach 
den  Holzschnitten  der  veneziani- 
schen Vulgärausgabe  des  Ovid, 
die  zu  den  hervorragendsten  Lei- 
stungen der  frühen  Majolikamale- 
rei zählen,  so  dag  sie  sogar  dem 
bedeutendsten  Meister  dieser 
Gattung  Nicolo  da  Urbino  [s.  u.| 
zugeschrieben  worden  sind.  Bei 
dem  'Meister  des  Correrservices' 
und  dem  Meister  T.  B.  findet  sich 
zuerst  die  Verwendung  von  Lasu- 
ren, während  der  Meister  von 
1507  nur  eine  Höhung  durch  weifte 
Lichter  kennt.  Besonders  charak- 
°  teristisch  ist  abgesehen  von  den 


zarten,  farbigen  Fleischtönen  die  blaugraue  Färbung  der  Bäume.  Um  1520  tritt 
unter  den  Faentiner  Werkstätten  besonders  hervor  die  CASA  PIROTA  |  Abb.416J. 
In  dieser  Werkstatt  [datierte  Arbeiten  von  1520— 36]  wurden  besonders  die  Waren 
mit  sogenannter  BERETTINO-GLASUR,  d.h.  einer  hellblau  gefärbten  Glasur,  her- 
gestellt. Bei  der  Malerei  wurde  diese  blaue  Glasur,  die  ja  den  Malgrund  bildete,  für 
die  Schattengebung  ausgenützt,  während  die  Lichter  aufgesetzt  wurden.  Daneben 
entwickelt  sich  hier  besonders  für  die  ornamentalen  Teile  die  camayeuartige 
Malerei  in  Blau  auf  Blau  [azurro  sopra  azurro]  und  Weiß  auf  Weiß  [bianco  sopra 
bianco].  Neben  Blau  und  WeiJ3  spielt  Gelb  die  Hauptrolle.  In  der  Ornamentik 
treten  neben  den  seit  dem  Anfang  des  Jahrhunderts  nachweisbaren,  noch  massiven 
Grotesken  und  Trophäen  vor  allem  große  Akanthusblätter  und  eigentliche  Ara- 
besken hervor.  Während  der  Blütezeit  der  Casa  Pirota  spielt  in  Faenza  die  Fi- 
gurenmalerei keine  sehr  große  Rolle,  abgesehen  von  eigentlichen  Bildtafeln  für 
Tabernakel  und  ähnliche  Zwecke.  Unter  den  Geschirrgattungen  sind  besonders 
bemerkenswert  die  in  Hohlformen  hergestellten,  gebuckelten  Konfektschalen,  für 
deren  Herstellung  besonders  Castel  Durante  berühmt  war  und  deren  Formen  ver- 
mutlich von  venezianischen  Metallarbeiten  beeinflußt  sind.  InFaenza  wurden  wohl 
auch  zuerst  die  zur  Tafeldekoration  dienenden  Obstschüsseln  mit  naturalistisch 
imitierten  plastischen  Früchten  gearbeitet,  deren  ältestes  Exemplar  |in  London] 
auf  1520  datiert  ist.  Besondere  Bedeutung  hat  in  Faenza  auch  die  Herstellung  von 
Fliesen,  die  hier  noch  während  des  ersten  Viertels  des  sechzehnten  Jahrhunderts 
den  primitiven  Charakter  bewahrten.  Abgesehen  von  an  Ort  und  Stelle  bewahrten 


514 


Abb.  416:  Faenza,  Casa  Firota,  Majulikateller  mit 
O  Berettinoglasur,  Berlin  D 


Abb.  417:  Faenza,  Teller  mit  Darstellung  des  ver- 
D  lorenen  Sohnes,  nach  Dürer.  Berlin  D 


Beispielen  in  Viterbo,  Rom,  Perugia,  Venedig  gehört  hierher  das  in  verschiedene 
Sammlungen  verstreute  Paviment  aus  dem  Gonzagapalast  in  Mantua,  von  dem 
die  Tafel  ein  in  Berlin  befindliches  Fragment  veranschaulicht.  Im  vierten  Jahr- 
zehnt kam  die  Faentiner  Majolika  unter  den  Einflute  der  urbinatischen  Figuren- 
malerei |s.  u.|.  Der  früheste  Meister  dieser  Richtung  scheint  BALDASSARE 
MANARA  [seit  1534]  zu  sein,  der  in  seinen  besten  Arbeiten  dem  Niccolo  daUrbino 
|s.  u.]  nahesteht;  von  anderen  Meistern,  die  ganz  in  dem  urbinatischen  Stile  ar- 
beiteten, aberderenTätigkeit  in  F'acnza  durch  inschriftliche  Bezeichnungen  sicher- 
gestellt ist,  seien  aus  der  Mitte  des  Jahrhunderts  die  Monogrammisten  \'R  und  ML 


genannt. 


D 


Vielleicht  von  geringerem  technischen  Interesse,  aber  von  dem  ht')chsten  kiinst- 
Icrischen  Werte  sind  die  seltenen  Arbeiten  der  medizäischen  Manufaktur  in  CAF- 
FAGGIOLO  I zwischen  Florenz  und  F'aenza  gelegen].  Denn  hier  sind  sicherlich 
diejenigen  Majoliken  entstanden,  in  denen  der  grofte  Stil  der  voll  entwickelten 
florentinischen  Friihrenaissance  sich  am  kräftigsten  geäut>ert  hat.  Das  älteste  be- 
zeichnete und  datierte  Stück  stammt  vom  Jahre  1507;  dieTätigkeit  der  Manufaktur 
reicht  zwar  bis  weit  in  die  zweite  Hälfte  des  Jahrhunderts  |das  späteste  Datum 
1570|  hinein;  aber  auch  hier  liegt  die  Blüte  ausschliefjich  in  den  ersten  .lahr- 
zehnten,  da  mit  dem  Einfluji  der  urbinatischen  Malerei  die  Fabrik  ihre  selbst- 
ständige Bedeutung  verliert.  Der  eigene  Charakter  Caffaggiolos  in  der  Blütezeit 
ist  trotz  aller  Beziehungen  zu  Faenza  und  den  Frühwerken  Castelilurantes  oft  un- 
verkennbar, besonders  durch  den  florentinischen  Stil  der  Zeichnung,  der  nirgends 
in  solcher  Reinheit  zu  konstatieren  ist  [vgl.  Abb.  419|.  Die  Hauptwerke  derart 
besitzen  wir  in  einigen  gr()|-^en  l'runkschüsseln,  die  sich  vor  allem  in  den  Samm- 
lungen zu  London,  Paris  und  Berlin  bt>finden.  Die  Ornamentik,  die  sich  eng  mit 
Faenza  berührt,  zeigt  strenge  Grotesken  und  Ranken  auf  blauem,  gelbem  oder 
weitem  Grund,  dazu  die  auch  sonst  beliebten  verknoteten  Bänder  |noeuds|,  die 
zuerst  W(»hl  Leonardo  da  \'inci  in  die  Dekoration  eiinjefiihrt  hat  Tutor  den  Farben 


33=^= 


515 


ADD.  41«:   P  iieseniaoieau  aus  Palazzo  Picuuloiiiiiii,  Sieua 


Überwiegt  ein  besonders  kräftiges  Blau,  das  hier  in  breitem  Auftrag  auch  als 
Hintergrund  verwertet  wird.  Eigentümlich  ist  der  Fabrik  auch  das  zuerst  im  Orna- 
ment verwendete  Rotbraun.  Es  scheint,  dag  in  Caffaggiolo  wenigstens  vorüber- 
gehend auch  die  metallische  Lüstrierung  nach  dem  Vorbild  Derutas  [s.  u.]  geübt 
worden  ist.  D 

Ein  zweites  toskanisches  Zentrum,  welches  in  dem  ersten  Drittel  des  sech- 
zehnten Jahrhunderts  selbständige  Bedeutung  hat,  ist  SIENA.  Von  besonderem 
Werte  sind  hier  die  Fliesenpavimente,  die  in  dem  Reichtum  und  der  Eleganz  der 
Groteskenornamente,  die  ausschliefilich  Renaissancemotive  von  absoluter  Rein- 
heit zeigen,  unerreicht  sind.  Das  älteste  Beispiel,  in  Santa  Caterina,  ist  1504  be- 
gonnen; das  reichste  Beispiel,  der  Fugboden  aus  dem  Palazzo  Petrucci  von  1509, 
ist  in  verschiedene  Sammlungen  zerstreut  [vgl.  Abb.  418].  Das  beste  erhaltene 
Exemplar  in  der  Sakristei  desDoms  zu  Loreto.  Die  Geschirre  Sienas  — •  Schüsseln. 
Teller,  Albarelli  —  sind  durch  die  Verwandtschaft  mit  den  genannten  Pavimenten, 
z.  B.  die  feinen  Groteskenränder  auf  schwarzem  Grunde,  und  die  Zusammen- 
gehörigkeit mit  Scherbenfunden  in  der  Stadt  und  bezeichneten  Stücken,  deren 
bedeutendstes  eine  Schüssel  mit  der  Darstellung  des  heiligen  Hieronymus  in  London 
rSouth  Kensington  Museum)  ist,  oft  leicht  zu  erkennen.  Die  Hauptwerkstatt  war 
die  des  MASTRO  BENEDETTO,  deren  Erzeugnisse  jedoch  besonders  im  Figür- 
lichen äußerst  ungleich  ist.  D 

Zu  den  Majolika-Manufakturen,  in  denen  der  Frührenaissance-Stil  in  hervor- 
ragenderundreinerWeisesichäugerte,  gehört  vor  allem  noch  CASTEL  DURANTE, 

516 


Abb.    419:     Caffaggiolo,    Schüssel    mit    Wappen 
D  Clemens  VII.,  Berlin  D 


Abb.  420:  Teller  aus  dem  Gonzagaservice,  Ham- 
O       bürg,  Museum  für  Kunst  und  Gewerbe       n 


das  heutige  URBANIA.  Nach  den  urkundlichen  Quellen,  die  bis  ins  vierzehnte 
Jahrhundert  zurückgehen,  den  Nachrichten  über  hier  tätige  und  von  hier  nach  an- 
deren Orten  berufene  Meister,  scheint  Castel  Durante  sogar  seine  Stelle  unmittel- 
bar neben  Faenza  beanspruchen  zu  dürfen.  Unter  den  erhaltenen  Stücken  Castel 
Durantes  aus  der  Frühzeit  fallen  zunächst  die  Arbeiten  mit  reicher,  lebendiger 
Grotesken- und  Trophäenornamentik  auf.  UnterdenFarben  überwiegt  dunkelblau, 
seltener  grün  für  den  Grund,  daneben  gelb;  seit  etwa  1 52ö  wird  die  Grisaille-Malerei 
sowohl  in  den  Randmustern  wie  in  der  Figurenmalerei  der  Mittelfelder  beson- 
ders beliebt.  Das  älteste  gesicherte  datierbare  Stück  trägt  das  Datum  1508  und 
nennt  als  Meister  den  Töpfer  Zouan  Maria;  aus  dem  zweiten  Jahrzehnt  sind  be- 
sonders die  Arbeiten  aus  der  Werkstatt  des  SKBASTIANO  DFL  MFRFOKIO  [in 
den  Londoner  Sammlungen  und  bei  Pierpont  Morgan]  zu  nennen.  Die  Grotesken- 
dekoration hat  sich  inCastelDurantc  in  ziemlicherReinheit  bis  gegen  dieMitte  des 
«hihrhunderts  gehalten,  und  blieb  liier  das  ganze  Jahrluiiulert  hindurch,  wenn  auch 
in  Stil  und  Ausführung  vergröbert,  in  Übung.  Unter  den  durantinischen  Erzeug- 
nissen fallen  besonders  auf  die  durch  das  Wappen  erkenntlichen,  für  die  Rovere 
sowohl  für  den  Papst  .Julius  IL,  wie  für  die  urbinatischen  Herzöge  aus  diesem 
Hause  bestimmten  Arbeiten.  Hierher  gehören  auch  die  Teller  mit  sog.  Cerquale- 
dekor,  die  in  erhöhtem  Relief  durchflochtene  gelbe  Fichenzweige  das  Wappen- 
zeichen der  Rovere  auf  blauem  Grund  zeigen  [ein  datiertes  Beispiel  von  IfviT 
/..H.  im  British  Musemn|  und  die  wohl  etwas  jüngeren,  besonders  reizvollen  Teller 
mit  Dekor  bianco  soprabianco,  deren  Rand  und  Mittelfeld  von  einem  grünen  Ficlien- 
kranz  umzogen  ist.  Nach  Castel  Durante  werden  auch  die  seltenen  Majoliken  mit 
<hmklei-  Marmorirrimg  |  vornehmlich  grim  und  kupferrot  |  verlegt,  die  bald  nai'h 
der  Mitte  des  sechzehnten  .Jaliiluindi'its  wohl  in  Nachahmung  entsprechender 
venezianischer  Glaswaren  gearbeitet  wunKii.  \'on  besonderer  Bedeutung  wird 
Castel  Durant(\  weil  aus  diesem  Grte  iler  MtMster  liervorgeiiangen  ist.  an  dessen 
Werken  sicli  der  Umschwung  zu  der  sog.  urbinatischen  Figuienmalerei,  die  die 


51' 


Majolikakunst  der  Mitte  des  Jahrhunderts 
beherrscht,  am  besten  verfolgen  lägt: 
NICOLO  PELLIPARIO,  der  sich  seit  seiner 
Übersiedelung  nach  Urbino  |  gegen  1528] 
NICOLO  DA  URBINO  nennt,  und  der 
Stammvater  der  später  dort  tätigen  und 
berühmten  Familie  Fontana  (s.  u.]  ist.  Das 
Hauptwerk  seiner  durantinischen  Zeit  ist 
das  für  Isabella  d'Este  gearbeitete  sog. 
Gonzagaservice,  dessen  bekannte  Teile, 
Kannen,  Schüsseln  und  Teller,  in  Bologna, 
London,  Paris  [Sammlung  Alf.  Rotschild] 
und  Hamburg  bewahrt  werden  [Teller  mit 
Mannalese  aus  der  Sammlung  Beit,  vgl. 
Abb.  421:  Venezianischer  Teller  mit  blauen  Por-  Abb.  420].  Lägt  die  Ornamentik  dieser  Ar- 
D  ceiianaranken,  Berlin  D  beitcu  den  Charakter  vou  Castel  Durante 

deutlich  erkennen,  so  erinnert  die  Malerei  noch  ganz  an  dieMeisterwerkeFaenzas 
aus  der  Frühzeit,  besonders  an  das  Correrservice,  als  dessen  Meister  tatsächlich 
auch  Nicolo  in  Anspruch  genommen  worden  ist.  Näher  als  das  Gonzagaservice 
steht  dem  Correrservice  der  wunderbar  feine  Teller  in  Oxford  mit  der  Verleum- 
dung des  Apelles,  das  Hauptstück  der  Sammlung  Fortnum.  Abgesehen  von  diesen 
eigentlichen  Frühwerken  ist  der  Stil  Nicolos  —  aber  schon  in  der  ausgesprochenen 
Weise  seiner  späteren  Zeit  --in  mehreren  inschriftlich  für  Castel  Durante  ge- 
sicherten Tellern  mit  mythologischen  und  biblischen  Szenen  aus  der  Zeit  um  1525 
zu  erkennen.  Nach  der  Übersiedelung  Nicolos  nach  Urbino  [gegen  1528]  verliert 
dieFigurenmalereiCastelDurantes  ihre  selbständigeBedeutung.  umindenBahnen 
Urbinos  zu  verlaufen.  Selbst  bei  bezeichneten  Arbeiten  durantinischer  Meister, 
wie  denen  des  FRANCESCO  DURANTINO,  der  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts 
arbeitete,  und  gar  bei  der  grogen  Masse  der  unbezeichneten  Arbeiten  dieser  Zeit, 
ist  es  oft  ganz  unmöglich  zu  entscheiden,  ob  Urbino  oder  Castel  Durante  der  Her- 
stellungsort ist.  D 
Vor  der  Betrachtung  der  übrigen  umbrischen  Majolikafabriken,  sei  noch  VE- 
NEDIG erwähnt,  da  hier  besonders  enge  Beziehungen  zu  der  älteren  Faentiner 
Richtung  zu  beobachten  sind.  Tatsächlichwissen  wir,  dag  mehrfach  schon  im  fünf- 
zehnten Jahrhundert,  Faentiner  Majolikameister  nach  Venedig  gewandert  sind  und 
können  aus  bezeichneten  Stücken  und  Urkunden  eine  ganze  Reihe  verschiedener 
Manufakturen  in  Venedig  selbst  seit  dem  sechzehnten  Jahrhundert  nachweisen. 
Trotz  der  Einflüsse  von  Faenza,  die  übrigens  wechselseitige  zu  sein  scheinen,  da 
viele  Motive  der  faentinischen  Majolika  wohl  am  besten  durch  Einwirkungen  von 
Venedig  zu  erklärensind,  gewinntauchdieMajolikaindustrie  in  Venedig  den  eigen- 
tümlichen, durch  seinen  orientalischen  Einschlag  abweichenden  Charakter,  der 
auch  sonst  dem  dortigen  Kunstgewerbe  eine  eigene  Note  gibt.  Gerade  auf  dem 
Gebiet  der  Keramik  ist  dieser  Einflug  umsoweniger  auffallend,  als  die  Farben- 
pracht der  orientalischen  Halbfayencen  dem  venezianischen  Farbengeschmack 

518 


besonders  entgegenkommen  mugte  und 
Venedig  das  Hauptzentrum  für  den  Import 
derartiger  Waren  war.  Tatsächlich  fal- 
len schon  auf  venezianischen  Bildern  des 
Quattrocento,  z.  B.  bei  Crivelli,  Blumen- 
vasen und  Schalen  auf,  die  engste  Ver- 
wandtschaft mit  persischen  und  syrischen 
Halbfayencen  zeigen.  D 

Der  Einfluß  der  orientalischen  Keramik 
äugert  sich  in  der  venezianischen  Majolika 
im  Stil  und  in  der  Technik.  Technisch  ist 
es  die  graue  oder  bläuliche  Glasur,  sog. 
SMALTINO,  die  in  dicker  Schicht  auf- 
getragen wird  und  den  eingebrannten 
Farben  eine  flockige  Wirkung  gibt.  Sti- 
listisch sind  es  vor  allem  die  f einstieligen  °  ^^b.  422:  Majoiikateiier,  Forii.  London  d 
orientalischen  Blütenranken,  wie  wir  sie  ähnlich  auch  bei  venezianischen  Metall- 
arbeiten finden,  und  die  zumeist  'alla  porcellana'  in  blauer  Farbe  mit  weiften 
Lichtern  auf  den  grauen  Grund  gezeichnet  werden.  Unter  den  venezianischen  Ar- 
beiten dieser  Art  fallen  besonders  die  Schüsseln  für  Nürnberger  und  Augsburger 
Geschlechter  auf,  wie  sie  z.  B.  in  London,  Paris,  Berlin,  Nürnberg,  Hamburg  zu 
finden  sind.  Mehrere  dieser  Arbeiten  sind  durch  die  Wappen  noch  auf  das  erste 
Viertel  des  Jahrhunderts  zu  datieren  [vgl.  Abb.  421 1.  Die  Porzellanranken  und 
die  Blaumalerei  halten  sich,  besonders  auf  den  Rückseiten,  bis  nach  der  Mitte  des 
Jahrhunderts  [Maestro  Lodovico|,  doch  werden  seit  etwa  1525  die  Renaissance- 
ornamente bevorzugt.  Daneben  spielen  in  Venedig  eine  Hauptrolle  die  Arbeiten 
mit  Berettino-Glasur  wie  wir  sie  identisch  in  Faenza  finden  |s.  o.].  Für  spätere 
.Arbeiten  mit  Goldornamenten  oder  Lackmalerei  auf  schwarzem  Grunde  kommt 
neben  Venedig  besonders  PADUA  alsHlntstehungsort  in  Betracht.  Bei  gebuckelten 
Geschirren  bietet  oft  die  Verwandtschaft  mit  den  Gefäftformen  des  veneziani- 
schen Ismail  |s.  o.  S.500|  einen  Hinweis  auf  venezianische  Kntstohung.  Gharakte- 
ristisch  für  Venedig  ist  schliejilich  die  Dekoration  mit  gro(^>on,  lappigen,  akanthus- 
artigen  Blättern  in  bewegter  Linienführung  |a  foglie],  die  vermutlidi  auf  das  Vor- 
bild der  in  Venedig  beliebten,  gewebten  Verduren  zurückgeht.  -  In  den  vierziger 
Jahren  wurde  wie  üb(>rall,  so  auch  in  Venedig  der  l'rbinatische  Stil  eingeführt, 
sowohl  die  Istoriati-Malerei,  wie  die  Groteskenmalerei.  Der  bekannteste  Meister 
dieser  Art  aus  der  zweiten  Hälfte  des  .lahrhunderts  ist  DOMKNIGO  DK  VKNKZIA. 
Gegenüber  den  urbinatischcn  .ArbiMtcn  diesi'r  Zeit  fallen  die  \'enezianisehen 
Istoriati  oft  durch  die  l-ügeiitiimlicIiUtMt  ihrer  Glasur  und  i'ine  gewisse  l-'leckigkoit 
der  Farbenwirkung  auf.  D 

Noch  eine  Reihe  anderer  Manufakturen,  die  im  Charakter  der  faontinisohen 
Richtung  arbeiteten,  lassen  sieh  iKuhwiMsen.  Zum  Beispiel  PADl'A,  R.\\'1-;NN.\, 
IMOLA,  CESKNA,  deren  Täti^ki'it  aueli  durch  einzelne  erhaltene  Stücke  zu  be- 
legen ist.  Dagegen  hat  sieli  fiii-  die  Majolikaiiidustrie  von  VV.RR.\R\  bisher  kein 

510 


Abb.  423:    Deruta-Schüssel  mit  Perlmutterlüster, 
D  Berlin  G 


Abb.   424:    Gubbio.    Teller    mit    Rubinlüster    auf 
D  schablonierten  Ornamenten.   Berlin  D 


erhaltenes  Stück  gefunden,  obwohl  wir  nach  den  urkundlichen  Nachrichten  an- 
nehmen müssen,  dag  hier,  unter  der  Protektion  der  Este,  nicht  nur  ein  umfang- 
reicher, sondern  wohl  auch  besonders  künstlerischer  Betrieb  bestanden  haben 
muß.  Auger  den  Nachrichten  über  zahlreiche,  hier  tätige  faentiner  Meister,  wissen 
wir,  dag  auch  Dosso  Dossi  als  entwerfender  Zeichner  und  sein  Bruder  als  Mo- 
delleur für  die  Manufaktur  tätig  waren.  Die  charaktervollste  der  kleineren  Manu- 
fakturen faentiner  Richtung  dürfte  FORLI  sein.  Sowohl  die  Fliesen,  wie  die  Ge- 
fäge,  diefürForli  gesichert  sind,  erwecken  eine  recht  bedeutende  Vorstellung  von 
der  dortigen  Tätigkeit,  die  sich  bis  in  die  archaische  Zeit  des  ausgehenden  Quattro- 
cento zurückverfolgen  lägt  [siehe  Abb.  411,  422J.  D 

Vor  der  Betrachtung  der  Majoliken  des  urbinatischen  Stils  sind  noch  zwei 
Manufakturen  zu  nennen,  die  die  wichtigste  Neuerung  der  italienischen  Fayence- 
kunst fanden,  die  das  sechzehnte  Jahrhundert,  abgesehen  von  der  Copertaglasur 
[vgl.  S.  505],  brachte:  die  LÜSTRIERUNG,  d.  h.  die  Verwendung  metallischer 
Lüsterfarben  mit  schillernden  Reflexen.  Obwohl  die  ältesten  italienischen  Majo- 
liken des  fünfzehnten  Jahrhunderts  zum  grogen  Teile  die  sog.  hispano-moresken 
Fayencen  nachahmten,  war  es  doch  nicht  gelungen,  grade  die  Lüstrierung,  durch 
die  die  spanischen  Vorbilder  besonders  berühmt  sind,  nachzubilden.  Dies  gelang 
erst  in  derBlütezeit  der  italienischenMajolika,  und  zwar  in  den  beiden  umbrischen 
Manufakturen  DERUTA  und  GUBBIO.  D 

Die  Lüstrierung  von  DERUTA,  die  besonders  berühmt  ist  wegen  ihrer  viel- 
farbigen, tiefen  Perlmutterreflexe  |a  madreperla]  ist  direkt  durch  spanische  Vor- 
bilder und  Rezepte,  vielleicht  sogar  durch  spanische  Meister  selbst,  die  vermut- 
lich CesareBorgia,  der  1492  Erzbischof  von  Valencia  war,  nachUmbrien  zog,  wäh- 
rend der  letzten  Jahre  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  aufgekommen;  das  älteste 
datierte  Beispiel  bietet  eine  Kanne  von  1501  im  Britischen  Museum.  Obwohl 
Deruta  in  seinen  Erzeugnissen  am  stärksten  einen  selbständigen,  von  allen  übri- 
gen Manufakturen  abweichenden  Charakter  bewahrt,  dürften  doch  auch  hier  faen- 

520 


Abb.   425:    Gubbio,   Teller    mit   kubinlüsler   von 
D  Giorgio  Andreoli,  1519,  Berlin  D 


Abb.  426:  Urbino,  Teller  von  Xanco  Avelli;  1542, 
G  Berlin  D 


tinische  Einwirkungen  eine  Rolle  gespielt  haben,  wie  tatsächlich  die  Tätigkeit  von 
Meistern  aus  Faenza  in  Deruta  nachweisbar  ist  |Maturanzio  und  Lazzaro  di  Bat- 
tista  da  Faenza,  denen  ein  Paviment  in  San  Francesco  zu  Deruta  von  1524  zuge- 
schrieben ist|.  Abgesehen  von  dem  Lüster,  äugert  sich  der  eigene  Charakter 
Derutas  sowohl  im  Stile,  wie  in  der  Technik.  In  allem  bewahrt  die  Fabrik  einen 
besonders  konservativen,  zähen  Charakter,  der  dazu  verführen  konnte,  daf;  ihre 
Erzeugnisse,  die  ausnahmslos  dem  sechzehnten  Jahrhundert  angehören,  für  älter 
gehalten  wurden,  als  sie  tatsächlich  sind.  Die  Masse  ist  schwer  und  dick,  die  Orna- 
mente streng  und  stereotyp,  die  Zeichnung  und  Modellierung  blau.  Die  Farben- 
wirkung beruht  ausschliesslich  auf  dem  prächtigen  Spiel  des  Lüsters.  Nur  eine 
verhältnismäfiig  kleine  Gruppe  eigentlich  farbig  gemalter  Majoliken  jbei  denen  zu 
dem  Blau  Gelb,  Ocker  und  Grün  tritt  |  lälU  sich  chirch  üireN'erwaiultschart  mit  den 
Lüstergeschirren  auf  Deruta  bestimmen.  Die  berühmtesten  Leistungen  Derutas 
sind  die  schweren  Prachtschüsscln,  mit  grojifigürlicher  Malerei  auf  dem  Spiegel 
und  ornamentalem  ghitten  Rande.  Der  Rand  ist  regelmüHiig  in  Felder  geteilt  und 
zeigt  abwechselnd  Sclnippenmuster  und  Ranken  oder  Blattwerk.  Nur  bei  den 
besten  Exemplaren  findet  sich  umlaufendes  Blattwerk  ohne  Feldertoihing.  Unter 
den  figürlichen  Darstellungen  stehen  an  erster  Stelle  die  Brustbililer  von  Damen 
I  Abb.  423 1  oder  Kavalieren  mit  fliegenden  Schriftbändern,  riunischen  Kaisern  usw., 
ferner  Wappen,  Einzelfiguren  |  auf  quadriertem  Boden  stehend  |,  best)nilers  alle- 
gorischer Gestalten  und  von  Heiligen,  am  häufigsten  des  lieiligen  Franciskus.  Im 
übrigen  sind  religi()se  Darstellungen  selten,  wie  figurenreii'lu*  Komjiositionen 
überhaupt,  da  die  Manufaktur  um  IfiOO  ihre  Bedeutung  verliert.  Die  einzige 
Künstlersignatur,  die  wir  aus  derartigen  Arbeiten  Derutas  kennen,  ist  die  des  EL 
FRATE  zeichnenden  I-'iguroninalers  |ir>41  ir>rvj|.  Abgesehen  von  den  Pracht- 
schüsseln sind  besondeis  kleinere  lelicfierte  Schalen  unil  von  anderen  Geräten 
streng  architektonisch  gebildete  Vasen  mit  Doppelhenkel  charakteristisch.  Gegen- 
über den  figuriiM-tcii  Stücken  sind  riMii  oinaineiitah^  .Vrbciten  selten;  besonders 


521 


kostbar  sind  derartige  Schüsseln  mit  stark  orientalisierenden  Arabesken.  Erhal- 
tene Fliesenböden  der  Manufaktur  finden  sich  noch  in  Perugia  [San  Pietro  dei 
Cassinesi]  und  Spello.  Eine  technische  Eigentümlichkeit  aller  derutesischen  Ge- 
schirre ist  die  Beschränkung  der  Zinnglasur  auf  die  Schauseite,  während  die  Rück- 
seite bleiglasiert  ist.  D 

Deruta  wurde  in  der  Herstellung  des  Lüsters  bald  übertroffen  durch  GUBBIO, 
sowohl  durch  den  reicheren  Glanz  des  Goldlüsters  als  vor  allem  durch  die  Erfin- 
dung eines  eigenen  karminroten  Lüsters,  des  sog.  RUBINLÜSTERS,  der  ein  Ge- 
heimnis der  Manufaktur  blieb  [siehe  TafelJ.  Entschieden  wurde  die  Lüstrierung 
in  Gubbio  durch  Einflüsse  von  Deruta  gefunden,  obwohl  gelegentlich  auch  das 
Vorbild  spanischer  Fayencen  auf  Gubbio-Majoliken  nachweisbar  ist.  Jedenfalls 
ist  grade  für  die  frühen  Majoliken  Gubbios  die  engste  Verwandtschaft  mit  Deruta, 
sowohl  im  Ornament,  wie  in  der  Malweise  typisch.  Während  aber  Deruta  stets 
seinen  eigenen  Charakter  bewahrt  hat,  hat  Gubbio  weder  im  Stile  noch  in  den  Ge- 
schirrformen eine  eigene  Formensprache  entwickelt,  sondern  sich  stets  fremden, 
geläufigen  Typen  assimiliert.  Da  die  Lüstrierung  ein  Überglasurverfahren  ist, 
wurden  massenhaft  auch  fremde  Erzeugnisse,  besonders  von  Faenza,  Castel  Du- 
rante  undUrbino  nach  Gubbio  geschickt,  um  hier  nachträglich  lüstriert  zu  werden; 
infolgedessen  beweisen  die  Marken  und  der  Lüster  von  Gubbio  nur,  dag  ein  Gefäß 
hier  lüstriert  wurde,  nicht  daß  es  wirklich  hier  entstanden  ist.  Trotzdem  ist  für 
viele  Stücke  dieEntstehung  in  Gubbio  leicht  zu  beweisen,  besonders  in  den  Fällen, 
wo  der  Entwurf  der  Malerei  von  vornherein  auf  die  Lüstrierung  ersichtlich  Rück- 
sicht nimmt.  Im  Gegensatz  zu  der  schweren  Ware  Derutas  wurden  in  Gubbio  fast 
ausschließlich  leichte  Geschirre  in  faentinischen  und  durantinischen  Typen  gear- 
beitet, zumeist  mit  Grotesken  und  Trophäen;  besonders  beliebt  sind  geformte 
Schalen  [seltener  auch  Vasen]  mit  Buckelung  und  Relief.  Eine  ausschließlich  in 
Gubbio  hergestellte  Gattung  bilden  die  Teller  mit  tiefem  Boden,  deren  flacher 
Rand  durch  ein  Schablonierverfahren  dekoriert  ist,  indem  die  Ranken-  und  Gro- 
teskenmuster aus  dem  blauen  Grunde  ausgespart  und  lüstriert  sind  [Abb.  424].  D 

Als  der  Erfinder  des  Rubinlüster  gilt  GIORGIO  ANDREOLI,  der  sich  zumeist 
als  Maestro  Giorgio  da  Ugubio  bezeichnet  [Abb.  425].  Dieser  Meister,  dem  zum 
mindesten  das  Verdienst  gebührt,  den  Lüsterdekor  zur  höchsten  Vollendung  ge- 
bracht zu  haben,  ist  seit  1498  in  Gubbio  nachweisbar,  wo  er  zuerst  als  Bildhauer 
tätig  war  [Altar  im  Städelschen  Institut  zu  Frankfurt  am  Main,  zum  Teil  in  Art  der 
Robbia  glasiert,  zumTeil  kalt  bemalt,  aberohneLüster].  Von  gesicherten  Majolika- 
gefäßen seiner  Hand,  die  bezeichnet  und  datiert  sind,  stammt  das  älteste  nach- 
weisbareStück  allerdings  erstvonl518,  während  die  Verwendung  desRubinlüster 
sich  bis  zum  Jahre  1501  [die  bekannte  Reliefplatte  mit  dem  heiligen  Sebastian  im 
South  Kensington  Museum]  zurückverfolgen  läßt.  Es  entsteht  deshalb  die  Frage, 
ob  Mo.  Giorgio  den  Lüsterdekor  nur  übernommen  und  zur  höchsten  Blüte  gebracht 
hat,  oder  ob  ihm,  wie  es  wahrscheinlich  ist,  auch  die  nachweisbaren  früheren  Ar- 
beiten dieser  Art,  mit  noch  dünnem  Lüster  und  deutlichen  Beziehungen  zu  Deruta 
zuzuschreiben  sind.  Der  Höhepunkt  der  Tätigkeit  des  Meisters  liegt  offenbar  um 
1520  bis  1525.  Kurz  vorher  bereits  treten  an  Stelle  der  Derutesken  Motive  dieGro- 

522 


IkJ 


l.USTRIKRTKK  MA.IOMKATKLLKR  VON  GIORGIO 
ANDREOI.I       KUNSTOKWKRBKMUSEIM.  BERLIN 


Nicolo  da   Urbino,  Teller  mit   Marcus 
Curtius,  Berlin  D 


tesken  von  Castel  Durante;  auch  die  seit 
ca.  1525  erblühende  Figurenmalerei  ist 
vonCastel  Durante  beeinflußt,  bis  sie  durch 
den  urbinatischen  Stil  verdrängt  wird.  Das 
letzte  bezeichnete  und  datierte  Stück  des 
Meisters,  der  1552  stirbt,  stammt  von  1541. 
Neben  ihm  sind  eine  Anzahl  Monogram- 
misten  als  Gehilfen  tätig.  Als  sein  Nach- 
folger gilt  Maestro  Cencio,  d.  h.  sein  Sohn 
Vicenzo  Andreoli,  von  dem  jedoch  ge- 
sicherte Arbeiten  nicht  nachgewiesen  sind. 
Unter  den  letzten  Arbeiten  Gubbios  tragen 
mehrere  die  Signatur  eines  MAESTRO 
PRESTINO  [bis  1557J,  ohne  besondere 
künstlerische  Bedeutung  zu  haben.  D  Abb.  42 

Die  Entwicklung  der  italienischen  Ma-  ° 
jolika  zur  Hochrenaissance  und  zum  Barock  vollzog  sich  im  wesentlichen  in  UR- 
BINO. Obwohl  auch  hier  bereits  um  1500  das  Bestehen  keramischer  Werkstätten 
erwiesen  ist  [ein  Giovanni  Antonio  und  Francesco  d'Urbino  sind  als  Meister  des 
Paviments  von  1491  inVescovado  zu  Padua  bekannt|,  gewinnt  derOrt  doch  erst  im 
dritten  Jahrzehnt  eine  führende  Bedeutung,  um  bald  jenen  totalen  Umschwung  in 
der  italienischen  Majolikaindustrie  herbeizuführen,  der  früher  als  der  Höhepunkt 
dieses  Kunstzweiges  angesehen  wurde.  Was  dieser  Umschwung  in  der  Gesamt- 
entwicklung des  italienischen  Geschmacks  bedeutet,  entspricht  dem,  was  zwei  Jahr- 
zehnte früher  Michelangelo  in  der  Si.xtinischen  Decke  als  das  Ideal  hingestellt  hatte : 
die  Verdrängung  des  Ornaments  durch  die  menschliche  Figur.  Die  Gefälle  werden 
nun  mehr  rein  bildmäf^ig  behandelt,  das  Ornament  verschwindet  und  damit  die  tek- 
tonischcGliedcrung,  speziell  dicTreiinung  von  Rand  und  Mittelfeld,  si)dat>  sich  die 
bildliche  Darstellung  ohne  Rücksicht  auf  die  Form  des  Gefälles  über  dessen  ganze 
l'läche  ausdehnen  kann.  DieMalerei  wird  virtuos  gehandhabt,  die  Scharffeuerplatte 
(lenkbar  ausgenutzt.  Die  Vorbilder  liefern  die  Stiche  der  Raffaelscluile.  deren  Kom- 
positionen aber  nur  selten  noch  unmittelbar  kopiert  werden,  sonilern  mehr  in  eklek- 
tischer Weise  durch  Herausgreifen  von  Teilen  und  bestimmten  F'iguren,  die  dann 
von  einer  Koniposition  in  die  andere  wandern,  benutzt  werden.  Damit  war  die  naive 
und  volkstümliche  Interpri'tation  der  antiken  und  biblischen  \'orwürfe  iler  frühe- 
ren Zeit  oliiu'  weiteres  gescIiwiindiMi;  statt  dessen  macht  sich  oft  eine  bewuf^te 
I*'reude  am  Literarischen  |besondei's  bei  \anto,  s.  u.|  in  den  Beischriften,  Krklä- 
I  ungen  der  Rückseite  usw.  geltend.  Trotz  der  hohen  N'irtuosität.  liie  man  an  den 
besten  Arbeiten  dieses  Stils  bewundern  kann,  wirken  die  Malereien  gegenüber 
denen  der  ersten  Blütezeit  zumeist  flüchtig,  besonders  in  der  Durchbildung  des 
Landschaftlichen.  Abgesehen  von  der  veränderten  Formensprache  unterscheiden 
sich  die  Malereien  der  urbinatischen  Periode  von  denen  der  Frühzeit  vor  allem 
durch  die  braunschwarzen  Konturen  |an  Stelle  von  Blauj,  tlas  Überwiegen  von 
Orangegelb,  die  reichere  und  flüssige  Modellierung.  D 

52n 


D  Abb.  428:  Urbino,  Schüssel  und  Kanne  mit  Grotesken,  Berlin  D 

Das  Aufblühen  der  Figurenmalerei  in  Urbino  ist  eng  verknüpft  mit  der  Über- 
siedelung des  Meisters,  den  wir  bereits  [s.  S.  518]  als  den  hervorragendsten  Fi- 
gurenmaler der  Frühzeit  kennen  gelernt  haben:  NICOLO  PELLIPARIO  DA  UR- 
BINO. Seine  Übersiedelung  aus  Castel  Durante  nach  Urbino  mug  gegen  1528 
stattgefunden  haben,  da  aus  diesem  Jahre  die  erste  Arbeit  seiner  Hand,  die  hier 
entstanden  ist,  datiert  ist,  — eine  Schüssel  mit  dem  Martyrium  der  heiligen  Cäcilie 
im  Museo  Nazionale  zu  Florenz.  Von  den  zahlreichen  nun  folgenden  Arbeiten 
seiner  Hand,  die  durchweg  durch  gute  Qualität  sich  auszeichnen  und  in  fast  allen 
größeren  Sammlungen  zu  finden  sind  |Abb.  427),  ist  kein  datiertes  Exemplar  be- 
kannt geworden;  doch  wird  der  Künstler  noch  1540  als  lebend  genannt.  Eine 
eigene  Werkstatt  scheint  er  nichtgeführt  zu  haben,  sondern  arbeitete  in  derWerk- 
statt  seines  Sohnes  GUIDO  FONTANA  [DURANTINOj,  der  bereits  vor  ihm  aus 
seiner  Vaterstadt  nach  Urbino  übergesiedelt  war,  um  gleichsam  das  Stammhaus 
der  verschiedenen  Werkstätten  des  Namens  Fontana  zu  begründen  {s.  u.].  Von 
den  zahlreichen  Nachahmern,  die  Nicolo  fand,  verdient  nur  einer  als  dem  Meister 
nahekommend  genannt  zu  werden:  FRANCESCO  XANTO  AVELLI  aus  Rovigo. 
Seine  datierten  Arbeiten,  die  besonders  in  der  ersten  Hälfte  der  dreifiiger  Jahre 
dem  Nicolo  nahe  stehen,  liegen  zwischen  1525  und  1542.  Abb.  426  veranschaulicht 
eine  charakteristische  Arbeit  seiner  späteren  Zeit  [1542J,  die  besonders  durch 
ihren  blasseren  Gesamtton  von  den  früheren  sich  unterscheiden.  Im  übrigen 
verlieren  die  Persönlichkeiten  der  urbinatischen  Istoriati-Maler  als  Individuali- 


524 


D  A1j1>.    l_li.   LiliiiH',   riasti  =  rii   tjiforiiilf^  TlIlt.•^I:l|-^  - 

täten  ihren  selbständigen  Charakter.  Der  Betrieb  nahm  durch  die  Fürsorge  des 
Herzogs  Guidobaldo  II.  |1538  bis  1574|,  der  Künstler  wie  B.\TTIST.\  KR.\NCO 
und  RAFFAELLO  DA  COLLt]  nach  Urbino  als  Zeichner  für  Majoliken  berief, 
immer  gröf^ere  Dimensionen  an,  und  lief>  die  Persönlichkeit  des  einzelnen  Meisters 
nicht  mehr  hervortreten.  Die  tonangebenden  Werkstätten  waren  die  der  I-'ontana, 
zunächst  die  der  drei  Söhne  des  genannten  Guido  Fontana:  CamiMo,  Nicolo  und 
vor  allem  ORAZIO  F'ONTANA.  Orazio.  der  wie  sein  Großvater  Nicolo  zuerst  in 
der  Werkstatt  d(>s  Vaters  nachweisbar  ist.  errichtet  sich  löOö  eine  eigene  Werk- 
statt; seine  ersten  datierten  Arbeiten  stannnen  aus  deni.Ialn'e  1542;  er  starb  1571. 
während  sein  Vatei-  Guido  bis  157(5  nachweisbar  ist.  Die  Fontanawerkstätten 
waren  entschieden  die  berühmtesten  Lieferungsstätten  für  Prachtservice  in  der 
Hoch-  und  Spätrenaissance.  Abgesehen  von  dem  urbinatischen  Hofe,  deren  be- 
rühmtes Service  zum  gröt^ten  Teile  jetzt  im  Museo  Nazionale  zu  Florenz  aufbe- 
wahrt wird,  arbeiteten  sie  z.  B.  für  Karl  V.  und  Philipp  II.  Auf  iln-e  Tätigkeit  geht 
auch  die  letzte  bedeutsame  Geschmacksänderung  zurück,  die  in  der  Geschichte 
der  italienischen  Majolika  der  Renaissance  zu  verzeichnen  ist.  D 

(Jegen  das  Überwiegen  der  figuralen  bildmäf^igen  Dekoration  mu|Ue  eine  Re- 
aktion eintreten,  die  sclihelUich  den  ganzen  Charakter  der  Majolikagefäf^e  ver- 
änderte. Statt  der  bildmäj-^igen  Dekoration  trat  die  ornamentale  .Ausschmückung 
wieder  in  ihr  Recht,  und  zw;u-  in  einer  neuen,  durchgreifenilen  Weise.  In  An- 
lehnung an  die  Grotesken  Raffaels  wird  ein  ungemein  zierliches  uiui  elegantes 
Ornamentsystem  gefunden,  weU'hes  aus  phantastischen,  architektunischen.  figür- 
lichen unil  pflanzlichen  Motiven  besteht  uiul  in  feiner  farbiger  Ausführung  (offen- 
bar in  Aidehnung  an  ostasiatisches  Porzellan]  auf  weiften  Grund  von  möglichster 

525 


Abb.  430:  Urbino,  Majolikagruppe  Orgelspieler 


Reinheit  gestellt  wird  [Abb.  428J. 
Dieses  Ornamentsystem  lieg  die 
kleinfigurigen,  oft  kameenartigen 
Darstellungen  völlig  zurücktreten 
und  mit  dem  Ornament  zu  einer 
dekorativen  Einheit  werden.  Auch 
war  es  nur  natürlich,  daß  dieses 
Ornament  der  Gliederung  des  Ge- 
fäßes sich  ohne  weiteres  wieder 
anpaßte.  Der  reichen  bewegten 

Formensprache  des  Dekors 
mußte  es  aber  entsprechen,  daß 
nun  auch  die  Formen  der  Gefäße 
bewegter  und  freier  gestaltet 
wurden.  So  konnten  die  auf  der 
Drehscheibe  gewonnenen  For- 
men nicht  mehr  genügen,  und 
statt  des  Töpfers  trat  die  freihän- 
dige Arbeit  des  Modelleurs  in  ihre 
Rechte.  Neben  die  runden  Teller 
traten  ovale  und  dreipassig  ge- 
schweifte Schüsseln,  an  den  Kan- 
nen wurden  die  Schnauze  und 
vor  allem  die  schlangenförmigen 


Henkel  frei  entwickelt,  und  in  der 
Gesamtproduktion  spielt  die  Herstellung  von  allerhand  Kleingerät,  vor  allem  Salz- 
fässer. Leuchter,  Tintenfässer  [vgl.  Abb.  429],  mit  plastischen  Füßen,  Ecken,  Be- 
krönungen,  eine  große  Rolle.  Auch  eine  Anzahl  kleinplastischer  Erzeugnisse, 
besonders  Genrefiguren,  sind  uns  aus  den  Fontanawerkstätten  erhalten  (vgl. 
Abb.  430].  D 

Dieser  neue  Geschmack  muß  in  den  sechziger  Jahren  zur  vollen  Entwicklung 
gekommen  sein  und  hat  sich  bis  über  die  Grenze  des  Jahrhunderts  erhalten.  Nach 
dem  Tode  des  Orazio  und  Guido  Fontana,  deren  Werkstätten  übrigens  fortgesetzt 
wurden, sind dieMitglieder  derFamilie  PATENAZZI  als  diebedeutendstenMeister 
anzusehen.  Neben  der  Groteskenmalerei  erhielt  sich  natürlich  auch  die  früher  ge- 
übte bildmäßige  Dekoration.  Als  Neuerung,  die  wohl  auch  auf  Rechnung  der  Fon- 
tana, vielleicht  unter  dem  Einfluß  Venedigs,  zu  setzen  ist,  ist  die  malerische  Aus- 
schmückung durch  Landschaftsbilder  (a  paesi]  an  Stelle  der  eigentlichen  Istoriati 
zu  nennen:  neben  Landschaften  in  deutschem  und  niederländischem  Charakter, 
auch  Ansichten  von  Städten,  Villen,  Gärten  [vgl.  Abb.  431].  Als  Figurenmaler, 
die  unter  dem  Einfluß  der  Fontana  in  Urbino  arbeiteten,  seien  u.  a.  RAFAELE 
CIARLA,  ein  Verwandter  Rafaels,  und  der  durch  mehrere  bezeichnete  Stücke  be- 
kannte GUIDO  DA  MERLINGO,  der  noch  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  tätig  ist. 
genannt.  □ 

526 


L'rbiiiii,    Iclli-r   mit   .\ii>iclu    der   NllU 
d'Ebte  und  (iarten,  Berlin  D 


Da  der  urbinatische  Stil  seihst  die 
Tätigtceit  der  blühenden,  älteren  Manufak- 
turen allgemein  bestimmte  -  vor  allem 
CastelDurante  und  Venedig  —  ist  es  nicht 
zu  verwundern,  dafi  neuere  Manufakturen, 
die  erst  während  der  Blütezeit  dieses 
Stiles  zur  Bedeutung  kommen,  vollkom- 
men inderNachahmung  der  urbinatischen 
Arbeiten  aufgehen.  Hierher  gehören  vor 
allem  noch  PESARO  und  RIMINI.  Obwohl 
in  Pesaro  bereits  um  1500  keramische 
Werkstätten  urkundlich  nachweisbar  sind, 
und  irrtümlich  vielfach  noch  heute  die 
derutesischenLüsterarbeiten  nach  diesem 
Orte  verlegt  werden,  tritt  die  dortige  Pro-  Abb.  4;ii 
duktion  erst  um  die  Mitte  des  sechzehnten  ° 
Jahrhunderts  deutlich  hervor,  und  zwar  als  Nachahmerin  der  urbinatischen  Istoriati. 
Die  bezeichneten  Stücke  liegen  zv/ischen  1540  und  1566;  die  maßgebendenMeister 
gehören  der  Familie  LANFRANCO  an.  Seltener  sind  entspi'echende  Arbeiten  aus 
RIMINI,  wo  bereits  im  Jahre  1535  der  Stil  des  Xanto  nachgeahmt  wird,  nicht  zu 
verwundern,  da  der  einzige  bisher  bekannte  dortige  Majolikamaler  [Giulio]  aus 
Urbino  stammt.  -  Aus  vereinzelten  bezeichneten  Stücken  können  wir  schliePilich 
das  Bestehen  von  Majolikamanufakturen  in  dieser  Zeit  in  ROM.  V'ITERBO,  PISA. 
VI'IRONA,  TURIN  entnehmen.  D 

Hatte  die  italienische  Keramik  der  Renaissance  ihre  entscheidenden  Anre- 
gungen vor  allem  durch  den  Import  der  goldlüstrierten  hispano-moresken  Ge- 
schirre [siehe  Seite  506|  aus  SPANIEN  empfangen,  so  macht  sich  andrerseits  in 
der  spanischen  Keramik  der  Einflul^  der  italienischen  Majolika  geltend.  Dieser 
Einfluf)  ist  zum  Teil  ein  nur  stilistischer,  d.  h.  die  Formensprache  und  Ornamentik 
der  italienischen  Renaissance,  die  ja  allmählich  die  ganze  spanische  Kunst  durch- 
setzte, dringt  auch  in  Arbeiten  ein,  deren  Technik  die  traditionelle  orientalische 
ist.  Dies  gilt  seit  dem  Anfang  des  sechzehnten  Jahrhunderts  besonders  für  die 
Fliesen |AZULEJOS|  mit  farbigen  Ziimglasuren  zwischen  gepreßten  oder  schwar- 
zen Rändern,  die  vor  allem  in  TRIANA,  einer  Vorstadt  von  SEVILLA,  gearbeitet 
wurden  und  in  ganz  Spanien  und  Portugal  beliebt  waren.  Wichtiger  ist  aber,  daf» 
auch  die  spezifisch  italienische,  unorientalische  Technik  und  Dekorationsart  der 
Majoliken,  d.  h.  die  Scliarffeuermalerei  auf  weither  Ziimglasur  in  der  spanischen 
Keramik  ihre  Spuren  hinterlassen  hat.  Es  ist  keine  Frage,  da(>  diese  italienische 
Art  der  Majolikamah'rei  (iiirch  die  Tätigkeit  eingewanderter  italieniscluM*  .Meister 
selbst  in  Spanien  eingelührt  worden  ist,  uiul  zwar  besitzen  wir  \on  der  Hand  eines 
solchen  Meisters  ein  Denkmal,  welches,  abgesehen  von  den  Arbeiten  der  Robbia, 
wohl  als  di(>  monumentalste  Leistung  der  italienischen  MajtJika  überhaupt  anzu- 
sehen ist:  die  I-'lii'seiib(>k!ei(lung  einer  ganzen  .Mtarnische  in  dem  Oratorium  des 
Alea/.ar  zu  Sevilla  mit  der  Darstellung  der  Heimsuchung,  der  Wurzel  Josse  und 


527 


D  Abb.  432—434:  Venezianische  Glasbecher  mit  Emailmalerei  D 

reicher  Grotesken-  und  Rankenornamentik.  Trotz  der  rein  italienischen  Behand- 
lung und  Technik  beweist  der  von  der  vlämischen  Kunst  beeinflußte  Figurenstil, 
daß  das  Werk  in  Spanien  entstanden  ist;  dag  der  Meister  —  NICULOSO  FRAN- 
CESCO—  aber  ein  Italiener  war,  besagt  ausdrücklich  die  Inschrift:  Niculoso Fran- 
cesco Italiano  me  fecit.  Von  demselben  Künstler  rühren  noch  andere  Arbeiten  in 
Spanien  her:  der  Fliesenschmuck  des  Portals  von  S.  Paula  in  Sevilla,  ein  Grabmal 
in  Triana  und  eine  Bildplatte  im  Rijksmuseum  zu  Amsterdam.  Das  Grabmal  in 
Triana  trägt  das  Datum  1503,  und  dem  entspricht  auch  die  sonstige  Art  des  Ni- 
culoso, welche  mit  der  blauen  Zeichnung,  der  aus  Blau,  Gelb,  Grün,  Mangan  be- 
stehenden Palette,  am  meisten  an  die  Technik  von  Faenza  undCaffagiolo  erinnert. 
Trotz  der  bedeutenden  Werke,  die  Niculoso  in  Spanien  geschaffen  hatte,  werden 
erst  seit  der  Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  spanische  Majoliken  in  italieni- 
scher Art  häufiger.  Die  Hauptzentren  sind  neben  Triana  vor  allem  TALAVERA 
und  VALENCIA.  Der  Schwerpunkt  der  Produktion  liegt  nach  wie  vor  in  der  Her- 
stellung von  Fliesen  und  dekorativen  Architekturteilen.  Geschirre  in  italienischer 
Art  werden  erst  seit  dem  Ende  des  sechzehnten  Jahrhunderts  allgemein,  ohne  in 
der  Qualität  der  Zeichnung  und  der  Kraft  der  Farben  die  Vorbilder  zu  erreichen. 
Daneben  hat  sich  die  Herstellung  lüstrierter  Waren  in  alter  Art,  zumeist  volks- 
tümlichen Charakters,  dauernd  in  Spanien  erhalten.  Diese  späten  Erzeugnisse 
unterscheiden  sich  von  den  frühen  Hispano-Moresken  durch  den  branstigen, 
kupferroten  Ton  des  Lüsters  und  das  P'ehlen  von  Blau. 

Wie  man  in  der  Dekoration  der  italienischen  Majoliken  gelegentlich  Motive 
findet,  die  auf  den  Einfluß  ostasiatischen  Porzellans,  das  als  Kostbarkeit  schon  in 
dieser  Zeit  nach  Europa  importiert  wurde,  schließen  lassen,  so  mußte  auch  das 
Bestreben  nahe  liegen,  die  schöne  weiße  Porzellanmasse  selbst  herzustellen 
oder  wenigstens  einen  ähnlichen  Ersatz  für  sie  zu  finden.  Tatsächlich  wissen  wir, 
daß  man  derartige  Versuche  in  Venedig  am  Ende  des  fünfzehnten,  in  Ferrara  im 

528 


sechzehnten  Jahrhundert  gemacht  hat.  Von  Erfolg  gekrönt  waren  diese  Bemühun- 
gen jedoch  nur  in  Florenz,  wo  es  in  der  Manufaktur  des  Grof>herzofjs  Francesco 
Maria  [1574 — 1587 1  gelang,  vorübergehend  eine  porzellanartige  Masse  herzustellen, 
die  man  MEDICI-PORZELLAN  nennt.  Die  ungemein  seltenen,  erhaltenen  Arbeiten 
aus  diesem  Material  |  in  London,  Oxford,  Berlin,  Paris.  Florenz  |  sind  zumeist  Teller 
und  Kannen,  deren  vveiHje  Masse  blau  bemalt  ist.  Die  Blaumalerei  zeigt  entweder 
Grotesken  in  italienischem  Zeitgeschmack  oder  Ranken  in  orientalischem  Stil.  D 
GLAS  D 

Wegen  der  Herstellung  kunstvoller  Gläser  warVP^NEDIG  schon  im  Mittelalter 
berühmt,  und  zwai-  wurden  sowohl  FARBIGE  GLASFLÜSSE  wie  eigentliches 
HOHLGLAS  hier  gearbeitet.  Die  literarischen  und  urkundlichen  Quellen,  d>e  über 
die  venezianische  Glasmacherkunst  überliefert  sind,  gehen  bis  in  das  elfte  .lahr- 
hundert  zurück,  soda(^  es  nicht  ausgeschlossen  erscheint,  dat^  die  Blüte  dieser 
Kunst  im  venezianischen  Gebiete  noch  auf  spätrömischen  Traditionen  beruht. 
.Icdenfalls  müssen  aber  byzantinische  und  orientalische  Hinflüsse  während  des 
ganzen  Mittelalters  die  venezianischen  Glashütten  bestinders  stark  beeinflulU 
haben.  Bereits  im  dreizehnten  Jahrhundert  war  die  Glasproduktion  ein  so  bedeu- 
tender Faktor  im  wirtschaftlichen  Leben  des  venezianischen  Staates, daf>  sie  durcii 
besondere  (lesetze  geschützt  und  geregelt  wurde  uiul  der  ganze  Betrieb  zunft- 
mäjiig  organisiert  war.  Seit  dem  I'jule  des  Jahrhunderts  wurden  die  Werkstätten, 
wohl  der  Feuersgefahr  wegen,  nach  MURANO  verlegt,  wo  noch  heute  die  bekann- 
testen Fabriken  sich  befinden.  Dal",  die  Herstelhuig  FARBKIFR  GLASFLCSSF 
schon  im  Mittelalter  eine  grot">e  Rolle  spielte,  ergibt  sich  allein  schon  aus  iler  Be- 
deutung (Um-  Venezianischen  Mosaikmalerei  |s.  u.|.  Daneben  wurden  farbige  Glas- 
flüsse voi"  allem  für  SCHMl'CK,  Knöpfe.  Perlen  etc.  |sog.  conterie]  gebraucht ;  der- 
artige Glaspasten  exportierte  \'iMu>(iig  /..  B.  schon  in  der  Mitte  iles  dreizehnten 
Jahrhunderts  naeli  Biiigge.  Abgesehen  von  der  Mosaikmalerei  wurden  Glasflüsse 
in  der  italienisclien  MonuinentahU^koration  vor  allem  für  die  INKRI'ST.ATION  von 
Marmorarbeiten  viMweiuiet,  besonders  in  den  .Arbeiten  der  r«)mischen  marmorarii 

34    •    Ocsctiichlp  des  Kiinstut-wrilios  529 


Abb.  437:  Venezianische  Glaskanne 


des  dreizehnten  und  vierzehnten  Jahrhun- 
derts, aber  auch  an  Orcagnas  großem  Ta- 
bernakel inFlorenz  und  in  derFrührenais- 
sance  vor  allem  bei  einigen  Madonnen- 
reliefs und  der  Sängertribüne  Donatellos. 
Was  die  Herstellung  von  HOHLGLAS  be- 
trifft, so  ist  es  zweifelhaft,  bis  wie  weit  die 
erhaltenen  Arbeiten  zurückgehen  mögen, 
da  es  bei  einigen  Prachtstücken  aus  far- 
bigen Glasflüssen  mit  romanischer  und 
l;o lischer  Montierung  im  Domschatz  von 
S.  Marco  nicht  mit  Sicherheit  zu  sagen  ist, 
ob  die  Gläser  byzantinisch,  orientalisch 
oder  venezianisch  sind.  D 

Mit  voller  Deutlichkeit  tritt  die  Vene- 
zianische Glasfabrikation  erst  in  der  Früh- 
renaissance hervor,  und  zwar  mit  einer 
künstlerisch  ungemein  wertvollen  Gruppe. 
Es  sind  dies  die  QUATTROCENTO- 
°  GLÄSER  MIT  EMAILDEKOR.  Von  den 
typischen,  späteren  venezianischenErzeugnissen  sind  diese  Arbeiten  in  jeder  Hin- 
sicht verschieden.  Ihre  Formen  sind  denkbar  einfach  und  flächig ;  sie  beruhen  nicht 
auf  der  gewagten,  oft  spielerischen  Technik  des  Bläsers,  sondern  sind  fast  iden- 
tisch mit  den  üblichen  Formen  der  Majoliken  und  Silbergeräte  der  Zeit.  Wie  bei 
diesen  findet  man  häufig  die  Buckelung  und  Riefelung;  gelegentlich  fallen  Nach- 
bildungen selbst  seltener  Formen  deutscher  Goldschmiedegeräte  auf,  während 
bei  anderen  Geräten,  besonders  denKannen  undFlaschen  [sog.gourdes]  orientali- 
sche Formen  nachgebildet  wurden.  Im  übrigen  überwiegen  unter  den  erhaltenen 
Arbeiten  dieser  Gattung  die  Teller,  Schüsseln  und  Schalen  [Abb.  435],  Kelche, 
Becher,  Pokale  [Abb.  432 — 434],  sowie  Vasen  mit  ausladender,  bauchiger  Wan- 
dung [Abb.  438]  und  kleine  Riechfläschchen.  Nur  selten  erhalten  sind  Glasampeln 
dieser  Art  in  der  Form  eines  langgestreckten,  schmalen  Zylinders,  der  in  einer 
Metallfassung  an  Ketten  hing,  wie  wir  es  auf  Bildern  der  Bellini-Schule  häufig 
finden.  [Ein  erhaltenes  Exemplar  in  London.  |  Vielleicht  diente  auch  die  besonders 
hervorragende  kleine  flache  Schale,  die  das  Wiener  Hofmuseum  besitzt,  als  Öl- 
lampe. DieDekoration  dieser  frühen  venezianischen  Gläser  besteht  in  pastos  auf- 
getragener, farbiger  Emailmalerei  und  ist  offenbar  orientalischen  Vorbildern  ab- 
gesehen [ä  la  fagon  de  Damas].  Die  Ornamentik  zeigt  zumeist  nur  geometrische 
Muster,  zu  denen  sich  die  bunten  tropfen-  oder  perlartig  auf  gelegten  Emails  ordnen, 
Schuppenmuster,  Flechtbänder;  von  vegetabilischen  Motiven  findet  man  ein  eigen- 
artiges Granatmuster  |vgl.  Abb.  432J,  Weinlaub,  gelegentlich  auch  sarazenisches 
Rankenwerk  [Abb.  437 1.  Besonders  prächtig  ist  die  Farbenwirkung,  zu  der  auch 
Gold  in  ergiebiger  Weise  tritt,  wenn  bei  diesen  Gläsern  dieMasse  selbst  farbig  ge- 
halten ist,  und  zwar  in  einem  dunklen,  tiefen  Blau,  Grün  oder  Braunrot.    Im 


530 


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D        Abb.  438:  Veneziauischur  Ulashumpeii        D  D  Abb.  \:,j .    .  ^..^ l _....^  D 

15.  Jahrhundert  wurden  gerade  diese  dunkelfarbigen  Emailgläser,  die  in  ihrer 
satten  Farbenpracht  besonders  charakteristisch  sind  für  die  venezianische  Kunst, 
entschieden  vor  den  weisen  Gläsern  bevorzugt.  Daneben  kommt  auch  Nfilchglas 
mit  derartigem  Emaildekor  vor.  Wie  kostbar  diese  Gläser  waren,  beweisen  die 
Wappen  der  Besitzer,  die  besonders  häufig  auf  den  Tellern  angebracht  sind.  Man 
findet  da  nicht  nur  die  Wappen  der  vornehmsten  italienischen  F'amilion,  z.  B.  der 
Medici,  Bentivogli  u.  a.,  sondern  auch  ausländischer  Fürstlichkeiten,  wie  z.  B.  das 
Wappen  von  Böhmen  und  Ungarn  auf  einem  Becher  in  Breslau.  Zu  den  gröHiten 
Kostbarkeiten  gehören  derartige  Gläser,  zumeist  Becher,  mit  figürlichen  Dar- 
stellungen in  Emailmalerei.  Die  Darstellungen  behandeln  ähnlich  den  frühen 
Triihonbildern  fast  ausschliefilich  profane  Gegenstände  in  Zeittracht:  Darstel- 
lungen aus  dem  gesellschartlichen  Leben,  Kavalkaden,  Szenen  allegorischen  und 
romanhaften  Charakters,  seltener  eigentlich  mythologische  Stoffe.  Der  zumeist 
erotische  Darstellungsinhalt  legt  es  nahe,  daji  diese  Eniailgläser  eine  konventio- 
nelle Bestiinnuuig  bei  gewissen  Gebräuchen  während  des  Brautstandes  (»der  bei 
der  Hochzeit  hatten  [daher  ihre  Bezeichnung  als  „coppa  nuziale",  Hochzeits- 
becher |.  So  findet  man  besonders  häufig  den  Triumph  des  Amor  und  der  Venus 
|Nationalnuisc'uni  Florenz,  Britisch  Museum,  Cöln  u.  a.|;  besonders  deutlich  weist 
hierauf  aber  die  Vorliebe,  bei  derartigen  Gläsern  die  Porträts  eines  Herrn  oder 
einer  Dame,  also  wohl  des  Bräutigams  unil  der  Braut,  als  Profilbüsten  einander 
gegenüberzustellen  |vgl.  Abb.  MO  und  4411.  Die  (Qualität  der  Malerei  ist  zwar 
ungleich,  aber  oft  von  hervorragendem  künstlerischen  Charakter.  Die  frühesten 
Stücke  derart  dürften  gemäj^^  dem  Stilcharakter  der  Malerei  noch  um  1440  zu 
datieren  sein  (Florenz,  London];  die  nächste  Stilstufe  entspricht  etwa  der  Art 
Antonio  Vivarinis,  während  gegen  Ausgang  des  .Jahrhunderts  die  künstlerische 
Ihiltung  der  Malerei  oft  wenig  ausgesprochenen  Charakter  trägt.  Das  hervor- 
ragendste Stück  der  ganzen  Gruppe  besitzt  das  Berliner  Kunstgewerbe-Museum 
ein  Becher  mit  schwer  zu  deuteiuien  I  )arstelliMigen,  deren  Stil  von  Mantegna  becin- 

34*  531 


flugt  ist  [siehe  die  Farbentafel]. 
Während  die  Glasmasse  gerade 
der  hervorragenden  Stücke  aus 
dem  15.  Jahrhundert  regelmäßig 
dunkelfarbig  ist,  findet  man  noch 
am  Anfang  des  16.  Jahrhunderts 
ziemlich  häufig  emaillierte  weiße 
Gläser,  besonders  Teller  mit  my- 
thologischen Einzelfiguren,  Por- 
trätbüsten, Wappen  im  Mittelfeld, 
Flaschen  mit  ähnlichen  Darstel- 
lungen in  Medaillons,  Becher  mit 
rein  dekorativen  Motiven,  Ran- 
ken mit  Putten,  Sphinxen,  Cen- 
tauren, Meerungeheuern  usw.  Ge- 
genüber den  Emailgläsern  mit 
profanemDekor  treten  solche  mit 
religiösen  Darstellungen  der  Zahl 
nach  bei  weitem  zurück.  Das 
früheste  und  bedeutendste  Stück 
ist  ein  Kelch  mit  Darstellungen 
aus  der  Jugendgeschichte  Christi 

Abb.  44U;  Ulas  mit  Emaildekor,  I.(jn(l(Mi  D    im  MuSCO  CiviCO  ZU  Bologua,  der 

Tradition  nach  für  die  Vermählung  Giovannis  II.  Bentivoglio  mit  Ginevra  Sforza 
[1465]  gearbeitet.  Dag  venezianische  Gläser  mit  Emailmalerei  gelegentlich  auch 
für  kirchliche  Zwecke  gearbeitet  wurden,  beweist  die  lithurgische  Form  und 
Dekoration  |agnus  dei  u.  a.|  einiger  erhaltener  Kelche  und  Patenen.  Die  Zu- 
schreibung  der  besten  emaillierten  Gläser  des  15.  Jahrhunderts  an  die  urkund- 
lich bekannte  Werkstatt  der  BEROVIERI  beruht  nur  auf  Vermutungen,  Nach 
dem  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  verschwindet  in  der  venezianischen  Glasmanu- 
faktur die  Emailmalerei,  um  in  Frankreich  und  Deutschland  weitergeführt  zu 
werden.  Dagegen  wurde  in  Venedig  gegen  die  Mitte  des  Jahrhunderts  die  Aus- 
schmückung derGläser  durch  Malerei  mit  kalten  Farben  beliebt.  DerartigeArbei- 
ten,  zumeist  Schüsseln  mit  mythologischen  Darstellungen  im  Stile  der  veneziani- 
schen Maler  der  Hochrenaissance,  sind  in  den  meisten  größeren  Sammlungen  ver- 
treten. —  Über  die  eigentliche  HINTERGLASMALEREI  [VERRE  EGLOMISE] 
ist  bereits  bei  Betrachtung  der  gotischen  Glasmalerei  das  wichtigste  gesagt 
worden  |s.  o.  S.  334  f.  |.  Neben  den  feinen,  miniaturhaften  Arbeiten  dieser  Gattung 
aus  dem  ausgehenden  Trecento  und  aus  der  Frührenaissance,  die  besonders  für 
Kußtafeln,  Anhänger,  Beschlagstücke  an  Silberarbeiten  verwendet  wurden,  sind 
die  späteren  Arbeiten  von  geringerem  Werte.  Seit  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts 
wurden  besonders  in  Oberitalien  auch  größere  Hinterglasmalereien  mit  opaken 
Farben  hergestellt,  die  in  passender  Rahmung  als  Andachtsbilder  und  Taber- 
nakel dienten.  □ 


532 


y^ft^yiT' ^lip' 


EMAII.I.IFRTKR  Ol  ASRKrHER.  VENEFMG 
IM "  ZI' BERLIN 


Erst  im  16.  Jahrhundert  findet 
die  venezianische  Glasmacher- 
kunst für  die  Herstellung  von 
Hohlgläsern  diejenigen  Formen, 
die  den  spezifischen  Charakter 
des  Materials  und  der  Technik 
zum  vollen  Ausdruck  bringen  und 
zugleich  dem  freien,  kapriziösen 
Geschmak  entsprechen,  den  die 
italienische  Dekorationskunst  seit 
der  Hochrenaissance  gewinnt. 
Das  Ziel  wird  die  Durchsichtig- 
keit, Farblosigkeit  und  Leichtig- 
keit des  Materials,  die  möglichste 
Dünne  der  Wandungen,  Beweg- 
lichkeit und  Zierlichkeit  des  Auf- 
baues. Die  Künste  des  Malers, 
Emailleurs,  Vergolders  treten  zu- 
rück, um  der  spezifischen  Kunst 

—  oft  auch  den  Kunststückchen 

—  der  Bläser  die  ausschliefilichc 
Wirkung  zu  überlassen.  DieDehn 

barkeit  und  Flüssigkeit  des  ziei  i,ion  o 

liehen  Materials  drücken  sich  ji-i/i  ui  ucn  iorinen  uimiiiti'iDar  aus,  und  orna- 
mentale Ausschmückung  spielt  daneben  eine  nur  geringe  Rolle.  Die  charakte- 
ristischen Beispiele  für  diese  Geschmackswandlung  bilden  die  bis  auf  den  heuti- 
gen Tag  nachgebildeten  und  mannigfach  nuancierten  Kelche.  |Die  instruktivste 
Sammlung  derartiger  Gläser  aus  dem  sechzehnten  .Jahrhundert  im  österreichi- 
schen Museum  zu  WiiMi|.  Der  eigentliche  Behälter  ist  bei  diesen  Gläsern  zumeist 
trichterförmig,  halbkugelig,  in  Form  einer  geschweiften  Blume  oder  einer  flachen 
Schale  gebildet.  Der  Fuf^  besteht  aus  einer  runden,  flachen  Standplatte,  die  ein 
(Gegengewicht  zu  dem  eigentlichen  Behälter  bildet,  und  dem  Schafte,  dessen  ele- 
gante Form  die  Gesamtwirkung  wesentlich  mitbestimmt  |Abb.  442 1.  Dieser  zeigt 
gelegentlich  feste,  renaissancemäfwge  Balusterformen,  häufiger  freiere,  stengel- 
artigc  Bildungen,  zumeist  mit  symmetrisch  korrespondierenilen,  mit  der  Zange 
gekniffenen  Ansätzen  phantastischer  Form,  die  zu  Seiten  eines  Knaufes  flügel- 
artig angeschmi)lz(Mi  sind  | FLÜGELGLASER |.  Diese  Flügclansätze  sind  zumeist 
in  i'incr  andci-en  (ilasmasse  [grün,  blau  oder  Milchglas!  gehalten,  als  das  übrige 
Glas.  Neben  diesen  zierlichen  Kelchen  konunen  auch  einfachere  gri')t^>ere  Formen 
vor,  besonders  schlanke  zylindiisclie  Dtukeilnimpen  und  hohe  konisclie  Gläser, 
am  Anfang  mit  paj^fcirniig  eingc>Z()gener  Wandung.  Im  übrigen  überwiegen  auch 
im  sechzehnten  .lalulumdert  die  Teller,  Schüsseln  und  Näpfe.  \'on  anderen  Ge- 
liiten  seiiMi  besonders  die  seltenen  Kiiniulien  und  Sehwenkkübel  genannt.  Bei 
Gläsern  mit   flächigen,  gröfic'ren  l'oiinen  boten  dir  \\'andun«:en  Geleoenlnut  /u 


533 


ornamentaler  Ausschmückung  verschiedener  Art,  —  am  häufigsten  durch  Auf- 
schmelzen gegossener  Masken  in  farbiger  oder  vergoldeter  Glasmasse  und  vor 
allem  durch  eingeritzte  Zeichnung  mit  dem  Diamanten.  Zu  besonderer  Virtuosität 
entwickelt  sich  im  sechzehnten  Jahrhundert  die  Technik  der  sog.  FADENGLÄSER 
I FILIGRANGLÄSER,  RETICELLA-GLÄSERJ.  Hier  werden  Fäden,  zumeist  aus 
Milchglas,  seltener  aus  hellblauemj  grünem,  elfenbeinfarbenem  Glas,  in  die  farb- 
lose Masse  eingeschmolzen.  In  einfachen  Fällen  stehen  die  Fäden  parallel  oder 
radial;  durch  das  Drehen  der  Glasblase  war  aber  die  Möglichkeit  zu  den  kom- 
pliziertesten Spiral-  und  Schraubenbildungen  gegeben,  die  durch  die  Durchkreu- 
zungen der  einzelnen  Fäden  filigran-  oder  netzartige  Muster  ergaben.  Dag  der 
Fadendekor  bereits  in  der  Frührenaissance  hoch  entwickelt  war,  beweist  z.  B.  der 
Teller  auf  Abb.  436,  dessen  frühe  Entstehung  durch  die  Emailmalerei  des  Mittel- 
feldes gesichert  ist.  Neben  derFadentechnik  wurden  vor  allem  auch  die  verschie- 
denen Techniken,  zu  denen  die  in  Venedig  hochentwickelte  Produktion  farbiger 
Glaspasten  geführt  hatte,  und  die  ursprünglich  in  erster  Linie  als  Schmuckstücke 
verarbeitet  wurden,  für  die  Herstellung  von  Gefäßen  und  Geräten  verwertet. 
Hierher  gehören  vor  allem  das  MILLEFIORI  GLAS,  dessen  Technik  bereits  bei 
Betrachtung  der  antiken  Glasindustrie  beschrieben  wurde  [s.  o.  Seite  134],  und  das 
AVENTURINGLAS,  bei  welchem  goldglänzende  Kupferstückchen  in  die  Masse 
gesprengt  wurden.  Diese  Techniken  scheinen  nach  den  literarischen  Quellen  in 
Venedig  schon  frühzeitig  entwickelt  worden  zu  sein;  so  wird  die  Erfindung  des 
Aventuringlases  bereits  einem  venezianischen  Meister  des  dreizehnten  Jahrhun- 
derts, Cristoforo  Briani,  zugeschrieben,  der  neben  Domenico  Miotti  auch  die  Her- 
stellung von  Glasperlen  nach  antikem  Muster  besonders  gefördert  haben  soll.  Von 
den  erhaltenen  Arbeiten,  deren  sichere  Datierung  übrigens  nur  in  den  seltensten 
Fällen  möglich  ist,  sind  jedoch  selbst  die  ältesten  Exemplare  frühestens  im  sieb- 
zehnten Jahrhundert  entstanden.  Die  Herstellung  von  Millefioriglas  und  mehr- 
farbigen Glasperlen,  die  besonders  als  Tauschartikel  für  die  Kolonien  gebraucht 
wurden  [AGGRIPERLEN],  wurde  wesentlich  begünstigt  durch  die  Einführung  der 
Arbeit  an  der  Lampe  seit  dem  Anfang  des  sechzehnten  Jahrhunderts  [durch  Andrea 
Vidaore].  Seit  der  Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts  entwickelt  sich  schließlich 
auch  das  Formen  des  Glases  an  der  Lampe  zu  einer  figuralen  Glasplastik,  die 
jedoch  erst  in  der  Barockzeit  bei  Gefäßen  und  Tafelaufsätzen,  besonders  in  Form 
von  Vögeln,  Drachen,  Fabelwesen  Bedeutung  gewinnt.  Noch  in  das  sechzehnte 
Jahrhundert  gehören  die  Statuetten  von  Komödienfiguren  aus  buntem,  an  der 
Lampe  geblasenem  Glase  im  Wiener  Hofmuseum.  —  In  der  Herstellung  von 
SPIEGELGLAS  scheint  Venedig  noch  im  sechzehnten  Jahrhundert  von  Deutsch- 
land, besonders  Nürnberg,  übertroffen  worden  zu  sein,  obwohl  die  Privilegien  an 
die  Brüder  Danzolo  dal  Gallo  [1507]  und  Girolamo  Magagnati  [1554]  beweisen,  daß 
man  auch  auf  diesem  Gebiete  der  fremden  Konkurrenz  entgegenzutreten  suchte. 
Vermutlich  lag  der  Hauptwert  der  venezianischen  Glasspiegel  in  den  kunstvollen 
Rahmen.  D 

Neben  Venedig  haben  in  Italien  bereits  im  sechzehnten  Jahrhundert  auch  an 
anderen  Orten  Glasmanufakturen  bestanden,  besonders  in  Florenz,  Mantua,  Mai- 

534 


land,  Verona,  Rom.  Doch  ist  über 
ihreTätigkeit,  die  kaum  eine  selb- 
ständige Bedeutung  gegenüber 
Venedig  gewonnen  hat,  nur  we- 
nig bekannt.  In  frühe  Zeit  geht 
dagegen  die  Glasfabrikation  in 
SPANIEN  zurück.  Die  SPANI- 
SCHEN GLÄSER  unterscheiden 
sich  von  den  venezianischen  vor 
allem  durch  die  oft  grünliche  Fär- 
bung der  Masse  und  eine  Reihe 
eigentümlicher  Formen,  in  denen 
orientalische  und  mittelalterliche 

Traditionen  weiterleben  und 
volkstümliche  Gebrauchszwecke 
zum  Ausdruck  kommen.  Dies  gilt 
besonders  für  die  verschiedenen 
Arten  von  Krügen  [cantaro]  und 
Flaschen,  wie  die  schlauchför- 
mige borracha,  den  mit  steilen 
Röhren  besetzten  arruxiado,  den 
von  allen  Seiten  mit  Henkeln  um- 
gebenen vasenförmigen  Krug  mit   Abb.  41:; 

Trichteraufsatz.  Als  die  wichtig-  °  Museum.  Berim  o 

sten  Zentren  der  spanischen  Glasfabrikation  in  der  Renaissance  dürften  vor  allem 
Barcelona,  ferner  Toledo  und  Cadalso  anzusehen  sein.  D 

Die  MOSAIKMALERI"]!,  die  bis  zum  Ausgang  des  Trecento  in  den  verschieden- 
sten Gegenden  Italiens  hervorragende  Werke  hinterlassen  hat,  hat  nur  in  Venedig 
in  dauernder  Tradition  vom  Mittelalter  bis  in  die  Neuzeit  auch  während  der  Re- 
naissance eine  hohe  Blüte  gehabt.  Die  Mosaiken  von  S.  Marco  geben  eine  un- 
unterbrochene Reihe  auch  für  das  fünfzehnte  und  sechzehnte  Jahrhundert,  in 
der  Frührenaissance  von  Michele  Giambono  bis  zu  den  Vivarini,  aus  dem  scch- 
zehnten.Iahrhundert  in  einer  Anzahl  bedeutondor  Kompositionen  (ierGr(>(-wneister 
der  HochrtMi:iiss;uice.  \'on  den  vielen  bekannten  ausführenden  .Meistern  seien 
besonders  Luciano  Ri/./o  vuid  die  l-"aniilien  BIANCHINI  und  ZUCCATO  genannt. 
Neben  den  monumentalen  Arbeiten  wurden  von  diesen  Künstlern  auch  Misaik- 
porträts  gearbeitet.  AujuM"  \'enedig  hat  die  Mosnikmalerei  während  der  Renais- 
sance eine  gewisse  Bedeutung  in  l-'loren/.  und  Ivoin.  wo  ja  allein  die  notwendigen 
Reparaturen  an  den  älteren  ArbeitcMi  eine  Tradition  erzeugen  ktumten.  In  Rom 
wissen  wir  von  verschiedenen  Aufträgen  der  Päpste  im  fünfzehnten  und  sech- 
zehnten .Jahrhundert,  doch  sind  /..  \\.  iiit>  berühmten  Mosaiken  in  S.  Maria  ilel 
Popolo  nach  den  Entwürfen  Rafaels  von  einem  venezianischen  Meister  jEuigi  de! 
Pace|  ausgeführt.  Im  übrigen  wären  neben  den  Deekenmosaiken  in  den  Stanzen 
des  Vatikan  voi-  allem  die  Mosaiken  Peruzzis  in  S.  C'roce  in  (lerusalemme  zu 


W'neziaiüsche  Flüuelgläscr. 
Museum,  Berlin 


Kyl.  Kunstgewerbe- 


535 


nennen.  Eine  konstante  Produktion  auf  diesem  Gebiete  entfaltet  Rom  erst  wieder 
seit  dem  siebzehnten  Jahrhundert  nach  der  Berufung  des  Venezianers  Marcello 
Provenciali,  der  unter  Sixtus  V.  eine  Manufaktur  gründete,  in  der  jene  kleinen 
miniaturhaften  Mosaikbilder  hergestellt  wurden,  die  man  speziell  als  „römisches 
Mosaik"  bezeichnet.  Doch  war  die  Herstellung  derartiger  Arbeiten  keineswegs 
auf  Rom  beschränkt.  —  In  Florenz  haben  dagegen  einige  hervorragende  Meister 
der  Frührenaissance  nicht  nur  Kartons  für  Mosaikmalereien  entworfen,  sondern 
sich  auch  mit  der  Ausführung  beschäftigt.  Dies  gilt  besonders  für  Baldovinetti, 
der  mehrfach  auch  mit  der  Restauration  der  Mosaiken  des  Florentiner  Baptisteriums 
und  von  S.  Miniato  beschäftigt  war,  und  vor  allem  für  Davide  Ghirlandajo,  den 
Bruder  des  berühmten  Malers  Domenico  Ghirlandajo,  der  nicht  nur  für  Florenz, 
sondern  auch  für  Siena  und  Orvieto  hervorragende  Mosaikmalereien  zu  liefern 
hatte.  Als  Arbeit  seiner  Hand  gilt  auch  ein  Mosaik  mit  der  Madonna  zwischen 
Engeln  im  Musee  Cluny  von  1496.  Neben  Davide  Ghirlandajo  wird  besonders  der 
Miniator  Gherrardo  als  hervorragender  Mosaizist  gerühmt.  Eine  wirkungsvolle 
Mosaikdekoration  mit  Grotesken  auf  Goldgrund  aus  der  beginnenden  Hochrenais- 
sance hat  sich  im  Dom  zu  Parma  erhalten.  D 
Auf  dem  Gebiet  der  GLASMALEREI  hatte  Italien  schon  im  Trecento  hervor- 
ragendes geleistet  [siehe  oben  Seite  334].  Trotz  der  engen  Beziehungen  zur  deut- 
schen und  französischen  Glasmalerei  hat  die  italienische  Kunst  auch  in  ihren  Glas- 
fenstern ihr  eigenes  Stilgefühl,  vor  allem  ihre  besonderen  Vorstellungen  von  Bild- 
wirkung und  Bildaufbau  von  vornherein  zum  Ausdruck  gebracht.  Der  bewußte 
Zusammenhang  mit  der  Tafel-  und  Wandmalerei  wird  während  der  Renaissance 
wesentlich  erleichtert  durch  die  Fortschritte  der  Technik,  die  die  Palette  der 
schmelzbaren  Farben  vergrößert  hatte  und  es  erlaubte,  ganze  Bilder  oder  Bildteile 
in  Schmelzfarben  auf  dem  Glasgrund  auszuführen,  so  daß  die  Verbleiung  unge- 
zwungen der  Komposition  sich  anpassen  konnte  und  der  Mosaikcharakter  einer 
malerischen  Bildwirkung  wich.  So  ist  es  nicht  zu  verwundern,  daß  jetzt  die  her- 
vorragendstenMeister  Kartons  für  Glasfenster  lieferten;  für  die  Ausführungwaren 
besonders  die  Laienbrüder  einiger  Orden  berühmt.  Das  künstlerisch  wertvollste 
leistet  zunächstFlorenz.  Hier  besitzen  wir  gleich  von  den  großen  Begründern  des 
neuen  Stils  Ghiberti,  Donatello,  Uccello  eine  Reihe  von  Fenstern  im  Florentiner 
Dom,  die  zu  den  wichtigsten  Denkmälern  florentinischer  Kunst  gehören;  ihre  Aus- 
führung stammt  von  Bernardo  di  Francesco.  Etwas  jünger  ist  das  Rundfenster  in 
Sta.  Croce  mit  der  Kreuzabnahme,  dem  Stile  des  Pesellino  nahestehend.  Auch  von 
der  späteren  Generation  der  Frührenaissance  sind  hervorragende  Werke  erhalten ; 
aus  dem  Kreise  Ghirlandajos  im  Chor  von  S.  Maria  Novella  |die  Ausführung  von 
Alessandro  Fiorentino,  1492 1  und  eine  Verkündigung  aus  S.  Maria  Maddalena  dei 
Pazzi  in  der  Sammlung  Kann;  von  Filippino  Lippi  das  prachtvolle  Fenster  in  der 
Strozzikapelle  |  S.  Maria  Novella  |,  welchem  die  Chorfenster  im  Dom  zu  Lucca  ver- 
wandt sind.  In  Oberitalien  wären  vor  allem  Venedig  und  Bologna  zu  nennen.  In 
Venedig  sind  das  bedeutendste  dieFenster  in  S.Giovanni  e  Paolo  vonBartolomeo 
Vivarini  und  Girolamo  Mocetto ;  in  Bologna,  wo  eine  eigene  Schule  bestanden  haben 
muß,  findet  man  zunächst  einen  eigentümlichen  Mischstil  in  den  Fenstern  von 

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Jacob  von  Ulm  in  S.  Petronio,  später  den  ausgesprochenen  Stil  des  Lorenzo 
Costa  und  Francesco  Cossa.  Der  Hauptmeister  der  umbrisch-römischen  Schule 
am  Anfang  des  sechzehnten  Jahrhunderts  scheintGuillaume  deMarcillot  |  Wilhelm 
von  Marseille?!  ^^  sein,  von  dessen  Hand  Rom  und  Arezzo  verschiedene  Glasge- 
mälde nicht  ganz  gleichartigen  Stiles  besitzen.  Auch  aus  der  Hochrenaissance  sind 
vereinzelte  hervorragende  Arbeiten  erhalten,  z.  B.  ein  der  Schule  Michelangelos 
angehörendes  Fenster  in  Bologna,  und  ein  von  PerinodelVaga  entworfenes  Fenster 
im  Dom  zu  Siena.  Neben  Fenstern  mit  figürlicher  Komposition  finden  sich  in  der 
Hochrenaissance  gelegentlich  auch  solche  mit  rein  ornamentaler  Dekoration  und 
heller,  lichter  Farbenwirkung.  Hierher  gehören  vor  allem  die  dem  Giovanni  da 
Udine  zugeschriebenen  Groteskenfenster  in  der  Biblioteca  Laurentiana  [1568 
vollendet]  und  in  einem  Klosterhof  der  Certosa  bei  Florenz.  D 

TEXTILKUNST  O 

Die  italienische  SEIDENWEBEREI  erhielt  sich  während  der  Renaissance  auf 
der  gleichen  Höhe  der  Produktion  und  künstlerischen  Blüte,  wie  in  der  Gotik. 
Und  wie  trotz  aller  Beziehungen  zum  Orient  die  Entwicklung  der  italienischen 
Textilkunst  zu  künstlerischer  Selbständigkeit  seit  dem  vierzehnten  Jahrhundert 
undenkbar  ist,  ohne  die  Triebkraft  des  gotischen  Kunstempfindens,  so  werden 
im  Laufe  der  Entwicklung  die  überkommenen  Elemente  immer  bewufiter  im  Sinne 
derRenaissance  umgestaltet  und  fortgeführt.  Für  das  Verhältnis  zumOrient  ist  es 
besonders  charakteristisch,  daf>  die  italienische  Seidenindustrie  nachweislich 
schon  im  fünfzehnten  Jahrhundert  nach  dem  Orient  exportierte,  und  seit  der  Zeit 
um  1500  finden  wir  tatsächlich  orientalische  Nachahmungen  [Brussa]  italienischer 
Renaissancestoffe.  Die  Zentren  der  Industrie,  die  ja  eine  Haupttiuelle  des  italie- 
nischen Nationalreichtums  wurde,  blieben  die  gleichen,  wie  in  gotischer  Zeit:  vor 
allem  Venedig,  Florenz,  Lucca,  Genua,  Bologna,  Mailand;  doch  beginnt  seit  dem 
fünfzehnten  .Jahrhundert  Venedig  alle  übrigen  Zentren  zu  überholen.  G 

Die  entscheidenden  Grundlagen  für  die  italienische  Webekunst  der  Renais- 
sance hatte  in  künstlerischer  und  technischer  Beziehung  bereits  die  erste  Hälfte 
des  fünfzehnten  Jahrhunderts  gelegt:  das  Granatapfelnuister  und  die  reicheren 
Bindungen,  deren  Bedeutung  schon  bei  Betrachtung  iler  spätgotischen  Textilkunst 
j  Seite  419  f.  I  hervorgehoben  wurde.  Die  Relief  Wirkungen  der  reichen  Bindungen 
mit  ihrer  Betoiuuig  der  eigentlichen  Formenwirkung  und  dcv  hiermit  gegebenen 
griiPu'ren  Kon/.entration  der  l-'arben Wirkung  nuilUe  notwendig  ilem  Forniengofühl 
der  Renaissance  entsprechen.  Und  das  gleiche  gilt  auch  von  dem  Granatmuster, 
w(>lchcs  ein  klares,  individuell  fa|-ibnresHinzelmotiv  bot  und  zugleich  die  Mi^glich- 
kcit  gab,  duiH'h  passende  Unu'ahnunig  zu  einem  gr()t-,eren  I-'lächensehnuick  geord- 
net zu  werden.  Während  in  den  ältesten  Granatmustern  des  fünfzehnten  Jahrhun- 
derts das  Motiv  fast  noch  als  Streumotiv  wirkt,  welches  trotz  der  feinen  rappor- 
tierenden Linien  der  l)lattf()rnügen Umrahmung  |  vgl..\bb.;?;U{|  nicht  eigentlich  fest 
zusammengehalten  und  verbunden  wird,  geht  die  Entwicklungstendenz  innner 
bestinunter  auf  eine  klare  Zusammcnordiumg,  die  besonders  erreicht  wird  ilurch 
eine  grof^zügige  Betonung  derjenigen  Teile  des  Musters,  die  das  eigentliclie  Motiv 
des  Apfels  uinriihnuMi  und  in  seliwun^voilen  kräftigen  Linien  die  grö(\ten  Flächen 

537 


sicher  und  energisch  beherrschen 
können.  Im  einzelnen  ist  dann  für 
die  Entwicklung  besonders  cha- 
rakteristisch, dag  die  gerade  von 
den  gotischen  [sog.  araboitali- 
schenj  Stoffen  bevorzugte  ein- 
seitige Schrägrichtung  der  Mu- 
ster mit  diagonal  laufenden  Pa- 
rallelen zurücktritt  gegenüber 
der  streng  vertikalen  und  horizon- 
talen Anordnung,  die  vor  allem 
erreicht  wird   durch  ein  streng 

symmetrisches  Doppelranken- 
schema. Dieses  System  erhält  im- 
mer bestimmter  eine  gliedernde 
und  rahmende  Funktion  gegen- 
über dem  zentralen  Motiv  des 
Granatapfels,  welches  allmählich 
die  Rolle  einer  Füllung  annimmt. 
Der  Granatapfel  selbst  erhält  sich 
lange  wenigstens  im  Umriß  in  sei- 
ner ursprünglichen  Form,  doch 
wird  er  oft  mit  Akanthus  versetzt 
und  gelegentlich  auch  durch  mehr 
renaissancemägige  Motive,  wie 
Abb.  443:  Scidcubi ukat.  Italien,  zweite  Hälfte  des  16.  jahrh.  symmetrisch  geordnete  Blumen- 
sträuße, Vasen  mit  Federn  usw.  verdrängt.  Deutlicher  ist  der  Einfluß  der  Re- 
naissanceornamentik bei  den  rahmend-gliedernden  Doppelranken,  die  zumeist 
spitzovale  Felder  bilden  [Abb.  443].  Neben  den  noch  immer  beliebten,  mit  Blät- 
tern besetzten  Zweigen,  findet  man  an  dieser  Stelle  jetzt  breite  Ornamentstreifen, 
die  mit  gereihten  Knäufen,  Rosetten,  Palmetten,  Knoten  oder  Flechtwerk  besetzt 
sind.  Vor  allem  aber  treten  hier  seit  dem  Ausgang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts 
auch  eigentliche  Lorbeergewinde  und  Blattkränze  auf,  die  die  Funktion  des  frühe- 
ren Ast- undRankenschemas  aufnehmen.  In  einfacherenFällen  wird  die  Gliederung 
gern  durch  S-förmig  geschweifte  Ranken  und  Teilranken  gebildet  oder  durch  orna- 
mentlose verknotete  Bänder  [Abb.  444].  Besonders  charakteristisch  wird  dann  wei- 
ter die  Einführung  von  Kronen,  Knäufen,  vasenförmigen  Gliedern  an  bestimmten 
Stellen,  die  die  Struktur  des  Musters  klären,  indem  sie  wichtige  Linien  zusammen- 
fassen und  betonen.  Neben  den  granatartigen  Mustern  sind  besonders  häufig  Stoffe 
mit  gereihten,  streuartigen  Motiven  und  eigentliche  Rankenmuster,  zumal  in  Form 
derfeingliedrigen,  sarazenischen  Ranken.  Die  Tiermuster  dagegen,  die  das  Mittel- 
alter ausgebildet  hatte,  verschwinden  nach  der  Mitte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts 
fast  vollkommen ;  nur  kleine  bewegliche  Tiere,  besonders  Vögel,  werden  gelegent- 
lich zwischen  die  vegetabilischen  Muster  verstreut.    Im  allgemeinen  bewahrt 

538 


die  Ornamentik  der  Textilkunst 
aucli  während  der  Renaissance 
einen  eigenen,  besonderen  Cha- 
rakter; abgesehen  von  geweb- 
ten Borten  übernehmen  nur 
die  prächtigen  Bespannstoffe, 
Wandtapeten  aus  rotem  Samt, 
gelegentlich  ohne  weiteres  die 
allgemein  gültigen  Dekorations- 
formen der  Zeit,  wie  Pilasterlül- 
lungen,  Grotesken,  Trophäen. 
—  Seidengewebe  mit  figuralen 
Kompositionen,  die  dem  Stile 
nach  in  Florenz  entstanden  sein 
dürften,  besitzen  wir  aus  dem  |' 
Ausgang  des  fünfzehnten  Jahr- 
hunderts: Besatzstücke  für  litur- 
gische Gewänder  mit  evangeli- 
schen Darstellungen  [Auferste- 
hung. Himmelfahrt  Maria  usw.|, 
regelmäfiig  in  gelber  Seide,  mit 
Gold  durchschossen,  auf  rotem 
Grunde.  □ 

Eine  Lokalisation  aller  be- 
kannten Gewebemuster  der  Ke- 
naissance  auf  bestimmte  Zen-  0  Abb.  iii:  samnutbiDk.n  iiaii.n.  n;  .i.ihrhuiui.  rt  a 
tren  wird  wohl  niemals  m(')glich  sein,  schon  aus  dem  Grunde,  weil  die  gangbaren 
Muster  vermutlich  überall  nachgeahmt  wurden.  Am  ehesten  lassen  sich  bestimmte 
Charakteristika  für  Venedig  feststellen,  besonders  im  Zusammenhang  mit  den 
erneuten  orientalischen  Einflüssen,  die  auch  sonst  einel-ligentümlichkeit  des  vene- 
zianischen Kunstgewerbes  bilden.  Für  mehrere  Renaissancemuster  lät^t  sich  auch 
mit  Sicherheit  die  Entstehung  in  Spanien  nachweisen,  doch  wäre  es  verfrüht,  hier- 
aus weitergehende  Folgerungen  zu  ziehen.  D 

Im  Gegensatz  zu  der  ornamentalen  Seidenweberei,  die  ja  in  Italien  weit  in  lias 
Mittelalter  zurückreicht,  ist  die  italienische  BILDWEBEKUNST  erst  in  der  Renais- 
sance eingeführt  worden,  und  zwar  unter  dem  direkten  I-!influ|^  der  blühenden 
niederländiscluMi  und  franzi'isischen  Tapisserie  |s.  o.  Seite  415ff. |.  Dies  drückt 
sich  schon  in  der  italienischen  Bezeichnung  für  Bildwebereien  aus:  ARRAZZI.  ab- 
geleitet von  Arras,  dem  berühmtesten  Zentrum  der  gotischen  Bildwebekunst 
Sicherlich  wurden  derartige  Arbeiten  schon  frühzeitig  in  Italien  eingeführt,  vor 
allem  wohl  als  (Jeschenke  der  französischen  Kiuiige  und  burgunilisclien  Herzöge  an 
den  päpstlichen  Hof,  aber  sicher  auch  als  Handelsware  im  Gefolge  der  engen  Be- 
ziehungen, die  besonders  zwischen  den  Niederlaniien  und  Italien  best;uiden.  S«» 
ist  es  nicht  zu  verwundern.  i\M\  bereits  im  fünfzehnten  Jahrhundert  an  den  italie- 


539 


nischen  Kunstzentren  Versuche  gemacht  werden,  durch  Ansiedelung  flandrischer 
und  französischer  Meister  derartige  Manufakturen  zu  begründen.  Zuerst  und  mit 
besondererEnergie  geschah  dies  an  den  oberitalienischen  Fürstenhöfen,  vor  allem 
in  MANTUA  und  FERRARA.  In  Mantua  waren  schon  seit  1419  französische  Meister 
tätig,  die  nach  den  Entwürfen  eines  einheimischen  Malers  [Girolamo  da  Cremonaj 
arbeiteten,  und  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  wird  ein  Brüsseler  Meister  aus  der 
Familie  Boteram  [deren  Mitglieder  auch  in  anderen  italienischen  Städten  als  Bild- 
weber ihr  Glück  versuchten!  an  die  Arrazzeria  der  Gonzaga  berufen,  für  die  nun 
kein  geringerer  als  Mantegna  Entwürfe  liefert.  In  Ferrara  lassen  sich  schon  1436 
flandrische  Meister  nieder,  und  besonders  unter  dem  Herzog  Borso  d'Este  [1450 
bis  1471)  muß  die  Leistungsfähigkeit  der  Manufaktur  eine  recht  bedeutende  ge- 
wesen sein,  obwohl  wir  auch  wissen,  dag  der  Herzog  selbst  Entwürfe  seiner  Maler 
[Tura,  Girolamo  da  Vicenza  u.  a]  nach  Flandern  zur  Ausführung  schickte.  Ähn- 
liche Versuche,  aber  wohl  mit  noch  geringerem  Erfolge,  wurden  auch  in  anderen 
Städten  Itahens  gemacht:  inSiena  [1435],  in  Rom,  wohin  Nikolaus  V.  [1455]  Pariser 
Bildweber  beruft,  in  Florenz,  wo  ein  Brügger  Meister  nachweisbar  ist,  in  Perugia, 
Urbino,  Mailand.  Die  ungeheure  Seltenheit  italienischer  Bildwebereien  aus  dem 
Quattrocento  —  ein  Teppich  mit  der  Grablegung  Christi  dürfte  ferraresisch  sein, 
ein  anderer  mit  der  Verkündigung  aus  der  Sammlung  Spitzer  wohl  mantuanisch  — 
lägt  darauf  schließen,  daß  der  Betrieb  in  diesen  Manufakturen  kein  sehr  schwung- 
voller war,  und  daß  es  sich  zumeist  wohl  nur  um  Versuche  handelte.  Dem  ent- 
spricht es,  daß  noch  im  sechzehnten  Jahrhundert  italienische  Meister  ihre  Ent- 
würfe nach  den  Niederlanden  zur  Ausführung  schickten,  —  vor  allem,  daß  auch 
die  berühmtesten  Teppiche,  die  je  gearbeitet  wurden,  die  Tapeten,  die  Raphael 
für  Leo  X.  entwarf,  in  Brüssel  [von  Pieter  van  Aelst,  1515—1519]  gewebt  wurden. 

Erst  in  der  Hochrenaissance  entwickelt  sich  die  italienische  Bildweberei  zur 
vollen  Blüte,  zu  einer  fruchtbaren  und  technisch  vollendeten  Produktion.  Der 
Charakter  dieser  Arbeiten  wird  natürlich  durchaus  bestimmt  durch  den  Stil  der 
entwerfenden  Meister,  von  deren  Hand  wir  außer  den  ausgeführten  Webereien 
auch  eine  große  Anzahl  von  Handzeichnungen  und  Studien  für  derartige  Arbeiten 
besitzen.  Es  handelt  sich  zumeist  um  Serien  großen  Formates  mit  figurenreichen 
Darstellungen  bei  starker  Entwicklung  der  Landschaft,  die  regelmäßig  für  monu- 
mental-dekorative Zwecke  profaner  oder  kirchlicher  Art  dienten.  Die  häufigsten 
Darstellungsgegenstände  entstammen  der  Mythologie,  der  römischen  Geschichte, 
dem  Alten  Testament  und  Heiligenleben,  —  ferner  Monatsbilder,  Allegorien,  ge- 
legentlich auch  zeitgenössische  Themen,  wie  Turniere  und  Festlichkeiten.  Für 
Arbeiten  kleineren  Umfanges  werden  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  auch 
rein  dekorative  Groteskenmuster,  wie  wir  sie  ähnlich  bei  den  Majoliken  und  Glas- 
fenstern fanden,  beliebt  |  siehe  Tafel :  Ital.  Gobelin,  Kunstgewerbe-Museum,  Berlin  |. 

Noch  in  den  Anfang  des  sechzehnten  Jahrhunderts  gehört  zunächst  die  Manu- 
faktur in  VIGEVANO  bei  Mailand,  die  von  Benedetto  da  Milano  geleitet  wurde. 
Hier  entstand  vermutlich  die  kunstgeschichtlich  ungemein  interessante  Serie  von 
Tapisserien  mit  den  Monatsbildern  nach  Entwürfen  von  Bramantino  im  Besitz  des 
Principe  Trivulzio  in  Mailand.  Im  zweiten  Drittel  des  Jahrhunderts  entfaltet  dann 
540 


die  Manufaktur  in  FERRARA  ihre  Blüte,  durch  die  Initiative  des  Herzogs  Ercole  II. 
d'Este,  der  die  Brüder  Nikolaus  und  Johannes  KARCHER  aus  Brüssel  beruft  und 
an  die  Spitze  der  Manufaktur  stellt.  Als  entwerfende  Künstler  waren  neben  vlämi- 
schen  Malern  besonders  Battista  Dossi  und  Garofalo  tätig.  Die  Arbeiten  der  Manu- 
faktur zeichnen  sich  besonders  durch  den  geschmackvollen  Ausgleich  des  Land- 
schaftlichen mit  dem  Figürlichen  aus.  Ungefähr  gleichzeitig  wurde  schließlich 
durch  den  Grogherzog  Cosimo  I.  die  große  mediceische  Manufaktur  in  FLORENZ 
gegründet,  die  bis  in  den  Anfang  des  achtzehnten  Jahrhunderts  hinein  tätig  war. 
Die  technische  Leitung  lag  in  den  Händen  des  genannten  Nie.  Karcher  und  JAN 
ROST  aus  Brüssel;  als  entwerfende  Künstler  arbeiteten  fast  alle  bekannten  Maler 
der  florentinischen  Schule  dieser  Zeit:  Bronzino,  Salviati,  Bacchiacca,  Pontormo, 
in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  besonders  noch  Stradanus.  —  Unter- 
geordnete Manufakturen  bestanden  im  sechzehnten  Jahrhundert  auch  in  Genua, 
Venedig,  Mantua.  □ 

SEIDENSTICKEREIEN  mit  Gold  und  Silber  in  einer  der  gotischen  Art  noch 
verwandten  Technik  wurden  in  Italien  und  Spanien  auch  während  der  Renaissance 
allgemein  gearbeitet,  —  hauptsächlich  Arbeiten  kleineren  Formates  als  Besatz- 
stücke für  kirchliche  Zwecke.  Zu  künstlerischer  Bedeutung  erhebt  sich  diese 
Kunst,  soweit  sie  figürliche  Kompositionen  bringt,  jedoch  nur  selten.  Das  Hervor- 
ragendste bietet  die  florentiner  Frührenaissance  in  der  bekannten  Serie  mit  Dar- 
stellungen aus  dem  Leben  des  Täufers  nach  Antonio  Pollajuolo  [Florenz,  Dom- 
museum, siehe  TafelJ  und  einem  Einsatzstück  mit  der  Krönung  Maria  im  Stile 
Botticellis  im  Museo  Poldi-Pezzoli  zu  Mailand.  Stücke  von  höchster  technischer 
und  formaler  Vollendung  bieten  auch  die  größeren  ornamentalen  Goldstickereien, 
die  zumeist  als  Altardecken  und  Antependien  dienten.  Als  Grund  wird  roter  Samt 
bevorzugt,  die  Zeichnung  schließt  sich  oft  direkt  den  Webemustern  an.  Für  das 
Formengefühl  der  Renaissance  ist  es  besonders  bezeichnend,  daß  für  derartige 
Arbeiten  seit  dem  sechzehntenJahrhundert  die  AUFNÄHARBEIT  vor  der  Stickerei 
bevorzugt  wird.  Dies  gilt  besonders  für  die  Arbeiten,  die  für  häusliche  Deko- 
rationszwecke bestimmt  waren,  —  Decken,  Vorhänge,  Kissen  [siehe Tafel].  Figür- 
liche Nadelmalereien  in  farbiger  Seide  kommen  daneben  verhältnismäßig  selten 
vor  und  werden  zumeist  als  selbständige,  bildmäßige  Darstellungen  auf  hellen, 
ungemusterten  Grund  gestellt.  D 

Mehr  in  das  Gebiet  der  Volkskunst  fällt  die  LEINENSTICKEREI,  wie  wir  sie 
zumeist  in  blauem  oder  rotemFaden  in  einfachen,  stilvollenMusternbesonders  als 
Borten-  und  Randdekoration  finden.  Die  langen  Tafeltücher,  die  man  auf  den  bild- 
lichen Darstellungen  des  Abendmahls  so  häufig  dargestellt  findet,  bieten  ein 
authentisches  Material  für  die  Bestimmung  der  erhaltenen  Arbeiten  dieser  Gat- 
tung, in  denen  ältere  Formen,  besonders  auch  orientalisierende  Tierdarstellungen, 
jahrhundertelang  sich  erhalten  haben.  Im  Zusammenhang  mit  der  Leinenstickerei 
steht  schließlich  die  NETZ-  und  SPITZENARBEIT,  deren  erste  Entwicklung  zwar 
der  italienischen  Renaissance  angehört,  aber  bei  der  Seltenheit  erhaltener  Ori- 
ginalarbeiten aus  dieser  Epoche  erst  bei  der  Betrachtung  des  Kunstgewerbes  der 
Barockzeit  besprochen  werden  mag.  Swarzenski 

542 


D  Abb.  445:  Aldegrever  Ornamentstich  D 

KAPITEL  XIII  ♦  DAS  KUNSTGEWERBE  DER  RE- 
NAISSANCE IN  DEUTSCHLAND  UND  DEN  ÜBRI- 
GEN LÄNDERN  NÖRDLICH  DER  ALPEN  D 

Die  Kultur  des  Mittelalters  war  eine  spezifisch  kirchliche.  Die  Kirche  leitete 
(las  ganze  geistige  Leben  in  den  ihr  bequemen  Bahnen  und  unterdrückte  mit  allen 
ihr  Z.U  Gebote  stehenden  Mitteln  Resultate  der  Wissenschaft  und  Forschung,  die 
ihrem  Dogma  widersprachen  oder  gefahrbringend  erschienen.  Sie  war  bei  ihrer 
festen  Organisation  lange  Zeit  stark  genug,  das  mitKrfolg  zu  tun  und  konnte  noch 
im  Jahre  1415  einen  Mann  wie  Johann  Hu^  auf  der  Kirchenversammlung  zu  Kon- 
stanz vor  Kaiser  imd  Reich  verbreniieii.  Hundert  .lahre  später  wagte  sie  Ähn- 
liches nicht  mehr.  Der  Unwille  über  die  Mi{istände  hatte  alle  Schichten  der  Bevöl- 
kerung ergriffen.  Wichtiger  aber  war,  daft  sie  die  geistige  Herrschaft  über  das 
Volk  fast  völlig  eingebüfit  hatte.  Nicht  blof^  dadurch,  d:\f^  jedermaim  in  theologi- 
schen und  kirchlichen  l-'ragen  seine  eigeiu*  Meinimg  hatte,  somlern  vor  allem 
durch  das  lebhafte  Interesse  für  die  antike  Welt,  das  in  Italien  /u  .\iifang  des  fünf- 
zehnten JahrluMiderts  erwacht  war  und  in  dtMi  Anschauun<^en  der  Menschheit  eine 
völlige  Umwälzung  lu'rvorrief.  At»  die  Stelle  der  von  der  Kirche  auf  Gruiul  iler 
Unwürdigkeit  und  Sündhaftigkeit  des  Menschen  geförderten  Sehnsucht  nach  dem 
Tode  und  dem  Jenseits  trat  die  Betonung  und  Bejahung  des  irdischen  Lebens,  die 
l'ieude  am  Individuum  imd  seinen  Leistungen  und  zeitigte  die  unemlliche  Fiille 
derjenigen  Erscheinungen,  die  wir  mit  dem  Worte  Renaissance  zusammenzufassen 
pflegen.  D 

54:i 


Die  wissenschaftliche  Seite  dieser  Bewegung,  der  Humanismus,  hat  inDeutsch- 
land in  Johann  Reuchlin,  Erasmus  von  Rotterdam  und  Ulrich  von  Hütten  seine 
großen  Männer  gehabt,  er  war  das  «  und  w  der  Gebildeten,  aber  er  war  zu  doktri- 
när und  pädagogisch,  um  im  besten  Sinne  populär  zu  werden.  Die  Volksseele 
wurde  nicht  berührt.  Wie  mächtig  das  durch  die  religiösen  Fragen  geschah,  spie- 
gelte sich  im  Buchdruck  wieder.  Eine  Bibelübersetzung  nach  der  anderen,  theo- 
logische Abhandlungen  und  antipäpstische  Flugblätter  ohne  Zahl!  Die  Pressen 
konnten  der  Menge  kaum  genügen.  Nur  durch  denBuchdruck  war  es  möglich,  den 
Kampf  gegen  Priester  und  Papst,  Beichtstuhl  und  Ablag  erfolgreich  zu  führen  und 
die  reformatorische  Bewegung  einigermaßen  zusammenzuhalten.  Nur  dadurch 
konnte  sich  bei  Luthers  Auftreten,  über  Kaiser  und  Reich  und  die  trostlosen  poli- 
tischen Zustände  hinweggehend,  zum  erstenmal  ein  großes  gemeinsames  natio- 
nales Empfinden,  eine  hoffnungsfrohe  Begeisterung  in  allen  Volksschichten  aus- 
lösen. Aber  solche  Volksstimmungen  pflegen  nicht  lange  anzuhalten.  Bald  zeigte 
es  sich,  daß  es  den  Protestanten  im  Gegensatz  zur  katholischen  Kirche  an  einer 
straffen  Organisation  fehlte.  Mancherlei  politische  und  wirtschaftliche  Fragen 
wurden  mit  der  Reformation  —  nicht  immer  zum  Vorteil  der  Sache  —  verquickt. 
In  den  anfangs  so  frischen  Geist  der  Reformation  schlich  sich  allmählich  ein 
trockener  wissenschaftlicher  Zug  ein,  der  oft  in  spitzfindige  Untersuchungen,  ja 
Zänkereien  ausartete  und  ihr  dadurch  breite  Volksschichten  entfremdete.  Die 
lutherische  Bewegung,  die  anfangs  voller  Enthusiasmus  die  katholische  Kirche 
beiseite  zu  schieben  schien,  endete  mit  derSpaltung  des  deutschen  Volkes  in  zwei 
Parteien  und  mit  einem  Religionskriege,  der  1555  durch  den  Augsburger  Frieden 
nur  vorläufig  beigelegt  wurde,  denn  beide  Parteien  hatten  zunächst  mit  sich  selbst 
zu  tun.  Es  galt,  die  neuen  Verhältnisse  zu  befestigen  und  auszubauen  und  frische 
Kräfte  zu  sammeln.  Daher  waren  die  folgenden  Jahrzehnte  äußerlich  Jahre  des 
Friedens,  aber  die  inneren  Gegensätze  zwischen  Protestanten  und  Katholiken 
wurden  nicht  gemildert,  und  führten  am  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  erst  zu  dro- 
henden Bündnissen  und  dann  zum  30  jährigen  Kriege,  der  Vieles  unterbrach  und 
hemmte.  D 

Die  religiösen,  die  humanistischen  und  die  künstlerischen  Interessen  pflegen 
bei  der  Beurteilung  des  16.  Jahrhunderts  in  den  Vordergrund  gestellt  zu  werden. 
Eine  zum  mindesten  wichtige  Unterströmung  bildeten  die  Naturwissenschaften. 

Müssen  wir  auch  den  Antrieb  zu  den  großen  Entdeckerfahrten  am  Ende  des 
15.  und  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  in  erster  Linie  wohl  in  Handelsinteressen 
und  Gewinnsucht  suchen,  so  bildeten  doch  neue  geographische  Beobachtungen 
die  Grundlage,  und  erstaunliche  geographische  Resultate  waren  die  Folge.  Die 
bisherigen  Vorstellungen  von  der  Gestalt  der  Erde  verschoben  sich  vollständig. 
Man  nahm  zwar  viel  des  Neuen  als  Merkwürdigkeit  und  Kuriosität  in  sich  auf  und 
ließ  hier  und  da  die  Phantasie  das  Tatsächliche  ausschmücken,  aber  dennoch  er- 
weiterte sich  das  Wissen  über  Natur  und  Menschen.  Die  praktischen  und  theore- 
tischen Untersuchungen  mehrten  sich.  Landkarten  und  Globusse  wurden  angefer- 
tigt und  geodätische  und  astronomische  Instrumente  verbessert.  Die  Lehre  des 
Kopernikus  war  kein  zufälliges,  zusammenhangloses  Einzelresultatder  Forschung, 

544 


sondern  der  Ausflug  einer  weitverzweigten  Interessensphäre,  die  allerdings  in  der 
Astrologie  wenn  nicht  geradezu  den  bewußten  Schwindel,  so  doch  zum  mindesten 
Selbsttäuschung  bedeutete.  Auch  die  Beschreibung  der  Flora  und  Fauna  wurde 
mit  klarem  Auge  systematisch  angepackt.  Die  illustrierten  Werke  aus  diesem 
Gebiete  mehrten  sich  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  beträchtlich.  Dabei  sind  die 
Abbildungen  zeichnerisch  und  farbig  häufig  mit  einem  so  eingehenden  Verständ- 
nis für  Form  und  P'arbe  wiedergegeben,  daß  sie  noch  heute  unsere  höchste  Be- 
wunderung erregen.  Die  Medizin  suchte  die  Kenntnis  von  den  inneren  Organen 
desMenschen  und  ihrenFunktionen  zu  erweitern  und  überwand  allmählich  dieall- 
gemeine  Scheu  vor  dem  Studium  an  Leichen.  Doch  blieb  noch  bis  tief  ins  17.  Jahr- 
hundert hinein  eine  Sektion  ein  Ereignis,  dessentwegen  man  eine  Reise  machte, 
aufschob  oder  änderte.  Die  älteren  Holzschnitte,  die  das  Innere  des  Menschen 
zeigen,  muten  uns  zwar  heute  mehr  scherzhaft  als  ernsthaftgemeintan.  Immerhin 
sind  auch  sie  ein  Beweis  für  neuerwachtes  Leben  und  kühne  Überwindung  mittel- 
alterlicher Vorurteile.  D 
Die  eigentlichen  Träger  des  allgemeinen  Aufschwungs  waren  die  STÄDTE. 
Sie  besaßen  in  Handel  und  Handwerk  die  Gewähr  ihrer  Existenz.  In  die  erste 
Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  fiel  ihre  Glanzzeit.  Freilich  nicht  in  politischer  Be- 
ziehung. Denn  die  Erkenntnis  ihrer  Bedeutung  und  ihrer  Hilfsmittel  hatte  zwar 
schon  im  14.  Jahrhundert  ihr  Selbständigkeits-  und  Freiheitsgefühl  rege  gemacht 
und  zu  weitausschauenden  Bündnissen  geführt,  aber  es  hatte  ihnen  an  Einigkeit, 
Ausdauer  und  Erfolgen  gefehlt,  so  daß  sie  seitdem  auf  gemeinsame  politische 
Unternehmungen  verzichteten.  Nur  die  Hansa  hielt  sich  bis  ins  16.  Jahrhundert 
hinein  als  beherrschende  Macht  des  Nordens.  Glücklicher  ging  es  in  der  inneren 
Verwaltung.  Es  gab  Unruhen  genug,  doch  führten  sie  nirgends  zu  so  langwierigen, 
blutigen  Fehden  wie  in  Italien.  Der  in  diesem  Lande  entstandene  moderne  Geld-, 
Zins-  und  Bankverkehr  war  auch  in  den  deutschen  Städten  rasch  in  Aufnahme  ge- 
kommen. Weitverzweigte  Gesellschaften,  die  mit  eigenem  und  fremdem  Kapital 
arbeiteten,  betrieben  große  Untoniehmungen  und  erzielten  bisweilen  unerh(')rte 
Gewinne.  Einzelne  Mäimer  und  Familien  erwarben N'ermögen,  die  selbst  nach  un- 
seren heutigen  Begriffen  groß  waren.  Allbekannt  sind  die  Fugger  und  Welser  in 
Augsburg.  Beider  Einfluß  reichte  weit  über  Deutschland  hinaus.  Die  Fugger  be- 
herrschten fast  den  ganzen  Silber-,  Kupfer-  und  I-lisenbergbau  in  Deutschland, 
Kärnten,  Tirol,  Ungarn  und  Spanien.  I'hilippine  Welser  wurde  die  Gemahlin  des 
kunstsinnigen  Erzherzogs  Ferdinand  von  Tirol,  der  im  Schloß  Ambras  eine  aus- 
erlesene Sammlung  von  Kunstwerken  aller  Art  zusammenbrachte.  Der  Wohlstand 
wurde  durch  ein  rühriges  Handwerk  gemehrt  imd  dadurch  ein  guter  lU)ilen  für 
Kunst  und  Kunstgewerbe  geschaffen.  Der  Buchdruck,  die  Taschenuhr,  das  Draht- 
ziehen und  vieles  andere  waren  deutsche  Erfintlungen.  Der  deutsche  Handwerker 
war  auch  im  Auslande  als  geschickter  und  zuverlässiger  Arbeiter  gern  gesehen. 
Selbst  Cellini.  der  mit  jeglichem  Lob  gegen  andere  sehr  sparsam  ist,  sagt  in  seiner 
Selbstbiographie,  daß  die  deutschen  Goldschmiedegesellen  in  der  Treibarbeit  die 
besten  seien.  Als  Brot-  und  Kuchenbäcker  waren  überall  vorzugsweise  die  Deut- 
schen begehrt.  Dies  war  nicht  zum  kleinsten  Teile  iler  vortrefflichen  Organisation 

35  •  Geschichte  des  Kunstgowcrl>e.H  545 


des  Handwerks,  dem  Zunftwesen  zu  danken.  Die  Zünfte  regelten  die  Ausbildung 
in  der  Arbeit  und  ihre  Ausübung.   Die  Arbeit  erschien  gewissermaßen  wie  ein 
Amt,  in  dem  jeder  der  Überwachung  der  Genossen  unterstand.  Manche  Zünfte 
prüften  jedes  Stück,  ehe  sie  es  zum  Verkauf  brachten.  Das  sicherte  bei  einer  guten 
Gesinnung  der  Mehrzahl  eine  gleichbleibende  einwandfreie  Qualität  der  Ware. 
Lieg  diese  zu  wünschen  übrig  oder  waren  die  Preise  zu  hoch,  so  gab  es  für  den 
Rat  der  Stadt  Mittel  und  Wege,  einzuschreiten.  Es  kam  vielfach  vor,  dag  der  Rat 
schlechte  Arbeit  vernichten  lieg  oder  seinerseits,  namentlich  für  Lebensmittel,  die 
Preise  festsetzte.  Die  Erwerbung  des  Meisterrechts  war  an  die  Erfüllung  einer 
Reihe  von  Bedingungen  geknüpft,  die  uns  heute  teilweise  sonderbar  und  eng- 
herzig anmuten.  Wir  dürfen  aber  das  und  anderes  nicht  nach  den  Auswüchsen 
beurteilen,  die  sich  am  Ende  des  16.  Jahrhunderts  immer  stärker  zeigten  und  nach 
vielen  erfolglosen  Sanierungsversuchen  im  19.  Jahrhundert  schließlich  zu  ihrer 
Auflösung  führten.  Im  Mittelalter  und  in  der  längsten  Zeit  des  16.  Jahrhunderts 
bedeuteten  die  Zünfte  zweifellos  eine  gesunde  und  segensreiche  Einrichtung,  die 
speziell  dem  Kunstgewerbe  durch  ihre  strenge  Kontrolle  und  sichere  Tradition 
unermeßlichen  Nutzen  gebracht  hat.  Dabei  haben  sich  jederzeit  Mittel  und  Wege 
gefunden,  große  Meister  ungestört  in  ihrer  Weise  schaffen  zu  lassen,  indem  sie 
entweder  bei  mehreren  Zünften  eingeschrieben  waren  oder  als  städtische  oder 
fürstliche  Freimeister  arbeiteten.  —  Die  strenge  behördliche  Aufsicht  blieb  nicht 
auf  die  Arbeit  beschränkt,  sondern  bezog  sich  auch  auf  politische  und  gesellschaft- 
liche Rechte  und  sogar  auf  die  Kleidung.  Die  verschiedenen  Berufsklassen  und 
Stände  waren  in  diesen  Punkten  genau  gegeneinander  abgegrenzt  und  wahrten 
mit  Eifersucht  ihre  Eigenarten.  Im  späteren  16.  Jahrhundert  bezweckten  freilich 
die  merkwürdigen  Kleider-,  Tafel-  und  Hochzeitsordnungen  in  der  richtigen  Er- 
kenntnis der  charakteristischen  und  verderblichen  Schwäche  der  Zeit  in  erster 
Linie  dem  überhandnehmenden  Luxus  zu  steuern,  aber  die  Bemühungen  nützten 
wenig  oder  nichts.  Denn  die  Spannkraft  des  Bürgertums  nahm  ersichtlich  ab,  ob- 
gleich das  Durchschnittsniveau  der  Bildung  und  des  technischen  Könnens  stieg. 
Nach  den  großen  Taten  und  Ereignissen  in  der  erstenHälfte  des  Jahrhunderts,  nach 
den  unruhigen  Zeiten  der  Leidenschaft  und  des  Kampfes  war  in  weiten  Schichten 
des  Volkes  eine  gewisse  Ermüdung  und  ein  entschiedenes  Bedürfnis  nach  Ruhe 
eingetreten,  das  im  Wohlstand  leicht  ein  erschlaffendes  Wohlleben  erzeugt.  In 
allen  Kreisen,  nicht  bloß  in  den  oberen  Schichten,  herrschte  das  Streben,  sich  das 
Leben  äußerlich  so  angenehm  wie  möglich  zu  machen.  Man  wollte  hübsch  woh- 
nen, bequem  sitzen  und  schlafen,  reich  gekleidet  sein  und  angenehme  Unter- 
haltung haben.  Auf  Essen  und  Trinken  legte  man  großen  Wert,  und  was  uns  dar- 
über berichtet  wird,  ging  weit  über  die  viel  zitierte  'Temperantia'  hinaus.  Aus  der 
intellektuell- individuellen  Kultur  der  Frührenaissance  war  eine  breit  basierte 
ästhetische  geworden.  Kunst,  wohin  man  blickt,  aber  nicht  die  sogenannte  hohe 
Kunst,  sondern  Kunstgewerbe.  D 

Ganz  anders  als  für  das  Bürgertum  verlief  das  Jahrhundert  für  die  FÜRSTEN. 
Ihre  Lage  war  am  Ausgang  des  Mittelalters  und  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts 
in  finanzieller  Hinsicht  völlig  unsicher  und  schwankend.  Während  in  den  Städten 

546 


Überflug  an  Geld  herrschte,  befanden  sie  sich  in  einer  ununterbrochenen  Not  und 
mußten  beständig  bei  den  reichen  Kaufleuten  leihen,  nicht  blof;,  umKriege  führen 
zu  können,  sondern  oft  um  nur  das  tägliche  Brot  zu  haben.  Maximilian  I.  be- 
schränkte sich  nicht  auf  kaiserliche  Verpfändungen  und  Anleihen  im  großen  Stil, 
sondern  unterschrieb  trotz  Krone  und  Kaiserthron  skrupellos  einen  Schuldschein, 
auf  ganze  10  oder  12  Gulden  lautend.  Der  Herzog  Heinrich  von  Liegnitz  zog  mit 
seinem  getreuen  Haus-  und  Hofmarschall  Hans  von  Schweinichen  bettelnd  und 
borgend  von  Stadt  zu  Stadt.  Besonders  schlecht  stand  der  Kaiser  da  in  seiner  Ab- 
hängigkeit von  Kurfürsten,  Fürsten  und  Reichstag.  Er  konnte  beim  besten  Willen 
die  Hoffnungen,  die  das  Volk  in  seiner  Not  auf  ihn  setzte,  nicht  erfüllen.  Die  schwer- 
fällige Verfassung  und  Verwaltung  des  Reiches  zu  ändern,  gelang  ihm  nicht.  Es 
blieb  bei  dem  Ruf  nach  einem  starken  Kaiser.  Hingegen  verstanden  die  Fürsten 
in  der  allgemeinen  politischen  und  sozialen  Verwirrung  ihre  Machtbefugnisse  zu 
befestigen  und  zu  erweitern,  indem  sie  zahlreiche  Klöster  und  Stifte  unter  ihre 
Oberhoheit  brachten  und  eine  straffe,  in  der  Residenzstadt  zentralisierte  Verwal- 
tung einführten.  Erst  durch  das  berufsmäßige,  streng  geschulte  und  sinngemäß 
organisierte  Beamtentum,  das  von  der  Person  des  Fürsten  abhängig  war,  gelang 
es  diesem,  sich  finanziell  und  damit  auch  politisch  eine  sichere  Grundlage  zu  ver- 
schaffen und  den  modernen  Begriff  von  Staat,  Regierung  und  Untertan  zu  wecken 
und  auszunützen.  Im  engsten  Zusammenhang  mit  dieser  Konsolidierung  der  Re- 
gierungsgewalt stand  das  schnelle  Aufblühen  der  Hof-  und  Residenzstädte.  Die 
ausgedehnte  Verwaltung  verbot  das  viele  Umherziehen  und  machte  einen  festen 
Mittelpunkt  wünschenswert.  Da  Hof-  und  Staatsbeamte  vielfach  identisch  waren, 
die  Ansprüche  und  die  Repräsentationslust  der  Fürsten  wuchsen,  stellte  sich 
von  selbst  das  Bedürfnis  nach  neuen  Schlössern  mit  zahlreicheren  und  größeren 
Räumen  ein,  deren  Ausschmückung  dem  Kunstgewerbe  manche  neue  Aufgaben 
eintrug.  D 

1 .  KUNST-  UND  ORAMENTENTWICKLUNG  D 

Die  Kunst  der  Spätgotik  ist  keineswegs  eine  Kunst  des  Verfalles.  Im  Gegen- 
teil !  Sie  zeigt  einen  so  charaktervollen,  großen  Zug  wie  wenig  andere  Perioden.  Es 
fehlte  ihr  nicht  an  fruchtbaren  Ideen  und  eigenartiger  Phantasie,  nicht  an  konse- 
(luentcr  Weiterentwicklung  der  übernommenen  Formen  und  an  neuen  Entwick- 
hiiigsniöglichkeiten.  Das  ilii-  zugrunde^  liegende  Formgefiihl  war  nicht  ein  Spe- 
zifikum  des  Mittelalters,  soiuUmm  ein  Teil  des  deutschen  Wesens  überhaupt.  Es 
lag  also  nicht  die  innere  Notwendigkeit  vor,  d\o  alten  Rahnen  zu  verlassen,  zumal 
nicht  in  der  Richtung  (irr  italienischen  Kunst,  die  dem  Deutschen  im  letzten  Grunde 
IriMud  war  und  fremd  bleiben  nuihte.  Wenn  es  trotzdem  geschah,  gab  es  andere 
treibende  Kräfte.  D 

Der  junge  Nachwuchs  hat  nicht  innner  di-n  richtigen  Maßstab  für  die  Leistun- 
gen derGeneration  \ov  ihm.  Besonders  in  imruhigen,  vorwärts  drängenden  Zeiten 
ist  er  stets  geneigt,  Hergebrachtes  für  wertlos  zu  erklären  und  mit  ihm  zu  brechen. 
Kr  hat  eine  unwillkürliche  Abneigung  gegen  die  Kunst  seiner  \'äter,  weil  sie  sein 
Gehirn  überreizt  und  ermüdet  hat.  I*]rwill  und  muß  seiner  Natur  nach  etwas  Neues, 
zu  dem  er  sich  selbst  den  Weg  sucht.   Diese  Gegensätze  zwischen  .Alt  und  .lung 

35*  .^.47 


D  Abb.  446:  Aldegrever.    Querfüllung  D 

herrschten  auch  um  1500  in  der  deutschen  Künstlerschaft  und  wurden  durch  die 
allgemeinen  Zeitverhältnisse  auf  das  Lebhafteste  genährt.  Wer  damals  nach  Ita- 
lien kam,  mugte  als  Künstler  und  als  Mensch  bis  ins  Innerste  gepackt  werden.  Er 
sah  nicht  blog  anders  gebaute  Häuser  und  anders  gemalte  Bilder,  sondern  alles, 
was  ihn  an  Menschen  und  Einrichtungen  umgab,  atmete  einen  anderen  Geist.  Er 
staunte  über  die  unabhängige  Weltanschauung,  das  rege  geistige  Leben  mit  der 
wohltuenden  Wertschätzung  groger  Leistungen,  die  Leichtigkeit  im  Auftreten,  das 
ungezwungene  Sichgeben  und  fühlte  sich  wohl  dabei.  Die  Engigkeit  und  Dumpf- 
heit der  deutschen  Heimat  fiel  von  ihm  ab.  '0  wie  wird  mich  nach  der  Sonnen 
frieren.  Hier  bin  ich  ein  Herr,  daheim  ein  Schmarotzer',  lauten  die  bekannten 
Worte,  die  Albrecht  Dürer  von  Venedig  aus  an  seinen  Freund  Pirckheimer  nach 
Nürnberg  schrieb.  Sie  geben  etwas  wieder,  was  zahllose  andere  auch  empfanden. 
Dazu  kam,  abgesehen  von  den  fundamentalen  Unterschieden  in  den  Formen,  als 
Wichtigstes  im  eigenen  Gebiet:  der  italienische  Künstler  konnte  mehr,  er  be- 
herrschte den  menschlichen  Körper  und  die  Perspektive.  Hier  tauchten  für  den 
Deutschen  neue  Ziele  auf,  und  es  war  natürlich,  daß  ihnen  nachgegangen  wurde. 
Dabei  lief  von  Anfang  an  in  Komposition,  Inhalt  und  Ornamentik  manches  Italieni- 
sche mit  unter  und  verdrängte  alte  Formelemente,  die  sich  wohl  mit  den  neuen 
Errungenschaften  vertragen  hätten.  Aber  es  ist  schwer,  das  Wesentliche  in  einer 
unendlichen  Fülle  des  Neuen  sofort  klar  zu  erkennen  und  sich  davon  nur  das  der 
eigenen  Natur  Zusagende  und  Entsprechende  zunutze  zu  machen.  Die  Begeiste- 
rung für  die  'welsche  und  antikische  Manier'  erzeugte  bald  das  Streben,  ganz  und 
gar  in  ihrem  Sinne  zu  arbeiten.  Sie  wurde  Programm  —  und  Mode.  Und  die  Mode 
ist  immer  stärker  als  vieles  andere  gewesen.  D 

Um  die  italienische  Kunst  ganz  zu  begreifen,  mußten  die  deutschen  Meister 
neue  Grundlagen  gewinnen.  D 

In  der  Gotik  beruht  alles  auf  der  Tendenz  nach  Leben  und  Bewegung,  nach 
der  zum  Ausdruck  gebrachten  inneren  Funktion  der  räumlich  gedachten  Formen. 
Es  gibt  gleichsam  keine  Neutralität,  keine  Ruhe  und  Untätigkeit  der  wirklichen 
oder  vorgestellten  künstlerischen  Materie.  In  der  Architektur  äußerte  sich  das,  in- 
dem alle  lastenden  Bauglieder  nach  Möglichkeit  ausgemerzt  oderverstecktunddie 
Kräfte  der  tragendenTeile  möglichst  konzentriert  wurden.  DerDruck  desDaches 
und  der  Gewölbe  wurde  nicht  durch  Mauern  nach  unten  geleitet,  sondern  durch 

548 


Abb.  447:  Aldegrever.   Tanzeiidt-  Putten 


Pfeiler  und  Strebebögen.  Deshalb  die  großen  Fenster.  Dabei  wird  der  Übergang 
von  Last  zur  Kraft,  von  lastenden  zu  tragenden  Bauteilen  nach  Möglichkeit  ver- 
schleiert. Es  ist  gerade  das  entgegengesetzte  Prinzip  wie  bei  Gebälk,  Kapital  und 
Säule  in  der  antiken  Kunst.  Alle  Linien  entwickeln  sich  in  sanftem  Schwünge  aus 
derSenkrechten  oder  zurSenkrechten.  JedeFläche  wird  als  funktionslos  und  tot, 
jede  horizontale  Linie  als  müde  und  als  störender  Aufenthalt  empfunden.  Ein  Ge- 
fühl für  Gleichgewicht  der  Massen,  für  Symmetrie  bezüglich  der  Gesamterschei- 
nung, für  gleichartige  Behandlung  und  Ausbildung  der  Achsen  ist  nicht  vorhanden. 

Bei  der  Darstellung  der  menschlichen  F'igur  in  der  Plastik  und  der  Malerei 
äußerte  sich  das  Streben  nach  Leben  und  Bewegung  in  der  S-förmig  geschwun- 
genen Haltung  und  einem  Faltenwurf,  der  in  starken  Licht-  und  Schattenkontrasten 
immer  größeren  Reichtum  suchte  und  zu  dem  führte,  was  wir  speziell  mit  male- 
rischer Behandlung  bezeichnen.  Die  mangelhafte  Beherrschung  des  nackten  .Men- 
schen erklärt  sich  nicht  aus  künstlerischer  Unfähigkeit,  sondern  aus  den  allgemei- 
nen Anschauungen  des  Mittelalters.  Der  Raum  wurde  bloß  angedeutet.  Ein  wirk- 
licher Raumausschnitt  mit  optisch  richtigerTicfenwirkung  wurde  ganz  konsequent 
nicht  erstrebt,  denn  der  Deutsche  empfand  dreidimensional,  und  nicht  bild-  und 
flächenmäßig  wie  der  Italiener,  der  auf  die  Weise  hinter  die  Geheimnisse  der  per- 
spektivischen Darstellung  kam.  Beim  gt)tischen  Ornament  finden  wir  ähnliche 
Erscheinungen.  Es  ist  stets  in  sich  bewegt  und  körperlich  gedacht.  Eine  Ranke 
beispielsweise  verläuft  nicht  in  einer  Ebene,  sondern  spiralförmig,  korkenzieher- 
artig im  Raum.  Dabei  ist  es  für  die  Auffassung  einerlei,  ob  sie  ideell  konzipiert 
oder  plastisch  ausgeführt  ist.  Es  gibt  auch  kein  Ornament,  das  ohne  lebendigen 
Zusammenhang  mit  dem  Ornamentgrunde  wäre  und  etwa  eine  funktionslose  tote 
Masse  zu  verdecken  hätte.  F^s  ist  nicht  aufgeheftet  wie  eine  Schablone  oder  ein 
Bogen  Papier,  soiulern  es  wächst  organisch  heraus  wie  der  Zweii^  umi  die  Bliite  aus 
dem  Stamm.  Irgend  ein  Gefühl  für  Mittelpunkt  und  Achsen  bestand  nicht.  Selbst 
eine  regelmäßig  umgrenzte  Fläche  wird  in  freiester  Linienführung  gefüllt.  Sobald 
bei  diesem  Grundcmpfinden  ein  Kraftüberschuß  eintrat,  mußte  sich  der  Charakter 
ins  Barocke  wenden,  und  das  beobachten  wir  stetig  zunehmend  bis  zum  Anfang 
des  16.  Jahrhunderts.    Er  hätte  sich  ins  Rokokoartige  weiterentwickeln  können. 

In  Italien  sahen  die  Deutschen  in  der  Architektur  die  strenge  Gliederung  nach 
Achsen,  die  Symmetrie  der  .Massen,  die  Ilarmonit«  /wischen  Kraft  und  Last,  die 

r>49 


ü  Abb.  448    Albiecht  Duiei,  Wagen  aub  dem  rriuinphzuge  Maxinnhans  I  D 

reichliche  Verwendung  von  Mauerflächen,  die  Vorliebe  für  horizontale  Linien.  In 
der  Darstellung  des  Menschen  staunten  sie  über  die  wunderbare  Beherrschung  der 
Körperformen  und  die  ungezwungene  Art  des  Stehens  und  Sichbewegens  und 
lernten  dabei  erkennen,  was  Proportionen  und  Kontrapost  für  die  Wirkung  be- 
deuten. Einmal  angeregt,  ruhten  sie  nicht,  hinter  die  Geheimnisse  derPerspektive 
zu  kommen.  Wenn  bei  all  dem  Neuen  Unklarheiten,  Mißverständnisse  und  Fehler 
unterliefen,  darf  das  nicht  verwundern.  D 

Leichter  gab  sich  ihnen  die  ORNAMENTIK.  Hier  war  es  mehr  ein  genießendes 
Aufnehmen  frischer  Formelemente  als  ein  Studieren  und  Ringen.  Wir  empfinden 
noch  heute,  wie  sie  sich  durch  den  unerschöpflichen  Reichtum  gerade  auf  diesem 
Gebiete  angeregt  fühlten.  Putten,  Hermen,  Sirenen,  Grottesken,  Medaillons,  Gir- 
landen, Akanthuslaub  und  die  symmetrisch  komponierte  Ranke,  desgleichen  die 
aus  der  Architektur  entnommenen  Elemente:  Säule,  Pilaster,  Kapital,  Gebälk  mit 
Friesen,  Rundbogen,  dreieckige  Giebelbekrönungen  und  Baluster  kamen  schnell 
in  Gebrauch.  Zugleich  fanden  sie  den  Mut,  denKreisdeskünstlerischDarstellbaren 
nach  derprofanen  Seite  zu  erweitern.  Porträt,  Selbstporträt,  Denkmal,  Schlachten- 
bild und  Landschaft  traten  mehr  in  den  Vordergrund.  Szenen  aus  der  römischen 
Geschichte,  aus  der  antiken  Mythologie  und  Götterlehre,  allegorische  Gestalten 
von  Tugenden  und  Lastern  traten  neu  hinzu  und  wurden  auf  Gemälden,  Kupfer- 
stichen und  Holzschnitten  populär  gemacht  und  auch  dem  Handwerker  geläufig. 

550 


I 


Zweifellos  bildeten  die  in  Italien  gewesenen  Künstler  den  wichtigsten  Faktor 
für  die  Verbreitung  der  Renaissanceformen  in  Deutschland.  In  zweiter  Linie  stan- 
den illustrierte  Bücher,  Vorlagewerke,  Einzeldrucke  und  Stiche,  die  natürlich  alle 
häufigen  Anlag  zu  schiefen  und  irrtümlichen  Auffassungen  gaben.  Der  Einfluß 
durch  andere  Werke  ist  im  allgemeinen  gering  gewesen,  denn  größere  Arbeiten 
einzuführen,  verbot  sich  in  den  meisten  Fällen  durch  den  schwierigen  Transport, 
und  italienische  Künstler  wurden  nicht  allzu  häufig  nach  Deutschland  berufen,  be- 
sonders nicht  in  der  ersten  Hälftedes  16.  Jahrhunderts.  G 

Die  Resultate  des  italienischen  Einflusses  würden  oft  merkwürdig  genug 
scheinen,  wenn  wir  sie  an  den  italienischen  Werken  messen  wollten.  Das  wäre 
aber  nicht  nur  ungerecht,  sondern  auch  falsch,  denn  grundverschiedene  Voraus- 
setzungen können  nicht  zu  demselben  Ergebnis  führen.  Lebensbedingungen,  Cha- 
rakter und  Anlagen  der  beiden  Völker  gehen  von  Natur  weit  auseinander.  Die 
deutsche  Renaissance  ist  keine  mißlungene  Kopie  der  italienischen  Renaissance, 
sondern  ein  selbständiges  Produkt  voll  Eigenart  und  Charakter,  das  seinen  Wert 
in  sich  trägt.  Ebenso  wie  die  italienische  Renaissance  kein  bloßer  Abklatsch  der 
Antike  ist.  D 

Die  erste  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  ist  die  Zeit  der  großen  Meister  und  die 
Zeit  der  großenKunst,  die  zweiteHälfte  so  recht  eigentlich  die  Epoche  desKunst- 
gewerbes, in  der  wir  bei  einer  starken  Produktion  zwar  eine  allgemeine  tintwick- 
lung  verfolgen,  aber  wenig  scharfumrissene,  machtvolle  Persönlichkeiten  aus  der 
Masse  hervorragen  sehen.  Ein  paar  Namen  sagen  genug:  Dürer,  Grünewald,  Cra- 
nach,  Holbein,  Flötner  dort;  Jamnitzer,  Jost Amman,  Mielich,  Dietterlin  undFlindt 
hier.  In  diesem  Zusammenhange  freilich,  wo  die  Formengeschichte  im  X'order- 
grund  steht,  sind  die  einen  so  wichtig  wie  die  anderen.  D 

Die  ersten  deutlichen  Anzeichen  eines  italienischen  Einflusses  fallen  ins  letzte 
Jahrzehnt  des  15.  Jahrhunderts,  in  die  Zeit  des  allgemeinen  Aufschwunges.  Be- 
reits aus  dieser  Zeit  gibt  es  eine  kunstgewerbliche  Arbeit,  einen  silbernen  Altar 
von  dem  Augsburger  Meister  GEORG  SELD,  datiert  1492,  in  der  Reichen  Kapelle 
in  München,  der  in  Figuren,  Architektur  und  OrnnnuMitik  ganz  italienisch  ist.  Auf 
einem  Holzschnitte  von  ALBKECHT  DÜRER,  der  Vision  der  7  Leuchter  aus  der 
Apokalypse,  die  1498  erschien,  ist  der  Schaft  der  Leuchter  rein  balusterförmig 
oder  doch  mit  kugelfiu-inigcn  und  anderen  ungotischen  Querteilungen  durchsetzt. 
Einige  Ja  Iwc  ii;icli  her  findcti  wir  auf  dein!  Uicherzeichen,  das  Dürer  für  seinen  Freund 
l*irl\li('im('i('iit\v;irf,  als  l' in  ralinumg  des  Doppelwappens  zwei  Füllhörner  und  (luir- 
iaiuien,  von  zwei  l'utten  und  einem  Tierschädel  gehalten.  Die  Architektur  auf  dem 
Holzschnitt  der  heiligen  l''amilie,  der  um  1501  entstand,  ist  in  reiiuMi  Renaissance- 
formen gezeichnet,  und  in  den  Zwickeln  des  umrahmenden  Bogens  finden  wir  das 
später  so  häufig  benutzte  Motiv  der  liegenden  Figuren  freilich  mehr  angedeutet 
als  gelöst.  SeitdiMU  mehren  sich  l)ei  Dürer  die  Renaissanceformen  im  Ornament 
und  etwa  seit  1510  erhalten  sie  gegen  die  gotischen  das  (ibergewicht.  In  dem  Titel- 
blatt von  15i;i  fehlen  diese  ganz  und  in  der  1515  datierten  großen  Ehrenpforte  des 
Kaisers  Maximilian  schwelgt  Dürer  in  der  Fülle  des  Neuen.  Abenlamit  ist  die  Gotik 
bei  ihm  nicht  üliei  wunden       sein  I.t^ben  blieb  ein  Kampf       sie  bricht  noch  später 

551 


an  vielen  Stellen  durch  und  zeigt  sich  vor  allem  bei  der  Verwendung  und  Behand- 
lung der  Ranke.  Diese  hat  bei  ihm  bis  zuletzt  das  frei  Empfundene,  dreidimensional 
Bewegte  anstatt  des  Flächenmägigen  und  des  streng  nach  Achsen  Komponierten 
und  Symmetrischen  der  italienischen  Ranke.  Auch  die  strenge  Unterordnung  des 
Ornaments  unter  die  architektonische  Gliederung  und  die  sparsame  Verwendung 
desselben,  die  den  Italienern  eigen  sind,  lagen  nicht  in  Dürers  Natur  und  in  einer 
Aufgabe,  wie  die  Ehrenpforte  es  war,  schienen  sie  ihm  obendrein  nicht  angebracht. 
Auch  Dürers  letzte  große  dekorative  Arbeiten,  die  Randzeichnungen  im  Gebetbuch 
Maximilians  und  Stücke  des  Triumphzuges  [Abb.  448]  haben  jenes  Ineinandergehen 
der  Formen,  jenes  Fehlen  der  klaren  Teilung  und  Trennung,  —  wenn  man  will, 
jenes  Zuviel,  das  uns  auch  bei  dem  älteren  Kraftschen  Sakramentshäuschen  in  der 
Lorenzkirche  in  Nürnberg  unruhig  macht.  Im  strengsten  Sinne  haben  auch  Dürers 
Nachfolger  diese  Punkte  nicht  gefunden,  weil  sie  überhaupt  nicht  im  deutschen 
Wesen  lagen,  vorerst  blieben  sie  aber  noch  Ziel  und  Schlagwort.  n 

Die  Fülle  dessen,  was  an  Ornament-  und  Gerätformen  in  Dürers  größeren 
Kompositionen  steckt,  ist  kaum  zu  übersehen.  Dazu  kommen  noch  zahlreiche 
Einzelentwürfe, Leuchterweibchen,  Buchtitel,  Wappen,  Exlibris, Alphabete,  Trach- 
ten u.  a.  Es  gibt  prachtvolle  Skizzen  zu  Rüstungsteilen.  Die  sechs  Knoten  sind 
sechs  Beispiele  unerschöpflicher  Phantasie  ornamentaler  Linienführung.  Sein  be- 
sonderes Interesse  für  Goldschmiedearbeiten,  das  ihm  durch  seinen  Vater  und 
seine  eigenen  ersten  Lehrjahre  geblieben  war,  guckt  überall  durch.  Das  Dresdener 
Skizzenbuch  enthält  mehrere  Pokale,  einige  in  gotischen,  andere  in  erstaunlich  rei- 
nen Renaissanceformen.  Die  Albertina  in  Wien  besitzt  den  Entwurf  eines  Doppel- 
pokals, der  1526  datiert  ist  [siehe  Seite  2].  Das  ist  das  Jahr,  in  dem  die  vier 
Apostel  in  der  Münchener  Pinakothek  entstanden.  Der  Pokal  ist  ihnen  in  der 
Mächtigkeit  und  Größe  der  Formen  verwandt.  Im  Britischen  Museum  in  London 
befindet  sich  eine  Handzeichnung,  die  einen  reichen  Tafelaufsatz  darstellt.  Er 
könnte  wie  manches  andere  zur  Ausführung  bestimmt  gewesen  sein  und  zeigt  mit 
den  übrigen  Beispielen,  wie  Dürer  das  gesamte  Kunstschaffen  seiner  Zeit  durch- 
drang. D 

Dürer  hat  viele  Schüler  gehabt.  Diesen  und  der  ganzen  Generation  nach  ihm 
merkt  man  deutlich  an,  daß  sie  bereits  in  der  welschen  Kunst  aufgewachsen  sind. 
Sie  brauchen  den  neuen  Formenapparat  mit  mehr  Berechnung,  und  das  gesetz- 
mäßig Komponierte,  das  Konstruierte  wird  ihnen  leichter.  Sie  suchen  die  letzten 
Reste  der  Gotik  zu  überwinden  und  auszumerzen  und  alle  Möglichkeiten  in  der 
welschen  Manier  durchzuarbeiten  und  —  das  ist  das  Wichtigste  —  zu  verbreiten. 
Dürer  hat  dazu  durch  seine  Holzschnitte  und  Kupferstiche  auch  außerhalb  Nürn- 
bergs in  hohem  Maße  beigetragen,  aber  seine  Werke  sind,  abgesehen  von  seinen 
theoretischen  Abhandlungen,  nicht  zu  dem  Zwecke  geschaffen.  Er  suchte  die 
italienische  Formensprache  mit  seiner  ganzen  Gründlichkeit  zu  begreifen  und  sich 
anzueignen,  um  seine  Ausdrucksmittel  zu  erhöhen,  aber  nicht  um  zu  agitieren. 
Neben  ihm  und  nach  ihm  tritt  die  Agitation  im  ORNAMENTSTICH  und  in  den 
MODELL-  und  KUNSTBÜCHLEIN  mit  Entschiedenheit  hervor.  Wir  kennen  be- 
reits aus  dem  15.  Jahrhundert  Ornamentstiche,  aber  sie  tragen  mehr  einen  zufälli- 

552 


D  Abb.  -IIQ:  Alde^rev.-r  (iuerfiiUunii  G 

gen  Charakter,  selbst  wenn  wir,  wie  z.  B.  nach  den  Stichen  Israels  von  Meckenen 
ausgeführte  Arbeiten  nachweisen  können.  Jetzt  werden  sie  zum  System.  Die 
Künstler  wollen  denHandwerkern  Beispiele  geben  und  nehmen  nacheinander  alle 
wichtigen  Gerätformen  und  charakteristischen  Beispiele  durch.  Gefäge  und  Po- 
kale, Kirchengerät,  Dolche  und  Schwerter,  Möbel,  Gesimse,  Säulen,  Pilaster  und 
Kapitale,  Hochfüllungen  und  Querfüllungen  mit  Trophäen  und  Ranken,  Girlanden, 
Putten,  Satyren  und  Meerweibchen,  Baluster  und  Fackeln  —  alles  kam  an  die 
Reihe.  Die  Handwerker  brauchten  sich  bloß  das  Passende  herauszusuchen  und 
zusammenzustellen.  Dag  sie  dabei  in  ihrem  Formengefühl  unsicher  wurden  und 
in  immer  stärkere  Abhängigkeit  von  den  Vorlagen  gerieten,  weil  die  ganze  Art  nur 
etwas  Angelerntes  und  nichts  selbst  Empfundenes  hatte,  ist  erklärlich.  D 

Auch  auf  die  Künstler  übte  diese  lehrhafte  Tendenz  eine  nicht  immer  vorteil- 
hafte Rückwirkung  aus.  Die  sogenannten  Kleinmeister,  die  Behams,  Penz,  Alde- 
grever,  dann  Flötner,  die  Hopfers  und  andere  werden  zwar  selbst  kaum  den 
Schwerpunkt  ihres  Schaffens  in  den  Vorlagen  gesehen  haben,  wie  es  heute  leicht 
erscheint,  sondern  in  ihren  Gemälden  und  Einzelholzschnitten.  Aber  bei  Virgil 
Solis.  Jost  Amman.  Paul  Flindt  und  Wendel  Dietterlin  liegt  es  schon  anders.  Je 
mehr  sich  im  Verlaufe  des  16.  Jahrhunderts  die  Kunst  ins  Kunstgewerbliche  ver- 
liert und  je  mehr  dieProduktion  steigt,  je  typischer  tritt  der  blof>  noch  fürs  Kunst- 
gewerbe erfindende  Künstler  hervor.  Seine  Arbeiten  tragen  ihren  Zweck  nicht 
mehr  in  sich,  sondern  erhalten  ihn  erst  durch  die  Ausnutzung  von  anderer  Seite. 
Sie  bedeuten  eine  Zwischenstufe,  eine  Hilfe.  Wir  begegnen  auf  Schritt  und  Tritt 
dieser  künstlerischen  Arbeitsteilung,  die  häufig  noch  einen  Grad  weiter  geht, 
indem  eine  dritte  Instanz  eingeschoben  wird  und  Zeichnung,  .Modell  und  .Ausfüh- 
rung in  dreiverschiedenenHänden  liegen.  Für  die  künstlerische  Einschätzung  und 
Charakteristik  ist  das  selbstverständlich  von  funiiamentaler  Bedeutung.  Selbst  die 
Träger  berühmter  Namen  sind  in  strengerem  Sinne  als  Künstler  schwer  zu  um- 
grenzen. Nicht  viel  anders  verhält  es  sich  im  TECHNISCHEN.  Auch  hier  herrscht 
eine  erstaunliche  Arbeitsteilung.  Die  Goldschläger  waren  von  denGoldschmieiien 
durchaus  getrennt.  Unter  diesen  schied  man  gerade  so  wie  heute  zwischen  .luwe- 
lieren,Treib-undGuharbeitern.  Es  gab  Spezialisten  fürVergoIdung  und  für  Email. 
In  seltenen  Fällen  wurde  ein  gr()|ieres.  reicheres  Stück  von  einem  einzelnen  fertig 
gestellt.  Was  wir  über  die  Vielseitigkeit  einiger  Meister  erfahren,  bezieht  sich  nur 
auf  die  allerersten  Namen  und  häufig  verbir^^t  sich  auch  hinter  diesen  blo(>  eine 
grojie  Werkstatt.  Nicht,  dag  dadurch  die  tatsächlichen  Leistungen  in  irgend  einer 
Weise  herabgemindert  werden.  Es  ist  nur  keine  Rede  von  einem  idealeren  Schaffen 
oder  von  einem  andi-ren  \'erhältnis  zwischen  Kunst  und  Haiuiwt'rk  als  heute.      D 

553 


Abb.  450—452:  [Links  u.  rechts]  Aldegrever.  Hochfüllung  D  [Mitte]  Altdorfer.  Entwurf  zu  einem  Pokal 

Etwa  bis  zum  Jahre  1540  entwickelte  sich  die  Frührenaissance  in  ungestörter 
Weise  weiter.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  dag  die  Formen  auf  graphischem 
Gebiete  freier  und  untektonischer  behandelt  wurden  als  in  Stein,  Holz  oder  Metall. 
Scheuten  doch  auch  die  Italiener  graphisch  keineswegs  vor  stofflich  unmöglichen 
Formen  zurück.  □ 

Beim  Ornamentstich  im  weiteren  Sinne  wandte  sich  das  Interesse  in  besonde- 
rem Mage  dem  Pokal  und  der  Hoch-  und  Querfüllung  zu.  Beim  POKAL  [Abb.  451  ] 
wurde  die  Silhouettenwirkung  immer  klarer  herausgearbeitet  und  die  horizontale 
Teilung  durch  Einschnürungen  und  Zwischenstücke  beständig  vermehrt.  Der 
Schaft  trennte  sich  scharf  von  Fug  und  Becher,  der  Deckelansatz  wurde  deutlich 
markiert.  Verläuft  bei  zwei  zusammenstehenden  Gliedern  das  Blattwerk  auf  dem 
einen  nach  oben,  so  geht  es  im  Gegensinn  bei  dem  anderen  nach  unten.  Bei 
QUERFÜLLUNGEN  [Abb.  449]  wird  die  Mitte  gern  durch  eine  Figur,  einen  Kopf 
oder  irgend  ein  anderes  Motiv  betont,  von  dem  aus  die  Ranken  im  Gegensinn 
symmetrisch  nach  rechts  und  links  verlaufen.  Sie  beginnen  oder  endigen  häufig 
mit  Grottesken,  und  sind  gern  mit  Spiralen  und  Füllhörnern,  Delphinen  und  son- 
stigem lustigen  Detail  vermischt.  Die  Blätter  sind  fast  stets  gestielt,  dreilappig 
und  weich,  bald  ausgebreitet  von  vorn,  bald  mehr  oder  weniger  glockenartig  von 
der  Seite  gesehen.  Mitunter  bilden  sie  schweifartige,  von  der  Ranke  ausgehende 

554 


Abb.  453:  Holbuin  d.  J.  F.titwurf  zu  einem  Pokal       O       Abb.  454:  Virgil  Solls:  Fntwurf  zu  einem  Pokal 

Rühren.  Bei  der  IIOCHFÜLLUNG  |  Abb.  450  u.  452|  konnte  die  Mittelachse  durch 
stehende,  schwebende  oder  hän{][ende  Ornamentteile  hervorgehoben  werden. 
Dementsprechend  sind  Trophäen,  Tafeln,  Baluster  und  Fiojuren  mit  \'asen,  aus 
denen  sich  Ranken  entwickeln,  beliebt.  In  den  meisten  Fällen  entspricht  die  Linien- 
führung auf  der  einen  Seite  derjenigen  auf  der  anderen.  Nur  wenige  Meister,  z.B. 
ALDFGRKV'FR,  crlaubensich  gelegentlich  eineunsymmetrischcBehandlung.  Das 
v()llige  Fehlen  jeder  Symmetrie  und  Achse,  wie  es  bei  der  gotischen  Ranke  der 
Fall  war,  ist  im  Ornamentstich  selten,  findet  sich  ausgeführt  aber  häufig  bei  den 
unregelmä(\ig  begreir/ten  Flächen  an  Rüstungsteilen.  \'or  allen  Dingen  ist  es 
wichtig,  da('>  die  Ranke  sowie  jegliches  I-"riihrenaissance-Ornament  trotz  iler  rclief- 
artigen  Plastik  in  einer  ideellen  Fläche  oder  doch  zwischen  zwei  ganz  dicht  anein- 
ander liegenden  Flächen  gedacht  sind.  Sie  sind  nicht  mehr  räumlich  unzertrenn- 
lich vom  (irunde,  soiuicrn  gleichsam  lose  draufgi-irot.  D 
Unterden  süddeutschenMeistern  ist  ALBRFCIIT  AI-TDORFFR,  der  Architekt. 
Maler  und  Stecher  in  Regensburg,  einer  der  ersten,  der  ilie  l-'rührenaissance  wei- 
teren Kreisen  veinüttelte.  .\uf  ihn  geht  wahrscheinlich  der  Typus  des  in  der  Zeit 
üblicluMi  Fokales  |.\bb.  iril  |  zurück,  iler  sich  in  dri'i  vortri'fflii-hen  Fxemplaren  im 

555 


Lüneburger  Ratssilberschatz  findet.  Der  vielseitige,  etwas  sagenhafte  AUGUSTIN 
HIRSCHVOGEL  in  Nürnberg  tritt  mit  ornamentalen  Entwürfen  erst  um  1540  her- 
vor, als  sich  bereits  neue  Formenelemente  einstellten.  Unter  den  drei  Meistern 
HOPFER  in  Augsburg,  Daniel,  Hieronymus  und  Lambert,  ist  Daniel,  [gest.  1536,] 
am  begabtesten  und  originellsten.  Er  wagte  sich  an  Plafonds,  Wandtäfelungen, 
Chorgestühle,  Möbel,  Monstranzen  und  anderes  mehr  und  übertrifft  in  der  Aus- 
dehnung seiner  Interessen  wohl  sämtliche  Stecher  seiner  Zeit.  Weit  bedeuten- 
der ist  sein  Landsmann  HANS  BURGKMAIER,  dessen  Gemälde  und  Holzschnitte 
eine  wahre  Fundgrube  für  die  Ausstattung  des  Hauses  an  Möbeln,  Geräten  und 
Gefägen  in  reiner  Renaissance  sind.  Aber  er  gehörte  wie  Dürer  nicht  zu  den  Mei- 
stern, die  Ornamente  zum  Zwecke  der  Verbreitung  zeichneten.  D 

HOLBEIN  wäre  berufen  gewesen,  nach  Dürer  in  der  deutschen  Kunstwelt  die 
führendeRolle  zuübernehmen.  SeinSinn  für  das  Tragische,  sein  scharfes  Erfassen 
des  Wesentlichen  in  Situation,  Stimmung  und  Charakter,  die  Klarheit  seiner  For- 
men, seine  Vorliebe  für  das  historische  Gebiet  und  für  die  Allegorie,  die  mit  dem 
allgemeinen  Zeitgeschmack  zusammen  traf,  und  seine  engen  Beziehungen  zu  den 
ersten  Humanisten  der  Zeit  hätten  ihn  dazu  in  vollem  Maße  befähigt.  Das  italie- 
nische Formengefühl  entsprach  durchaus  seiner  Natur.  Er  brauchte  es  sich  nicht 
wie  Dürer  zu  erringen,  er  besag  es.  Selbst  bei  vielfigurigen  Titelumrahmungen 
wußte  er  inhaltliche  und  ornamentale  Wirkung  übersichtlich  zu  verbinden.  Seine 
Entwürfe  für  Gefäge,  Becher  und  Pokale  [Abb.  453],  die  im  17.  Jahrhundert  von 
Wenzel  HoUar  nachgestochen  wurden,  offenbaren  ein  Gefühl  für  die  Reinheit  der 
Linie,  der  Profile  und  Verhältnisse,  das  keinemanderen  in  gleichemMage  eigen  ist. 
Aber  die  meisten  kunstgewerblichen  Arbeiten  blieben  Skizzen.  Außerdem  hinderte 
ihn  der  mehrfache  Wechsel  im  Wohnsitz,  dauernde  Fühlung  mit  dem  Handwerk 
zu  gewinnen.  Aus  beiden  Gründen  übte  er  keinen  entsprechenden  Einfluß  aus  und 
drang  fast  nur  durch  seine  Metall-  und  Holzschnittzeichnungen,  die  er  für  Baseler 
Drucker  entwarf,  in  weitere  Kreise.  D 

Wegen  des  geringen  Formates  ihrer  Arbeiten  pflegt  man  eine  Reihe  von  Orna- 
mentstechern unter  dem  Namen  KLEINMEISTER  zusammenzufassen.  Außer  eini- 
gen Monogrammisten  und  Anonymen  sind  es  in  Nürnberg  vor  allem  die  Brüder  Hans 
Sebald  und  Bartel  Beham  und  Georg  Penz;  in  Westfalen  Heinrich  Aldegrever,  der 
bedeutendste  der  ganzen  Gruppe,  in  Erfurt  Hans  Brosamer  und  in  Köln  Jacob 
Binck.  Sie  pflegen  fast  ohne  Ausnahme  den  Kupferstich  und  führen  den  Grab- 
stichel mit  einer  außerordentlichen  Feinheit  und  Sorgfalt.  Die  Haupttätigkeit  der 
Nürnberger  Meister  fällt  zwischen  1520—1530,  die  Aldegrevers  zwischen  1530  bis 
1540.  Seine  zweite  Stecherperiode,  etwa  von  1549 — 1553,  besitzt  nicht  mehr  ganz 
dieselbe  Bedeutung.  Aldegrever  steht  in  seinen  Anfängen  unter  süddeutschen 
und  niederländischenEinflüssen,  weiß  diese  aber  bald  zu  voller  Eigenart  zu  vereini- 
gen und  dem  norddeutschen  Geschmack  anzupassen.  Vielleicht  wurde  ihm  das 
erleichtert,  weil  er  nie  in  Italien  war  und  das  Neue  bereits  in  nordischer  Verarbei- 
tung erhielt.  Neben  der  Vielseitigkeit  seiner  Geräte  und  Motive  —  er  beschränkt 
sich  keineswegs  auf  Hoch-  und  Querfüllungen,  sondern  gibt  auch  Dolchscheiden, 
Schnallen,  Klapplöffel,  Schmuck  usw.  —  ist  eine  gewisse  Breite  der  Behandlung 

556 


und  seine  bereits  erwähnte  Nei- 
gung zur  Unsymmetrie  charakte- 
ristisch. Das  reiche  Bild,  das  die 
grof^eZahl  seiner  Ornamentstiche 
bietet,  wird  durch  seine  Tätig- 
keit als  Porträtstecher  und  Maler 
erweitert.  Er  soll  auch  Gold- 
schmiedearbeiten gemacht  haben, 
aber  bis  jetzt  sind  noch  keine  nach- 
gewiesen. AuchBROSAMER  wird 
als  Goldschmied  genannt  und  er- 
innert in  seinem  Interessenkreis 
daran.  Formal  scheint  er  manches 
von  Altdorfer  übernommen  zu 
haben.  Sämtliche  Kleinmeister 
kopieren  oder  variieren  häufig 
italienische  Blätter  oder  die  ihrer 
deutschen  Kollegen.  Selbst  Alde- 
grever  sah  darin  nichts.  Am  wei- 
testen ging  Jacob  Binck,  bei  dem 
von  Selbständigkeit  und  Eigenart 
nur  schwer  zu  reden  ist.  —  Der- 
jenige Künstler,  der  wohl  am  mei- 
sten auf  das  Kunsthandwerk  der 
F'rührenaissance,  ja  noch  weit 
über  diese  Zeit  hinaus  eingewirkt 
hat,  ist  PETER  ELÖTiNER.  Er  ge- 
hört zu  den  Großen  des  Jahrhunderts,  auch  wonn  er  nicht  die  Tiefe  eines  Dürer 
iiiul  i\vn  Flrnst  eines  Holbein  hat.  In  der  Flüssigkeit  und  der  Reinheit  seiner  For- 
men erinnert  er  an  letzteren.  Daß  er  in  Italien  war,  steht  auf^er  Zweifel,  obwohl 
es  nicht  ausdrücklich  bezeugt  ist.  Wir  wissen  über  seinen  Lebensgang  überhaupt 
wenig  Sicheres.  Er  kam  1522  nach  Nürnberg  und  starb  dort  \'->M\  152t>  wird  er  in 
Mainz  gewesen  sein,  deiui  der  dortige  Marktbrinmen  trägt  diese. Jahreszahl  uiul  sein 
Monogramm.  Über  die  Zuschreibung  seiner  Werke  gehen  die  Meinungen  zum  Teil 
noch  auseinander,  denn  abgesehen  von  seinen  Holzschnitten,  die  länger  bekannt 
waren,  ist  er  erst  in  den  neun/.iger.Iahrendes  vorigen. lahrhunderts  wieder  entileekt 
wordiMi.  Der  Schreib-  und  Rechenmeister  Johann  Neudörfer  [gest.  1563]  sagt  in 
si'iiien  Nachrichten  über  Nürnbergs  Künstler  imter  anderem  über  ihn:  'Seine  I.ust 
in  tägliclier  Aiheit  war  in  wei(->ein  Stein  zu  sehneiden.  Das  waren  aber  nicht  ande- 
res denn  Historien,  den  (loldsehmiedcn  zum  Treiben  und  Gief>en.  damit  sie  ihre 
Arbeiten  bekleideten,  geordnet.  In  I'erspektiv  und  Maf>werk  war  er  also  erfah- 
ren, da(^  ich  achte,  so  nebenbeuieltcr  \'eit  Stoft  [der  Bildhauer]  gelebt  hätte,  er 
würde  ihm  den  Preis  zugelassen  haben,  und  wo  er  einen  Verleger  gehabt  liätto, 
würde  er  in  groj'>en  Werken  nicht  wiMiiger  denn  in  kleinen  Dini^en  gewaltig  ;^e- 


D  Abb.  456:    Virgil  Solls.    Holzschnitt  aus  dem  Neuen  Testament  mit  Rollwerkumrahmung  D 

west  sein,  wie  denn  das  steinerne  Kamin  in  des  Hirschvogels'Haus  am  Schwaben- 
berg wohl  Zeugnis  gibt.'  Das  sind  kurze,  aber  schwerwiegende  Angaben,  die  auf 
eine  vielseitige  Begabung  und  Tätigkeit  schliefen  lassen.  In  weiteren  Kreisen 
waren  die  Holzschnitte  und  die  in  Stein  geschnittenen  Historien  am  einflufireich- 
sten.  Die  letzteren  sind  kleine  runde  oder  viereckige  Platten  mit  Reliefdarstel- 
lungen, die  Flötner  abformte,  in  Blei  gog  und  die  Abgüsse  als  Modelle  für  Gold- 
schmiede, Zinngieger  und  andere  Handwerker  verkaufte.  Vielleicht  verkaufte  er 
auch  schon  die  geschnittenen  Steine  und  überlieg  die  weitere  Verbreitung  ande- 
ren. Von  den  steinernen  Originalen  existiert  nur  noch  eine  kleine,  zum  Teil  mit 
seinem  Monogramm  bezeichnete  Zahl.  Häufiger  sind  die  Bleiabgüsse.  Sie  zeigen 
alle  eine  leichte,  elegante  Formenbehandlung  und  frische  Erfindungsgabe.  Die 
Figuren  bewegen  sich  frei  und  sicher,  die  Gewandung  hat  alles  Knitterige  ver- 
loren und  fällt  einfach  und  lose.  Die  Landschaft  spielt  eine  wesentliche  Rolle  und 
tritt,  ähnlich  wie  bei  Altdorfer,  hier  und  da  fast  selbständig  auf.  Inhaltlich  be- 
handelt er  allegorische,  religiöse,  antike  und  mythologische  Szenen  gleichmäßig 
gern.  Wie  beliebt  diese  kleinen  Reliefs  waren,  beweisen  noch  heute  im  Süden 
und  im  Norden  von  Deutschland  die  vielen  Arbeiten,  zu  denen  sie  benutzt  sind. 
Sie  wurden  bereits  gegen  Ende  des  16.Jahrhunderts  von  Kunstfreunden  gesammelt 
und  hoch  bezahlt.  □ 

Ihnen  stehen  in  ihrer  ganzen  Art  die  Porträt-Medaillen  nahe,  aber  diese  haben 
naturgemäß  keine  so  weite  Verbreitung  gefunden.  Dagegen  sind  die  Holzschnitte 

558 


G 


% 


.lOST  AMMAN     lU  CUTITII, 
KOLLWKK'K    MIT   FUaKKN 


D   Abb.  457:  Georg  Wechter.  Entwurf  zu  einem  Humpen   D 


wieder  von  ausgedehntem  Einfluß 
gewesen.  Flötner  beherrschte  die 
Architektur-  und  Ornamentfor- 
men der  Renaissance  mit  dersel- 
ben Sicherheit  wie  das  Figürliche. 
Dabei  behandelte  er  seine  Ent- 
würfe nicht  als  ornamentale  Ge- 
bilde, bei  denen  die  Phantasie 
leichtmit  der  Zeichenfeder  durch- 
geht, sondern  streng  sachlich  und 
tektonisch,  so  dag  sie  ohne  wei- 
teres ausgeführt  werden  könnten. 
Sie  haben  mitunter  etwas  Mageres 
und  Kühles,  das  sie  Italien  näher 
bringt  als  die  Entwürfe  anderer 
Meister.  Folgenreich  war  für  die 
Zukunft  eine  Ornamentgattung, 
die  er  als  einer  der  ersten  pflegte, 
die  MAURESKE  [Abb.  455].  Die 
Maureske  kam  aus  dem  Orient  und 


ist  ein  reines  Flächenornament 
aus  schematischen  Linien  mit  streng  stilisierten  Blättern  und  Blüten.  Freilich  er- 
schien das  vonFlötner  gezeichnete  reichhaltige  Maureskenbuch,  das,  beiWyssen- 
bach  in  Zürich  gedruckt,  in  hohem  Maße  zur  Verbreitung  der  Maureske  beitrug, 
erst  1548,  also  zwei  Jahre  nach  seinem  Tode.  Inzwischen  hatten  sich  ihrer  auch 
einige  andere  führende  Meister  bemächtigt.  D 

Ungefähr  gleichzeitig  tauchte  ein  zweites  neues  Ornamentmotiv,  das  ROLL- 
WERK [  Abb.456  j,  auf.  Dies  entstand  aus  Anfängen,  die  ins  15.  Jahrhundert  und  weiter 
zurückgehen,  und  beschränkte  sich  ursprünglich  auf  den  Rand  von  Kartuschen, 
Tafeln  und  Geräten,  ohne  mitBewugtsein  als  künstlerisch  ausbildungsfähig  behan- 
delt zu  werden.  Das  begann  erst  in  den  vierziger  Jahren.  Schon  von  der  Ziertafel  auf 
Holbeins  Holzschnitt  des  Erasmus  von  Rotterdam  im  Gehäus  bis  zum  reifen  Roll- 
werk ist  nicht  mehr  weit.  Seiner  Herkunft  gemäg  trat  es  auch  später  besonders 
gern  an  Kartuschen  und  Rahmen  auf.  Es  wurden  auch  zweiRahmen  übereinander 
gelegt  und  durcheinandergesteckt.  Die  verschlungenen  Formen  wurden  dann  als 
Tragegerüst  für  Grotesken,  Früchte  und  Buketts  ausgenutzt  [siehe  TafelJ.  Daneben 
ging  das  Rollwerk  eine  Verbindung  mit  der  Maureske  ein,  so  dag  es  zum  Flächen- 
ornament ward.  Eins  der  ersten  Beispiele  dieser  Kombination  ist  eine  1546  da- 
tierte Handzeichnung  von  Wenzel  Jamnitzer  in  der  Ornamentstichsammlung  des 
Kunstgewerbe-Museums  zu  Berlin.  Seit  1550  übte  das  Rollwerk  für  30—40  Jahre 
eine  fast  absolute  Herrschaft  aus.  Es  konnte  für  sich  den  Ruhm  in  Anspruch  neh- 
men, seit  der  Antike  die  erste  durchaus  neue  Ornamentform  zu  sein.  Wo  es  eigent- 
lich entstand,  ob  in  Italien  oder  in  den  Niederlanden,  ist  bisher  nicht  genügend 
untersucht  worden.  Jedenfalls  ist  es  hier  und  in  Deutschland  lebhafter  ergriffen 
560 


und  charakteristischer  entwik- 
kelt,  weil  das  Bewegtverschlun- 
gene und  Flächenauflösende  dem 
deutschen  Empfinden  mehr  ent- 
sprachalsdemitalienischen.  Inso- 
fern lebte  das  Formgefühl,  das  der 
Gotik  zugrunde  lag,  wieder  auf. 
Der  durch  seine  zahlreichen 
Kupferstiche,  Holzschnitte  und  il- 
lustrierten Bücher  einflußreichste 
Meister  der  Übergangszeit  war 
VIRGIL  SOLIS  11514  — 1562]  in 
Nürnberg  |Abb.  454  und  456 1.  Er 
machte  sich  über  Entlehnungen 
keine  Gedanken,  ebensowenig 
wie  ihn  die  Benutzung  seiner 
Werke  durch  andere  verstimmt 
haben  wird.  Sein  Nachfolger,  der 
ihn  an  Fruchtbarkeit  und  Vielsei- 
tigkeit noch  übertraf,  war  JOST 
AMMAN.  Amman  stammte  aus 
Zürich,  kam  1560  nach  Nürnberg 

und  arbeitete  dort  bis  1591.  Seine    Abb.  458:   Paul  Flindt.  Entwurf  zum  Oberteil  eines  Fokales 

Kriegs-,  Turnier-,  Jagd-,  Trachten-  und  Wappenbüchcr,  seine  illustrierten  Bibeln, 
seine  Ausgaben  antiker  Schriftsteller  fanden  ihren  Weg  in  ungezählte  Werkstätten 
im  Süden  und  im  Norden  Deutschlands  und  bildeten  überall  eine  beliebte  Quelle 
der  Anregung  [siehe  Tafel |.  GEORG  WECIITER  [Abb.  457 1,  der  zwischen  1570 
und  16;i0  in  Nürnberg  tätig  war  und  PAUK  I*'L1NDT  [Abb.  458 1  in  Nürnberg  jyest. 
um  1()20|  pflegten  besonders  das  Rollwerk  als  Flächenornament  im  gitter-  oder 
handwerkartigen  Charakter.  Gegen  Ende  des  Jahrhunderts  hörte  die  ausschließ- 
liche Verwendung  des  Hollwerks  allmählich  auf  und  hielt  sich  unter  l-]rschlaffung 
der  Linienführung  und  Ineinaiulergehen  der  Formen  längere  Zeit  nur  noch  an  Kar- 
tuschen. Es  wai'  im  (ii-imde  mehr  ein  übtM'drüssiges  Abschwenken  als  ein  Weiter- 
entwickeln. D 
Die  Kunst  der  Meister  aus  der  ZWEITEN  HÄLFTE  DES  JAHRHINDEKTS 
macht  einen  flüssigen  I-lindruck.  Alles  ist  scheinbar  mühelos,  leicht,  schnell  und 
sicher  hingeworfen.  Die  Perspektive  und  die  Symmetrie  wurden  wie  etwas  Altge- 
wohntes beherrscht.  Die  l*'iguren  bewegen  sich  ohne  Hefantienheit  und  Steifheit. 
Der  Faltenwurf  hat  alles  Knitterige  verloren.  Die  architektonischen  Formen  iler 
Italiener  undder  Antike  wurden  ihrem  konstruktiven  Sinn  entsprechend  gebraucht. 
Alle  I'^ormen  sind  tektonischer  imd  straffer  m'worden,  das  Weiche.  Lappige,  Quel- 
lende der  I''rührenaissance  ist  ^eschwmulen.  Dabei  ^ing,  unterstützt  durch  eine 
Steigerung  der  technisihen  l''ähigkeiten,  das  Streben  auf  immer  größeren  Reich- 
tum.  Die  Gegenstände  wurden  f(")rmlich  mit  (Ornament  überspoimen.        Auch  in 

;j(J    •   Cit'schiehti'  di's  Kunsli{cwerlir>  5(^( 


der  Grundstimmung  besteht  ein  wichtiger  Unterschied  gegen  die  frühere  Zeit. 
Die  Anschauungen:  Wir  stehen  den  ItaHenern  nach,  wir  müssen  alles  tun,  um  sie 
zu  erreichen,  wir  müssen  sie  schön  finden,  selbst,  wenn  wir  ihre  Art  nicht  ver- 
stehen, die  sind  gewichen  und  haben  dem  Ruhe  gebenden  Gefühl  des  Könnens 
Platz  gemacht.  Das  Vertrauen  zur  Eigenen  Art  und  zur  Eigenen  Kraft  war  wieder 
da.  Die  Künstler  fragten  sich  nicht  mehr  ängstlich,  ist  das  auch  richtig,  was  ich 
gemacht  habe,  sondern  schickten  ihre  Werke  mit  einem  beträchtlichen  Selbstge- 
fühl und  einer  wohltuenden  Gleichgültigkeit  gegen  die  Kritik  in  die  Welt  hinaus. 
Dabei  hörte  selbst  in  der  buntesten  Rollwerkzeit  das  Arbeiten  im  Hinblick  auf  die 
Antike  mit  den  Fahrten  nach  Italien  nicht  auf.  Selbst  der  in  der  zweiten  Hälfte 
des  Jahrhunderts  bis  nach  Süddeutschland  vorgedrungene  niederländische  Ein- 
fluß, der  in  Männern  wie  Theodor  de  Bry  in  Frankfurt  a.  M.  und  Peter  Candid  in 
München  zur  Erscheinung  kam,  nahm  seinen  Weg  über  Italien.  Von  dort  kam  spä- 
ter auch  zum  Teil  die  Reaktion  gegen  die  übertriebene  Häufung  der  Formen  und 
Motive.  Es  setzte  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  das  entschiedene  Streben  ein, 
den  kleinlichen  Ornamentwust  zu  überwinden  und  wenige  Motive  in  einem  größe- 
ren Magstabe  klar  herauszuarbeiten.  Die  Wirkung  wurde  nicht  mehr  in  der  Zier- 
lichkeit, sondern  in  der  Wucht  der  Formen  gesucht,  und  das  Ornament  betonte  einige 
Punkte,  anstatt  das  Ganze  zu  überziehen.  Freilich  nahm  die  Willkür  in  der  Linien- 
führung zu.  —  Die  neuen  Rathäuser  in  Nürnberg  und  Augsburg  sind  die  wichtig- 
sten bürgerlichen  Denkmäler  dieser  Richtung.  Sie  zeigen  zum  ersten  Male  die 
wohltuende  Weiträumigkeit  und  HeUigkeit  italienischer  Bauten.  Die  Eingänge, 
Korridore  und  Treppen  sind  architektonisch  gleichwertig  mit  den  Sälen  behandelt 
und  breit  und  bequem.  Die  Decken,  Täfelungen,  Öfen  —  alles  verrät  einen  ent- 
schiedenen Zug  ins  Große  und  Energische  und  weist  auf  die  Kunst  des  deutschen 
Barocks  hin.  Wie  immer  dauerte  es  längere  Zeit,  bis  die  alte  Manier  verschwun- 
den war.  Sie  hielt  sich  in  der  Kleinkunst  teilweise  bis  ins  dritte  Jahrzehnt  des 
17.  Jahrhunderts.  □ 

Eine  geschichtUch  nicht  uninteressante  NEBENSTRÖMUNG  bildete  eine  Be- 
wegung, die  gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts  infolge  gewisser  Entwicklungs- 
stockungen in  akademischer  Weise  an  die  Spätgotik  anzuknüpfen  suchte.  Sie  fand 
eine  Stütze  an  einigen  hier  und  da  nicht  geschwundenen  Gotizismen  und  an  dem 
entschiedenen  Interesse  der  Zeit  für  alles  Historische,  verlief  aber  als  gekünstelt 
im  Sande.  Man  merkt  durchaus,  daß  das  eigentliche  gotische  Formempfinden 
längst  verloren  gegangen  war  und  sich  die  Bemühungen  auf  Äußerlichkeiten  be- 
schränkten. Unter  den  Zeichnern  gab  WENDEL  DIETTERLEIN  in  seiner  1593  er- 
schienenen 'Architektura'  verschiedene  Beispiele.  Er  ging  in  der  Willkür  und  der 
Verwilderung  der  Formen  an  die  Grenze  des  Vorstellbaren.  D 

NÜRNBERG  behielt  bis  zum  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  seinen  alten  Ruf,  auf 
allen  Gebieten  die  geschicktesten  Meister  zu  beherbergen.  AUGSBURG  rivali- 
sierte mit  ihm  auf  vielen  Gebieten.  Es  gehörte  zu  den  wenigen  freien  Städten,  die 
nach  dem  30jährigen  Kriege  nicht  an  Bedeutung  abnahmen.  Im  übrigen  traten  seit 
der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  die  Residenzstädte  in  den  Vordergrund.  Sie  zogen 
auch  die  künstlerischen  Kräfte  immer  ausschließlicher  an.  Nicht  bloß  vorüber- 

562 


gehend  für  die  Erweiterung,  den  Neubau  und  die  Ausstattung  einiger  Schlösser, 
sondern  dauernd  und  vielfach  schulbildend.  Die  bayerischen  und  sächsischen 
Fürsten  brachten  der  Kunst  ein  reges  persönliches  Interesse  entgegen  und  füllten 
ihre  Kunstkammern  mit  auserlesenen  Stücken,  die  zum  Teil  noch  heute  durch 
Geschmack,  Kostbarkeit  und  kunstvolle  Technik  unsere  höchste  Bewunderung 
erregen.  Herzog  Albrecht  V.  von  Bayern  legte  den  Grund  zu  dem  seither  nicht 
wieder  erloschenen,  regen  Kunstleben  in  München.  Er  beschäftigte  zu  Anfang 
seiner  Regierung  den  Maler  Hans  Mielich  und  berief  später  zu  größeren  Aufga- 
ben den  schon  erwähnten  Peter  Candid,  der  noch  unter  Wilhelm  V.  und  Maximi- 
lian I.  die  beherrschende  Stellung  unter  zahlreichen  Künstlern  einnahm.  Die 
Kurfürsten  Christian  I.  und  Christian  IL  machten  Dresden  zum  Kunstzentrum  der 
sächsischen  Länder.  Kaiser  Rudolf  II.  zog  während  seiner  langen  Regierung  auf 
den  Hradschin  in  Prag  eine  Schar  von  berühmten  Meistern  zusammen,  aber  was 
sie  schufen,  ist  größtenteils  zerstreut.  Mit  den  Fürsten  trat  die  Kirche  wieder 
mehr  als  Auftraggeberin  hervor,  und  zwar  jetzt  keineswegs  die  katholische  allein. 
Wenn  die  evangelische  Konfession  auch  nur  ein  geringes  Bedürfnis  nach  neuen 
Gebäuden  hatte,  da  die  übernommenen  durchweg  genügten,  so  bot  sie  doch  dem 
Kunstgewerbe  auf  den  verschiedensten  Gebieten  Gelegenheit  zu  zahlreichen  und 
grot3en  Arbeiten.  D 

In  FRANKREICH  nahmen  die  Dinge  einen  wesentlich  anderen  Gang.  Frank- 
reich litt  nicht  in  dem  Maße  wie  Deutschland  unter  politischer  Zerrissenheit.  Das 
Königtum  hatte  zwar  noch  keine  absolute  Stellung,  besaß  aber  im  Gegensatz  zum 
deutschen  Kaisertum  eine  wohlgegründete  Macht.  Neben  ihm  gab  es  anstatt  des 
Wirrwarrs  von  Fürsten,  Grafen  und  Herron  in  Deutschland,  nur  eine  kleine  Zahl 
von  mehr  oder  weniger  selbständigen  Herzögen.  Die  Renaissance  drang  mehr 
durch  Förderung  von  oben  her,  als  durch  das  Volk  selbst  ein.  Wieder  sehr  im 
Gegensatz  zu  Deutschland.  Aber  wenn  die  Franzosen  es  lieben,  schon  im  16.  Jahr- 
hundert diejeweilige  Kunstrichtung  nach  ihren  Kiinigen  zu  benennen,  so  bezeichnet 
das  doch  mehr  die  Zeit  als  einen  einheitlichen  Stil,  denn  die  nördlichen  Provinzen 
lehnen  sich  an  die  Niederlande,  die  südöstlichen  naturgemäß  an  Italien  an  und  in 
der  Ile  de  France  lief  neben  einer  nationalen  Richtung  eine  italienische  her,  die 
durch  die  Beschäftigung  italienischer  Meister  von  selten  der  in  Italien  politisch 
stark  interessierten  Könige  hervorgerufen  und  genährt  wurde.  Zwar  haben  Männer, 
wie  Lionardo  da  Vinci,  der  in  Frankreich  starb  und  begraben  ward,  und  .Andrea 
del  Sarto  nicht  sehr  nachhaltig  gewirkt,  aber  sie  bereiteten  doch  ilen  Hoden  für 
s|)äter  folgende  Meister  und  für  die  Aufnahme  der  Renaissanceformen  überhaupt. 
|]s  ist  schon  für  das  nähere  Verhältnis  und  die  Verwandtschaft  der  beiden  Länder 
bezeichnend,  daß  ein  Maim  wie  Lionardo  iiherhau[)t  nach  Frankreich  kam.  Man 
vcisuche,  sich  ihn  iigenilwü  in  Deutschland  zu  denken!  In  Nürnberg?  In  Kolny 
Im  Lübeck?  Es  ist  unmöglich.  D 

I''RANZ  I.  berief  später  15H0  Rosso  und  Priniaticcio.  die  besonders  im 
Schlosse  /.u  i-'oiitainebleau  tätig  wai-eii  und  als  (iriinder  der  nach  demselben  be- 
nannten Scinile  einen  gewisseiiRuf  erwarben.  (lirolamo  dellaRobbia,  ein  Mitglied 
der  bekannten  l-ion-ntiner  Töpfeifanülie,  arbeitete  lange  .lahre  für  I'ranz  I.  und 

3()*  5t>3 


starb  1566  in  Paris.  —  Im  Jahre  1537  kam  auch  Benvenuto  Cellini  auf  Einladung 
des  Königs,  war  aber  zumBleiben  nicht  zu  bewegen  und  reiste,  mit  der  Herstellung 
einer  silbernen  Schüssel  und  einer  Kanne  beauftragt,  wieder  nach  Italien  zurück. 
1540  folgte  er  einer  erneuten  Berufung,  die  zu  einem  mehrjährigen  Aufenthalt  in 
Paris  führte.  Er  besag  hier,  wenn  man  seinen  ruhmredigen  Erzählungen  trauen 
darf,  eine  große  Werkstatt  und  fertigte  für  den  König  unter  anderem  das  goldene 
Salzfaß,  das  sich  jetzt  im  Hofmuseum  in  Wien  befindet.  Er  wurde  jedoch  keines- 
wegs so  bodenständig  wie  seine  beiden  anderen  Landsleute  und  zog  schließlich 
wieder  davon,  weil  er  sich  zurückgesetzt  und  verfolgt  glaubte.  D 

Unter  Heinrich  IL  und  dessen  nachfolgenden  Söhnen  kamen  durch  Katharina 
von  Medici  zu  den  politischen  Interessen  die  Bande  der  Verwandtschaft  hinzu. 
Sie  äußerten  sich  im  allgemeinen  weniger  durch  Berufung  von  italienischen  Künst- 
lern als  dadurch,  daß  französische  Meister  zu  Studienzwecken  nach  Italien  ge- 
schickt wurden.  Auch  schon  deshalb  das  gesundere  Prinzip,  weil  es  die  Empfind- 
lichkeit der  eigenen  Landsleute  schonte!  So  sind  der  Louvre,  der  1546  im 
letzten  Lebensjahre  Franz  I.  begonnen  wurde,  und  die  Tuilerien,  Schöpfungen 
französischer  Meister.  Unter  den  Architekten  sind  vorzugsweise  Jacques  Androuet- 
Ducerceau,  Philippe  de  l'Orme  und  Pierre  Lescot  zu  nennen,  unter  den  Bildhauern 
Jean  Goujon  und  Germain  Pilon.  □ 

Die  Herzöge  pflegten  die  einheimischen  Meister  zu  bevorzugen.  Unter  der 
Nachwirkung  der  Steinm.etzhütten  der  großen  Kathedralen  entstanden  zur  Zeit 
der  Frührenaissance  eine  Reihe  von  Schloßbauten  und  Grabdenkmälern,  die  bei 
glänzendem  Können  ausgesprochen  nationalen  Stil  zeigen.  Das  Grabmal  des  Kar- 
dinals Amboise  in  der  Kathedrale  zu  Rouen  von  Rolland  Leroux  und  das  Grabmal 
Franz  I.  von  Bi  etagne  und  der  Margarete  de  Foix  in  der  Kathedrale  zu  Nantes  von 
Michel  Colombe  sind  Werke  ersten  Ranges.  □ 

Die  Renaissance  beschränkte  sich  wie  in  Deutschland  anfangs  auf  das  Orna- 
mentale und  änderte  den  konstruktiven  Gedanken  nur  langsam.  Durch  die  im 
Vordergrund  stehenden  Schloßbauten  erhielten  die  Formen  einen  großen  Zug  — 
im  Gegensatz  zu  Deutschland,  wo  es  an  monumentalen  Aufgaben  fehlte  und  die 
Renaissance  auf  dem  Zeichenpapier  und  in  der  Kleinkunst  aufwuchs.  Ein  natür- 
licher Geschmack  verließ  die  Franzosen  auch  im  größten  Reichtum  nicht.  Dafür 
fehlte  ihnen  der  tiefe  Ernst,  der  in  der  deutschen  Kunst  häufig  Ungeschicklich- 
keiten übersehen  läßt.  Die  Malerei  spielte  im  ganzen  16.  Jahrhundert  eine  unbe- 
deutende Rolle.  Ebenso  waren  die  graphischen  Künste  wenig  entwickelt  und  ge- 
wannen nur  in  den  Ornamentstichen  von  Ducerceau  und  Etienne  Delaulne  einen 
allgemeinen,  auchDeutschland  berührenden  Einfluß.  Sonst  befand  sich  Frankreich 
auf  diesem  Gebiet  in  starker  Abhängigkeit  von  seinen  Nachbarländern.  Die  Email- 
werkstätten inLimoges  deckten  ihren  Bedarf  an  Vorlagen  zum  guten  Teil  in  Italien 
und  Deutschland.  D 

Die  NIEDERLANDE  standen  bis  zur  Abdankung  Karl  V.  und  dem  bald  darauf 
beginnenden  Freiheitskriege  der  nördlichen  Provinzen  in  engen  Beziehungen  zum 
Deutschen  Reich.  Sie  hatten  im  15.  Jahrhundert  eine  reiche  Blüte  in  Kunst  und 
Kultur  gehabt,  der  zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  eine  gewisse  Abspannung  folgte. 

564 


D  Abb.  459  und  460:   Hans  Collaert.  Entwürfe  zu  Anhängern  D 

Immerhin  war  Lucas  van  Leyden  eine  bedeutende  Erscheinung.  Um  die  Mitte  des 
Jahrhunderts  setzte  ein  neuer  Aufschwung  ein,  der  bald  über  die  Grenzen  hinaus 
wirkte.  Die  durch  ihre  Entwürfe  für  das  Kunstgewerbe  wichtigsten  Meister  waren 
der  vielseitige  Johannes  Vredeman  de  Vries  und  Hans  Collaert  |  Abb.  459, 460 1.  Peter 
Candid  und  Theodor  de  Bry,  die  nach  Deutschland  gingen,  sind  bereits  genannt. 

ENGLAND  nahm  die  Renaissanceform  nur  sehr  zögernd  auf.  Holbein  blieb 
stets  ein  Fremder,  der  für  den  internationale  Beziehungen  pflegenden  Hochadel 
und  deutsche  Kaufleute  arbeitete,  aber  nicht  vom  englischen  Volksempfinden  ge- 
tragen wurde.  Er  wurde  erst  später  populär.  In  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahr- 
hunderts gewann  Hollands  Einflulji  eine  bemerkenswerte  Ausdehnung.  D 

In  DÄNEMARK  kam  mit  dem  allgemeinen  Vordringen  des  Deutschtums  auch 
die  Kunst  in  starke  Abhängigkeit  von  Deutschland.  Doch  fand  sie  erst  unter  dem 
prachtliebenden  Christian  IV.  |1577 — 1648|  entschiedene  F'örderung  und  Pflege 
und  bei  dem  Bau  von  Rosenborg  und  Frederiksborg  gröl^ere  Aufgaben.  D 

2.  SCHREINERARBEITEN  ^  D 

Auf  dem  Gebiete  der  Schrcinerarbeitcn  nimmt  die  Ausstattung  des  Zinuners 
einen  wichtigen  Platz  ein.  Die  Zimmer  waren  im  allgemeinen  nicht  groli,  die 
Fenster  und  Türen  klein  und  die  Decke  niedrig.  Nicht  bloft  aus  Stilgefühl,  sondern 
wegen  des  rauhen  Klimas  und  der  unzuroicluMuien  Hei/.vorhältnisse.  Die  .\rmen 

565 


wärmten  sich  mit  Vorliebe  am  Herd,  ja  schliefen  dort.  Die  Wohlhabenden  hatten 
zwar  Kamine  oder  Öfen,  aber  beide  genügten  nicht.  Deswegen  suchte  man  das 
Eindringen  der  Kälte  durch  Wandteppiche  und  Holztäfelungen  zu  verhindern. 
Diese  bedeuteten  damals  also  beide  keineswegs  einen  blogen  Zimmerschmuck, 
sondern  dienten  in  erster  Linie  praktischen  Aufgaben,  die  allerdings  häufig  genug 
in  künstlerischem  Sinne  gelöst  wurden.  D 

Die  Wände  der  Wohnzimmer  waren  entweder  bis  zur  Decke  oder  etwa  bis  zu 
zwei  Drittel  der  Höhe  mit  Holz  verkleidet.  Die  freigebliebenen  Teile  wurden  weig 
geputzt  und  mit  Wandmalereien  versehen  oder  mit  Teppichen  und  gerahmten  Öl- 
gemälden behängt.  Tapeten  gab  es  noch  nicht.  Mit  der  Täfelung  waren  häufig 
Bänke  fest  verbunden.  Nischen  und  Ecken  benutzte  man  gern  zu  Schränken  und 
Fächern,  so  dag  die  Zahl  der  Möbel  wesentlich  geringer  war  als  heute.  Die  Decke 
bestand  aus  Holz,  der  Fugboden  vielfach,  aber  nicht  immer.  D 

Holztäfelungen  sind  in  größerer  Zahl  erhalten.  Dag  dies  meist  die  künstle- 
risch wertvollen  und  reichen  sind,  ist  erklärlich,  denn  die  einfachen,  die  nur  ihren 
praktischen  Zweck  erfüllten,  wurden  weniger  beachtet  und  geschont.  Ein  be- 
kanntes Beispiel  der  letzten  Art  ist  das  Wohnzimmer  im  Dürerhaus  zu  Nürnberg. 

Die  gotischen  Täfelungen  haben  ein  ziemlich  enges,  fein  profiliertes  Rahmen- 
werk, dessen  obere  Felder  gern  mit  durchbrochenen  oder  flachen  Mag-  und  Blatt- 
werkschnitzereien gefüllt  sind,  nur  die  reichen  entlehnten  ihre  Motive  der  Archi- 
tektur und  endigen  in  Spitzbögen  mit  Krabben  und  Kreuzblumen,  oder  in  Balda- 
chinen mit  Figuren  und  Fialen.  D 

Die  Renaissancetäfelung  baut  sich  anders  auf.  Die  Frührenaissance  führte  als 
wichtigstes  Motiv  den  Rhythmus  in  der  Teilung  durch  flache,  weit  gestellte  Pilaster 
ein.  Diese  tragen  ein  in  antikischer  Manier  gebildetes  vorspringendes  Gebälk,  das 
dem  Zimmer  in  beherrschender  Weise  eine  Horizontale  gibt  und  bald  glatt  durch- 
läuft, bald  den  Pilastern  entsprechend  durch  Verkröpfungen  geteilt  ist.  Der 
Fries  ist  der  bevorzugteste  und  oft  der  einzige  Platz  für  Schnitzereien,  die,  wenn 
es  nicht  Triglyphen  und  Metopen  mit  Stierschädeln  und  Rosetten  sind,  fast  immer 
aus  Ranken  bestehen.  Diese  ziehen  sich  je  nach  Art  des  Gebälks  entweder  ohne 
Unterbrechung  hin  oder  sind,  denQuerfüllungenzwischen  den  Verkröpfungen  ent- 
sprechend, in  Einzelkompositionen  geteilt,  zu  denen  die  Ornamentstiche  der  Klein- 
meister mit  besonderer  Vorliebe  benutzt  wurden.  Zwischen  den  Pilastern  be- 
finden sich  oft  flache  arkadenartige  Blendbögen.  D 

Wird  die  Täfelung  zur  Decke  hochgeführt,  so  wiederholt  sich  über  dem  Gesims 
in  kleineren  Abmessungen  eine  ähnlicheTeilung.  Die  Tür  ist  einflügelig  und  pflegt 
durch  verstärkte  Pilaster  oder  freistehende  Säulen  mit  einem  besonderen  Gesims 
und  giebelartigem  Aufbau  hervorgehoben  zu  werden.  Der  Gesamteindruck  des 
Zimmers  ist  einfach  und  klar.  Der  Charakter  der  Fläche  bleibt  gewahrt.  D 

In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  trat  allmählich  ein  Wandel  ein,  hier 
schneller,  dort  langsamer,  aber  überall  mit  der  Tendenz  auf  grögeren  Reichtum, 
zu  dem  das  Rollwerk  und  die  Maureske  in  Form  von  Schnitzereien  und  Intarsien 
herangezogen  wurden.  Zugleich  änderte  sich  das  Kompositionsprinzip  des  Ganzen. 
Der  einzeln  stehende  Pilaster  genügte  nicht  mehr,  er  wurde  mit  einem  zweiten  ver- 

566 


einigt  und  so  gekuppelt  zur  Teilung  benutzt  oder  auch  durch  freistehende  Säulen, 
Karyatiden  und  Hermen  ersetzt.  Das  Motiv  des  Rundbogens  wurde  reicher  und 
plastischer  ausgebildet,  auch  tratenNischen,  Giebel,  Bekrönungen  und  Gesimse  an 
seine  Stelle,  so  dag  die  Fülle  der  Formen  oft  weit  über  die  wirkliche  Steinarchi- 
tektur hinausging  und  Ende  des  Jahrhunderts  zu  einer  völligen  Auflösung  der 
Fläche  führte.  Es  entstand  eine  ähnliche  Scheu  vor  der  leeren  Fläche  wie  zur  Zeit 
der  Spätgotik,  aber  mit  dem  sehr  bemerkenswerten  Unterschiede,  dag  sich  bei 
dieser  selbst  in  der  stärksten  Auflösung  die  innere  Funktion  der  Einzelform  und 
ihr  Zusammenhang  mit  dem  Ganzen  nie  verleugnete,  während  das  Renaissance- 
detail wie  draufgeklebt  aussieht  und  ganze  Teile,  ohne  die  Nachbarschaft  in  Mit- 
leidenschaft zu  ziehen,  abgelöst  werden  könnten.  D 

Den  Reichtum  der  Gliederung  steigerte  man  durch  eingefügte  Alabasterreliefs, 
Vergoldung,  verschiedenfarbige  Hölzer  und  vor  allem  durch  Intarsiaarbeit.  Diese 
hatte  ihre  Heimat  in  Oberitalien,  wo  sie  in  virtuoser  Weise  entwickelt  wurde.  Die 
italienischen  Schreiner  wagten  sich  bereits  im  15.  Jahrhundert  an  komplizierte 
Architektur-  und  Raumdarstellungen  und  studierten  in  bewußter  Konkurrenz  mit 
den  Malern  die  Gesetze  derPerspektive.  Ihre  Kunst  drang  durch  die  Schweiz  und 
Tirol  nach  Süddeutschland  und  kam  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  auch  nach  Nord- 
deutschland, hielt  sich  jedoch  in  ganzDeutschlandbezüglich  der  perspektivischen 
Darstellungen  in  bescheideneren  Grenzen.  Im  Ornamentalen  aber  entfalteten  die 
deutschen  Meister  eine  ähnliche  Reichhaltigkeit  der  Motive  und  eine  nicht  minder 
bewundernswerte  Geschicklichkeit.  □ 

In  Süddeutschland  wurden  bei  allen  Schreinerarbeiten  die  hellen  und  weichen 
Hölzer  vorgezogen.  Zu  Füllungen  nahm  man  mit  besonderer  Vorliebe  schön  ge- 
maserte Sorten.  In  Norddeutschland  fand  bis  über  die  Mitte  des  Jahrhunderts  hin- 
aus das  Eichenholz  fast  ausschließlich  Verwendung.  Mit  den  Einlegearbeiten 
stellten  sich  auch  die  hellen  Hölzer  ein.  Zu  derselben  Zeit  erschien  als  kostbare 
Auflage  überall  das  Ebenholz.  D 

Die  Decke  war  in  der  gotischen  Zeit  gewölbt  oder  flach  und  zeigte  bei  dem  aus- 
gesprochenen Sinn  für  das  Konstruktive  ungescheut  die  nebeneinander  liegenden 
langen  Balken.  Die  Wölbung  verschwand,  die  flache  Decke  hielt  sich  bis  ins 
17.  Jahrhundert  hinein,  indem  Balken  und  Zwischenräume  in  der  Weise  der  Re- 
naissance geschnitzt  und  bemalt  wurden.  Unter  dem  Einfluß  Italiens  wurde  für  das 
vornehme  getäfelte  Zimmer  die  Kassettendecke  Mode.  Zuerst  erhielten  die  langen 
Felder  zwischen  den  Balken  Füllungen  von  Vierecken,  Sechsecken  oder  Acht- 
ecken, die  in  der  vertieften  Mitte  meist  eine  Rosette  tragen.  Die  großen  Balken 
gaben  aber  noch  das  Hauptmotiv  und  eine  bestimmte  Richtung.  Mit  der  Zeit 
drängte  das  Prinzip  der  Renaissance  zu  Kompositionen,  die  in  der  Mitte  des  Rau- 
mes ihren  Mittelpunkt  hatten,  um  den  sich  symmetrisch  die  runden,  ovalen  und 
eckigen  Feldern  gruppierten.  D 

In  der  Sauberkeit  der  Arbeit  stehen  die  deutschen  Kassettendecken  den  Täfe- 
lungen kaum  nach,  hingen  sie  doch  meist  so  niedrig,  daß  das  Auge  ihnen  nahe  war, 
während  die  italienischen  oft  schon  durch  die  grobe  Arbeit  verraten,  daß  sie  für 
einen  hohen  Raum  berechnet  sind.  D 

567 


Abb.  4fil:   Feter 
Flötner.  Pilaster  aus 
dem  Hirschvogelsaal 
D  D 

568 


Aus  der  Frührenaissance  isf  ein  Saal  im  sogenannten  Hirsch- 
vogelhause in  Nürnberg  von  besonderer  Bedeutung.  Das  Haus 
wurde  im  Jahre  1534  für  die  Patrizierfamilie  Hirschvogel  — 
eine  andere  als  die,  welcher  der  Radierer,  Töpfer  und  Glas- 
maler Augustin  Hirschvogel  angehörte  —  im  Stile  der  ita- 
lienischen Frührenaissance  als  Anbau  an  ein  älteres  Vorderhaus 
errichtet.  Es  liegt  jetzt  in  der  Hirscheigasse,  befand  sich  aber 
damals  außerhalb  der  Stadtmauer  im  Garten- und  Villengelände. 
Es  ist  zweistöckig  und  enthält  nur  zwei  Säle  von  15  X  6  m, 
von  denen  der  obere  einigermaßen  gut  erhalten  ist.  In  einem 
quadratischen  Anbau  an  der  nördlichen  Langseite  befindet  sich 
der  sogenannte  Kamin,  als  dessen  Verfertiger  der  oben  er- 
wähnte Schreibmeister  Neudörffer  Peter  Flötner  nennt.  Es 
rührt  aber  zweifellos  das  ganze  Gebäude  mit  der  Innendeko- 
ration von  Flötner  her.  IH 

Die  Wände  des  oberen  Saales  sind  durch  eine  Täfelung  in 
dem  ungewöhnlichen  Verhältnis  fast  gleicher  Abschnitte  ge- 
teilt. Die  obere  Fläche  schmückten  früher  Gemälde  oder  Wand- 
teppiche. Die  Täfelung  selbst  ist  in  weiten  Abständen  durch 
flache  Pilaster  gegliedert,  die  ein  glatt  durchlaufendes  Gesims 
mit  breitem  Fries  aus  Ranken  und  Palmetten  tragen.  Bei  den 
Türen  treten  an  die  Stelle  der  Pilaster  freistehende  Säulen, 
denen  entsprechend  das  Gesims  vorspringt.  Die  Aufsätze  mit 
den  Obelisken  und  Cäsarenbüsten  stammen  aus  dem  Ende  des 
Jahrhunderts,  verändern  also  das  ursprüngliche  Bild.  Immer- 
hin bilden  noch  heute  die  langen  Horizontalen  des  Decken- 
gesimses und  des  Frieses  mit  den  wenigen  aus  Pilastern  und 
Säulen  gebildeten  Vertikalen  die  beherrschenden  Linien.  Sie 
sind  aus  dem  neuen  Geiste  geboren.  Ein  völliges  Einleben  in  die 
Renaissanceformen  zeigen  auch  die  phantasiereichen  flach  ge- 
schnitzten Handwerks-,  Kriegs-  und  Jagdembleme  an  den  Pi- 
lastern [Abb. 461  u.  462].  Ein  behebtes  italienisches  Motiv,  tan- 
zende und  musizierende  Putten,  benutzte  Flötner  in  meister- 
hafter Ausführung  für  den  Sockel  des  steinernen  Kamines,  der 
durch  Säulen,  Gebälk  und  Rundbogen  gegen  den  Saal  abge- 
schlossen ist.  D 

Andere  Schreinerarbeiten,  die  mit  aller  Wahrscheinlichkeit 
auf  Flötner  zurückgehen,  sind  die  aus  dem  Imhoffschen  Hause 
in  Nürnberg  stammende  Tür,  die  sich  jetzt  im  Standesamt  des 
Rathauses  befindet,  und  die  Täfelungen  im  unteren  Saale  und 
Teile  der  Täfelung  im  oberen  Saale  des  Tucherschen  Schlöß- 
chen, das  unweit  des  Hirschvogelsaales  in  der  Hirscheigasse 
1533  begonnen  und  1544  vollendet  wurde.  Sie  sind  alle  durch 
Klarheit  des  Aufbaues  und  gute  Verhältnisse  ausgezeichnet 


und  weckten,  wie  Flötners  Holzschnitte,  in  Laien-  und  Hand- 
werkerkreisen das  Verständnis  für  die  neue  Manier.  D 

Das  Motiv  der  gekuppelten  Pilaster,  das  sich  in  der  Täfelung 
des  unteren  Tucherschen  Saales  findet,  ist  bei  einem  Zimmer 
aus  dem  Schloß  Höllrich  in  Franken  aus  den  Jahren  1550—60, 
das  1883  insBerlinerKunstgewerbe-Museum  übertragen  wurde, 
weiter  entwickelt.  Die  kannelierten  Pilaster  sind  mehr  ausein- 
andergerückt, aber  durch  ein  gemeinsames  Postament  deutlich 
als  zusammengehörig  bezeichnet.  In  dem  Zwischenraum,  der 
schmaler  ist  als  derjenige  zwischen  zwei  Pilasterpaaren,  wird 
in  Einlegearbeit  der  Rundbogen  der  Hauptflächen  wiederholt 
und  damit  der  Keim  zuKompositionen  gelegt,  die  später  bei  der 
Überfülle  der  Formen  oft  Unklarheiten  erzeugen.  Über  dem 
einfachen,  nur  mit  einem  Zahnschnitt  verzierten  Gesims  wieder- 
holt sich  in  kleinerem  Magstabe  genau  dieselbe  Teilung  wie  un- 
ten. Merkwürdigerweise  steht  aber  diese  Wiederholung  in  kei- 
nem rhythmischen  Verhältnis  zu  dem  unteren  Getäfel  oder  zu 
den  Balken  der  unmittelbar  darüberliegenden  Decke.  Diese 
ist  durch  kräftige  Unterzüge  in  quadratische  Kassetten  geteilt, 
in  denen  über  Eck  ein  kleines  Quadrat  mit  einem  Wappen  sitzt. 
Die  des  Durchganges  wegen  verlegte  Tür  ist  mit  prächtigen  In- 
tarsien bedeckt.  D 

Einer  Täfelung  im  Hause  des  Herrn  Weigbecker  in  Roth en-  i^3  'i 
bürg  ob  der  Tauber  aus  dem  Jahre  1566  geben  hohe  kannelierte  ^^ 
Säulen  mit  korinthischen  Kapitalen,  die  ein  kräftiges  Gebälk  mit  '^  '^. 
Rankenwerkfries  tragen,  einen  grogzügigen  Charakter.  Auf  den   .  --, 
Rundbögen  der  Wandflächen  ist  der  Fugenschnitt  von  Werk-  h'>/ 
steinbauten  nachgeahmt,    ein  Motiv,  das   damals   aufkam  und 
später  sehr  beliebt  wurde.  Die  Flächen  innerhalb  der  Rundbo- 
gen tragen  Intarsien  in  mauresker  Art.  D 

Der  Gedanke,  der  demZimmer  ausSchlog  Höllrich  zugrunde 
liegt,  ist  in  einer  Täfelung  im  Frauenhause  zu  Strasburg  im 
Elsag,  das  im  Jahre  1585  vollendet  wurde,  wieder  aufgenom- 
men und  besser  verwertet.  Hier  entspricht  der  Aufbau  des 
oberen  Teiles  ganz  dem  unteren,  so  dag  der  Raum  trotz  grögter 
Einfachheit  der  Arbeit  —  Schnitzereien  und  Intarsien  fehlen 
einen  hervorragend  schönen  und  harmonischen  Eindruck  macht. 
—  Eine  reiche  Täfelung  aus  dem  späteren  16.  Jahrhundert  hat 
ein  Eckzimmer  im  Schlosse  Velthurns.  Sie  deckt  etwa  7:!  der 
Wandhöhe,  während  der  Rest  durch  Gemälde  eingenommen 
wird,  die  durch  geschnitzte  Karyatiden  getrennt  sind.  Zwei  drei- 
seitige Erker  verleihen  dem  Zimmer  einen  besonderen  Reiz,  wa- 
ren aber  mit  den  übrigen  Fenstern  die  Ursache,  dag  der  Meister 
die  an  den  anderen  Wänden  begonnene  rhythmische  Teilung  in  n 


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Abb.  462:   Peter 
Flötner.    Pilaster  aus 
dem   Hirschvogelsaal 
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569 


wesentlichen  Linien  unterbrach. 
Die  niedrigen  Arkadenbögen  unter 
den  Fenstern  wirken  neben  den  ho- 
hen an  den  Wänden  unruhig  und 
kleinlich.  Freilich  kommen  das 
Wechseln  des  Magstabes  und  das 
Durchschneiden  und  Durcheinan- 
dergreifen von  übergeordneten 
und  untergeordneten  Komposi- 
tionselementen später  bei  einem 
Zimmer  im  Schloß  Näfels  in  der 
Schweiz  und  einem  anderen  aus 
dem  Seidenhofe  in  Zürich,  das  jetzt 
im  Landesmuseum  zu  Zürich  auf- 
gestellt ist,  besonders  aber  in  dem 
Saale  des  Pellerhauses  in  Nürn- 
berg noch  wesentlich  auffälliger 
vor.  Dieses  wurde  1605  erbaut. 
Die  Herstellung  der  reichen  Innen- 
einrichtung wird  sich  wohl  noch 
einige  Jahre  hingezogen  haben,  so 
daß  die  erwähnte  Täfelung  nicht 
wesentlich  früher  als  die  beiden 
Schweizer  Zimmer  zu  datieren  ist. 
Sie  bezeichnet  in  dem  Wirrwarr 
der  Formen  den  Höhepunkt  und 
Abschlug  in  Süddeutschland  und 
war  in  Nürnberg  selbst  und  in 
Augsburg  durch  die  Täfelungen  in  den  neuen  Rathäusern,  die  wir  hier  nicht  mehr 
zu  behandeln  haben,  schon  überholt.  D 

In  den  Schweizer  Zimmern  findet  sich  häufig  ein  mit  der  Täfelung  festverbun- 
denes Büfett  in  Gestalt  eines  schrankartigen,  zweitürigen  Unterbaues,  auf  dem 
sich  Stufen  zum  Aufstellen  von  Gebrauchs-  und  Schmuckgeschirr  erheben.  Von 
hier  bis  zum  freistehenden  Büfett  ist  nur  ein  Schritt.  D 

Eine  der  frühsten  und  reichsten  Täfelungen  Norddeutschlands  befindet  sich  im 
Kapitelsaale  des  Domes  in  Münster  i.W.  Sie  wurde  1544 — 1552  von  Johann  Kupper 
ganz  und  gar  aus  Eichenholz  gearbeitet.  Man  mag  im  Schema  des  Aufbaues  noch 
ein  gewisses  gotisches  Gefühl  erkennen  —  die  Durchführung  ist  durchaus  im  Geiste 
der  Frührenaissance.  Das  Hauptmotiv  sind  zwei  lange  Reihen  von  hochrecht- 
eckigen Feldern  mit  Wappen,  die  oben  und  unten  durch  gleich  breite  querrecht- 
eckige Felder  mit  Friesen  begleitet  werden.  Die  unteren  bilden  die  Vorderseite 
einer  Sitzbank.  Die  oberen  sind,  immer  zu  zweit,  durch  einen  flachen  Giebel  mit 
fächerartiger  Füllung  und  durchbrochenen  Aufsätzen  von  Blattranken  zusammen- 
gefaßt. Ähnliche  Bekrönungen  finden  sich  auch  an  der  Täfelung  in  dem  Friedens- 

570 


Abb.  46:j: 
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Johann   Kuppir.       Detail 

Dom  zu  Münster. 


der  Täfelung  im 

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D  Abb.  464:    Sitzungszimmer  im  Rathause  zu  Lüneburg.  D 

saal  des  Rathauses  zu  Münster  und  an  anderen  Stellen  in  Nordwestdeutschland. 
Die  Wappen  der  oberen  Reihe  beziehen  sich  laut  Unterschrift  auf  die  derzeitigen 
Kapitelherren undfüllenmitderreichenHelmzier  das  ganzeFeld[Abb.463J.  Künst- 
lerische Erfindung  und  technische  Ausführung  gehen  Hand  in  Hand,  sie  zu  dem 
Hervorragendsten  zu  machen,  was  auf  dem  Gebiete  ornamentaler  Schnitzereien 
existiert.  Die  Wappen  der  unteren  Reihe  scheinen  lauter  Phantasiewappen  zu 
sein.  Sie  sitzen  ohne  Zier  in  einem  Medaillon,  das  von  Rankenwerk  im  Stile 
der  Kleinmeister  umgebenist.  Es  liegt  nahe,  bei  dieser  Täfelung  an  einen  direkten 
Einfluß  Aldegrevers,  der  damals  noch  tätig  war,  zu  denken.  D 

In  den  Jahren  1564 — 68  entstand  die  Täfelung  im  Sitzungszimmer  im  Rathause 
zu  Lüneburg  [Abb.  464].  Sie  ist  das  Werk  des  Snitkers  Gert  Suttmeier.  In  einfacher 
Weise  wechseln  flache  kannelierte  Pilaster  mit  Rundbögen,  die  in  den  EckenLöwen- 
köpfe  tragen.  Darüber  folgt  ein  verkröpftes  Gesims  mit  zierlichen  Blattwerk- 
friesen und  frei  herausstehenden  Köpfen.  Obgleich  also  in  den  Motiven  durchaus 
nichts  Besonderes  liegt,  so  ist  dennoch  diese  Täfelung  eine  von  den  wenigen,  bei 
denen  der  zugrunde  gelegte  Rhythmus  klar  zur  Geltung  kommt,  da  er  in  langer 
Folge  und  durch  nichts  Störendes  unterbrochen  wirkt.  In  ornamentaler  Hinsicht 
ist  bemerkenswert,  daß  weder  Rollwerk  noch  Maureske  vorhanden  sind.  Jenes 
findet  sich  erst  an  den  prächtig  geschnitzten  Wangen  der  langen  Bank  und  geht 
jedenfalls  zum  größten  Teil  auf  Albert  von  Soest  zurück,  denselben  Meister,  der 
von  1568 — 84  die  vier  Türbekrönungen  arbeitete.  Diese  zeigen  in  reicher  deko- 
rativer Umrahmung  Reliefs  mit  Darstellungen  aus  der  Bibel  und  der  römischen 
Geschichte,  die  im  Verein  mit  einer  großen  Zahl  von  einzeln  angebrachten  allego- 
rischen Figuren  den  beratenden  und  Recht  sprechenden  Stadtvätern  eine  Ermah- 
nung und  ein  Vorbild  sein  sollten  und  ein  typischesBeispiel  für  den  lehrhaften  und 
moralisierenden  Geist  der  Zeit  sind.  Die  Arbeit  zeugt  von  staunenswerter  Aus- 
dauer und  Sorgfalt,  aber  von  geringer  künstlerischer  Kraft.  Wohl  alle  Reliefs  und 
viele  ornamentale  Einzelheiten  gehen  auf  fremde  Vorbilder  zurück  und  der  Auf- 
bau leidet  unter  einer  gewissen  Unklarheit  und  Überfülle  der  Formen.  Immerhin 

571 


bilden  die  Umrahmungen  als  Ganzes  treffliche  Akzente  für  die  Türen,  die  sich 
sonst  in  der  Täfelung  verloren  hätten.  Den  Raum  bis  zur  Decke  füllen  große  ge- 
rahmte Ölgemälde  von  Daniel  Frese.  Sie  sprechen  uns  in  ihren  komplizierten 
Allegorien  wenig  an,  sind  aber  gleichzeitig  mit  den  Schnitzereien  entstanden 
und  vervollständigen  mit  der  gleichfalls  ursprünglichen  Balkendecke  in  seltener 
Weise  das  Gesamtbild  eines  an  Ort  und  Stelle  unverändert  erhaltenen  Renaissance- 
raumes. D 

Das  in  den  Jahren  1572 — 83,  also  fast  gleichzeitig  gearbeitete  sogenannte 
Fredenhagensche  Zimmer  in  Lübeck  von  Hans  Drege  steht  nicht  mehr  an  seinem 
alten  Platze.  Es  befand  sich  früher  in  den  Schüsselbuden  in  einem  Hause,  das 
gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts  dem  um  Lübeck  hochverdienten  Ratsherrn 
Thomas  Fredenhagen  gehörte.  Dieses  Mannes  Name  ist  mit  dem  Zimmer  in  Ver- 
bindung geblieben,  auch  nachdem  es  im  Jahre  1840  in  das  Haus  der  Kaufmann- 
schaft übertragen  worden  war.  —  Die  Täfelung  ist  wesentlich  reicher  als  die  in 
der  Lüneburger  Ratsstube.  Kräftige  Doppelsäulen  in  korinthischem  Charakter 
tragen  ein  Zwischengesims;  darüber  folgen  kleine  Karyatiden  und  Hermen,  die 
das  Hauptgesims  stützen  und  tiefliegende  Alabasterreliefs  mit  biblischen  Dar- 
stellungen trennen.  In  den  Flächen  zwischen  den  Säulen  hängen  zierliche  kleine 
Wandepitaphien,  die  etwas  unorganisch  von  Rundbögen  in  Werksteinschnittnach- 
ahmung umgeben  sind.  Zahlreiche  figürliche  Reliefs  und  Einzelfiguren  sind  in  der 
Täfelung  verteilt,  aber  übersichtlicher  und  flächenhafter  als  bei  den  Türen  des 
Lüneburger  Zimmers.  In  der  Fülle  des  Kleinornaments,  unter  dem  das  Rollwerk 
durchaus  das  Übergewicht  hat,  macht  sich  bereits  ein  schlaffer  Linienzug  bemerk- 
bar, der  nicht  mehr  den  Kreis,  sondern  die  Elipse  zur  Grundlage  hat  und  damit 
auf  das  barocke  Empfinden  und  den  sogenannten  Ohrmuschelstil  des  17.  Jahr- 
hunderts hinweist.  D 

Die  15  Jahre  später  [1595]  begonnene  Kriegsstube  inLübeckist  eine  Arbeit  von 
Tönnies  Evers  d.  J.  [Abb.465J.  Sie  wurde  1880 — 90  zwar  unter  genauer  Anlehnung 
an  dasVorhandene  und  Schadhafte,  aber  doch  in  weitergehender  Weise  restauriert. 
Das  Figürliche  fehlt  nicht,  spielt  aber  eine  Nebenrolle,  die  architektonischen  Glieder 
haben  bei  weitem  das  Übergewicht.  Die  mächtigen  Säulen  verleihen  dem  Ganzen 
einen  großen  Zug,  trotzdem  der  unerhörte  Reichtum  derFormen  und  die  Häufung 
der  Motive  das  Auge  stark  auf  das  einzelne  lenken  und  der  Eindruck  des  Wirr- 
warrs durch  Zusammensetzung  ausfarbigenHölzern,  durch  reichliche  Anwendung 
von  Intarsien  und  ausgesägten  Auflagen  noch  gesteigert  wird.  Wahrte  die  Täfe- 
lung in  Fredenshagens  Zimmer  einigermaßen  den  Charakter  der  Fläche,  so  ist 
der  hier  völlig  verschwunden.  Weit  vorspringende  Podeste,  freistehende  Säulen, 
große  und  kleine  Nischen,  weit  ausladende  Bekrönungen  mit  übergreifenden  Vo- 
luten, Friese  und  Wappen  aus  Alabaster  wechseln  miteinander  ab.  Alles  ist  auf- 
gelöst in  Vor  und  Zurück,  in  starke  Kontraste  von  Licht,  Schatten  und  Farben,  in 
einer  Weise,  die  eine  weitere  Steigerung  nicht  mehr  zuließ  und  darin  die  Täfelung 
zu  derjenigen  im  Pellerhause  zu  Nürnberg  in  Parallele  setzt.  D 

Größere  dekorative  Holzarbeiten,  die  sich  im  Charakter  den  Täfelungen  nähern, 
finden  sich  in  großen  Mengen  in  den  Kirchen,  den  katholischen  und  den  protestan- 

572 


.dK  CHORGESTÜHL  IM  KAPITELSAALE 

DES  DOMES  ZU  MAINZ  •  1567-1580 


D  Abb.  465:  Tönnies  Evers  d.  J.    Täfelung  der  Kriegsstube  in  Lübeck  D 

tischen.  Die  Jahre  der  Kämpfe  brachten  allerdings  nicht  viel  hervor,  aber  nach 
dem  Augsburger  Religionsfrieden  setzte  überall  eine  lebhafte  Tätigkeit  ein.  Chor- 
und  Kirchenstühle.  Lettner,  Kanzeln,  Orgelverkleidung  und  Emporen  gaben  viel- 
fach Gelegenheit,  die  gotischen  Formen  weiter  zu  bilden  und  neue  Typen  zu  schaf- 
fen. Die  Chorstühle  der  katholischen  Kirchen  bheben  in  den  Hauptpunkten  des 
Aufbaues  und  der  Einrichtung  wie  früher.  Berühmt  ist  das  herrliche  Gestühl  in 
der  sogenannten  Kapitelstube  des  Domes  in  Mainz.  Es  stand  früher  in  der  ehe- 
maligen St.GangolphsHofkirche,  wohin  es  durch denErzbischofBrendelvonHom- 
burg  zwischen  1570— 80  gestiftet  war.  Während  der  untere  Teil  durch  Figuren  und 
Grottesken,  welche  die  Klappsitze  sowie  die  niedrigen  und  hohen  Armstützen 
tragen,  reich  belebt  wird,  ist  die  hohe  Rückwand  in  wirksamen  großen  Architektur- 
formen gehalten.  Nur  in  dem  Rollwerk  an  den  Sockeln  der  flachen  Pilaster  stehen 
einige  Putten,  die  eine  Überleitung  zu  den  Sitzen  bilden  |  siehe  TafelJ.  Das  Chorge- 
stühl in  der  Hof  kirche  zu  Innsbruck  und  im  bayrischen  Nationalmuseum  in  München, 
aus  der  Kirche  zu  Jettenstetten  stammend,  um  nur  einige  Beispiele  zu  nennen,  ist 
durch  Arkadenbögen  und  flache  Pilaster  geteilt.  Für  dieLaien  hat  die  katholische 
Kirche  kunstvolles  Gestühl  im  allgemeinen  wenig;  wo  es  sich  findet,  sind  es  offene 
auf  den  Hauptaltar  orientierte  Bankreihen,  die  zum  Sitzen  und  Knien  eingerichtet 
sind  und  ein  Kommen  und  Gehen  gestatten.  In  der  protestantischen  Kirche  bean- 
spruchte die  Geistlichkeit  keine  besonderen  Plätze  mehr.  Ihr  Platz  war  die  Kanzel. 
Dagegen  trat  bei  der  Gemeinde  bald  das  Bedürfnis  nach  festem  Gestühl  ein,  das 
bei  dem  Sondergeist  der  bis  ins  18.  und  19.  Jahrhundert  fortlebenden  Korporatio- 
nen und  Zünfte  ein  sehr  buntes  Gepräge  erhielt.  Freilich  auch  seinen  Charakter. 
'  Wat  ken  kramer  ist,  de  blief  da  buten  oder  ik  schla  em  up  de  schnuten,*  heigt  es  an 

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dem  Krameramtsstuhl  in  der  Ni- 
kolaikirche zu  Stralsund.  Die 
Stühle  bestehen  aus  einem  nie- 
drigen Verschlag  mit  Türen  und 
mit  Sitzen  in  derRichtung  auf  die 
Kanzel.  Besonders  prächtige  ent- 
standen für  die  Bürgermeister, 
Senatoren  und  Kirchenvorsteher. 
Einer  der  bekanntesten   ist    der 

1575  vollendete  Senatsstuhl  von 
Jochim  Wernkes  in  der  Marien- 
kirche zu  Lübeck.  Ein  merkwür- 
diges Stück  in  der  Art  der  Levi- 
tensitze in  der  katholischen  Kir- 
che ist  ein  dreisitziger  Stuhl  von 

1576  mit  einem  Baldachin  auf 
Säulenin  der  Jacobikirche  eben- 
dort.  Basel  besitzt  in  dem  1598 
datierten  Häupterstuhl,  früher 
im  Münster  jetzt  im  historischen 
Museum,  ein  hervorragendes  Bei- 
spiel schöner  und  reicher  Arbeit. 
Die  Fürsten  zogen  überall  ver- 
schlossene Emporensitze  vor,  wie 

z.  B.  im  Stephansdom  in  Wien,  in  der  Schlofikapelle  zu  Celle,  im  Dom  zu  Ratze- 
burg. Noch  größere  Aufgaben  wurden  den  Meistern  bei  den  Orgelverkleidungen 
gestellt.  Eine  der  umfangreichsten  und  prächtigsten  besitzt  die  Petrikirche  in 
Lübeck.  Sie  wurde  1587—92  von  Tönnies  Evers  d.  J.  gearbeitet,  demselben  Mei- 
ster, von  dem  die  Täfelung  in  der  Kriegsstube  herrührt.  Die  Fassade  baut  sich  in 
zwei  Stockwerken  auf.  Das  untere  besteht  aus  kleinen  Pfeifen  und  einer  Brüstung, 
das  obere  nur  auspfeifen.  Diese  sind  immer  inkleineundgroßeBündelzusammen- 
gefagt  und  turmartig  bekrönt.  Von  dem  Reichtum  der  Holzarbeit  gibt  die  Abbil- 
dung [siehe  Tafel]  eines  Seitenteiles  der  Brüstung  eine  Vorstellung.  □ 
Schränke  im  Charakter  derFrührenaissance  sind  in  Süddeutschland  verhältnis- 
mäßig selten.  Das  Germanische  Museum  in  Nürnberg  besitzt  einen  sehr  schönen 
Schrank,  der  in  der  Ornamentik  an  Flötner  erinnert  |  Abb. 466J.  Er  hat  4  Türen  in  einem 
breiten,  kreuzweise  geteilten  Rahmenwerk,  das  auf  den  steigenden  Flächen  mit  flach 
geschnitzten  Vasen,  Balustern  und  Ranken,  auf  den  liegenden  mit  Blattwerk  be- 
deckt ist.  Das  etwas  schwächliche  Gesims  ist  in  architektonischer  Weise  mit  Tri- 
glyphenfries  und  Stierschädeln  ausgebildet.  Die  oberen  Türfüllungen  zeigen  Gro- 
tesken, die  unteren  Vasen  mit  Ranken.  Da  aber  die  Rahmen  der  Türflügel  glatt 
gelassen  sind,  behält  der  Schrank  etwas  Ruhiges  und  Klares.  Der  Oberteil  eines 
süddeutschen,  vielleicht  Nürnberger  Schrankes  im  Kunstgewerbe-Museum  Berlin 
zeigt,  wennauchmitgewisserBefangenheit,  in  derFassade  bereits  die  Anwendung 

574 


Abb. 466:  Nürnberger  Schrank.     In  der  Art  Peter  Flötners. 
D  Germanisches  Museum.  D 


ORGEL  DER  PETRIKIRCHE  ZU 
LÜBECK  VON  TÖNNIES  EVERS  D.  J. 


von  Pilastern  und  bildet  somit, 
trotz  seiner  Füllungsschnitze- 
reien im  Stile  der  Kleinmeister, 
den  Übergang  zu  dem  Typus,  der 
nach  1550  in  häufigen  Exemplaren 
mit  dem  ganzen  architektonischen 
Rüstzeug  der  Zeit  einsetzt.  Die- 
ser besteht  aus  zwei  aufeinan- 
dergesetzten  Kasten,  die  biswei- 
len ganz  gleich  sind,  manchmal 
sich  durch  die  angewandten  Säu- 
lenordnungen oder  einen  kleinen 
Wechsel  im  Detail  unterschei- 
den. Um  für  Säulen,  Pilaster  und 
Nischen  mehr  Platz  zu  gewinnen, 
wurde  der  Rahmen  auf  Kosten  der 
Türen  oft  unverhältnismäßig  breit 
gearbeitet.  Die  Mittelsäule  wurde 
niemals  den  Türen  in  Form  einer 
Schlagleiste  geopfert,  sondern 
blieb  fest  verbunden.  Zu  Beginn 
des  17.  Jahrhunderts,  als  sich  in 
Reaktion  gegen  die  Überwuche- 
rung jeglichen  Gerätes  mit  Klein- 
ornamentik das  Bestreben  geltend  machte,  mit  den  Motiven  sparsamer  umzu- 
gehen und  sie  in  einem  größeren  Magstabe  desto  wirksamer  zu  verwenden, 
lieg  man  die  Teilung  in  Ober-  und  Untergeschoß  fallen  und  setzte  vor  die  ganze 
Höhe  des  Schrankes  unter  Verstärkung  des  Hauptgesimses  nur  2  oder  3  Säulen. 
Damit  diese  nicht  gar  zu  groß  würden,  erhöhte  man  den  Unterbau  und  nutzte  ihn 
zu  Schubladen  aus.  D 

Die  Intarsiaarbeit  fand  bei  den  süddeutschen  Möbeln  ungleich  reichlicher  Ver- 
wendung als  bei  den  Täfelungen  und  füllte  selbt  die  kleinsten  Flächen.  D 

AmNiederrhein  und  in  Norddeutschland  hielt  sich  bis  gegen  dieMitte  des  Jahr- 
hunderts der  aus  der  Gotik  stammende  Stollenschrank.  Was  die  Renaissance  um- 
gestaltete, beschränkte  sich  im  Wesentlichen  auf  den  Schmuck  derFüllungen  und 
die  vorderen  Stützen.  Alte  Möbel  sind  überhaupt  sehr  starken  Änderungen  und 
Ausbesserungen  unterworfen,  aber  der  Stollenschrank  hat  besonders  gelitten.  Es 
gibt  wenig  intakte  Exemplare,  restaurierte  oder  ganz  neue  hingegen  häufig,  weil 
er  als  dankbares  Dekorationsstück  überall  begehrt  ist.  D 

Bis  ins  17.  Jahrhundert  hinein  blieb  der  Typus  des  vieltürigen  gotischen  Schran- 
kes im  Gebrauch,  nur  die  Ornamentik  paßte  sich  dem  Zeitgeschmack  an.  Einer  der 
bedeutendsten  Schränke  aus  derFrühzeit  ist  der  1544  datierte  aus  deniRathaus  zu 
Buxtehude,  jetzt  im  Hamburger  Museum  für  Kunst  und  Gewerbe,  der  zur  Aufbe- 
wahrung von  Urkunden  und  Papieren  bestimmt  war.   Er  erinnert  in  dem  Fehlen 


Abb.  467: 
D 


Norddeutscher  Schrank.     Ende    des 
Thaulow-Museum  in  Kiel 


16.  Jahrh. 
D 


575 


□  Abb.  468:    Süddeutsche  Truhe.     Zweite  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  D 

jeglicher  Profilierung  und  Teilung  an  den  Seiten  noch  an  die  älteren,  die  vielfach 
in  die  Wände  eingelassen  waren.  Der  Aufbau  ist  dreigeschossig.  Das  Rahmenwerk 
bildet  oben  und  unten  je  drei  quadratische  Felder,  in  der  Mitte  aber  ein  querrecht- 
eckiges zwischen  zwei  hochrechteckigen.  Alle  Felder  haben  Türen,  nur  das  recht- 
eckige Mittelfeld  hat  eine  Klappe,  die  für  die  ganze  Gruppe  charakteristisch  ist. 
Sie  ist  oft  größer  als  bei  dem  Buxtehuder  Schrank,  j  a  nimmt  wohl  gar  die  ganze  Breite 
ein.  DieSchnitzereienandenStückenderFrührenaissance  beschränken  sichdurch- 
weg  auf  die  Füllungen  und  bestehen  fast  regelmäßig  aus  einem  Medaillon  mit  einem 
Kopf  in  Relief  oder  in  freier  Arbeit,  um  den  Blätter,  Ranken  und  Spiralen  mit  spar- 
samen Grotesken  in  der  Art  der  Kleinmeister  verteilt  sind.  In  Westfalen  hielt  sich 
daneben,  einer  langen  Tradition  folgend,  das  Familienwappen,  das  wir  schon  in 
der  Kupperschen  Täfelung  im  Kapitelsaal  zu  Münster  als  wichtigstes  Füllungs- 
motiv sahen.  In  der  Spätrenaissance  gewann  in  Niederdeutschland  die  Figuren- 
schnitzerei dieOberhand.  Indem  manvor  das  Rahmenwerk  allegorische  Gestalten, 
Hermen  und  Karyatiden,  in  die  Füllungen  Reliefs  mit  Darstellungen  aus  der  bibli- 
schen und  römischen  Geschichte  setzte,  löste  sich  die  Vorderseite  des  Schrankes 
auf  in  ein  malerisches  Spiel  von  weichen  kleinen  Licht-  und  Schattenflächen  und 
erzeugte  einen  Effekt,  der  demselben  künstlerischen  Grundgefühl  entsprang  wie 
die  Überwucherung  des  süddeutschen  Möbels  mit  Architekturformen  [Abb.  467 1. 
Während  der  Schrank  seinen  Platz  meist  auf  dem  Vorplatz  oder  der  Diele 
hatte,  pflegte  die  Truhe  im  Zimmer  zu  stehen.  Sie  behielt  bis  ins  spätere  17.  Jahr- 
hundert hinein  ihre  Bedeutung  als  Aufbewahrungsort  für  Kleider  und  Stoffe  und 
576 


□     Abb.  469:   Norddeutsche  Truhe.    Ende  des  16.  Jahrhunderts.     Germanisches  Museuro,  Nürnberg     O 

hatte  häufig  auch  kleine  eingebauteFächer  für  andere  Gegenstände.  Es  wurde  fast 
nur  die  Vorderseite  verziert.  Da  diese  keine  Türen  hatte,  verlangte  dieDekoration 
weniger  Rücksichten  als  beim  Schrank,  unterschied  sich  aber  sowohl  im  Süden 
wie  im  Norden  sonst  wenig  von  diesem.  Besonders  eine  süddeutsche  Truhe  sieht 
bisweilen  nicht  anders  aus  als  ein  halber  Schrank  [Abb.  468].  In  Norddeutschland 
bestand  die  Vorderseite  im  Mittelalter  aus  einer  Bretterwand,  die  durch  Schnitze- 
reien verziert  war.  In  der  Renaissance  fanden  sich  auch  hier  Rahmen  und  Füllung 
ein,  vielfach  ohne  die  durchgehende  Bildwand  zu  verdrängen  [Abb.  469).  n 

Vom  Bett  der  Frührenaissance  können  wir  uns  aus  Mangel  an  erhaltenem  Ma- 
terial nur  an  der  Hand  von  Abbildungen  eine  Vorstellung  machen.  Peter  Flötner,  der 
erste,  der  Möbel  in  Renaissanceformen  im  Ornamentstich  behandelt,  eilte  seiner 
Zeit  weit  voraus  und  brachte  einige  wichtige  Neuerungen.  Der  Bettkasten  ruht  bei 
ihm  ohne  Füge  flach  auf  einem  Sockel,  und  die  Stufe  in  der  Langseite,  die  bei  der 
beträchtlichen  Höhe  des  Bettkastens  das  Hereinsteigen  erleichtern  soll,  ist  in  die 
Komposition  des  Ganzen  hereinbezogen.  Das  Gehäuseartige  des  gotischenBettes 
ist  geschwunden,  dagegen  bringt  Flötner  Beispiele,  an  denen  die  Eckpfosten  balu- 
sterartig verlängert  sind,  um  den  Baldachin  und  die  Vorhänge  zu  tragen,  auf  die  mr.ii 
nicht  verzichten  wollte.  Diese  Form  findet  sich,  zum  Teil  in  reich  geschnitzten 
Exemplaren,  in  der  Spätrenaissance  und  darüber  hinaus  recht  häufig,  nur  mit  dem 
Unterschied,  dag  der  Bettkasten  meist  nicht  auf  dem  Boden,  sondern  auf  vier 
Fügen  steht.  Man  liebte  es  auch,  das  Bett  alkovenartig  oder  im  Zusanmienhang 
mit  der  Täfelung  einzubauen.   Das  kommt  im  Süden  und  im  Norden  vor,  scheint 

37  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  577 


aber  in  den  nordwestdeutschenKüstenländern  und  in  den  Niederlanden  am  belieb- 
testen gewesen  zu  sein.  Weit  bekannt  ist  der  Pesel  des  Marcus  Swyn  [gest.  1585], 
ursprünglich  in  Lehe  bei  Lunden  in  Norderdithmarschen,  jetzt  im  Museum  zu 
Meldorf.  Andere  Beispiele  späterer  Zeit  im  Ryksmuseum  in  Amsterdam.  D 

Auch  die  in  ausgesprochenen  Renaissanceformen  erhaltenen  Stühle,  Lehn- 
stühle, Sessel  und  Schemel  stammen  meist  erst  aus  den  späteren  Jahrzehnten  des 
16.  und  dem  Anfang  des  17.  Jahrhunderts.  Der  zusammenklappbare  Faltstuhl  des 
Mittelalters,  der  vielleicht  in  Italien  dem  Kriegs-  und  Lagerleben  seine  Entstehung 
verdankt,  wurde  durch  S-förmig  geschweifte  und  durch  Querhölzer  verbundene 
Stollen  in  eine  feste  Form  gebracht.  Er  erhielt  Arm  und  Rückenlehnen  und  ward 
so  zum  Sessel.  Das  Kissen  legte  man  lose  darauf.  Auch  bei  dem  Stuhl  und  dem 
Lehnsessel  mit  geraden  Stollen  fehlen  die  Querstreben  nicht,  da  die  Zargen  nicht 
stark  genug  hergestellt  wurden,  um  die  Verbände  genügend  zu  versichern.  Die 
Streben  waren  oft  brettartig  und  ebenso  wie  die  zwischen  den  hochgeführten 
Stollen  angebrachte  breite  Rückenlehne  mit  Schnitzereien  versehen.  Aus  Italien 
scheint  auch  der  Stuhl  aus  Brettfügen  und  Brettlehne  Eingang  gefunden  zu  haben. 

Der  Tisch  behielt,  von  einigen  Ausnahmestücken  abgesehen,  bis  nach  der  Mitte 
des  Jahrhunderts  die  altgewohnten  Formen.  Dann  verbreitete  sich  vorzugsweise 
der  in  den  Niederlanden  unter  dem  Einfluß  des  Vredeman  de  Vries  entstandene 
Typus  mit  schweren  Balusterfügen.  Nur  die  Platte  machte  man  schon  vorher 
häufiger  zum  Träger  künstlerischen  Schmuckes.  In  der  Galerie  zu  Kassel  ist  eine 
vom  Jahre  1533  mit  astrologischen  und  allegorischen  Malereien  bedeckt.  Sie 
stammt  ebenso  wie  eine  andere  mit  humorvollen  Genreszenen  im  Königlichen 
Kunstgewerbe-Museum  in  Berlin,  wahrscheinlich  aus  der  Schweiz.  In  Zürich  selbst 
ist  eine  allerdings  stark  restaurierte,  die  als  Jugendwerk  Holbeins  d.  J.  gilt.  Im 
Louvre  befindet  sich  ein  Tisch,  dessen  Platte  1534  von  Hans  Sebald  Beham  für 
den  Kardinal  Erzbischof  Albrecht  von  Mainz  mitDarstellungen  aus  der  Geschichte 
des  David  und  der  Bathseba  bemalt  wurde.  Auch  Tische  mit  steinernen  Platten 
und  Reliefverzierungen  kommen  vor.  Das  Museum  in  Darmstadt  besitzt  z.  B. 
einen  von  1561,  der  in  der  Mitte  das  Wappen  des  Mainzer  Domherrn  Johann 
Heinrich  von  Walbrun,  rundherum  16  kleinere  Wappen  und  in  den  Ecken  Me- 
daillons mit  Halbfiguren  der  Fides,  Caritas,  Spes  und  Temperantia  enthält.         □ 

Unter  denKleingeräten  wurde  oft  auf  dieLese-  undSchreibpulte  und  die  beliebten 
Spielbretter  künstlerische  Arbeit  verwendet.  Die  Schreibpulte  standen  lose  auf 
einem  Tisch  und  waren  nicht  größer  als  ein  aufgeklapptes  großes  Buch.  Beim 
Schreiben  konnte  nicht  der  Unterarm,  sondern  nur  die  Hand  gestützt  werden.  Auf 
dem  Dürerschen  Kupferstich  des  Hieronymus  im  Gehäus  und  des  Erasmus  von 
Rotterdam  sind  zwei  ganz  einfache  Pulte  dargestellt.  Außerordentlich  reich  hin- 
gegen ist  ein  infeinster  und  sauberster  Arbeit  ausgeführtes  Pult  imKunstgewerbe- 
Museum  in  Berlin  |  Abb.  470 1.  Die  Schreibfläche  mußte  natürlich  glatt  und  flach 
sein  und  ist  deshalb  mit  Intarsien  verziert.  Der  Rückwand  aber  hat  eine  reich  ge- 
gliederte italienische  Palastfassade  zum  Vorbild  gedient.  Die  ebenenFlächcn  sind 
auch  hier  auf  das  Zierlichste  mitintarsien  oder  mit  Flachschnitzcreien  gefüllt.  Die 
Bedeutung  dieses  Stückes  liegt  aber  nicht  allein  in  der  bewundernswerten  Aus- 

578 


FRANZ   KELS  •  AUSSENSEITE  EINES 
SPIELBRETTES  ■  WIEN,  HOFMUSEUM 


D  Abb.  470:   Christoph  Müller.     Schreibpult.     1555.     Berlin,  Kunstgewerbe-Museum 

führung,  sondern  ebenso  sehr  in  der  bei  SchreinerarbeitenseltenenDatierung  und 
Bezeichnung.  Eine  ausführliche  Inschrift  sagt:  'Zu  Sundershausen  hat  mich  ge- 
macht —  in  der  Schwarzburgschen  Herrschaft  —  ein  Tischergesel  Christoffel 
Müller  genannt  —  Bobenhausen  ist  sein  Vaterland.  1555.'  Weitere  beglaubigte 
Arbeiten  Müllers  sind  bis  jetzt  nichtbekannt  geworden.  Es  mag  jedoch  darauf  auf- 
merksam gemacht  sein,  dag  die  Intarsien  an  der  Tür  des  Zimmers  aus  Schloß 
Höllrich  in  Zeichnung  und  Ausführung  eine  auffallende  Verwandtschaft  mit 
denen  auf  dem  Schreibpult  haben.  D 

Unter  den  Spielbrettern  bildet  das  1537  von  Hans  Kels  zuKaufbeuren  fürFerdi- 
nand  I.  gefertigte  ein  wahres  Prachtwerk  der  Feinarbeit.  Es  befindet  sich  jetzt 
mit  mehreren  anderen  aus  späterer  Zeit  im  Hofmuseum  in  Wien  [siehe  Tafel].     Q 

In  den  NIEDERLANDEN  sind  aus  der  Zeit  der  Frührenaissance  zwei  große 
Werke  der  Holzarbeit  von  hervorragender  Bedeutung,  nämlich  der  Kamin  im  alten 
Schöffensaal  des  Justizpalastes  zu  Brügge  und  das  Chorgestühl  der  großen  Kirche 
zuDordrecht.  Der  Schöffensaal  in  Brügge  ist  der  Überrest  des  durch  eine  Feuers- 
brunst zugrunde  gegangenen  alten  Rathauses.  Der  berühmte  Kamin  nimmt  fast 
die  ganze  eine  Wand  ein.  Der  untere  Teil  besteht  aus  schwarzem  Marmor  und 
einem  Alabasterfries  aus  vier  Teilen  mit  Darstellungen  aus  der  Geschichte  der 
Susanna;  der  obere  Teil  ist  aus  Eichenholz  geschnitzt.  Der  Entwurf  stammt  von 
Lancelot  Blondeel,  die  Ausführung  von  Guyot  de  Beaugrant  aus  den  Jahren  1529 
bis  1531.  Das  war  dicht  nach  der  Schlacht  beiPavia  und  dem  Frieden  zu  Cambrai, 
der  Flandern  endlich  dieUnabhängigkeit  vonFrankreich  brachte.  ZurErinnerung 

37*  579 


daran  mag  das  Werk  beschlossen  und  Karl  V.  zum  Mittelpunkt  gemacht  sein.  Er 
steht  in  fast  lebensgroßer  Figur  mit  erhobenem  Schwert  vor  einem  Thronsessel, 
umgeben  von  einer  bunten  Menge  von  Wappen.  Links  von  ihm  sind  seine  väter- 
lichen Grogeltern  Maximilian  von  Österreich  und  Maria  von  Burgund,  rechts  seine 
mütterlichen  Grogeltern  Ferdinand  von  Aragonien  und  Isabella  von  Castilien  auf- 
gestellt. Der  Reichtum  der  Komposition  und  die  Vorzüglichkeit  der  Ausführung 
wetteifern  miteinander,  aber  es  herrscht  im  Ganzen  eine  entschiedene  Unklarheit 
und  Unruhe.  Des  Ornaments  ist  zu  viel,  es  sitzt  vor  allem  nicht  immer  an  den  richtigen 
Stellen  und  lägt  die  Hauptlinien  des  Aufbaues  nicht  genügend  zur  Wirkungkommen. 
Das  ist  eine  ungewöhnliche  Erscheinung,  denn  die  sichere  Unterordnung  des  Or- 
namentes unter  die  konstruktiven  Formen  ist  selbst  gegen  Ende  des  Jahrhunderts 
eine  charakteristische  Eigenschaft  der  niederländischen  Kunst.  Schon  das  zwischen 
1538 — 1541  entstandene  prächtige  Chorgestühl  inderGrogenKirche  zuDordrecht, 
eine  Arbeit  von  JanTerwenAertz  aus  Amsterdam,  hat  nicht  die  Fehler  desKamins. 
Es  nimmt  in  einigen  Reliefs  gleichfalls  auf  Karl  V.,  nämlich  auf  seinen  Einzug  in 
Dordrecht  Bezug.  In  den  Ornamentfüllungen  herrscht  das  dreilappige  gestielte 
Blatt  in  ähnlicher  Weise  wie  in  den  Rheinlanden  und  Norddeutschland  vor.  Mit 
diesem  Gestühl  ist  trotz  der  späteren  Entstehung  augenscheinlich  die  grogeKanzel 
mit  dem  hohen  turmartigen  Schalldeckel  in  der  Kathedrale  zu  Herzogenbusch 
verwandt,  die  bald  nach  dem  zweiten  Bildersturm  [1566J  gemacht  sein  mug.  Sie 
steckt  noch  stark  in  der  Frührenaissance,  zeigt  aber  hier  und  da  schon  Misch- 
formen. Zeitlich  schliegt  sich  an  die  Dordrechter  Chorstühle  eine  der  vortreff- 
lichsten niederländischen  Holzarbeiten,  der  Doppelsitz  für  die  Vorsitzenden  der 
Schöffen  im  Rathause  zu  Kampen  an,  den  der  Stadtschreinermeister  Vrederich 
zwischen  1543 — 1546  herstellte.  Gut  zehnJahre  später  entstanden  die  bereits  mit 
Rollwerk  und  Ebenholzeinlagen  versehenen  Schöffenstühle  vonPeter  vanDulcken 
im  Rathause  zu  Nymwegen.  D 

Den  Abschlug  der  Renaissanceschnitzereien  grögeren  Stiles  bilden  die  Chor- 
stühle in  den  Kathedralen  zu  Ypern  und  dem  diesem  nahe  gelegenen  Wallfahrts- 
orte Furnes.  Die  zu  Ypern  sind  als  1598  vollendete  Arbeiten  des  C.  van  Hovecke 
und  Urbain  Taillebert  beglaubigt.  Sie  übertreffen  an  Eigenart  der  Erfindung,  an 
Reichtum  und  Mannigfaltigkeit  des  ganzen  Formenapparates  derSpätrenaissance 
alles  Ähnliche,  verlieren  sich  aber  dennoch  nicht  in  ein  Durcheinander  von  Haupt- 
und  Nebenwerten.  Es  liegt  in  der  klaren  Disposition  und  in  dem  weisen  Maghalten 
in  Bezug  auf  Schmuck  und  Beiwerk  die  Ursache  der  werbenden  Kraft  der  nieder- 
ländischen Kunst  zu  einer  Zeit,  wo  in  den  Nachbarländern  durch  ein  Augeracht- 
lassen  dieser  Punkte  entschiedene  Stockungen  eingetreten  waren.  Die  Chorstühle 
zu  St.  Walpurgis  zu  Furnes  stammen  wohl  von  denselben  Meistern,  sind  aber 
künstlerisch  und  technisch  weniger  gut.  D 

Bei  der  Täfelung  herrschte  in  der  Frühzeit  die  Teilung  in  einfache,  rechteckige 
Felder  mit  glatten  Füllungen  vor.  Gegen  Ende  des  Jahrhunderts  wurde  in  die 
Füllung  mit  Vorliebe  ein  kleiner  rechteckiger  Rahmen  gesetzt,  der  kreuzweise 
mit  dem  Rande  verbunden  wird.  Dieses  Motiv  kehrt  auch  auf  Schränken  und 
Truhen  unzählige  Male  wieder.  D 

580 


Berlin,  Kunst- 

D 


Der  verbreitetste  Typus  des 
niederländischen  Schrankes  ist 
viergeteilt[Abb.471].  Erhatunten 
zwei  hochrechteckige,  oben  zwei 
annähernd  quadratische  Türen, 
die  bald  kreuzweise,  bald  senk- 
recht oder  horizontal  weiterge- 
teilt sind.  Eine  andere  Form,  die 
gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts 
auch  in  Norddeutschland  Mode 
ward  und  sich  das  17.  Jahrhundert 
hindurch  hielt,  ist  der  sogenannte 
Überbau- oder  Büffetschrank.  Er 
besteht  aus  zwei  Teilen.  Der  un- 
tere hat  zwei  Türen,  über  denen 
ein  wulstartiges  Gesims  vor- 
springt, das  gewöhnlich  zwei  ca- 
chierteSchubladenbirgt.  Bei  dem 
oberenTeil  ist  der  Kasten  wesent- 
lich kleiner,  aber  das  kräftige 
Kranzgesims,     das    durch    zwei 

-.  ,.  ,  ,        r>,..    ,  ,  Abb.  471:    Niederländischer  Schrank.    1540. 

Karyatiden  oder  baulen  getragen   d  gewerbe-Museum 

wird,  hatwieder  die  gleiche  Größe  wie  der  Unterbau.  Die  freie  Platte  benutzte  man 
zum  Aufstellen  von  Schau-  und  Trinkgeräten.  DieRahmen  derTüren  sind  stets  ein- 
fach profiliert  und  nicht  wie  bei  den  süddeutschen  Schränken  hinter  Säulen,  Pila- 
stern,GiebelundNischenverborgen.  DerStollenschrank  der  Spätrenaissance  blieb 
stets  klein  und  zierlich.  Er  hat  auf  vier  runden  FüPien,  die  durch  Querstege  verbunden 
sind,  einen  hochrechteckigen  Kasten  mit  zweiTüren.  DerTisch  hatte  hohe  Zargen, 
dienochRaumfürniedrige  Friese  boten,  und  fast  ausnahmslos  wiederkehrend,  vier 
schwere  gedrehte  balusterartige  Füße,  die  entweder  durch  Stege  oder  aber  auch, 
wie  die  Abb.  472  zeigt,  durch  eine  feste  Platte  verbunden  waren.  Charakteristi- 
sche Ornamentmotive  sind,  außer  den  überall  gebräuchlichen,  an  Säulen  und  Pi- 
lastern  die  langen  Kannelüren,  besonders  aber  an  Querteilungen  die  pfeifenartig 
zu  Friesen  gereihten,  kurzen  Kannelüren.  Die  Umdrehung  dieses  Motives  ist  der 
nicht  minder  häufige,  aufgesetzte  Rundstab,  der  wie  der  aufgesetzte  Knopf  oder 
die  abgeschrägte  aufgeleimte  Leiste  aus  Ebenholz  gemacht  wird.  Auch  andere 
einfache  geometrische  Elemente  waren  beliebt  und  bewahrten  in  Verbindung  mit 
den  bereits  genannten  Eigenschaften  die  Niederländer  vor  manchen  Auswüchsen, 
denen  die  Deutschen  und  Franzosen  nicht  entgingen.  D 

FRANKREICH  besitzt  in  dem  Gestühl  der  Abteikirche  zu  St.  Denis  ein  glänzendes 
Beispiel  von  Frührenaissanceschnitzerei.  Freilich  gilt  das  nur  für  die  Füllungen 
der  Sitze  und  der  hohen  Rückwand;  das  Gerüst  und  die  Seitenwangen  sind  noch 
in  reinster  Gotik  gehalten  und  stammen  von  einem  anderen  Meister.  Die  Füllun- 
gen der  Sitze  haben  ornamentale  Schnitzereien  in  eleganter,  lockerer  Zeichnung 

581 


D   Abb.  472:  Niederländischer  Tisch.     Ende  des  16.  Jahrhunderts.     Nürnberg-,  Germanisches  Museum   D 

und  ganz  flachem,  weichem  Relief  —  zwei  Eigenschaften,  die  sie  in  charakteristi- 
scherWeise  von  der  gedrängten  und  tiefgründigen  deutschenWeise  unterscheiden. 
Die  untere  Reihe  der  Rückwand  bilden  in  starker  Anlehnung  an  Oberitalien  per- 
spektivische Innenarchitekturen  mit  einzelnen  Heiligenfiguren  in  Intarsiaarbeit. 
Die  obere  Reihe  ist  mit  der  Darstellung  oder  Marter  eines  Heiligen  in  kräftiger 
Reliefschnitzerei  gefüllt.  Die  Figuren  sind  kompositioneil  nicht  sehr  glücklich  in 
einen  Triumphbogen  gesetzt,  so  dag  mit  der  gotisch  gehaltenen  Hauptteilung  eine 
doppelte  architektonische  Umrahmung  entsteht.  Für  sich  betrachtet  zeigen  diese 
Reliefs,  vorzugsweise  nach  der  ornamentalenSeite,  eine  gewisse  quellende  Üppig- 
keit, die  bei  allem  Reichtum  geschmackvoll  wirkt.  D 

Unter  denSchränken  kommt  in  den  nordöstlichen  Provinzen  eineFormvor,  die 
mit  dem  niederrheinischen  Stollenschrank  eng  verwandt  ist,  nur  dag  der  Aufbau 
nicht  so  streng  eingehalten  wird.  Es  finden  sich  Beispiele  mit  zwei  Kästen  über- 
einander. In  der  Bourgogne  ging  die  Entwicklung  später  in  der  Weise  weiter,  dag 
an  die  Stelle  der  Stollen  hermen-  und  karyatidenartige  Träger  traten,  die  eine 
starke  Platte  mit  Schubladen  tragen.  Die  offene  Rückseite  des  Unterbaues  ist  mit 
geschnitzten  Füllungen  verkleidet.  Auf  der  Platte  erhebt  sich,  bisweilen  ein  wenig 
einspringend,  der  zweitürige  Schrank.  Diese  Art  sieht  auf  den  ersten  Blick  neu 
aus,  enthält  aber  im  Grunde  an  Neuem  nichts  als  eine  Betonung  des  Renaissance- 
empfindens durch  stärkere  Horizontalen  und  eine  andere  Ornamentik,  die  freilich 
die  Gesamterscheinung  ins  Schwerfällige  und  Massige  gewendet  hat.  D 

Eine  sehr  zierliche  Schrankart  verbreitete  sich  in  Lyon  und  Umgegend.  Es  ist 
ein  Unterbau  mit  zwei  hochrechteckigen  Türen  und  einem  kleineren  Oberbau  ähn- 
licher Art  mitgiebelförmigem  Abschlug.  Schnitzereien  fehlen  ganz,  derReizberuht 
allein  auf  den  feinen,  bündeiförmigen  Profilierungen.  Eine  ähnliche  Grundform  ist 
um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  in  der  Ile  de  France  häufig,  nur  pflegte  sie,  viel- 
582 


SCHRANK      ILE  DE  FRANCE 
UM  1550  •  IN  PRIVATBESITZ 


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Abb.  473:    Tisch.    Frankreich.    Zweite  Hälfte  des   Kl.  Jahrhunderts.     Privatbesitz 


leicht  unter  dem  Einflug  des  Hofes,  reicher  ausgestattet  zu  sein.  Die  charakte- 
ristischen flachen  Relieffiguren  auf  den  Türfüllungen  gehen  wohl  in  letzter  Linie 
auf  Goujon  zurück.  Vielleicht,  dag  auch  die  wirklichen  oder  gemalten  Steineinlagen, 
die  mit  einiger  Vergoldung  der  Figuren  oder  Ornamente  oft  einen  prachtvollen 
Farbenton  bilden,  auf  ihn  hinweisen.  Jedenfalls  gehören  diese  Schränke  in  ihrer  leb- 
haften und  eleganten  Durchbildung  zu  den  schönstenMöbeln  des  Jahrhunderts  [siehe 
Tafel].  Die  Spätzeit  bevorzugte  bei  den  verschiedenen  Schrankformen  wulstige 
mit  Schnitzerei  bedeckte  Profile  und  Gesimse,  gehäufte  Stützen  und  Pfeilervor- 
lagen in  Gestalt  von  phantastischen  Figuren  mit  Voluten  und  Blattwerk  und  voll- 
gepreßten  Füllungen  und  wirkt  dadurch  überladen,  wuchtig  und  schwer.  Bei  der 
Truhe,  dieverhältnismäßigleichttransportabel,  auchalsReisekoffer  diente,  macht 
sich  in  den  südöstlichen  Provinzen  in  der  klaren  grolizügigen  Behandlung  die  Nähe 
Italiens  bemerkbar.  Es  kommt  auch  die  Form  vor,  deren  Wände  nicht  einen  ein- 
fachen viereckigen  Kasten  bilden,  sondern  aus  einem  gebauchten  Mittelteil,  Wül- 
sten, Hohlkehlen,  Stäben  und  Deckplatten  bestehen,  und  durch  Schnitzerei  oder  Ein- 
legearbeit verziert  sind.  Im  übrigen  Frankreich  pflegt  die  Vorderwand  während 
der  Frührenaissance  durch  verhältnismäf^ig  enges  Rahmenwerk  mit  Füllungen 
übersichtlich  geteilt  zu  sein.  Später  wurde  wie  bei  den  Schränken  ein  mehr  male- 
risches Bild  angestrebt.  Das  Bett  hat  denselben  Aufbau  wie  in  Deutschland.  In  der 
Ornamentik  machte  es  denselben  Entwicklungsgang  durch  wie  die  übrigen  Möbel. 
Für  die  Verbreitung  der  späteren  Möbelformen  waren  die  Ornamentstiche  des 

583 


Ducerceau  von  Bedeutung,  Er  verar- 
beitete, ohne  direkt  zu  kopieren,  in 
pbantasiereicherWeise  italienische  Ein- 
drücke, hat  auch  fremde  Entwürfe  in 
seinen  Verlag  genommen  und  nach  der 
Sitte  der  Zeit  unter  seinem  Namen  ver- 
breitet. Eine  besonders  große  Folge 
bildeten  seine  Tische.  Dag  sie  Anklang 
fanden,  beweisen  die  vielen  erhaltenen 
Stücke  [Abb. 473].  Der  Hauptakzent  ist 
auf  dieStützen  derSchmalseitengelegt. 
Sie  sind  mit  Vorliebe  aus  grotesken  Fi- 
guren unter  Beimischung  von  architek- 
tonischen Motiven  gebildet  und  in  der 
Längsrichtung  durch  eine  Baluster- 
oder Säulenstellung  verbunden.  Dabei 
herrscht  wiebeidenübrigenMöbeln  und 
wie  in  Deutschland  eine  offenkundige 
Abneigung  gegen  unverzierte  Flächen. 
Zarge,  Plattenrand, Fugleiste undQuer- 
hölzer,  alles  wird  bedeckt  mit  Blatt- 
werk, Palmetten,  Band- und  Gitterwerk. 

Abb.474:  Thronsessel.  Frankreich.  Mitte  des  16.  Jahrh. 

□  Pierpont  Morgan.  D        Auch  die  Stuhlformcu  lehnen  sich  im 

Verlaufe  des  Jahrhunderts  immer  entschiedener  an  italienische  Vorbilder  an.  Die 
Abbildung  474  zeigt  einen  thronartigen  Sessel  im  Besitz  von  Pierpont  Morgan  mit 
kastenförmigem  Sitz  auf  niedriger  Stufe,  kräftigen  Armlehnen  und  hoher  Rück- 
wand. Daneben  finden  sich  die  verschiedensten  Typen  von  Sesseln  und  Stühlen 
auf  Stollenfügen  und  Brettfügen  und  verschiedenartiger  Ausbildung  der  Rück- 
und  Armlehnen.  D 

In  England  sind  Holzarbeiten  der  Renaissance  verhältnismägig  selten.  Die 
reiche  Frührenaissancedecke  im  Schlosse  zu  Hampton  Court  gilt  als  englische  Ar- 
beit, steht  aber  stark  unter  italienischem  Einflug.  Eine  Täfelung  imSouthKensing- 
ton  Museum  weist  durchaus  auf  Holland  hin,  anderes  deutet  wieder  auf  Frankreich 
und  beweist,  dag  eine  Verarbeitung  derRenaissancekunst  in  nationalem  Sinne  sich 
noch  in  den  Anfängen  befand  |  siehe  Tafelj.  D 

3.  GOLD  UND  SILBER  D 

Ob  über  den  deutschen  Goldschmiedearbeiten  ein  besonders  glückliches  Ge- 
schick gewaltet  hat,  oder  ob  dieProduktion  eine  so  viel  grögere  war.  —  jedenfalls 
übertrifft  trotz  der  ungeheuren  Verluste  die  Zahl  der  erhaltenen  Stücke  den  Be- 
stand der  anderenLänder  bei  weitem  und  erregt  noch  heute  unserStaunen.  In  der 
Kaiserlichen  Schatzkammer  und  in  den  grogen  Sälen  des  Hofmuseums  zu  Wien, 
in  der  Königlichen  Schatzkammer  und  in  der  Reichen  Kapelle  zu  München,  im 
Grünen  Gewölbe  in  Dresden,  im  Kreml  zu  Moskau  weig  man  nicht,  wohin  man  zu- 
erst seine  Augen  lenken  soll.  An  diesen  Stellen  ist  das  Wichtigste  bewahrt,  was 

584 


TÄFELUNG  IN  EICHENHOLZ.   ENGLISCHE  ARBEIT 
IM  SOUTH-KENSINGTON-MUSEUM  ZU  LONDON 


sich  im  Besitz  der  Fürstenhäuser  er- 
haltenhat. Vieles  andere,  vorzugsweise 
aus  bürgerlichem  Besitz,  ist  in  Museen 
gekommen.  Das  Germanische  Museum 
in  Nürnberg,  das  Kunstgewerbe-Mu- 
seum in  Berlin,  das  South  Kensington 
Museum  in  London,  derLouvre  inParis, 
der  Palazzo  Pitti  in  Florenz  bergen 
reiche  Schätze  deutschen  Silbers.  Un- 
zähliges ist  in  kleineren  Kollektionen 
und  Privatsammlungen  zerstreut.  Auch 
Amerika  fängt  schon  an,  das  an  sich  zu 
reißen,  was  in  den  Handel  kommt.  Bei 
allen  diesen  Sammlungen  liegt  der 
Schwerpunkt  in  den  Arbeiten  der  Re- 
naissance, n 
Während  die  Schreiner  der  großen 
Kunst  verhältnismäßig  langsam  folgten, 
hielten  die  Goldschmiede  gleichen 
Schritt,  ja  sie  gehörten  vielfach  zu  den 
führenden  Meistern.  Das  traf  bei  dem 
Augsburger  Goldschmied  Georg  Seid. 
von  dem  sich  derbereits  erwähnte  Altar 
von  1492  in  der  Reichen  Kapelle  in 
München  befindet,  anscheinend  nicht 
zu,  aber  sein  Altar  bleibt  trotzdem  eines  der  frühesten  Beispiele  der  Renaissance 
in  Deutschland.  Denn  daß  die  zierlichen  Säulen  und  Rundbögen  mit  ihren  ro- 
manischen Anklängen  nicht  etwa  romanisch  sein  wollen,  geht  zweifellos  aus 
dem  Übrigen  hervor.  Der  Faltenwurf  der  Heiligen,  besonders  der  fünf  mittleren, 
ist  von  einer  Ruhe  in  der  Zeichnung,  die  Dürer  in  denselben  Jahren  nicht  hatte. 
Die  nackten  Putten,  die  Blumen,  die  aus  Akanthuskelchen  hervorwachsen,  der 
Baldachin  über  der  kleinen  sitzenden  Madonna,  die  Rosetten  mit  den  durch- 
brochenen Ansatzstücken,  der  Blätterfries  am  Fuß,  die  Art,  wie  die  kleinen 
Bogenfelder  durch  Figuren  und  Beiwerk  gefüllt  sind,  —  das  alles  ist  durchaus 
im  Sinne  der  italienischen  Renaissance  gemacht  und  stempelt  den  Altar  zu  einer 
Merkwürdigkeit  seinerzeit.  Erst  Jahrzehnte  später,  1525,  haben  wir  in  demPokal, 
der  'von  der  löblichen  Universität  der  kurfürstlichen  Stadt  Wittenberg  als  Braut- 
geschenk H.  D.  Martin  Luther  und  seiner  Frau  Katharina  von  Bora  vorolirt'  wurde 
und  nach  manchem  Besitzwechsel  1801  in  den  Besitz  der  Universität  Greifswald 
gekommen  ist,  wieder  ein  Beispiel  vom  Eindringen  der  Renaissanceformen.  Der 
Pokal  stammt  gleichfalls  aus  Augsburg,  das  überhaupt  fortschrittlich  gesinnt  ist. 
Die  Gesamtauffassung  ist  eher  gotisch  als  italienisch,  aber  an  zwei  wichtigen 
Stellen  setzte  das  Neue  ein,  und  es  ist  bemerkenswert,  daß  dies  gerade  die  kon- 
struktiv schwachen  Punkte  des  gotischen  Fokales  waren,  nämlich  Schaft-  und 

585 


Abb.  475:  Muiizüecher.   Lüiieburger  Arbeit  von  1036 
D  Berlin,  Kunstgewerbe-Museum  D 


Deckelansatz.  Eine  organischeVerbindung  zwischen  Schaft  undBecher  hatte  näm- 
lich die  Gotik  nicht  gefunden.  Die  beiden  Teile  wurden  durch  Klammern  und  Lot 
mechanisch  verbunden  und  die  Ansatzstellen  gleichsam  wie  aus  einem  schlechten 
Gewissen  heraus  durch  einenKranz  ausBlatt-  und  Krabbenwerk  verdeckt.  Bei  dem 
Lutherbecher  ist  aber  ein  balusterf  örmiges,  mit  Akanthuslaub  bedecktes  Zwischen- 
stück eingefügt  [die  drei  Bügel  sind  eine  Zutat  aus  späterer  ZeitJ.  Der  gotischeDeckel 
ging  ohne  jedeEinschnürungundohne  sichtbarenRandindenBecherüber.  der  Zu- 
sammenschlug war  nur  durch  einen  glatten  Streifen  mit  einigen  zarten  Profilen  ganz 
ungefähr  angedeutet.  Der  Lutherbecher  zeigt  hingegen  einen  stark  eingeschnürten 
hohen  Hals  und  einen  übergreifenden  Deckelrand,  der  obendrein  noch  durch  eine 
leichte  Einkerbung  und  Riefelung  betont  ist.  Am  Gefägkörper  selbst  bilden  die 
großen  oberen  Buckel  eine  sofort  in  die  Augen  fallende  Betonung  des  Horizontalen 
gegenüber  den  unteren,  scharf  eingeschnürten  kleinen.  Alles  weist  auf  das  Streben 
hin,  die  einzelnen  Teile  nicht  mehr  in  der  Senkrechten  zusammen  zu  ziehen,  son- 
dern für  sich  zubehandeln  und  horizontal  zu  gliedern.  Abermals  zehn  Jahre  weiter 
istdasZiel  überall, imSüden  und  imNorden,  erreicht  und  zu  einem  Typus  in  der  Art 
der  Altdorferschen  Entwürfe  geworden.  —  Der  Frührenaissance-Pokal  geht  stark 
in  die  Breite.  DieEinschnürung  in  derCuppa-Mitte,  die  beim Greifswalder Luther- 
becher im  Vergleich  zur  Gotik  schon  zugenommen  hatte,  wird  noch  verschärft  und 
damit  fast  zu  einerHohlkehle.  DieBuckeln  werden  radial  gestellt  und  haben  öfter 
untereinander  gar  keine  Fühlung  mehr.  Die  Motive  des  Schaftes  sind  ausBaluster- 
und  Vasenformen  gemischt.  Der  Fug  ist  flach  und  hat  fast  regelmäßig  eine  leichte 
Einschnürung.  DerDeckel  wiederholt  die  Profile  des  Fuges,  der  Deckelknauf  aber 
die  des  Schaftes.  Als  Auflage  ist  breites  lappiges  Blattwerk  beliebt.  Als  Flächen- 
füllung dienen  in  ausgedehnterWeise  dieKleinmeisterornamente  inGravierung  oder 
Treibarbeit. — Aus  dem  Jahre  1536  stammt  der  Münzpokal  [Abb.475|  des  Lüneburger 
Ratssilberschatzes,  so  genannt,  weil  in  den  Deckel  goldene  und  silberne  Münzen 
eingelassen  sind.  Er  wurde  von  Johann  Köhler  dem  Rate  geschenkt.  Ein  Jahr 
später  ist  ein  anderer  grogerPokal  datiert,  den  Ludolf  vonDassel  der  Stadt  Lüne- 
burg verehrte,  und  in  dieselben  Jahre  gehört  ein  dritter  Pokal  desselben  Schatzes, 
den  der  Bürgermeister  Conrad  Lange  stiftete.  Diese  Schenkungen  waren  inner- 
halb der  Patrizier-  und  Bürgerfamilien  wohl  nur  Ehrensache  und  beruhten  auf 
einer  langjährigenTradition.  Bei  den  in  der  Stadt  verstorbenen  Fremden  nahmen 
die  Überweisungen  an  den  Rat  hingegen  die  Form  einer  Erbschaftssteuer  an.  Nur 
auf  diese  Weise  erklären  sich  die  staunenswerten  Mengen  von  Goldschmiedege- 
räten, die  früher  im  Besitz  der  Städte  waren.  Das  mittelgroße  Lüneburg  besag  um 
1600  gegen  300  Stück,  teils  Schau-  und  Prunkgerät,  teils  einfaches  Gebrauchs- 
geschirr. Dies  verfiel  in  Zeiten  der  Not  natürlich  dem  Einschmelzen  zuerst,  wäh- 
rend von  jenem  37.  zum  Teil  einzigartige  Stücke  erhalten  sind  und  bei  weitem 
den  größten  geschlossenen  Bestand  aus  bürgerlichem  Besitz  repräsentieren.  Im 
Jahre  1874  kamen  durch  Ankauf  des  preugischen  Staates  36  in  das  Berliner  Kunst- 
gewerbe-Museum, während  ein  Humpen  des  17.  Jahrhunderts  in  Lüneburg  ver- 
blieb. —  Bei  dem  1536  datierten,  ganz  und  gar  aus  Gold  gearbeiteten  Pokale  der 
Nürnberger  Patrizierfamilie  Pfinzing,  der  sich  jetzt  im  Germanischen  Museum 

586 


i 


befindet,  ist  die  Cuppa  zur  Schale 
geworden  [Abb.  476].  Die  Arbeit 
ist  die  denkbar  beste  und  der  Ein- 
druck durch  den  reichen  Email- 
schmuck überaus  prächtig.  Auf 
dem  Deckel  sind  die  Porträtköpfe 
von  Martin,  Siegfried  und  Sig- 
mund Pfinzing  angebracht,  im 
Innern  ist  der  des  MainzerPräpo- 
situs  Melchior  Pfinzing.  Der  Pokal 
ist  nicht  gestempelt,  aber  die  Fa- 
miliennamen legen  es  nahe,  Nürn- 
berg als  Ursprungsort  anzuneh- 
men. —  Ein  bisher  weniger  be- 
achtetes Stück,  gleichfalls  aus 
dem  Jahre  1536,  ist  der  Pokal  des 
Markgrafen  Georg  von  Branden- 
burg-Kulmbach in  der  Schatz- 
kammer zu  München.  Das  Gefäß 
selbst  ist  aus  einem  länglichen 
Onyxgefertigt, Deckel,  Schaftund 
Fuß  aber  sind  aus  Gold  mit  Email, 
Steinen  und  Perlen  als  Auflage. 
Die  Feinheit  der  Arbeit  wetteifert    ...    ,-r,   o  ,   ,  ^     c-      i     d^-    •        r-  i^      »c      i  ,fjc 

Abb.  4<b:  Pokal  der  Familie  Ptinzing.    Gold  mit  Email  1536 
mit  der  des  PfinzingSChen  Poka-    D  Germanisches  Museum.  Nürnberg  D 

les.  —  Das  früheste  bedeutende  Beispiel  eines  anderen  Typus  ist  derSchogbecher 
des  Lüneburger  Schatzes.  Fug,  Schaft  und  Deckel  gleichen  im  wesentlichen  den 
vorher  genannten  Stücken,  aber  das  Gefäß  selbst  hat  die  Form  eines  hohen,  glatt- 
wandigen,  sich  nach  oben  ein  wenig  erweiternden  Bechers.  Dieser  sitzt  in  einer 
Blatthülle,  die  von  drei  am  Schaft  hochspringenden  Löwen  getragen  wird  —  ein 
allerdings  nur  diesem  Pokal  eigentümliches  Beiwerk.  Er  ist  eine  Lüneburger 
Arbeit  um  1530  und  trägt  seinen  Namen,  weil  er  den  Bürgern  beim  Steuerzahlen 
zu  einem  Trunk  gereicht  wurde.  Eine  Sitte,  die  wieder  eingeführt  werden  sollte. 

Zu  derselben  Zeit  kam  ein  kleiner,  nur  10—12  cm  hoher  Beclier  mit  oder  ohne 
Deckel  auf  ganz  niedrigem  Fuß  in  Aufnahme.  Der  Oberteil  ist  zylindrisch  und 
häufig  mit  feinen  Gravierungen  versehen,  der  rund  ablaufende  Unterteil  ist  manch- 
mal geriefelt  und  gebuckelt  [Abb.  481 1.  Diese  Becher  wurden  bisweilen  satzweise 
gemacht  und  so  ausgeführt,  daß  sie  zur  Aufbewahrung  oder  zum  Mitnehmen  auf 
die  Reise  ineinandergestellt  werden  konnten.  Man  nannte  sie  dann  Haufebecher. 
Einen  vollständigen  Satz  besitzen  die  Museen  in  Leipzig  und  in  Cassel  und  die 
Reiche  Kapelle  in  München.  Einzelne  Exemplare  an  verschiedenen  Orten.  D 

Für  die  Schale  der  Frührenaissance  ist  wiederum  der  LüneburgerSchatz  wicli- 
tig.  Er  enthält  zwei  ausgezeichnete,  fast  identische  Exemplare  |  Abb.  477u.  478  jaus 
den  Jahren  1530—1540.  Fuß  und  Schaft  sind  wie  beim  Pokal  behandelt.  Die  Platte 


587 


T     D 


.UMlüMiMi 


HiliWl^        D 


Abb.  477:     Schale    aus    dem   Lüneburger    Rats- 
D       Silberschatz.  1530—1540.  Vorderansicht       D 


.    i7s:     Sili;ili     aus    dem    Lünebiirger   Rats- 
silberscliatz.  1530—1540.   Seitenansicht       D 


ist  im  Gegensatz  zu  der  gotischen  ganz  flach  und  mit  einem  abgesetzten  schmalen 
Rande  versehen,  der  durch  Porträtmedaillons  und  zierlich  getriebeneBlattranken 
geteilt  wird.  Die  Mitte  der  Fläche  bildet  das  Lüneburger  Stadtwappen,  umgeben 
von  ähnlichem  Rankenwerk.  —  Andere  Schalen  der  Zeit  stehen  flach  oder  auf  nie- 
drigem Ringfug  auf  dem  Boden.  Besondere  Kostbarkeiten  waren  solche  mit  ein- 
gesetzten antiken  Münzen.  D 
Kirchengerätistinfolge  der  religiösen  undpolitischenWirren  seltener,  es  spielte 
auch  im  Ornamentstich  keine  Rolle.  Dag  es  aber  auf  diesem  Gebiet  nicht  so  dürftig 
bestellt  war,  wie  es  heute  nach  dem  erhaltenenBestand  denAnschein  hat,  beweist 
zum  Beispiel  das  sogenannte  Mainzer  Heiligtumsbuch,  das  jetzt  im  Schlosse  zu 
Aschaffenburg  aufbewahrt  wird.  Es  enthält  auf  339  Pergamentblättern  farbige 
Darstellungen  der  verschiedensten  Reliquienbehälter,  die  der  Kardinal  Albrecht 
von  Brandenburg  [gest.  1545]  anfangs  in  Halle  und  später,  als  dies  lutherisch  ge- 
worden war,  inMainz  zusammengebrachthatte.  Darin  sind  auchFrührenaissance- 
Arbeitenin  groger  Zahl  vertreten.  —  Eines  der  wichtigsten  erhaltenen  Stücke,  das 
noch  eine  erhöhte  Bedeutung  dadurch  erhält,  dag  Flötner  daran  beteiligt  ist,  ist 
ein  silbergetriebener  Altar  in  der  Jagellonenkapelle  des  Domes  zu  Krakau  vom 
Jahre  1538.  Er  wurde  von  KönigSiegmund  I.  vonPolen  bei  demNürnbergerGold- 
schmied  Melchior  Bayr  in  Auftrag  gegeben  und  trägt  auch  dessen  Stempel.  Neu- 
dörffer  schreibt  in  seinenNachrichten  über  Nürnberger  Künstler:  'Dieser  Bayr  ist 
mit  Treiben,  Reigen  in  grogen  Werken  von  Silber  zu  machen,  berühmt.  Er  machte 
dem  König  von  Polen  eine  ganz  silberne  Altartafel.  Zu  solcher  Tafel  machte  Peter 
Flötner  diePatronen  undFiguren  ausHolz,  aber Pankraz Labenwolf  gog  dieselben 
hölzernen  Patronen  vonMessing.  Über  diemessingnenTafelnwurdendiesilbernen 
Platten  eingesenkt  und  getrieben.'  An  der  Richtigkeit  dieser  auch  für  die  Arbeits- 
teilung interessanten  Notiz  braucht  man  nicht  zu  zweifeln.  Denn  dag  von  Flötners 
Art  auger  den  allgemeinen  Kompositionsprinzipien  nicht  viel  an  dem  Altar  zu  finden 
ist,  darf  nicht  verwundern.  Schon  beim  Abformen  und  Giegen  kann  vom  feineren 
Detail  manches  verlorengehen.  Nun  aber  gar  erst  beim  Treiben.  Da  liegt  es  völlig 
im  Belieben  des  Goldschmiedes,  wie  weit  er  sich  an  die  Modelle  halten  und  wie 


588 


viel  er  der  eigenen  Phan- 
tasie und  dem  eigenen  Ge- 
schmackRaum  geben  will. 
Von  Melchior  Bayr  wissen 
wir  sonst  nichts.  Pankraz 
Labenwolf  ist  derselbe, 
der  das  bekannte  Gänse- 
männchen auf  dem  Brun- 
nen des  Gänsemarktes 
hinter  der  Frauenkirche 
in  Nürnberg  gog.  D 

Von  Kleingeräten  mö- 
gen zwei  Kelche  genannt 
sein.  Der  eine,  im  Kunst- 
gewerbe-Museum in  Prag, 
ist  auf  den  Paßflächen  des 
Fuges  mit  Kränzen,  auf 
dem  runden,  fast  kugel- 
förmigen Knauf  und  der 
Unterseite  der  Cuppa  mit 
zierlichem  Laubwerk  in 
Treibarbeit  geschmückt 
und  1528  datiert.  Das  ver- 
leiht ihm  eine  erhöhte  Be- 
deutung. Der  andere,  in 
der  Marienkirche  in  Sten- 
dal, zeichnet  sich  durch 
eineungewöhnlicheGröge 
und  eine  sechspässig  aus- 
gebuchtete Cuppa  aus  — 
beides  Punkte,  die  seine 
Entstehung  dicht  nach  der 
1539  in  Stendal  eingeführ- 
ten Reformation  wahr- 
scheinlich machen.  Denn 
der  von  einer  zahlreichen 
Gemeinde  benutzte  Kelch 
mufite  natürlich  größer 
sein  als  der  von  einem 
einzelnen  Priester  ge- 
brauchte, und  die  Aus- 
buchtungen der  Cuppa 
würden  sich  aus  der  grö- 
ßeren Sicherheit  und  Be 


Abb.  479:  Wenzel 
D 


.lamiiilzer,   Merkolscher   I'afelaufsatz.  Paris,  Privat- 
besitz G 


589 


quemlichkeit  beim  Trinken,  vielleicht  auch  aus  hygienischen  Gründen  erklären. 
Der  Fug.  der  Knauf  und  die  Kelchhülle  sind  mit  getriebenem  Kleinmeisterlaub- 
werk, die  Flächen  des  sechspässigen  Fuges  mit  Medaillonköpfen  bedeckt.  D 

Die  dreißiger  Jahre  wurden  noch  durch  ein  anderes  Ereignis  für  die  Gold- 
schmiedekunst bedeutungsvoll.  WENZEL  JAMNITZER  kam  mit  seinem  jün- 
geren Bruder  Albrecht  von  Wien  nach  Nürnberg  und  wurde  dort  1534  zünftig. 
Er  ist  der  bekannteste  deutsche  Goldschmied  und  war  fast  der  einzige,  dessen 
Namen  niemals  in  Vergessenheit  geraten  ist.  Gab  es  irgendwo  eine  gute  alte 
Goldschmiedearbeit,  so  schrieb  man  sie  entweder  ihm  oder  Cellini  zu.  Jetzt 
wissen  wir,  dag  kaum  noch  viel  mehr  als  20  beglaubigte  Werke  von  Jamnitzer 
existieren.  Das  ist  bei  einem  langen  Leben  von  77  Jahren  —  er  war  1508  geboren 
und  starb  1585  —  sehr  wenig.  Obendrein  weig  man  nicht  einmal,  wie  weit  sie  von 
ihm  oder  von  seinemBruder  Albrecht  gearbeitet  sind.  Neudörffer,  der  mit  beiden 
persönlich  befreundet  war,  also  aus  eigener  Kenntnis  urteilte,  schreibt:  'Diese 
zwei  Brüder  sind  auch  inErfindung  derKunst,  auch  in  Verteilung  ihrer  gemachten 
Arbeit  also  einig,  dagkeiner  dasSeine  vondemAnderen  fordert,  noch  vielweniger 
das  Wenigste  oder  das  Meiste  vor  dem  Anderen  verbirgt.'  'Sie  arbeiten  beide', 
fährt  er  dann  fort,  'von  Gold  und  Silber,  haben  in  der  Perspektive  und  Magwerk, 
einen  grogen  Verstand,  schneiden  beide  Wappen  und  Siegel  in  Silber,  Stein  und 
Eisen.  Sie  schmelzen  die  schönsten  Farben  in  Glas  und  haben  das  Silberätzen  am 
höchsten  gebracht.  Was  sie  aber  an  Tierlein,  Würmlein,  Kräutern  und  Schnecken 
von  Silber  giegen  und  die  silbernen  Gefäge  damit  zieren,  das  ist  vorher  nicht  er- 
höret worden.  Mir  selber  haben  sie  eine  ganze  silbernen  Schnecken  verehret, 
darum  allerlei  Blümlein  und  Kräutlein  gegossen,  welche  Blättlein  und  Kräutlein 
also  subtil  und  dünn  sind,  dag  sie  ein  Anblasen  wehig  macht.'  Mit  diesen  Worten 
hat  Neudörffer  nicht  zu  viel  gesagt.  Wir  finden  es  durchaus  an  den  mit  Wenzels 
Zeichen  versehenen  Arbeiten  bestätigt,  müssen  aber  darauf  verzichten,  den  An- 
teil Albrechts  erkennen  und  absondern  zu  wollen.  Was  Wenzels  Stempel  trägt, 
mug  uns  also  vorläufig  als  sein  Werk  gelten.  Er  war  jedenfalls  derBedeutendere 
und  Inhaber  der  Werkstatt.  Wenn  wir  dann  noch  bedenken,  dag  er,  wie  jeder  an- 
dere, häufignachfremden  Entwürfen  arbeiten  und  sich  nach  den  Wünschen  seiner 
Auftraggeber  richten  mugte,  so  werden  wir  auch  aus  dem  Grunde  keine  klar  um- 
rissene  Künstlerpersönlichkeit  suchen.  D 

Gleich  das  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  früheste  erhaltene  Werk,  der  um  1540 
entstandene  Ernestinische  Willkomm  im  Museum  zu  Gotha,  fällt  auf,  denn  er  hat 
den  sonst  in  der  Zeit  nirgends  mehr  vorkommenden  Typus  der  gotischen  Maser- 
holzbecher. Sonst  ergriff  Jamnitzer  alles  Moderne  lebhaft.  Der  in  dieser  Hinsicht 
wichtigen,  1546  datierten  Zeichnung  von  maureskem  Ornament  mit  Umrollungen 
ist  bereits  gedacht,  und  der  drei  Jahre  spätere'Merkelsche  Tafelaufsatz' [Abb. 479] 
ist  ein  weiterer  Beweis  dafür.  Dieser  1  m  hohe  Aufsatz  wurde  1549  für  den  Rat  in 
Nürnberg  angefertigt,  kam  im  18.  Jahrhundert  in  den  Besitz  der  Nürnberger  Pa- 
trizierfamilieMerkel  und  wurde  im  19.  Jahrhundert  an  den  Baron  A.  vonRothschild 
in  Frankfurt  a.  M.  verkauft.  Er  bildete  das  Hauptstück  in  dessen  berühmter  und  kost- 
barer Sammlung  vonGoldschmiedegeräten,  ist  aber  leider  nach  Paris  gekommen,  als 

590 


D  Abb.  480:   Wenzel  Jamnitzer.    Kassette.     München,  Königliche  Schatzkammer  D 

die  Kunstschätze  Rothschilds  unter  dieErben  verteilt  wurden.  Der  Aufsatz  hat  die 
Form  einer  flachen  kreisrunden  Schale,  die  von  einer  stehenden  weiblichen  Figur 
getragen  wird.  Inmitten  der  Schale  erhebt  sich  eine  Vase  mit  Blumen,  Gräsern 
und  Kräutern,  die  auch  den  Korb  auf  dem  Kopfe  der  Figur  füllen,  und  durch  allerlei 
kleine  Tierebelebt,  ebenfalls  denSockelbedecken.  Hier  sehen  wir,dagNeudörffer 
tatsächlich  recht  hat, wenn  er  sagt,  ein  Anblasen  mache  sie  wehig.  Über  die  künstle- 
rische Wirkung  kann  man  freilich  streiten,  wie  denn  überhaupt  dies  Werk  ein 
charakteristisches  Beispiel  des  Sich-nicht-genug-tun-könnens  in  Ornament  und 
Schmuck  und  Künstlichkeit  ist.  Man  wird  bei  der  unendlichen  Fülle  des  Details 
unruhig,  sobald  man  versucht,  ins  Einzelne  zu  gehen.  Mag  man  sich  aber 
ästhetisch  stellen,  wie  man  will,  formengeschichtlich  ist  der  Aufsatz  jedenfalls 
eines  der  wichtigsten  Werke  der  Zeit.  Er  war  bei  seiner  Entstehung  von  oben  bis 
unten  hoch  modern.  An  Stelle  des  Schaftes  eine  Figur  zu  setzen,  war  wenigstens 
in  Deutschland  etwas  Neues.  Die  Art,  die  Vase  durch  drei  mit  verschränkten 
Armen  hockende,  sirenenartige  Figuren  tragen  zu  lassen,  ist  zwar  schon  in  den 
drei  Satyrn  am  Schaft  eines  von  A.  Hirschvogel  gestochenen  Fokales  von  1543 
vorgebildet,  geht  auficrdem  auf  Italien  zurück,  ist  aber  ansclieinend  von  Jamnitzer 
zuerst  ausgeführt.  Später  sind  ähnlich  gestellte  Figuren  am  Schaft  eines  Fokales 
ein  sehr  beliebtes  Motiv  geworden.  An  der  Vase  und  an  besonders  aufgesetzten 
Platten  der  Schale  sind  Mauresken  in  farbigem  Schmelz  werk  reichlich  verwendet, 

591 


also  nur  ein  Jahr,  nachdem  Flötners  Maureskenbuch  erschienen  war.  Rollwerk 
findet  sich  in  der  verschiedenartigsten  Behandlung.  So  könnte  schon  dies  eine 
Werk  die  angesehene  Stellung,  die  Jamnitzer  innerhalb  und  außerhalb  des  Kreises 
seiner  Zunftgenossen  hatte,  vollauf  rechtfertigen.  Später  folgen  an  größeren  Ar- 
beiten die  schönen  Schmuckkästen  in  der  Schatzkammer  in  München  [Abb.  480], 
und  im  Grünen  Gewölbe  in  Dresden  —  letzterer  mit  der  Datierung  1557  —  und  der 
groge  Pokal  im  Besitz  des  deutschen  Kaisers,  an  kleineren  Werken  die  Fassungen 
von  Limogeskannen,  Nautilusmuscheln,  Achatgefägen  und  Gläsern.  Jamnitzer 
verwendet  bei  allen  friesartig  auftretenden  Ornamenten  gern  Stempel,  die  nach 
seinemTodein  andere Händeübergegangenzu  sein  scheinen.  Wir  finden  z.B.  einen 
hübschen  Fries  mit  Putten  und  Girlanden  und  einen  Triglyphenfries  mit  Ochsen- 
schädeln und  Rosetten  in  genauester  Übereinstimmung  auch  auf  einer  Kassette 
des  Berliner  Kunstgewerbe-Museums,  die  den  Stempel  eines  Nürnberger  Meisters 
Johann  Straub  trägt.  Der  Pokal  des  Kaisers  ist  dadurch  bemerkenswert,  daß  er  in 
allen  Teilen  gegossen  ist.  Er  scheint  um  1570  entstanden  zu  sein,  aber  der  Schaft 
ist  nicht  vollständig,  und  der  Reichtum  des  Schmuckes  verwischt  ein  wenig  die 
Klarheit  der  Gliederung,  so  dag  die  charakteristischen  Eigenschaften  des  Pokals 
derHochrenaissance  besser  an  einem  anderen,  dem  sogenannten  hessischen  Will- 
komm [siehe  Tafel]  besprochen  werden.  Dieser  zeigt  auf  den  ersten  Blick  einen 
anderen  Charakter  als  der  Pokal  der  Frührenaissance.  Er  ist  ganz  und  gar  aus  ab- 
strakten Formenelementen  in  alleiniger  Rücksicht  auf  die  Silhouette  konstruiert. 
Es  wechseln,  scharfkantig  an  einanderstogend,  Wulste,  Hohlkehlen  und  zylindri- 
sche Stücke.  Typisch  ist  die  große  zylindrische  Einschnürung  des  eigentlichen 
Bechers.  Der  Deckelrand  springt  weit  vor.  Außerdem  ist  die  Höhe  des  Ganzen  im 
Verhältnis  zur  Breite  wieder  bedeutend  gewachsen.  Buckel  sind  nur  einzeln,  nicht 
reihenweise,  angebracht.  Der  Pokal  ist  eine  Arbeit  des  Nürnberger  Goldschmie- 
des Elias  Lencker.  Eine  Inschrift:  'Fürst  Joachim  Ernst  von  Anhalt  hat  vomLand- 
graven  zu  Hessen  das  Prunirn  [ein  Kartenspiel]  gelernt  und  diesen  Wilkumb  zu 
lehrgeld  bezahlt.  Actum  Cassel  am  neunzehnden  Tag  february  Anno  1571'  über- 
liefert uns  den  Anlaß  der  Entstehung.  Zu  diesen  Worten  bilden  die  Reliefs  an  dem 
Pokal  eine  Illustration.  Man  sieht  die  beteiligten  Personen  auf  einer  Seite  im  Ge- 
spräch um  einen  Tisch  sitzen,  auf  der  anderen  Karten  spielen.  Zu  den  bekannte- 
stenPokalen  ähnlicher  Art  gehören  der  etwas  frühere,  1567  datierte  Erbschenken- 
becher, der  von  Kaiser  Maximilian  II.  dem  Erbschenken  von  Limpurg  gestiftet  wurde 
und  jetzt  im  Germanischen  Museum  zu  Nürnberg  bewahrt  wird;  der  Kurfürsten- 
becher des  Lüneburger  Schatzes,  so  benannt  nach  den  Figuren  der  sieben  Kurfürsten 
an  der  Einschnürung,  und  der  sogenannte  Landschadenbund  im  Landesmuseum  in 
Graz.  Wie  dieser  zu  dem  Namen  gekommen  ist,  konnte  bisher  nicht  festgestellt 
werden.  Man  weiß  nur,  daß  er  Augsburger  Arbeit  ist  und  im  Jahre  1602  von  Erz- 
herzog Ferdinand  dem  Herzogtum  Steiermark  geschenkt  wurde.  Er  ist  aber  allem 
Anscheine  nach  in  denselben  Jahren  wie  die  anderen  entstanden.  Dabei  ist  er,  von 
einigen  ungefügen,  Mannshöhe  messenden  Pokalen  im  Kreml  zu  Moskau  abgesehen, 
nicht  bloß  der  größte  —  er  mißt  über  Im  — ,  sondern  auch  der  bestkomponierte 
und  durch  reichen  transluziden  Emailschmuck  der  farbenprächtigste  von  allen.  D 

592 


^dl>|  DER  HESSISCHE  WILLKOMM  ■  ARBEIT  DES  NÜRN- 

BERGER GOLDSCHMIEDES  ELIAS  LENCKER,  1571 


[^ 


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Abb.  481 :  Haufebecher.  Zweite  Hälfte  des 
D       16.  Jahrhunderts.    Privatbesitz       D 


Abb.  482;    Humpen.      Wien,    Hofniuseuiii.      Mu 
O  Gravierungen  nach  H.  S.  Beham  D 


Die  Form  des  Lüneburgers  Schogbechers  nahm  Virgil  Solls  in  einem  Ornament- 
stich von  1545  mit  der  Veränderung  wieder  auf,  dag  er  um  den  unteren  Becher- 
ansatz einen  Wulst  legte.  Er  bezweckte  damit  eine  Bereicherung  der  Silhouette 
und  gab  der  Horizontale  des  oberen  Randes  ein  Gegengewicht,  freilich  auf  Kosten 
der  Schlankheit,  aber  die  lag  nicht  im  Geschmack  der  Zeit.  Auf  diesen  oder  einen 
verwandten  Stich  geht  eins  der  schönsten  Stücke  der  Münchener  Schatzkammer 
zurück.  Es  ist  der  massivgoldene,  überaus  reiche,  im  Mittelteil  blau  und  weif» 
emaillierte  Becher  mit  den  Initialen  Herzog  Albrechts  von  Bayern  und  der  Jahres- 
zahl 1562  [Abb.  487].  Er  erhält  dadurch,  dag  die  Art  der  Ornamentik  und  der  Arbeit 
eine  ausgesprochene  Verwandtschaft  mit  dem  später  erwähnten,  grogen,  email- 
lierten Goldpokal  vonHansReimer  verrät,  ein  erhöhtes  Interesse.  GegenEnde  des 
Jahrhunderts  lieg  man  den  Wulst  wieder  fort  und  setzte  den  Gefägboden  recht- 
winklig und  scharf  gegen  die  Wandung  und  ohne  bedeutsames,  überleitendes 
Zwischenglied  auf  den  Schaft.  Eins  der  besten  Beispiele  dieser  sehr  häufigen  Art 
ist  der  Pokal  der  Bankmetzger  in  Augsburg,  jetzt  im  Nationalmuseum  in  München. 
Ein  anderer  im  Besitz  der  Stadt  Torgau  ist  durch  seine  Gröge  und  die  farbige  Be- 
malung bemerkenswert.  D 

Eine  sanftere  Überleitung  zum  Schaft  und  einen  glockenförmigen  Fug,  der  um 
1600  Mode  wird,  hat  der  1604  datierte  kleine,  auf  das  Feinste  ziselierte  Becher 
der  Goldschmiedeinnung  in  Frankfurt  a.M.  Auger  zwei  mythologischen  Szenen 
befinden  sich  auf  der  Wandung  zwei  Darstellungen  aus  dem  Goldschmiedehand- 
werk.  Die  eine  zeigt  die  Werkstatt  eines  Goldschmiedes,  die  andere  enthält  einen 
Pokal,  einGürtelgehänge  und  einenGürtel,  wahrscheinlich  die  von  der  Frankfurter 
Zunft  verlangten  Meisterstücke.  Eine  Inschrift  nimmt  auf  den  heiligen  Eligius, 
den  Schutzpatron  der  Goldschmiede,  und  auf  die  Bestimmung  des  Bechers  als 
Trinkgerät  Bezug,  indem  sie,  ähnlich  wie  bei  dem  grogen  Pokal  mit  dem  Stamm- 
baum Christi  im  Lüneburger  Schatz,  zur  Mägigkeit  ermahnt.  Dieser  Gruppe  ist  ein 
kleiner,  eiförmiger  Deckelbecher  des  Nürnberger  Goldschmiedes  Hans  Petzold 
1 1551 — 1633]  verwandt.  Eine  im  Boden  eingelassene  Porträtmedaille  mit  der  Um- 

38  •  Geschichte  des  Kunstgewerbes  593 


Schrift:  'Georgen  Roemer  Anno  1580'  könnte  das  Jahr  der  Entstehung  angeben. 
Fast  mehr  als  die  Sorgfalt  der  Arbeit  fällt  die  diskrete  Unterordnung  der  reichen 
Details  unter  die  einfache  und  schöne  Hauptform  auf,  eine  Erscheinung,  die  an  an- 
deren, wahrscheinlich  späteren  Arbeiten  dieses  nachWenzelJamnitzer  am  meisten 
genannten  Meisters  nicht  in  gleichem  Maße  zu  finden  ist.  D 

Die  bisher  genannten  Trinkgeräte  eigneten  sich  wegen  ihrer  Größe  meistens 
nicht  zum  Gebrauch  für  eine  einzelne  Person.  Hierfür  kam,  indem  die  kleinen 
Becher  auf  niedrigem  Fug.  die  Haufebecher,  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  all- 
mählich verschwanden,  immer  mehr  der  Humpen  in  Aufnahme  [Abb.  482].  Die 
Form  ist  bekannt.  Er  steht  breit  und  flach  auf  dem  Boden,  verjüngt  sich  nach 
oben  ein  wenig,  hat  einen  flachen  Klappdeckel  und  einen  kräftigen  Griff,  der  mit 
demDeckelscharnierzueinerbequemenAuflage  desDaumensverbunden  ist.  Einer 
der  frühesten  Entwürfe,  wenn  nicht  der  früheste,  stammt  von  Flötner.  Ob  er  je- 
mals ausgeführt  wurde,  ist  unbekannt.  Jedenfalls  wird  der  Humpen  erst  in  späte- 
ren Jahrzehnten  häufiger.  D 

Von  ihm  unterscheidet  sich  eine  beliebte  Form  der  Kanne  fast  nur  durch  die 
doppelte  Höhe.  In  Norddeutschland  wurde  die  zylindrische  Wandung  anscheinend 
vorgezogen  und  in  dem  Exemplar  im  grogherzoglichen  Schloß  zu  Schwerin,  Lüne- 
burger Arbeit  von  1590,  in  prächtigster  Weise  ausgebildet  [Abb.  483 1.  Ein  anderer 
Typus  hatte  in  gotischer  Zeit  die  Form,  die  in  allerreichster  Weise  die  Goslarer  Berg- 
mannskanne, einfacher  viele  Zinnkannen  und  Darstellungen  auf  Gemälden  und 
Stichen  zeigen.  Charakteristisch  sind  der  kleine,  fast  kugelförmige,  tiefsitzende 
Körper  und  der  hohe  und  weite  Hals.  Der  Einfluß  Italiens  führte  zu  einer  neuen 
Form,  derenKörper  groß  und  eiförmig  ist  und  gleichmäßig  zwischen  einem  scharf 
eingezogenen  Fuß  und  Hals  sitzt.  Der  Ausguß  ist  schnabelförmig,  der  Griff  frage- 
zeichen-  oder  S-förmig  geschweift.  Alles  ist  auf  gute  Verhältnisse  und  eine  klare 
Silhouettenwirkung  hin  komponiert.  Die  Abbildung  484  zeigt  ein  einfaches  Stück 
vom  Ende  des  16.  Jahrhunderts,  aus  dem  kleinen  Silberschatz  der  Stadt  Emden,  aber 
es  gibt  andere  aus  früherer  Zeit,  die  zum  Teil  im  Übermaß  mit  figürlichen  Reliefs 
und  Ornamenten  bedeckt  sind.  Die  Pseudorenaissance  des  19.  Jahrhunderts  be- 
mächtigte sich  zu  Dekorationszwecken  grade  dieser  letzten  in  ermüdender  Weise, 
so  daß  wir  geneigt  sind,  auch  den  guten  Originalen  eine  gewisse  Kälte  und  Miß- 
achtung entgegen  zu  bringen.  Zu  diesen  Kannen  gehören  fast  regelmäßig  große 
Schüsseln,  deren  Mittelteil  so  gearbeitet  ist,  daß  der  Fuß  der  Kanne  darauf  paßt. 
Sie  dienten,  wenn  sie  nicht  lediglich  Prunkgerät  vorstellten,  nach  dem  Essen  zum 
Waschen  der  Hände,  was  wegen  des  noch  beschränkten  Gebrauches  von  Messer 
und  Gabel  notwendiger  war  als  heute,  wurden  aber  in  denselben  Formen,  nur  mit 
einigen  biblischen  Darstellungen  versehen,  auch  zu  kirchlichen  Zwecken  benutzt. 
Die  große  Schüssel  des  Lüneburger  Schatzes  wurde  1566  von  dem  Bürgermeister 
Hieronymus  Witzendorp  gestiftet.  Sie  enthält  in  der  Mitte  Wappen  von  Lüneburger 
Familien  und  auf  dem  Rande  Reliefdarstellungen  aus  der  römischen  Geschichte 
mit  erklärenden  Beischriften.  Bei  Schüsseln  in  Dresden  und  München  ist  die  ring- 
förmigeFläche  um  den  Mittelspiegel  zu  vielfigurigen  getriebenen  Szenen  benutzt, 
die  ein  hoheskünstlerisches  und  technisches  Können  voraussetzen.  Beides  konnte 

594 


Abb.  484: 

Kanne.    Emden. 

Um 

Abb.  4s:i 

;     .vixM  ,  '         ■          Nlh'11- 

D 

1600 

a 

D   barg. 

Ende  des  IG.  Jahrh.   D 

Abb. 483:  Kanne.  Lüneburg  1590, 
a  Schwerin,  Schloß  D 

sich  auch  bei  den  kleinen  Schalen  auf  hohem  Fug  zeigen,  die  bisweilen  in  ganzen 
Folgen  hergestellt  wurden  und  gewöhnlich  eine  figürliche  Komposition  oder  eine 
Landschaft  mit  Staffage  enthalten.  Zwei  hervorragend  schöne  Schalen,  die  immer 
besonders  gepriesen  wurden,  weil  sie  Arbeiten  von  Cellini  sein  sollten,  aber  tatsäch- 
lich gut  deutsche  sind,  besitzt  der  Louvre  in  Paris.  Die  eine  enthält  auf  der  Innenseite 
ein  Relief  mit  der  Darstellung  der  Minerva  und  den  sieben  freien  Künsten,  auf  der 
Augenseite  vier  kleinere  Reliefs  in  reicher  Umrahmung  von  Grotesken  und  Putten ; 
die  andere  ein  Relief  mit  der  Schmiede  des  Vulkan.  Jene  wird  von  einem  orna- 
mental behandelten  Schaft  und  Fug,  diese  von  einem  Bacchus  getragen,  dessen 
Stellung  fast  genau  dem  David  des  Michelangelo  in  Florenz  nachgebildet  ist.  Das 
ist  nicht  uninteressant,  aber  keineswegs  ein  Beweis,  dag  die  Schale  von  einem 
Florentiner  oder  Italiener  gearbeitet  seinmug.  Eine  ganze  Reihe  ähnlicher  Schalen 
von  Augsburger  Herkunft  birgt  die  Schatzkammer  des  Palazzo  Pitti  in  Florenz. 
Auch  die  Deckelschale,  die  in  dem  erwähnten  Pf  inzingschen  Pokal  und  noch  weiter 
zurück  in  dem  Osnabrücker  Kaiserbecher  ihren  Vorläufer  hat,  bleibt  im  späteren 
16.  Jahrhundert  beliebt.  Eine  solche,  Nürnberger  Arbeit  von  Jonas  Silber  um  1589, 
besitzt  das  Kunstgewerbe-Museum  Berlin.  Sie  ist  inhaltlich  wie  formengeschicht- 
lich interessant.  Inhaltlich  steckt  sie  voll  von  allegorischen  und  geschichtlichen 
Beziehungen:  der  dreipässige  Fug  versinnbildlicht  den  Erdkörper,  aus  dem  der 
Baum  des  Paradieses  mit  Adam,  Eva  und  der  Schlange  herauswächst  und  in  seiner 
Krone  das  himmlische  Jerusalem  in  Gestalt  einer  gotischen  Burg  trägt.  Die  Schale 
selbst  zeigt  äugen  in  flachem  Relief  den  Kaiser,  die  sieben  Kurfürsten  und  die 
97  Wappen  der  Reichsstände,  auf  dem  Deckel  den  Himmel  mit  allen  Sternbildern 
und  darüber  auf  zwei  gekreuzten  Bügeln  die  Figur  Christi.  Innen  sieht  man  die 
Karte  von  Europa  in  Gestalt  einer  Jungfrau,  im  Deckel  die  zwölf  Ahnen  deutscher 
Nation,  die  nach  Flötnerschen  Plaketten  gefertigt  sind.  Überall  sind  nocli  Reste 
alter  Bemalung  mit  Lackfarben  sichtbar.  Diese  traten  an  die  Stelle  des  solideren, 
aber  technisch  schwieriger  zu  behandelnden  Emails  und  belehren  uns  darüber,  dag 

38*  595 


das  Aussehen  vieler  Stücke  ursprünglich 
wesentlich  farbiger  war  als  heute.  Formen- 
geschichtlich fallen  an  der  Schale  der  un- 
symmetrische dreipässige  Fug  und  der  als 
knorrigerStamm  mit  einerBurg  in  gotischer 
Architektur  gebildete  Schaft  auf.  Das  ist 
kein  Einzelfall.  Mehrere  Pokale  von  Hans 
Petzoldt  und  die  Akleibecher  zeigen  das- 
selbe offenkundige  Zurückgehen  auf  die 
Gotik,  das  früher  schon  im  allgemeinen 
Zusammenhang  erwähnt  wurde.  Es  be- 
ruht weder  auf  Unkenntnis  italienischer 
Formen  und  auf  Rückständigkeit  der  be- 
treffenden Meister  noch  lediglich  auf  einem 
unbewußten  Durchbrechen  des  deutschen 
Empfindens  —  das  äußert  sich  anders  — , 
sondern  es  ist  offenbare  Absicht,  es  ist 
in  Ermanglung  nicht  erkannter  anderer 
Entwicklungswege  ein  Protest  gegen  die 
herrschende  Richtung,  die  in  ihrem  Wust 
von  Rollwerk,  Kartusche  und  Maureske 
bereits  eine  gewisse  Ermüdung  gezeitigt 
hatte  und  einer  Belebung  bedurfte.  Es  lag 
dieser  merkwürdigen  Erscheinung  eine 
ähnliche  künstlerische  Unselbständigkeit 
zugrunde,  wie demDurchhasten  sämtlicher 
historischen  Stile  im  19.  Jahrhundert,  nur 
erlangten  diese  Bestrebungen  damals  nicht 
das  Übergewicht  und  die  Führung.  Wie 
sehr  auch  das  wirkliche  gotische  Formen- 
empfinden durch  die  fast  ein  Jahrhundert 
lange  Einwirkung  Italiens  verloren  gegan- 
gen war  und  die  Bemühungen  sich  auf 
Äußerlichkeiten  beschränken,  zeigt  ein 
Vergleich  des  abgebildeten  Petzoldtschen 
Fokales  aus  dem  Besitz  des  Grafen  Ester- 
Abb.  486:  Pokal  von  Hans  Petzoldt  D  hazy  [Abb.  486J  mit  einem  gotischcu  aus 
dem  Lüneburger  Ratsschatz  ohne  weiteres.  Bei  diesem  wachsen  die  Buckel  aus 
dem  Innern  als  Folge  des  zugrunde  liegenden  Bewegungsmotivs  heraus,  sie  sind 
selbst  Form,  bei  jenem  sind  sie  zum  Ornament  geworden  und  wirken  als  launen- 
hafte Übertreibungen.  Auch  das  Verwischen  der  horizontalen  Teilungen,  das  In- 
einandergehen  der  Formen  und  die  flaue  Wirkung  der  Kontur  ist  gekünstelt  und 
ohne  Kraft,  ohne  die  Kraft  der  Gotik  und  ohne  die  Kraft  des  Barock,  das  hier  und 
da  schon  durchbricht.  D 


596 


Abb.  487:  Goldpokal  mit  Email. 
1562.  München,  Königl.  Schatz- 
D  kammer  □ 


Abb.  488:  Elias  Lencker,  Zunft- 
becher der  Schneiderinnung  in 
Nürnberg  1586.    Germanisches 


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Abb.489:  Hochzeitsbecher.  Ende 
des  16.  Jahrhunderts.  Augsburg. 
G  Fürst  Fugger  D 


D 


Museum,  Nürnberg 


An  Überladung  mit  Ornament  und  Schmuck  gibt  der  Petzoldtsche  Pokal  allen 
früheren  nichts  nach.  Es  flimmert  einem  vor  den  Augen.  Dabei  mischt  sich  goti- 
sches Laub-  und  Skrollwerk  friedlich  mit  italienischen  Grotesken,  die  in  der  bald 
schlaffen,  bald  jäh  gebrochenen  Linienführung  schon  auf  den  Ohrmuschelstil  hin- 
weisen. Einen  fast  gleichen  Pokal  besitzt  der  deutsche  Kaiser.  Ein  ähnlicher  war 
im  Schatze  des  verstorbenen  Baron  Rothschild  in  Frankfurt  a.  M.  Auch  diese  bei- 
den sind  Arbeiten  von  Petzoldt.  D 

Ein  noch  entschiedeneres  Gotisieren  zeigt  der  Akleibecher  [Abb.  485j.  Der 
Name  ist  ein  althergebrachter  und  kommt  von  einer  Blume  Aglei  oder  Acklei 
[lateinisch  aquilejaj,  deren  Blüte  das  Motiv  des  Durcheinanderschiegens  von  An- 
schwellungen und  Spitzen  zeigt.  Die  frühesten  erhaltenen  Stücke  stammen  erst 
vom  Ende  des  16.  Jahrhunderts.  Sie  wurden  damals  in  Nürnberg  anstatt  des 
früher  gefordertenKelchesvonder  Zunft alsMeisterstückverlangt.  Dies,  die  damit 
zusammenhängende  vorzügliche  Arbeit  und  ihre  Seltenheit  haben  sie  berülimt 
gemacht.  Die  Ornamentik  hält  sich  durchaus  an  die  zeitlich  herrschende,  auch  in 
der  Behandlung  des  Schaftes  und  in  der  Profilierung  des  Fufies  siegte  das  mo- 
derne Empfinden,  aber  die  Grundform  des  FuPies  und  des  Bechers  ist  rein  gotisch. 
Jede  horizontale  Gliederung,  jedes  Profil  ist  beim  Becher  aufs  sorgsamste  ver- 
mieden. D 

Der  Überblick  über  die  deutsche  Goldschniiedekunst  würde  eine  Lücke  liaben, 
ohne  ein  paar  Worte  über  die  vielen  anderen  Trinkgeräte,  die  bald  durch  ihre  be- 
sondere Bestimmung,  bald  durch  ein  eigenartiges  Material  zu  wunderlichen  Gebil- 
den geworden  sind.  Für  die  Mäßigkeit  unserer  Vorvordeni  legen  sie  freilich  kein 
gutes  Zeugnis  ab,  obgleich  die  Temperantia  unter  den  übrigen  Allogorion  selten 
zu  erscheinen  versäumt,  aber  die  Fülle  künstlerischer  Phantasie  ist  erstaunlich. 
In  beliebiger  Reihenfolge  sei  einiges  genannt.  Die  Nürnberger  Sclineider|  Abb.  488 1 
hatten  seit  1586  einen  Willkomm  in  Form  eines  grot>en  Fingerhutes,  der  auf  einem 
losen  Ringfug  steht  und  auf  dem  Deckel  einen  kleinen  Putto  mit  Nadel  und  Schere 

597 


trägt.  Er  ist  eine  Arbeit  von  Elias  Lencker.  Die  Stadt  Erfurt  besitzt  einen  Sturz- 
becher in  Gestalt  einer  Frau,  oder  richtiger  einen  trichterförmigen  Becher  mit 
einem  weiblichen  Kopf  als  Spitze.  Er  mug  zum  Füllen  umgekehrt  werden  und  kann 
gefüllt  nicht  stehen.  Er  ist  Nürnberger  Arbeit  von  Kaspar  Widmann  und  1566 
datiert.  Am  Rande  liest  man  den  hübschen  Vers:  'Ein  frumb  weib  ist  dem  Hauss 
ein  Eer,  Die  iren  man  erfreuet  sehr,  Die  den  wein  ein  wilkumb  bedeut.  Der  auch 
dem  man  sein  hertz  erfreut'.  Später  wird  eine  Weiterentwicklung  dieses  Motivs, 
der  Jungfrau-  oder  Hochzeitsbecher  [Abb.  489J  beliebt.  Eine  Frau,  deren  Rock  als 
Becher  dient,  hält  zwischen  den  erhobenenArmeneinenkleinenhalbkugelförmigen 
Becher,  der  beweglich  ist  und  beim  Kippen  des  großen  seine  aufrechte  Lagebehält. 
Beide  Becher  wurden  gleichzeitig  gefüllt.  Den  großen  leerte,  ohne  etwas  zu  ver- 
schütten, —  das  war  die  Kunst — ,  der  Herr,  der  dann  denkleinen  seiner  Dame  reichte. 
Solche  Becher  existieren  massenhaft,  aber  die  meisten  sind  Nachahmungen  des 
19.  Jahrhunderts.  Die  verschiedensten  Tiere  richtete  man  durch  einen  abnehm- 
baren Kopf  zum  Trinken  ein.  Das  herzogliche  Museum  in  Gotha  besitzt  einen  ver- 
goldeten Hirsch  mit  Korallengeweih,  Augsburger  Arbeit  vom  Jahre  1592.  Eben- 
dort  befinden  sich  zwei  Exemplare  derDiana  auf  einemHirschreitend,  von  Jägern 
und  Hunden  begleitet,  die  als  erster  Preis  des  Ringelstechens  am  Wahltag  des 
Kaisers  Mathias  zu  Frankfurt  a.  M.  1612  gewonnen  wurden.  Im  Untersatz  befindet 
sich  ein  Uhrwerk,  welches  aufgezogen  den  Hirsch  in  Bewegung  setzt.  Das  muß 
vielVergnügen  bereitet  haben,  denn  es  gibt  noch  heute  mehrere  gleiche  oderähn- 
liche Exemplare.  D 

Ungewöhnliche  Naturalien  sind  viel  benutzt  worden,  Onyx,  Bergkristall, 
Straugeneier,  Nautilusgehäuse,  große  Meermuscheln  waren  Seltenheiten,  die  man 
kostbar  fassen  ließ.  Dieser  Liebhaberei  verdanken  wir  gerade  aus  dem  16.  Jahr- 
hundert eine  große  Zahl  vortrefflicher  Arbeiten  der  ersten  Meister.  Im  17.  Jahr- 
hundert wurden  alle  überseeischen  Naturalien  von  denHolländern  in  großen  Men- 
gen nach  Europa  gebracht  und  damit  das  ihnen  zugewandte  künstlerische  Interesse 
herabgemindert.  Sie  wurden  z.B.  im  Dresdener  Grünen  Gewölbe  zu  Dekorations- 
stücken en  gros.  D 

Das  schöne  und  zarte  Gehäuse  desNautilus  erfreute  sich  vielleicht  der  größten 
Wertschätzung.  Es  ist  zum  ersten  Male  in  reicher  Frührenaissancefassung  in  dem 
erwähntenReliquieninventar  des  Kardinals  Albrecht  vonBrandenburg  dargestellt. 
Einer  derkostbarstenNautilus-Pokale  befindet  sich  imSchloß  zuWindsor,  ein  ein- 
facherer im  Berliner  Kunstgewerbe-Museum,  zwei  in  Gotha,  mehrere  im  Hofmu- 
seum inWien,einegroßeMenge  inDresden.  Die  Fassung  nimmt  durch  Tritonen  und 
Nereiden,  Delphine  und  sonstigeMeer-  undWassertiere  gern  auf  die  Herkunft  der 
Schale  Bezug.  Große  Meermuscheln  sind  von  Wenzel  Jamnitzer  und  HansPetzoldt 
gefaßt.  Jamnitzer  fügte  zwei  Muscheln  zu  einer  Kanne  zusammen  und  bildete  den 
Fuß  aus  einer  Schlange,  einer  Schnecke  ohne  Gehäuse  und  einem  Adler,  den  Hals, 
Ausguß  und  Henkel  aus  dem  Oberkörper  einer  weiblichen  Figur,  die  rückwärts  in 
zwei  geschuppte  Schweife  ausläuft,  aus  denen  sich  der  Henkel  entwickelt.  Dies 
Stück  hat  etwas  Großzügiges,  das  den  anderen  Arbeiten  von  Jamnitzer  nicht  eigen 
ist.  Petzoldt  läßt  die  Muschel  von  einem  Tritonen  tragen,  der  auf  einem  Delphin 

598 


reitet.  Als  Deckelbekrönung  be- 
nutzt er  eine  weibliche  Halbfigur, 
die  in  der  rechten  Hand  einen 
Spiegel  hält.  Von  diesem  Pokal 
existieren  drei  gleicheExemplare, 
zwei  im  Königlichen  Schloß  zu 
Stuttgart,  eins  im  ungarischen  Pri- 
vatbesitz. Die  Kokosnuß  [vergl. 
Abb.  12]  wurde  bis  ins  17.  Jahr- 
hundert hinein  als  etwas  Beson- 
deres betrachtet  und  mit  Relief- 
schnitzereien versehen  gern  zu 
Pokalen  verwertet.  Das  Straußen- 
ei kommt  schon  in  gotischer 
Fassung  vor,  schließlich  wurde  es 
häufig  und  erregte  nur  noch  dann 
dasinteresse  einesFürsten,  wenn 
es  etwa  in  Deutschland  gelegt  war. 
Auf  kirchlichem  Gebiete  setzte 
in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahr- 
hunderts im  Zusammenhange  mit 
der  Gegenreformation  eine  er- 
höhte Produktion  ein.  Virgil  Solls 
lieferte  in  seinen  Entwürfen  für 
Kelche  die  ersten  Versuche,  die 

alten   Formen   zeitgemäß    zu    ge-   Abb.  49O:  Kelch  des  Erzbischofs  Grafen  v.  Mansfeld.  Um  1560 
,,,  T-iu         u-ii.         -u-        ^  Dresden,  Grünes  Gewölbe  O 

stalten.    Er  beschrankte  sich  im 

wesentlichen  darauf,  sie  mit  dem  modischen  Ornament  zu  umkleiden,  konnte  auch 
nichtvielNeues  bringen,  denn  dieForm  derGerätewardurch  ihreBeslimmungund 
Verwendung  festgelegt.  So  scheint  uns  denn  überall  die  Gotik  durch/ugucken.  Wo 
aber  ein  neues  Bedürfnis  entstand,  fand  sich  auch  sofort  eine  neue  Form,  wie  in  der 
evangelischen  Kirche  bei  der  großen  Weinkanne  und  dem  Oblatenkasten.  Daß  bei 
der  gotisierenden  Richtung  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  gelegentlich  auch  in  den 
Schmuckformen  auf  das  15.  Jahrhundert  zurückgegriffen  wird,  ist  nicht  auffallend. 
Einen  der  ersten  und  der  hervorragendsten  Kelche  [Abb.  490]  nach  der  Mitte  des 
Jahrhunderts  besitzt  das  Grüne  Gewölbe  in  Dresden.  Er  wurde  zwischen  1558  bis 
1562  für  den  Erzbischof  und  Kurfürsten  von  Köln,  Johann  Gebhard,  Grafen  von 
Mansfeld  angefertigt.  Er  besteht  ganz  aus  Gold  und  ist  in  einer  an  Pracht  kaum 
übertroff  enen  Weise  mit  farbigem  Email  und  Steinen  goschmückt.  DioOrnamontik 
ist  in  reifem  Rollwerkstil  gehalten.  Dieser  kehrt  auch  auf  etwas  späteren  Kelchen  in 
Lübecker  Kirchen  wieder,  freilich  wesentlich  einfacher,  ohne  Steine  und  nur  mit 
einigen  Resten  von  sparsamem  Emailschmuck.  Gegen  Ende  des  Jahrhunderts  wurde 
der  Nodus  eiförmig.  Die  Rotein.  die  bei  dem  Dresdener  Kelch  noch  durch  gefaßte 
Steine  angedeutet  waren,  verschwaiuien  ganz,  oder  drei  geflügelte  Engelsköpfe 

599 


traten  an  ihre  Stelle.  Doch  verzichtete  man  bei  besonderen  Stücken  auch  nicht  auf 
das  alte  Motiv,  den  Nodus  in  Architekturformen  aufzulösen.  Hierfür  ist  der  Kelch 
vonAntonEisenhoit  ein  Beispiel.  Deswegen  allein  würde  uns  allerdings  Eisenhoit 
noch  nicht  viel  mehr  interessieren  als  mancher  andere  tüchtige  Goldschmied. 
Aber  dieser  Kelch  bildet  mit  anderen  Stücken  zusammen  die  bedeutsamste  und 
schönste  Gruppe  von  kirchlichen  Geräten  und  Goldschmiedearbeiten  der  Renais- 
sance überhaupt.  D 
EISENHOIT  war  bis  zum  Jahre  1879  nur  durch  einige  nicht  sehr  hervorragende 
Stiche  bekannt.  Da  tauchten  auf  der  Ausstellung  westfälischer  Altertümer  in 
Münster  aus  dem  Besitz  des  Grafen  Fürstenberg  auf  Schloß  Herdringen  in  West- 
falen sechs  Altargeräte  auf,  die  mit  seinem  vollen  Namen  versehen  waren.  Sie  er- 
regten die  größte  Überraschung  und  Bewunderung.  Die  angestellten  Nachfor- 
schungen ergaben,  dag  sie  für  einen  Vorfahren  des  Grafen,  für  den  Fürstbischof 
von  Paderborn,  Theodor  von  Fürstenberg  [1546 — 1618]  angefertigt  waren  und 
wahrscheinlich  nur  den  Rest  einer  ganzen  Altarausstattung  bildeten.  Über  den 
Lebens-  und  Bildungsgang  Eisenhoits  weiß  man  noch  heute  wenig.  Er  ist  1544  in 
dem  Städtchen  Warburg  i.  W.  geboren  und  später  längere  Zeit  in  Rom  gewesen. 
Von  bester  italienischer  Schulung  zeugen  auch  seine  Arbeiten.  1585  trat  er 
als  Stecher  inDeutschland  auf  und  von  1588 — 1590  fertigte  er,  wie  aus  den  datier- 
ten Stücken  hervorgeht,  die  FürstenbergischenAltargeräte.  Nach  1603  scheint  er 
nicht  mehr  tätig  gewesen  zu  sein.  Merkwürdig  sind  an  dem  Kruzifix  gerade  bei 
ihm  die  starken  gotischen  Reminiszenzen;  ebenso  merkwürdig,  daß  dies  Kruzifix 
in  vielen  Teilen  einem  spätgotischen  in  der  Stadtkirche  zu  Warburg  nachgebildet 
ist.  Eisenhoit  erscheint  sonst  wahrlich  nicht  erfindungsarm,  und  die  italienische 
Art,  ein  Kruzifix  zu  machen,  ist  ihm  sicher  geläufig  gewesen.  Wie  sollen  wir  uns 
das  also  erklären?  Ist  es  ein  Abschwenken  zu  der  gotisierenden  Richtung?  Gab 
er  dem  Wunsch  seines  Auftraggebers  nach  oder  arbeitete  er  das  Kruzifix  vor 
seinem  Aufenthalt  in  Italien?  Für  die  beiden  letzten  Möglichkeiten  spricht,  daß 
der  Fuß  übereinstimmend  mit  den  übrigen  Geräten  in  reiner  Renaissance  gehalten 
ist  und  daß  Fuß  und  Kruzifix  nicht  aus  einem  Guß  zu  sein  scheinen.  Völlig  reine 
Renaissanceformen  haben  die  beiden  Meßbücher  und  der  Weihwasserkessel 
nebst  dem  silbernen  Wedel.  Auf  der  Vorderseite  des  Pontificale  Romanum  ist 
Aaron  als  Vertreter  des  alten  Testaments,  umgeben  von  den  vier  Kirchenvätern 
und  Engeln  mit  Wappen  dargestellt;  auf  der  Rückseite  der  Papst  als  Vertreter  des 
NeuenTestaments,knieendvor  Maria,  umgeben  von  den  vier  Evangelisten,  Kindern 
und  Flußgöttern.  Auf  dem  Kölner  Missale  sind  das  Passahfest  und  das  Abendmahl 
einander  gegenüber  gestellt,  eingerahmt  von  Allegorien  der  vier  Jahreszeiten  und 
mythologischen  Figuren  I siehe  Tafel].  Die  Eckbeschläge  und  Schließen  sind  aus 
durchbrochenem  Silber  aufgesetzt.  Der  Weihwasserkessel  enthält  auf  seiner 
Wandung  vier  ovale  Reliefs  mit  Darstellungen  aus  dem  Neuen  Testament,  näm- 
lich: Die  Taufe  Christi,  Christus  und  die  Samariterin  am  Brunnen,  Petrus  auf 
dem  Meere  und  Philippus  mit  dem  Kämmerer  aus  dem  Morgenlande.  —  Die  Treib- 
arbeit ist  bei  allen  Stücken  flach  und  auf  das  Feinste  abgestimmt.  Jedes  Motiv  ist 
in  behaglicher  Breite  und  wohlbemessenem  Raum  zwanglos  entwickelt.   Jede 

600 


ANTON  EISENHOIT  •   BUCHDECKEL   •   UM  15%  •  IM 
BESITZ  DES  GRAFEN  FÜRSTENBERG-HERDRINGEN 


Häufung  ist  vermieden.  So  herrscht  trotz  des  Reichtums  an  Figuren  und  Orna- 
menten eine  Klarheit  und  Vornehmheit,  die  Eisenhoit  weit  über  jeden  anderen 
deutschen  Meister,  Wenzel  Jamnitzer  nicht  ausgenommen,  heben.  D 

Um  die  Wende  des  Jahrhunderts  entstand  durch  JAKOB  MORES  D.  ALT.  in 
Hamburg  das  umfangreichste  kirchliche  Werk  des  Nordens,  ein  Altar  der  Schloß- 
kirche in  Frederiksborg  bei  Kopenhagen.  Wir  wissen  aus  einer  Eintragung  in  den 
Rentmeisterabrechnungen  des  dänischen  Hofes,  dag  er  im  Jahre  1606  vollendet 
und  mit  9227  Reichstalern  bezahlt  wurde,  aber  er  scheint  erst  mehrere  Jahre 
später  aufgestellt  zu  sein.  Er  besteht  aus  einem  hohen  Aufbau  aus  Ebenholz,  der 
den  Goldschmiedearbeiten  als  Gerüst  und  Halt  dient.  In  der  Mitte  sieht  man  eine 
große  Kreuzigungsgruppe,  deren  Hauptfiguren  vollkommen  frei  gearbeitet  sind. 
Auf  beiden  Seiten  der  Türflügel,  auf  der  Predella  und  dem  bekrönenden  Giebel 
befinden  sich  große  und  kleine  Reliefs,  die  hauptsächlich  Darstellungen  aus  dem 
neuen  Testament  enthalten.  Die  Säulen,  die  Gesimse  und  Profile  und  andere  ge- 
eignete Flächen  sind  auf  das  reichste  mit  ornamentaler  Silberarbeit  beschlagen 
und  legen  zusammen  mit  den  Reliefs  ein  beredtes  Zeugnis  von  dem  hohen  Können 
des  Meisters  ab.  Drei  große  Pokale,  die  aus  dänischem  Besitz  in  den  Kreml  zu 
Moskau  gekommen  sind,  erweitern  unsere  Kenntnisse  über  seine  Leistungen. 
Aber  ein  noch  reicheres  Bild  seiner  Geschicklichkeit  und  Vielseitigkeit  und  seines 
weitverbreiteten  Rufes  können  wir  uns  an  der  Hand  zahlreicher  erhaltener  Ent- 
würfe machen,  nach  denen  er  seine  Arbeiten  ausführte,  und  die  jetzt  im  Berliner 
Kunstgewerbe-Museum  aufbewahrt  werden.  Freilich  stellt  sich  bei  der  Durchsicht 
dieser  höchst  interessanten  Blätter  das  Gefühl  des  Bedauerns  ein,  daß  von  den 
ausgeführten  Stücken  anscheinend  nicht  mehr  ein  einziges  erhalten  ist.  D 

Mores  ist  zwischen  1545  und  1550  inHamburg  geboren  und  zwischen  1610  und 
1612  ebendort  gestorben.  Einer  seiner  Söhne  hieß  mit  Vornamen  auch  Jakob  und 
war  gleichfalls  Goldschmied.  Er  half  wahrscheinlich  seinem  Vater  bei  dem  Altar 
und  fertigte  später  die  silberne  Kanzel  und  andere  umfangreiche  Arbeiten  für 
Frederiksborg.  D 

In  Süddeutschland  ist  die  ReicheKapelle  inMünchen  das  Hauptdenkmal  kirch- 
licher Goldschmiedekunst  aus  der  Zeit  der  Gegenreformation.  Sie  wurde  von  1598 
bis  1603  unter  Maximilian  I.  als  Teil  der  Residenz  erbaut,  jedoch  erst  1607  geweiht. 
Die  Vollendung  derEinrichtung  scheint  sich  noch  länger  hingezogen  zu  haben.  Es 
ist  ein  zimmerartiger  kleiner  Raum,  der  nur  für  den  Herzog  und  seine  engste  Fa- 
milie bestimmt  war.  Die  drei  Altäre,  die  Betstühle  und  Schränke  bestehen  aus 
Ebenholz  mit  silbernen  und  goldenen  Auflagen.  In  den  Hauptaltar  ist  ein  großes 
silbernes  Relief  eingelassen.  Zusammen  mit  den  zierlichen  Wand-  und  Decken- 
malereien vereinigt  sich  das  zu  einem  überaus  prunkvollen  Eindruck.  Dazukommt 
eineFülle  von  reich  emaillierten  und  mitkostbarenEdelsteinenbesetztenKelchen, 
Reliquiarien  und  Monstranzen  und  sonstigen  Altargeräten,  die  mit  dem  Übrigen 
einheitlicher  als  andere  Stellen  den  Geschmack  der  Zeit  illustrieren.  Eine  Reihe 
von  interessanten  mittelalterlichen  Kirchengeräten  sind  durch  den  Sammeleifer 
Wilhelm  V.  und  Maximilian  I.  hinzugefügt  worden.  D 

Die  Verbindung  von  Ebenholz  mit  Silber- und  Goldauflagen  war  als  Dekorations- 

602 


Abb.  491:   Schmuckkasteii  mit  emaillierten  Goldauflagen.    Um  1600.    Nürnberg,  Germanisches  Museum 

motiv  weit  verbreitet,  findet  sich  aber  vorzugsweise  in  Augsburg,  besonders  an 
kleinen  Haus-  und  Reisealtären  und  den  sogenannten  Kunstschränken.  Diese  gibt 
es  in  den  verschiedensten  Abstufungen.  Die  einfachen  haben  die  Form  eines 
schlichten  viereckigen  Kastens,  bei  dem  nur  die  Vorderseite  mit  den  Schubladen 
verziert  ist.  Die  reichen  sind  an  allen  vier  Seiten  gleichmälüg  ausgebildet  und 
pflegen  mancherlei  künstliche  Einrichtungen  und  Überraschungen  zu  enthalten. — 
Die  Hauptarbeit  fiel  dem  Schreiner  und  dem  Goldschmied  zu.  Andere  Künstler, 
Maler,  Steinschneider,  Bildschnitzer  und  Kupferstecher  wurden  nach  Bedarf  zu- 
gezogen. Die  Leitung  aber  ruhte  in  einer  Hand.  So  wurde  vermieden,  was  bei  den 
mittelalterlichen  Möbeln  häufig  stört,  nämlich,  daf^  der  Schlosser  ohne  Rücksicht 
auf  die  Schnitzerei  des  Tischlers  seine  Beschläge  anfertigte  und  befestigte.  Die 
Kästen  oder  Schränke  dienten  zur  Aufbewahrung  vonWertgegenständen.Schmuck- 
und  Kleingerät  aller  Art.  Sie  wurden  bisweilen  schon  den  Liebhabereien  desAuftrag- 
gebers entsprechend  gefüllt  und  ausgestattet.  Ein  kieinerKasten  des  Germanischen 
Museums  ist  auf  Abb.  491  dargestellt.  Bei  ihm  ist  der  Schmuck  auf  die  Front  be- 

603 


schränkt,  aber  in  allersorgsamster  Weise  aus  Gold  gearbeitet  und  prächtig  emaii- 
liert.  Das  berühmteste  Stück,  über  dessen  Geschichte  wir  zugleich  vorzüglich  unter- 
richtet sind,  ist  der  POMMERSCHE  KUNSTSCHRANK  [siehe  Tafel]  im  Kunst- 
gewerbe-Museum in  Berlin.  Er  wurde  zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  im  Auf- 
trage des  Herzogs  Philipp  II.  von  Pommern  zu  Augsburg  unter  der  Oberleitung  des 
Patriziers  Philipp  Hainhofer  hergestellt.  Hainhofer  fungierte  als  Geschäftsträger 
und  Korrespondent  für  verschiedene  deutsche  Fürsten  und  spielte  in  Politik  und 
Kunst  anscheinend  eine  nicht  unwichtige  Rolle.  Unter  seinenumfangreichenKorre- 
spondenzen  ist  auch  die  mitHerzogPhilipp  erhalten.  Anfangs  wünschte  der  Herzog 
nur  einen  kleinen  Schrank,  später  aber  wollte  er  etwas  ganz  Einzigartiges,  so  dag 
der  ursprüngliche  Plan  erweitert  und  die  Zahl  der  mitarbeitenden  Handwerker 
vergrößert  wurde.  Über  die  Beschaffung  seltener  Materialien  vergingen  oft  Mo- 
nate. Häufigwaren  dieKünstlerundHandwerker  langsam,  so  dagHainhoferklagte, 
er  könne  nichts  fertig  bekommen,  obwohl  er  fleißig  herumgehe  und  die  Säumigen 
mahne.  In  einem  Fasching  stockte  die  Arbeit  zu  Hainhofers  Leidwesen  fast  ganz, 
selbst  die  Fleißigsten  liegen  ihn  im  Stich.  Manchmal  blieben  auch  die  Zahlungen 
des  Herzogs  aus,  kurz  —  es  war  auf  beiden  Seiten  Geduld  nötig.  Im  Jahre  1617, 
nach  zwölf  jähriger  Arbeitszeit,  war  endlich  der  Schrank  mit  seinem  mannigfachen 
Inhalt  fertig,  und  reiste  Hainhofer  persönlich  zur  feierlichen  Übergabe  nach  Stettin. 

Nach  Aussterben  des  Pommerschen  Herzogshauses  gelangte  der  Schrank  in 
den  Besitz  des  Großen  Kurfürsten  und  später  in  das  Kunstgewerbe-Museum  zu 
Berlin.  Er  ist  rechteckig  und  verjüngt  sich  in  einem  Aufbau  von  drei  Etagen  bis 
zu  einer  silbernen  Pegasusgruppe.  Das  Material  ist  Ebenholz,  das  mit  Reliefs, 
durchbrochenen  Platten  und  Rosetten  aus  getriebenem  Silber,  mit  Auflagen  aus 
Lapislazuli,  Silberemail  und  Limogesemail  verziert  ist.  Schnitzwerk,  Malerei  und 
eingelegte  Arbeit  wurden  zu  Hilfe  genommen.  Die  Schubladen  sind  mit  den  ver- 
schiedensten Gegenständen  gefüllt,  die  alle  ihren  festen  Platz  haben.  Im  unteren 
Teil  befinden  sich  mathematische  und  physikalische  Instrumente,  Zirkel,  Uhren, 
und  Kompasse,  ferner  silberne  Schüsseln,  Messer,  Gabeln  und  Löffel,  Leuchter, 
Spiegel. Bürsten  u.  dgl.  Auf  der  Rückseite  liegt  ein  Orgelwerk.  Im  oberen  Teil  ist 
eine  vollständige  Hausapotheke  mit  zahllosen  kleinenFlaschen,  Büchsen  und  chir- 
urgischen Instrumenten  untergebracht.  Ein  Teil  dieser  Sachen  ist  im  Museum  in 
zwei  besonderen  Schränken  ausgestellt.  D 

Der  Hauptteil  der  Goldschmiedearbeiten  stammt  von  Mathias  Wallbaum.  Wall- 
baum war  ein  geborener  Holsteiner  und  gehörte,  nach  der  großen  Zahl  seiner  er- 
haltenen Arbeiten  zu  urteilen,  zu  den  beschäftigtsten  Meistern  von  Augsburg. 
Figuren  und  Gruppen,  Reliefs  und  Silberbeschläge  für  Ebenholz  waren  seine 
Spezialität.Das  Kunstgewerbe-Museum  in  Berlinbesitzt  noch  einen  kleinerenKunst- 
schrank,  dessenBeschläge  auch  von  ihm  stammen.  Ein  dem  PommerschenKunst- 
schrank  im  Aufbau  und  in  der  Silberarbeit  verwandter  Schrein  befindet  sich  jetzt 
in  der  Universität  Upsala.  Er  gehörte  ursprünglich  Hainhofer  selbst,  wurde  im 
Jahre  1630  von  der  Stadt  Augsburg  angekauft  und  Gustav  Adolf  geschenkt.  Einen 
dritten  umfangreichen  Schrank  hatte  Hainhofer  zwei  Jahre  vorher  nach  Innsbruck 
gebracht.  ErzherzogLeopold  von  Tirol  verehrte  ihn  demGroßherzogFerdinandlL 
604 


i 


M 


POMMKRSCni:i>:  KINSTSCHRANK  •  AUGSBUKG,  ANFANI^ 
DES   17.  JAHWH.  •  IM  KUNSTGEWERBE-MUSEUM,  BERLIN 


c«w^-^ 


von  Toskana,  der  ihn  wahrscheinlich  gleich  mit  nach  Florenz  nahm.  Er  steht  heute 
dort  im  Palazzo  Pitti.  G 

Im  engsten  Zusammenhange  mit  der  Goldschmiedekunst  stand  von  jeher  die 
Schmelz-  oder  Emaillierkunst.  Nicht,  weil  sie  technisch  irgend  etwas  mit  dem 
Giegen,  Schmieden  oder  Treiben  des  Metalles  zu  tun  hat,  sondern,  weil  sie  zur 
Verzierung  von  Silber  und  Gold  dient  und  daher  von  denselben  Meistern  geübt 
wurde.  Im  Vergleich  zu  den  herrlichen  Emailarbeiten  der  Gotik,  besonders  zu  den 
wunderbaren  Bechern  im  Hofmuseum  in  Wien,  ist  in  der  Frührenaissance  eine 
wesentliche  Einschränkung  in  der  Verwendung  und  eine  beträchtliche  Verein- 
fachung der  Technik  zu  konstatieren.  Große  Flächen  wurden  vermieden.  Man  be- 
gnügte sich  damit,  getriebene  Blätter,  Ranken,  Knöpfe  usw.  mit  Schmelz  zu  höhen 
und  verwendete  dabei  vorzugsweise  ein  leuchtendes  klaresRot  oder  Grün  und  ein 
opakes  Weiß.  Bei  ebenem  Metallgrund  grub  man  das  Muster  flach  ein  und  füllte  es 
mitEmailmasse.  EinhervorragendesBeispiel  derFrühzeitist  der  bereits  erwähnte 
Pfinzingsche  Pokal  im  Germanischen  Museum.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahr- 
hunderts wagte  man  sich  wieder  an  größere  Arbeiten  und  behandelte  das  Email 
nicht  als  Beiwerk  undAkzent,  sondern  als  Grundlage  des  Dekors.  Besonders  be- 
liebt wurden  Silberplatten  mit  verschiedenfarbigem,  durchscheinendem  Schmelz, 
die  man  als  Auflagen  für  Dinge  aller  Art  benutzte.  Ein  bedeutendes  Werk  in 
Schmelzarbeit  ist  ein  groger,  goldener,  1563  datierter  Pokal  in  derSchatzkammer 
in  München  von  Hans  Reimer,  einem  geborenen  Mecklenburger,  der  1 555  in  München 
zünftig  geworden  war  und  viel  für  Albrecht  V.  arbeitete.  Der  Pokal  wirkt  in  seiner 
Gesamterscheinung  ein  wenig  schwerfällig,  weil  zur  Erzielung  von  rundlichen 
Flächen,  die  für  eine  zusammenhängende  Emaillierung  günstiger  sind,  als  scharf 
gebrochene,  jede  energische  Gliederung  vermieden  ist.  Das  feine  Muster  wird 
aus  stehengebliebenem  Gold  gebildet,  dessen  Grund  ganz  und  gar  mit  weißem 
Email  gefüllt  ist.  Darauf  sind  große  und  kleine  Saphire  und  erhabene,  bunt  email- 
lierte Frucht-  und  Blumengirlanden  gesetzt.  Auf  dem  Deckel  steht  eine  Figur,  die  in 
der  erhobenen  Rechten  einen  aus  einem  Saphir  geschnittenen  Ring  hält.  Von  Reimer 
rühren  außerdem  noch  ein  ausgezeichneter  Krug  von  1572  und  vielleicht  noch  eine 
Deckelschale  mit  Kristalleinsätzen,  beide  in  derselben  Schatzkammer,  her.  Von 
Hans  Lencker  sind  die  mit  Namen  und  Jahreszahl  1574  bezeichneten  emaillierton 
Deckel  eines  Gebetbuches  in  der  Königlichen  Hof-  und  Staatsbibliothek  in  München. 
Auf  der  einenSeite  ist  die  Weltschöpfung,  auf  deranderendas  JüngsteGcrichtdar- 
gestellt.  Lencker  tritt  neben  Jamnitzer  in  Nürnberg  am  meisten  hervor  und  war  wie 
dieser  das  Haupt  einer  zahlreichen  Goldschmiedefamilie,  von  der  später  einige  nach 
Augsburg  übersiedelten.  Hans  starb,  wie  Jamnitzer,  im  Jahre  1585.  Ein  über  und 
über  emaillierter  Schreibkasten  in  der  Münchener  Schatzkammer  scheint  von  ihm 
in  der  letzten  Zeit  seines  Lebens  begonnen  und  von  seinemSohn|?|  Elias  vollendet 
zu  sein,  wenigstens  trägt  er  die  Stempel  beider  und  kann  vor  1580  kaum  gemacht 
sein.  Er  ist  das  hervorragendste  Beispiel  derjenigen  'geschmelzten'  Arbeiten,  die 
sich  keineswegs  auf  ornamentale  Muster  beschränkten,  sondern  auch  Landschaften 
mit  Staffage,  besonders  die  auch  auf  Plaketten,  Pokalen,  Reliefs  und  Stichen  häufig 
wiederkehrenden  Hetzjagden  in  ihren  Bereich  zogen.  Die  technischen  Schwierig- 

605 


Abb.  492:  Anhänger,    üold   mit  Email.    Um   1600. 
D  Dresden,    Grünes   Gewölbe 


keiten  sind  zwar  bei  dem  Bestreben,  eine 
perspektivische  Wirkung  zu  erzielen,  nicht 
überwunden,  aber  was  erreicht  ist,  bleibt 
doch  erstaunlich.  In  dieselben  Jahre  ge- 
hören die  vielbewunderten  auf  Gold 
emaillierten  Gebetbuchdeckel  im  herzog- 
lichen Museum  zu  Gotha  und  im  South  Ken- 
sington Museum  in  London.  Beide  Einbände 
werden  vielfach  immernoch  für  italienische 
Arbeit  gehalten,  sind  jedoch  gut  deutsch 
und  könnten  sogar  von  ein  und  demselben 
Meister  herrühren.  GegenEndedeslß.und 
Anfang  des  17.  Jahrhunderts  war  DAVID 
ALTENSTETTER  in  Augsburg  [gest.  1617] 
einer  der  geschicktesten  Emailleure  und 
Goldschmiede.  Er  lieferte  unter  anderem 
die  transluzidenEmailplatten  für  denPom.- 
D  merschen  Kunstschrank  und  fertigte  den 
farbenprächtigen  Schmuck  einer  silbernen  Standuhr  und  eines  Gewehres  [Abb.  512] 
im  Wiener  Hofmuseum.  Sein  Hauptwerk  aber,  das  zugleich  in  jeder  Hinsicht  den 
Höhepunkt  und  Abschlug  der  deutschen  Goldschmiedekunst  der  Renaissance 
bildet,  ist  die  österreichische  Kaiserkrone  in  der  Wiener  Schatzkammer  [siehe 
Tafel].  Sie  ist  ein  Werk  höchster  fürstlicher  Pracht  und  Altenstetter  hat  sich  an 
ihr  als  Treibkünstler,  Emailleur  und  Juwelier  in  gleich  hervorragender  und  souve- 
räner Weise  bewiesen.  Er  hat  an  diesem  Werk  an  Geschmack  und  Geschicklich- 
keit in  vornehmster  Weise  und  glänzendster  Pracht  zusammengefaßt,  was  die 
deutsche  Goldschmiedekunst  bis  dahin  an  anderen  Arbeiten  geübt  hatte.  Wenn 
auch  vielleicht  der  Entwurf  nicht  von  ihm  herrührt,  so  drückt  das  sein  Verdienst 
kaum  herab.  Denn  in  diesem  Falle  waren  gerade  in  der  Ausführung  viele  schwie- 
rige Punkte  harmonisch  zusammen  zu  stimmen,  die  auf  dem  Papier  kaum  ange- 
deutet werden  konnten.  Ein  ungewandter  Meister  hätte  die  beste  Zeichnung  ver- 
dorben. Die  Krone  wurde  für  Rudolf  II.  angefertigt  und  laut  Inschrift  im  Jahre  1602 
vollendet.  Sie  sollte  keineswegs  die  alte  Krone  Karls  des  Großen  ersetzen,  sie 
wurde  vielmehr  nur  von  den  Habsburgern  in  ihrer  Eigenschaft  als  Könige  von 
Ungarn  und  Böhmen  und  als  Erzherzöge  von  Österreich  nach  erfolgter  Kaiser- 
wahl beim  Einzüge  in  Frankfurt  a.  M.  zu  der  späteren  Krönung  mit  der  alten  Krone 
des  heiligen  römischen  Reiches  deutscher  Nation  getragen.  Die  Anfertigung 
kostete  die  für  die  damaligeZeitenormeSumme  von  700000Talern.  DieAbbildung 
macht  eine  Beschreibung  unnötig.  Der  dazu  gehörige  Reichsapfel  ist  gleichfalls 
ein  Werk  von  Altenstetter,  während  das  Zepter  erst  1612  für  die  Krönung  des 
Kaisers  Mathias  angefertigt  wurde.  □ 

Stärker  als  bei  diesen  beobachten  wir  an  anderen  Werken  dieser  Jahre  eine 
Erscheinung,  die  schon  bei  den  Holzarbeiten  erwähnt  wurde,  nämlich  die  bis  an 
die  Grenze  des  Möglichen  gehende  Auflösung  der  Flächenwirkung,  die  starke 

606 


DAVID  ALTKNSTKTER      KRONE  DER  HABSBURGER 
IN  DER  KAISERLICHEN  SCHATZKAMMER  ZU  WIEN 


Durchwühlung  des  Grundes.  In  charakte- 
ristischer Weise  zeigen  das  zwei  getriebe- 
ne ovale  Schüsseln  im  Wiener  Hofmuseum. 
Die  eine,  von  Christoph  Lencker  in  Augs- 
burg [gest.  1613]  stellt  Merkur.  Venus,  Amor 
und  andere  Götter  dar,  die  andere,  von 
Christoph  Jamnitzer,  gest.  1618  in  Nürn- 
berg, schildert  in  vielen  Figuren  den  Tri- 
umphzug Amors.  Besonders  bei  dieser,  zu 
der  auch  die  dazu  gehörige  Kanne  erhalten 
ist,  verrät  sich  eine  solche  Virtuosität  in 
der  Arbeit,  eine  so  erstaunlich  sichere 
Überwindung  aller  Schwierigkeiten,  dag 
ästhetische  Bedenken  zumgutenTeil  über- 
wunden werden.  D 
Einen  breiten  Raum  nimmt  in  der  Re- 
naissance der  SCHMUCK  ein.    Es  ist  auf 

j.  /-lu-j.  j         T  1-  Tr-i      Abb.  493:    Anhänger.    Gold  mit  Email.  Um  1600. 

diesem  Gebiete  von  den  Juweheren  Kost-  □  Dresden,  Grünes  Gewölbe  d 

liches  an  Feinarbeit  geschaffen  und  manche  silberne  Kassette  verdankt  erst  den 
wertvollen  Medaillons,  Anhängern,  Knöpfen,  Ringen  und  Ketten  ihre  Entstehung. 
Mit  den  reichen  Kleidermoden  stieg  bei  Männern  und  Frauen  beständig  das  Be- 
dürfnis nach  Schmuck,  dessen  Zahl,  Art  und  Wert  sich  nicht  blofi  nach  Vermögen 
und  Geschmack,  sondern  auch  nach  Beruf  und  Stand  richteten,  —  oder  besser 
richten  sollten;  denn  die  obrigkeitlichen  oder  gewohnheitsrechtlichen  Bestim- 
mungen wurden  ungern  beachtet.  D 

Für  die  Gestaltung  und  Art  des  Schmuckes  sind  folgende  Punkte  von  Bedeu- 
tung. Das  Gold  war  fast  das  allein  angewandte  Metall.  Es  bildete  das  Gerüst 
der  Komposition,  aber  nicht  den  Hauptton  der  farbigen  Wirkung  des  fertigen 
Schmuckes.  Diese  wurde  vielmehr  durch  Steine  und  Schmelz  hervorgerufen.  Die 
Steine  wurden  in  mugeligem,  tafelförmigem  oder  einfachem  Fazettenschliff  in 
verhältnismägig  tiefen  Kästen  gefaßt,  so  daP,  sich  dadurch  eine  beträchtliche  Dicke 
der  Schmuckstücke  ergab.  Vorder-  und  Rückseite  wurden  künstlerisch  und  tech- 
nisch gleichmätiig  sorgfältig  behandelt,  so  dag  es  oft  nicht  leicht  ist,  sich  zu  ent- 
scheiden, welcherSeite  man  den  Vorzug  geben  soll.  [Der  moderneSchmuck  pflegt 
die  Rückseite  stark  zu  vernachlässigen.!  D 

Die  Frührenaissance  bevorzugte  bei  den  verschiedenen  Arten  von  Anhängern 
Blattwerk,  in  das  Perlen  und  Steine  gleichsam  als  Blumen  und  Blüten  hineinkom- 
poniert sind.  Auch  verschlungenes  Bandwerk  war  als  Gerüst  beliebt.  Freilich 
sind  wir  in  der  Hauptsache  auf  Ölgemälde  und  auf  die  Entwürfe  von  Holbein  d.  J. 
angewiesen.  Erst  aus  der  Hochrenaissance  ist  ein  umfangreiches  Material  zu  er- 
halten. Virgil  Solls,  PaulBirckenholz,  Theodor  deBry,  der  von  Lüttich  nach  Frank- 
furt a.  M.  übersiedelte  und  dort  1598  starb,  vor  allem  sein  Landsmann  I  lans  Collacrt 
[siehe  Abb.  459]  waren  die  Meister,  nach  deren  Entwürfen  in  Augsburg  und  Mün- 
chen viel  gearbeitet  wurde.  Das  starke  figürliche  Interesse  machte  sich  auch  auf 


607 


diesem  Gebiete  geltend.  Religiöse  oder  allegorische  Einzelfiguren  und  Gruppen 
bilden  bei  Anhängern  [Abb.  492  u.  493]  häufig  den  Mittelpunkt.  Auch  Tiere:  Löwe, 
Pferd,  Hahn,  Papagei  fanden  in  der  verschiedensten  Weise  Verwendung.  Dabei 
wurden  eigenartig  geformte  Perlen  gern  zur  Bildung  des  Körpers  benutzt.  Bei  dem 
Gerüst  ist  eine  straugenfederartig  umgerollte  und  emaillierte  Endigung  ein  fast 
ständiges  Motiv.  Die  Halsketten  treten  in  unendlicher  Mannigfaltigkeit  auf.  Schon 
die  vielen  Orden-,  Gilden-  und  Schützenvereine  zeitigten  durch  ihre  Abzeichen 
eine  Fülle  von  eigenartigen  Formen.  Die  Gürtel  und  die  langen  Gürtelgehänge  mit 
den  kugel-,  flaschen-  oder  spindelförmigen  Endigungen  lehnten  sich  vielfach  an 
die  Ketten  an.  Eine  ähnliche  Mannigfaltigkeit  herrschte  in  der  Gestaltung  des 
Ringes.  Nur  das  Armband  ist  selten,  auch  auf  Gemälden  und  Stichen.  Es  lag  nicht 
im  Geschmack  der  Zeit.  Aber  sonst  empfinden  wir  nirgends  so  sehr,  wie  auf  dem 
Gebiete  des  Schmuckes,  dag  jene  Zeit  der  unsrigen  an  unerschöpflicher  Phantasie, 
technischer  Geschicklichkeit  und  Vielseitigkeit  überlegen  ist.  D 

In  das  Gebiet  der  Juwelierarbeiten  gehören  gleichfalls  viele  Fassungen  von 
Gefägen  und  Geräten  aus  Bergkristall  und  anderen  kostbaren  Halbedelsteinen. 
Auger  in  Augsburg  und  München  wurde  hierin  besonders  in  Prag,  wohinRudolf  II. 
zahlreiche  deutsche  und  ausländische  Künstler  und  Goldschmiede  zog.  Hervor- 
ragendes geleistet.  Aber  es  fehlt  vorläufig  an  einer  genügenden  kunsthistorischen 
Durchforschung  des  Bestandes,  um  mit  Sicherheit  die  italienischen  Arbeiten  von 
den  deutschen  trennen  zu  können.  D 

Im  Vergleich  zuderfastunübersehbarenZahldeutscherGoldschmiedearbeiten 
ist  das  uns  von  den  Nachbarländern  übrig  gebliebene  gering.  Eine  umfangreiche 
NIEDERLÄNDISCHE  Arbeit  besitzt  jetzt  der  Louvre  in  Paris.  Es  ist  eine  Kanne 
mit  Schale,  die  1535  in  Antwerpen  gearbeitet  wurde  und  sich  in  ihrenDarstellungen 
auf  die  Eroberung  von  Tunis  durch  Karl  V.  bezieht.  Beide  Teile  sind  zu  sehr  mit 
Figuren  und  Ornamenten  überladen,  um  unseren  Geschmack  zu  treffen,  beweisen 
aber  doch  eine  groge  technische  Fertigkeit.  Eine  andere  Antwerpener  Arbeit,  eine 
Kanne  mit  Perlmuttereinlagen,  besitzt  der  Kreml  in  Moskau.  In  der  holländischen 
Stadt  Veere  wird  ein  Pokal  bewahrt,  der  zur  Erinnerung  an  die  Vereinigung  der 
Truppen  Karls  V.  mit  denen  Maximilians  von  Burgund  im  Jahre  1546  gestiftet  ist. 
Von  1565  stammt  das  silberbeschlagene  Trinkhorn  der  St.  Sebastiansgilde,  das 
auf  dem  100  Jahre  späteren  Bilde  der  vier  Vorsteher  der  Gilde  von  Bartholomeus 
van  derHelst  dargestellt  ist.  Von  1566  ist  das  silberneHorn  der  St.  Jovisgilde,  das 
derselbe  Meister  auf  seiner  riesigen  Schützenmahlzeit  zur  Feier  des  westfälischen 
Friedens  malte.  Die  Hörner  und  die  Bilder  befinden  sich  alle  im  Ryksmuseum 
in  Amsterdam.  Die  in  den  Niederlanden  beliebten  Deckelschalen  werden  in  her- 
vorragender Weise  durch  die  sog.  Schale  von  Breda  repräsentiert  [siehe  Tafel]. 
Sie  wurde  im  Jahre  1595  von  den  holländischen  Ständen  dem  Grafen  Philipp  von 
Hohenlohe  zur  Erinnerung  an  die  Eroberung  von  Breda,  an  der  er  teilgenommen 
hatte,  als  Hochzeitsgeschenk  überreicht.  Die  getriebenen  und  gravierten  Darstel- 
lungen beziehen  sich  auf  die  militärischen  Vorgänge  bei  der  Belagerung.  In  ihrem 
künstlerischen  Charakter  zeichnet  sie  sich,  ähnlich  wie  die  Möbel  der  Zeit,  bei  aller 
Pracht  infolge  der  sicher  durchgeführten  Unterordnung  des  Ornaments  unter  die 

608 


SCHALK  VON  BKi:i\V     HOLLAND  1595 


Gesamtwirkung  durch  eine  wohltuende 
Klarheit  aus.  In  diesem  Punkte  offenbart 
sich  auch  der  holländische  Einfluß  bei  einer 
kleineren  und  wesentlich  einfacheren  Schale 
im  Rathause  von  Emden.  D 

Der  bedeutendste  niederländische  Gold- 
schmieduml600  und  einer  der  ersten  seiner 
Zeit  überhaupt  war  PAUL  VON  VIANEN. 
Vianen  ist  wahrscheinlich  zwischen  1550bis 
60  in  Utrecht  geboren,  ging  später  zu  seiner 
künstlerischen  Ausbildung  nach  Rom  und 
Florenz,  kam  1596  nach  München  und  blieb 
dort,  nachdem  er  1599  als  Meister  in  die 
Goldschmiede-Innung  aufgenommen  war, 
bis  1603.  In  diesem  Jahre  wurde  er  von 
Rudolf  II.  als  Kammergoldschmied  nach 
Prag  berufen,  wo  er  wahrscheinlich  1614 
gestorben  ist.  In  der  glänzenden  Beherr- 
schung der  Körperformen  und  der  gleich- 
mäßigen Durchbildung  seiner  Kompositio- 
nen erinnert  er  am  meisten  an  Eisenhoit. 
Seine  Arbeiten  sind  ziemlich  zerstreut.  Im 
Ryksmuseum  in  Amsterdam  befinden  sich 
mehrere  ausgezeichnete  Reliefs.  Das  Wie- 
ner Hofmuseum  besitzt  eine  wundervolle 
Kanne  aus  Jaspisachat,  die  1608  für  Ru- 
dolf IL  gearbeitet  wurde,  und  deren  Fugrand 
undDeckel  aus  getriebenem  Gold  bestehen. 
Die  an  denselben  angebrachten  Figuren 
sind  in  sicherster  und  feinster  Weise  aus- 
geführt und  brauchen  keineswegs  einen  Vergleich  mit  denen  von  Cellinis  Salzfaß, 
das  in  nächster  Nähe  aufgestellt  ist,  zu  scheuen,  ja  man  ist  durchaus  geneigt, 
ihnen  den  Vorzug  zu  geben.  D 

In  FRANKREICH  steht  die  Zahl  der  erhaltenen  Goldschmiedearbeiten  der  Re- 
naissance im  umgekehrten  Verhältnis  zu  der  Fülle  von  urkundlichen  Nachrichten. 
Das  Kunstgewerbemuseum  in  Berlin  besitzt  eine  einfache  kastenförmige  Mon- 
stranz von  1541.  Etwas  früher  ist  vielleicht  ein  reicher  Kelch  in  der  Kirche 
St.  Jean -du  Doigt.  Der  Fuß  ist  mit  getriebenem  Akanthuslaubwerk,  die  untere 
Hälfte  der  Cuppa  mit  Delphinen,  Blattwerk  und  Engelsköpfen  bedeckt,  der  Nodus 
aber  besteht  aus  einer  Kapelle  mit  sechs  Rundbogennischen,  in  denen  kleine  Hei- 
ligenfiguren stehen.  Die  Verteilung  und  Zeichiumg  der  Ornamente  maclit  einen  et- 
was schwerfälligen  und  ungewandten  Eindruck.  Viel  graziöser  und  sichererwirkt 
ein  goldener  Pokal  im  Wiener  Hofmuseum  |  Abb.  494 1,  den  König  Karl  IX.  von 
Frankreich  im  Jahre  1570  an  den  Erzherzog  Ferdinand  von  Tirol  schenkte.  Es  ist 

39*  611 


Abb.  494: 
D 


Uoldener  Pokal.  Frankreich  um  1570. 
Wien,  Hofmuseuni  D 


deshalb  von  vornherein  wahrscheinlich,  dag  er  französischen  Ursprungs  ist.  Seine 
ganze  Art  bestätigt  diese  Annahme,  und  ein  weiterer  Umstand  erhärtet  sie  aber- 
mals. Im  Jahre  1612  überreichte  nämlich  die  Stadt  Nürnberg  dem  Kaiser  Mathias 
aus  Anlag  seiner  Krönung  einen  mit  Edelsteinen  besetzten  Pokal  'so  aus  Frank- 
reich heraus  kommen',  wie  es  in  dem  alten  städtischen  Beleg  heißt,  und  eine  er- 
haltene Zeichnung  im  Nürnberger  Archiv  hat  eine  so  weitgehende  Ähnlichkeit  mit 
dem  Wiener  Exemplar,  dag  man  geneigt  seinkönnte,  beide  sogar  demselbenMeister 
zuzuschreiben.  Zugleich  mit  dem  Pokal  kamen  eine  herrliche  Kanne  aus  Onyx 
und  das  berühmte  Salzfag  des  Cellini  in  den  Besitz  Ferdinands.  D 

Nicht  ganz  so  selten  wie  die  französischen  Goldschmiedearbeiten  sind  die 
ENGLISCHEN.  InLondon  haben  zahlreiche  deutscheMeister  gearbeitet.  Aber  die 
Annahme,  dag  es  dort  zeitweise  überhaupt  keine  einheimischen  gegeben  habe, 
trifft  sicherlich  nicht  zu.  Von  Holbeins  Einflug  ist  an  den  erhaltenen  Stücken  kaum 
etwas  zu  spüren.  Eine  auffallend  frühe  Renaissancearbeit,  einen  reichen  Becher 
von  1525,  also  aus  demselben  Jahr  wie  der  Lutherbecher  in  Greif  swald,  besitzt  der 
Herzog  von  Norfolk.  Er  hat  die  Form  derHaufebecher,  doch  ist  derFug,  nicht  der 
Schaft,  höher  und  doppelt  abgestuft.  Den  Deckel  ziert  eine  kräftige  Bekrönung, 
die  in  dem  heiligen  Georg  mit  dem  Drachen  endet.  Um  den  Deckel-  und  den  unte- 
ren Fugrand  läuft  ein  Relieffries  aus  Grotesken,  Blattwerk  und  Steinen,  der  nicht 
sehr  flüssig  komponiert  ist,  aber  doch  die  Elemente  des  Frührenaissance-For- 
menschatzes enthält.  Am  oberen  Fugrande  findet  sich  ein  gotischer  Rest  in  Ge- 
stalt eines  durchbrochenen  Kreuzblumenkranzes.  Aus  der  zweiten  Hälfte  des 
Jahrhunderts  gibt  es  bereits  eine  ganze  Anzahl  von  Arbeiten,  die  bei  der  genauen 
und  gut  durchforschten  Stempelung  meist  sicher  zu  datieren  sind.  In  mehreren 
Exemplaren  existiert  das  in  der  Hauptform  aus  der  Gotik  übernommene,  hohe  Salz- 
fag,  das  aber  im  einzelnen  durchaus  renaissancemägig  und  eigenartig  durchge- 
bildet wurde.  Das  früheste  von  Bedeutung,  Londoner  Arbeit  von  1569  —  1570,  ist 
im  Besitz  der  Vintners  Company  in  London.  Es  hat  die  Form  eines  viereckigen 
Turmes,  in  dem  sich  unter  einem  gewölbten  Deckel  die  Schale  für  das  Salz  befin- 
det. An  den  Seiten  sieht  man  weibliche  Relieffiguren  die  zwar  nicht  völlig  genau 
nach  Flötnerschen  Plaketten  kopiert,  aber  doch  unter  Benutzung  derselben  gear- 
beitet sein  müssen.  Ein  reicheres  Salzfag,  Londoner  Arbeit  von  1577,  besitzt 
Mr.  J.  A.  Holms.  Es  ist  gleichfalls  viereckig  und  steht  auf  vier  Kugelfügen.  Die 
Salzschale  wird  von  vier  schlanken  Karyatiden  getragen,  die  einen  Kristallzylin- 
der umschliegen.  Auf  dem  flach  gewölbten  Deckel  bildet  ein  Putto  den  Abschlug. 
Ein  Salzfag  im  South  Kensington  Museum  [Abb.  495]  stammt  aus  dem  Jahre  1586. 
Es  lehnt  sich  in  der  Behandlung  des  Roll-  und  Gitterwerks  mit  den  eingestreuten 
Früchten  an  deutsche  und  holländische  Arbeiten  an.  Eine  ausgesprochene  Vor- 
liebe für  kantige  und  abgesetzte  Flächen  verrät  eine  Kanne  von  1579,  Eigentum 
des  Herzogs  von  Rutland,  aber  der  bewegte  figürliche  Henkel  und  die  vier  elegant 
geschwungenen,  bügelartig  am  Körper  aufgesetzten  Karyatiden  vermindern  im 
Verein  mit  reicher  Treibarbeit  die  Härten  der  Silhouette.  Bei  einer  Schüssel  mit 
Einlagen  aus  Achat  aus  demselben  Jahre  klingt  manches  Detail  in  der  Linienfüh- 
rung an  die  Ornamentik  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  an,  das  vieles  aus  dieser 

612 


Periode  wieder  aufnahm  und  weiter- 
bildete. Wesentlich  breiter  sind  eine 
Kanne  und  eine  Schüssel  des  Earl  von 
Ancaster,  London  1599,  behandelt.  Am 
Beginn  des  17.  Jahrhunderts  tauchen 
unter  den  Pokalen  eiförmige  und  fast 
kugelförmige  Typen  auf.  Sehr  beliebt 
waren  unter  den  Humpen  silbergefagte 
Steinzeugkrüge,  die  vielfach  aus  den 
Rheinlanden  eingeführt  wurden.         D 

4.  MESSING,  BRONZE,  ZINN      D 

Viele  neue  Aufgaben  erhielt  das 
Kunstgewerbe  durch  die  angewandte 
Mathematik,  die  besonders  seit  der 
Mitte  des  Jahrhunderts  einen  ungeheu- 
ren Aufschwung  nahm  und  in  Männern 
wie  Tycho  de  Brahe  und  Kepler  hoch- 
bedeutende Pfadfinder  und  Führer 
hatte.  Eine  nützliche  Erfindung  folgte 
der  anderen,  eine  Verbesserung  der  an- 
deren. Man  machte  geometrische  Be- 
stecke, Feldmesserinstrumente,  Ka- 
nonenvisiere, Himmelsgloben,  Erd- 
globen, Sonnenuhren  und  Räderuhren 
mit  komplizierten  Kaiendarien  und 
astronomischen  Einrichtungen.  Manche 
Fürsten  liegen  freilich  die  ernsthaften 
Errungenschaften  zu  Spielereien  aus- 
nutzen. Andere,  Landgraf  Wilhelm  IV. 
von  Hessen-Kassel  an  der  Spitze,  förderten  mit  um  so  regerem  Eifer  und  tieferer 
Sachkenntnis  die  wissenschaftlichen  Zwecke.  D 

Die  genannten  Geräte  sind  meist  aus  vergoldetem  Messing  und  mehr  oder  we- 
niger künstlerisch  ausgestattet.  Dem  gröberen  Material  entsprechend  pflegen  sie 
derber  in  der  Form  und  weniger  sorgfältig  in  der  Ziselierung  zu  sein  als  die  Gold- 
und  Silberarbeiten,  aber  es  gibt  Ausnahmen,  und  eine  eigenartige,  phantasiereiche 
künstlerische  Erfindung  zeichnet  fast  alle  aus.  Wieweit  die  Vert'ertigerder  techni- 
schen Teile  mit  denen  des  künstlerischen  Schmuckes  identisch  sind,  ist  nicht  fest- 
zustellen. Zweifellos  haben  Gelehrte  uud  Handwerker,  Uhrmacher,  Schlosser, 
Goldschmiede  undGürtlerHand  inHand  gearbeitet  umlnianoher  zeichengewandte 
Künstler  wird  auch  noch  gelegentlich  zugezogen  sein.  Die  berühmtesten  Meister 
für  Uhren  und  Instrumentenbau  waren  Johann  Prätorius,  Jost  Byrgi  und  die  Ge- 
brüder Schifiler.  Prätorius  1 1537  Ifilfi]  kam  15(52  nach  Nürnberg,  verlief-,  es  nach 
einigen  Jahren,  nahm  aber  seine  Beziehungen  später  wicdtM-  auf  und  starb  als  Pro- 
fessor derNürnbergischen  Universität  Altdorf.  Also  schon  damals  ein  erfolgreiches 

613 


Soutli  Keiisiiii^ton 
D 


Zusammengehen  von  Theorie  und  Praxis.  Byrgi  [1552  1592]  arbeitete  zuerst 
unter  Daspodius  an  der  Uhr  des  Straßburger  Münsters,  wurde  1579  durch  den 
Landgrafen  Wilhelm  IV.  nach  Kassel  und  1603  durch  Rudolf  IL,  dessen  astrono- 
mische und  astrologische  Neigungen  bekannt  sind,  nachPrag  berufen,  kehrte  aber 
1622  nach  Kassel  zurück.  Die  Gebrüder  Schigier,  Christian  und  Christoph  lebten 
in  Augsburg.  Genaue  Lebensdaten  sind  nicht  bekannt.  D 

Neben  diesen  Genannten  gibt  es  noch  eine  groge  Zahl  von  anderen  Meistern, 
diemeistihrenSitz  inNürnberg  hatten  und  es  auf  diesem  Gebiete  vielleichtmehr  als 
auf  anderenberühmtmachten.  WENZEL  JAMNITZER  darf  an  erster  Stelle  genannt 
werden.  Wir  wissen,  dag  er  vielseitige  Kenntnisse  in  der  Perspektive,  Mechanik, 
Physik  und  Mathematik  besag  und  auch  praktisch  in  verschiedenster  Weise  ver- 
wertete. Im  Jahre  1568  erschien  seine  'Perspektiva',  eine  illustrierte  Abhandlung 
über  die  perspektivische  Darstellung  einer  Reihe  von  komplizierten,  aus  dem 
Würfel  abgeleiteten  Körpern.  Ein  silbernes  Bergwerk,  das  durch  Wasser  beweg- 
bar war,  stand  früher  in  Wien  in  dem  Garten  der  Kaiserin  Anna,  der  Gemahlin 
Ferdinands  IL,  ist  aber  bis  auf  vier  groge,  in  Messing  gegossene  und  vergoldete 
allegorische  Figuren  der  Jahreszeiten  verloren  gegangen.  Dagegen  ist  ein  Astro- 
labiummit  derausführlichenBezeichnung:  'Durch  WentzelJamnitzer,  Goldschmidt 
zu  Nürnberg  1578  verfertigt'  im  mathematisch-physikalischen  Salon  zu  Dresden 
erhalten.  Alle  von  den  astronomischen  Teilungen  freigebliebenen  Flächen  sind  in 
feinster  Kupferstichmanier  mit  allegorischen  Figuren  und  Putten,  die  auf  die  Ver- 
wendung des  Gerätes  Bezug  haben,  graviert  und  machen  es  zu  dem  künstlerisch 
wertvollsten,  das  existiert.  Das  sächsische  Wappen  deutet  darauf  hin,  dag  es  wahr- 
scheinlich für  den  Kurfürsten  August  hergestellt  wurde  und  zu  einer  Anzahl  von 
geometrischen  Instrumenten  gehörte,  für  die  Jamnitzer  1581  eine  Restsumme  von 
350  fl.  erhielt.  Anscheinend  gehörte  zu  dieser  Gruppe  auch  ein  geschriebenes 
Buch,  das  umständlich  und  ausführlich  von  einem  nicht  mehr  erhaltenen  Propor- 
tionszirkel handelt,  und  dessen  verschiedene  Verwendungsarten  durch  eine  Reihe 
von  gemalten  Abbildungen  veranschaulicht  werden.  Im  Titel  heigt  es  ausdrück- 
lich: 'Alles  durch  Wenzel  Jamnitzer  Bürger  und  Goldschmied  zu  Nürnberg  von 
newen  erfunden'.  Ein  anderes  zweibändiges  Werk  von  ihm  im  South  Kensington 
Museum  in  London,  das  dasselbe  Thema  behandelt,  erhält  durch  einen  Zusatz  in 
einer  anderen,  aber  gleichzeitigen  Handschrift  ein  besonderes  Interesse,  da  es 
wohl  die  letzte  Arbeit  ist,  die  Jamnitzer  vollendete.  Die  fraglichen  Worte  lauten: 

Als  fünfzehnhundert  achzig  5  Jahr 
Der  Neunzehnd  im  Oktober  war 
Diss  werk  gebracht  zu  gutem  endt 
Durch  wenzel  Jamnitzer  genendt. 
Darnach  uff  fünffzehen  Dezember 
Ist  seliglich  verschieden  er. 

Im  Totenregister  der  St.  Sebalduskirche  zu  Nürnberg  ist  der  19.  Dezember 
als  Todestag  angegeben.  Die  Londoner  Handschrift  übertrifft  die  Dresdener 
durch  zahlreichere  und  bessere  Illustrationen.  CH 

Wohl  das  grögte  existierende  Astrolabium,  ein  Werk  Chr.  Schiglers,  besitzt 

614 


Abb.  496:  Christoph  Schigier. 
Tellurium.  1569.  München, 
D  National-Museum  ü 


Abb.  497:  Byrgi.    Globus. 
D  Kassel,  Museum 


1585.  Abb. 498:  Elefant  mit  Uhr.  Zweite 

D         Hälfte  16.  Jahrhunderts.    Privat- 

D  besitz  D 


das  Museum  für  Kunst  und  Gewerbe  in  Hamburg.  Es  ist  durch  seine  bunt  be- 
malten Figuren  an  den  Zeigern  der  Windrose  interessant.  Bis  auf  vereinzelte,  an 
geeigneten  Stellen  eingefügte  durchbrochene  Muster  beschränkten  sich  die  Ver- 
zierungen aller  flachen  Instrumente  durchweg  auf  Gravierungen.  Diese  haben 
meist  einen  frischeren  und  selbständigeren  Charakter  als  jene  an  den  häufigen 
und  regelmäßig  gestalteten  Gerätformen,  für  die  es  sich  lohnte,  Vorbilder  und 
Kunstbüchlein  herzustellen.  Künstlerisch  noch  vielseitiger  sind  die  Globen  und 
Tellurien.  Prachtvoll  steht  bei  dem  1569  gearbeiteten  Tellurium  Christoph  Schi|>- 
lers  im  Münchener  National-Museum  [Abb.  496]  der  ausschreitende  Herkules  da, 
der  mit  weit  ausgebreiteten  Armen  über  seinem  Kopf  das  aus  Reifen  und  Ringen 
hergestellte  Himmelsmodell  trägt,  ein  Motiv,  das  bis  zur  Gegenwart  hin  oft  wieder- 
holt ist.  Massiger  wirkt  ein  Himmelsglobus  Kaiser  Rudolfs  II.  von  Georg  Roll  aus 
dem  Jahre  1588  im  Wiener  Hofmuseum.  Er  steht  auf  vier  kräftigen  Klauenfüiien, 
die  sich  in  Grotesken  fortsetzen,  in  einem  eiförmigen  Bindestück  vereinigen  und 
von  dort  in  vier  durchbrochenen,  die  Kugel  halb  umschlieljenden  Armen  nach 
oben  weiterlaufen.  Fledermausflügel  und  Kakaduköpfe  sind  in  geschickter  Weise 
in  die  Hauptlinien  der  Füge  hineinkomponiert.  Byrgi  nahm  bei  einem  1575  voll- 
endeten Globus  in  Marburg,  den  er  für  Landgraf  Wilhelm  IV.  anfertigte,  einen 
kleinen  runden  Tisch  mit  vier  geschweiften  FüJ3en  als  Gestell.  Darauf  setzte  er 
das  Globusgerüst,  das  von  vier  im  Viertelkreis  gebogenen  Hernien  getragen  wird. 
Der  Meridian  ist  aus  Stahl  mit  zierlichem  Blattwerk  in  Silber  und  Gold.  Bei  einem 
1585  angefangenen  Himmelsglobus  in  Kassel  |  Abb.  497]  benutzte  er  vier  Löwen- 
füße, die  in  männliche  Figuren  auslaufen,  um  die  runde  Scheibe  zu  stützen,  auf 
welcher  das  Kugelgerüst  mit  vier  geschweiften  Karyatiden  aufsitzt.  D 

Unter  den  UHREN  herrscht  eine  unendliche  Mannigfaltigkeit  in  der  Art  des 
Werkes  und  in  der  Ausstattung  des  Gehäuses.  Es  gab  noch  keine  festen  Typen, 
die  fabrikmäßig  hergestellt  wurden,  sondern  jedes  Stück  wurtlc  neu  konstruiert 
oder  doch  mit  beträchtlichen  Variationen  gearbeitet.  Große,  diu-ch  Gewichte  ge- 

615 


Abb. 499:  Sechsseitige  Standuhr.  Ende  des  16.  Jahr- 
D  hunderts.    Privatbesitz  D 


triebene  Uhren  hatte  bereits  das  15.  Jahr- 
hundert. Das  16.  Jahrhundert  fand  die 
elastische  Metallfeder  als  Triebkraft  und 
die  Unruhe  dazu  und  konnte  daher  Werke 
bauen,  die  in  jeder  Lage  gingen  und  dazu 
einen  wesentlich  geringeren  Raum  einnah- 
men, ja  sogar  so  klein  gemacht  wurden, 
daß  sie  in  der  Tasche  getragen  werden 
konnten !  Die  erste  urkundliche  Erwähnung 
der  Taschenuhr  fällt  in  das  Jahr  1511.  Da- 
mals fertigte  der  Nürnberger  Schlosser 
Peter  Henlein,  dem  man  ihre  Erfindung  zu- 
schreibt, schon  solche,  die  40  Stunden 
fingen  und  auch  ein  Schlagwerk  hatten. 
Er  wird  also  seine  folgenreiche  Idee  schon 
einige  Jahre  früher  gehabt  haben.  Die 
Federuhren  verbreiteten  sich  dann  auger- 
ordentlich  schnell,  so  daß  Neudörffer  1547,  fünf  Jahre  nach  Henleins  Tod,  nur  das 
rühmt,  was  er  als  dessen  neuestes  Wunder  noch  in  Erinnerung  hatte,  nämlich  die 
kleineren  Uhren  in  den  Bisamknöpfen  der  Frauen.  Diese  Bisamknöpfe  waren 
kugel- oder  birnenförmige  Anhänger  an  den  langherabhängenden  Gürtelketten  und 
bildeten  schon  lange  eine  einladende  Aufgabe  für  die  Bijouterie.  Darin  eine  Uhr 
zu  haben,  war  höchst  ergötzlich.  Der  Zahl  nach  haben  die  Standuhren  das  Über- 
gewicht. Sie  sind  bald  flach,  bald  hoch,  bald  rund,  bald  eckig  [Abb.  499].  Das 
Schlagwerk  und  die  Zifferblätter,  welche  die  Minuten,  Stunden,Tage,  Monate,  den 
Stand  des  Mondes  und  der  Planeten,  die  Sternbilder  und  Tierkreise  enthalten,  sind 
in  der  verschiedensten  Weise  kombiniert.  Mit  Vorliebe  wurden  Figuren  benutzt, 
um  den  Stand  anzuzeigen  oder  das  Schlagwerk  zu  regen.  Dieser  Reichhaltigkeit 
des  Mechanismus  entspricht  der  Wechsel  in  der  künstlerischen  Ausgestaltung  des 
Gehäuses.  In  einfachen,  fast  mächtigen  Architekturformen  ist  eine  1,35  m  hohe 
astronomische  Uhr  im  Johanneum  in  Dresden  gehalten,  die  auf  Wunsch  des  Kur- 
fürsten August  unter  der  Leitung  des  bereits  genannten  Landgrafen  von  Hessen 
von  1356 — 1568  durch  den  Marburger  Astronomen  und  Uhrmacher  Baldwein  und 
den  Meister  H.  Bucher  gebaut  wurde.  Der  reiche  Reliefschmuck  in  Gestalt  von 
allegorischen  Figuren  der  Tugenden  und  Wissenschaften,  Monatsdarstellungen 
und  anderem  mehr,  der  Emailschmuck  an  Wappen  und  den  Tierkreisen  tun  dem 
großen  Charakter  des  Ganzen  keinen  Abbruch.  In  mehreren  ähnlichen,  aber 
nicht  gleichen  Exemplaren  kommt  eine  kleine  hochrechteckige  Standuhr  mit  bal- 
dachinartiger Bedachung  vor,  die  alle  auf  ein  und  denselben  Meister,  auf  Jere- 
mias  Metzger,  zurückzugehen  scheinen.  Von  diesem  stammt  wenigstens  die  1564 
datierte  prachtvolle  Uhr  im  Wiener  Hofmuseum  [Abb.  500 1.  Sie  sowie  die  übrigen 
haben  einen  flachen  mit  Reliefdarstellungen  verzierten  Sockel,  der  direkt  oder 
vermittelst  Kugel-  und  Klauenfüßen  auf  dem  Boden  steht.  Die  Ecken  werden 
durch  Baluster  oder  Hermen  gebildet.  Der  Baldachin  führt  diese  vier  Hauptlinien 

616 


Abb.  500:  Jeremias  Metzger.  Standuhr  von  1564. 
D  Wien,  Hofmuseum.  D 


in  sanfter  Schweifung  durch  Seepferde 
oder  Sirenen,  die  in  ein  langgestrecktes 
Blatt  auslaufen,  zur  bekrönenden  Endfigur 
weiter.  Die  Flächen  dazwischen  sind  auf 
das  Zierlichste  durchbrochen.  Bei  der 
Wiener  Uhr  ist  es  Laubwerk  mit  Jagdsze- 
nen, bei  einer  anderen  im  Grünen  Ge- 
wölbe künstlich  verschlungenes  Band- 
und  Rollwerk  mit  Köpfen,  bei  einer 
dritten  in  Kassel  Rollwerk  mit  allegori- 
schen Figuren  und  astronomischen  Sze- 
nen, bei  einer  vierten  im  South  Kensington 
Museum  feinstes  Blattwerk  mit  Vögeln. 
In  diesen  Baldachinen  steckt  eine  Fülle 
anziehendsterPhantasie  und  gugtechnisch 
sind  sie  kleine  Wunderwerke.  Die  von 
den  Zifferblättern  nicht  in  Anspruch  ge- 
nommenen Flächen  der  Seiten  tragen 
Gravierungen,  maureskes  Ätzwerk  oder 
flache  Figuren  und  Reliefverzierungen. 
Kurz  —  es  ist  nirgends  ein  Plätzchen,  in  das  die  geübte  Hand  des  Meisters 
nicht  irgendeinen  liebenswürdigen  Schmuck  tat,  und  das  Ganze  ist,  verstärkt 
durch  die  glänzende  Vergoldung,  aufgelöst  in  ein  reiches  Spiel  kleiner  Lichter 
und  Reflexe,  die  es  oft  erschweren,  der  unerschöpflichen  Fülle  des  Details  nach 
Gebühr  und  Verdienst  zu  folgen.  Beliebt  waren  in  den  fürstlichen  Kunstkammern 
hohe  turmartig  ausgebildete  Uhren,  bei  denen  die  ernsthaften  Zeit-  und  Himmels- 
angaben ein  wenig  hinter  beweglichem  Figurenwerk  und  anderen  mechanischen 
Spielereien,  zum  Beispiel  der  auf  schiefer  Ebene  herabrollenden,  automatisch 
wieder  gehobenen  und  aufs  Neue  herabrollenden  Kugeln,  zurücktreten.  Solclio 
Uhren  befinden  sich  im  Grünen  Gewölbe  und  im  Johanneum  in  Dresden,  im  Mu- 
seum in  Gotha,  in  Wien  und  anderen  Orten.  Beliebt  waren  ferner  Tiere  [Abb.  498], 
die  an  passender  Stelle  das  Zifferblatt  trugen  und  beim  Stundenschlag  sich  be- 
wegten oder  tanzten.  Selbst  eine  figurenreichc  religiöse  Szene,  wie  die  Anbetimg 
Christi,  machte  ein  Augsburger  Meister  1589  zum  unterhaltenden  Mittelpimkt  eines 
großen  Uhrwerkes  mit  einem  palaisartigen,  doppelschossigen  Gehäuse,  über  dem 
leicht  gestützt  etwas  phantastisch  der  kugelförmige  Sternenhimmel  mit  Gott  \'ater 
und  kleinenEngeln  schwebt.  Als  oberster  Abschlut^  durfte  derTurm  für  die  herab- 
rollende Kugel  nicht  fehlen.  Diese  Uhr  steht  im  Johanneum  in  Dresden  und  so  un- 
organisch sie  in  ihrem  Aufbau  anmutet,  so  lehrreich  ist  sie  wie  zalillose  andere 
durch  ihre  Originalität.  Es  fehlt  jede  Schablone,  die  sich  sonst  so  oft  breit  macht 
und  man  empfindet  erquickt  die  Schaffensfreude  und  Schaffensfrischc  auf  diesem 
bisher  längst  nicht  genügend  beachteten  und  durchforschten  Gebiete  mit,  selbst 
wenn  für  Details  und  Reliefs  fremde  Vorbilder  benutzt  sind,  luui  die  Ausfühnuig 
bisweilen  zu  wünschen  übrig  lälit.  D 

()17 


Auf  anderen  Gebieten  spielen  Messing  oder  Bronze  ganz  im  Gegensatz  zu 
Italien  und  zum  Mittelalter  in  künstlerischer  Durchbildung  eine  geringe  Rolle. 
Das  Kunstgewerbe-Museum  in  Berlin  besitzt  einen  Bronzemörser  (Abb.  501]  mit 
der  Inschrift  'Alexander  Endorfer  goß  mich  1539  jar'  und  einen  ungefähr  gleich- 
zeitigen ganz  vergoldeten  Türklopfer.  Über  Endorfer  ist  nichts  weiter  bekannt. 
Vielleicht  stand  er  zu  dem  1501  in  Innsbruck  gestorbenen  Stückgieger  Jörg 
Endorfer  in  verwandtschaftlichen  Beziehungen.  Der  Türklopfer  ist  süddeutsche, 
vielleicht  Nürnberger  Arbeit  und  in  der  Komposition  und  Behandlung  des  Details 
ungemein  reizvoll,  nur  wirken  die  beiden  unteren  liegenden  Figuren  gegen  den 
oberen  Teil  etwas  schwächlich.  Vom  Ende  des  Jahrhunderts  stammt  ein  Tür- 
klopfer aus  dem  Schlosse  Kirchheim  a.  d.  Mindel,  jetzt  ebenfalls  im  Berliner  Kunst- 
gewerbe-Museum, den  Hubert  Gerhard  nach  einem  Modell  von  Peter  Candid  goß. 
Er  lehnt  sich  an  italienische  Vorbilder  an.  Die  wundervollen  Messingkronleuchter, 
Wand-  und  Standleuchter,  die  reichen  Gitter  aus  Messing  stammen  in  der  Minder- 
zahl aus  dem  16.,  meist  erst  aus  dem  17.  Jahrhundert.  Die  weit  verbreiteten,  ge- 
schlagenen Messingschüsseln  bleiben  bei  den  alten  handwerklichen  Formen  und 
Motiven  stehen  und  lassen  wenig  von  dem  allgemeinen  Aufschwung  und  dem  Ein- 
fluß der  Renaissance  merken.  D 

Anders  liegt  es  beim  ZINNGERÄT.  Die  für  den  täglichen  Gebrauch  bestimmten 
Gegenstände  bewahrten  zwar  ihre  einfachen  Formen,  aber  andere  sind  zu  Schmuck- 
und  Zierfetücken  von  künstlerischem  Wert  ausgebildet  worden.  Diese  sogenannten 
EDELZINNARBEITEN  können  hier  allein  berücksichtigt  werden.  Die  Schwierig- 
keiten, sie  nach  Zeiten  und  Herstellungsorten  genau  auseinander  zu  halten,  sind 
besonders  groß,  weil  außer  der  allgemeinen  Neigung  der  Renaissancemeister,  die 
Werke  anderer  ohne  Bedenken  zu  benutzen  und  zu  kopieren,  der  gewöhnliche 
Kandelgießer  meistens  nicht  die  Fähigkeit  besaß,  sich  reiche  und  künstlerische 
Modelle  selbst  anzufertigen.  Diese  waren  deshalb  Kostbarkeiten,  die  lange  bei- 
behalten und  vererbt,  auch  wohl  von  einer  Werkstatt  in  die  andere  verliehen 
wurden.  Die  vertieft  eingeschlagenen  Stadt-  und  Meisterstempel  beziehen  sich 
aus  demselben  Grunde  bloß  auf  den  Gußort  und  den  Gießer.  Nur  die  zugleich  mit 
dem  Ornament  erhaben  gegossenen  Monogramme  und  Zeichen  deuten  auf  den 
Verfertiger  des  Modelles.  Zu  den  Modellen  wurden  verschiedene  Materialien, 
Messing,  Kupfer,  Eisen  oder  Stein  genommen  und  die  Darstellungen  in  der  Art 
der  Münzstempel  vertieft  eingeschnitten,  so  daß  sie  nach  dem  Guß  in  flachem 
Relief  heraustraten.  Sie  sind  in  guten  Exemplaren,  wie  sich  aus  der  Technik 
des  Schneidens  im  Gegensatz  zum  Treiben  ohne  weiteres  ergibt,  in  der  Form 
durchweg  schärfer,  dünnliniger  und  zierlicher  als  getriebene  Goldschmiede- 
arbeiten. Gegenteilige  Eigenschaften  beruhen  gewöhnlich  auf  starker  Abnutzung 
der  Modelle  oder  der  Geräte  selbst.  Die  Gerätformen  beschränken  sich  überwie- 
gend auf  Schüsseln,  Teller,  Kannen  und  Humpen.  Seltener  sind  Salzfässer,  Tinten- 
fässer und  andere  Kleinigkeiten.  Die  in  gotischer  Zeit  beliebte  Gravierung  ver- 
schwand mit  dem  Eindringen  der  Renaissance  —  das  geschah  auf  diesem  Gebiet 
zumeist  erst  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  —  fast  vollständig.  Die  neuen 
Motive  sind  keine  anderen  als  überall.  Auf  ebenen  Flächen,  z.  B.  Tellerrändern, 

618 


Abb.  501:    Alexander   Endorf  er.    Mörser. 
D  Berlin,  Kunstgewerbemuseum 


1539. 
D 


wurden  Muster  aus  verschlungenem  oder 
gebrochenem  Bandwerk  beliebt,  das  bald 
allein,  bald  mit  naturalistischen  Blättern 
und  Ranken  vermischt  auftritt,  aber  das 
Übergewicht  überdiese  zubehalten  pflegt. 
Die  naturalistische  Ranke  füllt  auf  Teller- 
rändern häufig  den  Raum  zwischen  Me- 
daillons mit  Köpfen  und  figürlichen  Dar- 
stellungen. Ab  und  zu  versilberte  oder  ver- 
goldete man  Zinnsachen  oder  belebte  sie 
durch  farbige  Bemalung.  D 

Das  Erzgebirge  war  in  Deutschland 
der  wichtigste  Fundort  für  Zinn.  Seitdem 
Ende  des  15.  Jahrhunderts  herrschte  in 
den  Gruben  ein  lebhafter  Betrieb  und  er- 
gab besonders  im  16.  Jahrhundert  eine 
große  Ausbeute.  So  lag  es  nahe,  dag  sich 
in  den  umliegenden  Ländern,  Franken, 
Sachsen,  Schlesien  und  Böhmen,  die  Her- 
stellung und  derExportderEdelzinnarbei- 
ten  vorzugsweise  entwickelte.  An  erster  Stelle  stand  Nürnberg.  Seine  Zinnsachen 
wurden  ihrer  vorzüglichen  Qualität  wegen  überall  gern  gekauft.  In  Riga  wurde 
ausdrücklich  anerkannt,  dag  sie  besser  seien  als  die  einheimischen.  Freilich  ver- 
anlagte die  Konkurrenz  manche  Reibungen,  an  denen  die  Nürnberger  Händler 
nicht  immer  schuldlos  gewesen  zu  sein  scheinen.  In  Lübeck  wurde  z.  B.  den 
Apengetern,  den  Handwerkern,  die  sich  mit  dem  Gießen  der  feineren  Messing- 
und  Zinngegenstände  befaßten,  vom  Rate  zugestanden,  durch  ihre  Älterleute  die 
Nürnberger  Händler  wegen  vorgefallener  Unregelmäßigkeiten  überwachen  zu 
dürfen.  In  Wien  beschränkte  derRat  den  Vertrieb  Nürnberger  Zinnwaren  auf  zwei 
Märkte  im  Jahr.  Doch  das  alles  tat  der  Nürnberger  Produktion  wenig  Abbruch. 
Wegen  der  großen  Zahl  von  Künstlern  und  Kunsthandwerkern,  die  den  Zinngießern 
die  Modelle  arbeiten  konnten,  bildete  die  Stadt  gerade  für  dieses  Gebiet  den 
günstigsten  Boden.  Die  bekanntesten  Meister  waren  im  späteren  16.  Jahrhundert 
Martin  Harscher,  Melchior  Koch,  HansLobsinger,  Nikolaus  Horchhaimer  und  Kaspar 
Enderlein.  Nur  von  den  beiden  letzten  gibt  es  beglaubigte  Arbeiten.  Horch- 
haimer [gest.  1583 1  gehörte  zu  einer  Gruppe  von  Meistern,  die  etwa  bis  1600  in  der 
sogenannten  Holzstockmanier  arbeiteten.  Ihre  Reliefierung  ist  nicht  gleichmäßig 
plastisch  gerundet,  sondern  in  einer  ähnlicheif  Weise,  wie  zum  Drucken  bestimmte 
Holzschnittstöcke  linienartig  geschnitten.  Das  gibt  bei  allem  Figürliclien  völlig 
unklare  Bilder  und  kann  nur  als  eineVerirrung  bezeichnet  werden.  Die  mit  N.  H. 
signierten  Arbeiten  Horchhaimers  sind  nicht  gerade  selten.  □ 

Den  bedeutendsten  Platz  nimmt  KASPAR  ENDERLEIN  ein,  obgleich  die  neuere 
Forschung  ihm  seinen  cliemaligen  Hauptruhm.  dioErtimiung  der  vielbewunderten 
Temperantiaschüssel,  hat  nehmen  müssen  und  außerdem  nachgewiesen  hat.  daß 

619 


eine  Anzahl  anderer  vorzüglicher  Werke  nicht  aus  seinenHänden  hervorgegangen 
ist.  Es  verhielt  sich  mit  ihm  ähnlich  wie  mit  Jamnitzer.  Sein  Name  war  der  einzig 
bekannte  und  die  stets  herrschende  Neigung,  gute  Arbeiten  mit  bekannten  Namen 
in  Verbindung  zu  bringen,  machte  auch  ihn  zum  alleinigen  Repräsentanten  der 
deutschen  Zinngieger.  Das  ist  er  heute,  wie  gesagt,  nicht  mehr,  aber  der  erste  ist 
er  geblieben.  Enderlein  wurde  1560  in  Basel  geboren,  trat  dort  1574  bei  einem  Zinn- 
giegermeister  als  Lehrling  ein,  kam  um  1584  als  Gesell  nach  Nürnberg,  wo  er  als- 
bald auch  in  der  Zunft  der  Meistersinger  Aufnahme  fand,  heiratete  1586  und  wurde 
in  demselben  Jahre  Bürger  und  Meister.  Er  starb  1633.  —  Die  Temperantiaschüssel, 
so  benannt  nach  einer  auf  dem  Mittelfeld  angebrachten  allegorischen  Figur  der 
Mäßigkeit,  ist  vonEnderlein  nacheinander  viermal  in  etwas  variierendenModellen 
nach  einer  Zinnschüssel  vonFranpoisBriot  kopiert.  Nicht  ängstlich  und  sklavisch 
Linie  für  Linie,  aber  doch  so,  dag  von  einer  selbständigen  Schöpfung  zweifellos 
nicht  die  Rede  sein  kann  Das  erste  Modell  ist  1611  datiert  und  mit  seinem  vollen 
Namen  bezeichnet.  Die  Formen  sind  im  einzelnen  ein  wenig  schwerfälliger,  der  Ge- 
samteindruck aber  ist  derselbe  wie  bei  Briot  [vgl.  Abb.  501].  Zu  der  Schüssel 
gehört  eine  Kanne,  die  sich  aber  nicht  so  genau  an  die  von  Briot  anlehnt.  Bei  einer 
Kanne  mit  Allegorien  des  Krieges,  des  Friedens  und  des  Überflusses,  bei  einem 
Krug  und  bei  einem  großen  Teller  mit  den  Erdteilen  hat  Enderlein  eine  andere 
französische,  nicht  von  Briot  herstammende  Schüssel  mit  einem  Mars  in  der  Mitte 
benutzt.  Kleinere  und  einfache  Arbeiten  sind  eine  Schale  mit  Loth  und  seinen 
Töchtern  [1608J,  die  mit  dem  heiligen  Georg  1 1615J,  ein  Teller  mit  den  vier  Jahres- 
zeiten [1621]  und  ein  Teller  mit  einem  Doppeladler  und  Putten.  Die  besten  Exem- 
plare dieser  Stücke  befinden  sich  fast  alle  indenSammlungenDemiani  und  Zöllner 
in  Leipzig.  □ 

Die  SÄCHSISCHEN  Edelzinngeräte  unterscheiden  sich  wesentlich  von  den 
nürnbergischen.  Die  Ornamente  wurden  nicht  in  das  Hauptmodell  eingeschnitten 
und  zugleich  mit  diesem  ausgegossen,  sondern  für  sich  aus  einzelnen  Teilen  zusam- 
mengestellt, abgeformt,  gegossen  und  dann  an  passender  Stelle  aufgelötet.  Flöt- 
ners Plaketten  sind  besonders  häufig  benutzt.  Sie  stehen  bald  in  dieser,  bald  in 
jenerReihenfolge.  und  kam  es  beiStreifen  und  Friesen  mit  denMaßen  nicht  genau 
aus,  schnitt  man  kurzerhand  das  Überflüssige  ab  oder  fügte,  den  Anfang  wieder- 
holend, den  erforderlichen  Teil  hinzu.  Auf  den  Inhalt  wurde  dabei  nicht  viel  Rück- 
sicht genommen.  Dies  Verfahren  ergab  ein  stumpferes  und  weniger  sauberes  Re- 
lief als  die  Nürnberger  Methode,  aber  es  war  einfacher  und  billiger,  denn  die 
bloge  mechanischeZusammenstellungundAbformungvonPlaketten  brachte  auch 
der  einfache  Zinngieger  selbst  mühelos  zustande.  In  Sachsen  besteht  daher  kein 
Unterschied  zwischen  Zinnmodelleur  und  Zinngieger  und  man  kann  die  Stempel 
unbedenklich  zum  Nachweis  der  Herkunft  eines  Gerätes  benutzen.  Im  17.  Jahr- 
hundert sind  aus  besonderen  Anlässen  vereinzelt  auch  geschnittene  Modelle  an- 
gefertigt. D 

Das  Hauptwerk  ist  die  groge  1562  datierte  Zunftkanne  der  Maurerinnung  in 
Zittau,  jetzt  im  Städtischen  Museum  ebendort.  Die  Relieffiguren  sind  nach  Pla- 
ketten von  Flötner  abgeformt.  Eine  ähnliche  Kanne  besitzt  das  South  Kensington 

620 


D  Abb.  501  und  502:  Frangois  Briot.    Kanne  und  Schüssel.    Frankreicli  Q 

Museum  in  London.  Sie  rühren  dem  Stempel  nach  wahrscheinlich  von  dem  Zittauer 
Meister  Paul  Weise  her.  Ihnen  verwandt  sind  eine  reichverzierte  Kanne  im  Mu- 
seum Franzisco-Carolinum  zu  Linz  und  ein  Leuchter  in  der  Sammlung  Demiani. 
Neben  Zittau  treten  noch  Freiberg,  Schneeberg,  Annaberg  und  Marienberg  hervor. 
Die  Herstellungsweise  brachte  es  mit  sich,  dag  bei  den  Kannen  fast  immer  mehrere 
Reliefstreifen  übereinander,  durch  schmale  glatte  oder  profilierte  Streifen  ge- 
trennt, wiederkehren.  Bei  einer  sächsischen  Schüssel  im  Louvre  in  Paris,  die  in 
der  Mitte  ein  Medaillon  mit  dem  Bildnis  des  Kurfürsten  August  enthält,  bilden 
am  Rand  die  aufgesetzten  Reliefs  mit  den  gleichmäßigen  glatten  Zwischenräumen 
einen  nicht  unwirksamen  Rhythmus.  D 

Nun  FRANgOIS  BRIOT!  Briot  wurde  um  1550,  also  etwa  zehn  Jahre  früher  als 
Enderlein  in  dem  kleinenOrte  Damblain,  das  damals  zum  deutschen  Herzogtum 
Lothringen  gehörte,  geboren.  Man  mag  ihn  daher  nach  Neigung  als  Deutschen  oder 
als  Franzosen  auffassen.  Die  Franzosen  betrachten  ihn  ganz  als  den  ihrigen  und 
sein  Name  und  seine  Sprache  geben  ihnen  recht.  Auch  der  Charakter  seiner  Kunst 
weist  ihn  mehr  nach  Frankreich  als  nach  Deutschland.  BriotwarProtestantundkam 
1579  oder  1580  vielleicht  infolge  der  französischen  Protcstantenverfolgung  nach 
der  von  einem  lutherischen  Fürsten  regierten  GrafschaftMömpelgard,  wo  er  unter 
anderen  geflüchteten  Künstlern  und  Handwerkern  auch  eine  Anzahl  von  tüchtigen 
Zinngieliern  traf.  Dort  hat  er  als  Graveur  des  Grafen  Friedrich,  des  späteren  Her- 
zogs von  Württemberg  und  seines  Nachfolgers,  des  Herzogs  Johann  Friedrich  von 
Württemberg  zwischen  1580  und  1590  das  Modell  der  bei  Enderlein  erwähnten 
Temperantiaschüssel  [Abb.  501 1  geschaffen.    Es  steht  fest,  daft  er  seine  Modelle 

621 


in  Kupfer  arbeitete  und  teilweise  selbst  gog.  Wenn  Abgüsse  mit  fremden  Stempeln 
existieren,  so  erklärt  sich  das  dadurch,  dag  seine  Modelle  später  in  andere  Hände 
kamen.  Bei  der  ungewöhnlichen  Schönheit  seiner  Arbeiten  hat  man  wohl  geglaubt, 
sie  seien  für  eine  Ausführung  in  Gold  oder  Silber  bestimmt,  sie  haben  aber  durch- 
aus den  Charakter  der  fürZinngugbestimmten,  gravierten  undgestochenenForm. 
Zu  der  Schüssel  arbeitete  er  eine  Kanne  [Abb.  502|.  In  diesen  beiden  Stücken  be- 
stand trotz  seines  unruhigen  Lebens  natürlich  nicht  sein  ganzes  Werk,  aber 
vorläufig  ist  ihm  mit  Sicherheit  nicht  mehr  zuzuweisen.  Die  übrigen,  zum  Teil 
ähnlich  hervorragenden  französischen  Zinngegenstände,  wie  die  bereits  erwähnte 
Marsschüssel,  dann  die  sogenannte  Briot-Vase,  der  sogenannte  Briot-Krug,  das 
berühmte  Salzfaß  in  Dijon  und  anderes  mehr  können  bei  genauerer  Prüfung  für 
Briot  nicht  in  Anspruch  genommen  werden.  D 

5.  EISEN  D 

An  allgemeiner  Bedeutung  nähert  sich  die  WAFFENSCHMIEDEKUNST  der 
Goldschmiedekunst.  Sie  geht  auch  künstlerisch  und  technisch  in  diese  über.  Noch 
zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  bildete  die  geschlossene  Rüstung  im  Kriege  einen 
ernsthaften  Schutz.  Je  mehr  die  Feuerwaffen  verbessert  und  angewendet  wurden, 
je  mehr  verlor  die  schwere  eiserne  Rüstung  im  Kampfe  ihren  Wert.  Aber  sie  war 
zu  lange  die  Ehrentracht  für  Fürsten  und  Ritter  gewesen,  als  dag  sie  leichten 
Herzens  aufgegeben  wäre.  Man  behielt  sie  als  Prunkgewand  und  für  das  Turnier,  in 
dem  die  vergangene  Zeit  und  die  alteKampfesweise  nachlebte.  Dementsprechend 
wurde  die  äugere  Ausstattung  im  Verlaufe  des  Jahrhunderts  immer  mehr  betont. 
Die  ersten  Künstler  der  Zeit  lieferten  die  Entwürfe  und  Ätzung,  Tauschierung, 
Treibarbeit  und  Vergoldung  wetteiferten  miteinander,  eine  reiche  Wirkung  zu  er- 
zielen. □ 

Deutschland  war  in  der  Herstellung  alles  dessen,  was  zum  Waffenhandwerk 
und  zur  Kriegführung  gehört,  berühmt.  In  der  Plattnerei,  die  sich  speziell  mit  der 
Anfertigung  von  Rüstungen  befagte,  stand  es  vielleicht  an  erster  Stelle.  Noch 
heute  sehen  wir  viele  kostbare  Rüstungen,  die  von  fremden  Fürsten  in  Deutsch- 
land in  Auftrag  gegeben  waren,  in  den  grogen  Museen  des  Auslandes.  In  den  be- 
rühmten Waffensammlungen  des  Hofmuseums  in  Wien  und  im  Historischen  Mu- 
seum zu  Dresden  bilden  sie  die  Überzahl  des  Bestandes  und  zeugen  in  glänzendster 
Weise  von  einem  überaus  umfangreichen  gewerblichenBetriebe,  der  für  uns  eben- 
so wie  das  ganze  Ritterwesen  immer  noch  von  einem  gewissen  romantischen 
Schimmer  umgeben  ist.  □ 

Form,  Zweck  und  Verwendung  von  Schutz-  und  Angriffswaffen  sind  seit  län- 
gerer Zeit  Gegenstand  reger  Forschung  gewesen.  Aber  den  Meistern  ist  erst  in 
den  letzten  10— 15  Jahren  ein  etwas  regeres  Interesse  zugewendet,  und  der  künst- 
lerischen Ausgestaltung  ist  man  im  Zusammenhange  weder  innerhalb  der  Waffen- 
schmiedekunst noch  im  Hinblick  auf  die  allgemeine  Entwicklung  von  Kunst-  und 
Kunstgewerbe  nachgegangen,  obgleich  gerade  das  eine  lohnende  und  dankbare 
Aufgabe  wäre.  Denn  ähnlich  wie  bei  den  wissenschaftlichen  Instrumenten  sind 
die  Aufgaben  jedesmal  neu  und  die  Lösungen  phantasievoll  und  frisch.  Die  un- 
regelmägigen  Flächen  der  Waffen-  undRüstungsteile  lagen  dem  deutschen  Künst- 

622 


ler  besonders,  sie  gaben  ihm  '" 
reiche  Gelegenheit,  seinen  heim- 
lichen Neigungen  nachzugehen 
und  sich  frei  und  unbekümmert 
um  Symmetrie  und  sonstige  wel- 
sche Kunstgesetze  auszuleben. 
Dazu  war  es  keine  billige,  flüch- 
tige Kunst  fürs  Volk,  sondern 
es  galt  verwöhnten  Fürstenge- 
schmack, Fürstengunst  und  Für- 
stenlohn. Dürers  Handzeichnun- 
gen zu  Rüstungsteilen  sind  be- 
reitserwähnt. Esistnichtunmög- 
lich,  dag  sie  mit  anderen  verloren- 
gegangenen für  eine  Rüstung 
bestimmt  waren,  die  Koloman 
Kolman  in  Augsburg  1517  für 
Maximilian  I.  begann,  aber  erst 
nach  dem  Tode  des  Kaisers  voll- 
endete. Sie  ist  nicht  mehr  erhal- 
ten. Andere  Zeichnungen,  Stiche 
und  Holzschnitte  mit  Rittern  und 
geharnischtenReitern  deuten  dar- 
auf hin,  dag  Dürer  sich  aus  ganz 
bestimmten  Anlässen  und  fach- 
männisch, nicht  blog  aus  zufälli- 
gen und  dekorativen  Rücksich- 
ten, um  Waffen  kümmerte.  Alde- 
grevers  und  der  übrigen  Klein- 
meister Motive  finden  wir  unzäh- 
lige Male  an  Rüstungen,  Schwer- 
tern und  Dolchen  |Abb.509J  ver- 
wendet. Der  vielseitige  Albrecht 
Glockenton  zu  Nürnberg  —  er  war 
Illuminist,  Glasmaler,  Kupfer- 
stecher, F'ormschneider  und  Ätz- 
maler [gest.  1560]  —  soll  den 
Landsknechtharnisch  desKonrad 
vonBemelberg  in  Wien  dekoriert 
haben.  Von  Daniel  Hopfcr  ist  eine 
1536    datierte    und    mit  vollem  .. 

-,  ,  .    ,  Abb.  f)03:    Feldharnisch. 

Namen  bezeichnete  Tartsche  in  d 

Madrid  erhalten.  HansMielich  in  München  hat  sicherEntwürfc  zu  Waffen  geliefert, 

wenn  auch  nicht  alles  von  seiner  Hand  stammt,  was  ihm  früher  zugeschrieben 


Augsburg  um   15r)ü. 
musiMun 


623 


Spanien.  Um  1540. 
D 


wurde.  Kurz  —  das  Werk  manches 
Künstlers  wird  bei  genauererDurch- 
forschungin  dieser  Richtung  erwei- 
tert werden.  Der  Plattner  stellte  die 
Rüstung  nach  dem  Entwurf  des 
Künstlers  entweder  fertig  oder  über- 
gab die  feinere  Ornamentierung 
einem  Dritten.  Besonders  die  Ät- 
zungen scheinen  öfters  von  beson- 
deren Meistern  ausgeführt  zu  sein. 
Als  Treibarbeiter  wird  voraussicht- 
lich noch  mancher  Goldschmied  auf- 
tauchen. Bei  dem  Streben  nach  Viel- 
seitigkeit und  Reichtum  eigneten  sich 
die  Ornamentiker  in  Anlehnung  an 
orientalische  Waffen  und  italienische 
Arbeiten  auch  die  Tauschierung  an 
und  erzielten  damit  schöne  Erfolge. 
Von  den  übrigen  Techniken  gibt  es 
keine,  die  nicht  bei  Gelegenheit  her- 
angezogen wurde.  D 
Augsburg,  Nürnberg  und  Inns- 
bruck waren  die  Hauptorte  der  Waf- 
fenschmiedekunst. Die  bekanntesten 
Augsburger  Plattner  waren  Koloman 
Kolman  [gest.  1532],  dessen  Sohn 
Desiderius  Kolman,  der  nach  1554 
nicht  viel  Bedeutendes  mehr  gear- 
beitet zu  haben  scheint,  und  Anton 
Pfeffenhauser  [gest.  1603].  Koloman 
Kolman  war  einer  der  berühmtesten 
Plattner  Europas.  Er  lieferte  für  alle 
Länder,  selbst  nach  Italien,  dem  es 
auf  diesem  Gebiete  an  Kräften  für- 
wahr nichtfehlte.  In  Wien  und  Madrid 
befinden  sich  mehrere  reiche  Rüstun- 
gen und  Harnischgarnituren  von  ihm, 
darunter  als  bedeutendste  die  für 
Karl  V.  um  1525.  Desiderius  Kolman 
stand  anfangs  in  gleichem  Ansehen 
wie  sein  Vater,  kam  aber  in  Verle- 
genheiten und  mußte  1554  Augs- 
burg verlassen.  Von  ihm  stammt  ein 
prachtvoller   Harnisch    König    Phi- 


624 


/ji^^^^^si3^iS^SI^^ 

Abb.  505:  Helm. 
D 


üeätzt.   1581. 
Museum 


München,  National- 


Abb.  506:   Helm  Rudolfs  II.     Getrieben. 
D  Wien,  Hofmuseum 


Um  159(J. 

D 


lipps  IL  von  Spanien  in  Madrid  mit  reichen  figuralen  Darstellungen  [1550].  An 
der  Treibarbeit  einiger  Teile  war  der  Goldschmiedegesell  Georg  Sigman  mit  be- 
teiligt, nur  den  Schild  vollendeteKolman  2  Jahre  später  allein.  Pfeffenhauser  war 
ebenfalls  ein  vielbeschäftigter  Mann.  Das  Historische  Museum  in  Dresden  besitzt 
von  ihm  nicht  weniger  als  ISHarnische  in  verschiedenartiger  Ausführung;  in  Wien 
wird  von  seiner  Hand  der  Harnisch  Kaiser  Maximilian  IL  bewahrt;  sein  schönstes 
Werk  aber  ist  die  berühmte  und  kunstvolle  Rüstung  des  Königs  Sebastian  von  Por- 
tugal, die  dieser  an  Philipp  IL  schenkte.  Sie  befindet  sich  jetzt  in  Madrid.  In  Nürn- 
berg traten  besonders  Kunz  Lochner  [gest.  1567 1  und  die  beiden  Wilhelm  von 
Worms,  Vater  und  Sohn,  hervor.  Jener  starb  1537,  dieser  nach  1570,  aber  an- 
scheinend nicht  inNürnberg.  ÜberLochner  sagtNeudörffer:  'DerErzherzogMaxi- 
milian  [der  spätere  Kaiser  Maximilian  IL]  gibt  ihm  wegen  seiner  künstlerischen 
Arbeit  jährliche  Pension.  Dem  hat  er  auch  eine  Zeitlang  hero  solche  Arbeit  von 
Eisen  und  Stahl  gemacht  und  dermaßen  so  künstlich  getrieben  und  ausgebracht, 
das  es  der  Arbeit  so  von  Silber  gemacht  gleichen  tut.'  Diese  Bemerkung  erhält 
dadurch  ein  besonderes  Interesse,  daß  der  Harnisch  in  der  Wiener  Sammlung  er- 
halten ist  und  Neudörffers  Wort  durchaus  bestätigt.  Von  den  beiden  Wormsern 
ist  der  Jüngere  der  Wichtigere,  weil  sich  von  ihm  die  größere  Zahl  der  Arbeiten 
erhalten  hat.  Er  lieferte  um  1560  an  Kaiser  Ferdinand  I.  eine  Harnischgarnitur 
und  arbeitete  gleichfalls  für  die  spanischen  Prinzen  und  zahlreiche  andere  Fürsten. 
In  Innsbruck  waren  die  aus  Augsburg  stammenden  Seusenhofers  die  bedeu- 
tendsten Meister.  Der  älteste,  Konrad,  starb  schon  1518.  sein  Bruder  Hans  lebte 
bis  1555.  Dieser  hatte  einen  Sohn  namens  Jörg,  der  schon  bald  nach  1558  starb, 
aber  am  meisten  hervortritt.  Er  stand  in  engen  Beziehungen  zu  Ferdinand  I.  und 
ging  1539  in  dessen  Auftrage  nach  Paris,  um  für  den  König  Franz  I.  und  dessen 
Söhne  Harnische  anzumessen.  Diejenigen  für  die  Söhne  wurden  abgesandt,  der 
für  den  König  selbst  blieb  in  Innsbruck,  weil  inzwischen  Krieg  mit  Frankreich 
ausgebrochen  war,  und  wurde  erst  1806  auf  Befehl  Napoleons  nach  Paris  überführt. 
In  Wien  und  Dresden  befinden  sich  andere  Arbeiten  von  ihm.  Mit  den  genannten 
ist  die  Zahl  der  bedeutenden  Meister  keineswegs  erschöpft.  Mehrere  andere  wer- 

40    •   beschichte  des  Kunstgewerbes  g25 


den  noch  im  folgenden  erwähnt 
werden.  D 

Die  Verzierung  der  Harnische 
geschahnach  zweiPrinzipien.  Das 
eine  betonte  nur  die  Ränder  und 
Kanten  der  einzelnen  Teile  und 
ließ  die  Flächen  im  wesentlichen 
frei  [Abb.  503  u.  504].  Eine  Art,  die 
denBau  der  Rüstung  klar  hervor- 
hebt. Das  andere  überzog  alle 
Teile  gleichmäßig  mit  Schmuck 
[siehe  Tafel].  Hierdurch  wird  die 
Gliederung  der  Rüstung  leicht 
verwischt,  besonders,  wenn  tren- 
nende Kanten  fehlen,  oder  wenn 
die  Linienführung  nicht  ausge- 
sprochen der  Form  der  einzelnen 
Stücke  folgt  und  gar  über  die  so- 
genannten geschobenen  Stücke 
herübergeht.  Bei  der  ersten  Art 
wurde  Gravierung.  Ätzung  und 
Tauschierung,  bei  der  zweiten 
Treibarbeit  bevorzugt.  Diese  ge- 
langte besonders  gegenEnde  des 
Jahrhunderts  zu  einer  erstaun- 

Abb.  507:  Schild  Karls  IX.   Gold  mit  Email.   1560    70.    Louvre    lichcn    Virtuosität    Und    Zaubcrtc 

ganze  Relief  gemälde  hervor.  Jene  nahm  gern  eine  Tönung  des  Eisens  zu  Hilfe  und 
erzielte  mit  den  verschiedenen  stumpfen  oder  blanken  Nuancen  von  Grau,  Blau 
und  Schwarz  wundervolle  Wirkungen.  Beide  Arten  erhöhten  diese  durch  Ver- 
goldung. D 
Von  besonderer  Schönheit  in  künstlerischer  und  technischer  Hinsicht  ist  eine 
schwarz-goldeneRüstungKarlsV.inWienum  1550.  Prunkvoller  wirkt  eine  Rüstung 
Kaiser  Rudolfs  II.,  deren  Ornamentik  mit  Christof  Schwarz  aus  Ingolstadt  [gest. 
1594],  in  Verbindung  gebracht  wird  [Abb.  506].  Ob  mit  Recht,  steht  noch  dahin. 
Von  dem  mattgrauen  Grunde  heben  sich  die  aufs  sorgsamste  getriebenen  und 
ziselierten  mit  Gold  und  Silber  belegten  Blattranken,  Figuren  und  Grotesken  ab. 
Auf  der  Mitte  der  Brust  sieht  man  Herkules,  auf  seine  Keule  gestützt  von  seinen 
Taten  ausruhend,  an  anderen  Stellen  sind  seine  Taten  geschildert,  aber  immer  so, 
dag  sich  die  Figuren  in  die  Windungen  der  Ranken  einfügen.  In  wesentlich  breiterer 
Zeichnung  ist  ein  über  und  über  getriebener  Prunkharnisch  gehalten,  den  Kaiser 
Matthias  als  Prinz  getragen  haben  soll.  Das  Außerordentlichste  in  dieser  Art 
aber  ist  die  Prachtrüstung  des  Kurfürsten  Christians  II.  in  Dresden,  die  mit  der 
dazu  gehörenden  Pferderüstung  1603  und  1604  von  Heinrich  Knopf  in  Münster  i.W. 
gearbeitet  wurde  |  siehe  TafelJ.  Knopf  siedelte  später  nach  Nürnberg  über.  Jeder 

626 


HEINRICH  KNOPF       PRACHTRÜSTUNG  CHRISTIANS   II     KUR- 
FÜRSTEN VON  SACHSEN  •  DRESDEN.  HISTORISCHES  MUSEUM 


Abb.  508:  Rappier  von  Ottomar 
Wetter.  1590.  Dresden,  Histori- 
D  sches  Museum  D 


Abb.  509:   Dolch.   Um  1550. 
Dresden,  Historisches  Museum 
D  D 


Abb.  510:  Ordenssehwert 
von   Reesin.      Nürnberg    1571. 
München,    Kgl.  Schatzkammer. 


Rüstungsteil  ist  seiner  Form  entsprechend  künstlerisch  durchgearbeitet.  Auf 
den  größeren  Flächen  sind  umrahmte  figürliche  Darstellungen  aus  der  Ilias,  dem 
Argonautenzuge  und  der  Heraklessage  in  das  flüssige  Rankenwerk  eingefügt. 
Der  Grund  ist  durchweg  vergoldet,  während  die  erhabenen  Stellen  in  der  blanken 
Eisenfarbe  gelassen  sind.  So  sehr  nun  die  ganze  Arbeit  in  Erstaunen  setzt  und 
so  ausgezeichnet  eine  kleinere  Partie  wirkt,  leidet  doch  der  Gesamteindruck  wie 
manches  andere  derselben  Zeit  an  einer  Formenfülle,  die  wir  als  ein  Übermal^ 
empfinden,  die  in  uns  aufzunehmen  wir  kaum  noch  die  Ruhe  und  Mui^e  haben. 
Das  ist  ähnlich  so  bei  dem  berühmten  goldenen  Schild  Karls  IX.  im  Louvre 
I  Abb.  507].  Das  glänzende  Metall  und  die  leuchtenden  Emailfarben,  mit  denen  die 
prachtvollen  getriebenen  Schlacht-  und  Lagerszenen  und  Ornamente  gehöht  sind, 
verursachen  vor  den  Augen  ein  Flimmern,  das  es  einem  schwer  macht,  das  ein- 
zelne zu  erfassen.  Die  beiden  Stücke  sind  die  Reste  einer  vollständigen  Rüstung, 
die  der  Regierungszeit  des  Königs  und  der  Ornamentik  entsprechend  zwischen 
1560 — 74  angefertigt  sein  mu§.  D 

Ähnlich  wie  bei  den  Rüstungen  besteht  ein  grof^er  Unterschied  in  der  Ausstat- 
tung der  Schwerter.  Die  Kampfschwerter  beschränkten  sich  auf  solides  Material 
und  handliche  Form,  den  Prunkschwertern  wird  reichster  künstlerischer  Schmuck 
zuteil.  Die  Klingen  die  Toledaner,  die  Mailänder  und  die  Solinger  galten  als  die 
besten  boten  nur  zu  einigem  Ätzwerk  Raum,  es  blieben  alst)  Griff  und  Scheide. 
Die  Scheide  machte  man  besonders  in  der  Frührenaissance  gern  aus  Silber  und 
unterschied  in  der  Behandlung  Vorder-  und  Rückseite.  Bei  dem  Kurschwert,  das 
KarlV.  im  Jahre  1547  anMoritz  vonSachsen  schenkte,  und  bei  dem  jetzigenReichs- 
schwert  des  Königreiches  Prcuficn  |  Abb.  511 1  sind  auf  der  Vorderseite  getriebene 

40*  627 


Abb.  511: 
D 


Reichssehwert  von  Preugen.  Um 
1540.  Berlin,  Krontresor  D 


figürliche  Darstellungen,  durch  schmale  Orna- 
mentstreifen unterbrochen,  übereinander  ge- 
stellt, die  Rückseiten  werden  von  steigenden 
Blattranken  im  Kleinmeisterstil  bedeckt.  Auch 
die  Griffe  sind  aus  Silber.  Die  spätere  Zeit 
scheint  der  für  das  Wesen  des  Rollwerks  etwas 
schwierigen  Ornamentierung  der  langen  Schei- 
de aus  dem  Wege  gegangen  zu  sein  und  diese 
vorzugsweise  mit  Leder-  oder  Sammetüberzug 
gemacht  zu  haben.  Öffnungund  Spitze  erhielten 
aber  Metallbeschlag  in  Übereinstimmung  mit 
dem  Griff.  Hier  nun,  wo  derHaltbarkeit  wegen 
die  einzelnen  Teile  möglichst  aus  dem  vollen 
Rund  gearbeitet  werden  mußten,  war  es  gege- 
ben, den  Metallschnitt  zur  Anwendung  zu  brin- 
gen. Das  führte  zur  köstlichsten  Klein-  und  Fein- 
arbeit, die  ja  auch  ganz  im  Geschmack  der  Zeit 
lag.  Ein  Wunderwerk  dieser  Art  ist  das  goldene 
und  emaillierte  Gefäß  des  St.  Georgi  Ordens- 
schwertes [Abb. 510]  in  derKöniglichenSchatz- 
kammer  in  München  von  einem  Meister  Reesin 
inNürnberg ausdem Jahre  1571.  DemSchwerte 
ist  ein  Dolch  im  Museum  zu  Kassel  eng  verwandt. 
Häufiger  und  nicht  minder  anziehend  sind  die  in 
Eisen  geschnittenen  Degengefäße,  die  keines- 
wegs nur  inItalien  gearbeitetwurden.  Es  seien 
als  Beispiel  für  viele  nur  das  schöne  Rappier 
[Abb.  508]  und  der  Dolch  von  Ottomar  Wetter 
im  Historischen  Museum  zu  Dresden  aus  dem 
Jahre  1590  genannt.  □ 

Die  Herstellung  von  Feuerwaffen  jeder  Art, 
Kanonen.  Schlangen,  Musketen,  Büchsen,  hatte 
im  Laufe  des  Jahrhunderts  einen  großen  Um- 
fang und  völlig  fabrikmäßigen  Charakter  ange- 
nommen. Suhl  war  derHauptplatz.  Hier  konn- 
ten im  Jahre  1586  zwei  Fabriken  bereits  2000 
Gewehre  und  500  Präcisionsmusketen  gleich- 
zeitig nach  der  Schweiz  schicken.  Im  Jahre  1600 
lieferte  eine  andereFabrik  nachDänemark 6000 
Gewehre.  Das  ist  um  so  erstaunlicher,  als  es 
Maschinenarbeit  in  unserem  Sinne  nicht  gab. 
An  diesen  Gewehren  machte  man  ebenso  wie 
an  der  großen  Masse  der  Rüstungen  und  Waffen 
nur  das  Notwendige,  aber  die  für  den  per- 


628 


sönlichen  Gebrauch  der  Fürsten  bestimmten  E 
Büchsen  erhielten  eine  verschwenderische  Aus- 
stattung. Die  breite  Lagerung  des  Rohres  und 
derSchaftbotenRaumgenugfürzierhche  figür- 
liche und  ornamentale  Darstellungen,  die  vor- 
zugsweise in  Einlegearbeit  oder  auf  besonderen 
getriebenen  oder  geschnittenen  Platten  herge- 
stellt wurden  [Abb.  512].  Das  Rohr  selbst  und 
das  Schloß  pflegten  mit  Ätzungen, Gravierungen 
und  Vergoldung  versehen  zu  werden.  D 

Die  vielseitige  künstlerischeBehandlung  des 
Eisens  blieb  nicht  auf  die  Waffen  beschränkt. 
Das  Wiener  Hofmuseum  besitzt  eine  aus  Stahl 
gearbeitete  ovale  Schale  auf  niedrigem  Fug. 
Sie  ist  auf  blau  angelassenem,  gepunztem 
Grunde  mit  erhaben  geschnittenen,  vergoldeten 
und  versilberten  Ranken  bedeckt,  in  die  sich 
Tiere  und  Grotesken  mischen.  In  Komposition 
und  Behandlung  erinnert  manches  an  Franpois 
Briot.  Ein  Sonderstück  merkwürdiger  Art  ist  ein 
von  Thomas  Ruker  1574  ganz  und  gar  in  Eisen 
geschnittener  Lehnstuhl,  der  von  der  Stadt 
Augsburg  an  Rudolf  II.  geschenkt,  von  den 
Schweden  aus  Prag  entführt  und  später  nach 
England  gebracht  wurde,  wo  er  sich  noch  heute 
befindet.  Ätzwerk  wurde  sehr  gern  zur  Ver- 
zierung von  eisernen  Kasten,  Kassetten  und 
Schlössern  [Abb.  513  und  514]  benutzt.  Gerade 
die  letzteren  waren  in  technischer  Hinsicht  oft 
so  kunstvoll,  daß  es  nahe  lag,  auch  ihr  Äußeres 
durch  Schmuck  zu  heben.  Allerlei  Werkzeug, 
Schraubstöcke,  Hammer,  Zangen,  Meißel,  Sche- 
ren gehörte  nicht  selten  zumlnhalt  der  kostbaren 
Kunstschränke  und  wurde  dementsprechend 
als  Luxusgerät  ausgeführt.  Das  umfangreichste 
Werk  dieser  Art  ist  die  mit  zahlreichen  Hilfs- 
teilen ausgestattete  Ziehbank  im  Louvre  in 
Paris,  die  im  Jahre  1565  für  den  Kurfürsten 
August  I.  von  Sachsen  angefertigt  wurde.       D 

Für  die  Gestaltung  aller  dieser  vmd  anderer 
Schmiedeeisenarbeiten  waren  wichtige  tech- 
nische Erfindungen  und  Verbesserungen  von 
Bedeutung  gewesen.  Die  Hochöfen  und  die 
Hammerwerke  lieferten  etwa  seit  AnVansj  des 


Al)h.  5IJ:  Ciewehr  mit  Kiiiailplatti'ii  von 
Oavid  Altenstetor.  Auf.  d.  17.  Jahrh.  Wien, 
D  Mofmuseuni.  D 


629 


Abb.  513:    Kassette    mit  geätzten  Verzierungen.      Ende    des  16.  Jahrhunderts.     Reichenberg,    Museum 

Jahrhunderts  den  Handwerkern  die  von  ihnen  begehrten  Eisensorten  gebrauchs- 
fertig in  die  Werkstatt,  während  früher  nur  Roheisen  in  groben  Stücken  produziert 
war,  die  der  einzelne  Gewerbetreibende  mit  vieler  Mühe  für  seine  speziellen  Zwecke 
weiter  bearbeiten  mußte,  ehe  er  an  die  Formung  des  beabsichtigten  Gegenstandes 
gehen  konnte.  Für  hoch  bezahlte  Prachtstücke  war  das  im  allgemeinen  belanglos, 
aber  nicht  für  die  Masse  der  einfacheren  Geräte  in  Haus,  Kirche  und  Stadt.  Die 
Herstellung  von  Stahl,  Stabeisen  und  Blecheisen  im  grof^en  übte  deshalb  sofort 
ihrenEinflug  aus  und  rief  eine  ausgedehntere  Verwendung  hervor.  Es  beeinflußte, 
wie  gesagt,  aber  auch  die  Formengebung.  Die  Muster  der  Gitter  wurden,  wie  das 
in  glücklichster  Weise  mit  der  allgemeinen  Stilentwicklung  zusammentraf,  lang- 
liniger,  gradliniger  und  lockerer.  Die  häufigen  Schweifungen  der  Gotik  waren 
nicht  mehr  notwendig.  Es  genügte,  an  wenigen  Stellen  eine  Klammer,  eine  Ver- 
zapfung oder  Vernietung  anzubringen.  Gerüst  resp.  Hauptteilung  und  Füllung 
wurden  schärfer  getrennt.  Ein  Beispiel  ist  ein  1538  datiertes  Gitter  im  Münster  zu 
Freiburg  i.  Br.  Die  wenigen  gotischen  Reminiszenzen  im  Detail  berühren  den  ver- 
änderten Gesamtcharakter  nicht.  Es  waltet  hier  ein  völlig  anderes  Formengefühl 
als  bei  den  gotischen  Gittern.  In  der  weiteren  Entwicklung  traten  zwei  Motive, 
nämlich  das  Kreuz-  oder  Flechtmuster,  das  durch  Durchstechen  des  einen  Rund- 
stabes durch  den  anderen  gebildet  wurde,  und  die  Spirale  neu  hinzu.  Diese  beiden 

630 


D  Abb.  514:  Schlog.    Mit  geätzten  Verzierungen.   Deutschland,  f'.nde  des  16.  Jahrhunderts  Q 

beherrschten,  meist  mit  Blättern  oder  Blumen  vermischt,  die  linienhafte  und  ab- 
strakte Komposition  völlig  und  ausschließlich  bis  weit  ins  17.  Jahrhundert  hinein. 
Parallelen  dazu  gibt  es  nur  in  den  künstlichen  Schnörkeln  der  Schreibmeister. 
Sonst  steht  das  völlige  Fehlen  jeglicher  architektonischer  Formenelemente  in  einem 
merkwürdigen  Gegensatz  zu  allen  früherenund  gleichzeitigen  Gebieten  der  Kunst. 
Besonders  schön  sind  die  Gitter  von  Jörg  Schmidhammer  [gest.  1577 1  im  Dom  zu 
Prag  [Abb.  515J  und  am  Grabmal  Kaiser  Maximilians  I.  im  Dom  zu  Innsbruck.  Das 
letzte  wurde  1573  aufgestellt.  Ein  Gitter  von  Hans  Rüge  im  Rathause  zu  Lüneburg 
ist  1576  datiert  und  mit  vollem  Namen  versehen.  Um  1580  entstand  das  prächtige 
Gitter  am  Fuggerdenkmal  in  der  Ulrichskirche  zu  Augsburg.  Mit  der  Jahreszahl 
1592  und  einem  ungedeuteten  Monogramm  ist  ein  Gitter  mit  kräftigen  Füllungen 
in  der  Marienkirche  zu  Marburg  an  der  Lahn  bezeichnet.  Von  den  Dresdener  Mei- 
stern Hans  Weber  und  Hans  Klencke  wurde  ein  umfangreiches  und  ausgezeichnetes 
Gitter  am  Grabmale  des  Kurfürsten  Moritz  von  Sachsen  im  Domo  zu  Freiberg  gear- 
beitet und  1595  aufgestellt.  D 
Einen  besonderen  Reiz  haben  die  laubenartigen  Gitter  über  den  öffentlichen 
Brunnen.  Sie  kommen  hauptsächlich  in  Süddeutschland  luid  Österreich  vor  und 
dienen  dazu,  das  Wasser  vor  Verunreinigung  zu  schützen.  Hervorragend  schön 
ist  die  Laube  auf  Schlol^Grafonegg  inNiederösterrcich  vom  Jahre  1570  |  Abb.  516]. 
Eine  spätere  vom  .lalire  1626  in  Brück  an  der  Mm',  die  jener  nicht  nachsteht,  ist 

631 


Abb.  515:    Jörg  Schmidhammer.    Eisengitter  im  Dom  zu  Prag 


außerdem  durch  eine  gereimte  Inschrift  ausgezeichnet,  deren  eine  Strophe  lautet: 
Ich  Hans  Prasser,  Trink  lieber  Wein  als  Wasser,  Tränk  ich  das  Wasser  so  gern  als 
Wein,  So  könnt  ich  ein  reicher  Prasser  sein.  D 

DieFreude  an  den  neumodischenBlechen,  die  schon  um  1500  auftauchen,  zeigt 
sich  besonders  an  verschiedenen  ganz  und  gar  mit  Blech  beschlagenen,  reich  ge- 
musterten Türen.  Später  beschränkte  sich  derBeschlag  bei  diesen  und  besonders 
bei  den  Möbeln  wieder  auf  die  Angelbänder  und  die  Schlösser,  die  man  unter  Re- 
duzierung auf  das  unumgänglich  Notwendige  in  der  Regel  auch  aus  starken 
Blechen  anstatt  aus  Stabeisen  fertigte.  Den  Formen  liegt  lappiges  Blatt-  und 
Rankenwerk  zugrunde.  Der  Ätzungen  an  den  Schlogblechen  wurde  schon  ge- 
dacht. In  Frankreich  waren  Schlogbleche  in  architektonischer  Umrahmung  mit 
getriebenen  figürlichen  Darstellungen  beliebt.  D 

Gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  wurde  auch  der  Eisenguß  soweit  verbessert, 
dag  er  kunstgewerbliche  Bedeutung  erlangte,  und  zwar  vorzugsweise  in  Ofen- 
platten, weniger  in  Geschützrohren,  Kaminböcken  und  dergleichen.  In  allenBerg- 
werksgegenden,  am  Rhein,  in  Thüringen,  im  Harz  wurden  Ofenplatten  gegossen, 
die  gelegentlich  auch  wohl  zur  Verkleidung  der  inneren  Kaminwände  benutzt 
wurden.  Die  Museen  in  München,  Nürnberg,  Lübeck,  Berlin,  besitzen  zahlreiche 

632 


Beispiele.  Auch  ganze  Öfen  sind 
in  größerer  Zahl  erhalten.  Ein  sol- 
cher noch  aus  gotischer  Zeit  be- 
findet sich  auf  der  Veste  Koburg. 
Aus  derZeit  der  Frührenaissance 
stammt  ein  Ofen  im  Rathause  zu 
Wolfach,  zu  dem  Philipp  Soldan 
aus  Frankenberg  in  Hessen  die 
Formen  schnitt.  Soldan  ist  von 
1537 — 1555  zu  verfolgen  und  hat 
in  der  Zeit  zahlreiche  Modelle  an- 
gefertigt, diejahrzehntelangnach- 
gegossen  sind.  Reliefs  mit  Dar- 
stellungen aus  dem  Alten  und  dem 
Neuen  Testament  und  Wappen 
bilden  den  Hauptschmuck.  Für  In- 
schriften, Sprüche  und  Datierun- 
gen herrschte  überall  eine  beson- 
dere Vorliebe.  Die  Platten,  die 
auch  wohl  mit  einem  Aufsatz  aus 
Kacheln  kombiniert  wurden,  sind 
im  Vergleich  zu  den  wundervollen  J^ 

getriebenen     und     geschnittenen    n  Abb.  51ü:  Brunnenlaube  auf  Schlog  Gratenegg 

Waffen  nicht  sehr  ansehnlich,  waren  aber  doch  in  ihrer  Zeit  geschätzt.  Mancher  guß- 
eiserne Ofen  ging  als  geschätztes  Geschenk  von  einem  Fürstenhof  an  den  anderen. 
6.  LIMOGES  EMAIL  D 

In  Limoges,  der  alten  Stadt  des  Grubenschmelzes  im  südlichen  Frankreich, 
entwickelte  sich  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts,  vielleicht  durch  Venedigs  Ver- 
mittlung und  in  einem  gewissen  Zusammenhange  mit  der  Glasmalerei  eine  neue 
Emailkunst,  die  im  16.  Jahrhundert  ihre  höchste  Blüte  erreichte  und  ihre  Erzeug- 
nisse in  alle  Länder  sandte,  das  ist  die  sogenannte  Emailmalerei.  Die  Emailmalerei 
hat  künstlerisch  und  technisch  nur  wenige  Berührungspunkte  mit  den  übrigen 
Emaillierungsverfahren.  Der  kupferne  Kern  des  Gerätes  wird  ohne  trennende 
Stege,  Gruben  oderReliefierung  äugen  und  innen  gleichmäßig  mit  einem  Schmelz- 
grund zugedeckt,  auf  den  die  Farben  der  Darstellung  aufgetragen  werden.  Das 
Metall  spielt  daher  keine  andere  Rolle  als  die  Leinwand  oder  das  Holz  bei  Gemäl- 
den und  hat  mit  Ausnahme  der  wenigen  Stellen,  die  mit  transluziden  Farben  be- 
deckt oder  mit  Gold-  und  Silberfolien  unterlegt  sind,  keinen  Anteil  an  der  Wirkung. 
Die  technischen  Schwierigkeiten  beim  Farbenauftrag  und  beim  Schmelzen  bilde- 
ten aber  Beschränkungen,  die  die  Emailmalcrei  nicht  in  Konkurrenz  mit  der  Öl- 
malerei treten  ließ  und  vielleicht  dazu  beitrugen,  daß  die  Meister  auf  eigene  künst- 
lerische Erfindung  wenig  Wert  legten.  Wohl  sämtliche  bedeutenden  Künstler  des 
Kupferstiches  und  Ornamentstiches  von  Deutschland.  Frankreich  und  Italien  sind 
in  Limoges  kopiert.   Die  hohe  Wertschätzung  der  keineswegs  seltenen  Arbeiten 

633 


liegt  daher  vorzugsweise  in  der  Künstlichkeit  des  Verfahrens  begründet,  die  aller- 
dings häufig  genug  durch  flotte  und  grogzügige  oder  durch  zierliche  und  liebens- 
würdige Zeichnung  und  vornehmen  Farbengeschmack  unterstützt  wird.  In  der 
ersten  Periode,  die  etwa  bis  1530  dauert  und  die  Arbeiten  von  Nardon  Penicaud 
und  Jean  Penicaud  demÄlteren  umfaßt,  wurden  die  Umrisse  derZeichnung  in  das 
Kupfer  eingegraben,  und  dies  dann  mit  einer  dünnen  Lage  von  durchsichtigem 
Schmelz  überzogen.  Die  durchschimmernden  Linien  wurden  in  dunklen  Schmelz- 
farben nachgezeichnet  und  dann  in  ziemlich  dickerLage  zwischen  dieseLinien  die 
durchsichtigen  und  undurchsichtigen,  lebhaften  bunten  Hauptfarben  aufgetragen. 
Die  feinere  Modellierung  wurde  durch  aufgesetzte  Lichter  in  Weiß  und  Gold  erzielt. 
Edelsteinartige  Verzierungen  an  Heiligenscheinen  und  Gewändern  liebte  man  mit 
Gold-  und  Silberfolien  zu  unterlegen,  um  den  Glanz  der  Farben  zu  erhöhen.        D 

Nardon  Penicaud  wird  zwischen  1470 — 1480  geboren  sein,  denn  sein  frühestes, 
datiertes  und  mit  vollem  Namen  bezeichnetes  Werk  im  Cluny-Museum  zu  Paris, 
eine  Kreuzigung,  stammt  aus  dem  Jahre  1503.  Außerdem  überwies  er  bereits 
1495  einer  Bruderschaft  eine  Jahresrente,  ein  Akt,  der  es  wahrscheinlich  macht, 
dag  er  damals  bereits  grogjährig  war.  Noch  1539  wird  er  als  Hausbesitzer  er- 
wähnt, so  dag  er  ein  Alter  von  60  bis  70  Jahren  erreicht  haben  kann.  Die  be- 
zeichneten Werke  sind  selten,  auch  die  ihm  zugeschriebenen  nicht  häufig  und 
kaum  von  Werkstattarbeiten  zu  trennen.  Neben  ihm  arbeitete  Jean  Penicaud  der 
Ältere,  der  zurUnterscheidungvon  mehreren  gleichnamigen  Meistern  aus  späterer 
Zeit  gewöhnlich  Jean  I.  Penicaud  genannt  wird.  In  welcher  Weise  er  mit  Nardon 
verwandt  war,  ist  unbekannt,  aber  er  war  zweifellos  dessen  Schüler  und  soll  1553 
noch  am  Leben  gewesen  sein.  Beider  Arbeiten  sind  farbenprächtig  und  bunt, 
machen  jedoch  den  Eindruck,  als  ob  die  Schwierigkeiten  der  Technik  nicht  ganz 
überwunden  seien.  Nur  Jean  I.  ist  in  seinen  späteren  Arbeiten,  von  denen  der 
Louvre  eine  Himmelfahrt  Christi  besitzt,  flotter  und  freier  geworden.  D 

Die  eigentliche  Blüte  vonLimoges  trat  erst  ein,  als  jüngere  Meister  denFarben- 
auftrag  und  die  Zahl  der  Brände  zu  vereinfachen  wugten  und  daher  schneller  und 
unbehinderter  arbeiten  konnten.  Das  geschah  freilich  auf  Kosten  des  Farbenreich- 
tums und  führte  vielfach  zur  einfachen  Grisaillemalerei.  Dabei  wurde  die  Kupfer- 
platte mit  einer  dunkeln,  oft  schwarzen,  undurchsichtigen  Schicht  von  Schmelz- 
masse bedeckt,  diese  dann  mit  einem  halb  deckenden  Grauweig  überzogen  und 
die  Darstellung  teils  bis  auf  den  dunkeln  Grund  ausgekratzt,  teils  in  reinem  opaken 
Weig  gemalt.  Der  Grund  wurde  zu  den  Schattenpartien  benutzt.  Fleischtöne  und 
Gold  wurden  besonders  aufgebrannt.  Gold-  und  Silberfolien  verschwanden  fast 
ganz.  n 

Auch  Mitglieder  der  Familie  Penicaud,  Jean  II.  und  III.,  die  aber  bis  jetzt  weder 
künstlerisch  noch  biographisch  genügend  gegeneinander  abgegrenzt  sind,  haben 
in  der  neuen  Methode  gearbeitet.  Von  einem  Pierre  Penicaud  besitzt  das  Cluny 
Museum  eine  groge  bezeichnete  Schüssel,  auf  der  innen  Moses  mit  den  Gesetzes- 
tafeln dargestellt  ist.  Andere  Stücke  sind  im  Louvre.  d 

Der  Hauptmeister  der  zweiten  Periode  und  zugleich  der  berühmteste  Meister 
der  ganzen  Emailmalerei  ist  LEONHARD  LIMOUSIN.  Er  wurde  um  1505  geboren 

034 


undmug  vor  1577  gestorben  sein. 
Seine  früheste  bezeichnete  Ar- 
beit fällt  in  das  Jahr  1532,  seine 
letzte  in  das  Jahr  1574.  Seine 
Werke  zeigen  die  vollkommenste 
Beherrschung  der  verschiedenen 
Farbenauftrags-  und  Malarten 
und  sind  auch  künstlerisch  am 
wertvollsten.  Freilich  benutzt  er, 
wie  alle  an  deren  Meister,  fremde 
Vorbilder.  Besonders  geschätzt 
sind  seine  Porträtköpfe.  Sie  stel- 
len meist  Fürsten  und  hohe  Ade- 
lige dar.  Aus  der  früheren  Zeit, 
dem  Jahre  1536,  stammt  das  Bild 
derKöniginEleonore, der  zweiten 
Gemahlin  Franzi.,  der  Schwester 
KarlsV.,imCluny  Museum.  Zwan- 
zig Jahre  später  entstand  das  aus- 
gezeichnete Porträt  des  Conne- 
table  Anne  de  Montmorency  im 
Louvre|Abb.  517],  das  ein  weite- 
res Interesse  durch  seine  Ein- 
rahmung erhält.  Sie  besteht  aus 
einem  hölzernenundvergoldetenRollwerkgerüst,  indasacht  kleinereEmailplatten 
mit  Figuren  undOrnamenten  eingelassen  sind.  DieserRahmen  kehrt  mit  geringen 
Abweichungen  bei  den  Porträts  derKatharinavonMedici  und  der  Königin  Elisabeth 
vonSpanien,  derGemahlinPhilipp IL,  wieder.  Auch  dasBildnis  desFranz  vonLoth- 
ringen,  Herzogs  von  Guise,  im  Louvre  vom  Jahre  1557  ist  ein  ausgezeichnetes 
Werk.  Zahlreiche  andere  befinden  sich  in  England.  Im  allgemeinen  sind  diejenigen 
aus  der  letzten  Zeit  im  Erfassen  des  Charakteristischen  und  Persönlichen  weniger 
lebendig.  Noch  umfangreicher  als  die  Porträts  sind  verschiedene  kirchliche  Arbei- 
ten, die  gewöhnlich,  in  einem  gemeinsamen  Rahmen  vereinigt,  grof>e  Platten  bilde- 
ten. Franzi,  bestellte  1545  beiLimousin  die  12  Apostel,  zu  denenMichelRocheletin 
Fontainebleau  dieZeichnung  anfertigte.  Sie  wurden  erst  1547  nach  dem  Tode  des 
Auftraggebers  fertig  und  kamen  in  die  Schlof^kapelle  von  Anet  und  spättM-  in  die 
Peterskirche  zu  Chartres.  Sie  sind  Bl  cm  hoch  und  haben  statt  des  gewöhnlichen 
schwarzen  Grundes  einen  tiefblauen,  den  nur  Limousin  öfters  anwendet.  Heinrich  II. 
ernannteLeonardl548zuseinemHofmalerundals  solcher  hat  er  sich  1553ausfiihr 
lieh  auf  zwei  groijen  Altartafeln  für  die  Sainte  Chai)elle  in  Paris,  die  sich  jetzt  im 
Louvre  befinden,  genannt.  Die  Zeichnungen  zu  diesem  Werk  lieferte  ein  anderer 
Fontainebleauer  Meister,  nämlich  Niccolo  dcll'Abbate.  Die  Altartafeln  bestehen 
aus  Holzrahmen,  jeder  mit  23  groljion  und  kloinen  eingelegten  Emailplatten.  .\uf  der 
groiien  Mittelplatte  des  einen  Ralnnens  ist  die  Kreuzigung  Christi  dargestellt,  auf 

635 


Abb.  517: 
D 


Leonard   Limousin.     Porträt   des 
Montmorency.    Louvre 


Connetable  von 
D 


der  des  anderen  die  Himmelfahrt. 
Die  vier  Eckmedaillons  enthalten 
oben  Passionsszenen,  unten  in 
knieender  Stellung,  beide  Male 
fast  gleich,  die  Porträtfiguren  des 
Königs  Franz  I.  und  seiner  zwei- 
tenGemahlinEleonore  von  Öster- 
reich. In  den  Zwischenräumen 
stehen  Engel  mit  den  Marter- 
werkzeugen Christi.  Auger  sol- 
chen Platten  fertigte  Limousin 
auch  in  größerer  Zahl  Schüsseln, 
Kannen,  Salzfässer  u.  dgl.  mehr. 
Eine  prächtige  Schüssel  mit  der 
Darstellung  des  Volkes  Israel  in 
der  Wüste  befindet  sich  in  der 
Schatzkammer  in  München.  In 
den  Rand  sind  vier  in  Onyx  ge- 
schnittene Medaillons  eingelegt. 
Der  fruchtbarste  aller  Limou- 
siner Meister  war  PIERRE  REY- 
MOND.  Seine  früheste  Arbeit  ist 
1534  datiert,  seine  späteste  1578, 
doch  wird  er  noch  1 582  urkundlich 

D  Abb.  5i8:  Henri  II.  Fayence.     St.  Porchaire  D    erwähnt.  Bei  der  erstaunlich  gro- 

genZahl  seiner  Werke  und  bei  ihren  wechselnden  Qualitäten  ist  es  schwer  denk- 
bar, dag  er  alle  eigenhändig  ausführte.  Er  muß  vielmehr  eine  umfangreiche 
Werkstatt  gehabt  haben.  Am  zahlreichsten  sind  Schalen,  Schüsseln,  Teller  und 
Kannen.  Auch  Leuchter  und  Salzfässer  existieren  von  keinem  Meister  mehr  als 
von  ihm.  Die  Teller  kommen  in  ganzen  Folgen,  z.  B.  mit  Monatsdarstellungen, 
mehrfach  vor.  Er  malte  meist  nur  Grau  in  Grau  und  signierte  mit  P.  R.  oder 
mit  P.  Reymond,  Raxmon  oder  Rexmon.  Für  seinen  großen  Ruf  auch  außerhalb 
Frankreichs  zeugen  seine  in  den  fürstlichen  Schatzkammern  und  alten  Familien 
Deutschlands  erhaltenen  Arbeiten.  Das  Wiener  Hofmuseum  besitzt  eine  1558 
datierte  Schale  mit  der  Darstellung  von  Amors  Triumph  über  Diana.  Die  zahl- 
reichen kleinen  Figuren  wirken  etwas  unruhig  und  besonders  bei  der  Randkom- 
position vermißt  man  durchgehende  Linien.  Um  so  mehr  überrascht  das  Roll  werk 
auf  der  Unterseite,  das  sich  weder  in  Deutschland  noch  in  den  Niederlanden  in  so 
großzügiger  Weise  entwickelte.  Aus  demselben  Jahre  stammen  eine  Schüssel  und 
eineKanne  mitSzenen  aus  demParadiese  imNationalMuseum  zuMünchen,  die  auf 
Bestellung  der  Nürnberger  Patrizierfamilie  Tucher  angefertigt  wurden  und  mit 
deren  Wappen  versehen  sind.  Beide  Stücke  sind  von  besonders  guter  Qualität,  so 
daß  es  scheint,  als  ob  Reymond  sich  bei  ihrer  Ausführung  besonders  bemühte.  Im 
Grünen  Gewölbe  zuDresden  befindet  sich  eineSchüssel  und  Kanne  aus  dem  Jahre 


636 


Gl-]  TELLER  MIT  MALEREMAIL  VON  PIERRE  REYMOND, 

2ZK\  LIMO  GES.    ZWEITE   HÄLFTE   16.  JAHRHUNDERTS 


1571  mit  demDurchzug  der  Juden 
durch  das  Rote  Meer.  Die  farbige 
Tafel  zeigt  einen  Teller  des  Ber- 
liner Kunstgewerbe-Museums  mit 
einer  allegorischen  Darstellung 
des  Monats  Juli.  Dies  nur  ein  paar 
Beispiele,  die  leicht  aus  allen 
größeren  öffentlichen  und  priva- 
ten Sammlungen  des  In-  und  Aus- 
landes Vermehrt  werden  könnten. 
Auch  Pierre  Courteys,  der  von 
1545  — 1568  nachgewiesen  werden 
kann,  ist  ein  fruchtbarer  Meister. 
Von  ihm  rühren  die  größten  be- 
kannten Kompositionen  her.  Es 
sind  zwölf  Platten  mit  Figuren 
von  römischen  Göttern  und  alle- 
gorischen Darstellungen  von  Tu- 
genden. Neun  sind  im  Cluny-Mu- 
seum,  drei  in  englischem  Besitz. 
Sie  waren  früher  in  die  Fassade 
des  kleinen  Schlosses  Madrid  im 
Bois  de  Boulogne  eingefügt,  das 
während  der  Revolution  zerstört 

wurde,  und  sind  jenem  Platz  ent-    □  Abb.  519:  Henri  II.  Fayence.  St.  Forchaire  D 

sprechend  in  breiter,  etwas  übertriebener  Manier  ausgeführt.  Jedes  einzelne  Bild 
mißt  1,65  m  in  der  Höhe  und  1  m  in  der  Breite.  Da  solche  Dimensionen  nicht  aus 
einer  Metallplatte  herzustellen  waren,  wurden  sie  in  geschickter  Weise  aus  vier 
Stücken  zusammengesetzt.  Sympathischer  berühren  die  kleineren  Arbeiten,  die 
teilweise  flott  und  sicher  gezeichnet  sind.  Courteys  bevorzugt  wie  Reymond  die 
Grisaillemalerei.  □ 

Über  die  folgenden  Meister  herrscht  noch  manche  Unklarheit.  Es  gab  einen 
Jean  Court,  genannt  Vigier,  und  einen  Jean  de  Court.  Außerdem  kommt  das  Mono- 
gramm J.  C.  vor,  das  einige  auf  diesen,  andere  auf  jenen  deuten.  Vigier  war  der 
Sohn  eines  Goldschmiedes  in  Limoges  und  starb  1583.  Jean  de  Court  lebte  noch 
1585.  Ihre  Arbeiten  sind  durchweg  kleinlicher  und  unruhiger  in  der  Zeichnung 
und  Farbenwirkung.  Sie  verwendeten  vorzugsweise  lebhafte  bunte  Farben,  unter- 
legten sie  selbst  in  großen  Partien  mit  Gold-  und  Silberfolien  und  höhten  sie  in 
ausgedehnter  Weise  mit  Gold,  so  daß  ein  Überreichtum  entstand,  der  die  Spuren 
des  Verfalls  in  sich  trug.  Die  Arbeiten  von  Vigier  sind  selten,  ebenso  die  gesicher- 
ten Werke  Jean  de  Courts,  während  das  Monogramm  J.  C.  häufig  auftritt.  D 
KERAMIK  □ 
Als  die  italienische  Keramik  bereits  welkte,  begann  sie  durch  zahlreiche  aus- 
wandernde Töpfer  FRANKREICH  zu  beeinflussen.  Der  Florentiner  Girolamo  della 

037 


Robbia  arbeitete  seit  1538  an  der  keramischen  Ausstattung  des  Jagdschlosses 
Madrid  bei  Paris,  das  Franz  I.  sich  von  Philipp  Delorme  erbauen  lieg,  und  schuf 
nach  den  erhaltenen  Nachrichten  etwas  Einzigartiges.  Das  Schloß  selbst  ist,  wie 
oben  erwähnt  wurde,  zerstört.  Andere  Italiener  gründeten  in  der  zweiten  Hälfte  des 
Jahrhunderts  in  Lyon,  Nantes  und  Nimes  Majolikawerkstätten.  Um  1600  fing  in 
Nevers  ein  Italiener,  Scipio  Gambini,  an  zu  arbeiten,  aber  alle  diese  Gründungen 
waren  nicht  von  Bestand.  Von  den  einheimischen  Meistern  stand  Masseot  Aba- 
quesne  inRouen  unter  italienischemEinflug.  Er  lieferte  1542  buntfarbige  Fayence- 
fliesen für  das  Schloß  der  kunstliebenden  Montmorency  in  Ecouen.  Eine  selbst- 
ständige und  zugleich  völlig  isolierte  Erscheinung  bilden  die  in  der  Zeit  um  1525 
bis  1555  in  St.  Porchaire  entstandenen  sogenannten  Henri  II.-Fayencen  [Abb.  518 
und519|.  Der  Verfertiger  ist  nicht  bekannt.  Die  mauresken  Verzierungen  sind  in 
der  Art  der  mittelalterlichen  Fliesen  als  dunkle  Masse  in  den  hellen  Ton  eingelegt 
oder  eingepreßt  und  mit  einer  Bleiglasur  überzogen.  Die  technische  und  künst- 
lerische Ausführung  ist  ganz  hervorragend  und  in  der  europäischen  Kunsttöpferei 
ohne  Parallelen.  Dazu  macht  die  außerordentliche  Seltenheit  diese  Stücke  für 
Museen  und  Liebhaber  noch  begehrenswerter,  so  daß  schon  1880  für  einen  Leuch- 
ter 92000  Francs  bezahlt  wurden.  Mehrere  Exemplare  dieser  Fayencen  befinden 
sich  im  Louvre,  im  South  Kensington  Museum  zu  London  und  imBesitz  derFamilie 
Rothschild;  außerdem  sind  noch  an  wenigen  Orten  Einzelstücke  zu  finden.  Die 
Gliederung  und  Detaillierung  der  Gegenstände  ist  zierlich  wie  bei  Goldschmiede- 
arbeiten. Figuren,  Voluten  mit  Masken,  Bügel  und  Girlanden  sind  frei  aufgesetzt, 
ohne  im  mindesten  plump  zu  wirken.  D 

Die  Henri  Il.-Ware  ist  gewissermaßen  eine  Spezialität.  Der  eigentliche  Kera- 
miker der  französischen  Renaissance  ist  BERNARD  PALISSY.  Palissy  wurde  um 
1510  geboren  und  trat  mit  jungen  Jahren  bei  einem  Glaser  und  Glasmaler  in  die 
Lehre.  Nebenbei  zeichnete  und  modellierte  er,  trieb  auch  Geometrie  und  wurde 
dadurch  bald  zur  Feldmesserkunst  geführt.  Auf  seiner  Wanderschaft  scheint  er 
irgendwo  —  er  berührte  auch  die  Niederlande  und  Deutschland  —  zu  den  kerami- 
schen Versuchen,  die  er  um  1542  bald  nach  seiner  Vermählung  in  Saintes  be- 
gann, angeregt  worden  zu  sein.  Ihn  trieb  dabei  nur  Liebhaberei,  und  die  Sorgen 
um  den  Lebensunterhalt  unterbrachen  ihn  oft.  so  daß  er  erst  nach  mehrjährigem 
Probieren,  vielen  Enttäuschungen  und  Leiden  zu  befriedigenden  Erfolgen  kam. 
Er  sollte  sich  ihrer  in  Saintes  nicht  lange  freuen,  denn  als  1562  die  Protestanten- 
verfolgungen losbrachen,  wurde  er  als  Reformierter  ins  Gefängnis  gebracht  und 
seine  Werkstatt  zerstört.  Auf  Verwendung  des  Connetable  von  Montmorency 
wurde  er  zwar  befreit  und  in  speziellen  Schutz  und  Dienst  des  Königs  genommen, 
siedelte  aber  doch  nach  La  Rochelle  über.  1565  berief  ihn  der  König  nach  Paris. 
Dort  arbeitete  er  unter  anderem  für  Catharina  von  Medici  und  hielt  nebenher  bei 
großem  Andrang  Vorlesungen  über  Naturgeschichte  und  Physik.  Aber  seine  Ver- 
folger ruhten  nicht,  er  wurde  1588  abermals  eingekerkert  und  starb  1590  als  Opfer 
seines  Glaubens  in  der  Bastillc.  D 

Was  Palissy  als  Keramiker  geleistet  hat.  ist  um  so  bedeutender,  als  er  ein  Seif 
made  man  war.  Vielleicht  waren  grade  deshalb  seine  Arbeiten  in  Erscheinung  und 

638 


□  Abb.  520:  Bernhard  Palissy.  Schüssel  mit  Abformungen  von  Tieren  und  Pflanzen  D 

Technik  durchaus  neu.  Sie  beruhen  auf  den  in  der  Masse  gefärbten,  durchschei- 
nenden Bleiglasuren.  Die  Hauptfarben  sind  au^er  einigen  ZwischentönenMangan- 
violett,  Kobaltblau,  Kupfergrün  und  Gelb.  Ein  Weiß  stellte  er  her,  indem  er  den 
hellen  Ton  unter  einer  farblosen  Glasur  durchscheinen  liefi.  Eine  eigentliche  Ma- 
lerei war  mit  diesen  Glasuren  nicht  möglich,  aber  Palissy  wuljte  die  charakteristi- 
schen Eigenschaften  seiner  Glasuren  künstlerisch  aufs  beste  auszunutzen,  indem 
er  die  Gegenstände  mit  Relief  verzierungen  versah.  Auf  diese  Weise  flössen  seine 
Glasuren  an  den  vertieften  Stellen  zusammen,  liefen  auch  nur  selten  ineinander 
und  verwischten  die  Wirkung  des  Reliefs  nicht,  da  sie  auf  den  Höhen  nur  ganz 
dünn  haften  blieben.  Palissy  nahm  auf  diese  Punkte  gleich  bei  der  Modellierung 
Rücksicht,  so  dag  Form  und  Farbe  sinngemälj  Hand  in  Hand  gclien.  Auf  glatten 
Flächen  hat  er  durch  zusammengeflossene  Farben  prachtvolle  Marmorierungen 
erzielt.  D 

Er  machte  hauptsächlich  Teller  und  Schüsseln,  aber  auch  Kannen,  Leuchter, 
Salz-  und  Tintenfässer.  Seltener  und  weniger  geschätzt  sind  seine  Statuetten  und 
Freifiguren.  In  Saintes  scheint  er  als  V^erzierung  der  Schüsseln  hauptsächlich 
Abformungen  von  Naturgegenständen,  Fischen,  Krebsen,  Schlangen,  Elidechsen. 
Farrenwedeln  usw.  verwendet  zu  haben  [Abb.  520 1.  Ob  ihn  seine  Vorliebe  f  ür  Natur- 

639 


Abb.  521:    Bernhard  Palissy.     Schüssel  mit  figürlicher  Darstellung.    Am  Rande  marmorierte  Glasuren 

geschichte  darauf  führte,  oder  ob  er  vielleicht  in  Nürnberg  war  und  durch  dieJam- 
nitzers  darauf  gebracht  wurde,  steht  dahin.  Er  befestigte  die  Tiere  und  Pflanzen 
auf  Boden  und  Rand  einer  Zinnschüssel,  machte  darüber  eine  Hohlform  und  stellte 
auf  dieser  die  Tonschüssel  her,  die  er,  soweit  wie  möglich,  naturalistisch  glasierte. 
Weniger  häufig  brachte  er  diese  Motive  an  Kannen  und  anderen  Prunkgeräten  an. 
Zur  Ausschmückung  von  Gartengrotten  benutzteer  sie  inEcouenund  in  den  Gärten 
der  Tuilerien.  In  Paris  erweiterte  er  seine  Motive  nach  der  figürlichen  und  orna- 
mentalen Seite,  ohne  die  Naturabformungen,  die  ihn  schnell  berühmt  gemacht 
hatten,  aufzugeben.  Viele  seiner  neuen  Modelle  hat  er  zweifellos  selbst  ange- 
fertigt, zu  manchen  benutzte  er  fremde  Arbeiten.  So  hat  er  z.  B.  zu  einer  Schüssel 
im  Louvre  die  Temperantiaschüssel  von  Franpois  Briot  abgeformt.  Eine  figuren- 
reiche Schüssel  im  Berliner  Kunstgewerbemuseum  macht  ganz  den  Eindruck,  als 
ob  ein  silbernes  Original  zugrunde  läge.  Bei  den  von  ihm  selbst  modellierten 
Schüsseln  liebte  er  Figuren  in  flachem  Relief  einzeln  oder  in  kleinen  Gruppen  in 
ein  Oval  zu  komponieren  [Abb.  521).  Seine  schönen  Glasuren  kommen  vielleicht 
am  besten  bei  rein  ornamental  gehaltenen  Schüsseln  zur  Geltung,  welche  zwischen 
Band-  und  Rankenwerk  glatte,  flache  Mulden  haben,  in  denen  die  Farben  zusam- 
menfliegen.  Manche  Teile  sind  auch  wohl  durchbrochen  gearbeitet.   Bei  einem 

640 


Teller  im  South  Kensington-Museum  ist  in  dieser 
Weise  das  verschlungene  Monogramm  von 
Heinrich  IL,  Katharina  von  Medici  und  Diana 
von  Poitiers  benutzt.  D 

Nach  dem  TodePalissys  wurde  noch  längere 
Zeit  in  seiner  Art  weitergearbeitet.  D 

Mit  denPalissy-Gefägen  sind  in  technischer 
Hinsicht  einigermaßen  die  DEUTSCHEN  HAF- 
NERARBEITEN verwandt,  nämlich  hauptsäch- 
lich insofern  auch  sie  meist  bleihaltige,  ge- 
flossene Glasuren  haben,  aber  künstlerisch  er- 
reichen sie  nicht  die  gleiche  Qualität,  besonders 
da  nicht,  wo  vielfarbige  Glasuren  verwendet 
sind.  Denn  diese  sind  häufig  ineinander  ge- 
flossen, weil  bei  der  Modellierung  auf  ein( 
Trennung  der  verschiedenen  Farben  nicht  ge- 
nügend acht  gegeben  ist  und  neben  den  Blei- 
glasuren öfters  auch  Zinnglasuren,  die  einen 
anderen  Schmelzpunkt  haben,  benutzt  sind, 
so  dag  im  Brande  entweder  die  einen  oder 
die  anderen  Schaden  nahmen.  Außerdem  ha- 
ben die  Zinnglasuren  die  Eigenschaft,  auf  den 
Höhen  haften  zu  bleiben  und  die  Schärfe 
der  Formen  zu  verwischen.  Am  schönsten 
sind  deshalb  im  Großen  und  Ganzen  die  Ar- 
beiten mit  den  einfarbigen  Glasuren,  und  zwar 
mit  dem  Grün  an  der  Spitze,  das  bis  in  die  Mitte  des  Jahrhunderts  überwiegend 
zur  Anwendung  kam.  Aber  schon  um  1500  waren  die  farbigen  Glasuren  soweit 
entwickelt,  daß  sie  auf  einem  der  bedeutendsten  Hafnerwerke,  dem  großen  goti- 
schen Ofen  auf  der  Hohensalzburg  vom  Jahre  1501  benutzt  wurden.  -  Ofen- 
kacheln stellten  die  Hafner  in  erster  Linie  her.  Die  zahlreichen  erhaltenen  ganzen 
Öfen  I  Abb.  522]  und  einzelnen  Kacheln  zeugen  von  einer  umfangreichen  Produk- 
tion, die  im  Laufe  des  16.  Jahrhunderts  beständig  zunahm.  Dabei  wurde  die  Form 
der  Öfen  kaum  verändert.  Sie  blieb  im  Unterbau,  der  auf  vier  oder  mehr  F^üßcn 
ruhte,  vierseitig,  sprang  im  Oberbau  häufig  ein  und  ging  auch  wohl  in  ein  Achteck 
über.  Die  einzelnen  Kacheln  erhielten  aber  ein  anderes  Aussehen.  Die  tiefen  Topf- 
und Nischenkacheln  verschwanden  nämlich  und  wurden  durch  flaclio.tal'elförmige 
ersetzt.  Ebenso  trat  die  freihändige  Modellierung,  die  an  den  gotischen  Öfen  häufig 
ist,  fast  völlig  hinter  der  Pressung  aus  tönernen  gebrannten  Hohlfornien  zurück. 
Nach  der  ursprünglichen  Qualität  der  Modelle  und  llohlformen,  der  Stärke  ihrer 
Abnutzung  und  der  Beschaffenheit  der  Glasur  richtete  sich  die  Reliefschärfe  der 
Kacheln.  Diese  ist  im  allgemeinen  nicht  groß.  Wer  die  Modelle  herstellte,  ist  in  den 
wenigsten  Fällen  bekannt.  Daß  es  im  allgemeinen  die  Hafner  selbst  nicht  waren, 
ist  anzunehmen.  Sicher  aber  ist,  wie  viele  Beispiele  zeigen,  daß  die  Modelleure  die 


Abb.  522:    Ofen.    Grün   glasiert  Nürnberg, 
D       um  1540.  Germanisches  Museum.       D 


:l 


41    •  Geschichte  des  Kunstgewerbes 


641 


Stiche,  Holzschnitte  undPlaketten 
ihrerZeit  in  ausgedehntem  Maße 
verwendeten.  Kompositionen  bil- 
det eine  Rundbogennische  unzäh- 
lige Male  die  Umrahmung,  in  der 
allegorische,  biblische  und  hi- 
storische Einzelfiguren  und  Sze- 
nen dargestellt  sind.  Auf  quer- 
rechteckigen Kacheln  wurde  Ran- 
ken- und  Bandwerk  mit  und  ohne 
Grottesken  viel  verwendet.  D 
Zwei  schöne,  70  cm  hohe 
Kacheln  aus  Süddeutschland  oder 
Tirol  zeigt  die  farbige  Tafel.  Sie 
stammen  aus  der  Mitte  des  Jahr- 
hunderts und  sind  schon  durch 
ihre  Gröge  bemerkenswert.  Sie 
gehören  dadurch  in  den  Anfang 
einer  besonders  in  Süddeutsch- 
land herrschenden  Bewegung, 
der  das  bisherige  kleine  Format 
für  die  figürlichen  Darstellungen 
nicht  genügte  und  die  darauf  aus- 
ging, jede  Seite  des  Unter-  und 

Abb.  523:  Hafnergeschirr.  Deutschland,  um  1530.  Sammlung    Oberbaues  dcs  OfcnS,  abgesehen 
D  Figdor.  Wien  D  j       t^    i     a-    i 

von  den  Lckstucken,  aus  einer  ein- 
zigen Kachel  zu  machen.  Diese  Vergrößerung  setzte  eine  bessere  Modellierung 
und  eine  diese  nicht  schädigende,  gleichmäßige,  feinflüssige  Glasur  voraus.  Man 
kehrte  daher  vielfach  zu  der  einfarbigen  Bleiglasur  zurück,  die  man  in  dem  alten 
Grün,  aber  auch  in  Schwarz  und  Braun  verwendete.  Die  schönsten  Öfen  dieser 
Art  entstanden  in  Nürnberg.  ü 

Auger  den  Kacheln  machten  die  Hafner  auch  Gefäße,  freilich  in  wesentlich  ge- 
ringerem Umfange.  Die  Verzierungen,  Figuren,  Gruppen,  Blattranken,  wurden 
dabei  stückweise  aus  Formen  gepreßt  und  dann  auf  das  Gefäß  aufgelegt.  Eine 
freihändige  Modellierung  half  wohl  ab  und  zu  nach.  Die  Farben  und  Glasuren 
unterscheiden  sich  im  Wesen  nicht  von  denen  derKacheln,  nur  pflegen  die  einzel- 
nen Farbflächen  größer  zu  sein,  so  daß  eine  kräftigere,  ruhigere  Wirkung  entsteht. 
Diese  Hafnergeschirre  sind  ziemlich  selten  und  geschätzt.  Sie  wurden  früher  auf 
Grund  von  Notizen  Neudörffers  mitAugustinHirschvogel  in  Verbindung  gebracht, 
es  steht  aber  fest,  daß  sie  nichts  mit  ihm  zu  tun  haben.  Die  früheste  Gruppe,  deren 
Entstehungszeit  um  1530  liegt,  zeichnet  sich  durch  eine  Eigentümlichkeit  aus,  näm- 
lich durch  die  körnige  Rauhung  des  Grundes  durch  Sandbewurf.  Die  beiden  wich- 
tigsten Stücke  sind  der  1526  datierte  Becher  des  Reformators  Zwingli  im  Landes- 
museum zu  Zürich  und  ein  balusterförmiges,  henkelloses  Gefäß  mit  Porträtfiguren 


642 


9cJ|<  OFENKACHELN  MIT  FIGUREN  IN  NISCHEN,  SÜDDEUTSCHLAND 
'                                           UM  1550  .  KÖNIGLICHES  KUNSTGEWERBEMUSEUM,  BERLIN 


in  der  Sammlung  Figdor-Wien 
|vgl.  Abb.  523].  Wenige  andere 
Stücke  befinden  sich  in  Köln,  im 
Louvre  und  im  Cluny-Museum.  Wo 
sie  angefertigt  sind,  steht  vorläu- 
fig noch  nicht  fest.  Einige  Um- 
stände sprechen  für  Köln,  andere 
für  Nürnberg.  D 

Eine  zweite,20 — SOJahre  spä- 
ter anzusetzende  Gruppe  kann 
mit  ziemlicher  Sicherheit  auf  die 
Nürnberger  Hafnerfamilie  Preu- 
ning  zurückgeführt  werden,  deren 
Hauptvertreter  Paul  Preuning 
war.  Von  diesem  stammt  auger 
einer  Reihe  von  anderen  Gefägen 
wahrscheinlich  der  große  von 
einer    Burg    bekrönte   Krug    im 

Kölner  Kunstgewerbemuseum 
[Abb. 524],  der  im  Museum  in  Sig- 
maringen  ein  Parallelstück  hat. 

Eine  dritte  Gruppe  von  etwas 
geringerer  Qualität  gehört  nach 
Sachsen.  Das  Hauptstück  dieser 

Art    einen  55  cm  hohen  Krug    der    Abb.  524:  Paul  Preuning.  Krug.  Köln.  Kunstgewerbe-.Museum 

laut  Inschrift  ein  Werk  Martin  Kollers  in  Annaberg  vom  Jahre  1569  ist,  besitzt  das 
Dresdner  Kunstgewerbemuseum.  D 

Andere,  im  einzelnen  beträchtlich  variierende  Hafnergeschirre  entstanden  in 
den  auch  in  der  Ofenkeramik  äußerst  leistungsfähigen  Werkstätten  von  Ober- 
österreich und  dem  Salzkammergut.  Teilweise  läßt  sich  hier  eine  Abhängigkeit 
von  Nürnberg  nachweisen.  G 

Eine  abweichendeHerstellung  zeigen  schlesische,  vielleicht  BreslauerHafner- 
arbeiten  aus  der  Mitte  des  Jahrhunderts.  Bei  ihnen  ist  keine  Relief  ierung  verwen- 
det, sondern  die  Umrisse  der  Verzierungen  sind  auf  den  glatten  Flächen  in  den  Ton 
eingegraben  und  mit  farbigen  Zinnglasuren  gefüllt.  Ein  besonders  schönes  und 
großes  Stück  dieser  Art  besitzt  das  Berliner  Kunstgewerbe-Museum  in  der  Schüssel 
mit  dem  Wappen  des  Breslauer  Bischofs  Balthasar  von  Promnitz  [1539  1562|. 
Von  ähnlichem  Umfange  ist  eine  andere  Schüssel  im  Hamburger  Museum  mit  der 
beliebten  Darstellung  eines  Knaben,  der  sich  im  Schlafe  auf  einen  Totenschädel 
stützt.  Eine  dritte  mit  Christus  am  Kreuz,  Maria  und  Johannes,  ist  pjgeiitum  des 
Herrn  von  Lanna  in  Prag.  IH 

Neben  den  Hafnerarbeiten  treten  die  Majoliken  nur  vereinzelt  auf.  Sie  haben 
mit  den  italienischen  Majoliken  in  technischer  Hinsicht  gemeinsam,  daß  die  Ver- 
zierungen auf  weißer  Zinnglasur  gemalt  sind.   Im  übrigen  bestehen  so  gut  wie 

41*  643 


keine  Berührungspunkte.  Einige  frühe  Stücke  von  1526,  1530,  1531  befinden  sich 
im  Germanischen  Museum  in  Nürnberg.  Das  Museum  in  Sigmaringen  besitzt  eine 
Flasche  von  1544.  Spätere  sind  nicht  ganz  so  selten,  die  Hauptproduktion  setzt 
aber  erst  im  17.  Jahrhundert  ein  und  kann  deshalb  hier  nicht  behandelt  werden. 

Bei  allen  bisher  genannten  keramischen  Arbeiten  wurde  ein  Ton  verwendet, 
der  nach  dem  Brande  weich  und  porös  blieb.  Die  Glasur  hatte  daher  die  wichtige 
Aufgabe,  die  Geschirre  gegen  Flüssigkeit  undurchlässig  zu  machen.  Anders  bei 
dem  zweitenumfangreichen Gebiet  derKeramik,  dem  STEINZEUG.  Dies  wurde  in 
einem  scharfen  Feuer  vollkommen  dicht  und  klingend  hart  gebrannt.  Die  leichte 
Glasur  wurde  im  Ofen  durch  Verdampfen  von  Salz  hergestellt,  das  mit  der  Kiesel- 
säure des  Tons  eine  glasige  Schicht  bildete.  Als  Farben  waren  bei  der  hohen  Glut 
nur  Kobaltblau  und  Manganviolett  zu  verwenden.  Das  schöne  Braun  der  Krüge 
von  Köln,  Frechen  und  Raeren  entstand  durch  Einlassen  von  Rauch  in  den  Ofen. 
Der  zum  Steinzeug  erforderliche  Ton  kommt  nur  in  wenigen  Orten  vor,  auf  welche 
die  Fabrikation  deshalb  beschränkt  blieb.  In  den  Rheinlanden  waren  es  Köln  mit 
dem  nahe  gelegenen  Frechen,  Raeren  und  Siegburg,  in  Nassau  Höhr  und  Grenz- 
hausen, in  Franken  Creugen.  Dies,  Teuplitz  in  der  Niederlausitz  und  Orte  des 
sächsischen  Vogtlandes  gelangten  erst  im  17.  Jahrhundert  zu  Bedeutung.  D 

In  den  Rheinlanden  bestanden  schon  gegen  Ende  des  Mittelalters  künstlerisch 
leistungsfähige  Werkstätten,  unter  denen  in  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts 
KÖLN  die  erste  Stelle  einnahm.  In  der  zweiten  Hälfte  trat  es  aber  ganz  hinter  die 
anderen  Orte  zurück,  weil  der  Rat  den  Krugbäckern,  wie  man  die  Steinzeugtöpfer 
nannte,  der  großen  Feuergefährlichkeit  wegen  das  Brennen  immer  mehr  er- 
schwerte und  sie  schließlich  ganz  aus  der  Stadt  wies.  Der  schwunghafte  in-  und 
ausländische  Handel  mit  rheinischem  Steinzeug  blieb  den  Kölner  Kauf  leuten  trotz- 
dem erhalten.  Die  Existenz  und  die  Art  der  Kölner  Krugbäckerei  ist  durch  Funde 
bei  Ausschachtungsarbeiten  sicher  festgestellt.  Im  Jahre  1889  wurde  nämlich  in 
der  Komödienstrage  eine  ganze  Werkstatt  aufgedeckt,  1897  in  der  Maximinen- 
strage  eine  andere  mit  Resten  des  Brennofens,  großen  Ballen  unverbrauchten  Tons, 
zahllosen  Scherben  und  einer  beträchtlichen  Menge  von  ganzen  Krügen,  die  sich 
in  der  zähen  Tonmasse  unversehrt  erhalten  hatten.  Daß  es  lediglich  fehlerhafte 
Stücke  waren,  drückte  ihre  Bedeutung  und  ihre  Beweiskraft  nicht  herab.  Die 
Kölner  Krüge  |  siehe  Tafel]  haben  eine  schöne  braune  Farbe  und  Formen,  die  sich 
teils,  z.  B.  in  den  balusterartigen  und  gehenkelten  mit  birnenförmigem  Bauch  und 
weiter  Öffnung,  an  die  überlieferten  anlehnen,  teils  aber  Neubildungen  der  Renais- 
sance sind.  Das  sind  die  mitkugelförmigemBauch  und  scharf  abgesetztemkurzem 
zylindrischem  Hals,  dann  die  humpenförmigen  und  die  von  diesen  abgeleiteten  so- 
genannten Schnellen.  Außerdem  kommenKrügeinTierformvor.  Die  Verzierungen 
sind  alle  im  Relief  hergestellt.  Sie  wurden  ähnlich  wie  bei  den  Hafnergeschirren, 
stückweise  aus  Hohlformen  abgedrückt  und  vor  dem  Brande  aufgelegt.  Bei  den  ge- 
bauchten Teilen  sind  es  Buckel,  Eichenzweige  und  Rosenranken  oder  Medaillons 
mit  antikisierenden  Köpfen,  an  den  zylindrischen  Hälsen  andere  ornamentale  oder 
figürliche  Motive,  vor  allem  die  langbärtigen  Masken,  die  sich  in  Köln  schon  an 
Tongefäßen  aus  der  römischen  Zeit  und  aus  dem  Mittelalter  finden  und  unter  der 

644 


Gl  •  BRAUNE   STEINZEUGKRÜGE      KÖLN  1530 

J-i>J  bis  1540  •  KÖLN,  KUNSTGEWERBEMUSEUM 


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D  Abb.  525    527:  In  der  Mitte  Siegburger  Pinte.  Links  und  rechts  Krüge.  Kaeren.  Q 

BezeichnungBartmannskrüge  im  16.  Jahrhundert  äußerst  beliebt  wurden.  Auf  den 
Humpen  und  Schnellen  kommen  anstatt  der  Ranken  hauptsächlich  Streifen  mit 
Flechtmustern,  Medaillons  und  Brustbildern  oder  quadratische  Felder  mit  Blatt- 
werk und  Grotesken  vor.  Jeder  Streifen  entsprach  einer  Matrize.  Man  pflegte 
diese  so  breit  zu  wählen,  dag  je  drei  die  Wandung  der  Schnelle  füllten.  An  der 
Dreizahl  hielt  man  auch  bei  rein  figürlichen  Darstellungen,  die  in  groi3er  Mannig- 
faltigkeit auftreten,  fest.  Die  als  Vorlagen  benutzten  Holzschnitte  und  Kupfer- 
stiche ermöglichen  vielfach  eine  genauere  Datierung.  □ 
Die  Krüge  des  nahegelegenen  FRECHEN,  woher  auch  die  Kölner  Meister  den 
Ton  bezogen,  sind  von  den  in  Köln  hergestellten  vorläufig  nicht  scharf  zu  treiuien. 
Es  ist  anzunehmen,  dag  Frechen  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  einen 
großen  Aufschwung  nahm,  als  der  Rat  in  Köln  das  Brennen  verbot.  Auch  die  Blüte 
von  RAEREN  fällt  erst  in  diese  Zeit.  Noch  die  Krüge  aus  den  vierziger  Jahren  haben 
einen  ziemlich  rohen  Charakter  und  erst  mit  Jan  Emens,  dessen  erste  datierte 
Arbeiten  aus  den  Jahren  1566 — 68  stammen,  setzte  der  Aufschwimg  von  Raeren  ein 
und  führte  zu  den  schönsten  Leistungen,  die  auf  diesem  Gebiet  zu  verzeichnen  sind. 
Die  Grundform  der  am  häufigsten  vorkommenden  Krüge  ist  einfach.  Der  Körper 
ist  zylindrisch,  Fuß  und  der  ebenfalls  zylindrische  Hals  sind  in  sanfter  Wölbung 
fast  gleichmäßig  eingezogen,  der  kräftige  Henkel  geht  vom  Rand  bis  zur  Schulter. 
Aber  die  Detaillierung  ist  dem  Zeitgeschmack  entsprechend  reich.  Gedrehte  hori- 
zontale Profile  trennen  die  Abschnitte  und  Übergänge.  Die  Schulter  um!  die\'er- 
jüngung  zum  Fuß  sind  meist  in  Felder  geteilt  und  mit  eingepreßten  Kerbsclmitt- 
mustern  oder  Rosetten  versehen.  Wandung  und  Hals  pflogen  mit  Roliofierung 
gefüllt  zu  sein.  Am  Hals  überwiegen  Ranken,  Rolhvork  und  Grotesken ;  an  der  Wan- 
dung Einzelfiguren,  die  durch  Arkadenbögen  getrennt  sind,  oder  zusammenhän- 
gende vielfigurige  Kompositionen.  Die  Kurfürsten.  Landsknechte.  Bauorntänze, 
biblische  Szenen  sind  besonders  beliebt.  Wap|)en  fehlen  selten  |  Abb.  h'l\^  u.  527 1. 
Die  Farbe  ist  entweder  gleichmäßig  braun  (uier  grau  mit  kobaltblauer  Färbung  in 

645 


den  Tiefen.  Die  Hauptmeister  sind  der  bereits  genannte  Jan  Emens,  Baldasar 
Menneken  und  Jan  Allers.  Während  in  Raeren  am  meisten  die  braune  Farbe  her- 
gestellt wurde  und  auch  am  meisten  geschätzt  war  und  wird,  beschränkte  sich 
NASSAU,  das  Kannebäckerländchen,  das  noch  heute  Steinzeug  für  ganz  Deutsch- 
land liefert,  überwiegend  auf  Grau  mit  blauer  und  violetter  Färbung.  Die  Aus- 
führung ist  flüchtiger  als  inRaeren.  Charakteristisch  ist,  dag  derReliefschmuckin 
späterer  Zeit  allmählich  verschwindet  und  nur  noch  einzelne  Blüten,  Rosetten, 
Sterne  plastisch  aufgelegt  werden,  die  verbindenden  Ranken  dagegen  eingeritzt 
werden.  Schließlich  wird  der  ganze  Dekor  durch  Einritzen  und  Bemalung  herge- 
stellt. Durchaus  nicht  zum  Nachteil  der  Wirkung,  denn  die  freihändig  gezogenen 
Linien  haben  durchweg  einen  frischeren  Charakter  als  die  schablonenmägig  auf- 
gesetzten Reliefs.  Dieselbe  Methode  wurde,  vielleicht  in  Abhängigkeit  von  Nassau, 
auch  in  Teuplitz  in  der  Niederlausitz  geübt.  D 

Auger  Köln  ist  SIEGBURG  seit  1500  von  Bedeutung.  Es  verfügt  über  einen 
sehr  feinen,  fast  weigen  Ton  und  verwendet  ihn  gewöhnlich  nur  mit  einer  dünnen 
klaren  Salzglasur,  so  dag  die  Ornamente  schärfer  als  bei  den  übrigen  Krugbäcke- 
reien hervortreten.  Die  ältesten  Verzierungen  sind  eingeschnitten,  mit  dem  Ein- 
dringen der  Renaissanceformen  mehrten  sich  die  Reliefpressungen.  Der  Vorrat 
der  figürlichen  und  ornamentalen  Modelle  ist  grog,  eigenartig  und  von  ausgezeich- 
neter Qualität.  Die  bildsame  Masse  des  Tones  kam  einer  sorgfältigen  Ausformung 
entgegen.  Die  beliebtesten  Typen  sind  die  hohen  Finten  oder  Schnellen  |  Abb.  526 1 
und  die  Schnabelkannen.  Bei  den  Schnellen  pflegen  die  Reliefs  der  Wandung, 
ebenso  wie  in  Köln,  aus  drei  Formen  hergestelltzu  sein.  DieBlütezeit  von  Siegburg 
fiel  in  die  zweite  Hälfte  des  Jahrhunderts.  Die  Fabrikation  erlosch  1632  nach  der 
Einnahme  der  Stadt  durch  die  Schweden.  D 

In  den  Backsteingegenden,  in  Norddeutschland,  den  Niederlanden  und  einer 
Enklave  in  Oberbayern  wurden  seit  dem  Mittelalter  ähnlich  wie  in  Norditalien 
zum  Schmuck  der  Fassaden  künstlerisch  modellierte,  hartgebrannte  und  wetter- 
beständige Formstücke  aus  bestem  Ziegelton  hergestellt,  die  sogenannten  TERRA- 
KOTTEN. Nach  einer  Vorblüte  um  1500  entstand  in  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts 
in  Lübeck  eine  Fabrik,  die  Holstein,  Dänemark,  Mecklenburg  und  Pommern  mit 
ihren  Erzeugnissen  versorgte.  Sie  wurde  von  STATIUS  VAN  DÜREN  in  Gemein- 
schaft mit  einem  reichen  Kaufherrn  Gerhard  Ruter  betrieben  und  ist  vorläufig  für 
den  Zeitraum  von  1550  —  1566  nachgewiesen,  hat  aber  sicher  schon  vorher  be- 
standen und  ist  auch  nachher  wohl  noch  mehrere  Jahre  in  Betrieb  gewesen.  Wo- 
her Statins  van  Düren  kam,  ist  unbekannt,  van  Düren  war  zu  jener  Zeit  bereits 
reiner  Familienname,  der  über  die  Herkunft  selbst  nichts  mehr  aussagt.  Vielleicht 
ist  Statins  mit  einem  Baumeister  und  Bildhauer  Adam  van  Düren  verwandt,  der 
zwischen  1499 — 1527  in  Schweden  tätig  war.  Jedenfalls  war  auch  Statins  Künstler 
und  Bildhauer,  nicht  etwa  nur  Ziegelbrenner  und  Techniker.  Es  gibt  nachweisbar 
mehrere  Sandsteinarbeiten  von  seiner  Hand  und  die  in  seiner  Fabrik  hergestellten 
Terrakotten  gehen  grögtenteils  auf  seine  Modelle  zurück.  Es  wurden  die  ver- 
schiedensten Gegenstände  angefertigt:  Kamine,  Fenster-  und  Türumrahmungen, 
Gesimse,  Atlanten,  Hermen,  Friesstücke  und  figürliche  Reliefs.  Die  letzten  waren 

646 


9cl|<  STATIUS  VAN  DÜREN  •  PORTAL 
'                                                                                                       AM   FÜRSTENHOF   ZU   WISMAR 


L^ 


in  viereckigen  und  rundenPlatten  als  Hausschmuck  besonders  beliebt.  Die  runden 
enthalten  in  kranzartiger  Umrahmung  meist  Profilköpfe  von  Männern  und  Frauen, 
bei  den  viereckigen  überwiegen  antike  Darstellungen  und  Szenen  aus  der  Er- 
lösungsgeschichte. In  einigen  macht  sich  eine  Anlehnung  an  die  Holzschnitte  der 
Lübecker  Bilderbibel  von  1533  bemerkbar.  Die  Ausführung  der  Figuren  ist  bis- 
weilen etwas  flüchtig  und  derb,  während  die  ornamentalen  Arbeiten  in  der  Qualität 
gleichmägiger  und  oft  von  großer  Schönheit  und  Feinheit  sind.  Da  die  Fabrik 
grade  zur  Zeit  des  Überganges  bestand  und  offenkundig  bestrebtwar,  dasNeueste 
zu  bieten,  findet  man  alleDekorationselemente  der  Frührenaissance  und  derHoch- 
renaissance  vertreten.  □ 

ManfindetdieDürenschen  Terrakotten  besonders  anBürgerhäusern  in  Lübeck, 
Lüneburg,  Kiel,  Wismar,  Rostock,  Stralsund  und  Kopenhagen.  Die  reichsten  Fas- 
saden haben  ein  Haus  amKohlmarkt  und  ein  anderes  an  der  Musterbahn  in  Lübeck. 
Das  zweite  ist  ein  moderner  Bau  und  die  daran  befindlichen  Terrakotten  sind  unter 
teilweiser  Ergänzung  von  einem  abgerissenen  Hause  in  der  Braunstraf^e  über- 
tragen. Die  alten  Teile  haben  sich  aber  so  frisch  erhalten,  dag  sie  von  den  neuen 
kaum  zu  unterscheiden  sind.  Sehr  ausgedehnt  war  auch  die  Verwendung  der 
Terrakotten  an  den  herzoglichen  Schlössern  in  Schwerin,  Bützow,  Gadebusch  und 
vor  allem  in  Wismar.  Der  FÜRSTENHOF  IN  WISMAR  ist  das  wichtigste  Denkmal 
norddeutscher  Terrakottaplastik.  'Läge  er  in  Norditalien,  in  Bologna  oder  Padua, 
so  würde  jeder  Deutsche  staunend  vor  ihm  stehen.  Nun  befindet  er  sich  aber  in 
einem  Städtchen  an  der  Ostsee  und  ist  deshalb  so  gut  wie  unbekannt.'  Er  wurde 
zwischen  1550—1555  von  Herzog  Johann  Albrecht  von  Mecklenburg  errichtet.  Der 
leitende  Architekt  war  Erhard  Altdorfer,  einBruder  Albrecht  Altdorfers  inRegens- 
burg.  Er  mug  die  Paläste  der  oberitalienischen  Städte  eingehend  studiert  haben, 
denn  er  beherrschte  von  der  Renaissance  mehr  als  die  blof^e  Ornamentik.  So  fällt 
denn  der  Fürstenhof  ganz  aus  der  übrigen  Architektur  der  Gegend  heraus.  Der 
größte  Teil  der  aus  Friesen,  Tür-  und  Fensterumrahmungen  zusammengesetzten, 
reichen  Dekoration  besteht  aus  gebrannten  Formsteinen,  die  van  Düren  lieferte 
[siehe  Tafel].  Nur  die  Portale  des  großen  Torweges  sind  aus  Sandstein,  und  die 
stark  restaurierten  Friese  unter  den  Fenstern  des  zweiten  Stockwerkes  aus  einem 
Kreidestein  gearbeitet,  der  in  der  Nähe  von  Wismar  gefunden  wird  und  frisch  ge- 
brochen mit  dem  Messer  geschnitten  werden  kann,  unter  dem  Einfluß  der  Luft 
aber  erhärtet.  Vielleicht  rühren  auch  sie  von  Statins  van  Düren  hör.  D 

BUCHEINBAND  D 

Im  Bucheinband  nimmt  FRANKREICH  die  erste  Stelle  ein.  Freilich  sind  die  An- 
fänge der  französischen  Buchbinderkunst  von  der  italienischen  nicht  zu  trennen. 
Sie  hängen  eng  mit  dem  Gcneralschatzmeister  des  Königs  Franz  I.,  Jean  Grolier 
[1479 — 1565|,  zusammen,  der  im  Auftrage  seines  Herrn  öfter  in  Italien  weilte  und 
dort  Gefallen  an  Kunst  und  Wissenschaft  fand.  Er  besaß  eine  umfangreiche  Biblio- 
thek in  auserlesenen  Einbänden,  die  man  nach  ihm  selbst  benemit,  da  man  nicht 
weiß,  wer  sie  ausführte.  Die  früheren  sind  in  Italien  hergestellt,  die  späteren  hin- 
gegen, als  Grolier  ganz  in  Frankreich  war,  wohl  in  Paris,  aber  eine  genaue  Trennung 
ist  nicht  möglich.  Etwa  350  seiner  Einbände  sind  heute  noch  nachzuweisen,  von 

647 


denen  sich  die  meisten  inderNational- 
bibliothek  in  Paris,  eine  größere  Zahl 
im  Britischen  Museum  befinden.  Sie 
übertreffen  alle  anderen  Einbände  der 
Renaissance  an  Schönheit  und  werden 
dementsprechend  hoch  geschätzt.  D 
Die  Decke  pflegt  aus  Maroquin  oder 
aus  Kalbleder  zu  sein  und  enthält  in 
derMitte  derVorderseite  den  Titel  des 
Buches  und  am  unteren  Rande  die  Be- 
sitzinschrift :  Jo.  Grolierii  et  amicorum, 
das  heißt,  Eigentum  Johann  Groliers 
und  seiner  Freunde,  auf  der  Rückseite 
Groliers  Wahlspruch.  Das  Muster  ist 
aus  Goldlinien  gebildet  und  oft  in  ver- 
schiedenenFarbenbehandelt.  Es  setzt 
sich  bei  vollendeter  harmonischer 
Durchbildung  in  einfacher  und  klarer 
Zeichnung  aus  Bandwerk,  Rollwerk 
und  Mauresken  zusammen  [Abb.  528]. 
Der  Rücken  läßt  die  Bünde  bald  her- 
vortreten, bald  nicht,  er  ist  manchmal 
verziert,  öfters  aber  glatt  gelassen.  D 
Ungefähr  gleichzeitig  mit  den  Bü- 
chern Groliers  sind  die  eines  anderen  Liebhabers,  Thomas  Maioli.  Man  kennt  ihn 
nur  aus  den  mit  seinem  Namen  bezeichneten  Einbänden  und  folgert  aus  den  Da- 
ten, dag  er  im  Jahre  1555  noch  lebte.  Sonst  weiß  man  nichts  über  ihn.  Seine  Ein- 
bände scheinen,  nach  manchen  Eigenarten  zu  urteilen,  in  Lyon  hergestellt  zu  sein. 
Sie  sind  von  großer  Schönheit,  aber  im  ganzen  ein  wenig  schwerfälliger  als  die 
von  Grolier  und  farbig  nicht  so  fein  wie  diese.  D 

Grober  hatte  mit  seinen  Bestrebungen  einen  so  fruchtbaren  Boden  gefunden, 
daß  Frankreich  in  der  Buchbinderkunst  schnell  an  die  erste  Stelle  rückte  und  sich 
diese  bis  ins  19.  Jahrhundert  hinein  zum  mindesten  in  der  Handvergoldung  nicht 
wieder  nehmen  ließ.  Schon  Franz  I.  hegte  ein  reges  Interesse  für  seine  Bücher 
und  ließ  sie  teils  im  Geschmack  seines  Schatzmeisters  binden,  teils  mit  feinen 
Stempelmustern  versehen,  zu  denen  die  Initiale  seines  Namens  mit  der  Krone  und 
das  französische  Wappen  als  Mittelstück  und  als  Füllungen  benutzt  wurden.  Den 
Höhepunkt  bildeten  aber  die  prachtvollen  Einbände  für  seinen  Nachfolger  Hein- 
rich IL,  bei  denen  nur  die  Wappen,  Buchstaben  und  Embleme  mit  Stempeln  ge- 
druckt sind,  während  alles  übrige  in  höchster  technischer  Vollendung  aus  Teil- 
stempeln und  Bogenlinien  zusammengesetzt  wurde.  Heinrich  II.  liebte  es,  dem  H 
seines  Monogramms  ein  C  oder  noch  häufiger  einD,  eine  Mondsichel,  einen  Bogen. 
Pfeil  und  Köcher  in  Anspielung  auf  seine  Gemahlin  Catharina  vonMedici  und  seine 
Geliebte  Diana  von  Poitiers  hinzufügen  zu  lassen.  Unter  Karl  IX.  wurde  es  Mode, 

648 


Abb.  528:    Einband  aus   der  Bibliothek  Jean  Groliers 


durch  reihenweise  eingedruckte 
kleine  Stempel  die  ganze  Fläche 
der  Deckel  zu  füllen  und  nur  den 
Raum  in  der  Mitte  für  das  Wappen 
freizulassen.  Denselben  Dekor 
verwendete  auch  der  Hofbuch- 
binder Heinrichs  III.,  Nicolaus 
Eve,  der  in  seinen  späteren  Jahren 
—  er  arbeitete  auch  noch  unter 
Heinrich  IV.  —  den  sogenannten 
'Fanfares-Stil'  eingeführt  zu  ha- 
ben scheint.  Dieser  besteht  aus 
einem  ganzdünnen, feinenLinien- 
muster,  das  mit  entsprechend 
zierlichen  Lorbeer-  und  Eichen- 
zweigen und  zarten  spiralförmi- 
gen Ranken  gefüllt  ist.  D 
Die  DEUTSCHEN  EINBÄNDE 
sind  technisch  solide  und  gut.  be- 
wahren aber  lange  die  mittelalter- 
liche Art.  Die  Holzdeckel  halten 
sich  bei  schweren  Folianten  bis  ins 
17.  und  18.  Jahrhundert  und  von 

den    dicken   Bünden    am   Rücken   °   Abb.  529:    Einband  der  l'salmen  des  Orlando  di  Lasso   D 

geht  man  im  ganzen  16.  Jahrhundert  selten  ab.  In  künstlerischer  Hinsicht  sind  sie 
mit  den  wundervollen  italienischen  und  französischen  nicht  zu  vergleichen,  obgleich 
es  an  fürstlichen  Bücherfreunden  und  reichen  Liebhabern,  die  auf  ihre  Bibliothek 
grofie  Mittel  verwendeten,  nicht  fehlte.  Herzog  Albrecht  von  Preuf^en,  die  sächsi- 
schen Kurfürsten  und  die  Pfalzgrafen  und  Kurfürsten  bei  Rhein  erstrebten  nichts  an- 
deres als  die  französischen  Könige,  Grober  und  Maioli,  und  es  lag  wohl  nicht  sosehr 
an  ihnen  als  an  den  deutschen  Kunstverhältnissen,  daf^  ein  Vergleich  mit  den  Nach- 
barländern nicht  günstig  ausfällt.  Führende  Künstler  scheinen  sich  in  Deutschland 
mit  Entwürfen  zu  Ledereinbänden  gar  nicht  befat-^t  zu  haben  und  die  Handwerker- 
und Kunsthandwerkerkreise  waren  bis  zum  Ende  des  Jahrhimderts  hin  sehr  un- 
gleichmäf^ig  vom  Sinn  und  Wesen  der  Renaissance  durchdrungen.  Dazu  war 
Deutschland  das  Land  der  technischen  Erfindungen.  In  der  Gotik  wurden  die  lau- 
fenden Muster  aus  aneinander  gereihten  Einzelstempcln  gebildet.  Bald  nach  1500 
kam  ein  witziger  Kopf  darauf,  solche  Ornamente  auf  eine  Rolle  zu  schneiden,  die 
schnell  und  ohne  jede  Mühe  beliebig  kurze  und  lange  Strecken  preise.  Das  wai- 
bequem  und  fand  besonders  in  der  deutschen  Buchbintierei  groluMi  Anklang.  Man 
füllte  bis  auf  das  Mittelfeld  den  ganzen  Deckel  mit  den  verschiedenartigsten  Mustern, 
aber  bei  jeder  Ecke  gab  es  Schwierigkeiten,  denn  man  mulUc  häufig  mitten  im 
Muster  abbrechen  oder  den  entgegen  laufenden  Streifen  überschneiden.  Oben- 
drein beschränkte  man  sich  lücht  auf  geometrische  Muster  und  Ranken,  sondern 


649 


wählte  unendlich  häufig  auch  figürliche  Darstellungen.  Das  führte  dann  zu  noch 
unerfreulicheren  Erscheinungen,  die  keineswegs  einen  Ruhmeskranz  in  der  Ge- 
schichte des  deutschen  Kunstgewerbes  bilden,  denn  bald  hörte  eine  Figur  mitten 
im  Leib  auf,  bald  lag  eine  ganze  Folge  von  Gruppen  und  Figuren  auf  der  Seite.  So 
führte  diese  Freude  an  dem  schönen  Instrument  zu  Gedankenlosigkeiten,  die  mit 
künstlerischemWesen  nichts  zu  tun  haben.  Dag  nicht  die  Buchbinder,  sondern  die 
Graveure  die  Rollen  herstellten,  und  dag  diese  an  und  für  sich  gut  und  inhaltlich 
vielseitig  gearbeitet  sind,  ändert  daran  nichts.  Die  Mitte  des  Buchdeckels  wird 
bei  diesen  Blinddrucken  gewöhnlich  durch  eine  Plattenpressung  gefüllt.  Porträts 
von  Fürsten  und  Reformatoren  in  ganzer  und  halber  Figur,  biblische  Szenen  und 
Wappen  sind  besonders  beliebt.  Es  gibt  auch  Einbände,  die  ganz  und  gar  mit 
großen  und  kleinen  Plattenpressungen  bedeckt  sind,  so  dag  sie  wie  eine  Muster- 
karte aussehen.  Kurz,  auf  diesemGebietführtentechnischesGeschick  undArbeits- 
teilung  zu  künstlerischem  Stumpfsinn,  an  dem  der  wenig  entwickelte  Geschmack 
der  Käufer  ebenso  sehr  schuld  war,  als  der  der  Hersteller.  Als  Material  der  Bände 
mit  solchen  Blindpressungen  diente  braunes  Kalbsleder  oder  das  weiß  gebleichte 
starke  Schweinsleder,  für  Goldpressungen  nahm  man  dagegen  Kalbsleder  oder 
Pergament.  Die  Goldpressung  wurde  1550  häufiger.  Sie  kam  mit  den  italienischen 
Dekorationsmustern  aus  Bandwerk  undMaureske  auf.  —  Arbeiten  inGroliers  oder 
Maiolis  Sinn  sind  selten.  Man  lehnte  sich  vielmehr,  vielleicht  durch  Venedigs  Ver- 
mittlung, an  orientalische  Einbände  an  und  verzierte  die  Mitte  und  die  vier  Ecken 
durchMuster,  welchedurchPlattenstempel  eingepreßt  wurden.  IndiesemFlächen- 
teilungsprinzip  hat  der  Hofbuchbindermeister  desKurfürsten  August  von  Sachsen, 
Jakob  Krause,  der  im  Jahre  1566  von  Augsburg  nach  Dresden  berufen  wurde  und 
um  1585  starb,  eine  große  Zahl  von  vortrefflichen  und  reichen  Einbänden  her- 
gestellt. Sie  und  andere  aus  seiner  Werkstatt  lassen  sich  wie  gesagt  an  Vornehm- 
heit des  Geschmackes  nicht  mit  den  französischen  und  italienischen  vergleichen, 
sind  aber  erfreuliche  Arbeiten  und  erheben  sich  weit  über  den  sonstigen  Durch- 
schnitt. Ihnen  stehen  die  für  die  Pfalzgrafen  Otto  Heinrich  und  Friedrich  III.  ge- 
fertigten Einbände  würdig  zur  Seite.  Einiger  Prachteinbände,  die  durch  Gold- 
schmiede hergestellt  sind,  nämlich  derbeidenEisenhoitschen  und  der  emaillierten 
in  Gotha  und  im  South  Kensington-Museum  in  London,  ist  bereits  früher  gedacht. 
Ihnen  schließen  sich  noch  andere  an.  Vor  allem  die  20  Silberbände  in  der  Universi- 
tätsbibliothek zu  Königsberg,  die  Herzog  Albrecht  von  Preußen  [1525  1568]  an- 
fertigen ließ.  Drei  derselben  sind  in  Nürnberg  gearbeitet,  die  17  übrigen  in  Königs- 
berg. Bei  diesen  sind  die  figürlichen  Darstellungen  und  die  ornamentalen  Muster 
verschiedenen  Vorbildern  entlehnt,  auch  Flötnersche  Plaketten  sind  benutzt,  aber 
die  Zusammenstellung  ist  vielseitig  und  frisch.  Besonders  schön  ist  das  mit  sil- 
bervergoldeten Beschlägen  versehene  Geschlechtsbuch  der  Nürnberger  Familie 
Tucher.  Die  Abbildung  529  zeigt  den  Deckel  der  von  Hans  MieUch  [1516—1573]  in 
München  reich  illustrierten  Psalmen  des  Orlando  di  Lasso.  Wahrscheinlich  rührt 
der  Entwurf  zu  diesem  Einband  auch  von  Mielich  her.  D 

In  England  drangen  die  Renaissance  verzierungen  im  letzten  Jahrzehnt  der  Re- 
gierung Heinrichs  VIII.  ein.   Unter  seinem  Nachfolger  Eduard  wurden  auch  die 

650 


Goldpressungen  häufiger,  also  zu  derselben  Zeit  wie  in  Deutschland.  Zusammen 
damit  kam  auch  Groliers  Art  und  die  Plattenpressung  für  das  Mittelstück  und  die 
Ecken  in  Aufnahme.  Aber  erst  unter  derRegierung  der  Königin  Elisabeth,  die  eine 
ausgesprochene  Vorliebe  für  schöne  Bücher  hatte,  hören  die  guten  Renaissance- 
einbände auf,  Einzelerscheinungen  zu  sein,  D 

GLAS,  TEXTILKUNST  D 

In  der  künstlerischen  Verwendung  des  Glases  bildete  das  16.  Jahrhundert  das 
Ende  einer  alten  und  den  Anfang  einer  neuenEntwicklungsreihe.  Die  farbige  Ver- 
glasung der  Fenster,  besonders  der  großen  Kirchenfenster,  starb  ab.  DieHohlglas- 
bläserei,  die  Verzierung  durch  Emailmalerei,  Gravierung  und  Schliff  wurden  aus- 
gebildet. D 

Das  mittelalterliche  Scheibenglas  war  teuer,  unrein  und  wenig  durchsichtig. 
Außerdem  konnte  man  es  nur  in  kleinen  Stücken  herstellen.  Es  gab  daher  bis  zum 
14.  Jahrhundert  in  Privathäusern  selten  Glasfenster,  sondern  man  schloß  die  Öff- 
nungen mit  Holzladen,  Geweben,  Flechtwerk  und  Pergament.  Ja,  noch  im  Jahre  1463 
wurden  beim  Einzug  des  Königs  Matthias  in  Breslau  die  Fenster  der  königlichen 
Burg,  also  eines  hervorragenden  Gebäudes,  mit  Pergament  versehen.  Selbst  in 
dem  kultivierteren  Frankreich  geschah  das  im  15.  Jahrhundert  vielfach  und  ver- 
einzelt noch  im  16.  und  17.  Jahrhundert.  DieButzenscheiben,  die  seit  dem  15.  Jahr- 
hundert durch  schnelles  Drehen  eines  Glasklumpens  hergestellt  wurden,  bedeu- 
teten zwar  bezüglich  der  Lichtdurchlässigkeit  eine  Verbesserung  und  erfreuten 
sich  auch  das  ganze  16.  Jahrhundert  hindurch  und  länger  großer  Beliebtheit,  sind 
ja  auch  im  19.  Jahrhundert  als  wichtiges  Hilfsmittel  zur  Herstellung  altdeutscher 
Raumstimmungen  wieder  aufgenommen,  aber  sie  konnten  doch  nicht  mit  dem 
venezianischen  Scheibenglas  konkurieren.  Johann  Matthesius.  der  um  die  Mitte 
des  16.  Jahrhunderts  als  Pfarrer  im  böhmischen  Erzgebirge  lebte,  rühmt  ihm  in 
seiner  merkwürdigen  Predigt  über  das  Glasmachen  als  etwas  ganz  Erstaunliches 
nach,  daß  man  dadurch  auß  einem  gemach  alles  auff  der  gassen  sehen  könne.  Na- 
türlich bedeutete  dies  Glas  eine  Luxusausgabe,  die  sich  nur  Städte.  Kirchen  und 
einzelne  reiche  Leute  leisten  konnten.  Immerhin  bildete  es  einen  ständigen  Han- 
delsartikel, der  bis  in  den  hohen  Norden  ging.  D 

Die  farbige  Verglasung  der  großen  Fenster  in  Kirchen  und  Rathäusern  war  im 
Laufe  des  Mittelalters  infolge  technischer  Neuerungen  von  der  musivischen  Arbeit 
immer  mehr  zur  Malerei  übergegangen.  Man  stellte  neben  den  durch  und  durch 
gefärbten  Platten Überfanggläser  her,  hatte  auch  gelernt,  nebeneinander  mehrere 
Farben  aufzubrennen  und  war  also  in  der  Verbleiung  nicht  mehr  so  gebunden  wie 
früher.  Das  Schwarzrot  wurde  zur  feineren  Modellierung  immer  mehr  heran- 
gezogen, das  Silbergelb  fand  innner  ausgedehntere  Anwendung.  Zugleich  naluu 
aber  dieGlut  derFarbenab.  Dennoch  sind  in  der  erstenHälfte  des  16.  Jahrhunderts 
bedeutende  und  schöne  Fenster  hergestellt,  die  um  so  mächtiger  wirken  als  die 
großen  Künstler  der  Zeit  die  Entwürfe  lieferten.  Zu  dem  Pfinzingschen  Fenster  in 
der  Sebalduskirohe  in  Nürnberg  mit  der  Madonna,  der  heiligen  Amia.  den  heiligen 
Sebaldus  und  Christoph  machte  Dürer  die  Zeichnungen,  zu  dem  sogenannten  Mark- 
grafenfenster mit  dem  Markgrafen  Friedrich  von  Brandenburg,  dessen  Gemahlin 

651 


Sophie  vonPolen  und  dessen  acht 
Söhnen  Hans  von  Kulmbach.  Bei- 
de Fenster  wurden  1515  durch 
Veit  Hirschvogel  und  seine  Söhne 
vollendet.  Außerdem  wissen  wir 
von  vielen  anderen  Malern,  dag 
sie  sich  mit  Entwürfen  zu  Glas- 
fenstern befaßten.  Wenn  diese 
alsoim  Verlaufe  des  Jahrhunderts 
immer  seltener  hergestellt  wur- 
den, so  lag  das  nicht  an  unzu- 
reichenden, minderwertigen  Kräf- 
ten. Ebenso  wenig  aber  an  der 
Reformation,  wie  das  oft  behaup- 
tet wird,  denn  diese  rief  wohl  zeit- 
weise eine  gewisse  Einschrän- 
kung in  den  verschiedenen  künst- 
lerischen Bedürfnissen  hervor, 
aber  seit  der  Mitte  des  Jahrhun- 
derts stellte  sich  in  der  katholi- 
schen und  in  der  evangelischen 
Kirche  ein  erhöhter  Bedarf  an 
Kunst  ein.  Die  technischen  Fertig- 
keiten waren  inzwischen  auch 
auf  dem  Gebiete  der  Glasmalerei 
nicht  verloren  gegangen.  Wäre  überhaupt  der  Wunsch  aufgetaucht,  farbige  Fenster 
zu  haben,  so  hätte  dem  nichts  entgegengestanden,  aber  das  war  nicht  der  Fall. 
Nicht  die  kirchlichen  Umwälzungen  waren  die  Ursache  zum  Verfall  der  Glasmale- 
rei, sondern  der  veränderte  künstlerische  Geschmack.  Man  fand  an  den  dunkeln 
Räumen  und  Kirchen  keinen  Gefallen  mehr  und  wünschte  helle.  Man  kann  die  Ent- 
wicklung in  dieser  Richtung  deutlich  verfolgen.  Zuerst  bemühte  man  sich,  die  Licht- 
durchlässigkeit der  Fenster  durch  viel  Gelb  und  Weif,  zu  erhöhen.  Als  Beispiele 
mögen  die  1528  und  1530  —  also  während  der  Reformation  --  gefertigten  Fenster 
in  der  Peterskirche  inKöln  genannt  sein.  Dann  beschränkte  man  sich  auf  teilweise 
farbige  Verglasung,  Randleisten,  Wappen  und  dergleichen.  Schließlich  wurden 
sogar  alte  farbige  Fenster  herausgebrochen  und  durch  klare  ersetzt.  Zu  diesem 
Wandel  mag  die  Freude  an  dem  hellen  durchsichtigen  Glase  beigetragen  haben, 
das  man  seit  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  auch  im  Norden  herzustellen  gelernt 
hatte.  Wir  sind  die  großen  klaren  Scheiben  so  sehr  gewöhnt,  daß  uns  eher  ein  far- 
biges Fenster  als  etwas  Besonderes  erscheint.  Damals  waren  jene  so  begehrens- 
wert wie  uns  zuerst  das  elektrische  Licht.  D 
Die  Wappenmalerei  allein  blieb  noch  längere  Zeit  Träger  der  alten  farbigen 
Art.  Sie  wurde  vor  allem  in  der  Schweiz  gepflegt,  wo  der  Familiensinn  stark  aus- 
geprägt war  und  ein  buntes  Glaswappen  ein  beliebtcsGeschcnk  bildete  |Abb.530|. 
652 


Abb.  530:   Wappenscheibe    des  Michel  Kobler  1558. 
D  Kunstgewerbe  Museum 


Berlin, 
D 


Tobias  Stimmer  und  Jost  Amman, 
besonders  aber  ChristophMaurer 
und  Daniel  Lindtmayer,  sind  die- 
jenigen Meister,  welche  die  mei- 
sten Entwürfe  geliefert  haben. 
Der  Reichtum  an  künstlerischen 
Ideen  und  die  farbenprächtige 
saubere  Ausführung  sind  gleich 
bewundernswert  und  haben  die 
Schweizer  Scheiben  zu  begehrten 
Sammlungsobjekten  gemacht.  D 
Die  Versuche,  anstatt  des  mit- 
telalterlichen, dunklen,  grünen 
Waldglases  ein  helles,  reines  Glas 
herzustellen,  wurden  durch  das 
venezianische  Glas  angeregt.  Man 
bemühte  sich  mit  allen  Mitteln, 
hinter  die  Geheimnisse  seiner 
Herstellung,  die  unter  Androhung 
von  Todesstrafe  gehütet  wurden, 
zu  kommen.  Man  bestach  Arbei- 
ter, man  verleitete  sie  durch 
große  Belohnungen  und  Ver- 
sprechungen zur  Flucht,  obschon 
sie  nirgends  vor  den  nachgesand- 
ten Rächern  sicher  waren,  und 
gründete  mit  ihnen  an  anderen 
Orten  Glasfabriken.  Schwindler, 
die  behaupteten,  das  Geheimnis 
zu  kennen,  führten  leichtgläubige 
Geldgeber  an  der  Nase  herum. 
Spekulative  Köpfe,  wie  Augustin 
Hirschvogel,  ließen  alles  andere 
liegen,  um  das  Glasmachen  zu 
lernen.  Es  herrschte  in  den  inter- 
essierten Kreisen  eine  Unruhe, 
ähnlich  wie  bei  dem  Suchen  nach  dem  Porzellan  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts. 
Die  Bemühungen  scheinen,  wie  erwähnt,  um  die  Mitte  des  1 6.  Jahrhunderts  gelungen 
zu  sein.  Wenigstens  datieren  aus  dieser  Zeit  die  frülioston  erl\altcnon  Hohlgläser, 
nämlich  eins  von  1547  in  Laxonburg  bei  Wien  und  eins  von  1553  im  Kunstgewerbe- 
museum in  Berlin.  Diese  und  andere  waren  Raritäten  und  Kostbarkeiten,  die  man 
wohl,  wie  wir  z.  B.  aus  einer  Arbeit  von  Wenzel  Jamnitzers  Hand  für  Sigmund 
Pfinzing  wissen,  in  Gold  und  Silber  fassen  lielv  Kreilicli  war  die  Masse  noch  nicht 
kristallklar  und  rein,  sondern  leicht  gefärbt  und  mit  Bläschen  durchsetzt.  DieFor- 

653 


Abb.  531: 
D 


Willkomm 


Mit  den  Wappen   de 
Reiches 


men  waren  im  allgemeinen  einfach  und  lehnten  sich  an  die  in  der  Goldschmiede- 
kunst vorkommenden  an.  Die  Verzierung  geschah  durchPerlen,  Knöpfe,  Ringe  und 
gekniffene  Teile,  die  alle  am  Schmelzofen  aufgesetzt  wurden,  durch  Gravierung, 
Vergoldung  und  Bemalung.  Die  Gravierung,  'das  Reigen'  mit  dem  Diamanten  und 
die  Vergoldung  wurden  besonders  in  Hall  in  Tyrol  geübt.  Die  Bemalung  geschah 
mit  undurchsichtigen  Emailfarben.  Auch  diese  Technik  geht  wie  die  anderen  auf 
Venedig  zurück,  das  sie  ungefähr  seit  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  pflegte.  Die 
Komposition  der  Darstellungen  ist  silhouettenartig  und  einfach.  Zusammenhän- 
gende, vielfigurige  Szenen  wurden  im  allgemeinen  gemieden  und  lose  Zusammen- 
stellungen der  Kaiser  mit  den  Kurfürsten,  von  Christus  und  den  Aposteln  und  von 
allegorischenFiguren  bevorzugt.  Besondersbeliebt  waren  die  Gläser  mitWappen. 
und  unter  diesen  wieder  der  doppelköpfige  Reichsadler  mit  den  Wappen  der 
Reichsstände  auf  seinen  Flügeln  und  der  Aufschrift:  Das  Heilige  Römische  Reich 
sampt  seinen  Gliedern  [Abb.  531J.  Durch  Vergoldung  wurde  die  farbige  Wirkung 
hier  und  da  gehöht.  D 

Gegen  Ende  des  Jahrhunderts  machte  man  sogar  schon  Fadenglas.  Das  Bres- 
lauer Museum  besitzt  einen  derartig  hergestellten  und  außerdem  bemaltenBecher 
mit  der  Bezeichnung:  Hannss  Engelhardt  1594.  Andere  stammen  wahrscheinlich 
aus  derselben  Zeit.  Freilich  sind  sie  in  der  Virtuosität  der  Technik  nicht  mit  den 
wunderbaren  venezianischen  zu  vergleichen.  D 

Zu  derselben  Zeitbürgerte  sich  der  Glasschliff  mittelst  des  Radesein.  Man  wird 
kaum  fehlgehen,  dabei  an  eineBeeinflussung  oderÜbertragung  durch  das  von  den 
Italienern  zu  hoher  Meisterschaft  ausgebildete  Schleifen  des  Bergkristalls  zu 
denken.  Eslägeauchnahe,  anzunehmen,  daß  das  dickwandige  helle  Glas  ursprüng- 
lich nur  ein  Surrogat  des  Bergkristalles  sein  sollte.  Rudolf  IL  interessierte  sich, 
wie  für  vieles,  so  auch  für  diese  Neuerung  und  gab  einem  gewissen  Caspar  Leh- 
mann aus  Ülzen  in  Hannover,  den  er  1586  nach  Prag  berufen  hatte,  1609  ein  Pri- 
vileg für  den  Glasschliff.  Ob  dieserLehmann  überhaupt  zuerst  die  Idee  hatte  oder 
vielleichtnurwichtigeVerbesserungenamSchleifstuhl  erfand,  ist  nicht  ganz  sicher. 
Jedenfalls  wurde  zu  seinen  Lebzeiten  und  durch  seine  Beihilfe  die  Grundlage  zu 
ausgedehnten  und  erfreulichen  kunstgewerblichen  Betrieben  geschaffen,  die  bis 
gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  in  Böhmen  und  Schlesien  blühten.  Dabei  ist  es 
nicht  uninteressant,  dag  sich  die  Mitglieder  zweier  Familien,  die  Schürer  und  die 
Preugler,  in  ununterbrochenerFolge  an  hervorragender  Stelle  nachweisen  lassen. 

In  der  Textilkunst  nehmen  die  Wandteppiche  schon  ihrem  Umfang  nach  den 
ersten  Platz  ein.  Sie  dienten  ebenso  wie  die  Täfelungen  nicht  blog  als  Schmuck, 
sondern  ebenso  sehr  als  Schutz  gegen  die  Kälte  und  wurden  vonFürsten  undHer- 
ren,  die  bald  auf  der  einen,  bald  auf  der  anderen  Burg  wohnten,  vielfach  mitge- 
nommen. Im  Kriege  bildeten  sie  während  der  langdauernden  Zeltlager  ein  uner- 
lägliches  Material.  In  Kirchen  und  Rathäusern  pflegte  man  die  langen  Bänke  und 
die  Wände  darüber  mit  gewirkten  Teppichen  zu  behängen.  □ 

Die  Niederlande  behielten  im  16.  Jahrhundert  die  beherrschende  Stellung,  die 
sie  im  15.  Jahrhundert  auf  diesem  Gebiete  in  Europa  gewonnen  hatten.  Nur  ging  der 
Hauptsitz  der  Fabrikation  von  Arras  auf  Brüssel  über  [siehe  Tafel|.  Hier  webte 

654 


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Peter  van  Aelst  seit  1515  für  Papst  Leo  X.  nach  den  Entwürfen  Raphaels  die  Taten 
der  Apostel,  die  sich  noch  heute  im  Vatikan  befinden,  während  gleichzeitige  Wie- 
derholungen in  den  Besitz  des  Kaiser  Friedrich-Museums  in  Berlin  gekommen 
sind.  Auch  nach  Kartons  von  Raphaels  Schülern  Giulio  Romano  und  Francesco 
Penni  wurde  für  Rom  gearbeitet,  aber  im  übrigen  blieb  zu  jener  Zeit  der  nationale 
Stil  bevorzugt.  Gerade  der  berühmteste  WeberPeter  Pannemaker  in  Brüssel  ging 
in  dem  Punkte  voran.  Figürliche  Darstellungen  überwogen  nach  wie  vor,  aber  zu 
denreligiösen  Gegenständen  kamen  wie  überall  in  derKunstAUegorienund  Szenen 
aus  der  römischen  und  zeitgenössischen  Geschichte  dazu.  KarlV.  lieg  untervielen 
anderen  nach  den  Gemälden  von  Vermeyen  den  so  oft  verherrlichten  Zug  nach 
Tunis  wirken.  Die  Darstellungen  wurden  durch  ornamentale  Ränder,  die  oft  von 
groger  Schönheit  sind,  eingefaßt.  Gegen  Ende  des  Jahrhunderts  mehrten  sich  die 
Teppiche,  bei  denen  der  Fond  durch  Pflanzen-  und  Tierdarstellungen  in  vortreff- 
licher Zeichnung  gefüllt  ist.  Niederländische  Wirker  wanderten  auch  ins  Ausland, 
um  ihre  Kunst  auszuüben.  So  entstand  z.  B.  der  Croy-Teppich  der  Universität 
Greifswald.  Wenn  er  mit  den  in  den  Niederlanden  selbst  gefertigten  nicht  wohl 
auf  eine  Stufe  zu  stellen  ist,  so  liegt  das  vielleicht  mehr  an  dem  etwas  ungewandten 
Entwurf  als  an  dem  Wirker,  obgleich  dieser  auch  nicht  zu  den  besten  gehört  haben 
wird,  denn  die  fanden  in  ihrer  Heimat  reichlich  Arbeit.  D 

In  den  übrigen  Ländern  nahm  die  Teppichwirkerei  nirgends  auch  nur  annähernd 
und  ähnlichen  Umfang  an  wie  in  den  Niederlanden,  wenn  sie  auchin  verschiedenen 
Orten  mit  recht  achtbarem  Erfolge  gepflegt  wurde.  Oberdeutsche  Arbeiten  sind 
nicht  gerade  selten.  In  Leipzig  ist  zwischen  1545  und  57  ein  Meister  namens  Seger 
Bombeck  naciiweisbar.  Zu  derselben  Zeit  und  noch  später  bestanden  in  Schlesien 
Wirkerschulen,  die  vielleicht  in  Breslau  und  Brieg  ihren  Sitz  hatten.  Spezielle 
Forschungen  werden  auf  diesem  Gebiete  noch  manche  Frage  zu  lösen  haben.     D 

Nicht  viel  anders  liegt  es  mit  der  Weiß-  und  Buntstickerei  und  der  Spitzennähe- 
rei. Dag  es  hierin  in  den  nordischen  Ländern  keineswegs  so  traurig  ausgesehen 
haben  kann,  wie  es  im  Vergleich  zultalien  und  nachdenBeständenderöffentlichen 
und  privaten  Sammlungen  scheint,  beweisen  die  alten  Musterbücher  und  die  alten 
Darstellungen  auf  Gemälden  und  Stichen.  Die  Spitzenklöppelei  wurde  zwischen 
1550 — 60  im  sächsischen  Erzgebirge  von  einer  Witwe  Barbara  Uttmann,  die  nicht 
bloß  eine  geschickte  Hand,  sondern  auch  einen  weitschauenden  praktischen  Blick 
hatte,  eingeführt  und  hat  sich  seitdem  dort  gehalten.  In  der  Weberei  sieht  es  nicht 
besser  aus.  In  der  Seidenweberei  machte  Lyon  bereits  im  16.  Jahrhundert  Italien 
Konkurrenz,  aber  es  ist  nicht  möglich,  die  Erzeugnisse  mit  Sicherheit  voneinander 
zu  trennen.  D 


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